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Montag, 16. März 2015

"Beseelungswissen" - Bei Peter Sloterdijk und bei Mathilde Ludendorff

Peter Sloterdijk's "Du mußt dein Leben ändern" (2009) und Mathilde Ludendorff's "Selbstschöpfung" (1927)
- Einige erste Vergleichspunkte

2009 - Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern
Das Buch von Peter Sloterdijk aus dem Jahr 2009 über die Selbständerungsmöglichkeiten des Menschen enthält viele ungewöhnliche, begeisternde Grundgedanken und Sichtweisen. Als einen Mangel des Buches mag man es empfinden, dass die Begeisterung für diese Grundgedanken und Sichtweisen durch eine intensive und gründliche Lektüre der vielen hundert Seiten dann nicht in jedem Fall vergrößert wird, sondern eher die Tendenz hat, sich zu verflüchtigen. Legt man es dann aber für ein paar Tage - oder Wochen oder Jahre (der Autor dieser Zeilen sogar für sechs Jahre) - erschöpft zur Seite, kann es gut sein, dass man nach dieser Zeit feststellt,  dass man die genannten Grundgedanken und Sichtweisen immer noch so begeisternd findet wie zuvor.

Auf diese Weise kann eine Art Hassliebe zu diesem Buch entstehen. Vielleicht die beste Voraussetzung, um sich an einem Buch "abzuarbeiten" und dabei - zu "üben", sprich, sich weiterzuentwickeln, sich menschlich zu ändern und zu reifen - also um das Kernthema dieses Buches gleich selbst in die Praxis umzusetzen.

Die deutsche Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966) hat übrigens schon im Jahr 1927 für den Begriff "Anthropotechnik", also für die übende Selbsterschaffung, Selbstgestaltung des Humanen durch den Einzelmenschen den Begriff "Selbstschöpfung" verwendet. Sie ist eine geistig zentrale Figur der deutschen völkischen Lebensreform-Bewegung der 1920er und 1930er Jahre und es gibt viele Hinweise darauf, dass ein nicht geringer Teil ihres Gedankengutes und ihrer Erkenntnisse noch heute große Bedeutung haben. Vielleicht ist das ja auch der Hauptgrund, weshalb ihr Gedankengut zumeist in Bausch und Bogen als unseriös und "höchst gefährlich" abgetan wird. Zumindest eine kritische, alternative Öffentlichkeit sollte sich solche Tabuisierungen nicht mehr gefallen lassen. Dieser Blog jedenfalls bemüht sich, sie zu vermeiden.

Bei genauerem Hinsehen macht der genannte Vergleich nämlich außerordentlich viel Sinn. Und dazu sollen im folgenden einige erste Andeutungen, Versuche gegeben werden. Es macht Sinn, diese beiden Denker einander gegenüber zu stellen, sie miteinander zu konfrontieren, sie zu vergleichen und sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin zu prüfen. Das ist aber ein fast unerschöpfliches Thema. Im vorliegenden Beitrag sollen dazu zunächst nur vier Themenbereiche behandelt werden und auch diesbezüglich sollen bestenfalls einige Ideen angedeutet und umrissen werden: 1. zum Thema Vertikalspannung, 2. zum Thema Sezession und Ruhephasen, 3. zum Thema Brainwashing, 4. zum Thema Sinn des Weltalls und Lebens überhaupt, 5. zum Thema Altruismus.

Man könnte sicherlich einen großen Teil des Inhaltes des genannten Buches von Mathilde Ludendorff ("Selbstschöpfung", 1927) in den Begrifflichkeiten von Sloterdijk's "Anthropotechnik" neu formulieren. Vielleicht werden wir das auch noch einmal ausführlicher versuchen. Im folgenden jedenfalls erste vortastende Erkundungen auf diesem Gebiet.

1. Zum Genie-Begriff - Thema "Vertikalspannung"

Vielleicht läßt sich sagen, dass es wenige Übungsprogramme gibt, die eine ähnlich große Vertikalspannung in sich bergen wie dasjenige von Mathilde Ludendorff. Dieser Umstand lässt einen unter anderem die Frage stellen: Warum benutzt Sloterdijk nicht - wie Mathilde Ludendorff (1) - den Genie-Begriff? Würde er die Vertikalspannung, an der ihm doch - und mit Recht - so viel liegt und gelegen sein muss, nicht erheblich vergrößern, verdeutlichen und explizit machen? Die großen Künstler, Komponisten, Dichter und Denker der Geschichte, die großen Politiker der Geschichte, sie waren doch ohne Zweifel Genie's. Und wer wenn nicht sie waren die Vorbilder, die "Trainer", die Übungsanleiter der Sich-selbst-ändern-Wollenden in der Geschichte und auch noch heute.

Nur weil wir solche heute nicht mehr anzutreffen glauben, "Genie's" also, heißt das doch nicht, dass wir auf den Genie-Begriff an sich verzichten müssten. Auch heute noch können wir doch Michelangelo, Beethoven, Rilke, Kant "Genie's" nennen? Wer hindert uns daran? Und dann stellt sich doch die Frage: Wie "übt" eigentlich ein "Genie"? Darüber sagt Sloterdijk, soweit ich sehe, herzlich wenig. Er redet lieber über Sportler, Behinderte, "Artisten", Mönche, also alles Berufsgruppen, die sich gerade nicht im Kernbereich der Kultur und der Kulturgeschichte bewegen, im Kernbereich auch des "Human Accomplishment" eines Charles Murray.

1927 - M. Ludendorff - Selbstschöpfung
Ein Genie übt doch ganz anders als all diese anderen Berufsgruppen. Und auf sein Übungsprogramm fokussieren, hieße doch erst, die ganze Problematik des "übenden Menschen" in ihrem vollen Umfang zu übersehen und zu behandeln. Und zwar in ihrer Bedeutung für das Überleben unserer Kultur. Hier erst würde das "Prekäre" sichtbar (1). Nämlich dass Genie-Sein, dass das Geniale sich niemals so wenig von selbst verstanden hat wie heute. Aber warum eigentlich?

Weil wir längst genau dort angekommen sind, wohin Nietzsche in seiner Vorrede zum Zarathustra die Menschheit sich hinentwickeln gesehen hat. Wir glauben gar nicht mehr ans Geniale, ans Geniehafte. Wir wollen auch selbst - in dem uns gegebenen Rahmen - keine Genies sein, keine echt genialen Lebenskünstler. Oder? Denn ein genialer Lebenskünstler könnte doch letztlich jeder sein. Und allein schon eine solche Möglichkeit würde uns doch sehr viel Verantwortung auferlegen, etwa, mit uns selbst und anderen achtsam umzugehen.

Und könnte man denn nicht jene Sehsucht aller "Rennaisance-Menschen" und damit offensichtlich auch Sloterdijk's sein, dass es in der Welt wieder eine ähnliche Genie-Dichte gäbe wie im antiken Griechenland? Als fast jedes Dorf, jede Stadt ein Genie hervorbrachte? Und das innerhalb weniger Jahrhunderte? Wäre dies nicht das einzig Notwendige, wäre womöglich nicht genau das jene "Mindestproduktion innovativen Wandels" ("marginal production of innovative change"), die Joseph A. Tainter als notwendig ansieht, um dem "Collaps of Complex Societies" (so der Titel seines wertvollen Buches, erschienen lange vor dem viel oberflächlicheren Buch zu diesem Thema von J. Diamond) zu entgehen?

Genial, das ist doch das, was Sloterdijk zum Ausdruck bringen will, wenn er an ziemlich zentraler Stelle seiner Argumentation auf die "Gipfel des Unwahrscheinlichen" Bezug nimmt, die von der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf dieser Erde immer wieder erreicht worden sind nach der eingängigen Deutung von Richard Dawkins. Ist nicht jede Tier- oder Pflanzenart für sich und jedes echte Kulturwerk, jede echte Kulturtat eine Genialität auf seine Weise? Dementsprechend auch ähnlich gefährdet wie alles Geniale in dieser Welt? Und kann dementsprechend nicht jeder Mensch ebenso genial werden als der einzigartige, nie wiederkehrende Mensch, der er ist?

Und wie will man denn dem auch von Sloterdijk favorisierten "Prinzip Verantwortung" des Hans Jonas (und der Mathilde Ludendorff) gerecht werden - ohne Genialität? Wurde jemals etwas Entscheidendes und Durchbrechendes geleistet in der Menschheitsgeschichte - ohne Genialität? Ob man es nun jeweils so genannt hat oder nicht.

2. Sezession, Immunsystem

Natürlich setzt sich das Genie in Gegensatz zu den Menschen um es herum, die keine Anflüge ans Geniale haben und haben wollen. Und genau damit fängt die Problematik erst wirklich an, wie Sloterdijk ebenfalls ganz richtig erkennt. Nämlich mit der schlichten Frage: Wie hält man es aus, einsam zu sein? Auch diese Thematik behandelt Sloterdijk dann aber völlig unzureichend. Natürlich braucht man ein gesundes Immunsystem, um seine Separation, seine Einsamkeit, seine "einsame Höhe" aufrecht zu erhalten. Aber wie hält man es in Gang? Woran erneuert sich das Geniale, das Genie? Womit läßt es sich auffrischen?

Was ebenfalls viel zu unzureichend von Sloterdijk herausgearbeitet wird, ist die Erkenntnis Mathilde Ludendorffs, dass nichts die Menschenseele so verändert, wie die Art ihrer Wahl in Bezug auf das Leben beseelter Sexualität (Mathilde Ludendorff benutzt hierfür die Begriffe Erotik oder Minne). In diesem Umstand vor allem wurzeln all die vielen wesensunterschiedlichen "Askesen", die im Rahmen von Übungsprogrammen in der Menschheitsgeschichte ausgebildet wurden, zuletzt die "innerweltliche Askese" des Protestantismus nach der auch für die Interpretation der Geschichte der Neuzeit so einflussreich gewordenen Deutung von Max Weber. Auf den übrigens Sloterdijk - merkürdigerweise, so weit übersehbar und offenbar folgenreich - kein einziges mal Bezug nimmt in seinem Buch.

Auch fehlen bei Sloterdijk so wesentliche Erkenntnisse Mathilde Ludendorffs wie die "Nicht Kampf ist Leben allein, nein, jenseits des Kampfes erst ist das Erleben der Seele". Also die Betonung der entscheidenden Bedeutung von Ruhephasen und - sozusagen - der Kontemplation im menschlichen Leben für allen seelischen Wandel, für jede Form von Beseelung.

Aus dieser Erkenntnis heraus kann sie dann auch sagen, dass Seelenwandel und Selbstgestaltung, Selbstschöpfung vor allem in diesen Ruhephasen stattfinden, die sicherlich nicht primär als "Übungen" (etwa gar Meditationsübungen!) aufzufassen sind. Hiergegen  verwahrt sie sich ja mit einer Entschiedenheit, die sichtlich geschult ist an der Tatsache, dass sie mehrere Jahre als Assistentin des Begründers der naturwissenschaflichen Psychiatrie, Emil Kraepelins, gearbeitet hat und dabei viele anschauliche Erfahrungen in psychiatrischen Anstalten machen konnte. Nein, sie betont: Das Erleben der Seele lässt sich - im Gegensatz zur Behauptung vieler Esoteriker, Okkultgläubiger und eben auch vieler psychisch Erkrankter - nicht "üben". Da sein Wesen grundsätzlich die Freiheit, die Spontaneität, die Akausalität ist. So sagt zumindest Mathilde Ludendorff.

Aber sicherlich könnte auch dieser Punkt - angesichts massiver seelischer Beeinflussungen durch die Umwelt von Kindheit an (siehe gleich) - heute noch mancherlei Modifizierung erfahren.

3. Langsamer und schneller Wandel der Seele

Selbstgestaltung und seelische Reifung ist aus der Sicht von Mathilde Ludendorff nun also das langsame Erstarken des - das Geniale, Göttliche erlebenden - Ichs der Menschenseele durch Gewissensprüfungen in Ruhephasen. Und durch das Überprüfen, ob Fürwahrgehaltenes (über einen selbst) auch tatsächlich wahr ist. Diesem langsamen, allmählichen Reifen der Seele stellt sie den selteneren schnellen seelischen Wandel gegenüber, ausgelöst durch seltenes, gottwesentliches Handeln und Erleben. Etwa aus Anlass der Konfrontation mit dem eigenen Tod oder mit dem Tod von Angehörigen, etwa der schon erwähnten Art der Wahl im Leben beseelter Geschlechtlichkeit. Ausserdem bewirkt beim begabten Künstler auch das geschaffene Kunstwerk und die Frage, ob das übrige Leben des Künstlers diesem gerecht wird, ihm würdig ist, Wandel in seiner Seele. So sagt Mathilde Ludendorff.

Auch die große, riesige Thematik des "Brainwashing", der Gehirnwäsche gehört übrigens in den Bereich der Selbst- und Fremdgestaltung menschlichen, seelischen Wandels. Hierzu hat der britische Psychiater William Sargent einen wissenschaftlichen Klassiker geschrieben, dessen Lektüre und Auswertung Sloterdijk's Blickwinkel auf die von ihm gewählte spannende Thematik ebenfalls noch wesentlich hätte erweitern können. Über dieses Thema wäre es in diesem Rahmen wert, noch einen ganz eigenen, weiteren Beitrag zu schreiben. Weil nämlich eine Schlussfolgerung daraus lautet, dass Übung auch heißen könnte, negativen seelischen Wandel dadurch zu vermeiden, dass man sich gegebenenfalls selbst die Anweisung gibt, "not to get emotionally involved", sich in einem gegebenen Fall emotional gerade nicht erregen zu lassen. Hierzu gehört ein ganzes Bündel von Lebenstechniken, die noch einmal genauer zu erörtern wären.

Schnellen Wandel bewirkt im übrigen - nach Mathilde Ludendorff - auch Empörung über teuflische Antriebe in der eigenen Seele oder in der Seele insbesondere nahestehender Mitmenschen. Die Seele entflammt sich, sagt Mathilde Ludendorff, kann sich entflammen mitunter - so vorhanden - an einer "Teufelei" in der eigenen, von den Eltern übernommenen, angeborenen Charakterstruktur. (Mit diesem Entflammtsein an Teufeleien in der eigenen Seele mag auch manches im Zusammenhang stehen rund um das kulturgeschichtlich bedeutsame Phänomen der "Femme fatal". Aber das nur am Rande.) All dieser schnelle Wandel ist - wie jeder Wandel - jeweils auch in beiderlei Richtung möglich. Und wohin - zumal heute - in der Regel diese Richtung bei den meisten Menschen zeigt, bedarf sicherlich keiner Erörterung mehr. Wobei erwähnt werden könnte, dass natürlich schlicht auch Mangel an Empörung über Teufeleien in der eigenen Seele oder in der Umwelt seelischen Wandel bewirken können ... Nämlich gerne auch den heute allzu weit verbreiteten seelischen Tiefschlaf.

4. Überleben - aber wozu eigentlich?

Das Übungsprogramm von Mathilde Ludendorff ist natürlich viel stringenter, viel einheitlicher und darum auch eingängiger auf ein Ziel ausgerichtet, als das Sloterdijk für das kulturgeschichtliche Sammeln von Übungsprogrammen in seinem Buch in Anspruch nimmt und überhaupt nur nehmen kann. Sein Buch bleibt ja eigentlich hinsichtlich der entscheidensten Fragen - soweit übersehbar und typisch existentialistisch? - im Vagen und Ungefähren. - - - Was ist denn nun das Ziel aller Übungen bei Sloterdijk? Nur allein das Überleben der Menschheit hier auf dieser Erde? Klar, er sagt, unhintergehbar ist die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss. Darauf sagt ein Mensch wie - der von Sloterdijk auch ausführlich behandelte - Cioran doch nur zynisch: Und warum sollte dieses Überleben einen Wert haben? Zu dieser Frage nun sagt zwar der von Sloterdijk am Ende seines Buches positiv erwähnte Hans Jonas manches (und das zumeist auch in Übereinstimmung mit Mathilde Ludendorff). Nicht aber, soweit übersehbar, Sloterdijk selbst. Und darauf käme doch nun alles an.

Auch der große unserer Zeit noch nahestehende "Trainer" Konrad Lorenz hat sich um eine Beantwortung dieser Frage nicht herumgedrückt. Er hat dazu sein "Der Abbau des Menschlichen" geschrieben. Alle Bemühungen Sloterdijk's scheinen mir unabgeschlossen zu sein, ungenügend zu bleiben, solange er hierzu nicht zumindest ähnliche Antworten gibt wie Hans Jonas.

Denn sonst könnten doch alle Übungen und Askesen irgendwie zu Übungen des Hamsterrades werden. Üben nur allein um des Übens willen? Um in Form zu bleiben? Damit es nicht langweilig, niveaulos und ohne alle Vertikalspannung bleibt hier auf dieser Erde? Damit "Gipfelpunkte des Unwahrscheinlichen" erreicht werden hier auf dieser Erde? All das bliebe doch alles noch reichlich nebulös und kann in dieser Form doch keinen gesellschaftlichen Aufbruch bewirken.

Für Mathilde Ludendorff dagegen ist die ganze Sache sehr viel unzweideutiger. Das Weltall ist nach ihr entstanden, Leben und bewusstes Leben sind nach ihr in diesem Weltall entstanden, damit das im Weltall sich nur unbewusst manifestierende Göttliche, Geniale (das sich im Gipfel des Unwahrscheinlichen Ausdrückende) von einem Einzelwesen bewusst erlebt wird. Das ist - nach ihr - der Sinn des Weltalls, der Evolution und des Menschenlebens. Da das Wesen des Göttlichen aber Freiheit ist, kann das Göttliche unmöglich allein per Instinkt und zwanghaft erlebt werden. Evolution und Geschichte sind also - nach Mathilde Ludendorff - Bewusstwerden der Freiheit. Sicherlich fast überflüssig zu sagen, dass sie in vielen solchen Dingen natürlich in großen Übereinstimmungen mit den Philosophen des deutschen Idealismus steht, die man sich ja im übrigen auch einmal als Formulierer von wertvollen Übungsprogrammen ansehen könnte. (Ich würde dabei dann mit Hölderlins Gedicht "Zornige Sehnsucht" anfangen und dann weiterhin die Bücher Dieter Henrich's zur Rate ziehen. Auch von diesem wichtigen Autor liest man bei Sloterdijk nichts.)

Jedenfalls: von diesen Grundgedanken her leiten sich bei Mathilde Ludendorff die Selbstschöpfungsmöglichkeiten und das damit verbundene "übende Leben" des Menschen ab. "Der Mensch, das einzige Bewusstsein Gottes" benennt sie eine ihrer intuitiven philosophischen Grundeinsichten, formuliert vor bald hundert Jahren und bis heute von der naturwissenschaftlichen Forschung nicht widerlegt. Im Gegenteil, immer mehr Astrophysiker und -biologen scheinen davon auszugehen, dass bewusstes Leben in diesem Weltall ebenfalls einen "Gipfelpunkt des Unwahrscheinlichen" darstellt und deshalb womöglich nur sehr selten ist (vgl. Buchtitel wie "Rare Earth", deutsch "Einsame Erde"). Und dann vielleicht auch nur ähnlich zeitversetzt, wie dies auch von Mathilde Ludendorff für möglich gehalten worden ist.

4. Altruismus - Kulturheroen, Leistungsträger

Ein anderes wichtiges Thema des Buches von Peter Sloterdijk ist das Thema Altruismus. Vielleicht wird dies deutlicher als im Buchtext selbst anhand des ursprünglichen Buchumschlags (siehe oben) und der Erläuterungen von Sloterdijk zu diesem Buchumschlag in Interviews. Sloterdijk geht nämlich realistischerweise davon aus, dass es in der Menschheit immer nur eine Minderheit von Menschen sind, die den Aufruf "Du mußt dein Leben ändern" ernst nehmen. Sie aber sind die eigentlichen Träger allen kulturellen Wandels und aller kulturellen Weiterentwicklung. Sie bewirken die "Mindesproduktion innovativen Wandels" im Sinne von Tainter. Letztlich sind sie die "Kulturheroen", die "Lichtbringer", auf deren Schultern die nachfolgenden Generationen und die Menschheit überhaupt stehen und an denen also sozusagen "alles hängt" (das bringt das Umschlagbild zum Ausdruck).

Und genau für solche "Menschheitsretter" überhaupt scheint Sloterdijk realistischerweise insbesondere zu schreiben. Es sind immer nur wenige, die die Kultur und die die Menschheit überhaupt retten und weiter voranbringen. Und deshalb ist es so wichtig, dass genau diese wenigen Begabten auch wirklich in Form und in Übung bleiben und sich nicht von den nivellierenden Einflüssen, die sie umgeben, herabziehen lassen und ebenfalls in die allgemein verbreiteten "Horizontal-Entspannungen" verfallen. Dass sie "Inseln des Bestandes" bilden, so wie Werner Heisenberg sein Handeln im Deutschland in der Zeit des Dritten Reiches charakterisiert hat. Und genau dies scheint eines der wesentlicheren und zugleich begeisternden Anliegen auch von Peter Sloterdijk in seinem Buch zu sein.

Und dann erhält es doch gleich noch einmal so viel wert, wenn man es vor diesem Hintergrund aus betrachtet. Deshalb ist auch das ein Gedanke, der künftig noch weiter gedacht werden kann, und der ja auch in der Altruismusforschung der naturwissenschaftlichen Anthropologie, die wir schon häufig auf unseren Blogs behandelt haben, manche Hintergründe findet.

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  1. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung?, auf: Studiengruppe Naturalismus, 25. Dezember 2012

Freitag, 1. November 2013

"Das Fremde in mir, in meinem Gesicht"

Sind Kulturunterschiede des Gehens und des In-die-Welt-Sehens angeboren?

Eine 1977 in Daegu in Südkorea geborene, dort von den leiblichen koreanischen Eltern ausgesetzte und von einem dortigen katholischen Waisenheim im siebten oder neunten Lebensmonat in eine deutsche Familie nach Osnabrück abgegebene Frau, ein Adoptivkind, fragt in ihrem 30. Lebensjahr, nachdem sie in ihrem Leben vor allem beruflichem Erfolg hinterher gejagt war, nach Grund, Herkunft und Ziel ihres Lebens.

Abb. 1: Miriam Yung Min Stein - in ihrem Lebensbericht "Black Tie" (2012)

Wir sprechen von der Journalistin, Film- und Theaterproduzentin Miriam Yung Min Stein (geb. 1977) (Wiki) (1-3). Der berufliche Erfolg für sich genommen hat bei ihr nur innere Leere zurückgelassen. Und so fragt sie nach dem Sinn ihres eigenen, ganz persönlichen Lebens. Zum ersten mal stellt sie sich bei diesem Anlaß dem "Fremden" in ihr und in ihrem Gesicht. Diese Frage hatte sie lange verdrängt. Nun stellt sie sich diesem Fremden, sie fragt ihm hinterher.

Sie reist nach Südkorea, nach Daegu. Ihr wird bewußt, daß diese Fragen mit vielen Schmerzen verbunden sind. Als Schlußfolgerung ihrer Auseinandersetzung befürwortet sie es nicht, nämlich das Abgeben und Annehmen von Adoptivkindern von einem Erdteil in einen anderen.

Philipp Rösler auf weiblich und koreanisch, statt männlich und vietnamesisch. Gleich ist auffälligerweise, daß beide durch ein katholisches Waisenheim nach Deutschland abgegeben worden sind in norddeutsche Familien, wo beide Adoptivkinder je auf Adoptiveltern stießen, die schon leibliche Kinder hatten, die nun ihre Geschwister wurden.

Man legt den Bericht von dieser Konfrontation mit dem Fremden in sich, in ihrem Gesicht (1) mit Betroffenheit zur Seite, bzw. sieht sie mit Betroffenheit darüber reden (2). Und man wird sich erst beim Lesen ihres Buches, beim Hören ihres Berichtes bewußt, welche Wohltat es ist zu wissen, woher man kommt, wo die eigene Heimat ist und keinen Zwiespalt in sich zu spüren zwischen dem, was man ist und dem, wie man aussieht.

Ein deutsches Adoptivkind koreanischer Herkunft betreibt Verhaltensforschung und Kulturpsychologie am lebenden Objekt - an sich selbst

Nach dem Lesen ihres Buches kann man sich auch ein Hörinterview mit ihr anhören (Berlin Audiovisuell, Januar 2009). Folgende Sätze in diesem lassen einen besonders aufhorchen und müßten im Grunde jeden klassischen Verhaltensforscher nach der Art eines Irenäus Eibl-Eibesfeld aufhorchen lassen (etwa nach der Hälfte des Interviews):

... Frage: So nach dem Motto, wie viel asiatische Mentalität ist in mir, obwohl ich dort nie war und die Sprache nicht beherrsche?
Antwort von Miriam Stein: Es gibt tatsächlich so körperlich asiatische Dinge an mir, die - da kommt dann die Frage nach der Genetik auf und so weiter - also bestimmte Sachen, motorische Sachen, kulinarische Sachen, die sehr asiatisch sind.
Frage: Ja, man geht anders in Europa?
Antwort: Man geht anders in Asien, würde ich sagen. Aber es kommt auf die Perspektive an. Es fängt ja schon da an, daß im Durchschnitt, durchschnittliche Frauen in Ostasien kleiner sind, überhaupt Menschen sind einfach kleiner, ein bischen schmaler und so weiter. Und mein Bild, das Bild, das ich kenne, sind natürlich große, blonde deutsche Menschen. Und allein das ist natürlich schon extrem anders. Jede Kultur oder jedes soziale Netzwerk hat natürlich seine eigenen Gepflogenheiten, auch aus motorischer Sicht. Sie wissen ja, Deutsche neigen ja eher zur Bodenständigkeit und in Frankreich wird eher getippelt und in Italien wird eher gegockelt. Und so ist es natürlich in Asien auch. Und Ostasien hat halt so eine ganz bestimmte (Art zu gehen), grade bei Frauen so mit dem leicht gesenkten Blick und nach unten mit kleinen komischen Schritten. Und das habe ich tatsächlich immer gehabt. Und ich bin immer ausgelacht worden. Und als ich dort war, habe ich so ehrlich gesagt: na also.

Es wäre noch einmal zu klären, ob diese Beobachtung mit den Forschungen des Soziobiologen Daniel G. Freedman (1927-2008) (Amaz., UChicago) abgeglichen werden können, der Verhaltens- und Motorik-Unterschiede schon bei neugeborenen Babies unterschiedlicher kontinentaler Herkunft festgestellt hat und diese in größere kulturwissenschaftliche Zusammenhänge gestellt hat (6).

In einem anderen Interview fällt der Satz (Brigitte):

Du schreibst, daß du manchmal das Gefühl hattest, im falschen Land zu Hause zu sein.

Sie sagt in diesem Interview auch:

Auf der Reise habe ich gemerkt, daß Korea ein tolles Land ist. Das Fremde in mir, in meinem Gesicht, ist mir quasi vorgestellt worden.

Da redet sie wirklich sehr kraß: "Das Fremde in mir, in meinem Gesicht."

"Ich hatte früher immer Heimweh, ich habe als Baby nachts wahnsinnig viel geweint"

  Und sie sagt:

Ich hatte früher immer Heimweh. Und als Baby habe ich nachts wahnsinnig viel geweint. Das ist hart - auch für die Eltern. Und dann das kulturelle Chaos, das eine Adoption auslösen kann.
Sie sagt über Adoption aus einem anderen Erdteil:
Wenn man einem Kind helfen will, warum nicht im eigenen Land? Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Man muß den Müttern helfen. In Korea wurden über 200.000 Kinder aus dem Land adoptiert. Was hat das für diese 200.000 Frauen bedeutet?
Auf die Frage nach Reaktionen auf ihr Buch sagt sie:
Von jungen Adoptierten habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen. Es gab aber auch ganz böse Reaktionen von Adoptivmüttern, die jetzt noch kleinere Kinder haben. Ich will natürlich niemandem verbieten, Kinder zu adoptieren. Aber die jetzt erwachsenen Adoptierten haben das Recht auf eine kritische Debatte.

Daß in westlichen Gesellschaften noch heute so viele Adoptivkinder aus anderen Erdteilen "importiert" werden, beruht klar auf ideologischen Vorgaben. Auf der Multi-Kulti-Ideologie. Auf der ideologischen Vorgabe, daß die unterschiedliche genetische Herkunft und die unterschiedliche frühkindliche muttersprachliche Prägung weltweit nicht wichtig sind für die Herausbildung der eigenen Identität von Menschen und der von ihnen gebildeten "Vergemeinschaftungen". Es paßt auch nahtlos zu den globalisierenden Doktrinen der katholischen Kirche. Es wird derartiges Adoptieren noch heute richtiggehend beworben, indem bekannte Stars wie Madonna oder Angelina Jolie und Brad Pitt, die das tun, als vorbildlich hingestellt werden.

Miriam Stein spricht von schnulzigen oder schmalzigen Presseberichten über diese - - - "Vorbilder". Aber wer glaubt, daß genetische Herkunft und frühkindliche muttersprachliche Prägung "nicht wichtig" seien, der höre doch einfach einmal nur inzwischen erwachsen gewordenen Adoptivkindern zu. Sie erzählen etwas anderes. Und man bekommt plötzlich Hochachtung vor dieser großen Macht. Der Macht der Gene, der Macht der Herkunft, der Macht der Muttersprache, der Macht der Heimat, der "Macht" des eigenen Volkes. Warum auch wird diese große Macht, diese Größe in unserem Leben fortlaufend kleingeredet, weggeredet? Was ist das Ziel? Was ist die Absicht? All das ist doch etwas durch und durch Natürliches. Hier hat der Mensch Heimat, hier hat er Geborgenheit - alles Größen, nach denen doch moderne Gesellschaften händeringend suchen.

Man möchte fast meinen, daß Miriam Stein ihre Situation mit geradezu deutscher Gründlichkeit analysiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Buchlesern (auf Amazon oder sonst) kann ich am Ende ihres Buches nichts wirklich Versöhnliches finden. In einem nachfolgenden Interview (3) wird Miriam Stein geradezu zu einer Lobpreiserin der multikulturellen Gesellschaft, in der sie nun in Berlin lebt. Oder auch: in die sie sich geflüchtet hat. Dies ist ihre "Heimat". Hier sind die Menschen so "bunt", daß sie mit ihrem typisch asiatischen Aussehen nicht gar so sehr auffällt. Wo sie nicht so auffällt wie sie in den 1980er Jahren in Osnabrück aufgefallen ist. Hier spricht man - im Gegensatz zu Südkorea - eine Sprache, die sie selbst spricht, und in der sie sich selbst sich und anderen erklären kann. Was ihr in Südkorea nicht möglich war. Denn ohne die Sprache zu beherrschen, stand sie dort - obwohl dort alle so aussehen wie sie selbst - außen vor.

Ihr wurde erst in Südkorea bewußt, wie sehr der Mensch durch die Muttersprache zu dem gemacht wird, was er ist und wie sehr ihn die Muttersprache mit anderen Menschen verbindet, bzw. ihn von diesen trennt.

Sind Äußerlichkeiten "nur" Äußerlichkeiten?

Beim Lesen dieses Buches wird einem deutlich: Es ist schon reichlich merkwürdig, daß unsere heutige Kultur, die sonst immer so viel auf "Äußerlichkeiten" wert legt, gerade die "Äußerlichkeiten" der physischen Rasseunterschiede kleinzureden versucht und so tut, als wären sie ganz ohne Bedeutung.

Man frage dann doch einmal, wie es Adoptivkindern damit geht oder gehen kann. 

Miriam Stein hat sich ständig damit auseinanderzusetzen. Wenn man Videos von ihr im Internet sieht (abc), wird einem erst bewußt, wie sehr koreanisch sie aussieht. Wer Koreaner kennt, weiß, daß es auch unter ihnen Menschen gibt, die mehr Europäern ähneln als andere Koreaner. Aber Miriam Yun Min Stein wirkt aus irgendeinem Grund noch koreanischer als viele  Menschen, die in Korea geboren und aufgewachsen sind. Deshalb wird sie diesen Gegensatz und Zwiespalt womöglich noch krasser empfinden als andere. Zumal auch noch einmal die norddeutsche Art, ihr norddeutscher Sprachduktus den Gegensatz zu ihrer Herkunft verstärken, mehr verstärken als dies womöglich ein süddeutscher Dialekt und damit verbundene süddeutsche Art tun würden. (In Süddeutschland findet man ja auch häufiger Menschen, die trotz ihrer Jahrhunderte alten deutschen Herkunft Miriam Stein äußerlich mehr ähneln als in Norddeutschland.)

"Ich bin nicht undankbar, aber: Internationale Hilfe kotzt mich an."

In ihrem Bühnenauftritt "Black Tie" versucht sie, sich ihre Gefühle als neun Monate altes Mädchen klar zu machen, als sie in ihrer deutschen Adoptivfamilie ankommt (Black Tie, 22'00):

Du schaust hinaus und siehst nur Leute, die deutsch aussehen. Du schaust in den Spiegel und schaust anders aus, als du dich fühlst. Du bist nie ganz innen. Und du paßt nie ganz nach außen. Du hörst immer wieder: Dies ist das Beste, was dir passieren konnte. (...) Immer wieder merkst du, daß du den anderen fremd bist, weil du anders aussiehst. Dieses Fremde ist dir selbst aber auch fremd. (...) Du hast keine Ahnung, wie es klang, dort, wo du herkamst. Wie die Straßen klingen und wie die Menschen sprechen. (...) Du hast es mit Systemen zu tun. (...) Du bist eine Versuchsanordnung.

Miriam Yung Min Stein geht so weit zu sagen (Black Tie, 33'20):

Ich bin nicht undankbar, aber: Internationale Hilfe kotzt mich an.

Sollte man nicht auch irgendwann die Schlußfolgerung ziehen und sagen: Ich bin nicht undankbar, aber: Die Geringachtung der demographischen und damit auch kulturellen Erhaltung gewachsener Völker und Kulturen auf der Nordhalbkugel, die mit internationaler Migration in Maßen in Einklang zu bringen wäre, die aber mit Massenmigration wie sie heute stattfindet, nicht mehr in Einklang zu bringen ist - - - kotzt mich an?

Veröffentlichungen und Aktivitäten seit 2022

Ergänzung 20.5.2025: Inzwischen ist Miriam Stein mit weiteren sehr interessanten Veröffentlichungen und Aktivitäten an die Öffentlichkeit getreten (7-10). Im Februar 2024 erschien ein Interview mit ihr in der Zeit, das hinter einer Zahl-Schranke verborgen ist, und von dem folgende Ausschnitte zugänglich sind (8):

Als Baby wurde unsere Autorin in Südkorea ausgesetzt und später in Deutschland adoptiert. Jahrzehntelang kannte sie keine Blutsverwandte. Dann machte sie sich auf die Suche. (...)
Miriam, welches Sternzeichen bist du?
Keine Ahnung.
Wieso das denn nicht?
Weil ich nicht weiß, wann und wo ich geboren wurde.
Waaas? Nicht mal den Tag?
Nope.
Aber ... wie kommt das?
Weil ich aus Südkorea adoptiert bin und weder meine biologischen Eltern noch meinen Geburtsort und Geburtstag, geschweige denn die Uhrzeit kenne.
Gespräche wie dieses führe ich ständig. Wenn es um Sternzeichen geht oder auch wenn mein Gegenüber meinen Namen nicht mit meinem asiatischen Gesicht übereinbringt. Wie eine Superheldin habe ich eine eigene "Origin-Story", die ich dann immer wieder erzähle: Als ich ein paar Wochen alt war, hat meine biologische Mutter mich in der südkoreanischen Stadt Daegu ausgesetzt. Laut den wenigen Papieren, die mit mir aus Südkorea nach Deutschland kamen, wurde ich von einem Polizisten gefunden und ins Waisenhaus gebracht. Offenbar habe ich danach ein paar Monate bei einer nicht näher bekannten Pflegemutter gelebt. Nur die paar nichtssagenden Dokumente sind mir aus diesem kurzen Leben geblieben, außerdem ein Babyfoto und der zweiteilige weiße Schlafanzug mit Bärchen, den ich trug, als ich gefunden wurde.

Auf Instagram kann man inzwischen ihre Vorträge und Veröffentlichungen verfolgen (Insta). Vielleicht kommen wir hier gelegentlich darauf zurück.

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  1. Stein, Miriam Yung Min: Berlin - Seoul - Berlin. Fischer-Krüger, Frankfurt/Main 2008 (Amazon)
  2. Helgard Haug; Daniel Wetzel; Co-Author Miriam Yung Min Stein: Black Tie, Rimini Protokoll, Berlin, 12.3.2012; auch: BBAW, Januar 2012
  3. Interview mit Miriam Yung Min Stein. Auf: Berlin Audiovisuell, Januar 2009
  4. Stein, Miriam: Wie die Wilden. Modetrend Ethno-Muster. (Früher trugen sie nur Globetrotter: Kleidung, die aussieht, als hätte sie ein Naturvolk gefertigt. Jetzt ist eine wahre Ethno-Manie in der Mode ausgebrochen, auch Prominente sind dem Trend bereits verfallen. Doch was ist der Unterschied zwischen Ikat, Navajo, afrikanischem Wachsdruck und Aborigine-Print? Eine kleine Musterkunde.) In: Süddeutsche Zeitung, 23.4.2012
  5. Stein, Miriam: Girls am Rande des Zusammenbruchs. (Laut, bunt und niemals erwachsen: Nach den Erfolgen des Korea-Pop wollen nun asiatische Popbands wie Perfume den Westen erobern. Dazu gehören, neben Musik und viel Fashion, Disziplin und harte Arbeit.) In: Süddeutsche Zeitung, 09.08.2013
  6. Freedman, Daniel G.: Human Sociobiology - A Holistic Approach. Free Press 1979
  7. Stein, Miriam: Die gereizte Frau. Was unsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun hat. Goldmann Verlag 2022 (Amaz)
  8. Sawsan Chebli, Miriam Yung Min Stein: Laut. Warum Hate Speech echte Gewalt ist und wie wir sie stoppen können. Goldmann, Frankfurt 2023
  9. Stein, Miriam: Ist da jemand? Adoptivkind auf der Suche nach Blutsverwandten. In: Die Zeit, Nr. 7/2024, 8. Februar 2024 (Zeit2024)
  10. Stein, Miriam: Weise Frauen. Warum unsere Gesellschaft mehr weibliches Wissen braucht – eine Spurensuche. Goldmann Verlag 2024 (Amaz)

Freitag, 23. August 2013

MAOA 2R-Gen und Gewalttätigkeit in islamischen Ländern

Der Anthropologe Andreas Vonderach auf "Sezession.de"

Im aktuellen Heft der Zeitschrift "Sezession" (August 2013) hat der von uns wissenschaftlich sehr geschätzte Anthropologe Andreas Vonderach einen Beitrag über Kevin MacDonald veröffentlicht unter dem Titel "Jüdische Gruppenstrategie". In einer Inhaltsangabe heißt es:

Andreas Vonderach untersucht abwägend die jüngst übersetzten Bücher des US-Psychologen Kevin MacDonald, dessen Lebenswerk dem Judentum gewidmet ist.

Leider ist der Artikel offenbar nicht im Internet zugänglich. Auch wird berichtet:

Ellen Kositza (...) schloß das Lektorat am neuen Buch von Andreas Vonderach ab, das die Völkerpsychologie zum Thema haben wird.
Abb. 1: "Bestraft Vergewaltiger, nicht Protestierende" (enew)

Man darf gespannt sein! Einen ersten Vorgeschmack erhält man vielleicht schon in Äußerungen von Andreas Vonderach (Sez) (1), die er aus Anlaß jener abstoßenden Vergewaltigung in Indien getätigt hat, die vor einigen Monaten auch hier auf dem Blog angesprochen worden war (Wenn Politiker vergewaltigen):

Ich fürchte, das ist nicht nur eine Sache der Kultur. 
Die meisten außereuropäischen Rassen sind impulsiver und aggressiver als wir. Das 2er-Allel des Monoaminoxidase A-Gens (MAOA 2R), eine Variante des sogenannten „Krieger-Gens“, das mit Impulsivität und Aggressivität korreliert ist, und das bei wegen schweren Straftaten verurteilten Gefängnisinsassen fast dreimal so häufig ist wie in der Normalbevölkerung, kommt bei weißen Europäern zu 0,1 bis 0,5 %, bei Ostasiaten nach bisherigen Untersuchungen gar nicht, bei Schwarzafrikanern zu 5,0 bis 5,5 % und bei Arabern zu 15,6 % vor. 
Da das Gen auf dem X-Chromosom liegt, von dem Frauen zwei haben, betrifft die Korrelation mit Impulsivität und Gewalttätigkeit fast nur Männer. Dazu paßt, daß in diesen Kulturen nach ethnologischen Berichten und der allgemeinen Homizidrate (Häufigkeit von Mord und Totschlag) Gewalt viel verbreiteter ist als bei uns.
Das sind in der Tat spannende Ausführungen. Auf die Frage:
Daß das verminderte Vorkommen des „Krieger-Gens“ bei innereuropäischen und innerasiatischen Rassen eine Folge der Kultur ist (und nicht deren Ursache) halten Sie für ausgeschlossen ?
schreibt Vonderach:
Nein, das halte ich sogar für wahrscheinlich. Wir und die Ostasiaten haben uns unsere aggressiven Impulse in der Zivilisation weitgehend weggezüchtet, während die Araber als ausgesprochene Kriegergesellschaft sich die, verstärkt durch die Polygamie, wahrscheinlich regelrecht angezüchtet haben.
Ich kenne keine MAOA-2R-Daten für die Inder. Aber allgemein gelten die Südinder als eher friedlich, während die Nordinder schon etwas zu den Iranern und Arabern tendieren.
In diesen Ausführungen wird einmal erneut auf jene Gen-Kultur-Koevolution hingewiesen, die in den letzten Jahren immer stärker in das Blickfeld der Humangenetik gerät. Auch schreibt Vonderach:
Die Impulsivität, Aggressivität und starke sexuelle Ansprechbarkeit der Araber entspricht nicht nur der allgemeinen Erfahrung, sondern ist auch seit der Antike und dem Mittelalter immer wieder bezeugt. Die extremen Sanktionen in der islamischen Rechtsprechung scheinen hier ein notwendiges Korrektiv zu sein. Ebenso wie die Wegsperrung und Verschleierung der Frauen, die es in Nordafrika und dem Nahen und Mittleren Osten schon in der Antike gab, lange vor dem Islam.
Den ethischen Unterschieden in der Aggressivität und der sexuellen Ansprechbarkeit entsprechen übrigens auch der Testosteronspiegel, bzw. der anderer Androgene (männliche Geschlechtshormone). Der ist bei den Ostasiaten am niedrigsten, bei uns etwas höher, und bei Arabern und Schwarzen am höchsten. Die ethnischen Unterschiede bestehen übrigens in erster Linie bei jungen Männern und verschwinden im Alter weitgehend.
Und:
Kulturen unterscheiden sich auch in den Werten, die in ihnen gelten. Verwgewaltigung als Tatbestand ist eine europäische Erfindung. In anderen Kulturen gibt es höchstens den Tatsbestand der „Schändung“, aber dabei geht es um die (Familien-)Ehre und die Jungfräulichkeit, nicht um das Wohlergehen der Frau.
In vielen Kulturen gilt es nicht als Schande, wenn ein Mann sich eine Frau „nimmt“, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Deswegen werden ja im Islam die Frauen so weggeschlossen, weil man es dort für geradezu normal hält, daß es zu Sexualkontakten kommt, wenn ein Mann und eine Frau allein und unbeobachtet sind. 
Vergewaltigung in der Ehe war im Islam geradezu die Norm. Im Irak war es üblich, daß der Mann zu Beginn der Hochzeitsnacht vor den Augen seiner Braut eine Katze schlachtete, um sie gefügig zu machen. Die Frau sollte beim ehelichen Beischlaf ausdrücklich keine sexuelle Befriedigung erlangen, denn sonst würde sie die auch bei anderen Männern suchen, meinte man. 
Und die Zwangsheiraten von Minderjährigen in Indien sind ja wohl auch nicht allzuweit von Vergewaltigungen entfernt.

Nun, diese Aussagen von Vonderach wären sicherlich noch nach vielerlei Richtungen hin zu differenzieren. Es wäre natürlich insbesondere hervorzuheben, daß die islmaische Hochkultur reiche Zeugnisse beseelter Liebesgemeinschaften zwischen Frau und Mann kennt. (Vielleicht wäre auch für differenziertere Aussagen zurückzugreifen auf Sigrid Hunkes "Allahs Sonne über dem Abendland".) 

Niedrigerer IQ = geringere Empathiefähigkeit?

Was man noch keinesfalls unbesehen hinnehmen möchte, ist folgende Aussage von Andreas Vonderach:

Die Grausamkeit in vielen außereuropäischen Kulturen hängt übrigens auch mit dem – praktisch überall außer in Ostasien – niedrigeren IQ zusammen. Mit dem ist eine geringere Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren und die Position des anderen einzunehmen, verbunden. Dies bedingt nach Auffassung der kulturvergleichenden Piaget-Forschung (Georg W. Oesterdiekhoff u.a.) eine geringere Empathiefähigkeit. Eine Folge ist die große Grausamkeit im Strafrecht oder gegen Gefangene oder auch gegenüber Tieren. Das gilt tendenziell auch für unsere Unterschichten.

Ob hier Oesterdiekhoff zu folgen ist, dessen Forschungen doch bei weitem nicht so breit anerkannt (oder auch nur bekannt sind) wie sonstige IQ-Forscher, muß doch noch arg in Frage gestellt werden. Man liest so etwas sonst in der Literatur auch vergleichsweise selten. Daraus müßten sich ja auch große Schwierigkeiten ergeben in der sozialen Kommunikation zwischen Menschen mit höherem und niedrigerem IQ. Darf das so allgemein unterstellt werden? Wo doch Forscher wie der auch von Vonderach so geschätzte Eibl-Eibesfeldt von mangelnder Empathiefähigkeit von Jäger-Sammler-Völkern nun wirklich nichts zu berichten wußten!?

Gegenüber einem üblichen Einwand betont Vonderach noch einmal - es dauert in derartigen Diskussionen heute noch lange, bis es alle verstanden haben:

Ich habe nicht gesagt, daß a l l e s Genetik ist, und ja auch selbst einige Beispiele für kulturelle Faktoren angeführt. Und natürlich erklärt auch ein einziges Gen wie das MAOA-2R-Gen nicht a l l e s.
Aber ganz sicher ist auch nicht a l l e s Kultur. Es besteht eine Wechselbeziehung zwischen Kultur und Biologie. In traditionellen Kulturen (quasi allen außer unserer seit dem 19. Jhdt.) ist sozialer, ökonomischer und politischer Erfolg mit größerem Fortpflanzungserfolg verbunden. Dadurch züchtete sich jede Kultur auf die Werte hin, die in ihr anerkannt waren und die den sozialen Erfiolg ermöglichten. Bäuerliche Kulturen züchteten sich so auf Fleiß, Voraussicht und Verläßlichkeit, kriegerische auf Maskulinität und Aggressivität. 
Die Araber sind auch körperlich maskuliner als wir, haben einen maskulineren Körperbau, stärkeren Bartwuchs usw. und eben auch mehr Androgene, die Ostasiaten dagen einen weniger maskulinen Körperbau, weniger Androgene usw. Das sind natürlich nur grobe Tendenzen, die in jedem Volk ihre besondere Ausprägung finden.
Die Wikinger und alten Germanen waren sicher aggressiver als wir, weil sie auf einer entsprechenden historischen kulturellen Entwicklungsstufe standen, mit entsprechenden Werten. Aber wir sind auch nicht mehr genetisch mit ihnen identisch. Zwischen den alten Germanen und uns liegen außerdem 2 000 Jahre bäuerliche und städtische Kultur. Übrigens besteht auch heute noch eine positive Korrelation zwischen hellblonder Haarfarbe und Risikobereitschaft.
Das dürfte man alles als wesentliche Ausführungen erachten. Und auf einen weiteren Einwand:
Die Korrelationen des MAOA-2R-Gens sind eine Tatsache, genauso wie die von mir angeführten Populationsunterschiede. Die kann man nicht einfach so als „angeblich“ vom Tisch wischen. Der Begriff „Krieger-Gen“ ist natürlich eine Journalistenerfindung gewesen. Es geht um spontane, impulsive Aggressivität und geringe affektive Selbstkontrolle.
Das ist eine Eigenschaft, die nach allem, was wir wissen, wir Deutschen sehr wenig aufweisen. Das zeigt zum Beispiel die Tatsache, daß die spontanen Gewaltverbrechen in Deutschland und den anderen germanischen Ländern seit Beginn der Kriminalstatistik wesentlich seltener sind als in Ost- oder Südeuropa, von Außereuropa ganz zu schweigen. Meiner Meinung nach zeigt das auch das Verhalten der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, wo spontane Übergriffe auf Zivilisten viel seltener waren als bei unseren Kriegsgegnern. Man denke nur an die Exzesse der Russen oder Tschechen, und selbst die Franzosen hatten da mehr auf dem Kerbholz als wir.
Das ist übrigens eine Frage, die hier auf dem Blog nach und nach noch genauer zu klären ist, inbesondere anhand der neueren Veröffentlichungen des Historikers Neitzel. Leider hat Neitzel noch nicht den Versuch gemacht, sein reichhaltiges, geheimdienstliches Quellenmaterial diesbezüglich statistisch auszuwerten, was erst eine wirklich fundierte Auswertung wäre. Vonderach aber ganz richtig weiter:
Soldatische Leistungen beruhen natürlich auf ganz anderen Eigenschaften.
Die amerikanischen Nationalcharakter-Studien im II. WK waren rein spekulativer, großteils psychoanalytischer Natur und keine wissenschaftlich seriösen Untersuchungen.
Die von Richard Lynn vorgebrachten Daten sind selbstverständlich empirische und belastbare Daten, selbst wenn er irgendwann einmal den IQ eines Landes aufgrund von anderen, ethnisch verwandten Nachbarländern geschätzt haben sollte. Das ist, wenn man den Landes-IQ wissen will und es keine Daten gibt, absolut legitim. Er hat darauf natürlich keine weiteren Schlußfolgerungen aufgebaut. Deswegen seine Ergebnisse, die wie gesagt auf belastbaren Daten beruhen, in Bausch und Bogen zu verwerfen, geht natürlich nicht an. Selbst wenn man Lynn beiseite ließe, gäbe es immer noch genug Daten, um die von ihm beschriebenen Rassenunterschiede zu belegen. 
Sie machen es sich entschieden zu einfach, und, ehrlich gesagt, erinnert mich ihre „Argumentationsweise“ an die von linken „Antirassisten“, die mit ähnlichen Unterstellungen und Verkürzungen arbeiten.

Interessant - wieder einmal: Danach wurde die Diskussion recht schnell geschlossen. Was einmal erneut zeigt: Daß alle Leser und Diskutanten eine einwandfreie Klärung der Zusammenhänge zwischen Genetik, Verhalten und den Unterschieden zwischen den Völkern bezüglich dieser Dinge wirklich verstehen, ist gar nicht das Anliegen von "Sezession". Man ist Teil der christ-katholischen Lobby in Deutschland und fühlt sich da geistigen Zusammenhängen verpflichtet, die selten deutlich genug nach außen zum Vorschein kommen. Die aber immer wieder klar erkennbar sind. Auch in diesem Diskussionsabbruch. Man läßt auch einen Andreas Vonderach immer nur so lange reden, so lange es nicht ins Grundsätzliche geht und so lange aus der Forschung nicht gar zu deutliche Schlußfolgerungen gezogen werden in Richtung auf das Weltbild überhaupt.


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  1. Vonderach, Andreas: Kommentare zu dem Artikel von Heino Bosselmann "Frauen in der Fremde" auf: Sezession.de, 19. März 2013

Sonntag, 16. Mai 2010

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Was die westliche Welt alles von einem kleinen Volk im Amazonas lernen kann

Der Sprachforscher Daniel Everett, er, der den großen Sprachforscher Noam Chomsky wissenschaftlich "alt" aussehen ließ (1, 2), macht derzeit unter Atheisten, Humanisten und Naturalisten die Runde: Als christlicher Missionar besuchte er einen Indianerstamm am Amazonas. Aber statt daß er diesen Indianerstamm bekehrt hätte zu Jesus Christus und zum christlichen Glauben, wird vielmehr er selbst durch durch diesen Indianerstamm, seine Zufriedenheit, seine Fröhlichkeit von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches der christlichen Religion überzeugt.

Und ebenso von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches so mancher anderen "Religion". Etwa der "Religion" vom universalen "Sprachinstinkt" aller Menschen (Steven Pinker), der "Religion" von der "angeborenen Universalgrammatik" aller Menschen (Noam Chomsky). Sein nun auch ins Deutsche übersetztes Buch (1) ist außerordentlich lesenswert, mehr aber noch, wenn man danach die beiden in diesen Beitrag eingeflochteten Film-Dokumentationen sieht.

Der Originaltitel seines Buches sagt mehr als der Titel der deutschen Übersetzung und würde auf Deutsch lauten: "Schlaf nicht, es gibt Schlangen!" Das sagt der Indianerstamm der Piraha (Wiki) sich gegenseitig anstelle unseres: "Gute Nacht!" Und in der Tat ist das - wie so vieles andere - für uns ein etwas skurriler Gutenacht-Gruß. Aber die Piraha meinen ihn wörtlich: Die ganze Nacht hindurch redet irgendjemand im Dorf weiter und schwätzt.

Die Forschungen von Daniel Everett bestätigen die Forschungen des Sprachforschers Wilhelm von Humbold, sowie die Sapir-Whorf-Hypothese (Wiki): Die Kultur, Lebens- und Denkweise eines Volkes bestimmen die Art der von diesem Volk benutzten Sprache. Und umgekehrt bestimmt die Art der von diesem Volk benutzten Sprache die Wahrnehmungen und das Denken dieses Volkes, das auf diese Weise eine ungeheuer starke Anpassung an seine Umwelt erfährt.

Gibt es "eine" Wahrheit für "alle Völker"?

Die Piraha zeigen, daß die Theorie der angeborenen Universalgrammatik Noam Chomsky's der vorgefundenen Wirklichkeit bei den Völkern nicht gerecht wird - oder höchstens sehr unvollständig - gerecht wird: Unser Denken und unsere Wahrnehmungen sind, wie die Forschungen der letzten Jahre immer mehr erhärten, kulturell von unserer jeweiligen Muttersprache tiefgehend und einzigartig vorgebahnt. Jede Kultur, jedes Volk der Welt hat seine eigene unverwechselbare, einzigartige Sicht auf die Welt, interpretiert die Welt und das menschliche Zusammenleben auf seine ihm ganz eigenartige Weise.

Es gibt also keine Religion, keine Wahrheit, die für alle Völker auf der Welt in gleicher Weise gültig sind. Man kann sich eine sechsminütige, deutschsprachige Vorstellung des sehr lesenswerten, neu erschienen Buches von Daniel Everett über seine Forschungen und über seinen persönlichen religiösen Weg ansehen (YtARD). Man kann einen Mann der Piraha sprechen hören, jenes Volkes, dem die Forschungen Daniel Everett's gelten (s. Yt oder Yt). Und es findet sich ein einstündiger (englischsprachiger) Vortrag von Daniel Everett über seine Forschungen (Fora.tv).

Von diesem Vortrag kann man sehr profitieren, um so mehr, wenn man zuvor sein Buch gelesen hat. Durch das persönliche Erzählen von Seiten Everett's bekommen die Piraha eine Lebendigkeit und damit eine Liebenswürdigkeit, daß man ihnen und ihrem Erforscher mit großer Sympathie gegenübersteht. Es gibt übrigens inzwischen viele Vortragsausschnitte, in denen Daniel Everett von seiner "Bekehrung" durch die Piraha berichtet (Beispiele: Yt1, 2, 3, ...).

Gibt es eine universelle Sprache auf dem Gebiet des Religiösen?

Ein Volk, das keine Zahlen kennt, sondern daß "per Sprache" unfähig und dem es auch ganz und gar gleichgültig ist, den Geist des Neuen Testamentes zu verstehen, bzw. seine tieferliegende religiöse Konzeption. Mit diesem Volk wird also nicht nur eine "universelle Grammatik" auf dem Gebiet der Sprache infrage gestellt, sondern auch gleich noch eine von den meisten Menschen und Wissenschaftlern heute vorausgesetzte "universelle Sprache" auf dem Gebiet der Religiosität. Daniel Everett setzt an das Ende seines Buches das Kapitel "Ein Missionar wird bekehrt" (S. 385ff). Er schreibt, wie ihn 1983 sein Piraha-Sprachlehrer eines morgens beim Kaffee ansprach:

He, Dan, ich muß mit dir reden. Die Piraha wissen, daß du deine Familie und dein eigenes Land verlassen hast, um hierherzukommen und bei uns zu leben. Wir wissen, daß du das alles getan hast, um uns von Jesus zu erzählen. Du willst, daß wir wie Amerikaner leben. Aber die Piraha wollen nicht wie Amerikaner leben. Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht. Aber wir mögen dich. Du kannst bei uns bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?

Was für ein souveränes Volk. Mit genau diesem Adjektiv bezeichnet schließlich auch Everett selbst die Piraha (S. 396). 

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Aber in einem neuen Anlauf und mit sehr ernster Miene nannte Everett den Piraha irgendwann später seine persönlichen Gründe, wie er zum Glauben an Jesus Christus gekommen sei. Everett war nämlich "bekehrt" worden, so erzählte er ihnen sehr ernst, unter anderem durch den Selbstmord seiner Stiefmutter. Davon erzählte er den Piraha mit bewegten Worten ausführlicher. Und er endete:

Ich erklärte, dies sei eine sehr ernste Geschichte.
Als ich geendet hatte, brachen die Piraha in Gelächter aus. Das kam, gelinde gesagt, unerwartet. Ich (...) rechnete damit, daß mein Publikum ehrlich beeindruckt war: Ich hatte Schlimmes durchgemacht, und Gott hatte mich da herausgeholt.
"Warum lacht ihr?", fragte ich.
"Sie hat sich selbst umgebracht? Ha ha ha. Wie dumm von ihr. Piraha bringen sich nicht selbst um."
Sie waren nicht im Mindesten beeindruckt. Die Tatsache, daß ein mir nahestehender Mensch sich das Leben genommen hatte, war für sie ganz eindeutig keinerlei Grund, an meinen Gott zu glauben. Ganz im Gegenteil: Es hatte genau die entgegengesetzte Wirkung.

Souveräne, vorbildliche Menschen. Nicht im geringsten lassen sie sich in ihrer eigenen Wertewelt erschüttern. Tod ist ein trauriges Ereignis für Piraha, wie auch Everett berichtet. Aber sie haben keine Angst vor ihm. Und so souverän, eigenständig in ihrem Wertesystem, so wirken sie auch in den Videoaufnahmen. Warum kommen uns die Menschen gerade überall dort mitunter so vorbildlich vor, wo Weltreligionen wie Christentum oder Islam noch nicht hingekommen sind? Was hat das Christentum, was hat der Islam mit den Menschen gemacht? Warum diese schlotternde Angst vor dem Tod? Warum dieses unwürdige Kriechen vor ihm?

Waren unsere eigenen heidnischen Vorfahren möglicherweise in früheren Zeiten auch einmal souveräner und in ihrer Wertewelt eigenständiger und haben "Missionare" einfach nur - - - ausgelacht? Und welche Macht maßen sich heute noch diese monotheistischen Interessenklüngel in der westlichen Welt an ... Was geht es sie an, was andere Leute glauben? Warum sagen wir ihnen nicht auch einfach:

Ihr könnt bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?
____________

  1. Everett, Daniel: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. Deutsche Verlags-Anstalt, 15. Februar 2010 (Bücher)
  2. Henk, Malte: Gixai kaxaxai - Die Sprache der Piraha. In: Geo, 1/2010, S. 48 - 70 (im Netz eine --> zu kurze Version - aber mit Video und Hörbeispielen)
  3. Weigmann, Katrin: Beeinflußt Sprache unser Denken? (Spektrumdirekt, 23.3.2007)

Mittwoch, 18. November 2009

Der wahre Grund, warum Schweine nicht fliegen können ...

In welche Richtung bewegt sich die genetische und kulturelle Evolution? - Und warum?

In einem Interview in "Current Biology" äußerte der französisch-amerikanische Humangenetiker Armand Leroi im August 2007 Dinge, die sich auffällig in der Nähe des Denkens des britischen Paläontologen Simon Conway Morris bewegen. Für Simon Conway Morris, den wir schon oft hier auf dem Blog behandelt haben, sind die ungeheuer vielfältigen evolutionären Konvergenzen auf allen Ebenen organischen Seins (bis in die molekulare Ebene hinein) ein Hinweis darauf, daß die Evolution bestimmten "Zwängen", "Richtungen" folgt. Und was sagt Armand Leroi?
... What important questions remain to be answered in your field?

I can think of two.

The first is: can we predict the course of organic evolution in the long term? The short term is easy: that’s just the breeder’s equation. But understanding the longue durée requires a theory that predicts what phenotypes mutation will produce. I am, of course, talking about ‘the correlation of parts’, ‘developmental constraints’, ‘mutational bias’, the ‘integration of development with evolution’, ‘the real reason pigs can’t fly’ — every generation since Darwin has considered, and failed to solve, the problem, though they’ve usually given it a new name.

The second question is rather like the first: can we predict the course of cultural evolution in the long term? (One might add: or even in the short term?) Darwin saw the analogy between cultural and organic evolution; theoretical population geneticists worked out the mathematics of the transmission of cultural traits years ago. Despite this, the field really didn’t take off. I think it is taking off now. Culture is the New World of evolutionary science. To be sure, anthropologists discovered it long ago, but rather like Vikings in America, they never made much of what they found.
"Kultur ist die 'Neue Welt' der evolutionären Wissenschaften." Was für ein großes Wort. Man darf gespannt sein, wie Leute wie Armand Leroi mit dieser ihrer Epoche-stürzenden Entdeckung umgehen.

Da Humangenetiker wie Armand Leroi oder Bruce Lahn in den letzten Jahren wiederholt gefordert haben, daß man den immer deutlicher und differenzierter erkennbaren genetischen Unterschieden zwischen Völkern und Rassen Wertschätzung entgegenbringen muß, daß man sie "feiern" muß (zuletzt Bruce Lahn in Nature, 7.10.09), wird man auch die Worte Leroi's zur evolutionären Erforschung des kulturellen Wandels auf diese Forderung beziehen dürfen. Denn Kulturen entwickeln sich unterschiedlich, je nach den Verhaltens- und Intelligenz-Genhäufigkeiten, die bei den Trägern einer Kultur vorliegen. (s. zuletzt: Spektr. d. Wiss.)

Samstag, 30. August 2008

Asiaten sehen und erleben die Welt und die Menschen anders als Europäer

Diese Abbildung zeigt, wie unterschiedlich Ostasiaten (blau) und Europäer (rot) sich Gesichter anschauen. (ScienceNOW, PLoS One) Der Blick von Ostasiaten (in der hier behandelten Studie 14 Londoner Studenten, die erst wenige Tage in England waren) richtet sich in die Mitte des Gesichts und versucht, das Gesicht "ganzheitlich" zu erfassen. Der Blick von Europäern (14 Londoner Studenten) wechselt hin und her zwischen der Augen- und Mundpartie und "analysiert" die Zusammenhänge. Die Autoren schreiben:

In general, Western Caucasian observers had significantly more fixations landing in the eye region, while East Asian observers had more fixations on the nose region. (...) Western Caucasian observers prominently fixated the eye region during learning and recognition. In contrast, East Asians consistently fixated the central region of the face. (...) This analysis highlights the consistency of the bias towards the eyes (and partially the mouth) by Western Caucasian observers and the nose, the central region of the face, by East Asian observers across time and tasks.
Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse als Folge kultureller Beeinflussung:
Direct or excessive eye contact may be considered rude in East Asian cultures and this social norm might have determined gaze avoidance in East Asian observers.

Diese Interpretation ist wohl noch ein bischen zu kurz gegriffen. Um eine genetische Komponente auszuschließen, müßten günstigstenfalls ostasiatische Adoptivkinder untersucht wurden, die seit der Zeit kurz nach der Geburt im Westen in westlichen Familien aufgewachsen sind. Studien an solchen Kindern zeigten ja schon vor einigen Jahren erstaunliche Beeinflussungen der unterschiedlichen Wahrnehmung durch die unterschiedliche Muttersprache. Die Wahrnehmungen waren nämlich bei ostasiatischen und europäischen Kindern gleich, solange sie noch nicht durch die Muttersprache geprägt worden waren.

Muttersprachliche Prägungen 

Deshalb werden es wohl nicht vornehmlich soziale Normen sein, die die Kinder erst im späteren Lebensalter lernen, sondern auch hier bei der Gesichtererkennung schon muttersprachliche Prägungen, die viel tiefer gehen, die viel unbewußter, vorrationaler und basaler sind, und denen sich die meisten Menschen gar nicht richtig bewußt sind. (Die Forscher betonen auch, daß die kulturellen Unterschiede in der Gesichtswahrnehmung anders sind als bei der Wahrnehmung von Menschen oder Tieren in einer natürlichen Umgebung, die schon zuvor von Robert Nisbett erforscht worden war. (Siehe Studium generale

Während bei der Gesichtererkennung Ostasiaten sehr genau einen Punkt (die Nase) fixieren, fixieren Europäer bei der Wahrnehmung von Lebewesen in der Landschaft diese einzelnen Lebewesen sehr genau. Ostasiaten sehen dagegen das Lebewesen mehr im Zusammenhang mit der Umgebung und verteilen die Blicke auch auf die Umgebung, während Europäer bei der Gesichtswahrnehmung mehr die Einzelheiten eines Gesichtes und ihre Zusammenhänge untereinander zu interessieren scheint und diese analysieren.) 

Man darf annehmen, daß eine andere Wahrnehmung von Welt und Menschen auch zu einem anderen Erleben von Welt und Menschen führt, auch zu anderen emotionalen Reaktionen darauf und darum auch zu anderen moralischen Bewertungen und damit auch zu anderem sozialen Handeln führt. Zwischen all diesen Dingen besteht ein Zusammenhang, bestehen Rückkoppelungs-Prozesse. Rückkoppelungs-Prozesse, die insbesondere schon durch muttersprachliche Prägung irreversibel vorgebahnt werden und später nur noch wenig verändert werden können. 

Siehe auch Studium generale: 1, 2, 3, 4.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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