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Samstag, 5. August 2017

1946 - Die USA verurteilten Deutsche wegen Menschenversuchen zum Tode, die sie selbst begingen ....

Karl Brandt - Der Leibarzt Adolf Hitlers 
- Eine Biographie über ihn wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet

Zur Mordmoral der Nazis, zu ihrer Euthanasie, ihren Menschenversuchen und zur Haltung der Kriegsgegner in diesen Fragen

Eine Biographie über Hitlers Beauftragten für die geheime Durchführung der Euthanasie an Geisteskranken und Schwerstbehinderten im Dritten Reich, also eine Biographie über seinen Leibarzt Karl Brandt (1904-1948) (Wiki) (1) macht nachdenklich. Sie macht schon allein deshalb nachdenklich, weil Karl Brandt - wie von vielen festgestellt wurde - auf allen überlieferten Fotografien als ein menschlich sympathischer, vor allem auch sehr ernsthafter und überlegter Arzt und Mensch zu sehen ist und weil es viele Anzeichen in seiner Biographie dafür gibt, daß sein Leben auch eine ganz andere Richtung hätte einschlagen können. So wollte Karl Brandt in seiner Jugend etwa Mitarbeiter von Albert Schweitzer in Afrika werden. Er führte eine sehr glückliche Ehe mit der mehrfachen deutschen Meisterin im Schwimmen Anni Rehborn (geb. 1904) (Wiki).

Abb. 1: Karl Brandt - Während seines Schlußwortes im Nürnberger Ärzteprozeß

Er gehörte lange Jahre zum engsten Kreis Adolf Hitlers. Was aber nicht verhindern konnte, daß er noch Anfang 1945 im Auftrag Adolf Hitlers von einem Standgericht zum Tode verurteilt werden konnte, weil er - angeblich - versucht hatte, die westliche Front hin zu den Amerikanern zu überschreiten und weil er seine Familie in Thüringen zurück gelassen hatte, das von den Amerikanern besetzt worden war und weil er den einen oder anderen tatsächlichen oder vermuteten Fürsprecher unter den Leuten des 20. Juli hatte.

In der Affäre rund um den Leibarzt Adolf Hitlers Theodor Morell im Herbst 1944, in der sich mehrere Ärzte - darunter Brandt - gegen Morell ausgesprochen hatten, hatte sich letzterer durchsetzen können, was auch zur Absetzung Brandts geführt hatte.

Dem Verfasser dieses Blogbeitrages will es scheinen, daß die Zugehörigkeit zum engsten Kreis um Adolf Hitler und der damit verbundene "Führerglaube" dazu führte, daß Karl Brandt kaum noch wahrzunehmen schien, welche Mordmoral von Adolf Hitler schon vor 1933 öffentlich vertreten worden war und im Röhm-Putsch 1934 praktiziert worden war, und daß gerade diese gelebte und praktizierte Mordmoral, daß das dabei gelebte Ausschalten des Rechtsstaates ihn als Arzt vor besonders schwere Entscheidungen stellen konnte, wenn er schließlich - im Auftrag Adolf Hitlers - leitende Positionen im deutschen Gesundheitswesen, bei der Durchführung der Euthanasie und bei Menschenversuchen übernehmen sollte. Daß es bei den ihm vorgeworfenen Taten keine einwandfreie Rechtsstaatlichkeit gegeben hatte, daß ihnen nicht der frei gebildete Konsens der deutschen Öffentlichkeit zugrunde lag, diese Umstände wiegen schwer.

Man hat das Gefühl, daß der "Führerglaube" dazu führte, daß bestimmte Gehirnregionen, die moralisches Verhalten kritisch bewerten, einfach ausgeschaltet wurden, auch bei so ernsthaft und überlegt erscheinenden Menschen wie dem Arzt Karl Brandt. Jedenfalls findet man in der Biographie über ihn (1) keinen wirklich deutlicheren Hinweis darauf, daß er sich des Prekären seiner Situation im Umfeld von Adolf Hitler überhaupt bewußt gewesen wäre. Aber ein rundes Bild ermöglicht diese Biographie schon deshalb nicht, weil aus den benutzten Lebenszeugnissen von Karl Brandt immer nur ausschnittsweise zitiert wurde und weil man den Gesamtzusammenhang des jeweiligen Originaltextes dieser Dokumente nicht auf sich wirken lassen kann.

Im Internet finden sich ausschnittsweise Filmaufnahmen des Prozeß-Schlußwortes von Karl Brandt (2) und es findet sich - leider nur auf zynischsten Nazi-Seiten - das Schlußwort wenigstens einmal im Gesamtzusammenhang, ebenso die letzten Worte von Karl Brandt kurz bevor er hingerichtet wurde, und nachdem eine Fülle von Gnadengesuchen - auch von deutschen Bischöfen - abgewiesen worden waren (3). Das Schlußwort zeigt, daß Brandt immer noch eine Beauftragung durch Adolf Hitler als "Motiv, das der Gemeinschaft gilt" empfand und als solches vor Gericht auch nicht hinterfragte. Dazu fehlte ihm sicherlich der zeitliche Abstand. Hätte er ein ähnlich langes Leben gehabt, wie Albert Speer, so hätte er sicherlich wie Albert Speer sein eigenes Verhalten vor 1945 mehr hinterfragt als es ihm bis 1946 möglich gewesen ist.

Das Schlußwort zeigt weiterhin, daß für Karl Brandt die Gespräche mit dem Pastor Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946) (Wiki) über das Thema Euthanasie 1940 und 1941 sehr wichtig waren. Nach der Biographie wird es nicht für unglaubwürdig gehalten, daß auch von Bodelschwingh in diesen Gesprächen für besonders schwere Fälle Euthanasie befürwortete, daß sich seine Kritik aber insbesondere gegen die damalige Art der Durchführung derselben, insbesondere ohne gesetzliche Grundlage richtete (1, S. 243). Es ist sehr schwer, sich über diese Biographie (1) zügig ein rundes Bild von Karl Brandt zu verschaffen, da diese Biographie Defizite aufweist, von denen einige in einer vor einigen Tagen veröffentlichten Amazon-Rezension wie folgt benannt worden sind (4).

Eine Einordnung in das internationale Szenario - Sie fehlt völlig (Amazon-Rezension)

Diese Biographie (1) weist eine Fülle von Defiziten auf. Auf drei wesentlichere soll im folgenden hingewiesen werden. So hätte zunächst schon einmal historisch eingeordnet werden müssen, wo die Mordmoral der Nationalsozialisten eigentlich herkommt, innerhalb dessen Rahmen sich diese Biographie bewegt.

Allen aufmerksamen politischen Beobachtern, insbesondere auch den vielen demokratischen deutschen Politikern, die 1933 dem Ermächtigungsgesetz Adolf Hitlers zustimmten oder die sich außerhalb Deutschlands positiv über den Unrechtsstaat Hitlers aussprachen, mußte die Mordmoral der Nationalsozialisten, die Adolf Hitler selbst öffentlich schon vor 1933 befürwortet hatte, bekannt sein. Sie wußten also, was sie taten, als sie den Rechtsstaat in Deutschland außer Kraft setzten oder seine Außerkraft-Setzung befürworteten. Diese Mordmoral war bekannt geworden etwa durch die "Boxheimer Dokumente" des Werner Best aus dem Jahr 1931, jenes nachmaligen, bis 1989 niemals in Deutschland verurteilten "dritten Mannes hinter Himmler und Heydrich", der in Vorbereitung des kommenden Krieges 1937 die Einsatzkommandos aufstellte, wozu zuvor das Reichssicherheitshauptamt in Berlin begründet werden mußte. Auch hatte Hitlers Reaktion auf den "Mord von Potempa" schon vor seiner Machtübernahme keinen Zweifel an seiner Mordmoral lassen können. Viel weniger noch dann die Durchführung der Morde während des sogenannten Röhm-Putsches.

Daß es nun weiterhin viele Hinweise darauf gibt, daß diese nationalsozialistische Mordmoral spätestens seit 1919 in eben jenen völkischen Okkultlogen gepflegt und unterschwellig propagiert wurde, aus denen auch die NSDAP hervorging (Thuleorden, Skaldenorden usw. usf.), wird ebenfalls nicht abgehandelt. Dabei kann man das etwa anhand der Person Ludwig Müller von Hausen schon auf Wikipedia nachlesen.

So hatte es jeder demokratische Politiker und aufgeweckte politische Beobachter eigentlich nur als eine Frage der Zeit ansehen können, wann im Dritten Reich Euthanasie an Geisteskranken und Schwerstbehinderten durchgeführt werden würde - natürlich im Geheimen, ohne Recht und Gesetz und unter fast größtmöglicher Rücksichtslosigkeit gegenüber den davon Betroffenen und ihren nächsten Angehörigen.

Warum es aber nun im Dritten Reich so viele deutsche Ärzte gab, die diesen Zusammenhang zwischen der Mordmoral der Nazis einerseits und dem Euthanasie-Programm andererseits NICHT sahen und sich auch noch nach 1945 zu sehen weigerten, hier einen Zusammenhang zu sehen, das schlüssig zu erklären, bleibt diese Biographie einfach schuldig. Soweit der erste Punkt.

Bemerkenswert ist aber besonders, aus welchen Gründen  Karl Brandt 1947 in Nürnberg zum Tode verurteilt worden ist und aus welchen Gründen nicht. Und hier werden weitere besondere Versäumnisse des Biographen deutlich.

Das Urteil war ja doch - so wie es darstellt wird - letztlich sehr "spitzfindig". Es ließ überraschenderweise offen, ob die durchgeführte Euthanasie als Ganzes würdig der Todesstrafe wäre oder nicht. Es betrachtete das (wenn man das als Leser recht versteht) quasi als "innerdeutsche" Angelegenheit. Karl Brandt wurde allein deshalb zum Tode verurteilt, weil er nicht scharf genug darauf geachtet hätte, daß nicht auch Nichtdeutsche, also ausländische Staatsangehörige unter die Euthanasie mit einbezogen werden würden. Natürlich, das geltende Völkerrecht läßt das - soweit man das als Leser erkennen kann - nicht zu. Ob aber die damalige Siegermacht - angesichts der zahllosen eigenen Kriegsverbrechen - befugt war, deshalb ein Todesurteil auszusprechen und ob es etwas mit menschlicher Größe zu tun hat, dass es auch ausgeführt wurde, stehe aber unter solchen Umständen wirklich dahin und man vermißt hier wiederum eine klare Einordnung von Seiten des Biographen.

Noch interessanter ist aber die erörterte Diskussion um die durchgeführten Menschenversuche im Nürnberger Prozeß, für die Karl Brandt mitverantwortlich war und um derentwillen er weiterhin zum Tode verurteilt wurde. Sein deutscher Verteidiger legte schlicht Belege vor, daß Menschenversuche in den USA zu gleicher Zeit an Gefängnisinsassen ebenfalls durchgeführt worden waren, die zum Tode führen konnten (Infizierung mit Malaria). Und nun wurde interessanterweise sogar jener Verantwortliche für die amerikanischen Menschenversuche als Gutachter vor das Gericht gezogen. Interessant. Wußte man ja gar nicht! Und die Versuche an sich wurden nun gar nicht in Abrede gestellt. Aber aufgrund des Hinweises auf sie wurde Karl Brandt nun nicht wegen Menschenversuchen an sich zum Tode verurteilt (!), sondern nur weil er nicht die "informierte Einwilligung" jener Menschen eingeholt hatte, die diesen Versuchen unterworfen worden waren, wie das - angeblich - zeitgleich in den USA geschehen sei.

Und die Brandt-Biographie, die von einem deutschen Historiker in Großbritannien verfaßt worden ist, hat nun überhaupt kein Interesse daran zu überprüfen, wie die Aussage dieses US-amerikanischen Gutachters vor dem Nürnberger Gericht eigentlich zu bewerten ist aus heutiger Sicht, entweder vom ethischen Standpunkt aus oder auch einfach nur dahingehend, ob sie überhaupt wahr war oder nicht. Welcher Gefängnisinsasse gibt denn freiwillig und informiert seine Zustimmung dazu, sich mit Malaria infizieren zu lassen? Man entschuldige schon einmal. So etwas muß doch erörtert und aufgeklärt werden.

Scheinbar hatte aber auch die westliche Öffentlichkeit damals kaum ein kritisches Interesse für das, was hier von dem US-amerikanischen Gutachter eingestanden worden war, nämlich daß es Menschenversuche in US-amerikanischen Gefängnissen gab.

All das ist in der vorliegenden Biographie überhaupt nicht ausgelotet worden. Man kann aber einmal - nachdem man hier ein Interesse entwickelt hat - einen Blick in Wikipedia-Artikel werfen wie "Unethical human experimentation in the United States". Da liest man, nachdem die eben schon erwähnten Malaria-Versuche an Gefängnisinsassen - wiederum - ganz unkritisch aufgeführt worden waren: "In related studies from 1944 to 1946, Dr. Alf Alving, a professor at the University of Chicago Medical School, purposely infected psychiatric patients at the Illinois State Hospital with malaria, so that he could test experimental treatments on them."

Und da wird man ja wohl schon einmal die kritische Frage stellen dürfen, ob ausgerechnet psychiatrisch erkrankte Patienten besonders geeignet sind, "informierte Einwilligungen" zu den an ihnen vorgenommenen Versuchen zu geben. Muß man das alles nicht behandeln, wenn man eine Biographie über Karl Brandt schreibt?

Das alles ist eine reichlich irre Thematik. Aber darüber muß es doch kritische historische Aufarbeitungen geben. Aber der Biograph von Karl Brandt bedient ausschließlich das übliche klischeehafte "germano-zentrische" Geschichtsbild. Er hat es scheinbar gar nicht nötig, die Biographie von Karl Brandt in ein internationales Szenario hineinzustellen. Das würde ja scheinbar wieder einmal die - vorgebliche - "Einzigartigkeit" der deutschen Verbrechen "relativieren" - - - ? Dabei haben das ja ganz eindeutig die Nürnberger Richter selbst schon getan, indem sie Brandt nicht für das verurteilten, was eingestandenermaßen zeitgleich gängige Praxis in den USA war.

Im übrigen ging das von Seiten US-amerikanischer Wissenschaft noch "fröhlicher", "informiert" und "freiwillig" weiter damals, direkt zeitlich parallel zum Prozeß in Nürnberg und zum Vollzug des Todesurteils an Brandt! Heißt doch schon der nächste Satz des zitierten Wikipedia-Artikels:

"In a 1946 to 1948 study in Guatemala, U.S. researchers used prostitutes to infect prison inmates, insane asylum patients, and Guatemalan soldiers with syphilis and other sexually transmitted diseases, in order to test the effectiveness of penicillin in treating the STDs."

Na, das wird ja doch wohl alles herrlich freiwillig und informiert gewesen sein. Daran wird man doch keinen Zweifel haben dürfen.

Schon aus diesen wenigen Anhaltspunkten entnimmt der Autor der vorliegenden Rezension: Das Todesurteil an Karl Brandt ist schlichtweg als heuchlerische "Siegerjustiz" einzuschätzen. Und der Gesamttenor der vorgelegten Biographie läßt eine gründliche Einordnung des Geschehens in Deutschland in das damals international "übliche" Szenario vermissen. Ein außerordentlich deutliches Versäumnis.

Solche unkritischen Biographien tragen zur Perpetuierung US-amerikanischer Verbrechen weltweit bis heute bei.

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  1. Schmidt, Ulf: Hitlers Arzt Karl Brandt. Medizin und Macht im Dritten Reich. Aus dem Engl. von Helmut Ettinger. Aufbau, Berlin 2009 (zuerst englisch 2007)
  2. Brandt, Karl: Ausschnitt aus seinen Schlußworten im Nürnberger Ärzteprozeß, https://www.youtube.com/watch?v=EcD12nO3BVA
  3. Brandt, Karl: Prozeß-Schlußwort und Letzte Worte. https://deutschesreichforever.wordpress.com/tag/dr-karl-brandt/
  4. Bading, Ingo: Rezension von "Hitlers Arzt Karl Brandt", 2. August 2017, https://www.amazon.de/review/R1EKKTXO6NJ2M4/ref=pe_1604851_66412761_cm_rv_eml_rv0_rv

Montag, 14. September 2015

Mit welchen Aufträgen waren Friedrich Hielscher und Ernst Jünger nach 1933 unterwegs?

Rechtselitäre Schwarz-, Quer- und Geheimfröntler - Bereit gehalten für einen etwaigen Militärputsch?

Hier auf dem Blog sind schon zwei Beiträge veröffentlicht worden zu dem Vordenker der heutigen christlichen Rechtskonservativen, bzw. der "Neuen Rechten" mit Namen Friedrich Hielscher (1902-1990), und zwar:
K. Lehner, 2015
Ein dritter Blogbeitrag zu diesem Vordenker aus dem Mai 2012 ist bislang nie veröffentlicht worden. Er soll hiermit veröffentlicht werden. Inzwischen ist auch eine neue Biographie über Friedrich Hielscher erschienen:
  • Lehner, Kurt M.: Friedrich Hielscher. Nationalrevolutionär, Widerständler, Heidenpriester. Schöningh Verlag, Paderborn 2015 (233 S.),
die vor knapp zwei Wochen auch in der rechtschristlichen Wochenzeitung "Junge Freiheit" besprochen worden ist:
  • Weißmann, Karlheinz: Eigentümlich eigenwillig. Der Nationalrevolutionär und Religionsphilosoph Friedrich Hielscher im biographischen Fokus. In: Junge Freiheit, 28. August 2015, S. 21
(Mit Dank an einen Hamburger Blogleser für die Zusendung dieser Buchbesprechung!) Karlheinz Weißmann lässt in dieser Buchbesprechung womöglich eine größere innere Distanzierung von diesem "Vordenker" erkennbar werden, als man das bislang von Autoren seines Schlages zu hören bekommen haben mag. (Aber das kann auch - nach beiderlei Richtungen hin - ein Irrtum sein. Man hält sich ja immer gerne alle Türen offen ...) Seine Rezension enthält jedenfalls mehrere Absätze, die als willkommene inhaltliche Ergänzung und Bestätigung der beiden genannten, hier schon erschienenen Blogbeiträge dienen können. Deshalb sollen diese Absätze angeführt werden. 1932, so schreibt Weißmann, habe Hielscher erkannt, 
dass das entscheidende Feld überhaupt nicht der Staat, sondern die Religion sei. In der Folge konzentrierte er sich auf die Schaffung eines Bundes, der in vielen Zügen Ähnlichkeit mit dem des verhassten Konkurrenten Stefan George hatte, aber in seinem Anspruch weit darüber hinaus ging.
1932 - das ist kurz nachdem die Männerbund-kritischen Erich und Mathilde Ludendorff ihre weltanschauliche, religiöse Vereinigung "Deutschvolk e.V." gegründet hatten. Für die von ihm gegründete Glaubensgemeinschaft erarbeitete Hielscher nun eine "Liturgie". Weißmann (Hervorheb. nicht im Original):
So hat Hielscher zwar gegenüber Außenstehenden ein großes Geheimnis um seine Konzeption gemacht, konnte aber nicht verhindern, dass durch enttäuschte Anhänger bekannt wurde, in welchem Ausmaß er seine Verkündigung abänderte, von den germanischen Göttern zu den keltischen überging und schließlich bei einem Monotheismus landete, der sich auf irritierende Weise jüdischer Formeln bediente.
... Grins .... ;) "Irritierend" kann das natürlich für Leser dieses Blogs keineswegs sein. Haben wir doch schon im oben genannten zweiten unserer Blogartikel anhand genauer Lektüre des Buches "Das Reich" dargelegt - was auch immer wieder in der Zeitschrift "Sezession" hindurchklingt (etwa in einem dort vor Jahren gebrachten Aufsatz des katholischen Philosophen Spaemann) -, dass der Bezug zum Judentum sowohl bei der Zeitschrift Sezession allgemein wie bei Friedrich Hielscher im Besonderen ein sehr "besonderer" immer schon war und gar nicht erst werden musste. Woraus sich fast zwanglos die Schlussfolgerung ergibt, dass dieser sehr besondere Bezug zum Judentum nur zuvor bei der Verehrung germanischer oder keltischer Götter verbrämt werden musste, um überhaupt in jenen religiös interessierten Kreisen, die sich vom (jüdischen) Christentum abgewandt hatten, Anklang finden zu können. Lauschen wir dem gewiss nicht besonders "irritierten" Karlheinz Weißmann weiter:
Dazu kam noch der dramatische Wechsel in Bezug auf die Lehre vom unfreien hin zum freien Willen, das Ganze weiter kombiniert mit einer Art rationalistischer Esoterik und schließlich noch bereichert um Vorstellungen der Freimaurerei.
Ach ja, und wenn man nun sagen würde, da wäre gar nichts durch Vorstellungen der Freimaurerei "bereichert" worden, sondern diese Vorstellungen bildeten immer schon den Kern jener Religiosität, auf die der gute Friedrich Hielscher hinaus wollte, der ja nach 1945 dann auch ganz offen Freimaurer geworden ist, so würde man sicherlich ganz und gar falsch liegen!! "Völkische" Freimaurerei jedenfalls, Orakelgesellschaften wie Thule-Orden, Bund der Guoten, Ariosophen und Vril-Gesellschaft. Die alle gar nichts anderes waren als Freimaurerei. Oder sagen wir besser, die Freimaurerei waren für - - - "Freimaurergegner". ;) (In der Geschichte des menschlichen Irrwahnes gibt es alles. - Alles.) Der, wie gesagt, keineswegs besonders irritierte Karlheinz Weißmann (der sich ja übrigens auch von einem Herrn Lucke in den letzten Monaten viel zu lange viel zu wenig "irritieren" ließ in der sicher klugen "Strategie", sich immer alle Türen offen zu lassen) schreibt weiter:
Niemand außer Hielscher wusste, welchen zahlenmäßigen Umfang die Gemeinschaft eigentlich hatte, und ein hierarchisches System von "Enkeln", "Söhnen", "Vätern" und "Großvätern" führte dazu, dass die jungen Frontoffiziere in Bezug auf die Bewertung des Kriegsverlaufs kein Wort mitzusprechen hatten, sondern sich stattdessen die Weisung ihres ungedienten Meisters und und Älteren ohne militärische Erfahrung demütig anhören mussten.
Weißmann meint, hier hätte Hielschers "Arkandisziplin absurde Formen" angenommen. Dreimal laut gelacht. Weißmann sollte kein Vorstellungsvermögen darüber besitzen, dass in Geheimgesellschaften eigentlich immer die Absurdität vorherrscht, dass "Ungediente" es besser wissen als das doofe Fußvolk, die "Frontschweine"? Wie lächerlich! Was man der Leserschaft der "Jungen Freiheit" alles so zu bieten wagt. Und wieder einmal besonders auffallend, wenn dann ein Jürgen Elsässer mit solchen Augenwischern sich so herrlich versteht ... Aber all das nur nebenbei.

Jedenfalls: Wie kommt uns das alles doch so bekannt - und keineswegs "absurd" - vor. Das allseits beliebte "Wissensgefälle" von Geheimdiensten und Geheimgesellschaften. Jeder soll nur das wissen, was er zur Erfüllung speziell seiner Aufgabe benötigt ... Und Herr Weißmann sollte sich in seinem Leben noch nie in Lebensbereichen bewegt haben, in denen Wissensgefälle vorherrscht? Wer's glaubt, wählt Lucke, möchte man mal hier ein wenig burschikos sagen. Am Ende von solchem Wissensgefälle haben wir jedenfalls dann immer solche Dinge wie: NSU und RAF, Terrorismus hier und Terrorismus dort, Regierungsumsturz hier und Regierungsumsturz dort, Krieg hier und Krieg dort, Flüchtlingswellen hier und Flüchtlingswellen dort, Gutmenschentum hier und Gutmenschentum dort, Dunkelmenschentum hier und Dunkelmenschentum dort. Und keiner war's gewesen. Keiner.

Das ist ja der springende Punkt. Sondern Bönhard, Tschäpe und Mundlos waren es. Oder Lee Harvey Oswald. Oder Siegfried Nonne. Oder das deutsche Volk. Oder Adolf Eichmann. Schuldige müssen natürlich - mitunter - genannt werden. Sonst wird die Unruhe zu groß. Sonst kämen ja auch noch Leute wie Werner Best - also Freunde Ernst Jüngers - vor Gericht. Na, das wollen wir ja dann doch verhindern!

Nachdem wir jedenfalls diese Absätze aus der Weißmann-Besprechung zitiert haben, können wir den Anlass nutzen, den genannten, bislang unveröffentlichten Blogbeitrag aus dem Jahr 2012 hier folgen zu lassen. Er beinhaltet eine Art Zusammenfassung von vielen disparaten, verteilten Bloginhalten aus früheren Jahren, sowie ihre gedankliche Weiterführung, indem auf das Wirken des elitären Salons Salinger ab dem Jahr 1927 hingewiesen wird.

Hielscher - Jünger -Schmitt - Die intellektuelle "Reservearmee" der Wallstreet, des Vatikans und asiatischer Geheimorden für den Fall eines erfolgreichen deutschen Militärputsches gegen Hitler und seinen Krieg?

Was die reale und faktische politische Bedeutung von Friedrich Hielscher und seines Kreises betrifft, muss man beachten, dass weite Kreise innerhalb Deutschlands und in den Führungsetagen der anderen Großmächte für das Jahr 1932 ziemlich sicher einen neuen Weltkrieg erwarteten. Bei kaum jemanden werden diese geradezu religiösen Erwartungen eines neuen Krieges, ja, sein Herbeisehnen so deutlich wie bei Friedrich Hielscher und der Bibel seines Freundeskreises, seiner "Kirche", nämlich in seinem Buch "Das Reich" aus dem Jahr 1931. 

Die Kreise, die mit dem Ausbruch dieses Krieges an die Macht zu kommen hofften und glaubten, waren eben jene "nationalrevolutionären" Kreise der "Neuen Nationalisten", die spätestens mit der Reichskanzlerschaft des Kurt von Schleicher und mit seinen Querfront-Konzepten ihre politischen Ideale hatten verwirklichen wollen.

Von der "Schwarzen Front" (1930) über die "Harzburger Front" (1931) und die "Querfront" (1932) zur "Geheimen Front" (1933/34)

Es waren dies - neben anderen - die Kreise rund um den "Deutschen Herrenklub" (dem unter anderem Franz von Papen angehörte) und mehr wohl noch rund um den "Tatkreis", der von Hans Zehrer geleitet wurde. Werner Best hinwiederum hat damals wohl eher dem Herrenklub nahe gestanden. Seine Freunde Friedrich Hielscher, Ernst Jünger und andere standen dem Tatkreis nahe. Man verteilte sich, um überall einsatzbereit zu sein, um überall die "Eisen im Feuer" zu haben. Es wird hier auch viele Überschneidungen gegeben haben. In beiden Kreisen glaubte man - wie Hitler und die Nationalsozialisten - mit einer neuen "Herrenschicht" "Das Reich" oder "Das Dritte Reich" oder "Das Dritte Reich und die Kommenden" (nämlich die östlichen Buddhisten) schaffen zu können.

Insbesondere glaubten die mehr intellektuellen Kreise um Salinger, Zehrer, Hielscher, Best (Alexander Rüstow, Carl Schmitt ...) die mehr als proletenhaft empfundene NSDAP am langen Arm von der Macht entfernt halten zu können, bzw. zugleich doch auch ihre Machtstellung ausnutzen zu können und sie nach und nach "einbinden" zu können für die eigenen elitären, totalitären, priesterdiktatorischen ("theokratischen"), ordensartigen Zwecke. (Die Organisation des Staates selbst "als Orden", als totalitäre "[Einheits-]Kirche" und Priesterhierarchie ist der hier vorherrschende faschistische Grundgedanke. Und dies ist auch der faschistische Grundgedanke des zeitgleichen Julius Evola in Italien.)

Als dann all diese Pläne für so viele so plötzlich und überraschend Ende Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler "zunächst" einmal fehlgeschlagen waren, machten sich viele weiterhin Hoffnungen auf eine "Geheime Front" (so der "Jungdeutsche Orden", der "Bund der Guten" unter Kurt Paehlke, die Strasser-Brüder und andere) (vgl. Franz Wegener / Weishaar und der Bund der Guten). Auch zu diesem Zweck schon war es gut, sich in Positionen im neuen Staat hinein zu schieben oder diese Positionen zu behalten und auszubauen.

Einige blieben auf der Strecke ...

Die länger vorbereiteten Morde des "Röhm-Putsches" vom 30. Juni 1934 scheinen genau gegen diese "Geheime Front" und damit zum Teil auch gegen die vormalige Schleicher-Strasser(-Röhm[?])'sche "Querfront"-Politik gerichtet gewesen zu sein, die die NSDAP also offenbar immer noch fürchtete und brutalst einzuschüchtern bestrebt gewesen ist. Auch die Querfront-Intellektuellen selbst wären im Falle ihrer Machtübernahme vor ähnlichen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt (siehe die Hielscher-Bibel "Das Reich"). Weshalb diese Morde von dieser Seite auch nur "kalt" registriert, bzw. "kalt"-enthusiastisch gerechtfertigt wurden (Carl Schmitt), quasi als eines der vielen "notwendigen" "Stahlgewitter" des weitergehenden "Dreißigjährigen Krieges". Nur dass "Proleten" "Edle" mordeten, war für die nationalrevolutionären Herrenschicht-Kreise womöglich ein Problem. Nicht jedoch, dass sie überhaupt mordeten.

Nach dieser endgültigen Entmachtung der rechtselitären Nationalrevolutionäre und "Neuen Nationalisten" durch den "Röhm-Putsch" setzten Friedrich Hielscher, Ernst Jünger, Friedrich Wilhelm Heinz, Carl Schmitt und andere dann endgültig in der Weiterverfolgung ihrer Ziele auf die Unterwanderung von Partei und SS durch die eigenen Leute. Dabei waren sie nicht zimperlich. - Aber was wollten sie dabei? Was hatten sie mit der "Querfront"-Regierung unter von Schleicher denn gewollt?

Für Carl Schmitt endete die "Unterwanderung" schon im Oktober 1936. Werner Best wurde 1940 in Nebenpositionen abgedrängt, behielt aber nicht geringe Macht in Frankreich und Dänemark bis 1945. Friedrich Hielscher und zahlreiche Freunde hielten sich im Umfeld des "Ahnenerbes" und konnten sogar einen Schüddekkopf - und wohl zahlreiche andere - ins Reichssicherheitshauptamt schieben.

Aber eigentlich haben sie alle außen- und kriegspolitisch nichts anderes gewollt als die NSDAP, nur dass eben jetzt die "proletarischere" NSDAP - und nicht sie selbst (also die vorgeblich "Intelektuelleren", "Überlegeneren", "Abgehobeneren", "Konspirativeren"), am Ruder waren. Wenn sie also in der Folge das Dritte Reich unterwanderten und gerne auch - im Zusammenwirken mit den Geheimdiensten unter Canaris und Best - die Kriegsbemühungen zunächst (bis 1940) anfeuerten und dann (ab 1940) dosiert sabotierten, so nicht etwa deshalb, weil sie die Verwirklichung der als bürgerlich-spießerhaft empfundenen demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien im Dritten Reich vermissten, beziehungsweise weil sie etwa - Spaß beiseite!: "bürgerlich-spießerhaft" - seine Mordmoral verurteilen würden. 

Nein, nein, keineswegs. Sondern schlicht weil sie insgesamt selbst nicht jene Macht in Besitz hatten, von der sie zumindest bis Ende 1932 fast sicher geglaubt hatten, dass diese ihnen zufallen würde und deshalb auch zukommen müsse. Schlicht deshalb, weil der oberste religiöse Führer Adolf Hitler hieß - und nicht Friedrich Hielscher (oder Kurt Paehlke). Dieses ganze Intrigenspiel wurde bis 1945 weitergespielt und nach 1945 dann als "Widerstand" verkauft. Einige blieben auf der Strecke (Gerhard von Tevenar 1943, Kurt Paehlke 1945, Albrecht Haushofer 1945, Wolfram von Sievers 1946 ...). Andere hievten sich nach 1945 in neue Machtpositionen: Friedrich Wilhelm Heinz als erster Geheimdienstchef Adenauers. Andere sollten noch lange nach 1945 von ihren Auftraggebern ans Messer geliefert werden (vermutlich): Rudolf Diehl etwa.

Umstürzlerische Tendenzen im "Salon Salinger" seit 1927?

Schon im "Salon Salinger", der etwa seit 1927 bestand, hatte die politische Polizei der Weimarer Republik gefährliche Umsturz-Tendenzen vermutet (a):
Der jüdischstämmige Hans Dieter Salinger, Beamter im Reichswirtschaftsministerium und Redakteur der „Industrie- und Handelszeitung“, versammelte hier einen bunt zusammengewürfelten Kreis um sich. Neben Hielscher sind hier Ernst von Salomon, Hans Zehrer, Albrecht Haushofer, Ernst Samhaber oder Franz Josef Furtwängler, die rechte Hand des Gewerkschaftsführers Leipart, zu nennen.
Der Bombenleger Ernst von Salomon wurde im Dezember 1927 nach nur "symbolischer" Haft aus dem Zuchthaus entlassen (1, S. 889):
Am Tage seiner Entlassung lernt er Friedrich Hielscher kennen, der ihn mit dem Wirtschaftsexperten Hans Dieter Salinger in Kontakt bringt. (...) Außerdem trifft er Hans Zehrer, Dr. Erwin Topf, Albrecht Haushofer, Ernst Samhaber und Franz Joseph Furtwängler. Alle zusammen bilden den "Salon Salinger".
Und darüber heißt es weiter (1, S. 893):
Es waren meistens Journalisten (Salinger, Zehrer, Topf) junge Wissenschaftler (Haushofer, Samhaber), Privatgelehrte vom Schlage Friedrich Hielschers und Gewerkschaftler wie Furtwängler. Die Tätigkeit dieses "Salons" war nichts anderes, als jeden Freitag bei Salinger zusammen zu kommen, um über die unterschiedlichsten Dinge zu debattieren. (...) Es war dieser "Salon" eben nicht ein Verschwörernest, wie die "politische" Polizei der Republik annahm, wo konkreter umstürzlerische Pläne geschmiedet wurden und mit Dynamit konkretisiert wurden.
Aber eben doch ...:
 ... Alles zusammengenommen eine politisch hochbrisante Gruppierung, die zu allem imstande schien.
Verneinende Bejahung nennt man das. Oder wie? Jedenfalls: Auch der Schriftsteller Alfred Bronnen, der trotz all seiner Bemühungen die proletarierhaften Nationalsozialisten nicht von seiner "arischen" Herkunft überzeugen konnte, tummelte sich in diesem Kreis (2, S. 423):
Das Phänomen Bronnen indes hatte eine große Anzahl von Freunden in Bogumils (= F. Hielschers) Wohnung gelockt. Hans Dieter Salinger, der mittlerweile auch den wirtschaftspolitischen Teil des "Vormarsch" betreute, saß seiner Gewohnheit gemäß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa, Hans Zehrer (...), Otto Strasser war in Begleitung von Herbert Blank (...) erschienen, (...) Samhaber war da, Friedrich Georg Jünger, der Bruder von Ernst, und natürlich eine Anzahl von Jünger-Jüngern, die zu Füßen des Meisters kauerten.
Man kann auch sagen, diese Kreise blieben auch nach 1934 "in Bereitstellung" für den Fall, dass - z.B. - ein eher unerwarteter aber dennoch nicht unmöglicher Militärputsch "nationalkonservative Intellektuelle" gebrauchen sollte. So weit kann man sicherlich gehen, wenn man ihre "Widerstands"-Tätigkeit definieren wollte. Ob ein Militärputsch gegen Hitler etwa im Jahr 1938 oder später - der ja immer vor allem der Kriegsvermeidung oder Kriegsbeendigung hätte dienen sollen (also der schlimmstmögliche Fall für das Weltbild eines Friedrich Hielscher und damit sicherlich auch eines Jünger) - mit solchen "nationalrevolutionären Intellektuellen" nicht auf geradestem Wege von "dem Regen in die Traufe" geführt worden wäre, steht deshalb noch lange dahin.

Bereitstellung für einen - unerwarteteren - Militärputsch

Vielleicht wurden diese Kreise auch nur deshalb als "Widerstand" in "kritischer Distanz" zum Regime gehalten, um im Falle eines Militärputsches unter anderem Gewand völlig identisch auf der Linie weitermachen zu können, auf der man bis dahin jeweils schon mit Hitler und Konsorten marschiert war. Oberstes Leitziel musste ja bleiben, dass der Dreißigjährige Krieg Hielschers und Churchills den "Untergang des Abendlandes" zu vollenden hätte. - "So oder so".

Nach 1945 konnten sich Jünger, Schmitt und Hielscher in der beruhigenden Sonne wärmen, dass es ja "zum Glück" insgesamt doch noch ohne ihr direktes Eingreifen so weit gekommen war, wie es sowieso hätte kommen sollen und müssen. Zumindest gemäß den ideologischen, gesellschaftlichen Selbstmordprogrammen, die sie in ihren Köpfen herumwälzten.

So konnten die Hielscher, Jünger, Best, Schmitt und Konsorten ihren Lebensabend verbringen, sei es beleidigt (Schmitt), "großsegnieurhaft" (Jünger), die SS-Vergangenheitsbewältigung dirigierend (Best), kleinkariert an "Kirche" bastelnd (Hielscher). Auf jeden Fall waren es langwieirig sich hinziehende Lebensabende, die noch heute ganze Heere von Schreiberlingen in der Aufarbeitung dieser Lebensabende auf Trab hält. Von der großen Bühne des Weltgeschehens waren sie abgetreten, sie wurden kaum noch gebraucht und gaben zu diesem dementsprechend mehr oder weniger nur noch ihre griesgrämlichen, nichtssagenden und verhüllenden Kommentare ab.
____________________________________________
  1. Am Zehnhoff, H.W.: Der Fall Ernst von Salomon. Aktionen und Standortbestimmung eines preussischen Anarchisten in der Weimarer Republik. In: Revue belge de philologie et d'histoire, Année 1977, Volume 55, Numéro, 55-3, pp. 871-896
  2. Aspetsberger, Friedbert: Arnolt Bronnen. Biographie. Böhlau, Wien u. a. 1995 (Google Bücher)

Sonntag, 18. August 2013

Ulrike Meinhof - okkultgläubig wie Verena Becker, Gudrun Ensslin und Christian Klar?

Manche Ähnlichkeiten zwischen Verena Becker und Rudolf Heß sind auffallend

Der folgende Blogartikel wurde schon - gemeinsam mit einem anderen - vor zwei Jahren hier auf dem Blog veröffentlicht (16/02/2011, 18/2/2011), nämlich während des Prozesses gegen Verena Becker in Stuttgart-Stammheim. Er soll hier noch einmal gebracht werden, um unten eine wichtige, bestätigende Ergänzung und Erkenntniserweiterung anzufügen.

Vor zwei Jahren hatten wir geschrieben: Es mag auf den ersten Blick oberflächlich, blöd, verletzend oder wie auch immer sonst klingen und es ist natürlich auch nach vielerlei Richtungen hin völlig verkehrt. Sensationsheischend wollen wir mit solchen Thesen jedenfalls nicht herüberkommen.

Dennoch: Hat Verena Becker vor Gericht in Stuttgart nach den Pressefotos der letzten Monate nicht einen *irgendwie* ähnlichen Gesichtsausdruck wie Rudolf Heß 1945/46 in Nürnberg? Und ist nicht sogar das Verhalten von beiden vor Gericht sehr ähnlich? Ja, es wird mehr oder weniger Zufall sein: Aber man könnte sie sogar rein physisch für Vater und Tochter halten.

Warum kommt uns das nur in den Sinn? Rudolf Heß war definitiv okkultgläubig und hat sich von einer Wahrsagerin, die für den britischen Geheimdienst arbeitete, 1941 dazu verleiten lassen, nach England zu fliegen (siehe Schmidt / "Botengang eines Toren") (siehe inzwichen jüngere Beiträge hier auf dem Blog zur "Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler"). Er hat auch in der Gefangenschaft und vor Gericht viele Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die sich auf diese Okkultgläubigkeit zurückführen lassen.

Daß sich Verena Becker viel mit Esoterik beschäftigt hat, steht nicht nur, wie im vorletzten Beitrag hier auf dem Blog kurz erörtert wurde (16/02/2011), in der Bild-Zeitung, sondern ist in allen Medien verbreitet worden. Das kann man schnell den ersten Google-Treffern zu den Suchworten "Verena Becker esoterisch" entnehmen. Im folgenden eine chronologisch geordnete Auswahl (Süddt. 30.8.10):
Die frühere RAF-Frau Verena Becker, die 1989 begnadigt worden war, ist Heilpraktikerin geworden. Die 57-Jährige betet und sucht Sinn im Über-Sinn der Esoterik. Das ist in ihrem Fall nicht nur Homöopathie für den Hausgebrauch - sie schätzt das "intuitive Schreiben", bei dem einer sofort niederschreibt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Akademien empfehlen die Methode als "Weg, um mehr über sich zu erfahren, die eigenen Wünsche besser kennenzulernen und der inneren Stimme Gehör zu verschaffen: Schreibend finden Sie Orientierung und tanken Selbstbewusstsein".  

Dieser Weg zur Selbsterkenntnis hat die schwerkranke Becker nun in die Untersuchungshaft geführt. Als Fahnder einige der in der vorvergangenen Woche in ihrer Wohnung sichergestellten Notizen auswerteten, stießen sie auf tagebuchähnliche Einträge zum sogenannten "bewaffneten Kampf". Keine Pamphlete, sondern Dialoge mit sich selbst.

Noch sind nicht alle Unterlagen ausgewertet und auch die vielen esoterischen Exkurse, die auf der sichergestellten Festplatte zu finden sind, bedürfen noch der Aufarbeitung, aber schon die erste Lektüre elektrisierte die Fahnder. Becker fragte Becker nach ihrer Verantwortung für den Anschlag eines RAF-Kommandos im April 1977, bei dem der damalige Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter starben. Auch beschäftigte sich Becker intensiv mit der Frage, ob sie Kontakt zu Michael Buback aufnehmen solle, dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts.
Richter Wieland verliest dann eine Passage aus Notizen von Becker, die sie am 7. April 2008, dem 31. Jahrestag des Buback-Mordes, verfasst hat. Sie habe überlegt, ob sie für Buback beten solle. Aber: "Die Zeit für Reue und Schuld ist noch nicht da." Es sei "noch ein weiter Weg". Zur Sprache kommt auch, dass Becker einen Brief an Michael Buback, den Sohn des Ermordeten, verfasst habe. Auf Anraten ihres Anwalts habe sie das Schreiben jedoch nie abgeschickt. "Spirituell haben Herr Buback und ich einen Konflikt, den es noch zu heilen gilt" , hatte Becker laut Vernehmungsprotokoll erklärt. 
"Die Zeit der Reue und Schuld ist noch nicht da."

... Und Rudolf Heß sagte: "Ich bereue nichts!" Das sind schon recht auffallende Parallelen. Oder (Tagblatt, 1.10.10):
Dazu kommen Schriftstücke, die Becker im Rahmen einer esoterischen I-Ging-Befragung angefertigt habe, die ebenfalls ihre Täterschaft belegen sollen.
An dieser Stelle übrigens der Hinweis auf den noch heute wichtigen Blog von Michael Buback zum Prozeß gegen Verena Becker. Wenn man gründlicher sucht im Netz, findet man vielleicht noch weitergehendere Angaben zu den esoterischen Interessen von Verena Becker, als diese wenigen. (Zu den ebenfalls vermuteten esoterischen Interessen von Christian Klar finden sich übrigens derzeit - zumindest auf den vorderen Googleplätzen - keine Hinweise.)

Wir wollen hier durch den rein äußeren Vergleich zwischen Verena Becker und Rudolf Heß niemanden der Angehörigen oder der Opfer beleidigen oder verharmlosen. Wir wollen nur darauf hinweisen, daß Okkultgläubigkeit gegebenenfalls zu ähnlichen Verhaltensweisen und zu ähnlicher Mimik vor Gericht bei Anklage wegen Mordes führen kann. (Irre: Sogar dunkle Brillen sind von einigen Angeklagten in Nürnberg getragen worden ...)

Ulrike Meinhof - "sehr stark in den okkultistischen Sog hineingeraten"

Erschienen 1979
So, und jetzt (18. August 2013) finden wir in dem nicht unwichtigen Buch "Das Testament des Bösen" des Journalisten Horst Knaut, eines verdienstvollen Vorgängers von Guido Grandt, aus dem Jahr 1979 folgenden mehr als interessanten Hinweis (1, S. 296 - 299; Hervorhebungen nicht im Original):
"Wer einmal in diesem Boot sitzt, der kommt da so schnell nicht wieder raus" - das sagte mir vor zwölf Jahren eine Hamburger Journalistin. Mit ihr unterhielt ich mich über Okkultismus. Und sie wußte mir aus diesen Bereichen einiges zu erzählen.

Damals konnte ich nicht ahnen, wie oft ich noch in den folgenden Jahren an diesen Ausspruch gerade aus dem Mund dieser Frau denken sollte. Schon einige Zeit danach konnte ich ihren Satz ergänzen: "Wer einmal in diesem Boot sitzt, der kommt da so schnell nicht wieder raus - oder er kommt darin um!"

Die Journalistin aus Hamburg, mit der ich einen langen Abend zusammengesessen hatte, lebt nicht mehr, Sie ist an den Folgen eines Wahnzustandes umgekommen, der mit den hier geschilderten Phänomenen in enger Beziehung steht. Die Frau hieß Ulrike Meinhof.

Zu Beginn des Jahres 1967 war ich mit Recherchen für eine erste Dokumentationsreihe über Okkultismus in Deutschland beschäftigt. Damals wußte ich nicht allzuviel über diese Bereiche des Glaubenslebens in unserer modernen Umwelt. Es war nicht nur für Journalisten ein weitgehend unerforschtes Niemandsland. Selbst sogenannte Sekten-Experten konnte nicht viel Brauchbares sagen - ihre Bücher waren überaltert, und den Nachkriegsstand hatten sie noch nicht aufgearbeitet. Hinzu kamen die neuen religiösen Sektenwellen aus Amerika, die sie gar nicht so schnell auffangen konnte. Mich reizte das Thema ungemein, schon weil es in unseren Redaktionskonferenzen so viele widersprüchliche Meinungen dazu gegeben hatte. Der "nüchterne" Kollege von den politischen Nachrichten sah die Dinge ganz anders als der Feuilletonist, der ein Theologie-Studium hinter sich hatte. Und der protestantische Kollege von der Abendschau urteilte wieder anders als der Kollege vom Ressort Wirtschaft, der ursprünglich einmal Philologe werden wollte. Bedenken über Bedenken wurden angemeldet: Man könne bei den katholischen Mitgliedern des Rundfunkrates anecken, meinten einige denn wenn man in solch ein Thema tiefer einstiege, dann führe das letztlich auch zu den Springprozessionen, zur Therese von Konnersreuth, zum Weihwasser und zum Reliquienzauber. Oder: Vorsicht! Die Freimaurer, besonders die einflußreichen FDP-Leute unter ihnen, könnten Rabatz machen! Kurzum: Es war ein heißes Thema, in das ich mich da eingelassen hatte.

Zu dieser Zeit bereitete eine andere Redaktion eine neue Sendung vor, zu der man die ultralinks engagierte Journalistin aus Hamburg eingeladen hatte. Das war Mitte Februar 1967.

Ich sehe uns noch am Tisch einer kleinen Pension unterhalb des Stuttgarter Fernsehstudios sitzen.

Von Ulrike Meinhof erhielt ich für mein Filmvorhaben und ein sich später daraus ergebendes Sachbuch einige gute Tips. Sie machte mich auf okkultistische Literatur aufmerksam, die mir noch nicht bekannt war. Und sie gab mir auch zwei oder drei Adressen von Okkultisten in der Bundesrepublik und in der Schweiz, von "Geheimen" sozusagen, von denen einer dann auch bereit war, in meinen Filmdokumentationen ein Statement zu geben und einige okkulte Praktiken zu demonstrieren.

An richtige Okkultisten heranzukommen, ist schwierieg. Besonders als Journalist wird man meistens abgewiesen. Nur die Pseudookkultisten, Quacksalber und Geschäftemacher unter ihnen empfangen gern Reporter und setzen sich in Szene. Das Eindringen in einen richtigen okkultistischen Zirkel kann man etwa mit einem Empfang in einem Mafia-Kreis vergleichen.

Diese Verborgenen suchte ich, und ein klein wenig half mir dabei auch Ulrike Meinhof. Wenn es nicht viel war, was sie mir sagte, so waren es doch ein paar Mosaiksteinchen mehr, die ich zusammenlegen konnte. Und dieses Zusammenlegespiel der Steinchen und Splitter brachte mich schließlich immer weiter.

Wenn ich resümiere, dann entstammten die wenigen ersten Verbindungen, die ich einst auch über Ulrike Meinhof hatte anknüpfen können, nicht nur dem allgemeinen Neugierwissen einer Frau über den "Prickel", den der vulgäre, kommerzielle Okkultismus nun einmal für viele auslöst. Sie wußte doch mehr über okkultistische Lehren, obwohl sie dem Okkultismus nicht verfallen war.

Schon einige Zeit nach der Begegnung in der kleinen Pension war Ulrike Meinhof das Tagesgespräch in der Bundesrepublik Deutschland und darüber hinaus. (...) "Wer einmal in diesem Boot sitzt ..." Wenn ich meine Notizen aus jener Nacht nachlese, dann denke ich, daß sie doch sehr stark in den okkultistischen Sog geraten sein mußte. Zumindest war der Okkultismus ein "Mittäter" bei ihren späteren politkriminellen Unternehmungen. (...)

Kurz vor Drucklegung dieses Buches erfahre ich aus München, daß auch die Terroristin Gudrun Ensslin, die Pfarrerstochter, dem Okkultismus nahegestanden oder zumindest mit ihm geliebäugelt hatte. Von einem evangelischen Pfarrer aus Bad Cannstatt wird mir diese Information bestätigt. Gudrun Ensslin und auch später mehrere Mitglieder der Gruppen, die den Kammergerichtspräsidenten von Drenckmann erschossen und den Berliner Politiker Peter Lorenz gefangengehalten hatten, waren interessierte Käufer von okkultistischer Literatur in einem Westberliner Buchladen für Geisteswissenschaften.

Einige dieser "Geisteswissenschaften", die zum Teil gar nicht mehr unter dem Ladentisch gehandelt werden, habe ich selbst an ihren Lehrstätten kennengelernt - darunter die Lehrsätze: "Du sollst Freude am Erschlagen haben!" "Foltert und martert!" "Erbarmen laßt beiseite!" und das "heilige" Baphomet-Gebot, wonach man jeden töten könne, der einem die Rechte einer totalen Freiheit zu nehmen gedenkt. (...)

Auch der Ex-Verfassungsschützer Nr. 1 Günther Nollau, empfiehlt in seinen Memoiren, Religiosität und Okkultismus in das vorterroristische Terrain mit einzubeziehen.
Nun, diese Empfehlung braucht heute, nach 9/11 etc., niemandem mehr gegeben werden ... Dennoch sollte sie noch einmal im Wortlaut herausgesucht werden. (Google und Google-Bücher lassen einem im Stich, aber auch E. R. Carmin zitiert sie in "Das schwarze Reich".)

Wie leicht mit Wahrsage-Gläubigkeit Demokratien und Diktaturen gelenkt werden können 

Das dürften jedenfalls wesentliche Ergänzungen zum Kenntnisstand sein. Auf diese Ausführungen von Horst Knaut wurde auch in der Polizei-Zeitung Baden-Württembergs (4/1981) positiv Bezug genommen. Und dazu paßt doch irgendwie, daß Helmut Schmidt den "Bohemian Groove" besucht hat und von ihm begeistert war und daß zahllose deutsche Geheimdienstchefs (Walter Lohmann, Wilhelm Canarais, Arthur Nebe, Heinrich Himmler, Walter Schellenberg, Otto Schily - wer noch?), Politikberater (Karl Haushofer - wer noch?), sowie die von ihnen beratenen oder gelenkten Regierungschefs und -mitglieder (Adolf Hitler, Rudolf Heß, Ronald Reagan - wer noch?) oder einflußreichen Zeitungsverleger (Axel Springer - wer noch?) astrologie- und okkultgläubig waren oder sind, wenn nicht sogar dem Satanismus nahe gestanden haben (Hans Bernd Gisevius) oder ihm noch nahestehen (nach der Aussage von Renate Rennenbach). (Von den hier auf dem Blog schon behandelten Literaturnobelpreisträgern und ihren Freunden ganz abgesehen.)

Googelt man "Ulrike Meinhof okkult", findet man nur zwei oder drei Hinweise, die auch auf das Buch von Horst Knaut zurückzugehen scheinen. Ob sich dazu etwas findet in der Meinhof-Biographie von Jutta Ditfurth, die ja für das Thema Esoterik sensibilisiert ist? Und was wohl die Meinhof-Tochter, die hintergrundpolitikkritische Journalistin Bettina Röhl, dazu sagt? Vielleicht würde Google Bücher-Suche dazu noch manches wertvolle Ergebnis bringen.

Man muß sich einfach klarmachen, wie leicht mit Wahrsager-Gläubigkeit Politiker, Terroristen und Geheimdienstchefs gelenkt werden können. Man sagt ihnen und allen ihren wahrsagergläubigen Mitarbeitern, Zuarbeitern einfach nur "voraus", daß das und das "geschehen wird" (etwa der Ausbruch eines Krieges, ein Mordanschlag, ein Reichstagsbrand etc.) - und sie können sich innerlich, psychisch gut darauf vorbereiten und auch im Sinne dessen, was "sowieso" geschehen wird, dann handeln. Welcher Okkultgläubige wird sich schon gegen ein Schicksal, das "eh" kommt, auflehnen? Und jede erfolgreiche Voraussage bekräftigt den Glauben an die Fähigkeiten des Wahrsagers und des politischen "Visionisten" und Propheten. Mehr dazu in unserer Blogreihe "Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler", inzwischen auch als Buch erschienen ("Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht absitzen", 2013).
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  1. Knaut, Horst: Das Testament des Bösen. Kulte, Morde, Schwarze Messen - Heimliches und Unheimliches aus dem Untergrund. Seewald Verlag, Stuttgart 1979

Dienstag, 2. Juli 2013

"Was wußten Wehrmachtsoldaten über Konzentrationslager und Kriegsverbrechen?"

NS-Verbrechen, wahrgenommen von deutschen Soldaten: "Die Verteilung der Themenspektren erstaunt."

"Den Holocaust hat es nie gegeben. Es gibt noch viele, die das behaupten. In 20 Jahren können es noch mehr sein." Ein Plakatspruch (Mahnmal), mit dem 2001 für die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin geworben worden ist. Mehr als zehn Jahre sind inzwischen vergangen. Das Holocaust-Mahnmal hat uns seither wohl davor bewahrt, daß die in dem Plakatspruch angesprochene Möglichkeit Wirklichkeit wurde. Oder waren es Strafrechts-Paragraphen?

Die Geschichtswissenschaft jedenfalls ist in den letzten zehn Jahren - mit oder ohne Mahnmal, mit oder ohne Strafrechts-Paragrahen - weitergegangen. Und ab und an kommt dort doch auch einmal etwas Neues, Auffallenderes zu Tage. Im Kriegsgefangenenlager Fort Hunt in der Nähe von Washington D.C., einem Lager für kriegsgefangene deutsche Soldaten, wurden zwischen 1942 und 1946 die Gespräche zwischen den Insassen heimlich abgehört und protokolliert. In einer neuen Studie (1) wurden nun solche Abhörprotokolle von 145 zufällig ausgewählten deutschen Soldaten ausgewertet. Die Forschungen finden statt im Rahmen einer Forschungsgruppe unter der Leitung von Sönke Neitzel und Harald Welzer.

Ein Viertel für, ein Viertel gegen den Nationalsozialismus

Aus einer Veröffentlichung von Sönke Neitzel aus dem Jahr 2007 (2, 3) hatte man schon lernen können, daß unter den deutschen, kriegsgefangenen Generälen sich grob etwa ein Viertel auch noch in westalliierter Kriegsgefangenschaft untereinander zum Nationalsozialismus bekannt haben. Ein weiteres Viertel hat sich in dieser deutlich gegen ihn ausgesprochen. Und die andere Hälfte der kriegsgefangenen Generäle hat eine eher unentschiedene, abwartende Meinung kund getan. Das entspricht gut der zeitgleichen Verteilung der Einstellungen etwa unter der deutschen protestantischen Pfarrerschaft während des Dritten Reiches: Etwa ein Viertel waren Anhänger der sogenannten Deutsche Christen, ein Viertel waren "bekennende" Christen ("Bekenntniskirche"). Und die andere Hälfte legte sich nicht eindeutig fest.

Abb. 1: Deutsche Kriegsgefangene in den USA (die wenigen Überlebenden der U-118) - 20. Juni 1943, Norfolk, Virginia

Aus solchen und anderen Umständen ging jedenfalls schon hervor, daß die abgehörten Gespräche deutscher Soldaten in westalliierter Kriegsgefangenschaft eine hervorragende Quelle darstellen zu dem, was die Deutschen wirklich dachten in jener Zeit. Und darüber hat die neue Studie nun allerhand Auffallendes zu Tage gebracht.

Sie kommt zu dem Ergebnis: 70 Prozent von diesen 145 Soldaten haben in ihren Gesprächen "eine Form von Verbrechen" angesprochen (1, S. 813, Anm. 2):

In vielen Akten nehmen diese Gesprächspassagen nur wenig Platz ein, manchmal sind es nicht mehr als zwei, drei Sätze, in anderen dagegen ist Gewalt eines der dominanten Themen.

Vermutlich ist hier mit dem Ausdruck "Gewalt" gemeint: verbrecherische Gewalt, also im Widerspruch zu Kriegs- und Völkerrecht stehende Gewalt. Aus dem Folgesatz geht dann hervor, daß die Verfasserin hier genauer gesagt nur von "NS-Verbrechen" spricht. Sollten denn alliierte Kriegsverbrechen unter deutschen Kriegsgefangenen damals untereinander gar nicht besprochen worden sein? Das erscheint doch sehr wenig plausibel. Es wäre interessant zu erfahren, welchen Anteil alliierte Kriegsverbrechen in diesen Gesprächen ausgemacht haben und wie über diese gesprochen worden ist. Jedenfalls sei festgehalten: 70 Prozent der Gefangenen sprachen bei irgendeinem Anlaß über NS-Verbrechen. Aber was wurde dabei thematisiert und was nicht? Und wie wurde es jeweils thematisiert?

"Mit Abstand am häufigsten sprechen die Soldaten über Erschießungen vor allem jüdischer Zivilisten."

Michaela Christ schreibt über die ausgewerteten 145 deutschen Soldaten nun (1, S. 814f):

Mit Abstand am häufigsten sprechen die Soldaten über Erschießungen vor allem jüdischer Zivilisten. Insgesamt sind Ereignisse, die im Kontext des Krieges gegen die Sowjetunion stattfanden, erheblich öfter Gesprächsgegenstand als etwa Konzentrationslager oder aber die Enteignung und Entrechtung der deutschen Juden im Reich. (...)
Andere Unterhaltungen über "Rußland" in Fort Hunt drehten sich um das Verhungerlassen sowjetischer Kriegsgefangener, um das Abbrennen und Verwüsten von Dörfern, um den Kampf gegen sogenannte Partisanen oder um die enorm gewaltförmige Okkupationspolitik der Deutschen in den besetzten Teilen der Sowjetunion. Weniger häufig, aber dennoch in den Unterlagen präsent sind Gespräche über Akte illegitimer und illegaler Gewalt aus anderen Kriegs- und Besatzungsgebieten. Darunter etwa Berichte über Folterpraktiken in einem Pariser Gestapogefängnis, über desolate Zustände in Lagern für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Reich, über Juden, die in Polen in Ghettos eingesperrt leben mußten, oder über Frauen, die Opfer sexueller Gewalt durch deutsche Militärangehörige in Italien wurden.
Insgesamt also ein sehr reichhaltiges, vielschichtiges und differenziertes Bild zu nationalsozialistischen Verbrechen. Das Thema aber, das heute das Bild nationalsozialistischer Verbrechen dominiert, wird von diesen Zeitzeugen, die so vieles besprechen, gar nicht erwähnt. Michaela Christ:
Grundsätzlich bestätigen die Unterlagen aus Fort Hunt den Forschungsstand über das Wissen der deutschen Bevölkerung. Während Massenerschießungen von den Menschen im Reich und in der Gefangenschaft vergleichsweise häufig thematisiert wurden, waren hier wie dort Informationen über Konzentrationslager kaum und über Vernichtungslager so gut wie gar nicht im Umlauf.

So eindeutig wie hier von Michaela Christ formuliert liest man den Forschungsstand auf Wikipedia derzeit noch nicht (siehe Artikel "Holocaust-Kenntnis von Zeitzeugen"). Aber selbst bedeutendere Politiker der Bundesrepublik wie Helmut Schmidt wollten ja vor 1945 zwar durchaus etwas von Massenerschießungen, nicht aber von Massenvergasungen mitbekommen haben (siehe Wikipedia). Da dieser Forschungsstand aber einigermaßen widersprüchlich zu sein scheint, wird ihn Michaela Christ einige Seiten später - und sich selbst widersprechend - auch wieder ganz anders darstellen (siehe gleich).

"Auffällig an den Erzählungen ist ihre Unaufgeregtheit über den Ort Konzentrationslager."

Es wird also über systematische Massenverbrechen in Konzentrationslagern gar nicht gesprochen. Dabei waren sogar rund ein Prozent aller Kriegsgefangenen selbst Insassen eines Konzentrationslagers gewesen. Darunter auch solche vormaligen Insassen, die selbst schwere Folterungen erlebt hatten, wie zitiert wird (1, S. 816f). Dennoch spricht niemand von Massenverbrechen in Konzentrationslagern. Dies ist der auffällige Befund. Michaela Christ bringt unterschiedliche Beispiele von Gesprächsinhalten über Konzentrationslager. Und schreibt dann weiter (1, S. 819):

Auffällig an den Erzählungen ist ihre Unaufgeregtheit über den Ort Konzentrationslager, der in den Unterhaltungen keinen außergewöhnlichen Topos darstellt. Vielmehr, so legen es die Gesprächsmitschriften nahe, waren Konzentrationslager für die Sprecher ein relativ gewöhnlicher Gesprächsgegenstand.
Diese "Unaufgeregtheit" stellte sie ja zuvor für die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten in dieser Form nicht fest. Doch einige Seiten später widerspricht sich Manuela Christ selbst in ihrer Aussage zur "Holocaust-Kenntnis von Zeitzeugen" (1, S. 821):
In den Protokollen finden sich ingesamt nur verhältnismäßig wenige Passagen über NS-Verbrechen.
Wenige? Wo doch, wie sie sagt, 70 Prozent aller Soldaten darüber bei irgendeiner Gelegenheit sprachen? Bei 145 Soldaten sind das mindestens 100 Gelegenheiten gewesen, wo NS-Verbrechen erwähnt wurden. Man wünschte sich insgesamt eine mathematisch-statistisch genauere Auswertung als hier von Michaela Christ vorgelegt wird. Jedenfalls schreibt sie weiter: 
Wie paßt dies zusammen mit dem Befund, daß der Holocaust in der deutschen Bevölkerung ein offenes Geheimnis war und die Männer die Dimensionen der Verbrechen kannten?
Ein merkwürdiger Satz, eine komische Frage. Sie wertet eine unabhängige Quelle aus unter der Fragestellung, was die Wehrmachtsoldaten wußten. Und setzt in diesem Satz dann schlichtweg schon voraus, daß sie "die Dimensionen der Verbrechen kannten". Eben genau dieser Umstand geht ja doch offenbar aus den von ihr ausgewerteten Gesprächsprotokollen von 145 deutschen Soldaten nicht hervor. Darüber drückt sie doch ständig ihr Erstaunen aus.

Aber hier setzt sie plötzlich ein "Wissen" dieser Männer um "die Dimensionen der Verbrechen" voraus, für die sie in der "entspannten" Gesprächsatmosophäre von Fort Hunt überhaupt keinen Anhaltspunkt hat anführen können. Trotzdem setzt sie dieses Wissen voraus. Das ist - mit Verlaub! - nun, ein wenig sonderbar und in sich widersprüchlich. Sie schreibt weiter (1, S. 823):
Auch in Fort Hunt äußerte sich die Mehrheit der Sprecher kritisch zur Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, gegen Juden oder gegen Kriegsgefangene. 

Auch dafür bringt sie verschiedene Beispiele und schätzt diese auch selbst zumeist als glaubhaft ein. (Auf die Frage, wie die Soldaten mit etwaigen eigenen Handlungsspielräumen gegenüber der von ihnen abgelehnten Gewalt umgingen, sei hier nicht eingangen. Sie wird aber von Michaela Christ auch ausführlicher behandelt. Es sei hier nur daran erinnert, daß wir heute in einer Demokratie leben und dennoch ganz offensichtlich unsere Handlungsspielräume nicht ausschöpfen, was den Völkermord an den Tschetschenen oder an anderen Völkern in der Welt betrifft, die zu unseren eigenen Lebzeiten geschehen.)

"Die Verteilung der Themenspektren zu NS-Verbrechen erstaunt."

Doch es sei noch einmal wörtlich festgehalten. Zur der Kernfrage ihres eigenen Beitrages schreibt Michaela Christ (1, S. 814):

Auf den ersten Blick mag die Verteilung der Themenspektren erstaunen. Vor allem, weil Verbrechen thematisiert werden, die im gegenwärtigen öffentlichen Gedächtnis wenig präsent sind. Heute stehen Konzentrations- und Vernichtungslager synonym für die Untaten des Nationalsozialismus. Die in den Gesprächen zwischen den Gefangenen thematisierten Morde - wie eben die Erschießungen in der Sowjetunion - treten dahinter zurück. 
Und an anderer Stelle (1, S. 822):
Aus heutiger Perspektive sind der Holocaust und die Vielzahl anderer Verbrechen die zentralen Merkmale des Nationalsozialismus. Für die Zeitgenossen damals hat dies nicht unbedingt gegolten.
An dieser Stelle ist einmal erneut die unpräzise Wortverwendung der Autorin zu kritisieren. Gehören denn die Massenerschießungen von Juden im Osten, die auffällig häufig thematisiert wurden von den Soldaten, wie sie schreibt, nicht zu - "dem Holocaust"? Ist für sie Holocaust gleichbedeutend mit "Massenvergasungen" und nur mit ihnen? - Und noch einmal auf den Punkt bringt sie es auf der letzten Seite (1, S. 830):
Die Untersuchung belegt, daß die Kriegsgefangenen in der Regel über ein beachtliches Wissen über die Verbrechen der Nazizeit verfügten, die Dimensionen für gewaltig hielten und daraus große Furcht vor Vergeltung ableiteten. Das konkrete Wissen der Soldaten bezog sich dabei vor allem auf die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten während des deutsch-sowjetischen Krieges sowie auf die in diesem Kontext begangenen Untaten gegen sowjetische Kriegsgefangene und die jeweilige Bevölkerung in den besetzten Gebieten.

Da also auch gerade diese Furcht vor Vergeltung Anlaß zur Thematisierung dieser Verbrechen war, wie auch noch ausführlicher ausgeführt wird von Michaela Christ: Warum hätten die deutschen Soldaten, wenn sie in diesem Zusammenhang die Massenerschießungen erwähnen, nicht viel mehr auch die Massenvergasungen erwähnen sollen? Was wäre daran so schwierig gewesen? Wie sollte das psychologisch erklärt werden? Über Konzentrationslager hingegen sprachen sie insgesamt ja viel "unaufgeregter".

Eine widerspruchsfreie Erklärung ergibt sich doch nur dann, wenn man sagt: Sie wußten schlichtwegt nichts von Massenvergasungen in Konzentrationslagern. Punkt. Und damit wußte die deutsche Bevölkerung insgesamt schlichtweg davon nichts. Der ganze Aufsatz von Michaela Christ scheint sich um diese schlichte Feststellung herumzuwinden und sie nicht klar und deutlich aussprechen zu wollen.

Aber in der Tat hat der Autor dieser Zeilen die Massenerschießungen in der Sowjetunion immer schon für historisch vergleichsweise gut dokumentiert gehalten. - Um so mehr, um so mehr er sich mit Werner Best und seinen zahlreichen Kollegen beschäftigte, die die dafür verantwortlichen Mörderbanden (genannt "Einsatzkommandos") organisiert hatten, die sie koordinierten und anführten. Und die dafür allzu oft nicht verurteilt worden sind bis an ihr Lebensende in der Bundesrepublik Deutschland. Die bewußt "durchgemogelt" wurden im Windschatten von solchen Prozessen wie denen gegen Adolf Eichmann in Jerusalem oder in dem gegen die Wachmannschaften des Konzentrationslagers Ausschwitz in Frankfurt am Main (7, 8). - Und in dieser Einschätzung fühlt er sich nun durch diese neu erschlossene breite Quellenbasis unverdächtiger Zeitzeugen-Aussagen einmal erneut bestätigt und bekräftigt.

Was so viele Menschen mitbekommen haben, und ganz ohne konkretere Absichten, ohne konkretere Nebengedanken, ohne jede unmittelbare Hoffnung auf Belohnung oder unmittelbare persönliche Sorge vor Bestrafung zumeist geradezu wie nebenbei als Tatsache wie selbstverständlich unterstellten und erörterten, und was sie zugleich auch schlimm fanden und ablehnten schon zu den Zeiten selbst, als es geschah, dessen Leugnung wird sicherlich nicht siebzig Jahre später unter Strafe gestellt werden müssen (4-6).

Ergänzung (12.1.2022): Schon 2003 ist eine umfangreiche Studie über die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion erschienen. In einer Rezension über diese hieß es 2004 (12):

Die Tätigkeit der Einsatzgruppen entsprach offensichtlich nicht dem, was sich die meist ungedienten Polizeireservisten unter „Krieg“ vorgestellt hatten. Viele wollten deshalb möglichst schnell wieder weg. Wer nicht frühzeitig die eigene Versetzung anstrebte, der bestand zumindest auf seinen turnusmäßigen Austausch nach drei Monaten Dienst. Keine blutrünstige Horde tritt uns hier entgegen, und auch nicht jene kühle und unerbittliche Mordelite, zu der sie Himmler stilisiert hatte, sondern „ganz normale Männer“, die sich nur wenige Monate zuvor nicht im Traum hätten vorstellen können, was sie nun taten. „Ihre Alltagsarbeit wurde, ebenso wie der Massenmord, weder von einer gefühlsarmen Maschinerie, in der das einzelne Individuum verschwand und seiner persönlichen Charaktermerkmale beraubt worden war, ausgeführt noch von einem Haufen fanatisierter, speziell fürs Töten geschulter und abgestellter Nationalsozialisten.“ (S. 387) (....)
Die untere Führungsebene setzte sich vorwiegend aus Männern zusammen, die „aus der Praxis“ kamen und vor dem Krieg bei der Kriminalpolizei, der Gestapo oder der Grenzpolizei tätig waren. Häufig entstammten sie einem kleinbürgerlichen Milieu und stießen erst relativ spät zur Polizei, meist nach dem Scheitern des ursprünglich eingeschlagenen Lebensweges und einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit. Die Anstellung bei der Polizei bedeutete also das Ende der bisherigen beruflichen „Verlegenheitslösungen“, die in der Regel drei bis vier verschiedene, ausbildungsfremde Tätigkeiten umfaßt hatten. Die Mannschaften wiederum bestanden aus ungedienten Polizeireservisten, die lediglich eine militärische Schnellausbildung vor dem Krieg erhalten hatten.

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  1. Christ, Michaela: Was wußten Wehrmachtsoldaten über Konzentrationslager und Kriegsverbrechen? Die geheimen Abhörprotokolle aus Fort Hunt (1942 - 1946). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 10/2013, S. 813 - 830
  2. Neitzel, Sönke: Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945. List Taschenbuch, 2007 (Ersterscheinen 2005)
  3. Bading, Ingo: Spannende neue Quellen zum Zweiten Weltkrieg. Auf: Studium generale, 4.11.2007
  4. Dahl, Edgar: Die Auschwitzlüge. Auf: Libertarian, 27. Januar 2009 
  5. Bading, Ingo: Holocaust-Leugnung und der "Appell von Blois" - "Protest und noch einmal Protest". Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 11. Februar 2009 
  6. Bading, Ingo: "In Auschwitz starben 300.000 Menschen" - Stand: 1948. Adolf Eichmann und Auschwitz - 1948, 1961 und 1963. Auf: GA-j!, 25. Juli 2010  
  7. Bading, Ingo: Warum hat es nie einen großen Gestapo-Prozeß gegeben? Regie bei der Vergangsheitsbewältigung nach 1945. GA-j!, 14. Januar 2011
  8. Bading, Ingo: "Der Bruderschaftsgedanke wurde dem Individualismus entgegengestellt." Gestapo-General Werner Best - die bislang "gelungenste" Personifzierung der Okkultgeschichte Deutschlands während des 20. Jahrhunderts? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt? 21. Mai 2011   
  9. Krausnick, Helmut; Wilhelm, Hans-Heinrich: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942. DVA, Stuttgart 1981; durchgesehene Ausgabe, Fischer Taschenbuch 1985, 1989 
  10. Friedrich, Jörg: Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1984)
  11. Weinbrecht, Dorothee: Der Exekutionsauftrag der Einsatzgruppen in Polen. Markstein Verlag für Kultur und Wirtschaftsgeschichte, Filderstadt 2001 (80 S.)
  12. Jörg Ganzenmüller: Rezension zu: Angrick, Andrej: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943. Hamburg  2003. ISBN 3-930908-91-3, In: H-Soz-Kult, 25.05.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-5066>.

Donnerstag, 21. März 2013

Ein Schulfilm von Guido Grandt über Konzentrationslager

Der investigative Journalist Guido Grandt hat gestern abend in Berlin einen neu von ihm produzierten Film vorgestellt: "Hinter dem Dorf die Hölle - Die vergessenen Konzentrationslager auf der schwäbischen Alb" (siehe auch seinen diesbezüglichen Blogbeitrag).

Abb. 1: Filmvorführun gestern Abend in Berlin am Südrand des Tiergartens
3.500 Menschen aus allen Teilen Europas starben 1944 und 1945 in Dörfern an der Bahnlinie südlich von Tübingen an Unterernährung, Überanstrengung, Quälereien, durch Erschießungen in von der SS unterhaltenen Konzentrationslagern. Diese Menschen arbeiteten im Ölschiefer-Abbau zur Gewinnung von Treibstoff, der zur Deckung des immensen Treibstoff-Bedarfes für die Kriegsführung - auch oder gerade in der Endphase des Zweiten Weltkrieges - hatte beitragen sollen.

Abb. 2: Anschließende Diskussion mit Guido Grandt (ganz links) und Gedenkstätten-Betreibern
Guido Grandt, dessen Zugang zum Thema zunächst einfaches heimatkundliches Interesse war, hat dazu aus eigenem Antrieb heraus einen sogenannten "Low-Budget-Film" produziert, der insbesondere als Schulfilm gedacht ist und als solcher auch von der Landesregierung Baden-Württemberg genehmigt worden ist.

Grandt sagt, daß er längst nicht alles vorhandene Material und alle Fragestellungen in den 42 Filmminuten hatte aufarbeiten können und daß er gerne noch einen zweiten Teil produzieren würde. Offene Fragen sind zum Beispiel, ob die Unterernährung in den Konzentrationslagern vor allem eine Folge der damaligen Ernährungslage in Deutschland war, die sich infolge der Mißachtung des Lebens von KZ-Häftlingen auf diese nur in besonders scharfer Weise ausgewirkt hat. Und so wurden in der Diskussion noch viele weitere offene Fragen angesprochen.

Guido Grandt wies abschließend auch darauf hin, daß man viele nationalsozialistische Täter auf unteren Hierarchieebenen nach 1945 verurteilt hätte. So auch die Lagerleiter und Teile der Wachmannschaften dieser Konzentrationslager durch die französische Besatzungsmacht in den Rastatter Prozessen. Daß aber gerade viele Persönlichkeiten in führenden Positionen ihre Mitverantwortung verschwiegen und nach 1945 in der Politik weiter Karriere gemacht haben. Ein weiteres, noch zu wenig ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungenes Thema, das wir ja hier auf dem Blog schon ausführlich behandelt haben.

Montag, 6. Februar 2012

"Durchaus sympathisch" - Lenin und Stalin

Der Salonbolschewist, Kriegshetzer und Freimaurer Friedrich Hielscher

Gleich nach der Wende des Jahres 1989 nahm die Geschichtswissenschaft neue Bewertungen auch des historischen Wirkens des Freimaurers Eduard Benesch (1884-1948) (Wiki) vor, 1918 bis 1935 Außenminister, 1935 bis 1938 Staatspräsident der Tschechoslowakei, von 1938 bis 1945 einflußreicher Exilpolitiker in London, von 1945 bis 1948 nochmals Staatspräsident der Tschechoslowakei (1-4).

Abb. 1: Lagerzaun in Workuta (rer)

Schon in der Krise des Jahres 1938 hatte er auch für sein eigenes Land keine Sorgen gegenüber einer "Sowjetisierung Osteuropas", ja, er hat die Sowjets schon im Februar 1936 indirekt zur Sowjetisierung Mitteleuropas aufgefordert (2, S. 551). Und schon am 31. Januar 1939 sagte Benesch in London in diesem Sinne zum Beispiel die einprägsamen Worte (zit. n. 2, S. 579):

„Rußland wird in Mitteleuropa das Wort haben ... Geographisches Gesetz ... Hitler verhilft uns zur Nachbarschaft mit Rußland. Nach den künftigen Katastrophen muß das Ziel sein, daß Rußland in Uzhorod stehen wird, Presov in Rußland liegen wird ... Die Grenze mit Rußland so lang wie möglich auch mit Hinsicht auf Polen ...“

Dieses Zitat ist auch deshalb so auffällig, weil ein solches Denken des Freimaurers Eduard Bensch (spätestens ab 1936) und das Denken des Freimaurers Friedrich Hielscher (spätestens seit 1927; offiziell Freimaurer wurde er erst 1951) in vielerlei Hinsicht gegenseitig erläuterendes Licht aufeinander werfen - und damit wohl auf die Freimaurerei insgesamt. Dieses Zitat scheint nur das noch offener auszusprechen, was Friedrich Hielscher sich schon in seinen Veröffentlichungen seit 1927 gewünscht hatte (siehe gleich). Der Historiker Ivan Pfaff führte aus (2, S. 579): Benesch

„war schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fest davon überzeugt, daß die UdSSR früher oder später in den Krieg mit Deutschland eingreifen und schließlich nach Mitteleuropa vordringen werde.“

Und im Dezember 1939 führte Benesch aus (2, S. 580):

„Rußland wartet ab und sobald es auf Grund der deutschen Kriegsführung für sich allseits die möglichst stärkste Position gewonnen hat (die Baltischen Staaten, Polen, Finnland, Bessarabien, offenbar Bulgarien und Nordtürkei und -persien), wird es alles Erdenkliche zum Sturz des heutigen Deutschland tun und dort wie auch überhaupt in Mitteleuropa eine Revolution mit Sowjetregimes hervorrufen.“ 
In ähnlichen Gedankengängen formulierte Benesch am 12. Juli 1941 (zit. n. 4, S. 555):
„Wenn der Krieg in Europa vorüber ist, werden nur Deutschland und Rußland übrig sein. Deutschland wird zerstückelt sein und im Osten und - wie ich hoffe, in Zentraleuropa ebenso - wird Rußland die entscheidende Rolle spielen.“

Die gleiche Sorglosigkeit, ja, Sympathie gegenüber der Sowjetunion, wie sie Benesch an den Tag legte, legte auch ein Vordenker des sogenannten "Neuen Nationalismus" und der sogenannten "Konservativen Revolution" in Deutschland rund um Ernst Jünger schon ab 1927 an den Tag.

"Rußland wird in Mitteleuropa das Wort haben ... Geographisches Gesetz ..."

Ein Vordenker, der Zeit seines Lebens den "Männerbund" glorifizierte, schon 1925 die Jesuitenexerzitien praktizierte und 1951 auch offiziell Freimaurer wurde. Während in den Kreisen der "Konservativen Revolution" noch heute ein Eduard Benesch oder ein Walter von Seydlitz (Nationalkommitee Freies Deutschland) äußerlich auf das heftigste abgelehnt werden, vielfacher deutscher militärischer Geheimnisverrat an die Sowjetunion schwer verurteilt wird (Martin Bormann, Rote Kapelle, Wilhelm Canaris ...) (5-7), bringt man einem Friedrich Hielscher noch heute in diesen Kreisen mitunter viel Sympathie entgegen.

Wenn in Kreisen des "Neuen Nationalismus" und damit später auch des (z.T. sogenannten) deutschen Widerstandes schon seit 1927 so gedacht werden konnte, wie Friedrich Hielscher dachte, wird man Anlaß haben, viele Landesverrats-Handlungen des (z.T. sogenannten) deutschen Widerstandes noch aus ganz neuer Perspektive zu sehen. (Denn wie kann man einen "Widerstand", der anstelle des nationalsozialistischen Totalitarismus lediglich den kommunistischen Totalitarismus setzen wollte, noch aufrichtig "Widerstand" nennen anstatt Erfüllungsgehilfe von Totalitarismus?)

Nach Aufsätzen von Friedrich Hielscher wie "Der Draht nach Osten" von 1927 (S. 6), "Japan, Rußland und der Westen" von 1928 (S. 54) und "Die letzten Wochen. Moskau" von 1930 (S. 49f) vervollständigt die Soziologin Ina Schmidt in ihrer Dissertation über Hielscher unsere bisherigen Kenntnisse über seine volksverhetzenden Ansichten (8, 9) zusammenfassend folgendermaßen (10, S. 100):

Seit der Herrschaft Zar Peters I. sei auch das russische Seelentum der westlichen Überfremdung preisgegeben worden.
Abb. 2: Ukraine 1932

Zar Peter I. der Große (1672 - 1725), der Petersburg als westliche Stadt gründete und Rußland der westlichen Kultur und vor allem auch vielen deutschen Einflüssen öffnete, wird also von Hielscher negativ bewertet. Denn westliche Überfremdung ist ja im Weltbild des Friedrich Hielscher die Ursünde überhaupt. Derartiges hört man bezüglich "östlicher Überfremdung" bei ihm nie, im Gegenteil. Denn demgegenüber ("im Gegensatz dazu") zieht er keine geringeren als - - - Lenin und Stalin Peter I. folgendermaßen vor:

Lenin und Stalin seien nicht wirklich marxistisch eingestellt, da sie im Gegensatz zum Zarentum konform mit dem ursprünglich russischen Seelentum handelten, was Hielscher durchaus sympathisch findet. Erkennbar sei dies daran, daß sie die russischen Menschen ihrer Machtpolitik und der russischen Nation opferten.

(Vgl. Abb. 1 - 3.) Leider gibt Schmidt hier kein Originalzitat. Aber schon diese Paraphrase ist wohl eindeutig genug. Ob wohl Ina Schmidt selbst gemerkt hat, was für ein ekelhaftes Denken sie da referiert? Sie fährt noch krasser fort:

Stalin verhalte sich so, wie sich ein echter Nationalist verhalten solle, da er nur an die Stärke und den Erfolg der Nation denke. Der Bolschewismus sei nur Maske. Dies zeige sich darin, daß er Ordnung schaffe, regimefeindliche Akademiker ermorde und Zehntausende von Kulakenfamilien nach Sibirien schicke und dort sterben lasse.
All das findet Hielscher also toll! Er wünscht es sich offensichtlich auch für Deutschland. Das liegt ganz auf der Linie unserer bisherigen Beiträge zu Hielscher (8, 9).
Durch diese Opferung von Menschenleben habe er die Rüstung der Nation gestärkt.

Man möchte den Hielscher auf der Stelle selbst sofort in den Archipel Gulag schicken und verrecken lassen, wenn er so reden kann. Wie kann Papier so geduldig sein und wie konnten die damaligen Leser von Hielscher so geduldig sein? Die ganzen nationalpatriotischen deutschen Kreise lebten damals aus dem antikommunistischen Affekt heraus. Und Hielscher verherrlicht den Kommunismus und niemand hat ihm jemals gehörig die Meinung gesagt? An dieser Stelle erfolgt dann Verweis auf die oben genannten Origianl-Aufsätze. Und weiter:

Stalin sei kein Marxist, wie er immer noch denke, denn "Karl Marx hatte das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl gewollt, einen nicht sehr erhebenden, etwas muffigen, aber immerhin erträglichen Frieden auf Erden; und diese Erschießungen bedeuten Krieg, Willen zur Macht, Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben, Entschlossenheit zum Siege" 

wie Schmidt aus dem letztgenannten Aufsatz Hielschers von 1930 zitiert. Noch einmal: Eine solche Bejahung des stalinistischen Völkermordes findet man höchstens noch bei Winston Churchill. Sind von Adolf Hitler solche Äußerungen bekannt? Dann hätte wohl Ernst Nolte leichtes Spiel mit seiner These, der Nationalsozialismus sei im Wesentlichen eine Reaktion auf den Bolschewismus. Nolte sollte Friedrich Hielscher genauer studieren, dann wüßte er, "wer" "wie" auf den Bolschewismus reagiert hat.

"Durch diese Opferung von Menschenleben habe er die Rüstung der Nation gestärkt"

Die "Neuen Nationalisten", die "Konservativen Revolutionäre" haben gegen Hitler 1944 möglicherweise nicht gerade deshalb geputscht, weil sie "humaner" gesinnt waren, als er, sondern weil ihre dem deutschen Volk, dem russischen Volk und der westlichen Welt noch heute völlig unverständliche landesverräterische Kooperation mit der Sowjetunion, weil die gleichzeitige von ihnen ermöglichte Invasion in der Normandie und der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte in Rußland möglicherweise schon damals aufgeflogen worden wären, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit nicht durch einen Putsch und durch ein Attentat auf Adolf Hitler abgelenkt worden wäre. (So könnte zumindest eine Hypothese lauten, die genauer verfolgt werden müßte. Denn um so mehr man von den landesverräterischen Umtrieben des deutschen "Widerstandes" erfährt, insbesondere auch gegenüber der Ostfront, um so mehr fragt man sich, welche Rationalität dann eigentlich noch hinter dem Stauffenberg-Attentat von 1944 stehen sollte.) - Doch bringen wir das Zitat von Ina Schmidt zum Abschluß (10, S. 100f):

Das typisch russische Seelentum kennzeichne ebenso wie das römische der große Abstand zwischen den als unwissend und niedrig betrachteten Beherrschten und der als wissend und gottgewollt empfundenen Führung. Diese werde von den Menschen Rußlands als notwendiges Übel zwecks Verteidigung nach außen hin akzeptiert.

An diesen Ausführungen ist ja insbesondere noch bemerkenswert, daß Hielscher in den Jahren von 1927 bis 1930 viel präziser als viele andere deutsche und westliche Beobachter in der Öffentlichkeit die damaligen inneren Vorgänge in der Sowjetunion in ihren tatsächlich vorliegenden Kausalzusammenhängen benennt. Im Grunde ist dies noch nicht einmal von Robert Conquest ("Ernte des Todes", 1986) so scharf und deutlich herausgearbeitet werden, sondern erst von Bogdan Musial ("Kampfplatz Deutschland", 2010), nämlich daß der ukrainische Hungerholocaust 1930 bis 1933 durchgeführt wurde, um ein gigantisches Rüstungsprogramm mit Getreideexporten finanzieren zu können. Genau das weiß auch Hielscher. Aber wer wußte das damals eigentlich in Deutschland noch ebenso präzise wie er?

Adolf Hitler zumindest nicht. Sonst hätte er das gigantische Rüstungsprogramm Stalins nicht so stark unterschätzt, wie er es 1942 gegenüber dem finnischen General Mannerheim eingestand. Sprich: Die deutsche "Abwehr", der deutsche militärische Geheimdienst unter Wilhelm Canaris, Reinhard Gehlen, Alexis von Roenne, zusammen mit Leuten wie Hans von Dohnanyi, Justus Delbrück und Karl Ludwig Freiherr von Guttenberg (7, S. 67) hatten diese Dinge ebensowenig weitergegeben, wie offenbar das Außenministerium z.B. seine Konsulatsberichte aus Kiew aus dem Jahr 1932 an die Öffentlichkeit weitergab. (Der eben genannte Guttenberg ist übrigens der Großonkel des 2011 zurückgetretenen korrupten Verteidigungsministers, der ebensogerne wie sein Großneffe "Guttenberg'sche Lügenteppiche" webte und sich in ihnen "verhedderte", wie seine Tochter in ihrer Biographie schreibt. Offenbar also eine familiär weiterverbte Eigenschaft der Lügenbarone von Guttenberg.)

Ina Schmidt scheint die Ungeheuerlichkeit der Gedankengänge des Friedrich Hielscher nicht vollumfänglich bewußt zu werden, unter anderen offenbar auch deshalb, weil sie sich der freundschaftlichen Verbindungen der "Neuen Nationalisten" zu jenen nicht bewußt ist, die genau die politische Moral eines Friedrich Hielscher von 1933 bis 1945 gelebt und umgesetzt haben. Beim gegenwärtigen Kenntnisstand am besten personifiziert im "dritten Mann hinter Himmler und Heydrich", in Werner Best, den ebenso wie Hielscher in Deutschland bis 1989 niemals verurteilten, lebenslangen Freund von Ernst Jünger und Friedrich Hielscher. Einer der vielen aus dem Hielscher-Kreis, der um 1933 herum zum Männerorden SS wechselte.

Da paßt es auch durchaus, wenn der Sekretär Ernst Jüngers, Armin Mohler, Berater von Franz Josef Strauß war, der möglicherweise als einer der Auftraggeber des Staatsterrorismus der RAF und damit des Mordes an Siegfried Buback gelten muß (siehe früherer Beitrag). Der Mordmoral einer RAF mußte ein Hielscher, wenn er konsequent war, völlig positiv gegenüber stehen. Ebenso wie dies bis heute Horst Mahler tut, wenn er sie als Verlängerung der "Heldentaten" der Werner Best- und Hielscher-SS anspricht. Alle diese Personen scheinen aus der gleichen "asiatisch-brutalen" geheimpolitischen und geheimideologischen Ecke eines Hielscher zu kommen.

Hielscher kannte die Hintergründe des Hungerholocausts in der Ukraine 1932

Abb. 3: Ukraine 1932
Nachdem Hielscher in seinen Aufsätzen und Büchern bis 1933 viele "Herren"-Gedanken geäußert hatte, wie sie unter den elitären völkisch-freimaurerischen Okkultlogen und Herrenklubs seiner Zeit Gang und Gäbe waren, nachdem sein Gesinnungsgenosse Werner Best schon lange vor 1933 Mitglied des Skaldenordens geworden war, nachdem sein Gesinnungsgenosse Ernst Jünger in seinen Büchern viel über die "Herren der Probleme" raunte, "mit denen sich die Zeitgenossen beschäftigen", und die sich offensichtlich in Logen und Geheimdiensten bewegen (siehe früherer Beitrag), zögerte Hielscher im Jahr 1951 nicht, sich den Degen auf die nackte Brust setzen zu lassen, ohne Schuh durch den "dunklen Gang" der Freimaurer zu stolpern und ähnliche Mätzchen mit sich machen zu lassen, um Mitglied der Freimaurerloge "Brudertreue am Main" zu werden, der er dann über vier Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod angehören sollte (10, S. 136). Da war dann quasi endlich auch offiziell "zusammengewachsen", was schon lange "zusammen gehört" hatte ... Und als er 1954 Martin Buber seine soeben erschienene Autobiographie sandte (10, S. 137),

in der er betonte, daß Buber ihm "den Weg von der Gerechtigkeit zur Güte" gezeigt und die Augen für "Israel" geöffnet habe,
- diese Worte muß man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: "von der Gerechtigkeit zur Gute" - und diese Worte aus dem Munde eines Kriegshetzers vom Schlage Friedrich Hielscher - konnte dieser Herr Buber lächerlicherweise in seiner Antwort befriedigt feststellen, daß in diesem "lebendigen" Buch viele weltanschauliche Veränderungen dokumentiert waren und eine Selbstkritik an seinen vergangenen nationalistischen Positionen:
"Auch bekommt man jeweils ein Stück eines sehenswerten Wegs zu sehen, der aus dem 'Reich' in die Welt führt. Ihnen und Ihrer Frau alles Gute!"

Martin Buber kann ja wohl "Das Reich" nicht zitieren, ohne es gelesen zu haben! Unglaublich, daß er da noch von einem "sehenswerten Weg" fabulieren kann. Entweder man sagt sich "Elitäre unter sich" oder man sagt sich: Jetzt weiß ich endlich, wie ich die merkwürdig fremdartige Stimmung in "Gog und Magok" aufzufassen habe, nämlich dahingehend, daß man aus dieser heraus in dem Buch "Das Reich" nichts mehr "merkwürdig" und "fremdartig" empfindet, sondern vielmehr: "sehenswert".

Im übrigen: Der "innere Mohr" des Friedrich Hielscher, dieser brutal-totalitaristische, diktatur- und kriegsverherrlichende, menschenverachtende, völkermordbegrüßende hatte ja eh seine Schuldigkeit getan. Jetzt konnte Hielscher, nachdem sich das von ihm vorausgesehene "eiserne Schicksal" vollzogen hatte, zu seinem inneren Mohr - offenbar sagen: Der Mohr kann gehen. Und alle waren's zufrieden.

Und seit dem darf jeder Hielscher-Verehrer sich seinen eigenen Hielscher zurechtstoppeln. Je nach Laune mehr Dosierung von dem "Hielscher vor 1933" oder dem "Hielscher vor 1945" oder dem dosiert "selbstkritischen Hielscher nach 1945". Wobei natürlich reineweg klar ist, daß Hielscher "Widerstand" im Dritten Reich geleistet hat. Hielscher! Lächerlich!

Heutige Odin-Anhänger finden Hielscher Klasse

Auf dem Blog eines Julian Jurek (möglicherweise Pseudonym), offensichtlich einem Odin-Anhänger (21gh) (11), der so gut in die "arische Internationale" eines Friedrich Hielscher paßt, wird das nicht-naturalistische Weltbild des Friedrich Hielscher noch einmal sehr hübsch deutlich herausgearbeitet:

Seine Einstellung zu Volk und Nation wird in seinem ideologischen Grundlagewerk „Das Reich“ deutlich, daß 1931 im Fundsberg-Verlag erschien. Dort postulierte er, daß ein Volk  aus der Gemeinschaft von Schicksal und Bekenntnis entstehe. Das Blut erhält seinen Rang durch eine Entscheidung und nicht durch die Biologie. Deutschtum/Deutschheit leiten sich nicht durch Abstammung und staatliche Definition ab, sondern aus Gesinnung und Glauben. Der Reichsbegriff wird vom politischen zum religiös-metaphysischen, in der Geschichte wirkenden Prinzip einer föderativen Ordnung Europas – unter Führung des preußischen Geistes. Die Nationalstaaten sollten sich in Stämme und Landschaften auflösen, und aus diesen verkleinerten Einheiten war etwas Größeres zu schaffen, das über die Nationalstaaten hinausging.
Also wie noch an anderer Stelle aufgezeigt werden wird, wunderbar kompatibel zu der traditionellen freimaurerischen - und übrigens auch christlichen und buddhistischen - Weltsicht. Über die Tätigkeit Hielschers als Religionsgründer heißt es:
Von größerer spiritueller Bedeutung war die 1933 nach dem Umzug nach Potsdam erfolgte Gründung der Unabhängigen Freikirche UFK als heidnisch-pantheistischer Glaubensbewegung auf indogermanischer Grundlage: „Ich glaube an Gott den Alleinwirklichen. Ich glaube an die ewigen Götter. Ich glaube an das Reich.“ Heidnische Elemente aus der deutschen Klassik und Romantik wurden mit dem ketzerischen Pantheismus eines Johannes Scotus Eriugenas, Nietzsche und dem überlieferten keltisch-germanischen Volksglauben zu einer für Außenstehende äußerst schwer zu erfassenden theologischen Einheit verknüpft. Die Theologie der UFK war kein statisches Gebilde, sondern wie „Das Reich“ eine dynamisch weiterzuentwickelnde Aufgabe.  
Interessant auch, wo und wie man den Aktualitätssbezug von Friedrich Hielscher heute sieht:
Dabei ist gerade für uns Polytheisten interessant, daß die UFK gut und gerne als Vorreiter der modernen Neuheidentum-Bewegung gelten kann. Obwohl ihre Wurzeln in einem konservativ-reaktionären Milieu lagen, stand sie doch im starken Kontrast zu den ariosophischen Orden und Zirkeln der Vorkriegs-Zeit. Auch mit dem Rassismus und Antisemitismus der theosophisch-beeinflussten SS Himmlers hatte sie nichts gemein. Wie bereits erwähnt, war Hielscher der Überzeugung, daß das Deutschtum eine Sache der Geisteshaltung, und weniger der Abstammung sei. Deutschtum und polytheistische „Frömmigkeit“ waren für ihn untrennbar, allerdings ohne dabei chauvinistische Dünkel zu hegen.

Nur eines scheint dieser "Odin-Anhänger" da übersehen zu haben. Nämlich, daß die Mordmoral eines Hielscher völlig mit der Mordmoral der Werner Best-SS in Einklang stand. Daß das totalitaristische Menschen- und Gesellschaftsbild eines Hielscher in vielem wohl sogar noch das sehr der allgemein in der SS und in der NSDAP verbreitete übertraf. - Da haben also heutige "Odin-Anhänger" offenbar den ihnen genehmen Vordenker gefunden. Auf der Wewelsburg, im Völkerschlachtdenkmal von Leipzig und anderswo: Über Schlachtfelder zu Gott und zur okkulten, grausamen Priesterdiktatur im Sinne eines Friedrich Hielscher und seines Freundes Werner Best, des "Bluthundes von Boxheim".

... Damit sind wir mit dem Herrn Hielscher aber noch längst nicht am Ende und es wird noch mindestens ein Beitrag über ihn kommen, der schon in Arbeit ist. Das Buch von Ina Schmidt hat über 300 Seiten und enthält vieles, was zum Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart nicht ganz unwichtig sein dürfte.


/ Erster Entwurf: 30.12.2011 /
__________________________________________

  1. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit, Universität Mainz 1993 (pdf.)
  2. Pfaff, Ivan: Stalins Strategie der Sowjetisierung Mitteleuropas 1935 - 1938. Das Beispiel Tschechoslowakei, In: VfZG 4/1990, S. 543 – 587
  3. Hübner, Eckehard: Neues Licht auf die sowjetische Außenpolitik vor dem Zweiten Weltkrieg? Zum Aufsatz von Ivan Pfaff, In: VfZG 1/1992, S. 79 – 94
  4. Mastny, Vojtech: The Czechoslowak Government-in-Exile During World War II. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 27 (1979), S. 548 – 563
  5. Beer, Hugo Manfred: Moskaus As im Kampf der Geheimdienste. Die Rolle Martin Bormanns in der deutschen Führungsspitze. Hohe Warte (3., erw. Aufl.), Pähl 1984
  6. Georg Friedrich: Verrat in der Normandie. Eisenhowers deutsche Helfer. Grabert Verlag, Tübingen (2. Aufl.) 2007, (4. Aufl.) 2011 
  7. Georg, Friedrich: Verrat an der Ostfront. Der verlorene Sieg 1941 - 42. Grabert Verlag, Tübingen 2012
  8. Bading, Ingo: "Diese Zuversicht, welche die kommende Vernichtung bejaht ..." Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 3.6.2011 (GA-j!2011)
  9. Bading, Ingo: Okkulte Priesterdiktatur für den "deutschen Raum" und Ausrottung des "verhurten Gesindels"  - Zu Friedrich Hielschers Buch "Das Reich" aus dem Jahr 1931. GA-j!, 5.8.2011
  10. Schmidt, Ina: Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und Widerstand gegen den Nationalsozialismus. (Diss. Hamburg 2002) SH-Verlag, Köln 2004
  11. Jurek, Julian: Friedrich Hielscher – Heidnischer Vordenker oder NS-Wegbereiter? Teil I, 9.5.2010; Teil II, 16.5.2010; Teil III, 26.5.2010.

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