Samstag, 8. Oktober 2011

"Man muß den Teufel anbeten" (I)

Der Satanist Hermann Hesse

"Man muß den Teufel anbeten." Und das hätte Hermann Hesse gesagt? Ja, hat er. In seinem Roman "Demian". Dieser wurde erstmals 1919 veröffentlicht, wobei ja schon in seinen Titel sehr bewußt das Wort "Dämon" hineinklingt. Und so weit man das zumindest im Internet übersieht, hat noch kein Literaturwissenschaftler darauf hingewiesen, daß in der Zeit, in der Hermann Hesse anfing, den "Demian" zu schreiben (um 1917), in seinem Freundeskreis auf dem Monte Verita die satanistische Freimaurerloge O.T.O. eine internationale Konferenz abgehalten hat, auf der satanistische Messen gefeiert wurden, und - unter anderem - "Das Buch des Gesetzes" des Obergurus der Satanisten vorgelesen wurde, nämlich von Aleister Crowley. Und daß viele Gedanken, die Hermann Hesse in "Demian" äußert, schlicht satanistische sind. Und daß es auch im Denken seines Ideengebers C. G. Jung viele satanistische Elemente gibt. Und daß sich viele Satanisten auf C. G. Jung berufen. Damit ist der wesentlichste Inhalt des folgenden Beitrages schon zusammengefaßt.

Wie so oft, wenn man sich mit dem Thema Satanismus beschäftigt, insbesondere dem elitären (Hermann Hesse ist schließlich Literaturnobelpreisträger von 1946), kommt man auf Dinge, die auf den ersten Blick völlig abwegig und ganz unglaubhaft erscheinen. Schaut man dann aber nur ein wenig genauer hin, ist es gleich von vornherein klar. Ganz ohne daß man an großartigen Verschwörungstheorien herumbasteln müßte: Hermann Hesse sagt es ja selbst klar und deutlich im "Demian", wie intensiv er sich mit satanistischem Gedankengut identifiziert.

Noch eine allgemeinere Vorbemerkung (hinzugefügt am 13.3.2015). Hermann Hesse begleitet mein Leben, seit ich in meiner Jugend mit großer Anteilnahme seinen "Siddartha" gelesen habe. Lange nachdem der vorliegende Beitrag geschrieben wurde, bekomme ich dementsprechend auch einmal wieder ein weiteres der vielen schönen Hesse-Lesebücher in die Hand. In diesem Fall: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" - Lebensstufen, Suhrkamp 1986, zusammengestellt von Volker Michels. Und da finden sich doch so ganz und gar wunderbare und überzeugende Lesestücke drin - etwa über den Tod seines Vaters ("Ein Vermächtnis", 1916) oder "Das erste Abenteuer" (1906) oder "Von der Seele" (1918), dass einem einmal erneut klar wird, dass man mit Hermann Hesse nicht so leicht fertig wird. Wie passt das zusammen: Einerseits einen Freund zu haben wie Gusto Gräser und in vielen Romanen Männerorden, Priesterkasten zu glorifizieren (siehe unten) - und andererseits so rundum herrliche und durch und durch begeisternde, wesentliche Dinge zu schreiben?

Nun, da erinnert man sich zunächst - vielleicht mit Befriedigung - daran, dass das Verhältnis zwischen Gusto Gräser und Hermann Hesse offenbar über Jahre auch sehr spannungsgeladen sein konnte. Dass Hesse also offenbar keineswegs alles kritiklos hingenommen zu haben scheint, was von diesem ausging. Das wäre aber für eine Gesamtbeurteilung alles noch viel genauer zu untersuchen, als das im folgenden geleistet worden ist.

Jedenfalls soll der Gesamteindruck zur Person Hermann Hesse hier - in ganz vorläufiger Weise - einmal folgendermaßen festhalten sein: Es scheint fast, als ob die eigentliche Leistung von Hermann Hesse, um derentwillen er gerne auch den Nobelpreis verdient haben mag, gar nicht vorwiegend in seinen größeren Romanen und Erzählungen zu finden ist. Da wirkt er doch oft - auch unabhängig von der Themenwahl - recht "süßlich", so dass man das doch eigentlich auch bestenfalls als Jugendlicher ganz befriedigt lesen kann.

Nein, seine eigentliche Leistung mag man womöglich sogar vor allem in all den vielen Hermann Hesse-Lesebüchern finden, die seit Jahrzehnten gerne als Geschenkbücher verschenkt werden, und die all die über Briefwechsel und die gesammelten Werke hinweg verteilten Weisheiten zusammen stellen, die sich da doch zu einem großen Umfang finden. Ich denke da an solche Bändchen wie "Mein Glaube" (Suhrkamp 1971, zusammengestellt von Siegfried Unseld), "Musik" (Suhrkamp 1976, hrsg. v. Volker Michels) oder "Bäume" (Suhrkamp 1984, zusammengestellt von Volker Michels). Jedenfalls soll vorweg noch einmal betont sein, dass die Achtung vor solchen großen Leistungen des Schriftstellers Hermann Hesse nicht geringer werden muss, wenn man die Inhalte des vorliegenden Beitrages zur Kenntnis nimmt.

"War Hermann Hesse Mitglied einer freimaurerähnlichen Gesellschaft?"

Und das ist nun natürlich eine wesentliche Weiterführung der Satanismus-Beiträge hier auf dem Blog seit einem halben Jahr, insbesondere von zwei früheren Beiträgen, in denen der Verwunderung nachgegangen worden ist darüber, daß ein großer Teil der Romane und Erzählungen von Hermann Hesse sich wie Freimaurer-Romane, wie Geheimordens-Romane, bzw. wie Apotheosen auf Männergeheimbünde, Priesterorden und "Ministerien für Staatssicherheit" lesen (1). Wir hatten deshalb die Frage gestellt: "Waren Hermann Hesse, Ernst Jünger und Kollegen Mitglieder freimaurerähnlicher Gesellschaften?" (1)

Hermann Müller, der Jahrzehnte lange Erforscher des "Gurus" von Hermann Hesse, hat uns dankenswerter Weise versucht, diese Frage zu beantworten. Es war naheliegend, ihn zuerst zu fragen, denn er hat viele Belege dafür gesammelt hat, daß das Logenoberhaupt in Hermann Hesse's Erzählung "Morgenlandfahrt" die Personifizierung dieses Freundes und "Gurus" von Hermann Hesse gewesen ist, nämlich von Gusto Gräser. Und in einer seiner Anworten wies uns Hermann Müller darauf hin, daß der freimaurerisch-satanistische "Orientalische Templerorden" (O.T.O.) auf dem Monte Verita eine Rolle gespielt hätte ...
"... und da wäre noch manches rätsel zu lösen. aber hesse und gräser hatten nichts damit zu tun."
Sie hatten nichts damit zu tun? Wo Hesse in zentralen Teilen des "Demian" so dezidiert satanistische Gedanken äußert? Es war nun Hermann Müller selbst, dessen Ausführungen über "den Sperber" im "Demian" und bei Gusto Gräser uns zuerst Verdacht schöpfen ließen in Richtung auf satanistische Hintergründe (2, S. 66f). Und nur ein wenig weitere Netz-Recherche, deren Ergebnisse in diesem und dem nächsten Beitrag zusammengetragen sind, legt doch allerhand "interessante" Zusammenhänge und Parallelen offen und läßt noch viele weitere erahnen.

Ekeltraining (Hermann Hesse, "Demian")
  
Hängen geblieben waren wir zunächst daran, daß Hermann Hesse in seinem Roman "Demian" einen Traum schildert, in dem er auf Veranlassung seines Gurus "Demian"/Gusto Gräser einen Sperber aufißt (2, S. 66f). Dem hatte man - wie so vielem - beim ersten mal Lesen gar keine Beachtung geschenkt. Aber jetzt merkt man plötzlich: Das klingt doch eigentlich schon sehr deutlich nach satanistischem Ekeltraining. In "Vier Jahre Hölle und zurück" (3) berichtet ein Überlebender satanistischer Gewalt beispielsweise davon, daß er eine lebendige Ratte roh aufessen mußte im Rahmen eines Ekeltrainings. Zu diesem war er unter rohester, brutalster Gewaltanwendung und abartigster Einschüchterung gezwungen worden.

Abb. 1: Postkarte, gezeichnet von Gusto Gräser, gesendet an Hermann Hesse am 29.9.1916 (aus: 2, S. 67)
Und Gusto Gräser-Forscher Müller weist darauf hin, daß Hermann Hesse am 26. September 1916, also kurz bevor Hesse mit dem Schreiben des "Demian" begann, eine Postkarte von Gusto Gräser erhalten hat, auf dem genau ein solcher Sperber von Gräser aufgezeichnet ist (2, S. 66f; s. Abb. 1 und 2). Das war nun für uns doch einmal ein Anlaß, noch einmal genauer nachzulesen, was da im "Demian" überhaupt steht (4; 5, S. 88f [4. Kapitel]; Hervorhebungen hier und im folgenden jeweils nicht im Original):
In der Nacht träumte ich (sc. Sinclair spricht) von Demian und von dem Wappen (sc. über der Haustüre hängt, von Sinclair bislang unbeachtet, das Bild eines Raubvogels). Es verwandelte sich beständig. Demian hielt es in Händen, oft war es klein und grau, oft mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, dass es doch immer ein und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu essen. Als ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken, dass der verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und von innen zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und erwachte.
Nun. Merkwürdig genug. So sind nun mal Träume, könnte man antworten. Aber ohne die Unterstellung von satanistischen Hintergründen würde diese Schilderung noch weniger Sinn machen, als wenn man solche unterstellen würde. Und wie "sinnvoll" ist es nun, solche zu untertellen?

Der satanistische Gott "Abraxas" 

Nun, dazu muß man ja nur ein wenig im "Demian" weiter lesen und merkwürdig genug, daß über das folgende bisher so viele Menschen - offenbar sogar Hermann Müller - darüber hinweggelesen haben, ohne daß ihnen etwas aufgefallen ist. Offenbar muß man für all dies erst sensibilisiert worden sein, indem man sich mit der Krankheit der multiplen Persönlichkeitsstörung und mit den Berichten von Überlebenden satanistischer Gewalt gründlicher befaßt hat. Jedenfalls ist da ja plötzlich sogar die Rede vom - - - satanistischen "Abraxas". Etwas später heißt es nämlich über diesen Sperber reichlich "mystisch"-metaphorisch (4; zit. auch nach Wikip, 5, S. 91 [5. Kapitel]):
"Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas."
Brauchen wir noch mehr zum Beleg für unsere These? Und auch daß eine Welt "zerstört" werden müsse, klingt doch schon reichlich satanistisch. Und in dem Roman werden dann dem Lehrer "Doktor Follen" die Gedanken von Hesse's Ideengeber C. G. Jung in den Mund geschoben (- allerdings, so weit man sieht, etwas volkstümlich aufbereitet) (5, S. 92):
"Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür gab es eine Beschäftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die sehr hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei, die wohl oft auch zu Betrug und Verbrechen führte ...
- ... naja, wer wäre auch so ganz "naiverweise" in diesem Zusammenhang auf "Betrug und Verbrechen" gekommen!!! ... -
Aber auch die Magie hatte eine edle Herkunft und tiefe Gedanken. ...
Na! Bei diesen Worten jubeln ja zehntausend Teilnehmer auf den zahlreichen Magie-Foren im Internet nur so auf. Das ist es, was sie doch immer schon gesagt haben: Die Magie hat "eine edle Herkunft und tiefe Gedanken". Und damit müssen wir Hesse schlichtweg zu jemanden erklären, der Werbung, Propaganda für Okkultismus macht! Von seinem Ideengeber C. G. Jung war das jedem, der nur etwas genauer hinschaute, schon bekannt. Aber wer hätte das so schlechthin von Hermann Hesse erwartet? Der doch immer "drübersteht", selbst wenn er sich ständig in solchen okkulten Kreisen bewegte?

Jedenfalls glaubte Hermann Hesse damals - 1917/19 - scheinbar noch, mit all seinen Worten seinen Zeitgenossen etwas unglaublich Tiefes und Neues zu sagen über Magie, Okkultismus und Satanismus. Wir sind da heute etwas "abgebrühter" und durchschauen dadurch mehr, wo Hermann Hesse "zeitlos" ist und wo er doch wohl mehr als "zeitverhaftet" den geistigen Modeströmungen seiner Zeit folgt. Wobei er dann nichts weniger als das moralisch bodenlose okkulte Denken aufwärmte. Er läßt den Lehrer Follen/C. G. Jung weiter dozieren:
... So die Lehre von Abraxas, die ich vorhin als Beispiel anführte. Man nennt diesen Namen in Verbindung mit griechischen Zauberformeln und hält ihn vielfach für den Namen irgendeines Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker heute noch haben. ...
So "naiv" darf man sich aber nach Hermann Hesse und seinen Freunden (C. G. Jung etc.) die "edle" und "tiefe" Magie, die sich mit diesem "Zauberteufel" und "Dämon" Abraxas verbindet, keineswegs vorstellen. Bei weitem nicht! Hesse/C.G. Jung weiter:
... Es scheint aber, daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können uns den Namen etwa denken als den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte, das Göttliche und Teuflische zu vereinigen."
Das ist ja nun wirklich hübsch formuliert: bloß eine "symbolische" (!!!) Aufgabe! Was ist eine "symbolische" Aufgabe? Wir können wiederholt darüber nachsinnen und kommen zu keinem Ergebnis. Wie kann eine Aufgabe nur "symbolisch" sein statt wirkliche Aufgabe zu sein? Ein symbolische Aufgabe ist gar keine Aufgabe oder sie ist nicht symbolisch, sondern eine wirkliche. Merkt Hesse denn gar nicht, was für einen Quatsch er redet, wenn er sich auf solches okkulte Gedankengut seiner nächsten Freunde einläßt?

Und dann wollen wir doch gleich schon an dieser Stelle einschieben, was zuvor schon im "Demian" geschrieben worden war. Nämlich über die Umdeutung seiner eigenen Konfirmation, zu deren Zeitpunkt er schon viele buddhistische, sprich okkulte Texte gelesen hatte, und als er schon zutiefst von den okkulten Gedankengängen des Roman-"Demian" und anderer beeinflußt war (5, S. 65f):
(...) Die feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche (...). Nicht in die Kirche war ich nun bereit aufgenommen zu werden, sondern in etwas ganz anderes, in einen Orden des Gedankens und der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden existieren mußte und als dessen Vertreter oder Boten ich meinen Freund (Demian) empfand. (...) Die nahe kirchliche Feier (...) sollte für mich die Aufnahme in eine Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian kennengelernt hatte.
Was für ein anderer Orden, was für eine andere Kirche sollten das wohl sein, als ein satanistischer Orden, als eine satanistische Kirche? 

Zum Bundes- und Ordensgedanken bei Hermann Hesse

Der Bundes- und Ordensgedanke spielt bei Hermann Hesse ständig eine Rolle. Bei anderer Gelegenheit spricht er von "eine(r) über die Welt verteilte(n) kleine(n) Gemeinschaft von Zukünftigen". Nun, das werden wohl auch jene Abraxas-Anhänger sein. Denn das Zentrum dieses von ihm immer wieder angedeuteten Ordens liegt - wie bei dem Theosophen S. Ipares/Harry Dörfler (siehe frühere Beiträge) - und  wie möglicherweise bei dem Derwisch-Schüler Rudolf von Laban (siehe unten) und wie möglicherweise bei dem Anpreiser des okkulten "Tibetischen Totenbuches" C. G. Jung und wie bei Okkultautoren wie Wilhelm Landig oder E. R. Carmin - im Inneren Asiens, zwischen "Indien und China", wie Hermann Hesse sagt. 

Sie alle mögen zu jenen im Umkreis von Hermann Hesse gehört haben, die Europa "buddhistisch machen wollten" ("Demian"), bzw. die ihre "Morgenlandfahrt" zurück in die Heimat "aller Religionen" (!!!) in eben dieses Innerste Asiens zumindest geistig unternehmen wollten und dazu einen Geheimorden gründeten, den Hermann Hesse in den "Morgenlandfahrern" ja sehr genau beschrieben hat, und der keineswegs ein "informeller" war, und der nach seinen Worten schon seit vielen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden bestand. Warum also nicht auch an jene Rosenkreuzer denken, denen sich Rudolf von Laban in Wien angeschlossen hatte (siehe Teil II) bei seiner "Morgenlandfahrt" oder an jene islamischen Derwische, von denen sich von Laban die Derwisch-Tänze hat beibringen lassen (siehe Teil II) und überhaupt an all jene "Morgenlandfahrer", die in dem Bertelsmann-Bestseller "Das schwarze Reich" von 1994 ausgebreitet werden?

Auf dem Monte Verita wollte man, wollte insbesondere Gusto Gräser ("Demian") nackt leben und keine Tiere und Bäume töten. Hermann Müller berichtet (2, S. 131):
.. Und als Reichhardt wieder einwarf, es möchte sich kaum irgendein Mensch finden, der in unserem Klima ohne Haus und ohne Kleider einen Winter überleben könnte, da lächelte sein Gast abermals freudig und sagte: "Gut so, gut so! Sie verstehen mich ausgezeichnet. Ebendas ist ja die Hauptquelle alles Elends in der Welt, daß der Mensch seine Wiege und natürliche Heimat im Schoß Asiens verlassen hat. Dahin wird der Weg der Menschheit zurückführen und dann werden wir alle wieder im Garten Edens sein."
Und weiter Hermann Müller über Hesse (2, S. 133, zit. nach Bd. VI, S. 243 der Suhrkamp-Hesse-Werkausgabe in 12 Bänden von 1970):
Asien, so träumt er im Singapore-Traum, "Asien war nicht ein Weltteil, sondern ein ganz bestimmter doch geheimnisvoller Ort, irgendwo zwischen Indien und China. Von dort waren die Völker und ihre Lehren und Religionen ausgegangen, dort waren die Wurzeln alles Menschwesens und die dunkle Quelle alles Lebens, dort standen die Bilder der Götter und die Tafeln der Gesetze. Oh, wie hatte ich das nur einen Augenblick vergessen können! Ich war ja so lange Zeit unterwegs nach jenem Asien, ich und viele Männer und Frauen, Freunde und Fremde."
Man achte auch hier auf die Wortwahl, die wir ja, wie Hesse fordert, möglichst wörtlich nehmen sollen: "ein ganz bestimmter doch geheimnisvoller Ort, irgendwo zwischen Indien und China". Hesse sagt also hier wie anderwärts - ebenso wie viele andere Okkultschriftsteller - nie vollständig all das, was er über einen bestimmten Themenbereich weiß. Über diesen "ganz bestimmten" Ort ist ja in der Okkultliteratur viel gemutmaßt worden. An ihm müssen irgendwelche Dalai Lamas oder sonstige tibetische Oberpriester leben.

"Eine über die Welt verteilte kleine Gemeinschaft von Zukünftigen"

Insbesondere der amerikanische Hesse-Forscher Mark Boulby scheint es gewesen zu sein, der schon 1967 dezidierter dem "Ordensgedanke" bei Hermann Hesse nachgegangen ist. In der Gemeinschaft der "Gezeichneten" im "Demian", in der "Gemeinschaft der Heiligen" im "Steppenwolf", im "Bund der Morgenlandfahrer" und im "Orden der Glasperlenspieler" (2, S. 135). In dem Romanfragment "Berthold" von Hesse steht zum Beispiel (2, S. 136):
"Die Welt, wie er sie jetzt sah und nicht anders sehen konnte, bestand aus dem kleinen Kreis primitiver Tätigkeiten, denen er oblag, darüber hinaus war nichts vorhanden als auf der einen Seite eine verderbte, verfaulende und daher von ihm verlassene Kultur, auf der anderen eine über die Welt verteilte kleine Gemeinschaft von Zukünftigen, welcher er sich zurechnen mußte und zu der auch alle die Gästen zählten, deren manche tagelang bei ihm blieben."
Nun, das ist eigentlich deutlich genug. Die Gemeinsamkeit, die sie alle teilen, wird der Gott "Abraxas" und das entsprechende Gedankengut sein. Und warum sollte sich das nicht in einem solchen Orden wie dem "O.T.O.", dem "Orientalischen Templerorden" kristallisiert haben - auch für Gusto Gräser und Hermann Hesse? Selbst dann wenn sie einem solchen tatsächlich - und nicht nur "symbolisch" - bestehenden "Orden" unter unterschiedlichen Umständen unterschiedliche Bedeutung zugesprochen haben sollten, ja, gerne auch "abtrünnig" geworden sein sollten? Aber um so älter Hesse wurde, um so zentraler wurde ja für ihn der "Ordensgedanke", schließlich kristallisiert in dem Männerorden, dem Priesterstaat und der Eliteschule der "Glasperlenspieler". 

Dieser Orden war nach dem Verständnis von Hesse sicherlich "größer" als der O.T.O.. Aber auch der O.T.O. sah sich ja nur als Teil einer großen Kette, als Glied einer großen Gemeinschaft, nämlich der Freimaurerei, der Theosophie, der Rosenkreuzer-Bewegung, der Tempelritter-Bewegung, sprich, der "Morgenlandfahrer", die geistig in den "Schoß Asiens" zurückkehren wollten und wollen, also ins "Schwarze Reich" ...

An anderer Stelle der Erzählung spricht Hesse von einem "Orden" und von "einer heimlichen Gesellschaft edel strebender Menschen". 


Abb. 2: Postkarte von Gusto Gräser, gesendet an Hermann Hesse am 29.9.1916, Rückseite (aus: 2, S. 67)


"Das Göttliche und das Teuflische vereinigen" (Hermann Hesse, "Demian")

Kehren wir nach diesem Seitenweg zum Roman "Demian" zurück und damit zu zentralen Inhalten des Ordensgedankens bei Hermann Hesse: Das Göttliche und das Teuflische sollen vereinigt werden! Auch damit ist vollkommen klar, daß Hermann Hesse selbst okkultgläubig ist. Er geht keineswegs "naiv" genug an diesen Okkult-Quatsch heran, wie man ihm das bislang immer gerne bereit war zu unterstellen. Und er enttäuscht uns damit zutiefst. Mag er insgesamt in seinem Leben auch moralisch über dieser satanistischen Moral gestanden haben, sie hat auch immer wieder auf ihn, sein Denken und sein Werk abgefärbt, keine Frage. Und sie wird auch weiter auf seine Leser abfärben, wenn sie sich nicht in vollem Umfang klarmachen, was hier eigentlich vorliegt. Nun also Hesse weiter (5, S. 93l):
Demian hatte damals gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur eine willkürlich abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle, erlaubte "lichte" Welt). Man müsse aber die ganze Welt verehren können, ...
- Gegenfrage: Warum eigentlich? Warum "muß" ich die teuflische Seite der Welt verehren können? Das "muß" ich nur, wenn ich ein satanistisches, zutiefst okkultes Weltbild habe. Sonst nicht. Herr Hesse vergißt zu denken, will einem scheinen. Er ist zu unselbständig im Kreis seiner Freunde, in seinem Anlehnungsbedürfnis und in seiner Suche nach einem "geistigen Führer" oder mehreren. Hesse weiter:
... also müsse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man müsse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. ...
Was man also so alles "muß" in den Kreisen von Hermann Hesse und in den Orden, Bünden und Logen, die es da gab, und denen engste Freunde von Hesse angehörten. Sprich: Ich, Hermann Hesse, bin Satanist. Und all meine Freunde um mich herum auch. Wir "Zukünftigen". Das sind die "Grundlagen zu einem Glauben", die ich  im "Demian" legen will. Wie Hermann Müller in seiner Einleitung (2, S. 9) zitiert! Hesse weiter:
... und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war.
Hat man das verstanden, versteht man alles andere auch, was da im "Demian" noch so dunkel "geraunt" wird. Man kann beispielsweise auch die "gewissenlose" Moral besser einordnen, die sowohl von Hermann Hesse, wie von Gusto Gräser vertreten und gelehrt worden sind laut H. Müller  (2, S. 163f):
"Sei unmittelbar", sagt daher Gräser gleich in seinem ersten Stuttgarter Vortrag, "und gehorche nicht einmal ohne weiteres dem Gewissen. Auch das Gewissen ist eine verdächtige Autorität, denn es ist belastet mit Konvention und Sitte" (Schwäbische Tagwacht vom 5. Mai 1913). Ein "unheimlich wispernd Insekt" nennt er das Gewissen, "Teifelsbiß", "Spaltpilz", "Zischewort", "Schuldheißwort", "Herab, herab vom Feierlich-Hochehrenthron, du ungeheuerliche, du Herzgottbeleidigung ...!"
Das ist übrigens so der schrullige Tonfall, in der dieser "Naturbursche" Gräser Zeit seines Lebens daherredete, und womit er offenbar sogar bei solchen Leuten wie Hesse oder Thomas Mann und vielen ähnlichen Eindruck schinden konnte (2, S. 164, zit. nach Hesse Werkausgabe Bd. X, S. 464):
In Hesses "Brief an einen jungen Deutschen" aus dem Jahr 1919 unterstreicht Gräser jene Worte, die seine eigenen Meinung vollkommen wiedergeben: "Schuld gibt es nicht. ... Schuld ... Unschuld, Recht ... Unrecht ... sind Kinderbegriffe ..."
So sieht natürlich konsequent satanistisches Denken aus. (Übrigens vertritt ein solches Denken neuerdings auch der Sprecher der heutigen Ernst Haeckel-Bewegung, nämlich der Giordano Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon. Auch dieser will unsere Kategorien von Gut und Böse abschaffen. Vielleicht eine Parallele, der nachzugehen sinnvoll sein könnte.)

Der "Führung" durch den Gott-Teufel "blind folgen" (Hermann Hesse, "Demian")

Etwa nur eine Seite weiter noch im gleichen fünften Kapitel erfahren wir dann, wie satanistische "Träume" dann so aussehen können (5, S. 94):
Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte, wurde mir bedeutungsvoll. (...) Ich kehrte in mein Vaterhaus zurück (...) im Hause kam mir meine Mutter entgegen - aber als ich eintrat und sie umarmen wollte, war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß und mächtig, dem Max Demian (...)  ähnlich, doch anders, und trotz der Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog mich an sich und nahm mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf. ...
Wir sollen ja Hesse so "wörtlich wie nur möglich" lesen! Also weiter:
... Wonne und Grausen waren vermischt, die Umarmung war Gottesdienst ...
- aber hallo! -
... und war ebenso Verbrechen. Zu viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel Erinnerung an meinen Freund Demian geistete in der Gestalt, die mich umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede Ehrfurcht und war doch Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traum mit tiefem Glücksgefühl, oft mit Todesangst und gequältem Gewissen wie aus furchtbarer Sünde.
(...) Und ich begann zu spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas anrief. (...) Engelsbild und Satan, Mann und Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes Gut und äußerstes Böses. Dies zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten mein Schicksal.
(...) Ich fühlte die Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. 
- Gut. Wer die Berichte von Überlebenden satanistischer Gewalt zur Kenntnis genommen hat, dem ist in diesen Worten nichts mehr fremd. Der hat eine gute Vorstellung von dem, was hier Hermann Hesse schildert. Und der versteht ab jetzt vielleicht auch besser, warum Hesse manchmal so unausgeglichen und nervös war, wenn er von einem Zusammensein mit Gusto Gräser - oder mit anderen Freunden - in seine normale Umwelt zurückkehrte (wie es Hermann Müller schildert).

"Der Teufel als Ausweg" (Hermann Hesse, "Demian")

Einige Seiten weiter führt dann Hesse seine satanistische Lebensphilosophie und die vieler seiner Freunde weiter aus (anhand der Reden des "Organisten Pistorius") (5, S. 105):
Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei den Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, als Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. 
Wir halten fest: "Teufel als Auswege"! (Nur um das auch an dieser Stelle noch mal nur kurz zu Ende zu denken, diese satanistische "Moral": Warum sollte ich dann noch einen Verbrecher wie Hitler, einen Verbrecher wie Stalin grundsätzlich ablehnen und all ihrer Helfershelfer und Genossen, wenn ich so denke? Warum sollte ich mich dann nicht ebenso gut mit dem dritten Mann hinter Himmler und Heydrich verstehen, wie sich Ernst Jünger mit Werner Best verstanden hat? Und so weiter und so fort. Warum soll ich keine Atombomben werfen? Warum soll ich nicht Terror "im Namen des Staates" machen? Das ist also eine herrliche Moral, mit der man genau jene Politik verfolgen kann, jene gesellschaftlichen Selbstmordprogramme verfolgen kann, die in den herrschenden Eliten seit mindestens hundert Jahren en vogue zu sein scheinen.) Übrigens fällt uns an dieser Stelle wieder ein, daß Hermann Hesse gegenüber Jakob Wilhelm Hauer 1934 ebenfalls von einem kommenden "Dreißigjährigen" Glaubens-"Krieg" gesprochen hat, wie Friedrich Hielscher im Jahr 1931. Er hat sich offenbar nicht in der Verpflichtung gesehen, das, was er da auf die Gesellschaften zukommen sah, zu verhindern und abzuwehren. Auch dies ist Teil des auch durch ihn propagierten und in handelnder Weise vorgelebten gesellschaftlichen Selbstmordprogrammes. - Aber folgen wir zunächst Hesse weiter in seinem "Demian" (5, S. 109):
Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas hat gegen keinen Ihrer Träume etwas einzuwenden. (...) Aber er verläßt Sie, wenn Sie einmal tadellos und normal geworden sind.
Abraxas verläßt uns also, wenn wir nicht Hitler und nicht so edel sind, wie, sagen wir, hm, Karlheinz Deschner ;-) Sind wir wie Hitler, bleibt er bei uns. Eine ganz "tolle" Moral. Und bestimmt nicht "spießbürgerlich", nein, sie geht "ins Große", so wie die Moral eines Hitler oder eines Stalin "ins Große" gegangen ist. Wow! Nur wenn wir so "tadellos" und "normal" geworden sind, daß wir etwas so abwegig Spießbürgerliches unternehmen wollen wie Kriege zu verhindern, dann verläßt uns Abraxas. Hier scheint Hermann Hesse genau auf einer Linie zu liegen mit dem Freund von Ernst Jünger und Werner Best, nämlich mit dem barfüßigen Propheten Friedrich Hielscher.

"Priester des Abraxas"

 Und dann formuliert Hesse sicherlich sein eigenes Selbstverständnis ebenso wie etwa das von Gusto Gräser , C. G. Jung oder auch von Rudolf von Laban oder von Friedrich Hielscher (5, S. 109f):
"Es klingt komisch," sagte Pistorius, "daß ich einmal Theologe war und beinah ein Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele, einerlei, ob man ein christliches Abendmal nimmt oder ob man nach Mekka wallfahrt."
Oder, so möchte man diesen Gedanken völlig konsequent zu Ende führen - und natürlich in den Augen eines Hesse oder eines Gräser und all ihrer Freunde viel zu "spießerhaft": ... einerlei, ob ich in meiner "Religion" Kinder aufesse, foltere oder schwängere oder Dreißigjährige Kriege anzettele - "alles ist schön". Denn was tut denn wohl der hier so häufig angepriesene Teufel, der Satan sonst, den man verehren - - - "muß"? (Wenn man nicht "Spießer" sein will?)

Teilnahme an verbrecherischen Kulten

Hermann Hesse läßt wirklich nichts zu wünschen übrig. So wie er sich über Logenzugehörigkeit und Logenwesen in den "Morgenlandfahrern" völlig offen und unverhüllt ausspricht, so auch über seinen Satanismus. Läßt er doch seinen Organisten Pistorius sagen - hat das irgendeiner von den Literaturwissenschaftlern mal "wörtlich" genommen? - (5, S. 110):
"Ich habe Kulte begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man davon wüßte."
Hesses nächste Freunde also haben schwere Verbrechen begangen und er ist so weit eingeweiht, sie können ihm so sehr vertrauen, daß sie ihm davon - zumindest! - erzählen können - wenn er nicht selbst mitgemacht hat - nachdem er im Traum schon einen lebendigen Sperber gegessen, Inzest begangen und ihm sündig erscheinende Homosexualität ausgelebt hatte! Und (5, S. 111f):
"Man darf nichts fürchten und nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht."
Das ist die Moral des Aleister Crowley. Sind wir hier auf dem Blog tatsächlich die ersten, denen das auffällt? - - -  Hesse kriegt ja dann noch einmal die Kurve und wendet es ins Geistige. So wie, so möchte man einfügen, er zuvor auch das "Sperber-Essen", den (gottes- oder satans-dienstlichen) Inzest und die (gottes- oder satans-dienstliche) Homosexualität in einen Traum verlegt hatte.

Unter Buddhisten, Astrologen und Kabbalisten geistige Fahrt ins "Morgenland"

Abb. 3: Mit Ehefrau Ruth Wenger (um 1920)
Nachdem Sinclair/Hesse im "Demian" noch einen jungen Anhänger der "weißen Magie" kennengelernt hat, findet er nach langer Zeit seinen Freund und "Führer" (ohne "Führer" geht es bei Hesse nie), bzw. Dämon Demian/Gusto Gräser wieder. Dieser unterhält sich gerade mit einem Japaner über die unbrauchbare Hohlheit der Masse der jungen Studenten in Europa und Japan (5, S. 131f). Und sie leben dann zusammen in jener Gemeinschaft von Leuten (gemeint natürlich des Monte Verita), in der es - laut Roman - neben Theosophen, Vegetariern, Lebensreformern,  Anhängern des Grafen Tolstoi, Yoga-Anhängern, "Astrologen und Kabbalisten" auch "Buddhisten gab, die Europa bekehren wollten" (5, S. 143f). So schreibt Hesse - und gehört doch allzu deutlich selbst dazu als Anhänger des Gottes Abraxas. Aber als Autor des "Siddharta" glaubt Hesse dann wohl einigermaßen "unschuldig" weiterschreiben zu können:
Wir im engeren Kreise hörten zu und nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder ...
- Nun, von "Sinnbildern", sprich "Symbolen" hatten wir es oben schon im Zusammenhang von "symbolischen" Aufgaben. Nur als Sinnbilder nahm er sie ja gerade nicht. Das stimmt nicht. Wenn er solche Worte benutzt, macht sich Hesse jedes mal etwas vor, ist unser Eindruck. - Und kurz zuvor hatte er schon geschrieben (5, S. 143):
Andre standen uns näher, welche das Suchen der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit verfolgten und deren Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten. Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns Abbildungen alter Symbole und Riten und lehrten uns sehen, wie der ganze Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus Träumen der unbewußten Seele bestand, ...
- also C. G. Jung -
... aus Träumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen ihrer Zukunftmöglichkeiten nachging.
Das erinnert dann schon sehr deutlich an die nächste große Erzählung - und verweist auf sie - "Die Morgenlandfahrer", also jene, die zu den Mysterien des Morgenlandes "zurückfahren", in den "Schoß Asiens" zurückkehren. Wo denn wohl anders, als in freimaurerähnlichen, satanismusnahen Okkult-Logen? Wir erfahren über Hesse (4):
In den Figuren des Demian und Pistorius hat er seine eigenen Seelenführer aus dieser Zeit, den Psychoanalytiker und Jungschüler Lang und C.G.Jung selbst, dargestellt.
Die bis hierher dargestellten satanistischen Bezüge bei Hermann Hesse werden noch um so mehr untermauert, um so mehr man sich klarmacht, in welch reichem Maße dieselben bei C. G. Jung vorliegen, und in welch großem Umfang Hesse die Gedanken des zutiefst okkultgläubigen C. G. Jung in sich aufgenommen hat. Das kann an dieser Stelle nicht im einzelnen verfolgt werden, ist aber insgesamt schon zu offensichtlich.

Der Teufels-Gott des okkulten C. G. Jung

Und das findet man ja auch auf der schon zitierten Wikipedia-Seite zu "Abraxas":
C. G. Jung beschreibt in seinen Septem sermones ad mortuos den Abraxas als einen „Gott über Gott“, als einen „Gott, von dem Ihr nicht wusstet, denn die Menschen vergaßen ihn. Wir nennen ihn mit seinem Namen ABRAXAS. Er ist noch unbestimmter als Gott und Teufel.“
So redet man als Satanist, der in der Öffentlichkeit nicht als dezidierter Satanist wahrgenommen werden möchte, was ja bis heute offenbar mit C. G. Jung auch Hermann Hesse gelungen ist. C. G. Jung laut Wikipedia weiter - und wer das folgende versteht, möge sich bitte bei uns melden:
„Er ist noch unbestimmter als Gott und Teufel. Um Gott von ihm zu unterscheiden, nennen wir Gott Helios oder Sonne. Der Abraxas ist Wirkung, ihm steht nichts entgegen, als das Unwirkliche, daher seine wirkende Natur sich frei entfaltet. Das Unwirkliche ist nicht, und widersteht nicht. Der Abraxas steht über der Sonne und über dem Teufel. Er ist das unwahrscheinlich Wahrscheinliche, das unwirklich Wirkende. Hätte das Pleroma ein Wesen, so wäre der Abraxas seine Verdeutlichung. Er ist zwar das Wirkende selbst, aber keine bestimmte Wirkung, sondern Wirkung überhaupt. Er ist unwirklich wirkend, weil er keine bestimmte Wirkung hat. Er ist auch Kreatur, da er vom Pleroma unterschieden ist. Die Sonne hat eine bestimmte Wirkung, ebenso der Teufel, daher sie uns viel wirksamer erscheinen als der unbestimmbare Abraxas. Er ist Kraft, Dauer, Wandel.“
Das ist der okkultgläubige C. G. Jung in "Reinkultur". Wie C. G. Jung überhaupt jemals ein Ansehen in der westlichen Kultur erlangen konnte, das nur wenig hinter dem eines Sigmund Freud zurückblieb, ist uns nach allem, was wir bislang so sporadisch von diesem C. G. Jung zu lesen bekommen haben, unerfindlich. Wenn ihn Hermann Hesse wirklich noch ernster genommen haben sollte, als alle sonstigen "Buddhisten, Astrologen und Kabbalisten" auf dem Monte Verita, dann würde ihn das von all den anderen genannten Okkultgläubigen  wirklich nicht gerade weit entfernen. Da hätte er sich wirklich viel vorgemacht. Wer solche Absätze wie die eben zitierten schreibt, der hätte es verdient, noch viel früher auf dem Abfallhaufen der Geschichte zu landen, als - nur um ein Beispiel zu nennen - Karl Marx.

Es folgt noch ein --> 2. Teil.
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  1. Bading, Ingo: Hermann Hesse, Ernst Jünger und Kollegen - Mitglieder freimaurerähnlicher Gesellschaften? (I), (II), 19.9.2011
  2. Müller, Hermann: Der Dichter und sein Guru. Hermann Hesse - Gusto Gräser, eine Freundschaft. Gisela Lotz Verlag, Wetzlar 1978
  3. Lukas: Vier Jahre Hölle und zurück. Bastei Lübbe, Köln 1995 (18. Aufl. 2010)
  4. Heiner, Johannes: Hermann Hesses Weg nach innen. Auf: LyrikRilke.de, August 2006
  5. Hesse, Hermann: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclaiers Jugend. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1974 (Erstveröffentlichung 1925)
  6. Bading, Ingo: Oswald Spengler - Mitglied der Fraternitas Saturni? GA-j!, 18.4.2011
  7. Jäckel, Karin: Isis, Fürstin der Nacht. Als Kind in den Fängen einer satanistischen Sekte. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2003 (7. Aufl. 2007)
  8. König, Peter Robert: Der O.T.O. unter Reuss und Crowley (3). 
  9. Illerhaus, Florian: Gegenseitige Beeinflussungen von Theosophie und Monte Verità. Studienarbeit. GRIN-Verlag, München (Books on Demand, Norderstedt) 2009 (Google Bücher)
  10. Congrès Coopératif Anational. Auf: Lebensreform in der Schweiz, 6.5.2009
  11. Witzmann, Pia: Der Einfluss des Okkulten auf den Tanz. Auf: Atemzeit, 5.1.2010

Sonntag, 2. Oktober 2011

Katholische Kirche - Kein Lernen aus der Vergangenheit? (II)

Schon 1936/37 ist Kindesmißbrauch in der römisch-katholischen Kirche breit und aufsehenerregend vor deutschen Gerichten behandelt worden und 1971 geschichtswissenschaftlich aufgearbeitet worden. Beides blieb auch von einer kirchenkritischen Öffentlichkeit bis heute unausgewertet.

Der Tenor der Auswertung der im vorigen Beitrag behandelten Studie von Hans Günter Hockerts sowohl von Seiten der katholischen "Kommission für Zeitgeschichte", die diese Studie herausgebracht hat (4), wie von Seiten des angeblich so "kirchenkritischen" "Spiegel" von 1971 (5), wie von Seiten der angeblich so "kirchenkritischen" "Zeit" von 2002 (6), wie von Seiten des - - - "Märtyrer-Beauftragten" der Deutschen Bischofskonferenz von 2003 (!!!) (7), wie von Seiten der bigott-christlichen Internetseite Kreuz.net von 2010 (8, 9) ist ein wesentlich anderer, als der Tenor, mit dem die zitierte Wikipedia-Seite heute diese Studie auswertet und mit der auch wir selbst sie gelesen und ausgewertet haben (siehe voriger Beitrag: 10).

Allzu deutlich verharmlosen die genannte Historische Kommission (4) ebenso wie der "Spiegel" von 1971 (5) die Brisanz der Ergebnisse der Studie von Hockerts und spielen sie herunter. Die Historische Kommission unterscheidet eben genau nicht - wie es jedoch Hockerts selbst klar getan hat - zwischen der Rechtmäßigkeit der Verfahren einerseits und der Goebbelschen Propaganda andererseits. Sondern behandelt alles nur aus dem Blickwinkel der Goebbelschen Propaganda. So dann auch der "Spiegel". Und dies gewiß nicht als der erste Fall, in dem der "Spiegel" personell oder inhaltlich an Goebbelsche Propaganda anknüpft (siehe nur den Fall Fritz Tobias und vieles andere in früheren Beiträgen hier auf dem Blog Behandelte)! Nur mit der unglaublichen Unmoral der Hitler-Regierung macht uns der "Spiegel" besser vertraut, als wir es bis dato waren und als es bisher auch auf Wikipedia mitgeteilt wird:
Hitler versuchte, den Münchner Kardinal Faulhaber zu überreden: Die Kirche solle sich loyal hinter die Politik der Reichsregierung stellen, dafür werde er "die Klosterprozesse aus der Welt schaffen".
Also auch Hitler - auch Hitler! - stand dem Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexuellem Mißbrauch durch katholische Geistliche völlig gleichgültig gegenüber. Statt gänzlich unverhandelbar zu sein, gehörte er für ihn zur Verhandlungsmasse in der großen Politik. Wie dies sicherlich für unzählige Regierungen vor und nach ihm gehandhabt worden ist - bis zu gegenwärtigen Regierungen.

Kuhhandel zwischen katholischer Kirche und Adolf Hitler 1937

Daß es Gründe der großen Politik waren, die Hitler zum Einstellen der Prozesse veranlaßten, hatten wir schon im vorigen Beitrag (10) vermutet, noch ohne daß sie schon auf Wikipedia erwähnt worden wären. 

Abb. 1: Bundespräsident Rau (rechts) und Historiker H. G. Hockerts (Mitte), 4.10.2002
Der "Spiegel" von 1971 behandelt breit Fälle von Homosexualität zwischen Erwachsenen. Aber überhaupt nicht den Mißbrauch von Kindern, der doch nun in den Prozessen von 1936 und 1937 auch eine Rolle spielte. Und auch die "Zeit" von 2002 spricht diesen Mißbrauch nur in der Überschrift an und ist vom Tenor noch unsachlicher als der "Spiegel". 

Unglaublich! Da muß man sich über den Tenor von Kreuz.net im März 2010 nicht mehr wundern - nach solchen Steilvorlagen von "Spiegel" und "Zeit". Der Tenor von "Kreuz.net" kann ohne jeden Bruch an den Tenor des "Spiegel" von 1971 und der "Zeit" von 2002 anknüpfen. Was für eine Peinlichkeit für vorgeblich so kirchenkritische Intellektuellen-Magazine. Wir haben schon viele Hinweise hier auf dem Blog dafür gesammelt, daß diese Blätter sich oft nur den Anschein von echter Kirchenkritik gegeben haben. (Wie es sich auch für die Mitteilungsblätter von Lobbymächten und Geheimdiensten gehört, als die man diese beiden Magazine immer mehr liest und lesen kann.)

Hans Günter Hockerts, ein prominenter Historiker der Bundesrepublik Deutschland

Immer mehr richtet man fragend seinen Blick in die Richtung des - wie es heißt - "kirchenfreundlichen", im Jahr 2009 emeritierten Münchner Historikers Prof. Hans Günter Hockerts (siehe Abb. 1). Sollte er den Interpretationen seiner Forschungen zum Beispiel durch den "Spiegel" von 1971, durch die "Zeit" von 2002 und durch "Kreuz.net" von 2010 - und wahrscheinlich noch vielen anderen Publikationsorganen in verschiedenen Jahren bis heute - nie deutlicher widersprochen haben und sie richtiggestellt haben? Besonders schnell würde man solche Stellungnahmen jedenfalls im Netz und auf seiner eigenen Internetseite nicht finden. - Und würde er sich dadurch nicht sehr deutlich mitverantwortlich machen für das Jahrzehnte lange unkritische Nicht-Hinterfragen von etwaigen Vorgängen innerhalb der katholischen Kirche durch staatliche Stellen und "kritische" (?) Journalisten?

Wie kann noch von einer "Verantwortung des Historikers" gesprochen werden, wenn sie denn dann nicht auch wirklich von einem solchen übernommen wird? Wenn sich ein solcher nicht wirklich verantwortlich fühlt und dementsprechend handelt? Auch wieder einmal nur Lippenbekenntnisse? Was sollte all das viel beschworene "Lernen aus der Vergangenheit" in den letzten Jahrzehnten, wenn dadurch Kinder und Jugendliche in kirchlichen Zusammenhängen eben doch nicht besser geschützt worden sind aufgrund desselben bis heute?

Abb. 2: Historische Studie von 1971
Dabei ist Hockerts Buch "Geschichte des Sozialstaates" im Jahr 2002 auf höchster deutscher politischer Ebene gehandelt worden (s. Abb. 1). Von Bundespräsident Rau ist Hockerts anläßlich dieses Buches durch einen Empfang geehrt worden. Wann, so darf man fragen, wird Bundespräsident Wulff ihn empfangen wegen seines schon viel früher erschienenen, außerordentlich wichtigen Buches "Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/37"?

Ein "Märtyrer-Beauftragter" der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2003 - welch eine Groteske!

Und dann noch eine Groteske unglaublichster Art, die aus solchen "Nicht-Empfängen", solcher Nicht-Beachtung, solchen Verharmlosungen und solchem Herunterspielen von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und mangelndem Widerspruch gegen solches Herunterspielen folgen konnte bis heute: 

Nicht ein Mißbrauchs-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz - oh: nein, nein, nein!!!!, ein - - - Märtyrer-Beauftragter (!!!!) der Deutschen Bischofskonferenz hat sich im Jahr 2003 einmal einige 1936/37 behandelte Fälle genauer angeschaut (7). Und Märtyrer sind auch in diesem Fall - oh, natürlich, natürlich, natürlich!!!! - nicht etwaig mißbrauchte, seelisch gemordete Kinder, sondern (!!!) etwaig 1941 falsch beschuldigte katholische Priester. Diese Leute, die ja von vornherein durch ihre Priesterweihe Gott so viel näher stehen als andere Leute. Was für ein Wahnsinn! Im Jahr 2003 nach Christi Geburt. Der Märtyrer-Beauftragte schreibt nur ganz kurz folgendes ohne tiefergehende Auslotung oder Erörterung (Hervorhebung nicht im Original):
Ein krasses Beispiel stellt die Anklage gegen Kaplan Anton Spies aus dem Erzbistum Freiburg im Breisgau dar. Sein priesterlicher Vorgesetzter schrieb am 4. März 1941 an das Erzbischöfliche Ordinariat: „'Es wird ihm angeblich zur Last gelegt, an Ministranten unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass den Verhältnissen nach er unschuldig ist, da die Anzeige vom hiesigen Rektor V. aus Gehässigkeit gegen uns Geistliche erfolgte’“. Da aber das Gericht dem 11-jährigen Schüler mehr Glauben schenkte als dem Priester sowie den befragten Ortsansässigen, wurde der Jugendseelsorger zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Hernach dem KZ Dachau überstellt, verstarb er dort am 19. April 1945.
"Den Verhältnissen nach"! "Den Verhältnissen nach"! So ermittelte man im Jahr 1941 innerhalb der katholischen Kirche! Hat sich darin etwas geändert bis heute? Und so einfach konnte es sich ein "Märtyrerbeauftragter" der Deutschen Bischofskonferenz noch im Jahr 2003 machen, indem er einfach das Urteil des Erzbischöflichen Ordinariats übernahm. Ohne jedes weitere Hinterfragen. Er scheint wie selbstverständlich davon auszugehen, daß die Anzeige bloß aus Gehässigkeit erfolgte. Und der Tod in Dachau macht ja erst recht deutlich, daß es sich um einen "Märtyrer des Glaubens" handelt.

Offensichtlich war dies der einzige Fall von Märtyrertum, den der "Märtyrerbeauftragte" der Deutschen Bischofskonferenz 2003 in dem Buch des Historikers Hans Günter Hockerts finden konnte. Oh Peinlichkeit und Ekelhaftigkeit über Peinlichkeit und Ekelhaftigkeit.

Wird uns Karlheinz Deschner retten?

Nachdem Hans Günter Hockerts selbst nach Erscheinen seiner Studie etwaig weiter seelisch gemordete Kinder und Jugendliche in kirchlichen Zusammenhängen so wenig geschützt hat, nachdem das auch "Spiegel", "Zeit" nicht getan haben und es von der katholischen "Historischen Kommission", von der "Deutschen Bischofskonferenz" und von "Kreuz.net" sowieso scheinbar nicht mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden konnte, stellt sich uns nur noch eine Frage: Wären all diese Kinder und Jugendlichen vor Seelenmord besser geschützt worden, wenn man allseits Karlheinz Deschner gründlicher gelesen und ernst genommen hätte? Wenn Karlheinz Deschner von Bundespräsidenten anläßlich des Erscheinens neuer Bücher über die "Kriminalgeschichte des Christentums", über "Kirche und Faschismus" empfangen worden wäre?

Wir sind gespannt, was wir diesbezüglich in den Werken von Karlheinz Deschner finden werden. Hat er die Ergebnisse von Hans Günter Hockert angemessen ausgewertet? Hätte die Öffentlichkeit wenigstens durch seine Bücher sensibilisiert werden können für derartige Verbrechen in den Jahrzehnten vor 2010? Im Internet findet man zu einer Suche wie "Hockerts Deschner" zunächst einmal nichts. Was aber wohl nur heißt, daß auch die kirchenkritischen, kirchenfreien und atheistischen deutschsprachigen Internetseiten sich des hier behandelten Themas bis heute offenbar nicht angenommen haben und - möglicherweise - Karlheinz Deschner nicht gründlich genug gelesen und ausgewertet haben, sich - wieder einmal! - von "Spiegel" und "Zeit" haben verblenden und am Narrenseil herumführen lassen. 

Man darf gespannt sein, wer endlich einmal auch diese Prozesse von 1936 und 1937 wieder aufgreifen wird. Und in welcher Weise es geschehen wird.

Ergänzung 25.4.2012. Soeben werden wir aufmerksam auf ein Interview, das Karlheinz Deschner schon am 23.3.2010 der "Deutschen Presse-Agentur" gegeben hat. Darin heißt es schon gleich zu Anfang:
Herr Deschner, Sie schreiben seit Jahrzehnten eine mehrbändige „Kriminalgeschichte des Christentums“. Hat es Razzien wie im Kloster Ettal in der Kirchengeschichte schon mal gegeben?
Deschner: Etwas wirklich Vergleichbares kaum, zumindest schweigt meine „Kriminalgeschichte des Christentums“ hierzu ebenso wie meine Sexualgeschichte „Das Kreuz mit der Kirche“. Dazu muss man allerdings bedenken, dass die katholische Kirche – aus bösem Grund – über Jahrhunderte eine eigene Gerichtsbarkeit hatte, mit der man verhinderte, dass derart Belastendes vor den Gläubigen ausgebreitet wurde. ...
Daraus kann eigentlich nur abgeleitet werden, daß Karlheinz Deschner das Buch von Hans Günter Hockerts entweder nicht kennt oder es nicht gründlich studiert hat. - Schade!

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  1. Hockerts, Hans Günter: Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/1937. Eine Studie zur nationalsozialistischen Herrschaftstechnik und zum Kirchenkampf. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1971 (frei zugänglich)
  2. Zipfel, Friedrich: Kirchenkampf in Deutschland 1933 - 1945. Religionsverfolgung und Selbstbehauptung der Kirchen in der nationalsozialistischen Zeit. Walter de Gruyter, Berlin 1965
  3. Löhde, Walter: Verkommene Priester einst und jetzt. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 4, 20.5.1937, S. 156 - 161
  4. Kommission für Zeitgeschichte, Forschungsstelle Bonn: Hans Günter Hockerts: Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/1937. Publikationen Reihe B (Text von 1971?)
  5. Sumpf und Sitte. Als "Sexualsumpf" galt Hitlers Propagandisten der Klerus. In: Der Spiegel, 11.10.1971
  6. Ross, Jan: Kabale und Triebe. Schon lange wird sexueller Missbrauch in der Kirche kritisiert, nicht immer aus edlen Motiven. In: Die Zeit, 20/2002
  7. Moll, Helmut (Prälat): Verfolgte Priester in der Zeit des Nationalsozialismus. (ohne Datum, nach 2003)
  8. Kampf gegen die Kirche ... damals und Heute? Auf: "Fragen und Gedanken" (anonymer christlicher Internetblog), 12.2.2010
  9. „An Belastungszeugen mangelte es nie“. Kreuz.net, 2.3.2010, Wie die Nazis Klerikermissbrauchsfälle missbrauchten. Kreuz.net, 5. 3. 2010
  10. Bading, Ingo: Katholische Kirche - Kein Lernen aus der Vergangenheit? (I) Auf. Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 1.10.2011

Samstag, 1. Oktober 2011

Katholische Kirche - Kein Lernen aus der Vergangenheit? (I)

Schon 1936/37 ist Kindesmißbrauch in der römisch-katholischen Kirche breit und aufsehenerregend vor deutschen Gerichten behandelt worden und 1971 geschichtswissenschaftlich aufgearbeitet worden. Beides blieb auch von einer kirchenkritischen Öffentlichkeit bis heute unausgewertet.

Auf Wikipedia heißt es (siehe auch: 1) (Hervorhebung hier wie in den folgenden Zitaten nicht im Original) (Wiki):

In den Jahren 1936 und 1937 kam es zu einer Serie von rund 250 sogenannten „Sittlichkeitsprozessen“ gegen katholische Priester und Ordensleute. In den Prozessen ging es um sexuellen Missbrauch von Kindern, Unzucht mit Schutzbefohlenen und in ihrer Mehrzahl um homosexuelle Handlungen (der § 175 StGB war im Gefolge der Röhm-Krise erst 1935 verschärft worden). Zur Vorbereitung hatten Beamte der Geheimen Staatspolizei in einer großangelegten Aktion zielgerichtet Geistliche, Schüler, Lehrlinge und Bewohner der katholischen Kinderheime und Pflegeeinrichtungen verhört. (...)
Im Sommer 1937 wurde die Prozessserie ohne ersichtlichen Anlass abgebrochen.

In den öffentlichen Diskussionen der letzten beiden Jahre sind diese geschichtlichen Erfahrungen vor mehr als 70 Jahren so gut wie nie - und wenn dann nur von katholischer Seite in wegwerfendem Sinne - zur Sprache gekommen. Im folgenden soll untersucht werden, ob diese Nichtbeachtung zu Recht oder zu Unrecht geschehen ist.


Wie dem Zitat zu entnehmen ist, war damals Homosexualität zwischen Erwachsenen noch strafbar und wurde - sozusagen - "in einen Topf" geworfen mit sexuellem Mißbrauch von Kindern. Das hätte aber zu keinem Zeitpunkt zum Vorwand dienen können und dürfen, den damals ebenso zu Verhandlung gekommenen sexuellen Mißbrauch an Kindern bis zum Jahr 2010 der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Falls die damaligen Vorwürfen so wie die heutigen substantiiert gewesen sind. 


Vom Jahr 1937 bis zum Januar 2010 hat nämlich eine größere Öffentlichkeit von solchen im angeführten Zitat angesprochenen Zuständen innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland nie wieder etwas gehört. Der Historiker Hans Günter Hockerts hatte die Thematik der genannten Prozesse während des Dritten Reiches schon Anfang der 1970er Jahre aufgearbeitet (1). Aber scheinbar waren auch nach dem Ende der christ-katholischen Adenauer-Zeit und bis heute, bis zum Januar 2010 nur wenige bereit, sich durch diese umfangreichen Prozesse der Jahre 1936 und 1937 darüber belehren zu lassen, wie kritisch man auf die Verhältnisse innerhalb der katholischen Kirche auch seither blicken müsse.

Kungelei von Staat und Kirche 1933 bis 1945

Zunächst noch einige Worte zur Einordnung in den breiteren zeitgenössischen Kontext der Jahre 1936 und 1937: Die Nationalsozialisten waren nur mit Hilfe der katholischen Kirche überhaupt an die Macht gekommen und arbeiteten auf vielen Gebieten eng mit der katholischen Kirche zusammen (Reichskonkordat und anderes mehr).

Abb. 1: Bundespräsident Rau und Historiker Hans Günter Hockerts, 4.10.2002
Allerdings sind durch den "Kirchenkampf" der im Grunde genommen bigotten, weil "buchstabengläubigen" Bekennenden Kirche während des Dritten Reiches die religiösen Verhältnisse innerhalb Deutschlands so verworren geworden und für viele auch insgesamt so unglaubwürdig, daß die immer schon bestehende antichristliche Strömung innerhalb und außerhalb der nationalsozialistischen Partei etwa ab dem Jahr 1935 ganz unbeabsichtigt durch  diesen Kirchenkampf ausßerordentlich gefördert worden ist. Hier kam sowohl für die führenden Nationalsozialisten wie für die katholische Kirche vieles ganz unerwartet auf sie zugerollt, hier waren ganz unbeabsichtigt breite Grundsatz-Diskussionen über das Christentum an sich losgetreten worden und diese hatten sehr stark an "Eigendynamik" und Eigengesetzlichkeit gewonnen. Und dies war dann von monotheistischen Lobbymächten nur noch schwer steuerbar.

Während der Vatikan und Mussolini starken Druck auf die deutsche Regierung ausübten, daß sie die bisher bestehende enge Kungelei mit der katholischen Kirche aufrecht erhalten würde, versuchte der Katholik Adolf Hitler immer wieder einmal mit Gegendruck sich von diesem Druck etwas zu entlasten. So indem er seinen engen und scharf antikatholischen Mitarbeiter Alfred Rosenberg Einfluß gewährte. Und so auch, indem 1936 und 1937 Devisenschieber- und Sittlichkeitsprozesse gegen über tausend katholische Priester und Ordensangehörige in Deutschland von der Gestapo vorbereitet wurden und von den Gerichten durchgeführt wurden, zunächst ohne daß Hitler etwas dagegen tat.

Aus vornehmlich außenpolitischen Rücksichtnahmen gegenüber dem Vatikan und Mussolini (siehe nächster Beitrag) ließ Hitler die Durchführung dieser Prozesse dann sehr plötzlich im Sommer 1937 wieder einfrieren. So war bis dahin nur ein Teil der vorbereiteten Prozesse und Anklagen zur Aburteilung gekommen. Nach 1945 hatten alle Seiten mit anderen Dingen genug zu tun und es zugleich sehr eilig, alles dies wieder der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. So konnte es kommen, daß die Brisanz der diesbezüglichen Vorgänge von 1936 und 1937 erst mit dem deutlich geworden ist, was dann wieder seit dem Januar 2010 der Öffentlichkeit bekannt geworden ist.


Was sagt der Historiker Hans Günter Hockerts?
Abb. 2: Historische Studie von 1971

Natürlich bestand nach 1945 zunächst der Argwohn, so schreibt 1971 der Historiker Hockerts (1, S. 59),

"die Prozesse hätten zum Großteil auf gefälschtem Material beruht".
Dahinter konnte sich die katholische Kirche während der Adenauerzeit natürlich gut verstecken. Doch der Historiker Hockerts kam 1971 zu dem - rückschauend betrachtet - keineswegs unwesentlichen Ergebnis (1, S. 59f; Hervorhebung nicht im Original):
„Wie gezeigt, entspricht eine solche Beurteilung nicht den Tatsachen. Zwar wurde wiederholt mit teils rechtswidrigen, teils fragwürdigen Mitteln in den Bereich der Justiz eingegriffen: von der Gestapo vor allem durch rechtlich unzulässige Verhängung von Schutzhaft, von Goebbels durch Unterhöhlung des Öffentlichkeitsausschlusses während vieler Hauptverhandlungen, von Hitler durch Sistierungen“ (= Einstellungen) „der Prozesse." (!!!) "Doch die Justiz selbst – in den Sittlichkeitsprozessen vornehmlich repräsentiert durch das Reichsjustizministerium, die Landgerichte Koblenz und Bonn sowie die Koblenzer Sonderstaatsanwaltschaft – wahrte, soweit es ihr möglich schien, einen geordneten Rechtsweg. Dieses grundsätzliche Bestreben erläuterte der zuständige Minister Gürtner im Juni 1937 Hitler deutlich, als er sinngemäß ausführte, die Prozesse seien die eine Sache, politische oder propagandistische Auswertung eine gänzlich andere, die jene nicht beeinträchtigen dürfe. Dem entsprach die Arbeit der ausführenden Rechtsorgane. Den Urteilen in den Brüderprozessen lagen allein die Bestimmungen des Strafgesetzbuches zugrunde, den Anklagen der Sonderstaatsanwaltschaft in aller Regel tatsächliche Vergehen: nur äußerst selten konnte – nach herrschender Rechtsauslegung – Freispruch erfolgen.“ „Der eigentliche Kern der Prozesse“ sei von seiner propagandistischen Ausnutzung unbeeinflußt geblieben. 
Justizminister Gürtner brachte Hitler sogar seine persönliche Meinung zum Ausdruck, daß durch die maßlos übertreibende Goebbelsche Propaganda „der wuchtige Eindruck der Prozesse nicht gestärkt, sondern geschwächt“ würde (1, S. 61). Im Ganzen jedenfalls steht vor der Geschichte fest: „Den Kirchenbehörden war es bei diesen Delikten nicht möglich, die Beschuldigten zu decken.“ (2, S. 80)

Hockerts war nur mit den "Sittlichkeits"-Prozessen beschäftigt. Er stellt aber im wesentlichen das gleiche in einer Anmerkung auch für die zeitgleichen Devisenschieber-Prozesse fest (1, S. 5):
„In den Jahren 1935/36 wurden in Deutschland etwa 40 Devisenprozesse gegen Klöster und auch einzelne Geistliche durchgeführt. (...) Teils scheinen gutmeinende Klosterbehörden wegen der engen Verbindung zu den Auslandsniederlassungen und der diffizilen Devisenbestimmungen sachlich überfordert gewesen zu sein, teils scheinen – insbesondere weibliche – Gemeinschaften vorsätzlich versucht zu haben, sich durch gesetzwidrigen Devisenbesitz und gesetzwidrige Ausfuhr von Reichsmark Vorteile bei der Tilgung von Auslandsschulden zu verschaffen.“ 
Die Kirche verteidigte sich damals mit dem Argument, daß es sich bei all diesen Vorfällen - Devisenvergehen und "Sittlichkeitsvergehen" - immer nur um "Einzelfälle" handeln würde, bei denen es nicht angemessen wäre, sie so "aufzubauschen". Das war natürlich eine argumentative Linie, mit der die katholische Kirche im Jahr 2010 nicht mehr hervorkommen konnte, angesichts der großen Zahl der Fälle im In- und Ausland. Aber auch schon am 29. April 1937 war in den "Münchner Neuesten Nachrichten" zu dieser Verteidigungsstrategie zu lesen (zit. n. 3): 
"Dieses Bemühen, die Anklagen der Klosterprozesse in den Augen der empörten und in  ihrem Vertrauen zur Kirche schwer getäuschten Gläubigen zu entkräften, muß vergeblich bleiben. Von Einzelfällen kann nicht mehr die Rede sein. Dutzende von Prozessen, die in allen Fällen einwandfrei und in voller Öffentlichkeit die schwersten Anklagen bestätigt haben, sind bereits zur Aburteilung gekommen, mehrere hundert warten noch auf ihre gerichtliche Erledigung; über 1000 Ordensbrüder und Geistliche sind in diese noch nicht erledigten Prozesse verwickelt und harren im Untersuchungsgefängnis ihrer Aburteilung. Hier noch von Einzelfällen sprechen zu wollen, hieße tatsächlich die Urteilskraft des Volkes unterschätzen ... Die Protokolle der Prozesse und die Gerichtsverhandlungen selbst, die öffentlich sind, soweit nicht wegen der Gefährdung der Sittlichkeit das Publikum ausgeschlossen werden muß, nehmen den Angeklagten aber auch jeden Schein harmloser oder verführter Menschen. Es bleiben Verbrecher, die sich in der schlimmsten Weisen an ihnen anvertrauten Pfleglingen vergangen haben. Das Furchtbarste dabei ist, daß diese Verbrecher von Fällen sich an Kindern vergangen und sie vielfach an Leib und Seele Zeit ihres Lebens zugrunde gerichtet haben. Im Vertrauen auf die religiöse Grundlage haben die Eltern im besten Vertrauen ihre Kinder und Pflegebefohlenen den Klöstern zum Schutz und zur Erziehung anvertraut."
Wie konnte so etwas 1937 geschrieben werden, der Sache nach 1971 von geschichtswissenschaftlicher Seite bestätigt werden - und doch ist erst im Januar 2010 öffentlich bekannt geworden, daß die gleichen Zustände, die schon 1937 "gerichtsbekannt" waren, über Jahrzehnte hinweg fortbestanden hatten? Wie konnte es passieren, daß man in dieser Sache sprichwörtlich nichts aus der Geschichte des Dritten Reiches gelernt hatte?

Warum hatte man bis 2010 nichts aus der Geschichte gelernt?

Wie konnte es passieren, daß man die nationalsozialistische Unterdrückung dieser Prozesse und das mangelnde Mißtrauen gegenüber etwaig vorliegenden Verbrechen seit 1937 ununterbrochen fortsetzte bis 2010? Wie kann es überhaupt sein, daß bei solchen schwerwiegenden Verbrechen offensichtlich wie 1937 auch noch alle Jahre danach bis heute politische Rücksichtnahmen eine Rolle spielen dahingehend, ob und wie scharf man juristisch gegen solche Verbrechen vorgeht?

Und wie fatal und empörend ist es, wenn man aus dem Jahr 1937 den gleichen Umgang der katholischen Kirche mit solchen Verbrechen feststellen muß, wie er noch bis zum Jahr 2010 fortgesetzt wurde. Und da hofft man, daß es nun endlich nach dem Jahr 2010 besser werden würde? Wo es auch nach 1937 nicht besser geworden ist?

Am 9. Mai 1937 wurde in einem "Sittlichkeits"-Prozeß vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Trier der Erzbischof von Trier vernommen und bedauerte die von ihm geübte Milde gegenüber dem angeklagten Pfarrer. Dazu sagte an diesem Tag der Staatsanwalt (zit. n. 3):
"Ich freue mich, daß Sie diese Milde bedauern, Herr Bischof, aber ich muß bedauern, daß diese Milde auf Kosten der Jugend gegangen ist."
Kann angesichts dieser geschichtlichen Erfahrungen erwartet werden, daß sich dann wenigstens heute etwas grundlegend ändert? - Wirklich?

Wozu brauchen wir denn eigentlich noch Geschichtswissenschaft, wenn so wenig Bereitschaft vorhanden ist, aus der Geschichte zu lernen? Wenn sich Geschichte derart kraß wiederholen kann? Und weiter sagte der Staatsanwalt "mit erhobener Stimme", wie mitgeteilt wird:
"Für die Vorfälle, die nach Lauenbach" (also nach neuen Verbrechen des Angeklagten - offenbar nach einer der typischen Versetzungen) "entstanden sind, mache ich im vollen Bewußtsein dessen, was ich hier sage, zum Teil mitverantwortlich die bischöfliche Kirchenbehörde."
Man merkt den Sätzen an, daß ein solcher Vorwurf damals noch "ungeheuerlicher" war als heute. Kein Wunder, daß da die bigotte Adenauerzeit nicht bereit war, sich diesen geschichtlichen Erfahrungen zu stellen und sie auszuwerten. Daß  das aber auch nach 1971 niemals geschehen ist? Wer kann dafür noch Verständnis haben? Wo waren all die kritischen Historiker, die Kirchenkritiker innerhalb und außerhalb der Kirche? Haben sie hier kein Mißtrauen gehabt? Was haben sie alle zu diesen konkreten Vorgängen geschrieben? Es wäre doch sehr sinnvoll, das noch einmal nachzuvollziehen und zu dokumentieren. Hat etwa Karlheinz Deschner möglichst dringend dazu aufgefordert, aus den Kindesmißbrauchs-Prozessen während des Dritten Reiches zu lernen? Als der Erzbischof von Trier sagte, daß er
"die Pflicht der väterlichen Milde gegen die Gestrauchelten habe",
fragte der Staatsanwalt exakt so als befände er sich im Jahr 2011, nicht im Jahr 1937:
"Haben Sie beim Walten dieser väterlichen Milde in Betracht gezogen, daß sie auch Betreuer der Jugend sind?"
Katholischer Umgang mit Strafverfolgungsbehörden - seit Jahrzehnten unverändert?

Auch wenn man Aufsätze von damals zu dieser Thematik liest, glaubt man sich nicht im Jahr 1937, sondern im Jahr 2011 zu befinden (3):
Die römische Kirche hat die Vertuschungsmethode bis zu einer Meisterschaft entwickelt und daher hat sie sich auch stets empört, wenn der Staat einmal in dieses Treiben hineinleuchtete. Es hat sich dabei gezeigt, daß die Kirche selbst niemals ernstlich die Absicht gehabt hat, diese Erscheinungen zu ändern. Der Redemptorist Müller sagte im vorigen Jahrhundert bei solcher Gelegenheit:
"Was soll der Bischof tun? Die Maske dem Heuchler herunterreißen? Ihm vom Altar wegtreiben, den er entehrt hat, aus der Pfarrei, der er vorstand? Wenige kennen seine (des Priesters) Schandtaten. Soll der Bischof sie der Welt bekanntmachen? Welches Ärgernis für die Schwachen, welcher Triumpf für die Ketzer und Ungläubigen! Der gute Bischof betet, wacht und hofft."
Solche Auffassung ist zwar sehr christlich, aber ganz abgesehen von dieser eigenartigen Rechtsauffassung ist mit Beten, Wachen und Hoffen noch niemals etwas erreicht worden, sondern nur durch tätiges Zugreifen. Darum hat der Staat die Sache in die Hand genommen, mußte sie in die Hand nehmen, wenn er nicht zusehen wollte, wie das deutsche Volk allmählich durch diesen, dem "heiligen" Sumpfe entsteigenden Pesthauch vergiftet wird. Die Verhandlung in Koblenz vom 30. 4. 1937 gegen den Franziskaner Julian hat deutlich erwiesen, daß die Bischöfe die alte Vertuschungstaktik heute noch betreiben wie auch die Unzucht von den Klostergeistlichen seit je betrieben wird. In dem Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten vom 1./2. 5. 1937 heißt es u.a.:
"Bemerkenswerte Feststellungen brachte dann die Vernehmung des Kapuzinerpaters Columban, der mit aller Deutlichkeit die furchtbaren Zustände in den Klöstern der Franziskaner geißelte und von seinem vergeblichen Kampf gegen die entsetzlichen Ausschweifungen und Zuchtlosigkeiten berichtete. ... 'Ich habe die Geistlichen immer wieder gewarnt, daß hier einmal ein riesiger Skandal ausbrechen werde. Ich selbst hegte keinen Haß gegen den Vorsteher, sondern ich sah es als meine Pflicht an, die Waldbreitbacher Brüder von ihrer Rohheit und Verdorbenheit abzubringen.' ...  Anfang November fuhr Pater Columban zum Bischof von Mainz, um ihm Bericht zu erstatten. Der Bischof erklärte aber: 'Wie soll ich da vorgehen, damit ich keine Dummheit mache?' Der Zeuge erwiderte dem Bischof: 'Bestrafen Sie die Schuldigen, dann tun Sie Ihre Pflicht.' Doch es wurde nichts unternommen."
"Als dann bei einer erneute Besprechung außer dem Bischof der Generalvikar und der Generalobere zugegen waren, packte ich aus und schilderte alle Vorgänge im Kloster, wobei ich die Namen der einzelnen Klosterbrüder nannte. Als ich die Aufzeichnungen, die eine einzige Anklage gegen die Waldbreitbacher darstellten, übergeben hatte, erklärte der Generalobere zum Bischof: 'Wir müssen verhüten, daß diese Aufzeichnungen in die Hände der Polizei fallen!"
"Pater Columban stellte dann fest, daß der Bischof nach seiner Meinung jahrelang von den Zuständen gewußt und nicht eingegriffen habe."
Der Staatsanwalt führte in seiner Anklagerede aus - wobei sich die geschilderten Verhältnisse wohl offenbar auf Homosexualität zwischen Erwachsenen bezieht, mit denen allerdings die Kirche exakt genauso umgegangen ist damals wie noch heute mit Kindesmißbrauch:
"daß sich die Anklagebehörden seit 1935 mit den Zuständen in den Franziskanerklöstern beschäftigen müßten. Wer aber angenommen habe, daß die kirchliche und klösterliche Obrigkeit die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Interesse der Sauberkeit unterstützen werde, sei bald sehr enttäuscht worden. Nicht in einem einzigen Verfahren - und es hätten deren tausende eingeleitet werden müssen - hätten die kirchlichen Obrigkeiten es für notwendig gehalten, die Behörden in ihrem Kampf gegen die klösterliche Unzucht zu unterstützen. Ganz im Gegenteil habe man immer wieder feststellen müssen, daß den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft der allergrößte Widerstand entgegengesetzt wurde. Man habe sich geweigert, die Klosterakten herauszugeben. Als der Vertreter der Staatsanwaltschaft mit dem Bischof von Trier sprach, habe auch dies keinen Erfolg gehabt." 
Es dürfte sehr interessant sein, sich die Prozeßakten von damals noch einmal sehr genau anzuschauen und auch weitere Presseberichte von damals zusammenzustellen. Man wüßte gerne, ob das irgendwo schon geschehen ist. Siehe dazu den nächsten Beitrag!

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  1. Hockerts, Hans Günter: Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/1937. Eine Studie zur nationalsozialistischen Herrschaftstechnik und zum Kirchenkampf. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1971 (frei zugänglich)
  2. Zipfel, Friedrich: Kirchenkampf in Deutschland 1933 - 1945. Religionsverfolgung und Selbstbehauptung der Kirchen in der nationalsozialistischen Zeit. Walter de Gruyter, Berlin 1965
  3. Löhde, Walter: Verkommene Priester einst und jetzt. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 4, 20.5.1937, S. 156 - 161
  4. Kommission für Zeitgeschichte, Forschungsstelle Bonn: Hans Günter Hockerts: Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/1937. Publikationen Reihe B (Text von 1971?)
  5. Sumpf und Sitte. Als "Sexualsumpf" galt Hitlers Propagandisten der Klerus. In: Der Spiegel, 11.10.1971
  6. Ross, Jan: Kabale und Triebe. Schon lange wird sexueller Missbrauch in der Kirche kritisiert, nicht immer aus edlen Motiven. In: Die Zeit, 20/2002
  7. Moll, Helmut (Prälat): Verfolgte Priester in der Zeit des Nationalsozialismus. (ohne Datum, nach 2003)
  8. Kampf gegen die Kirche ... damals und Heute? Auf: "Fragen und Gedanken" (anonymer christlicher Internetblog), 12.2.2010
  9. „An Belastungszeugen mangelte es nie“. Kreuz.net, 2.3.2010, Wie die Nazis Klerikermissbrauchsfälle missbrauchten. Kreuz.net, 5. 3. 2010

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