Samstag, 11. Juli 2026

"Der" deutsche Nachkriegsroman

Wenn das eigene Leben zum "Roman" wird, kann dann ein Roman nicht auch einmal zum Leben werden?

Abb. 1: Eine Studien-Zeichnung des italienischen Malers Pietro da Cortona (1596-1669)

Der Beginn des 7. Kapitels auf Seite 87 las sich so:

Ein Wunder war geschehen. Über dem Hofe in der Röth lag ein neuer, nie gehörter Klang.
Novè sang!
Professor Klaar richtete sich erstaunt von seinem Lager auf. ... An diesem Morgen, einem ganz gewöhnlichen Morgen, zwischen Kühemelken und Schweinefüttern, sozusagen mitten hinein in die unterschiedlichen Geräusche eines landwirtschaftlichen Betriebes erklang "Solveig's Lied", gesungen von einer Magd, keiner gewöhnlichen Magd allerdings; vielmehr von einem Mädchen, das, wie er selbst, vom bitteren Schicksal dieser Zeit wahrhaftig nicht verschont worden war. Und doch - dieses Mädchen sang, sang so unbekümmert, so selbstverständlich, wie sich die Knospen der Sonne auftaten, wie die ersten grünen Halme aus dem Acker brachen ... 
Unwirsch schob er die Aspirintabletten zur Seite ...

"Solveig's Lied"? Aus Peer Gynt von Henrik Ibsen? Vertont von Edvard Grieg? Der Leser fragt sich vielleicht: Wie klang das eigentlich noch mal (Yt)? Und wie lautete eigentlich noch einmal der Text (Text)?

Warum ergreifen uns Romane so? Oder genauer: Warum ergreifen uns manche Romane so stark? Etwa weil sie schildern, was es - sowieso - "nur im Roman" gibt? 

Wäre das nicht schade?

Die Zeit ist aus den Fugen!

Die Zeit nach 1945 war die Hochzeit des Existentialismus. Er wurde - und wird immer noch und weiterhin - allerseits propagiert. Wenn man die Zeit vor 1945 ebenfalls mit einem Schlagwort kennzeichnen möchte, so würde wohl gesagt werden können, daß sie beherrscht war - sozusagen - von Idealismus. Zumindest kann das für Deutschland gesagt werden. Mit all dem ist nicht gemeint, was Politiker "reden". Damit ist gemeint, was Menschen in ihrem Lebensalltag leben - zumindest auch leben. Es ist damit gemeint, welche Bücher gelesen werden. Und es ist damit gemeint, was in Schulen und in Ferienfreizeiten der Jugend als "Ideal" gelehrt und vorgelebt wird. 

Dem Zusammenbruch aller "idealistischen" "Illusionen" in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der "Trümmerliteratur" (Wiki), in der "Kahlschlagliteratur" - "nomen es omen", im Geist der "Ohne mich"-Haltung nach all den erschütternden Erfahrungen der Jahre 1939 bis 1947, all dem etwas entgegen stellen, das - dennoch - "Bestand" hat, das "trägt", einen Roman zu schreiben, dessen Inhalte es eben nicht nur "im Roman" gibt, sondern der das Leben selbst ist, dies mag sich als Aufgabe gestellt haben der österreichische Schriftsteller Karl Springenschmid (1897-1981) (MetapediaWiki, Salzburg-Wiki). In den schweren Jahren nach 1945.

Hat er diese Aufgabe gelöst?

Aber natürlich hat er sie gelöst!

... Nachdem er die Aspirintabletten zur Seite geschoben hatte.   

Abb. 2: Blick vom Hausruck nach Süden zum Hochgebirge des Salzkammergutes (GMaps) (hier vom Botanischen Garten Frankenburg)

Als Leser steht man völlig "verdattert" vor dieser Lösung. Und man fragt sich: Wie schafft er das?

Reichte es, auf "Solveigs Lied" zu hören? Und wenn es wirklich so einfach war - - - ?

Noch heute ist das Leid, das 1945 zu tragen, zu verarbeiten war, völlig unverarbeitet. Noch heute stehen wir - als Volk, als Kulturraum, als Nation - genau dort, wo unsere Vorfahren im Jahr 1945 gestanden sind. Dem Wesen und der Sache nach hat sich seit 1945 nichts geändert: Vorherrschender Existentialismus, Materialismus, Zynismus, Desillusionierung, flüchten in seichte Oberflächlichkeit oder tiefste Verbitterung auf der einen Seite - und auf der anderen Seite: eine kleine, sehr kleine Minderheit, die - demgegenüber, sozusagen - danach strebt, "das Herz auf dem rechten Fleck" zu behalten, die danach strebt, daß Idealismus, Ideale, Werte, Anständigkeit, Redlichkeit, Liebe, Liebe zur Heimat, Liebe zum heimatlichen Boden keine leeren Worte bleiben. Sondern daß sie gelebt sind, daß sie "authentisches" Leben bleiben. Weiterhin.

Mit jedem Jahr wird die innere Not jener, die sich um Letzteres bemühen, größer. 

Dabei war sie doch schon im Jahr 1945: .... so gar nicht zu begreifen - - -

Vom Hausruck und Linz in Oberösterreich über Mattersburg, Budapest nach Kikinda und Temeschwar und zurück (GMaps) - diesen Weg läßt der Schriftsteller Springenschmid seine Romanfigur "Novè" gehen. Er läßt sie gehen einen schweren Weg. Einen Weg, von tiefem Leid geweiht. Ungefähr im Jahr 1949. Am Weg liegt das Massengrab, in dem ihre Eltern und tausende anderer Banater Schwaben verscharrt liegen. Am Weg liegen Stätten des Grauens und der Verwüstung. Am Weg trifft sie auf Menschen, die durch den Kommunismus verändert wurden und auf solche, die unverändert blieben. Der Weg läßt sie Schwerstes erleben. Und den Roman bewegt die Frage: Wird die Romanfigur durch dieses Erleben verändert? Oder bleibt sie - im tiefsten Innern - diejenige, die sie war? Weil ihr Leben in der Liebe wurzelt - ? Der Roman zeichnet dabei - - - ein "Mädchenschicksal zwischen Ost und West".

Immer wieder erneut legt man den Roman zutiefst erschüttert beiseite.

Höchste Werte - aber nicht auf Propaganda-Plakaten vor sich her getragen, sondern in stiller, ehrlicher, unmittelbarer Trauer - oder Freude - nach innen gelebt. Ohne zu beachten, ja, ohne überhaupt nur zu fragen, was "all die anderen" denken, reden, tun. Sich selbst der Maßstab sein. Sich über jene - wenigen - freuen, die noch "ein Herz haben". Mit jenen nachsichtig sein, denen das Herz - aus welchen Gründen auch immer - unter Verbitterungen oder Oberflächlichkeiten - zeitweise - verschüttet ist.

Wer diesen schweren Weg nicht gegangen ist - mit der Romanfigur "Novè" - wie will der sich in der Zeit der Orientierungslosigkeit von heute zurecht finden? Wie will der den rechten Weg finden? Man legt den Roman so erschüttert weg, daß man eigentlich nur noch in diesem Roman weiter leben möchte. Weil man sich nur dort - in diesem Roman - "echt" fühlt. Weil das eigene Leben gegenüber diesem Roman sich so unendlich schal, hohl anfühlt, so außerhalb alles "Eigentlichen" lebend.

Ist dieser Roman nicht wie eine moderne "Bibel" oder besser: wie ein "heiliges Buch"? Da in ihm so durch und durch heilige Wege begangen werden, Inhalte behandelt werden - ? Ohne alle Aufdringlichkeit?

Wer möchte, könnte in dem Roman einen vergleichsweise seichten Mädchenroman sehen. Er könnte einen Roman darin sehen, der mit viel Oberflächlichkeit dahin plätschert. Die schweren, tragischen Inhalte drängen sich dem Leser nicht auf. Sie sind - wenn man so sagen will - fast "versteckt". Hat man sie aber einmal entdeckt, lassen sie einen nicht mehr los. Sie schütteln einen durch und durch. Sie drehen das Inwendige nach außen.

Abb. 3: Blick vom Hausruck nach Süden Frankenburg am Hausruck Aussichtsturm (Fotograf: Thomas Ledl, 2017) (Wiki) 

Ein Roman kann wie Musik sein: leichte, fröhliche, heitere Töne --- und zwischendurch klingen dunkle, drohende, erschütternde Akkorde auf - aus tiefer Tiefe. Kontrabässe und Chelli steigen aus dem Dunkel, markieren das Dunkle, das Drohende, Abgründige. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Geigen und Flöten blickt erschreckt auf all das Drohende, bleibt aber doch in der Leichtigkeit, die ihnen eigen ist. Aber es mag auch sein, daß die Musik zeitweise fast ganz abbricht. Weil so viel Grauen gar nicht mehr in Musik - oder Worte - gefaßt werden kann.

Der Roman spielt zu Anfang und am Ende im Hausruck, einem langgestreckten Höhenzug nördlich vom Salzkammergut zwischen Salzburg, Passau und Linz. Man blickt von dort über hügelige Bauernlandschaft auf das ferne Gebirge des Salzkammergutes (Abb. 2 und 3). Karl Springenschmid kannte diesen Hausruck sehr gut. Denn er beschreibt ihn auch in seinem autobiographischen Roman "Der Waldgänger" als verborgenen Weg all jener Menschen, die im Jahr 1945 auf der Flucht oder auf dem Weg in ihre Heimat waren und die dabei möglichst wenig mit den neuen Besatzungsmächten in Berührung kommen wollten. Ihnen fühlte er sich verbunden. Der Roman spielt zwischen Eberschwang und Pattingham (GMaps).

Der Roman spielt beim "Bauern in der Röth". Man könnte denken, daß das angespielt ist auf die Gemeinde Rödt (Wiki), neun Kilometer südlich von Ried im Innkreis. Fünf Kilometer nördlich von Rödt liegt "Schachen". Im Roman ist von einem "Schacha" die Rede. Beide können aber kaum identisch sein, denn zu dem "Schacha" des Romans kommt man nach langen Wegen durch den Wald und es hat Ausblick nach Süden, zum Gebirge zu. Vielleicht dachte Springenschmid bei dem Schacha im Roman an eine Waldinseln bei Oberedt, von wo man vielleicht einen ähnlichen Ausblick nach Süden hat wie in den Abbildung 2 und 3 zu sehen.

Erwähnt werden im Roman die Ortschaften: Riegerting, Waldzell, Pattingham, Rödt, Schachen, Eberschwang, Baumbach, Ried im Innkreis und Haag am Hausruck (GMaps). Diese Ortschaften sind gegenüber den anderen Inhalten des Romans so "nebensächlich", man liest so leicht darüber hinweg, daß man sie im Roman erst konzentriert suchen muß, um sich klar zu machen, wo dieser Roman eigentlich spielt. Spielt er nicht - eigentlich - "über" Raum und Zeit, spielt er nicht eigentlich jenseits von Raum und Zeit?

Man kann es auch so sagen: Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, das Schicksal nacherlebbar zu machen, das Tausende, Millionen erlebt und erlitten hatten, und es neu vor sie hinzustellen und sie es diesmal - wenigstens im Roman - "bestehen" zu lassen. Die Aufgabe des Dichters könnte es sein, "leicht" an dieses Schicksal zu rühren, zu erschüttern - aber ohne die Gegenwart selbst dabei zu verlieren oder gar ins Abseits des Lebens zu geraten.

Abb. 4: Die französische Schauspielerin Danielle Darrieux - der die Novè des Romans ähneln soll (S. 269)  

Als die "Trümmerliteratur" zur allein selig machenden Literatur erklärt wurde in Deutschland, lag darin schon beschlossen, was spätestens im Jahr 2015 mit so großer Macht - und scheinbar "plötzlich" - sichtbar werden sollte: nämlich daß ein Volk, das Herzvolk Europas, nicht mehr leben will. Daß es sich nicht mehr zum Leben aufraffen will. Daß ihm die Simulation eines Aufraffens - in Form von "Politik" - ausreicht. Alles das lag schon in dem Umstand, daß den Menschen Trümmerliteratur "genug" war. Daß sie nicht nach anderem fragten. 

"Politik" beendet seit 2015 nur, was die Herzen schon zuvor in vielen Jahrzehnten entschieden hatten.

Der eigentlich repräsentative Roman der deutschen Nachkriegsliteratur, der möchte, daß die Deutschen als Volk lebendig bleiben, hieß und heißt "Novè". Er erschien im Jahr 1951. Er ist eingerahmt von zwei weiteren Romanen desselben Autors, nämlich von dem Roman "Das unerreichbare Herz" aus dem Jahr 1949 und von dem Roman "Das goldene Medaillon" aus dem Jahr 1953. Alle drei Romane behandeln Frauen- bzw. Mädchenschicksale.

"Novè" ist der Nachkriegsroman der Deutschen.

Denn man muß verstehen, auf wie vielen Trümmern von Leid unser Jahrhundert und das deutsche Schicksal seither errichtet ist. Diese Trümmer von Leid werden durch den Existentialismus nicht adressiert. 

Und man muß verstehen, daß derjenige, der nicht wirklich froh ist, auch die unergründlichen Berge von Leid nicht ermessen kann, denen alle Fröhlichkeit und Leichtigkeit zu erliegen drohen.

Hat nicht Deutschland also tatsächlich einen "Roman" erlebt, der noch viel zu wenig erzählt worden ist? Aber warum ist er viel zu wenig erzählt worden? Weil das, was Deutschland erlebt hat, nicht "als Roman" erlebt werden konnte? - - -

Abb. 4: "Novè - Mädchenschicksal zwischen Ost und West"

Der Roman ist gewidmet "Dem Gedenken der Mädchen von Cernje". Was es damit auf sich hat, soll in einem anderen Blogartikel behandelt werden (s. Hrastovac).

Sonntag, 10. Mai 2026

"Gefährlich" - ? Immer noch? - Ein Buch, das vor 200 Jahren entstand?

 Die Befreiung der Völker von der Bibel-Hypnose 
- Ist sie so "gefährlich", daß das bedeutendste Werk, das dazu verhilft, noch Mitte des 20. Jahrhunderts nicht veröffentlicht werden durfte?!?
- Und daß es auch seit 1972 in nur 1200 Exemplaren gedruckt wurde und sich nur Theologen mit ihm beschäftigen?!?

Der bedeutendste Hamburger in der Geschichte war der Bibel- und Christentumskritiker Hermann Samuel Reimarus (1694-1758) (Wiki). Er war als solcher bedeutender als G. E. Lessing oder G. W. Leibnitz. Wenn dieser Name aber auch belesenen Menschen unter Kirchen- und Christentumskritikern des Jahres 2026 auf den ersten Blick nichts sagt (so wie es auch dem Verfasser dieser Zeilen ging), dann ist das ein höchst auffallender Befund. Wie kann es sein, daß ein so bedeutender Mann niemandem bekannt ist außer studierten Theologen?

Abb. 1: Hermann Samuel Reimarus (1694-1758)

Und keiner der in den letzten Jahrzehnten prominent hervor getretenen Christentums- und Bibelkritiker hätte seinen Namen bekannt gemacht? Die deutsche Giodano-Bruno-Stiftung hätte sich womöglich noch nie mit ihm beschäftigt, hätte noch nie auf ihn aufmerksam gemacht? Reimarus ist heutigen studierten christlichen Theologen durchaus ein Begriff und sie wissen einiges über ihn auszusagen (siehe unten).

Wir hatten belesene Hamburger unter unseren Lesern gefragt: Wer war der bedeutendste Hamburger in der Geschichte? Reimarus, niemand geringerer als der bedeutendste Christentums- und Bibelkritiker der Geschichte und weltweit, war niemandem unter ihnen bekannt. Auch der Verfasser dieser Zeilen mußte sich in diesem Zusammenhang eingestehen, daß ihm der Name Reimarus durch fünf Lebensjahrzehnte hindurch nie zu einem Begriff geworden war.*) Und doch hatte der Verfasser dieser Zeilen Bücher gelesen wie "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins oder "Denn sie wissen nicht, was sie glauben" von Franz Buggle, sowie allerlei ähnlich ausgerichtete Schriften (beispielsweise "Jehovas gesammelte Werke" von William S. Ross und so weiter). Und doch hat er streckenweise die Arbeit der Giordano-Bruno-Stiftung mit großem Interesse verfolgt. Der Name Reimarus ist ihm aus keiner dieser Lektüren in Erinnerung geblieben.

Die bis 1758 entstandene "Apologie" des Reimarus ist erst 1972 (!!!) erstmals vollständig veröffentlicht worden. Und sie ist antiquarisch derzeit nicht unter 85 Euro zu erhalten. Sie ist noch in keine weitere, verbreitete Sprache dieser Welt übersetzt worden. Und doch handelt es sich um eines der Hauptwerke in der Geschichte der Bibelkritik überhaupt (7). Nein, bei genauerer Betrachtung handelt es sich um das Hauptwerk, auf dessen Inhalt die Mehrheit der Theologen noch heute auf Abstand geht (11). Niemand hat seit Reimarus besser aufgezeigt, wie so durch und durch "von Menschen gemacht" die Bibel ist. Nein, mehr noch, wie so durch und durch von Gaunern gemacht die Bibel ist.

Reimarus lebte Anfang des 18. Jahrhunderts. Er muß in einer liebevollen und entspannten Umgebung aufgewachsen sein. Er stand - von seiner Kindheit und Erziehung her - noch mitten in der Glaubenswelt der Bibel. Er blickte während seiner ganzen Lebenszeit weiterhin noch voller Verwunderung mitten hinein in diese Glaubenswelt seiner Kindheit. Doch im Erwachsenenalter blickte er als "aufgeklärter" Zeitgenosse in die Bibel und versuchte, alles das nun mit "natürlicher Vernunft" zu begreifen.

Bibelkritik ohne Zynismus

Und das Ergebnis dieser Betrachtung war und ist niederschmetternder als jede andere Sichtweise auf die Bibel, die zumindest uns bekannt ist. Nämlich insbesondere deshalb weil sie aus so geradezu liebevoller, entspannter Grundhaltung heraus nieder geschrieben wird. Die innige, emotionale Vertrautheit mit den Bibelinhalten ist noch auf jeder Seite seiner Betrachtungen zu spüren. Zugleich bleibt Reimarus immer ganz entspannt auf Seiten seiner "natürlichen Vernunft". Was für ein Ergebnis muß dabei heraus kommen? Zeitgleiche und nachherige Bibelkritiker bis heute schauten und schauen in der Regel einfach nur noch voller Hohn und Zynismus auf die Bibel. Bei Reimarus ist die Haltung eine grundlegend andere. Es ist eigentlich eine Haltung der Verwunderung über all die vielen Entdeckungen, die er da macht, indem er - mit "natürlicher Vernunft" - aber zugleich mit tiefem Ernst und akribischer Nachforschung in die Bibel schaut und dabei keineswegs in eine zynische Haltung hinüberwechselt. Er bleibt völlig bei sich. Und läßt die Bibel Bibel sein und läßt sie für sich sprechen.

Das Ergebnis ist geradezu vernichtend. Das Ergebnis ist so vernichtend, daß noch der heutige, nichtchristliche Leser sein Werk nicht einmal "einfach so" in einem Zug durchlesen kann. Er muß immer wieder innehalten. Zu kräftig ist der "Toback", der hier geliefert wird. Das muß verdaut werden.  

Niemand als Reimarus hat besser verständlich gemacht, welche historischen Textschichten innerhalb der Bibel übereinander getürmt worden sind. Niemand hat besser aufgezeigt, daß dabei die jeweils jüngere Textschicht in grandiosen, haltlosen Widersprüchen zu den älteren Textschichten steht.

Durch dieses Werk des Reimarus steht man also mitten drin in der Entstehungsgeschichte des Judentums selbst, des Monotheismus selbst, sowie des Christentums selbst in den jeweiligen "inneren Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen" und von den Motiv-Lagen der jeweiligen Verfasser der diesbezüglichen Bibeltexte. Und zwar klarer und deutlicher als jemals zuvor. Man ist einfach nur noch erschreckt. Womöglich ist das der Grund, warum vor diesem Buch bis heute "gewarnt" wird, bzw. es gar nicht groß bekannt gemacht wird.    

Im vorliegenden Beitrag sollen also einige Gründe zusammen getragen werden, warum dieser bedeutendste Bibel- und Christentumskritiker - noch heute - außerhalb von Theologie und Religionswissenschaft so auffallend wenig bekannt ist.

Freilich kann uns heute ChatGPT in Sekundenschnelle gute Gründe zusammen tragen für eine grundlegende Kritik am Christentum. Darauf machte uns schon vor drei Jahren Daniel Hermsdorf aufmerksam (GAj23). Aber selbst Ausführungen von ChatGPT zum Thema sind selten so punktgenau, so ausführlich und so strukturiert wie Hermann Samuel Reimarus das Thema angeht (7). 

Eineinhalb Jahrtausende waren die Völker des Abend- und des Morgenlandes von der Bibel hypnotisiert. Sie sind es zum Teil heute noch. Sie hatten kein ChatGPT. Und auch nichts Vergleichbares. Ebenso waren sie vom Papsttum hypnotisiert. Martin Luther hat die Völker des Abendlandes ab 1518 von der Hypnose durch das Papsttum befreit. Im Gegenzug dazu war aber die Hypnose durch die Bibel - durch seine Übersetzung ins Deutsche und durch den Buchdruck - nur noch verstärkt worden und nachhaltiger verankert worden. Wie doppelt hypnotisiert starrten die Völker und ihre bigotten Priester seither auf die Bibel. Und die Völker wurden dabei ganz konfus und an sich selbst irre. Aber vor allem: Sie wurden durch die Hypnose so lenkbar in der Hand von Priestern wie sie es bis heute geblieben sind. Und das war - womöglich - der einzige Zweck des Verfassens dieser Bibeltexte. Insofern könnte das Buch des Reimarus noch heute zur Befreiung aus all dieser, von Generation zu Generation weiter getragenen Unmündigkeit beitragen. Ganz egal, ob die heutige Unmündigkeit nun noch durch die Bibel gerechtfertigt wird oder nicht. Die unmündige Haltung lebt - erschreckend - weiter.

Lessing

Zweihundert Jahre nach Martin Luther und hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg war dann also Hermann Samuel Reimarus gekommen. Der "bedeutendste Religionsphilosoph zwischen Leibniz und Lessing", so wird uns gesagt (4). War denn Leibnitz wirklich der bedeutendere Religionsphilosoph im Vergleich zu Reimarus? Und war Lessing wirklich ein bedeutenderer Religionsphilosoph im Vergleich zu Reimarus? Wir stellen das in Zweifel. Leibnitz und Lessing waren bedeutend, ohne Frage. Aber wer hätte jemals die Bibel so gründlich auseinander genommen wie Reimarus? Und ist das nicht die wesentlichste Aufgabe eines "Religionsphilosophen" - in christlichen Zeiten im Abendland?

Im Frühjahr 1937 gab die Bibel- und Christentums-Kritikerin Mathilde Ludendorff (1877-1966) (Wiki) eine Lessing-Biographie heraus (1). An dieser hatte sie schon seit 1935 gearbeitet. Daß es dafür Hinweise gibt, wird weiter unten noch ausgeführt werden.

Die "Glaubenskrise" während des Dritten Reiches und der daraus geborene Überlebenskampf der christlichen Kirchen - genannt "Kirchenkampf" - war 1931 nicht zum wenigsten durch Mathilde Ludendorffs Buch "Erlösung von Jesu Christo" (3) ausgelöst worden. Ein Buch der gründlichsten, inhaltlichen Kritik des Neuen Testamentes, das ein Hermann Samuel Reimarus sicherlich mit der aller größten Anteilnahme gelesen haben würde. Dieses Buch ist völlig im Geist des Reimarus verfaßt worden, noch ganz ohne daß auch diese Autorin damals den Reimarus kannte. Reimarus und Mathilde Ludendorff sind von völlig denselben Anliegen geleitet.

Die christlichen Kirchen tobten und rasten ab 1931 - wild und fanatisch - gegen das Buch von Mathilde Ludendorff an. Spätestens ab diesem Zeitpunkt stand sie in der Tradition jenes geistigen Ringens, mit dem in der Öffentlichkeit unter anderem Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) (Wiki) begonnen hatte: nämlich im geistigen Ringen um die Befreiung der Völker von der Bibel-Hypnose und von unmündiger Haltung ihr gegenüber. 

Interessant eigentlich, daß man Lessing selten mit der zeitgleichen "Sturm und Drang"-Periode (Wiki) der deutschen Literatur-Geschichte in Verbindung bringt. Auf dem diesbezüglichen Wikipedia-Artikel ist er gar nicht erst verzeichnet. Und das ist gut so. Denn das Rütteln eines Gotthold Ephraim Lessing an den Grundfesten des Christentums in seinem "Fragmentenstreit" (Wiki) ab 1777 "Sturm und Drang" zu nennen, wäre ja nun wirklich - sozusagen verharmlosend. Dieses Rütteln aber machte erst die Bahn frei dafür, daß sich dann die deutschen Dichter und Denker in der Zeit um 1800 herum so offen und frei äußern konnten - auch über Christentum und Kirche.

Lessing hat deshalb der weiteren freiheitlichen Geistesentwicklung in Europa mit viel machtvollerem Wirken den Weg gebahnt als alle anderen. Diesen Umstand macht man sich selten klar. Und Lessing tat das auch nur dadurch, daß er Bruchstücke, "Fragmente" des großen Werkes des Hermann Samuel Reimarus veröffentlichte. Schon Bruchstücke dieses großen Werkes genügten, um die Fundamente des Christentums, der Kirchen und der Synagogen ins Wanken zu bringen.

Schon wenige Jahre nach seinem "Fragmentenstreit" konnten viel Autoren viel kritischer über die Bibel und das Christentum schreiben in der Öffentlichkeit als das bis zum Einsetzen des "Fragmentenstreits" irgendjemand auch nur ansatzweise gewagt hätte. Reimarus selbst hat bis zu seinem Tod gegenüber der Öffentlichkeit nicht die leisesten Andeutungen gemacht, daß er der Verfasser eines so grundlegenden, kritischen Buches ist, das er auch keinesfalls zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wissen wollte. Reimarus war ein frei Denkender, ein Gelehrter, ein gemäßigt denkender Mensch. Es bleibe aber festgehalten, für wie schmachvoll er es für sein Zeitalter erachtete, daß er es nicht wagen durfte, sein Werk zu veröffentlichen (7, Bd. 2, S. 519f):

Ich wiederhole die Beschwerde über den Religions-Zwang, welchen die Christenheit aller Sekten (...) gebraucht: daß wenn nun ein nachdenkender Mensch nach vielem Kampf mit sich selbst endlich aus seinem blinden Glauben zur Erkenntnis der gesunden Vernunft gekommen ist, er nicht einmal das Herz haben darf, seine Einsicht öffentlich zu bekennen, sondern wider sein Gewissen heucheln muß, dafern er nicht will von seinen Freunden gehasset, von der Priesterschaft verlästert oder gar von der Obrigkeit verfolget sein. (...) Diese Schrift kann die Welt überzeugen, daß es eine Schande für die gesamte Christenheit und Schade für das ganze menschliche Geschlecht sei, daß man lieber allen Sekten und Religionen als der reinen vernünftigen eine freie Toleranz und öffentliche Ausübung verstattet. 

Reimarus vertrat in seinem Werk die hier angesprochene "reine, vernünftige Religion", der gegenüber zu seinen Lebzeiten keine religiöse Toleranz geübt wurde.

Denn das gesamte Volk war und die gebildeten Schichten waren zu seinen Lebzeiten noch von der Bibel und seinen Auslegern vollkommen hypnotisiert, vollkommen urteilsunfähig ihr gegenüber gemacht worden. Und diese Urteilsunfähigkeit ist bis heute in weiten Teilen aufrecht erhalten worden, auch wenn es der Bibel gegenüber längst gleichgültig geworden sein sollte. Die mit der Bibel eineinhalb Jahrtausende lang eingeführte Urteilsunfähigkeit und Feigheit wirken bis heute fort. Oder könnte das irgend ein Leser dieser Zeilen übersehen? 

Es war ganz klar, daß Erich und Mathilde Ludendorff insbesondere aufgrund dieser besonderen Bedeutung von Lessing sich mit seinem Lebenswerk und seinem machtvollen Wirken eng verbunden fühlten. Mitten in der Glaubenskrise während des Dritten Reiches stehend und mitten im Abwehrkampf der christlichen Kirchen dagegen haben sie im Jahr 1936 ihre flammende Schrift ins Volk geworfen (4):

"Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort".

Schon die Kapitel-Überschriften in dieser Schrift haben sich seither als vollkommen zutreffend erwiesen. Sie lauten: "Das alte Testament - ein junges Buch" und: "Das 'fabrizierte' neue Testament". Der israelische Archäologe Jonathan Adler hat erst vor wenigen Jahren aufgezeigt, daß es die jüdische Religion erst seit etwa 250 v. Ztr. gibt (5) (!!!), und daß deshalb diese jüdische Religion nicht - wie propagandistisch von ihrem ersten Bestehen an behauptet worden war - die "älteste" aller Religionen weltweit wäre. Nein: Sie ist - so lächerlich wie nur möglich: die jüngste aller Religionen weltweit. Und sie ist schlichtweg "fabriziert" worden wie das niemand besser aufgezeigt hat als Hermann Samuel Reimarus.

Abb. 2: G. E. Lessing um 1755 - Gemalt von Johann Heinrich Tischbein (Md)

Wenn man nun Mathilde Ludendorffs Lessing-Biographie des Jahres 1937 liest, dann spürt man deutlich, wie diese Biographie insbesondere ab dem 4. Kapitel innerlich "Fahrt" aufnimmt. Betitelt ist es "Lessing kämpft für die Freiheit der Bibelkritik gegen orthodoxe Priester". Sie behandelt darin Lessings Ringen im sogenannten "Fragmentenstreit" (Wiki). In diesem rüttelte Lessing - wie gesagt - an den Grundlagen des Christentums so wie Mathilde Ludendorff selbst ab 1931.

Im Januar 1778 war Lessings Ehefrau Eva König - nach einjähriger, tief und wahr erlebter Ehe - bei der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes gestorben. Mathilde Ludendorff schreibt über die Folgezeit (1, S. 126f):

Von dem Sterbezimmer seiner lieben Frau aus, das seit ihrem Tode seine Arbeitsstätte geworden war, focht er seinen Kampf mit den orthodoxen Pastoren, der für das Deutsche Volk eine noch stärkere Nachwirkung haben sollte als der Kampf Luthers gegen Rom. (...) Lessing hat (...) vor allem Volke Bruchstücke eines Deutschen Werkes (...) veröffentlicht, das mit Deutschen Moralwertungen und klarer Vernunft an die Beurteilung der Bibel herantrat, Buch für Buch unerbittlich beleuchtet und verurteilt hat. (...) Die Kraft der Sprache, die unerbittliche Folgerichtigkeit des Denkens, die ernste Deutsche Moral, mit der es geschrieben war, war von ganz ungeheurer Wirkung. (...) Lessings Tat war das erste Rütteln an der protestantischen und katholischen Priestertyrannei in Deutschland. 

Das sind Worte wie sie in die geistigen Stürme der Zeit des Jahres 1937 hinein geschrieben worden sind. Es waren das jene Jahre, in denen der Nuntius Pacelli auf Reisen nach Frankreich und in die USA jenen Krieg gegen Deutschland mit vorbereiten half, dessen geplantes Völkermord-Ende von 1945 in den USA dann konsequent von Seiten des Kardinal Spellman gegenüber dem US-amerikanischen Staatsoberhaupt befürwortet wurde (6), nämlich: Ausbreitung des atheistischen, sowjetischen Machtbereiches bis an die Elbe, Vertreibung von 15 Millionen Deutschen, sowie Ermordung von Millionen von Deutschen in Ostmitteleuropa, Traumatisierung von Millionen von Deutschen bis in die heute lebende "Kriegsenkel"-Generation hinein (Wiki).

Wer weiß es denn etwa, daß auch die Ehefrau des Bundeskanzlers Helmut Kohl als Zwölfjährige 1945 in Sachsen von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt worden ist und "wie ein Sack Zement" aus dem Fenster geworfen worden ist (Wiki)? Sie litt viele Jahre an chronischen Schmerzen und nahm sich im Jahr 2001 mit 68 Jahren um dieser willen das Leben. Wie wird es ihren Söhnen gehen, die - damit - ebenfalls "Kriegsenkel" sind? Folgen von Priestertyrannei. Nicht die letzten wie alle wissen, die die täglichen "Nachrichten" auf sich einprasseln lassen. Sie handeln durchgehend fast nur noch von Regierungskriminalität.

Priestertyrannei

Und warum sollte es eigentlich schon 1937 so "übertrieben" gewesen sein, von "Priestertyrannei" zu sprechen? Hatte doch die katholische Kirche Österreich auch schon in den Ersten Weltkrieg hinein getrieben (siehe den ungeheuren Satz: "Papst billigt scharfes Vorgehen Österreichs gegen Serbien") (s. Wiki). Und haben wir denn Priestertyrannei heute wirklich überwunden? Hat nicht die orthodoxe Priesterschaft unterschwellig das Sagen in Israel? Und ist nicht von ihrem Wollen das außenpolitische Handeln Israels und damit der USA und womöglich vieler anderer Staaten weltweit geleitet? Wurde nicht auch im Iran eine orthodoxe Priesterschaft installiert, um den Völkern der Welt gegenüber besser die "Strategie der Spannung" fahren zu können? Priestertyrannei wirkt bis heute und in der nachhaltigsten Weise fort. Sie ruft in einem fort Kriege und Krisen hervor. Und neuerdings auch die allseits so beliebte, von nicht wenigen Verblödeten, Urteilsunfähigen sogar als dringend "notwendig" erachtete und geförderte "Migrationskrise". Mit Millionen Entwurzelten, die darum nur noch um so leichter lenkbar sind und Tyrannei dulden statt sie abzuwerfen.   

Mathilde Ludendorff referiert in ihrem Lessing-Buch vom Frühjahr 1937 in groben Zügen die Geschichte der Kritik an Bibel und Christentum, die ab 1697 durch den französischen Aufklärer Pierre Bayle (1647-1706) (Wiki) begonnen worden war. Diese wurde dann durch die Veröffentlichungen mehrerer britischer "Deisten" (Wiki) fortgesetzt.

Abb. 3: G. E. Lessing um 1767/68 - Gemälde der deutschen Porträtistin Anna Rosina de Gasc (1713-1783), einer Freundin Lessings (Wiki) - Gleimhaus (mitunter Georg May zugeschrieben)

Sie stellt die Dinge im wesentlichen so dar, wie sie heute auch auf Wikipedia dargestellt werden wie sie aber viel zu wenig bekannt sind (Wiki):

Den Hauptvertretern des Deismus (wie etwa John Locke oder dessen Schüler John Toland) ging es vor allem darum, „natürliche“ Gesetze der Vernunft dem Offenbarungsglauben entgegenzustellen. (...)
Matthew Tindal veröffentlichte im Jahr 1730 sein Werk (...), das (...) bald als „Bibel des Deismus“ galt. Unter allen Religionen hielt er allein ein von Offenbarung befreites Christentum, die deistische Urreligion, für wahrhaftig. Die Bibel sei das Dokument dieser natürlichen Religion, welches vernünftig zu interpretieren sei. Wunder und Prophezeiungen, die in der Bibel geschildert werden, lehnte er ebenso ab wie jede anthropomorphe Gottesvorstellung. „Offenbarung“ bezeichnete er als Schwindel, der der Welt durch Priester untergeschoben worden sei. Die Religion solle auf moralischen Grundsätzen beruhen und eine tolerante Haltung gegenüber Andersdenkenden einnehmen (...). Bereits im Jahr 1741 wurde der Text ins Deutsche übersetzt und gewann danach einigen Einfluß in protestantischen aufgeklärten Kreisen der deutschen Länder. Ein Buch Tindals wurde 1710 auf Veranlassung des Unterhauses verbrannt. (...)
Der Deismus war im aufgeklärten Absolutismus großer Teile Deutschlands weniger verbreitet als in seinem Herkunftsland. (...) Hermann Samuel Reimarus war ein Wegbereiter der Bibelkritik, hielt sich in der Öffentlichkeit aber zurück. Die von Gotthold Ephraim Lessing zwischen 1774 und 1778 veröffentlichten Fragmente seiner Schriften (Fragmente eines Ungenannten) führten zum so genannten Fragmentenstreit, der wichtigsten polemisch geführten Auseinandersetzung zwischen Aufklärung mit mehr oder weniger deistischen Positionen, verbunden mit detaillierter radikaler Bibelkritik einerseits und der protestantischen Orthodoxie auf der anderen Seite. Die Hauptkontrahenten waren Lessing und Johann Melchior Goeze.

Mathilde Ludendorff sagt, durch Immanuel Kant oder durch Bibelkritiker wie David Friedrich Strauß hätte die Bibelkritik der französischen, britischen und deutschen Deisten des 18. Jahrhunderts in keiner Weise an Aktualität verloren. David Friedrich Strauß etwa hat während seines Lebens seine Positionen immer mehr verändert und stand der Bibel am Ende völlig gleichgültig gegenüber. Aufgrund einer solchen Haltung konnte er einen Reimarus nicht ersetzen und auch nicht die englischen Deisten. Mathilde Ludendorff schreibt (1, S. 134):

Die Kritiken, die die Deisten über die Bibel schrieben, bestehen für alle Zeiten unantastbar. (...) Für kein Werk gilt das so wie für das Werk des Reimarus.

Sie schreibt über eine 1862 erschienene Reimarus-Schrift von David Friedrich Strauß (1, S. 134f):

Nur soweit er Reimarus wörtlich anführt, bekommen wir ein Bild von der Wucht der Beweisführung dieses Verfassers. 

"Von der Wucht der Beweisführung des Verfassers", diese Worte seien wiederholt.**) Sie zitiert einige Passagen und sagt dann (1, S. 137):

Mögen diese Worte genügen, um den Leser ahnen zu lassen, welches erschütternde Ergebnis nun bei der Prüfung der gesamten Bibel, Buch für Buch des alten und des neuen Testamentes, durch Reimarus zustande kommt. (...) Das Ergebnis ist vernichtend für die ganze Bibel. (...) So wurde die Bibel vollkommen nackt enthüllt und ihr Offenbarungwert vernichtet. (...) Der Morallehre Jesu konnte der Deismus des Reimarus noch keine überlegene Moral gegenüberstellen. So ergänzt sein Werk nur mein Buch "Erlösung von Jesu Christo". 

Reimarus hat nach ihren Worten schon vieles vorweg genommen, auch bei der Kritik des Neuen Testamentes. Aber diese Kritik sieht Mathilde Ludendorff nur als eine "ergänzende" an zu der Kritik ihres eigenen Buches "Erlösung von Jesu Christo". Und ab dieser Stelle merken wir allmählich: Der eigentliche Held der Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff ist gar nicht Lessing selbst, sondern - - - Hermann Samuel Reimarus.

Abb. 4: Eva König, die Ehefrau von Lessing

Deshalb brandmarkt Mathilde Ludendorff in ihrem Buch auch immer und immer wieder den Umstand, daß das so wesentliche, grundlegende, Bibel-kritische Werk des Reimarus selbst im Jahr 1937, 180 Jahre nach dessen Tod immer noch nicht veröffentlicht ist. Sondern daß man sich mit den von Lessing herausgegebenen "Fragmenten" begnügen muß und mit den Zitaten und Inhaltsangaben, die man bei David Friedrich Strauß findet (9). Schon diese "Fragmente" hatten zu diesen großen geistigen Erschütterungen geführt. Wie dann erst das gesamte Werk?

Und so stellt sich uns auch heute noch als Leser der Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff die Frage, ob sich bezüglich dieses Umstandes der Nichtveröffentlichung eines der bedeutendsten Bibel-kritischen Werke der europäischen Geistesgeschichte seit 1937 etwas geändert haben mag.

Sechs Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs ...

Und da finden wir: 1972, sechs Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs - und während des Verbots der von ihr begründeten geistigen Bewegung, des "Bundes für Gotterkenntnis" - wird das Gesamtwerk des Reimarus endlich heraus gegeben (7). Wir lesen über den Herausgeber, den Hamburger Bibliothekar Gerhard Alexander (1903-1988), daß dieser ab 1969 in den Ruhestand gegangen sei (Wiki):

Er erstellte die erste vollständig kommentierte Edition der Bibelkritik Hermann Samuel Reimarus. (...) Die Arbeit Alexanders, bei der er Reimarus Handschriften verwendete, kann als eine seiner größten Leistungen angesehen werden.

Mit welchen Worten hätte Mathilde Ludendorff wohl die Deutschen und alle frei Denkenden auf dieses Werk hingewiesen. Wie sehr hätte sie es ihren Lesern ans Herz gelegt, diese Gesamtausgabe nun auch in die Hand zu nehmen und zu studieren. Das weiß man, wenn man ihre Lessing-Biographie gelesen hat. Aber haben diese Aufgabe denn nun ab 1972 ihre "Nachfolger" übernommen? Davon ist uns vorderhand nichts bekannt.

Mathilde Ludendorff sah das Werk des Reimarus - obwohl sie nur so wenig von ihm im Wortlaut hatte lesen können - als eine wesentliche Ergänzung zu ihrem eigenen Buch "Erlösung von Jesu Christo" an und zu dem übrigen geistigen Ringen gegen die mosaischen Religionen und die mit ihnen verbundene Priestertyrannei. Sie sah in Reimarus einen Gleichgesinnten, der unbefangen, mit klarer Vernunft und ruhiger, gelassener Moral an die Inhalte der Bibel heran gegangen ist.

Abb. 5: Reimarus-Ausgabe 1972

Mathilde Ludendorff hatte am Ende der Zitate, die sie aus dem Fragmentenstreit gebracht hatte, schon geschrieben (1, S. 159):

"Jeder, der aufmerksam diese kurzen Auszüge aus Lessings Kampf gegen die Orthodoxie liest, für den wird Lessing lebendig, für den steht Lessing heute in unserer Reihe, für den siegt sein Wirken über Zeit und Raum und hilft in unseren Tagen noch."

Das selbe hätte sie mit dreifachem, vierfachem Recht von Hermann Samuel Reimarus sagen können, wenn sie denn jemals sein Werk vollständig in die Hände bekommen hätte.

Seit der ersten vollständigen Reimarus-Ausgabe des Jahres 1972 nimmt die Fachwissenschaft von dem Reimarus durchaus Kenntnis und es reißt innerhalb der Theologie die Auseinandersetzung mit ihm nicht mehr ab. 2004 wird etwa über Reimarus festgehalten (8):

Reimarus, der bedeutendste Religionsphilosoph zwischen Leibniz und Lessing, wurde erst 1862 durch D.F. Straußens Reimarusschrift einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Sein Werk "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes", die er als Hamburger Professor für orientalische Sprachen am Akademischen Gymnasium heimlich schrieb, stellt ein Hauptwerk deistischer Religionskritik dar. Dieses herausragende Zeugnis der deutschen Aufklärung entstand in den Jahren 1735-68.

Die zuletzt genannte Jahreszahl 1768 ist falsch, Reimarus starb - in Frieden und Gelassenheit - im Jahr 1758. Aber "herausragend" gewiß. Vieles andere an diesem Zitat mag immer noch falsch eingeordnet sein: "Heimlich" hat Reimarus sein Werk nicht geschrieben. Heimlichtuerei war seine Sache nicht. Er hat es Freunden übergeben, seine Familie wußte um das Werk. Er hat es ausdrücklich für die nachfolgenden Generationen geschrieben als "Schutzschrift" für diese. Er hat es nur nicht selbst in Druck gehen lassen.

Heimlichtuerei ist eine falsche Kennzeichnung. Freilich nachvollziehbar: Die Theologen rühmten das übrige Lebenswerk des Reimarus, so lange sie nicht wußten, daß Reimarus der Verfasser der "Schriften eines Unbekannten" war, die Lessing heraus gegeben hatte. Das änderte sich mit einem Schlag, als seine Verfasserschaft bekannt wurde. Da fühlten sie sich von ihm hintergangen und unterstellten ihm christliche Heimlichtuerei. Wie sie mit ihm umgegangen wären, hätte er sein Werk zu Lebzeiten veröffentlicht, das möchte freilich keiner wissen. Wie übel sie ihn und seine Familie zugerichtet hätten, das blenden sie vermutlich gerne aus.

2018, 250 Jahre nach dem Tod des Hermann Samuel Reimarus, sind zahlreiche Aufsätze über Reimarus, über sein Leben und sein Wirken erschienen. Keiner dieser Aufsätze stellt seine geistesgeschichtliche Bedeutung in einer solchen Klarheit und Deutlichkeit heraus wie das die Lessing-Biographie von Mathilde Ludendorff im Jahr 1937 getan hatte. Und wie an dem eben gebrachten Zitat erkennbar wurde, scheint darüber bis heute selbst innerhalb der Wissenschaft keine ausreichende Klarheit zu bestehen.

Den modernen Christentumskritikern - wie etwa einem Richard Dawkins - scheint Reimarus sogar völlig unbekannt zu sein. ChatGPT weiß darüber jedenfalls nichts. Was für ein krasser Mißstand! 

Sechzig Jahre nach dem Tod Mathilde Ludendorffs

In der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main liegt die Reimarus-Ausgabe von 1972 in einer ganz unerwartet abgegriffenen, viel benutzten, das heißt: viel gelesenen Ausgabe vor (Abb. 6). Dieser Umstand überrascht. Das heißt ja doch, daß diese Ausgabe in den letzten fünfzig Jahren sehr sehr fleißig ausgeliehen worden sein muß, fleißig gelesen worden sein muß. Das gilt gewiß nicht für alle Bücher, die man an viel frequentierten Universitätsbibliotheken so ausleihen kann.

Man fragt sich: Wer hat dieses Werk wohl in den letzten fünfzig Jahren so fleißig studiert? Die Jesuiten vom Jesuitenkollegium in Frankfurt? Aber werden die nicht ihre eigene Ausgabe besitzen? Aber von wem dann?***) Es scheinen das vor allem Theologen gewesen zu sein, denn uns ist kein Christentumskritiker bekannt, der jemals auf dieses Werk des Reimarus überhaupt aufmerksam gemacht hätte. Dabei ist dieses Werk für Christentumskritiker geschrieben worden - nicht für Theologen.

Abb. 6: Speckig und abgegriffen, weil viel gelesen - die "Apologie" des Reimarus in ihrer Erst- und Letzt-Ausgabe von 1972 in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main

Aber gerade auch weil sie so abgegriffen und stark benutzt ist, überlegen wir, eine eigene solche Ausgabe zu erwerben. Erneut große Überraschung: Im Buchantiquariat ist eine solche gebrauchte Ausgabe nicht unter 85 Euro zu erhalten (Abb. 7). Und auch für einen solchen und höhere Preise stehen offenbar nur wenige Exemplare zur Verfügung.

Und da stellen wir dann auch fest: Das Werk wurde 1972 beim Insel-Verlag herausgegeben als "einmalige Auflage in 1200 Exemplaren" (s. Abb. 7). - - - Insel-Verlag?!? - - - 1200 Exemplare? Was denkst du dir dabei?

Um nur einen - völlig willkürlich gewählten - Vergleich zu nennen: 1968 war bei Reinbek bei Hamburg das Buch von Joachim Kahl (geb. 1941) (Wiki) erschienen "Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott". Es erfuhr "mehrere Auflagen; Übersetzungen ins Englische, Japanische, Italienische, Niederländische. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 1993 sowie 2014".****)

Es hätte also auch anders gehen können mit dem Reimarus. Im Jahr 1968 hatte die größte Kirchenaustrittsbewegung eingesetzt, die es seit jener von 1937 bis 1940 in Deutschland gegeben hat und die bis heute nicht mehr abgeebbt ist (Abb. 8).

Krasse Leistung, Insel-Verlag (!) - Sage und schreibe 1200 Exemplare gingen 1972 in Druck

Und von einem Hermann Samuel Reimarus, der sich für eine "Humanität mit Gott" eingesetzt hatte, druckt ihr also gerade einmal 1200 Exemplare? Und seit diese 1200 Exemplare verkauft worden sind, ist euch dieses Hauptwerk der Christentumskritik egal? Von diesen 1200 Exemplaren sind vermutlich die Hälfte schon von Bibliotheken erworben worden. Die andere Hälfte vermutlich von Theologen, für die das Werk des Reimarus seither unbestritten - aber selten ausdrücklich hervor gehoben - zum Grundwissen ihres Faches gehört (11). Und der Rest?

Was für ein krasser Mißstand. So etwas kommt doch in der Geistesgeschichte der zweiten Hälfte des 20. und der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts sonst nur noch äußerst selten vor.

Wer will denn hier, daß diese Schrift ungelesen bleibt? Wer wollte denn hier keine "Volksausgabe" heraus bringen und bewerben? Wer wollte denn Christentumskritiker in Deutschland mit der Herausgabe dieses Reimarus gar nicht erst in Unruhe versetzen? Und selbst Verleger der Ludendorff-Bewegung, unter denen es doch wirklich einige wache gab, sind in all den Jahren nicht auf dieses wesentliche Werk aufmerksam geworden und haben Nachdrucke organisiert? 

Das bedeutende Werk des Reimarus ist heute auch - soweit übersehbar - im Internet nicht frei verfügbar (etwa auf Archive.org oder ähnlich).

Der Herausgeber Gerhard Alexander gibt in der Einleitung des zweibändigen Reimarus-Werkes übrigens eine sehr detaillierte Übersicht über die Überlieferungsgeschichte der Handschriften des Reimarus, die seiner ersten vollständigen Druck-Ausgabe zugrunde liegen. Er berichtet, daß jene Handschrift, die Lessing seinem Braunschweiger Herzog ausliefern mußte, nachdem der Fragmenten-Streit so hohe Wellen geschlagen hatte, und nachdem Lessing deshalb Veröffentlichungsverbot erhalten hatte, daß genau diese Handschrift bis heute verloren (!) gegangen ist.

Abb. 7: Die Reimarus-Ausgabe von 1972 ist erst ab 85 Euro antiquarisch zu erhalten (!)

Zum Glück handelte es sich nicht um die letzte Fassung des Werkes, an der Reimarus noch bis an sein Lebensende gerarbeitet hatte, und die erhalten geblieben ist. Lessing selbst schon hatte das Gesamtwerk des Reimarus im Druck heraus bringen wollen. Allerdings haben ihm wohl seine Freunde Mendelsohn und Nicolai davon abgeraten. Auch das ein sicherlich bezeichnender Umstand.

"Gefahr!" - "Gefahr!" - "Gefahr!"

Aber es wird noch "erbaulicher". Auch noch Alexander schreibt im Jahr 1972 (!) über die "Gefahr", daß dieses grundlegende Werk des Reimarus zur "falschen Zeit" öffentlich gemacht werden würde (7, Bd. 1, S. 19):

Die Gefahr, daß die Apologie zu politischer Propaganda mißbraucht würde, bestand: wie aus den Beilagen zur Hamburger Handschrift hervor geht, versuchten 1935 Anhänger der "Ludendorff-Bewegung", den Direktor der Bibliothek, Professor Wahl, zur Herausgabe des Werkes zu bestimmen. Professor Wahl lehnte aus Kostengründen ab, was zu einem sehr polemischen Briefwechsel führte.

Wenn die Einsichtnahme eines Hauptwerkes der Geschichte der Christentums- und Bibelkritik in Deutschland, das zweihundert Jahre zuvor entstanden war, "aus Kostengründen" abgelehnt wird, wird man wohl durchaus "polemisch" reagieren können, so möchten wir meinen. Aber - was denn: Wie kann denn die Veröffentlichung eines Werkes, das über zweihundert Jahre alt ist, und das über zweihundert Jahre lang unveröffentlicht geblieben ist, noch zweihundert Jahre später eine - - - "Gefahr" darstellen?!? Mit was für einem "Brandsatz" haben wir es denn hier zu tun? Welche Explosivkraft enthält dieses Werk?

Wir werden zu diesem Blogartikel noch einen zweiten Teil veröffentlichen. Da werden wir uns dann eingehend mit dem Inhalt der beiden Reimarus-Bände beschäftigen. Einen ersten Eindruck kann man sich durch eine unterhaltsame Theologen-Vorlesung aus dem Jahr 2021 verschaffen (11).

Wenn dieses Buch aber noch heute so "gefährlich" ist, dann verstehen wir schon, daß es nur noch für 85 Euro zu erwerben ist und daß dieser "Brandsatz" im Internet nicht frei verfügbar ist.

Wir entnehmen dieser Anmerkung aber auch, daß die Vorarbeiten für das Lessing-Buch von Mathilde Ludendorff offenbar schon im Jahr 1935 begonnen hatten, und daß offenbar Anhänger Mathilde Ludendorffs in Hamburg bei diesen Vorarbeiten versuchten, mitzuhelfen.

Man müßte einmal die Zeitschriften-Bände der Ludendorff-Bewegung ab 1935 und ab 1972 auf das Suchwort "Reimarus" hin befragen.

Reimarus war weitsichtiger als Schiller und Hölderlin

Reimarus war vielleicht weitsichtiger als alle deutschen Dichter und Denker noch der Zeit um 1800. Er hat den religionslosen, atheistischen Fanatismus des Marxismus, des Anarchismus und des Nationalsozialismus voraus gesehen. Er forderte - um 1750 herum! - jene unter seinen Lesern, die sich von der Unmöglichkeit, noch Christ sein zu können, überzeugt hatten, auf (7):

Machet eine unverbrüchliche Verbindung unter euch, daß ihr euer Licht durch Zucht, Ehrbarkeit und Wohlstand, durch Gerechtigkeit, Dienstfertigkeit, Verträglichkeit und Menschenliebe, durch die innigste Hochachtung und Anbetung eures weisesten, gütigsten und mächtigsten Schöpfers und durch die möglichste Erfüllung seiner Absichten, gleichsam in einem Wettstreit mit der Christenheit wollet leuchten lassen; und diejenigen durchaus nicht für eure Mitglieder erkennt, welche die Vernunft und Menschlichkeit durch Schandtaten und Bosheiten entehren. Dann wird euch diese Schrift leicht gegen die falschen Beschuldigungen und Verleumdungen, welche euch mögen aufgebürdet werden, schützen und verteidigen können.

Reimarus nahm also noch einen Schöpfergott an. Er wußte aber sicher, daß dieser sich nicht durch die Bibel offenbart hatte. Und Reimarus sieht so klar und so wahr die Bedeutung seiner eigenen Schrift. Er blickt über künftige Jahrhunderte hinweg. Seine "Verteidigungsschrift", seine "Apologie", seine "Schutzschrift" sollte also gemäßigte, verträgliche Menschen vor falschen Verdächtigungen in Schutz nehmen, nicht aber schändliche und boshafte Menschen, die ihre "Gottlosigkeit" dazu benutzen, nur noch schändlicher und boshafter zu werden.

Abb. 8: Kirchenaustritte in Deutschland seit 1900 in Prozent der Mitglieder (n. Detlef Pollack in Resg2016) - ab 1907 Monistenbund, ab 1918 Sozialdemokraten, ab 1933 Wiedereintritte, ab 1935 Gottgläubigkeit, ab 1945 Adenauer-Restauration, dann 68er Bewegung

Genau um solcher Umstände willen hat diese Schutzschrift für alle nichtchristlichen Gottgläubigen noch heute einen so unglaublich großen Wert und eine so unglaublich große Aktualität. Vielleicht ist ja genau deshalb dieses Buch 1972 nur in sage und schreibe 1200 Exemplaren in Druck gegangen, gedruckt allein für Bibliotheken und Theologen und deshalb heute nur noch für 85 Euro gebraucht zu kaufen. Vielleicht war es genau deshalb seither nie ein volkstümliches Buch. Es hätte unter seinen Lesern einen anderen Geist hervor gebracht als viele andere Bibel-kritische Werke, die seit 1972 erschienen sind.

Wenigstens wurde das Hauptwerk des Reimarus 1943 vor den britischen Bombern bewahrt

Aber hat denn der oben genannte Professor Gustav Wahl (1877-1947) (Wiki), der die Veröffentlichung dieses Werkes im Jahr 1935 für "gefährlich" hielt, und der 1938 Mitglied der NSDAP wurde (die er also mit 61 Lebensjahren offenbar nicht für "gefährlich" hielt), hat denn dieser Herr Wahl diese Worte nicht gelesen in dem von ihm "gehüteten" Werk? Wie hätte er es denn für "gefährlich" erachten können anstatt als "Schutz" vor Gefahr - wenn er diese Worte gelesen hätte? Immerhin werden wir in diesem Zusammenhang auch noch auf das folgende aufmerksam (Wiki): 

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bibliothek 1943 in der Operation Gomorrha weitgehend zerstört, der Westflügel bei einem weiteren Luftangriff im Juni 1944. Von den bis dato vorhandenen 850.000 Bänden wurden 700.000 bei den Luftangriffen vernichtet. Nur ein geringer Teil des Bestandes war zuvor ausgelagert worden. Die Hamburger Bibliothek gilt als die deutsche Bibliothek mit den größten Kriegsverlusten.

Was für eine "Gefahr" schwebte also noch Anfang der 1940er Jahre über der Handschrift des Reimarus - weil sie bis dahin immer noch nicht in Druck gegeben worden war. Offenbar aber hatte Professor Wahl nun wenigstens dafür gesorgt, daß dieses Werk zu dem "geringen Teil des Bestandes" gehörte, der zuvor ausgelagert worden war. Wenigstens das. 

Wie hätte die Herausgabe dieser im Ton so außerordentlich gemäßigten Schrift Mitte der 1930er Jahre einen Schutz darstellen können gegenüber den Schandtaten und der Boshaftigkeit, die damals - unter anderem von Seiten des Sicherheitsdienstes der SS - unter anderem auch im Namen der Ablehnung von Christentum und Kirche begangen wurden. Auf einen Hermann Samuel Reimarus, der "Zucht, Ehrbarkeit und Wohlstand, Gerechtigkeit, Dienstfertigkeit, Verträglichkeit und Menschenliebe" hoch hielt, hätten sich diese "gottgläubigen" Nichtchristen in der SS gewiß nicht berufen können. (Zur Erinnerung: Innerhalb der führenden Ränge der SS war die Mehrheit der Angehörigen ab 1935 aus der Kirche ausgetreten und nannten sich "gottgläubig", ebenso die Mehrheit der NSDAP-Abgeordneten des Deutschen Reichstages [2]. Zahlreiche SS-Offiziere, die an den Massenerschießungen der Sonderkommandos im Osten beteiligt waren, im Rahmen jener Sonderkommandos also, die von Werner Best aufgestellt worden waren, nannten sich - - - "gottgläubig". Von jenem Werner Best aufgestellt, vor dessen schändlicher und boshafter Mordmoral in den "Boxheimer Dokumenten" Erich Ludendorff schon 1931 öffentlich gewarnt hatte.) 

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*) Wenn man sich die lange Liste bedeutender Hamburger anschaut (Wiki), fällt einem womöglich schon der eine oder andere ins Auge: Etwa der Afrikaforscher Heinrich Barth (1821-1865) (er wurde in Hamburg geboren), etwa der Biologe Jakob Johann von Uexküll (1864-1944) (er hat in Hamburg seine beiden letzten Lebensjahrzehnte verbracht). Aber das waren eben keineswegs die bedeutendsten Hamburger.
**) Daß dieser Umstand nur in wörtlichen Zitaten deutlich wird, ist leicht erklärlich. War doch Reimarus tausendmal konsequenter als David Friedrich Strauß, der als ein geradezu windelweicher Theologe bezeichnet werden muß. Er bemühte sich in seiner eigenen, 1835 veröffentlichten und sogleich weithin bekannt gewordenen Schrift, die Wunder-Taten, die Jesus sich selbst zuschrieb, in der folgenden Weise als Zugeständnisse an den damals vorherrschenden Zeitgeist zu erklären (Wiki): "Jesus habe Wunder selbst eher abgelehnt, aber an ihn herangetragene Erwartungen erfüllen müssen." Eine so den "Gottessohn" Jesus in Schutz nehmende Erklärung wird man bei einem Reimarus niemals finden. Reimarus schaut klar und unumwunden auf die Dinge. Aber man bedenke, daß schon diese abgeschwächte Version einer aufklärerischen Bibel-Kritik durch D. F. Strauß auf unbegrenzte Ablehnung unter den Theologen seiner Zeit stieß. Seit 300 Jahren halten die Theologen mit einer Verbiesterheit an ihrer Bibel fest - selbst gegenüber einem windelweichen D. F. Strauß, daß dieser Umstand selbst schon geradezu wieder "Bewunderung" hervor rufen könnte. Man möchte fast sagen: Nordeuropäer, Germanen sind halt "Kämpfer" und um so mehr, um so mehr sie auf verlorenem Posten stehen. Und sie streiten gern für Gott, besonders dann, wenn es ihnen so leicht gemacht wird wie dadurch, daß sie dafür nur "Glaubensfestigkeit" aufweisen müssen. Wollten sie für das Göttliche leben ganz unabhängig von Glaubensfestigkeit und Bibel, würde alles ja doch viel "schwieriger" werden.
***) Es finden sich mancherlei Bleistift-Anstreichungen. An einer Stelle ist mit Ausrufezeichen am Rand ein Satz angestrichen, in dem Reimarus das Verhalten der Christen kennzeichnet, bevor das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich geworden war. Er sagt da über die frühen Christen: "Sie kehrten sich an keine Züchtigungen und Strafen, sondern fuhren frech und halsstarrig fort, und behaupteten, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen". Selten schreibt Reimarus so polemisch gegen "die" Christen. Er schreibt viel mehr ganz unaufgeregt. Und auch an dieser Stelle wird er nur deshalb so deutlich, um das eigene zurückhaltende Verhalten gegenüber dem christlichen Mainstream des 18. Jahrhunderts als weitaus gemäßigter hinzustellen als das Verhalten der frühen Christen gegenüber dem heidnischen Mainstream des 3. Jahrhunderts. Die Worte "frech und halsstarrig" kann da aber nur jemand anstreichen, der dieses Zitat gerne gegen den Reimarus verwenden will und sagen will: so gemäßigt wäre er gar nicht gewesen. - Womöglich ein Hinweis darauf, daß in den letzten Jahrzehnten überzeugte Christen den Reimarus weitaus häufiger gelesen haben als überzeugte Nichtchristen - für die Reimarus ja vor allem geschrieben hatte, und die meistens bis heute nichts von ihm gehört haben.
****) Kahls Buch ist vielleicht brauchbar, wenn man nach einer nichtchristlichen Kritik von solchen evangelischen Theologen wie Bultmann sucht (10) (die gewissermaßen in der Tradition des Reimarus stehen, allerdings ohne dabei so konsequent wie Reimarus selbst zu sein - siehe der zweite Teil dieses Blogartikels). Kahls Buch beschäftigt sich ansonsten mit der Bibel selbst nicht wirklich. Joachim Kahl hat in den letzten Jahren außerdem Richard Dawkins kritisiert. Schaut man aber in sein eigenes, thematisch ziemlich engspurig geführtes Buch hinein (10), sieht man dafür nicht den geringsten Anlaß.
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  1. Ludendorff, Mathilde: Lessings Geisteskampf und Lebensschicksal. Ludendorffs Verlag München 1937 (GB)
  2. Erich und Mathilde Ludendorff: Die machtvolle Religiosität des Deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 bis 1945. Freiland-Verlag, Süderbrarup 2004 (Archiv)
  3. Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1931 (Archiv)
  4. Ludendorff, Erich und Mathilde: Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort. Ludendorffs Verlag 1936 (Archiv)
  5. Adler, Yonathan (bzw. Jonathan): The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (AmzGB)
  6. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Mainz 1993; 2011 (Lulu)
  7. Reimarus, Hermann Samuel: Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes (unveröffentlichtes Manuskript seit 1730er Jahren geschrieben), erste vollständige Ausgabe im Auftrag der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg herausgegeben von Gerhard Alexander. In 2 Bänden. Insel Verlag, Frankfurt 1972
  8. Kuhn, T.K. (2004). Reimarus, Hermann Samuel. In: Vinzent, M. (eds) Theologen. J.B. Metzler, Stuttgart. https://doi.org/10.1007/978-3-476-02948-5_151
  9. David F Strauss: Hermann Samuel Reimarus: Und seine Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Brockhaus, Leipzig 1862 (288 S.)
  10. Kahl, Joachim: Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott. Rowohl Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1968 (Archiv)
  11. Thorsten Dietz: Gotthold Ephraim Lessing - Bibelkritik in der Aufklärung. Worthaus Sommercamp - Volkenroda: 15. August 2021 (Yt2021)

Mittwoch, 12. November 2025

Rituelle Gewalt - Zwölf Überlebende berichten von solcher innerhalb der katholischen Kirche

Das Bistum Münster leistete von 2013 bis 2023 wertvolle Hilfe für Überlebende Ritueller Gewalt
- Zwölf Überlebende derselben berichten von Ritueller Gewalt innerhalb der katholischen Kirche
- Das Bistum Münster stellt die Hilfe für Überlebende Ritueller Gewalt insgesamt ein
- Eine vereinzelte Beschwerde des Vereins "False Memory" brachte den Stein ins Rollen

2012 wurde der Verein "False Memory Deutschland e. V. (FMD) - Arbeitsgemeinschaft Falsche Mißbrauchserinnerung" (Wiki) gegründet. Der Verein hat 140 Mitglieder. Viele von diesen Mitgliedern wurden - wie sie sagen - zu Unrecht beschuldigt, sexuelle Gewalt gegen Kinder verübt zu haben. Der Verein vertritt die Interessen solcher Menschen und berät sie.

Auffällig ist zunächst vor allem, daß dieser Verein in der Öffentlichkeit insbesondere dann tätig wird, wenn es um rituelle Gewalt geht. 

Abb. 1: Der "Leidensweg Christi" - Vorform von Snuff-Videos? - Ab dem 10. Jahrhundert wurde Jesus Christus nicht mehr nur als der "triumphierende", "siegreiche" Christus triumphans dargestellt, sondern zunehmend auch als der "leidende" Christus patiens - Damit wurde das Bildprogramm der katholischen Kirche zunehmend zu einer Vorform von Snuff-Videos*)

Aufgrund der Aktivitäten dieses Vereins saß Kerstin Schön, eine Ehrenbürgerin der Stadt Erfurt, ein Jahr lang in Untersuchungshaft. Ihren Fall haben wir auf unserem Blog ausführlich behandelt (GAj2019), wundern uns aber noch immer, daß dieser Fall sonst nur in der regionalen Presse - und in der Alternativen Öffentlichkeit bislang gar keine - Beachtung gefunden hat.

Vorsitzende dieses Vereins "False Memory" ist aktuell eine Heidemarie Cammans (geb. 1942). 2023 äußert sie sich in einem Radiofeature des SWR - unserem Empfinden nach - außerordentlich flapsig, außerordentlich unsensibel und außerordentlich plump zum Thema "Falsche Erinnerung" (1). Cammans selbst hat 1984 "Sekten Info Essen" gegründet (SekInfa), eine Beratungsstelle die heute noch besteht und die Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Cammans hat 1998 zwei Bücher heraus gebracht mit den Titeln "Ratgeber Okkultismus" und "Sekten - Die neuen Heilsbringer".

Zweiter Vorsitzender dieses Vereins ist aktuell ein Hans-Detlev Fink (FMD). Kurz seien einige weitere ehemalige Vorstandmitglieder genannt: ein Thomas Hartmann aus Meppen, offenbar Küchenleiter für einen Golfclub daselbst, sowie Hotelier (s. Xing). Bis 2021 hat er auch einen Koch-Blog betrieben, den er aktuell "aus gesundheitlichen Gründen" nicht mehr weiter führt (GKoch). Hilke Steffens aus Kronberg ist studierte Betriebswirtin, arbeitet im Business-Consulting und war Ehrenamtliche Richterin am Arbeitsgericht Frankfurt (XingLIn), ähnlich der Wirtschaftsingenieur Federico Avellán Borgmeyer, der ebenfalls in Kronberg ansässig ist (efcom).

2013

Schon 2013 ist hier auf dem Blog über eine Fachtagung in Münster berichtet worden (GAj!2013), deren Thema lautete: "Rituelle Gewalt in satanistischen Sekten - Therapeutische Einsichten, polizeiliche Erkenntnisse, Erfahrungsberichte". Neben Michaela Huber war auch der Prodekan der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen Vortragender, selbst Polizeipsychologe und Psychotherapeut. Von der Leiterin der Beratungsstelle in Münster und der Organisatorin der Tagung Brigitte Hahn gibt es aus dem Jahr 2013 auch ein Interview (Yt2013) und es wurde auch eine Video-Dokumentation zu dem Thema erstellt (2).

Über diese Tagung war zwar - auffällig genug - nicht in der Bild-Zeitung oder in anderen überregionalen Zeitungen berichtet worden, aber immerhin doch in regionalen, westfälischen Zeitungen, sowie auf einschlägigen Blogs. Wir hatten damals den Eindruck, daß es der katholischen Kirche ein ernsthaftes Anliegen wäre, über rituelle Gewalt und über satanistische Sekten aufzuklären und Überlebenden dieser Gewalt zu helfen.

2014

2014 wurde die Zeugenaussage der Niederländerin (oder Flämin?) Toos Nijenhuis bekannt, nach der unter anderem Kardinal Joseph Ratzinger in Belgien im Jahr 1987 in rituellen, satanistischen Zusammenhängen ein Kind ermordet haben soll (s. Yt2014Yt2014a, erneut Yt2020Yt2023). "Faktenchecker" versuchen bis heute darzustellen, diese Aussage wäre unglaubwürdig. Wirklich gute Argumente führen sie dazu nicht an (siehe z. B. Mimikama2019).

Im Jahr 1987 war Kardinal Ratzinger als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation längst einer der weltweit einflußreichsten Vertuscher von Pädokriminalität innerhalb der katholischen Kirche geworden. 2005 war er zum Papst gewählt worden. Am 11. Februar 2013 hat er überraschend seinen Rücktritt vom Papstamt erklärt. 

2022

2022 veröffentlichte das Bistum Münster eine Studie zur sexuellen Gewalt innerhalb des Bistums Münster und Michaela Huber weist auf den folgenden Umstand hin (3):

„In der vom Bistum Münster im Jahr 2022 vorgelegten Mißbrauchsstudie sind sechs Fälle rituellen Mißbrauchs beispielhaft dokumentiert.“ 

2023

Nun wurde - wieder einmal - der Verein "False Memory" aktiviert. Im März 2023 erschien im "Spiegel" der Artikel "Im Wahn der Therapeuten" (Sp23; s.a. SatPan, GWUP). In diesem Artikel wurde die Ansicht vertreten, Erinnerungen an rituelle Gewalt seien Überlebenden nur von Therapeuten eingeredet worden. Der Artikel äußert diesen Vorwurf insbesondere gegen die Psychotherpeutin Jutta Stegemann, eine der beiden damaligen Mitarbeiterinnnen der Beratungsstelle in Münster.   

Das Bistum Münster hat daraufhin die Beratungsstelle für Überlebende ritueller Gewalt geschlossen (den "Beratungsdienst Sekten und Weltanschauungen", bzw. den "Fachdienst") (Sp23) (BistMünst). Wir selbst werden auf diesen Umstand erst jetzt aufmerksam. Der WDR berichtete 2023 das folgende darüber (WDR2023):

Eine weitere Betroffene hat nach Westpol-Recherchen ganz aktuell ihren Fall beim Bistum und bei der Staatsanwaltschaft eingereicht. Sie berichtet von jahrelanger schwerster sexueller Gewalt durch einen Exorzistenzirkel innerhalb der Kirche und möchte, daß ihr Leid anerkannt wird.

Als Grund für die Schließung wird genannt (WDR2023):

Es habe Beschwerden gegeben über die Beratung. Von wem genau und wie viele Beschwerden, das möchte das Bistum Münster nicht sagen. Westpol liegen aber Hinweise vor, daß es dabei vor allem um eine ganz bestimmte Beschwerde ging. So meldete sich im vergangenen Jahr beim Bistum der Verein „False Memory“ (zu Deutsch: Falsche Erinnerung). Nach eigenen Angaben setzt sich der Verein für Menschen ein, die angeblich zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden. Außerdem bestreitet False Memory, daß es so etwas wie sexuelle Gewalt durch rituelle Täterorganisationen überhaupt gibt.

Der „Spiegel“ griff die Vorwürfe einer einzigen Patientin auf ...

... und machte aus dem einen Fall einen Artikel, der nahe legt, es habe System, daß Betroffenen diese Form von rituellem und organisiertem Mißbrauch in Therapien eingeredet wird. Die Therapeutin bestreitet auf Anfrage, jemals einer Patientin etwas eingeredet zu haben. Es habe sich auch nie zuvor eine andere Patientin über sie beschwert. Die Beratungsstelle des Bistums Münster allerdings wurde zwei Tage nach der Veröffentlichung des „Spiegel“ geschlossen.

Das ist ein außerordentlich krasser Vorgang. Für uns tritt in diesem Bericht auch erstmals der Verein "False Memory" aus seiner Anonymität heraus und es wird seine Vorsitzende genannt, nämlich die schon genannte Heide-Marie Cammans.

Es gab zu der Schließung mindestens eine kritische Stellungnahme von Seiten einer Vertretung Überlebender sexueller Gewalt in der katholischen Kirche (Yt2023).

Abb. 2: Toos Nijenhuis berichtet 2014 über Rituelle Gewalt und Morde in Belgien

Nun aber noch einmal grundsätzlich: "Rituelle Gewalt in der katholischen Kirche"? Nichts ist doch im Grunde nahe liegender als das! In der katholischen Kirche ist doch alles "Ritual". Sexualisierte Gewalt gibt es in der katholischen Kirche - und im Jesuitenorden - zu Hauf. Diese sexualisierte Gewalt wurde Jahrzehnte lang (wohl Jahrhunderte lang) "systematisch" praktiziert, geduldet und vertuscht. Warum soll der Schritt zu ritueller Gewalt da sein so großer sein für hohe Kirchenbeamte?

Und zu welchen Verbrechen waren die katholische Kirche und der Jesuitenorden in den letzten Jahrhunderten nicht fähig? Haben sie nicht zu Kriegen gehetzt - etwa zum Dreißigjährigen Krieg, zum Ersten Weltkrieg - hat US-Kardinal Spellman 1944 nicht die Vertreibung der Ostdeutschen befürwortet, einen Völkermord? Hat die katholische Kirche Psychosekten wie die Colonia Dignidad in Chile nicht Jahrzehnte lang geduldet und verharmlost? Hat sie nicht den Regierungskriminellen Franz-Josef Strauß belobhudelt (Kardinal Ratzinger etwa bei dessen Beerdigung)? Welches Verbrechen hat die katholische Kirche nicht begangen oder befürwortet in ihrer tausendjährigen "Kriminalgeschichte"? Und da soll eine solche Institution zu ritueller Gewalt nicht fähig und willens sein?

Ermittlungsbehörden scheinen - wie so oft - nicht tätig zu werden. So wie der weltliche Staat seit Jahrzehnten und Jahrhunderten gegenüber der systematischen, sexualisierten Gewalt in der katholischen Kirche "wegsieht", so wie er diesbezüglich in der von ihm geförderten Odenwaldschule Jahrzehnte lang "weg gesehen" hatte. Mehr als nahe liegend, daß deshalb auch ansonsten noch nie in der Mainstream-Berichterstattung ernsthaft die Vermutung behandelt worden ist, daß es im katholischen, kirchlichen Kontext - neben der viel behandelten sexualisierten Gewalt, die seit 2010 nicht mehr durch Schweigegeld-Zahlungen "unter dem Deckel" gehalten werden kann - auch rituelle Gewalt gegeben haben könnte und gibt.

2025

Aber erstmals jetzt im Oktober 2025 kommt die Vermutung ritueller Gewalt in Zusammenhängen der katholischen Kirche doch in die Mainstream-Berichterstattung. Das Bistum Münster hatte 2023 eine Anwaltskanzlei damit beauftragt, Zeugenberichte von 12 Menschen, vor allem Frauen, die von ritueller Gewalt in kirchlichen Zusammenhängen berichten, auf Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen (BistumMünster).

Nachdem man den diesbezüglich erstellten und nun veröffentlichten Bericht der Anwaltskanzlei gelesen hat, muß man doch sagen, daß man es bei diesen Vorwürfen mit einer völlig neuen Kategorie zu tun hat. Natürlich gibt es genug Berichte über sexualisierte Gewalt im Rahmen der Kirche und des Jesuitenordens. Aber eben nicht über rituelle Gewalt. Und hier wird gleich quasi die Gesamtheit der Weihbischöfe, Kardinäle etc. Nordwestdeutschlands beschuldigt. Auf so etwas kommen doch 12 Leute, vor allem Frauen, die davon als Zeugen und Opfer berichten, nicht aus heiterem Himmel.

Irrwitziger Weise erfährt man von diesen Beschuldigungen nur durch den Bericht einer Rechtsanwaltskanzlei. Und dieser Bericht macht für diese Zeugenaussagen die zuvor so überraschend aufgelöste katholische Sekten-Beratungsstelle in Münster verantwortlich, von der gesagt wird, sie seit zurecht aufgelöst worden. Deren Arbeit war in den Jahren zuvor von vielen Seiten immer als sehr wertvoll angesehen worden.

Der Betroffenenbeirat bei der deutschen Bischofskonferenz (DBK) kritisiert das erstellte Gutachten der Rechtsanwaltskanzlei und den Umgang der katholischen Kirche mit diesem Thema stark (Katholisch2025):

Die Betroffenenvertreter kritisieren, das Gutachten sage nichts darüber aus, ob in den untersuchten Bistümern Netzwerke existierten, in denen Personen von mehreren klerikalen Tätern mißbraucht oder Opfer bewußt anderen Tätern zugeführt wurden. Auch zu der Frage, ob Täter während ihrer Taten ritualisierte, kirchliche Handlungen vollzogen, treffe das Gutachten keine Aussage. Daher sei der "tatsächliche Aussagewert dieser Studie" aus Sicht des Beirats "äußerst gering". Es bestehe die Gefahr, daß das Gutachten genutzt werde, um die Existenz von Täter-Netzwerken oder ritualisierten Mißbrauchspraktiken im kirchlichen Kontext zu verneinen. (...) Psychische Erkrankungen würden in solchen Gutachten oft als Hinweis auf eingeschränkte Glaubwürdigkeit interpretiert. Daher lehne der Betroffenenbeirat diese Praxis ab.

Das sind klare und eindeutige Aussagen!

Unsere Einschätzung

Sagen wir es einmal andersherum: Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß die hier behandelten Zeugenberichte stimmen, daß solches in der katholischen Kirche zumindest grundsätzlich geschieht. Im Grunde KANN es sich gar nicht anders verhalten, nachdem man schon bei Cathy O'Brien nachlesen konnte, daß es sowohl ein katholisches wie ein freimaurerisches Code-System bei der Mind control-Programmierung gibt (GAj2011), und seit Cathy O'Brien durch deutsche Dokumentar-Krimi's wie "Operation Zucker - Jagdgesellschaft" in nicht unwesentlichen Teilen bestätigt worden ist (GAj2017). Die ganze mediale Auswertung dieses Doku-Krimis zeigt, wie umfangreich im Argen die Aufklärung über dieses Thema in Deutschland liegt (GAj2017).

Wenn organisierte, elitäre, internationale Pädokriminalität und ritueller Satanismus in der Politik eine Rolle spielen - und wer wollte nach so und so vielen Fällen daran noch zweifeln (Epstein, Savile etc. etc pp.) - wie wollen die katholische Kirche und der Jesuitenorden in dieser Politik dann eigentlich noch Mitspieler sein, wenn sie nicht die gleichen Methoden anwenden? Wie sonst sollte es auch denkbar sein, daß die katholische Lobby immer noch so unglaublich viel Einfluß in der Politik hat? Ohne einen solchen Einfluß wäre die Psychosekte Jesuitenorden ja längst verboten worden, wäre ein Papst Joseph Ratzinger längst vor Gericht gestellt worden.

Auch ist die christliche und katholische Lobby in allen Parteien - einschließlich der AfD - außerst einflußreich, selbst in der SPD, wo es aufgrund dieser Lobby bis 2022 (!!!) keinen laizistischen Arbeitskreis geben durfte (Wiki). Für die CDU/CSU muß der Einfluß dieser Lobby ja nicht großartig belegt werden. Neuerdings ist diese Einflußnahme auch wieder durch den Youtuber Erik Ahrens thematisiert worden (GAj2025). Aus katholischer Ecke stammen Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Karlheinz Weißmann ist von Kubitschek als der "katholischste Protestant" gekennzeichnet worden, den er je kennen gelernt habe. Über all diese Dinge ist hier auf dem Blog schon in früheren Jahren viel geschrieben worden (Schlagwort Rechtskatholisch). Und dieser Umstand ist durch Erik Ahrens einmal erneut voll bestätigt worden. Ebenso "Vordenker" wie Alain de Benoist sind als solche katholischen Einflußnehmer erkennbar geworden (GAj2015). Und auch das sind alles immer nur Spitzen von Eisbergen ....

Der katholische Hintergrund ist auch bei einem der intellektuell Fähigsten in der AfD völlig klar, nämlich bei Maximilian Krah. Dieser hat früher ausgerechnet für die Pius-Bruderschaft als Rechtsanwalt gearbeitet.

Diese Berichte Überlebender von ritueller Gewalt in der katholischen Kirche müssen jedenfalls ernst genommen werden und als ein wichtiges, fehlendes Puzzle-Teil Beachtung finden.

Am wichtigsten aber wird die moralische Einordnung all dieser Dinge sein: Keiner der Täter kann - womöglich - wirklich etwas dafür, da es sich - so wie es in den vielen Berichten beschrieben wird - um ein sich selbst perpetuierendes Terror-System handelt, in das die Täter in der Regel von der Kindheit oder von der frühen Jugend an hinein wachsen, mit Terror hinein gepeitscht worden sind oder in das sie aufgrund unglücklicher Umstände hinein verführt worden sind. Wer würde sich in solchen Kreisen wirklich "freiwillig" bewegen wollen? Wer würde "freiwillig" in solchen Kreisen agieren wollen, aus ihnen heraus handeln wollen? Diese Überlegungen setzen die sonst üblichen moralischen Beurteilungskriterien völlig außer Kraft. Im Grunde sind die Täter ja ebenso zutiefst bemitleidenswerte Sklaven wie die Opfer.

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*) Es mutet fast folgendermaßen an: Um so mehr Schwarze Pädagogik, systematische sexualisierte Gewalt, Foltern und Morden ins Geheime verlagert wurden (siehe z.B. Gilles de Rais, ca. 1405-1440), um so mehr trat damit eine Folterszene und eine Vorform von Snuff-Video in den Mittelpunkt des öffentlichen Bildprogramms der katholischen Kirche: Der "Leidensweg Christi". - - - Zur Erläuterung: Gilles de Rais (Wiki) war ein bretonischer Adliger, Heerführer und ehemaliger Kampfgefährte von Jeanne d’Arc. Nach dem Ende des Hundertjährigen Krieges zog er sich auf seine Ländereien zurück und war einer der reichsten Männer Frankreichs. Er unterhielt einen großen Hof. Die Strafverfolgung gegen ihn setzte erst ein, nachdem er einen Priester gefangen genommen hatte. Gilles de Rais ist 1440 in Nantes wegen Kindesmords, Satanismus und okkulter Praktiken verurteilt und gehängt worden. Laut den damaligen Prozessen soll er Dutzende bis Hunderte von Kindern mißbraucht und getötet haben. Mindestens ein namentlich bekannter Mittäter kam aber ungeschoren davon. Ob die Geständnisse von Gilles de Rais der Wirklichkeit entsprachen, konnte nie geklärt werden. Immerhin wurde derartiges aber für plausibel gehalten. Gut denkbar, daß er - wie auch sonst oft üblich - nur als ein Einzeltäter vorgeschoben worden ist, als ein "Sündenbock", während es eine viel umfangreichere, organisierte Tätergruppe gegeben hat, die hinter seinem Rücken im Verborgenen blieb und bis heute völlig im Dunkeln geblieben ist.
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  1. Weisfeld, Michael: Falsche Erinnerung - Doku über False Memory und sexuelle Gewalt. SWR/ARD 2023
  2. Im Namen des Teufels Rituelle Gewalt in satanistischen Sekten (Yt2013)
  3. Fobbe, Sebastian: Das Bistum und der Satanismus (Rums2023) 17.10.2023

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