Donnerstag, 20. Oktober 2022

Alfred Rosenberg und die Reichskristallnacht

Unsere Amazon-Rezensionen (Amaz) haben wir selten parallel auch gleichzeitig hier auf dem Blog eingestellt. 

Das wäre vermutlich noch einmal nachzuholen.



Abb. 1: Rosenberg in Nürnberg 1946

Die nachfolgende Rezension der Neuveröffentlichung der Tagebücher von Alfred Rosenberg (1893-1946) (Wiki) (1), die wir am 20. September 2015 eingestellt hatten, ist inzwischen schon von 32 Nutzern als "hilfreich" gekennzeichnet worden. 

Das möchten wir auch meinen, daß sie hilfreich ist (Amaz):

Eine Gesamteinschätzung des Inhaltes dieser Tagebücher ist sicher nicht von heute auf morgen möglich und wird auch in der Einleitung dieses Bandes erst gar nicht versucht für alle darin behandelten Themen. Deshalb möchte auch ich hier zunächst nur einige erste Rechercheeindrücke festhalten.
Die Überlieferungsgeschichte der Tagebücher von Alfred Rosenberg ist eine auffällige (S. 29ff). Auszüge derselben wurden schon während der Nürnberger Prozesse zugänglich gemacht. Der Hauptteil der Rosenberg'schen Tagebücher kam dann aber - unzulässigerweise - für lange Jahrzehnte in den Privatbesitz (!) des Anklägers Robert Kempner und blieb deshalb bis zum Jahr 2015 unveröffentlicht. Nur gut belesenen Fachleuten war bekannt, dass Kempner schon 1948 Auszüge aus diesem Tagebuch veröffentlicht hatte. Diese zum Verständnis der geistigen Entwicklungen im Dritten Reich sicher nicht unwichtige Veröffentlichung aus dem Jahr 1948 ist noch heute - zum Beispiel - nicht auf dem Wikipedia-Artikel zu Alfred Rosenberg verzeichnet.
Und selbst in der Veröffentlichung des Rosenberg-Tagebuches aus dem Frühjahr dieses Jahres fehlen nach Einschätzung der Herausgeber immer noch wichtige Bestandteile dieses Tagebuches. Nämlich Einträge zwischen Herbst 1941 und erster Hälfte 1942. Und auffallender Weise ist dies genau jener Zeitraum, in dem nach der heutigen wissenschaftlichen Meinung innerhalb der deutschen Führungsspitze der Plan zur Ausrottung der europäischen Juden konkrete Gestalt angenommen hat. Welche Stellungnahmen und Hinweise es gibt in Bezug auf Alfred Rosenbergs Sichtweise auf die Judenmorde und bezüglich seiner Verantwortung wird in der Einleitung sehr detailliert erörtert (S. 40-116), allerdings kann sich auch diese Darstellung an den entscheidenden Stellen nicht auf Tagebuch-Einträge stützen.
Die sicher nicht ganz unbedeutsame Kritik Rosenbergs an der Politik seines kulturpolitischen Rivalen und erklärten Gegners Josef Goebbels oder auch an der Politik des Gauleiters Erich Koch in der Ukraine ist schon in diesen Tagebuch-Blättern ähnlich durchgängig enthalten wie er sie dann auch 1946 in seinen Nürnberger Aufzeichnungen formulierte. In ihnen wird Goebbels interessanterweise auch als verantwortlich erklärt für die Reichskristallnacht des Jahres 1938. Und indem man diesem Umstand hinterher recherchiert, findet man, dass sich das Stichwort "Reichskristallnacht" in der Rosenberg-Biographie von Ernst Pieper vier mal findet. Nirgendwo aber wird in dieser erörtert, dass Rosenberg die Reichskristallnacht laut des schon 1956 veröffentlichten Tagebucheintrages ABGELEHNT hat. - Hallo?!?!Da ein Zitat dieses Tagebuch-Eintrages und damit eine Erörterung seines Inhaltes derzeit offenbar auch sonst nirgendwo im Internet oder auf "Google Bücher" zu finden ist, soll es hier einmal gebracht werden. Rosenberg gibt ein Gespräch mit Heinrich Himmler über Josef Goebbels wieder, das wahrscheinlich im Dezember 1938 stattgefunden hat, und über das Rosenberg anfangs schreibt (S. 266f):
"Zunächst erzählte er (Himmler) die ganze Angelegenheit von Fritsch und von Blomberg und machte sein persönliches Unbeteiligtsein klar." (Okay, das "Unbeteiligtsein" von Himmlers Gestapo soll auch in dem Gestapo-Weisswaschbuch "Der Sturz der Generäle" von Fritz Tobias und Karl-Heinz Janßen dargelegt werden, das allerdings auffällig viele ehemalige Gestapoleute sehr unkritisch als Informanten aufführt ohne zu erörtern, ob diese nicht auch ein Interesse daran gehabt haben könnten, vor der Öffentlichkeit für den Sturz der kriegsunwilligen Generäle nicht verantwortlich gewesen zu sein.) So "unbeteiligt" braucht man Himmlers Gestapo an diesem Geschehen ganz bestimmt nicht ansehen. Aber weiter gibt Rosenberg dann das Gespräch unter anderem folgendermaßen wieder:
"Ich: Die Sache mit dem Judenprogrom war doch ebenso staatsschädigend. Dr. Goebbels hat nur auf Grund einer allgemeinen Anordnung des Führers gleichsam in seinem Namen die Aktion geboten. Görings Gegenbefehl kam zu spät. Schaden an Volksgut: fast 2 Winterhilfswerke: 600 Millionen!

Himmler: Ja; alles wird jetzt auf andere geschoben.
Ich: Für alles das, was Goebbels macht, müssen wir bezahlen. Es ist furchtbar."
Ich traue mir so aus dem Handgelenk nicht den Versuch einer weitergehenden kritischen Bewertung und Einordnung dieses Zitates zu. Ich finde es nur auffällig, dass dasselbe, das doch irgendwie auch entlastend für Rosenberg ist, offenbar nirgendwo in der Literatur auch nur erwähnt zu sein scheint (auch nicht in der Einleitung dieses Bandes!). Und mir drängt sich da der dumpfe Verdacht auf, dass man bei genauer Lektüre dieser Tagebücher noch allerhand ähnlicher solcher Dinge finden würde. In der Einleitung werden entlastende Tagebucheinträge Rosenbergs genannt zur schlechten Behandlung der russischen Kriegsgefangenen durch Deutschland. Ausgerechnet die Seitenangaben zu diesen Einträgen scheinen dann aber nicht zu stimmen, denn auf diesen findet sich dieses Thema dann gar nicht behandelt.
Dies nur erste wenige Leseeindrücke. Insgesamt muss sich die Wissenschaft doch allmählich einmal fragen: Welchem Zweck dient ein solches Jahrzehnte langes Verschlossenhalten von Geschichtsdokumenten wie der Gesamtheit der Tagebücher von Alfred Rosenberg, von dem IMMER noch wichtige Teile nicht bekannt sind?

______________

  1. Jürgen Matthäus, Frank Bajohr (Herausgeber): Alfred Rosenberg - Die Tagebücher von 1934 bis 1944 (Die Zeit des Nationalsozialismus. "Schwarze Reihe".) 23 April 2015

Freitag, 3. Juni 2022

Pechstein - Ein Maler in Pommern

Der Maler Max Pechstein entdeckt die Pommersche Ostseeküste zwischen Garder und Leba-See
- Von Nidden nach Leba, von Leba nach Rowe, von Rowe zum Revekol
- Die Jahre 1921 bis 1945 

Betrachtet man die Werke des deutschen Malers Max Pechstein (1881-1955) (Wiki) aus den Jahren zwischen 1927 und 1945 als eigene Werkgruppe und für sich genommen, stellt man fest, daß die Bilder dieser Jahre zwar auch zu hohen Preisen gehandelt werden (selten unter 100.000 Euro), daß sie aber weniger sozusagen "legendär" sind innerhalb des Gesamtwerkes von Max Pechstein, daß sie also sozusagen eine ruhigere Phase in seinem künstlerischen Schaffen repräsentieren. Es finden sich etwas weniger provozierende, perspektivische Verzerrungen und "Verfremdungen" als in vielen seiner - deutlich bekannteren - Werke aus den Schaffensperioden davor - und zum Teil auch aus seiner letzten Schaffensphase danach, nach 1945.

Abb. 1: "Herbstwolken", 1927 - Gemälde von Max Pechstein, Privatsammlung Berlin (Auction) - Dargestellt ist - offenbar - die Lupow im Ostseebad Rowe

Als zeitweiser Angehöriger der expressionistischen Künstlergruppe "Die Brücke" ist Max Pechstein bekannt geblieben. Innerhalb derselben hat er lange vor 1914 im Umland von Dresden sehr bekannte expressionistische Werke geschaffen. Wie mancher französische Expressionist vor 1914 hat er auch auf den Südsee-Inseln gemalt. Und auch diese Werke sind innerhalb seines Gesamtwerkes recht bekannt geblieben. Dann hat er lange Jahre in Berlin gelebt - in der Kurfürstenstraße. Dort hat er die für Expressionisten typischen Großstadt-Bilder gemalt. Seit 1909 ist er bis 1945 fast jeden freien Sommer für viele Wochen zum Malen an die Ostsee gefahren. Bis 1920 war diese Urlaubsgegend die Malerkolonie Nidden an der Kurischen Nehrung in Ostpreußen. Die Bilder dieser Schaffensperiode sind ebenfalls "legendär". Ab 1921 waren die von ihm gewählte Urlaubsgegend Leba am Lebasee in Pommern und das davon südlich gelegene "blaue Ländchen". Und nachdem ihm das Ostseebad Leba touristisch zu überlaufen geworden war, wählte er zwischen 1927 und 1945 sehr oft auch Rowe am Garder See in Pommern als Urlaubsort.

Alle genannten Orte haben insbesondere durch seinen Aufenthalt dort für die europäische Kunstgeschichte Bedeutung bekommen. Vielleicht kann man so weit gehen und sagen, daß der Pommersche Berg Revekol in der Kunstgeschichte der deutschen Expressionisten eine ähnliche Rolle spielt wie der Berg Sainte-Victoire in der Provence, der sich so häufig zum Beispiel auf den Bildern von Paul Cezanne wieder findet. 

Abb. 2: Garder See und Leba-See in Pommern (Karte von 1930, Ausschnitt) (Stolp.de)

Pechstein hat im Verlauf seines Malerlebens neben den Ölgemälden und Landschaften in kraftvollsten Farben immer häufiger auch Aquarelle mit oft deutlich zurückhaltenderer Farbwahl gemalt. Dies gilt insbesondere für viele Aquarelle ab 1927, die in Rowe und Umgegend geschaffen wurden.

Im letzten Beitrag hier auf dem Blog hatten wir von der "Schulamtsbewerberin" Charlotte Nemitz (1905-1987) aus Stolp in Pommern berichtet (Prbl2022). Sie war in Stolp als Lehrertochter aufgewachsen und hat sicher oft an der Ostsee, etwa in Rowe oder in anderen Ostseebädern Urlaub gemacht. Am 1. Januar 1936 war sie von einer Schule in Stolp auf die Dorfschule des Fischerdorfes Klucken (Wiki) am Leba-See gekommen. Das Dorf war damals schon mit der Bahn zu erreichen (Abb. 2). In Klucken gab es eine vierstufige Volksschule. 145 Schulkinder wurden in vier Klassen von drei Lehrern unterrichtet (Wiki). 

Es war der letzte Ort, an dem die heute ausgestorbene Slowinzische Sprache gesprochen wurde. Sie wurde von den dortigen Fischern gesprochen. Diese wurden "Lebakaschuben" genannt. Ihrer wird heute vor Ort mit einem Freilichtmuseum gedacht. Allerdings sind die Einwohner auch dieses Dorfes - und damit auch die Nachfahren der Lebakaschuben - 1945 zwangsumgesiedelt worden (Wiki):

Später wurden in der Bundesrepublik Deutschland 342 und in der DDR 192 aus Klucken vertriebene Dorfbewohner ermittelt.

Die heutigen Bewohner von Klucken sind gar keine Nachfahren der Lebakaschuben mehr. Das Dorf Klucken liegt inmitten landschaftlicher Schönheiten am Südwest-Ufer des Leba-Sees (Abb. 2). Im Norden liegen die berühmten Wanderdünen, die "Lontzke-Dünen". Die Ostseeküste zwischen den Fischerdörfern Rowe ("Rowy") (Wiki) am Garder See (Wiki) im (Süd-)Westen und Leba (Wiki) am Leba-See (Wiki) im (Nord-)Osten (die letztere Ortschaft auf Abb. 2 rechts außerhalb des Bildrandes), alle etwa dreißig Kilometer nördlich der Kreishauptstadt Stolp gelegen, war von den Malern Pommerns und aus Stolp als Landschaft schon vor 1914 entdeckt worden.

Abb. 3: Die Lupow-Mündung bei Rowe, 1927 (Postkarte) - Vorne die Lupow, im Hintergrund der Garder See, dahinter der Revekol

Die genannten Seen sind jeweils nur durch eine schmale Landzunge von der Ostsee getrennt. Auf der Landzunge, die den Lebasee vom Meer trennt, liegt das Dörfchen Rumbke ("Rabka") (Erin.) (Abb. 2 rechter Bildrand) und dahinter die Lontzke-Düne (Wiki). Über das kleine Dorf Holzkathen, das auf halbem Wege zwischen Garder See und Leba-See liegt, wird in einem Text von 2014 geschrieben (1):

Der Ort Holzkathen (Smołdziński Las) liegt am Rande des Slowinzischen Nationalparks. Riesige Wanderdünen auf der Nehrung und ein fast 40 km langer Naturstrand, hinter dem sich ausgedehnte Küstenwälder und Binnenseen (Leba- und Garder See) erstrecken, machen diese Küstenlandschaft zum Geheimtipp für alle Naturliebhaber. Aufgrund seines Artenreichtums und der landschaftlichen Vielfalt ist der Nationalpark u.a. Mitglied des UNESCO-Programms Mensch und Biosphäre (seit 1977), der Internationalen RAMSAR-Konvention zum Schutz von Feucht- und Moorlandschaften und des Europäischen Umweltschutznetzwerkes Natura 2000. (...) Über der Nehrung am Lebasee erhebt sich die Lonzkedüne (Łąska Góra), die mit 42 m höchste Wanderdüne des Nationalparks. An den Ufern des Sees liegen streng geschützte Nistgebiete des Schwarzen Kormorans und der anderen über 180 Vogelarten, die hier alljährlich nisten. Im Sommer kann man auf dem Garder See auf zugewiesenen Gebieten Surfer und Kajakfahrer beobachten. Die verwunschenen, von tiefen Küstenhochwäldern umgebenen Binnenseen Kleiner und Großer Dolgensee sind ein Eldorado der Wasservögel und Biber.

Nachdem im Januar 1920 die Kurische Nehrung in Ostpreußen und die dortige Künstlerkolonie Nidden (Wiki) für seine Künstler - darunter Maler wie der Ostpreuße Lovis Corinth oder eben der Sachse Max Pechstein, nicht mehr zu erreichen waren, suchte insbesondere letzterer nach neuen, vergleichbaren Orten entlang der Ostseeküste. Pechstein schreibt in seinen Erinnerungen (Seebad Leba) (2, S. 107):

Zu Fuß streifte ich die Ostseeküste, nach Westen marschierend, ab. Ich entschloß mich zuletzt, in Leba mein Standquartier zu errichten. Wenngleich dort andere Menschen, andere Fischertypen, lebten, so wiesen doch die große Lontzker Wanderdüne und das weit ausgebreitete Dünengelände eine gewisse Ähnlichkeit mit der Kurischen Nehrung auf, die mich bewog, hier zu arbeiten.

Von 1921 bis 1926 arbeitete Pechstein in den Sommermonaten in Leba. Ab 1927 suchte er nach einem zurück gezogeneren Ort, den er im Ostseebad Rowe am Garder See fand. 

Abb. 4: "Pommersche Fischerkaten", 1927 (Koller) - Einstige Fischerkaten im Ostseebad Rowe

Auch nach 1927 kehrte er wiederholt nach Leba zurück, wo er seine zweite Frau 1921 kennen gelernt hatte, und wo seine Schwiegereltern ein Hotel führten. Das Ostseebad Leba wirbt heute auch mit dem Umstand, daß Pechstein hier gemalt hat ("In farbgewaltigen Landschaftsgemälden verewigte Pechtstein die Schönheit der Gegend." [Seebad Leba])

Wir erfahren auch (Ketterer):

Der Künstler lernt diese Küstenlandschaften schätzen und lieben. "Sei es nun, daß ich auf meinen Streifzügen weiter ins Land hinein, ins 'blaue Ländchen' kam, in herrliche Wälder, zwischen denen verborgene Seen aufblitzten und sprudelnde Flüsse und Bäche sich durch die Landschaft schlängelten. Außerdem bargen die Wasser hier herrliche Fische, und es gab für mich nichts Besseres zur Beruhigung der Nerven, als ihnen nachzustellen (...). Dabei ruhte der Stift nicht. Alles, was ich sah und um mich erlebte, wurde unerbittlich festgehalten (...). Ich erhielt dadurch eine Sicherheit, die mich nicht versinken ließ in dem Zusammenbruch nach dem Kriege." (zit. aus: Jürgen Schilling, Max Pechstein, Unna 1989, S. 139).

"Zusammenbruch nach dem Kriege" - so hat dies also auch Max Pechstein erlebt. Er hatte ja als Patriot bei Kriegsausbruch 1914 mit allen Kräften gestrebt, von jener Südsee-Insel, wo er sich zu diesem Zeitpunkt aufgehalten hatte, nach Deutschland zurück zu kehren. Es gelang ihm dies unter schwierigen Umständen über die USA hinweg. Nach der sehr komplizierten Rückreise während des Krieges war er in den Jahren 1916 und 1917 an der Westfront als Soldat eingesetzt worden. Aus diesen Erfahrungen heraus hat eindrucksvolle Kunstwerke geschaffen. Den "Zusammenbruch nach dem Kriege", den Verlust unter anderem des Memellandes mit der Künstlerkolonie Nidden hat er als solchen wie so viele Kriegsteilnehmer als ein erschütterndes Geschehen erlebt, auch als ein solches, das einen hätte "versinken" lassen können.

Was aber war das hier genannte "blaue Ländchen"? So wurde das Landesinnere der Landkreise Lauenburg (Wiki) und Bütow (Wiki) genannt, also die Gegend südlich von Leba (Rek.) (Wiki). Es gibt eine Postkarte von Lauenburg aus den 1930er Jahren, betitelt "Lauenburg in Pommern - Blick ins blaue Ländchen" (Flickr). 2016 erschien das Büchlein "Leba  im Blauen Ländchen 1357-1945" (3) (Fb). Auf der Rückseite des Büchleins steht (Am):

Wer blöden Aug's vorübergeht,
Der sieht hier nichts als Sand.
Doch in wess' Herz die Schönheit glüht,
Dem dünkt's ein Wunderland.

An dieser Stelle ein wenig Landes- und Heimatkunde: Der Landkreis Lauenburg war der östlichste Landkreis Pommerns. Er erstreckte sich an der Küste von der Leba aus gut dreißig Kilometer nach Osten bis zur Grenze nach Westpreußen bei Wierschutzin (Wiki) (G-Maps). Das heißt, das Land östlich von Wierschutzin bis zur Halbinsel Hela gehörte gar nicht zu Pommern, sondern zu Westpreußen. Es gehörte zum Landkreis Neustadt in Westpreußen (Wiki). Und die Einwohner des Landkreises Neustadt waren im Jahr 1905 zu etwa 50 % deutsch- und zu 50 % polnisch- bzw. kaschubischsprachig. Sie waren zu etwa 25 % protestantisch und zu 75 % katholisch. Es handelte sich hier die sogenannte "Kaschubei", bzw. um einen Teil derselben.

Auf einem in Bütow in Pommern 1921 ausgegebenen "Notgeld" hat man die Worte festgehalten (Flickr):

"Blaues Ländchen" man unser Land
Seit alter Zeit schon hat genannt.
Blau der Duft, der die Berge umschwebt,
Blau die Treue, die im Pommern lebt.
Wie diese einst bewährt in mancher Schlacht,
So hält sie jetzt an neuer Grenze Wacht.

All dies gehörte auch zur Heimat der damaligen Lehramtsanwärterin Charlotte Nemitz. 

Abb. 5: "Sonnenuntergang", 1927, Aquarell (Lempertz) - Blick nach Westen, vielleicht über die Lupow beim Ostseebad Rowe

Und es sei auch noch das folgende festgehalten, was wir über die Geschichte der Landschaft zwischen Leba-See und Garder See zu lesen bekommen (1):

Der Preußenkönig Friedrich der Große war es, der in der 2. Hälfte des 18. Jh. per Kabinettsorder die Trockenlegung der Moore zwischen dem Garder See und dem Lebasee verfügte. Nach seinem Minister von Brenkenhof wurde auch der Verbindungskanal zwischen den beiden Binnenseen benannt. In der Folgezeit wurde die Region immer wieder Ort großräumiger Meliorationsvorhaben. Nach 1945 betrieb ein Staatsgut mit 250 Beschäftigten auf den meliorierten Weiden eine hochproduktive Viehwirtschaft und Grünfutterproduktion. Die Futterexporte gingen für harte Devisen ins skandinavische Ausland. Der Zerfall des Staatsbetriebes nach der Wende Anfang der 90er ließ viele Gräben wieder zuwuchern. Wasservögel und Biber eroberten sich das Land zurück.

Und diese Landschaft nun hat auch der Maler Max Pechstein durchstreift und sie - aus verschiedenen Perspektiven - in Bildern festgehalten.

1921 - Von Nidden nach Leba in Pommern

So lesen wir etwa (Musenblätter 2015):

Als nach dem Versailler Vertrag Nidden zu Litauen fiel und für Pechstein versperrt war, entdeckte er das hinterpommersche Fischerstädtchen Leba für sich - vorn die See, dahinter die Strandseen. Vor dem trubeligen Strandleben floh Pechstein 1927 in das nahegelegene Dörfchen Rowe - die neu gefundene Abgeschiedenheit schätzte er mehr als daß das Fehlen von Strom und fließendem Wasser ihn störte. Bis in die Kriegsjahre hinein verbrachte Pechstein die warmen Monate in Hinterpommern.

Nein: Bis 1945. Schon ab dem Jahr 1921 entstehen seine ersten Werke in Leba, zum Beispiel: "Fischereihafen in Leba" (1921), "Dorfstraße in Leba" (1921), "Am Strom im Winter" (1922), "Dünenlandschaft" (1922), "Zwei Kutter im Hafen von Leba" (1922), "Sonnenuntergang am Lebastrom" (1925), "Sonnenuntergang im Hafen von Leba" (1926), "Geknickter Baum vor Pommerscher Dorflandschaft" (1927) (Ketterer):

"Die Aufenthalte von Max Pechstein an der Ostseeküste in Pommern sind legendär. Nirgendwo hatte sich Pechstein so wohl gefühlt, wie unter den Fischern und Bauern in Ostpommern. Die große Fülle der malerischen Arbeiten aus dieser entbehrungsreichen Nachkriegszeit zeugt von einer Befreiung von Körper und Seele nach den traumatischen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges."

Nach 1927 entstehen rund um Rowe und rund um den Garder See Gemälde und Aquarelle wie "Blick auf den Revekol" (1929), "Morgensonne auf dem Garder See" (1929), "Seewinkel am Garder See" (1929), "Fischer mit Booten an der Lupow-Mündung" (1929), "Morgen in Rowe" (1931), "Toter Wald vor Revekol" (1934), "Ruderboot am Garder See" (1935).

Abb. 6: "Sommerabend", 1927, Ölgemälde (Koller) - Im Hintergrund der Revekol, vielleicht Blick aus der Gegend des Dorfes Wobesde, südlich des Garder Sees

Wir bringen im vorliegenden Beitrag nur eine kleine, womöglich gar nicht einmal repräsentative Auswahl aus der Vielzahl der hier entstandenen Gemälde und Aquarelle. Zeichnungen und Holzschnitte bringen wir gar nicht. Die Werke von Max Pechstein unterliegen noch bis zum Jahr 2030 dem deutschen Urheberschutz. Wir hoffen nicht, daß wir gegen dasselbe mit dieser kleinen Auswahl verstoßen. Über eigenständige Bildersuche im Internet kann sich der Leser leicht einen weiteren Überblick und Einblick verschaffen (Gal.):

Das im heutigen Polen liegende Leba in Pommern an der Ostseeküste, wird Pechsteins dritter Sehnsuchtsort, an dem er künstlerisch zu einem neuen Selbstverständnis gelangte. Dieses „baltische Arkadien“ war wie zuvor schon Nidden, ein Ort, der für ihn wie Fehmarn für Kirchner oder Alsen für Nolde als Zufluchtsort vor der Stadt und Quelle der Inspiration und Vitalität diente. Pechstein reist erstmals im März 1921 nach Leba auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstätte. Nach Nidden, im heutigen Litauen konnte er aus politischen Gründen nicht mehr reisen und so verbringt der Künstler bis 1945 seine Sommer in Leba und ab 1944 lebt er sogar dort. Pechstein findet hier ein landschaftliches Paradies wieder, was ihn mit seiner unberührten Natur und Ursprünglichkeit an die Südsee erinnerte. Er entflieht Berlin, der Großstadt und den Alltagsquerelen in die Natur und in alternative Lebensbedingungen. Unter den Fischern der Küste lebt Pechstein, der sich ihnen verwandt fühlt, nach den Zeugnissen dieser Jahre, buchstäblich auf: "…freue mich, bald wieder losfahren zu können, und ungehindert in der Natur zu leben", schreibt er im Frühjahr 1922 an Walter Minnich. Es entsteht motivisch wie künstlerisch in Bezug auf das gesamte Oeuvre sehr Wesentliches, so daß die Gemälde dieser Epoche als Höhepunkte seiner malerischen Produktion bezeichnet werden dürfen.
1921 wird Pechstein noch von seiner ersten Frau Lotte und dem gemeinsamen Sohn Frank begleitet, die ihren Sommerurlaub hier verbringen. Man wohnt im Gasthof Möller, wo Pechstein allein zurückbleibt, nachdem Frau und Kind wieder nach Berlin zurückgekehrt sind. Pechstein beginnt die zwei Töchter des Gastwirts Marta und Liese Möller zu proträtieren, wobei er besonderes Interesse an der 16jährigen Marta entwickelt. Eine große Anzahl an Porträts und Figurenbildern entstehen. Bereits am 4. August schreibt er seinem Schulfreund Alexander Gerbig in einem Brief, daß er sich in Marta verliebt hat: "Noch dazu habe ich mich (…) in einen kleinen schwarzen Teufel verguckt (…)" Noch kurz vor Weihnachten desselben Jahres läßt er sich von Lotte scheiden - die später Martas Bruder Hermann heiraten wird. Pechstein heiratet Marta 1923 - inzwischen 18jährig - im Gasthaus ihrer Eltern.
1922 verbringt er sowohl die Monate Mai bis September als auch den Dezember in Leba. Zu dieser Zeit entsteht auch das Gemälde „Interieur“, ein Figurenporträt Martas in einem Zimmer im Strandhotel ihrer Eltern. Es ist eine intime Darstellung, die eine ganz in sich versunkene junge Frau zeigt. Die Farben des Innenraums changieren in Violett, Blau- und Grüntönen und umrahmen Marta, die in ein leuchtend rotes Gewand gekleidet, den Mittelpunkt der Komposition bildet. Der Pinselstrich ist locker bis lasierend, die Farben gehen harmonisch ineinander über und werden durch die dunklen Konturen akzentuiert. Die Arbeit zeigt beispielhaft Pechsteins virtuosen Umgang mit der Farbe, die für ihn in dieser Hochphase seines Schaffens zum Mittelpunkt seiner künstlerischen Meisterschaft geworden war.

Marta Möller und das gemeinsame Kind werden Gegenstand zahlreicher Werke so wie dies zuvor seine erste Frau und das gemeinsame Kind gewesen sind. Marta wird häufig mit dem für die damalige Zeit typischen, modernen "Bubikopf" dargestellt.

Abb. 7: "Fischerkaten", 1928 (KuF) - Einstige Fischerkaten im Ostseebad Rowe

In einem Buch über Max Pechstein aus dem Jahr 1922 liest man (Osborn, Max: Max Pechstein, Propyläen, Berlin 1922, S. 9, Archiv):

"Klarer hebt sich aus den allmählich zerrinnenden Nebeln der Wirrnis das große Ziel des jungen Geschlechts unserer Tage: eine neue Welt aufzubauen."

Diesem Ziel würden die Künstler dienen.

In der Tat ist es ein - sozusagen - sehr "modernes" Pommern, das wir auf den Gemälden von Max Pechstein kennen lernen. Es ist nur selten jenes vormoderne, bäuerliche und gutsherrschaftliche Pommern der Zeit vor 1945, das auf Schwarz-Weiß-Fotografien jener Jahre als typisch für Pommern so oft zu sehen ist und die Erinnerung der Heimatvertriebenen vor allem geprägt hat. 

Max Pechstein hat sogar selbst in jenen Jahren rege fotografiert und seine Fotografien in einem Album gesammelt. Das wurde gerade erst in diesem Jahr in Ausstellungen bekannt (4). So hat er zum Beispiel Fischer fotografiert, die ihre Boote - gegen die Strömung - in das Landesinnere ziehen. Es könnten dies Fotografien sein, die in Rowe (oder bei Schmolsin?) an der Lupow entstanden sind. Er hat Fischer fotografiert, die ihre Fische zum Verkauf aufbereiten, Fischer, die ihre Netze flicken und anderes mehr. 

Abb. 8: "Weißes Haus", 1928 (Artnet) - Vermutlich einstiges Haus eines Fischers und Bauern im Ostseebad Rowe

Auch viele Motive der Werke von Max Pechstein finden sich in seinen Fotografien wieder, etwa Fischerhäuser (4).

1927 - Von Leba nach Rowe: "Nicht laut schreien"

Zu dem Gemälde "Fischerkaten" von 1928 (Abb. 7) lesen wir (KuF):

Im Juni 1927 beschloß Pechstein erstmalig, den Sommer in dem abseits gelegenen Fischerdorf Rowe in Hinterpommern zu verbringen, dem heutigen Rowy in Polen. Auf der schmalen Landzunge zwischen Garder See und Ostsee gelegen, bestand das Dorf aus alten Häusern "von 130 Jahren, mit Schilf gedeckt, die Zimmer so winzig, daß ich bequem mit der Hand die Decke erreiche", wie Pechstein schrieb. Diese kleinen Gehöfte und Fischerhütten inspirierten Pechstein in den Jahren 1927 bis 1930 wiederholt zu Gemälden. 1928 hielt Pechstein sich von Mai bis Anfang Oktober in Rowe auf. In einem Brief an seinen Freund Alexander Gerbig schwärmte Pechstein von Rowe: "Es ist ein ganz abgelegenes Nest, aber herrliche Landschaft und vor Allem kann man da herumlaufen, wie es einem Spaß macht, ganz ungeniert" (Soika S. 79). Während er bei seinem ersten Besuch die Gegend hauptsächlich zeichnerisch erfasste, widmete er sich 1928 vor allen Dingen der farblichen Wiedergabe des Gesehenen. Es entstand jetzt eine Reihe kleinerer Gemälde, deren Maximalmaße unter 70 cm blieben. Pechstein schrieb: "Nun sind größtenteils Arbeiten kleineren Formats entstanden, die Stimmung und die Gegend brachte es mit sich, daß ich sah, es sei besser nicht laut zu schreien, was man leise viel eindringlicher sagen kann." So führte er auch das vorliegende Gemälde in einem kleineren Format aus. Hier zeigt er die spitzen Giebel der Fischerkaten, die kaum über die schützenden Dünen zur Ostsee ragen.

Man möchte fast sagen, daß diese zurückhaltenderen Werke, die ab 1927 in Rowe entstanden sind, noch mehr zu Herzen gehen können als die "lauteren", die in den vielen Lebensjahren davor entstanden waren.

Abb. 9: "Blick auf den Revekol", 1929 (Mur) - Vermutlich über das feuchte Ufergebiet des Garder Sees bei Rowe hinweg gesehen

Wir lesen auch (Wiki):

Der Maler Max Pechstein verbrachte von 1927 bis 1944 jeden Sommer in Rowe und traf sich hier auch mit vielen Künstlern. 

Unter anderem mit Schmidt-Rottluff (6-9). Und (Wiki):

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Garder See von Künstlern als malerisches Motiv entdeckt. Der Maler Max Pechstein hielt sich ab 1922/23 wiederholt in Rowe auf und machte auch den Garder See zum Gegenstand seines Schaffens. Sein Gemälde „Morgensonne“ (1929) zeigt den Garder See mit Fischerbooten, im Hintergrund den Revekol. Für das Heft „Garder See“ der Zeitschrift Unser Pommerland steuerte er 1931 eine Zeichnung bei, die einen Reusensteller auf dem Garder See zeigt. Der pommersche Heimatdichter Klaus Granzow beschreibt in seiner Erzählung "Der Tanz auf dem Gardersee" eine Begebenheit, die sich im März 1945 zugetragen haben soll: Während die Front zwischen der deutschen und der sowjetischen Armee mitten durch den zugefrorenen Garder See verlief, habe eine deutsche Frau auf Schlittschuhen auf dem Eis getanzt. Der Maler Max Pechstein habe diese Szene auf Verlangen eines sowjetischen Offiziers gemalt. 

Ob diese Erzählung wirklich etwas mir der Realität des Jahres 1945 in Pommern zu tun hat? Uns erscheint das sehr zweifelhaft. Wer sollte in jenen Schreckenswochen und -monaten wohl die Lust aufgebracht haben, Schlittschuhe zu laufen?

Abb. 10: "Seewinkel", Garder See, 1929, Aquarell (vanHam)

Zu dem Gemälde "Pommersche Fischerkaten" von 1927 lesen wir (Koller):

 "... aber was ist das gegen meine Arbeitswut im geliebten Pommern, ich komme nicht darüber hinweg, das unverfälschte Leben in unverfälschter Natur fehlt mir. Ich zapple hin und wieder sehr, und sehne mich unentwegt danach, und hoffe doch, es noch einmal zu erleben, einmal wieder hinauffahren zu können..." (zit. Zeit für Kultur und Geschichte, Heft 4/2007, S. 30). (...) Seit 1921 reist er regelmäßig nach Pommern, um dort einige Monate fernab der hektischen Großstadt Berlin zu verbringen. Gleich im ersten Jahr lernt er in Leba seine zweite Frau Marta Möller kennen. Bis 1927 hält er sich, vornehmlich in den Sommermonaten, regelmäßig in Leba auf, erkundet aber auch die Umgebung. (...) Auf diesen Wanderungen stößt er dann 1927 auf das Fischerdorf Rowe, das nur durch eine Düne von der Ostsee getrennt ist, aber durch seine Lage am Garder See schwer zu erreichen ist. Die kommenden Jahre verbringt er seine Aufenthalte in Pommern überwiegend dort. Aber wie schon zuvor in Leba zieht er sich gegen 1933 auch aus Rowe zurück, da die naturbelassene Idylle durch den zunehmenden Tourismus zerstört wird. Typisch für das kleine Fischerdorf Rowe sind die zahlreichen alten, mit Schilf bedeckten Fischerkaten, die auch in dem vorliegenden Werk dargestellt sind. Rechts und links von einem kleinen Weg stehen die Fischerkaten mit weißen Fassaden und den grün-bräunlichen Schilfdächern. Weiße Wolken ziehen über sie hinweg, lassen aber die Sonne doch durchscheinen. Eindrücklich spielt Pechstein hier mit Licht und Schatten. Etwas verloren, im Vordergrund des Bildes, kommt ein kleiner Junge den Weg entlang gelaufen. Die Auseinandersetzung mit dem "Primitiven" hat immer eine besondere Rolle für die Expressionisten gespielt. Dabei wenden sie ihren Blick aber nicht nur auf fremde Kulturen, sondern auch auf die raue, noch sehr ursprüngliche Lebensweise auf dem Land, fernab der Großstadt. Anders als noch im 19. Jahrhundert suchen die Expressionisten das natürliche und idyllische Leben und finden es in den "Primitiven". Natürlich stellen diese Motive zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Affront dar, denn die Darstellung vom oftmals sehr einfachen und ärmlichen Leben auf dem Land ist bis dato nicht Gegenstand der anerkannten Bildenden Kunst gewesen. Pechstein selbst nimmt Teil an diesem Leben und scheint große Inspiration aus dem einfachen Leben zu ziehen.

Der 115 Meter hohe Revekol (Wiki) liegt zwischen dem Garder See und dem Lebasee.

1929

Im Nordosten des Berges liegt das Dorf Schmolsin (Smołdzino), im Südwesten des Berges das Dorf Groß Garde (Gardna Wielka). Im Osten und Norden wird der Berg von dem Fluß Lupow (Łupawa) umflossen, der selbst, und dessen an ihm lebende Menschen auch mehrfach Gegenstand von Gemälden und Zeichnungen von Max Pechstein geworden sind.

Abb. 11: "Getreideernte", 1930 (KuF) - Im Hintergrund der Revekol, Blick aus der Gegend südlich des Garder Sees nach Osten

Der Revekol gehört zu einem der drei "Heiligen Berge" der Pommern. Jahrhunderte lang war er ein Wahrzeichen für die Ostsee-Schiffahrt. Von ihm aus hat man noch heute einen herrlichen Ausblick auf die Dünenlandschaft der Ostseeküste im Norden, auf den Leba- und den Garder See davor, ebenso wie auf das Landesinnere im Süden. Im Internet ist eine begeisterte Schilderung dieses Berges und seiner Geschichte aus den 1930er Jahren frei verfügbar, dank des Mittelpommerschen Landesmuseums in Stolp (5).

1930

Der Berg im Hintergrund auf dem Gemälde "Getreideernte" von 1930 dürfte ebenfalls der Revekol sein (Abb. 11).

1933

.

Abb. 12: "Wanderer in den Dünen", 1933 (Mutualart) - Blick von der Lontzke-Düne aus auf die Ostsee

Das Werk "Wanderer in den Dünen" von 1933 dürfte wieder in der Lontzke-Düne bei Leba entstanden sein (Abb. 12).

1934

.

Abb. 13: "Sonnenuntergang in den Dünen bei Schmolsien", 1934, Gouache und Aquarell (Lemperz) - Blick Richtung Westen über den bekannten Leuchtturm hinweg

In dem Werk "Sonnenuntergang in den Dünen", das in den Dünen bei Schmolsien entstanden ist, ist offenbar ein Blick nach Westen Richtung des dort bekannten Leuchtturms und über den Garder See hinweg eingefangen.

Abb. 14: "Toter Wald vor Revekol", 1934, Aquarell und Gouache (Artnet) - Blick über Garder (oder Leba-)See hinweg

In dem Werk "Toter Wald vor Revekol" von 1934 ist ein Blick offenbar von der Lontzke-Düne Richtung Revekol erfaßt (Abb. 14).

1940

.

Abb. 15: Kutter im Mühlengraben in Leba, 1940 (Lsr)

Im Jahr 1940 entsteht ein unbeschwertes Werk in Leba (Abb. 15).

1941

.

Abb. 16: Verziehendes Gewitter, 1941 (Lsr)

Das Gemälde "Verziehendes Gewitter" von 1941 könnte im Landesinneren von Pommern entstanden sein, vielleicht im Blauen Ländchen.

Wie Max und Marta Pechstein die Jahre des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, wäre an dieser Stelle ebenfalls nachzutragen, insbesondere auch wie sie die Zeit von März bis September 1945 in Pommern erlebt haben. Am 30. September 1945 jedenfalls sind sie wieder in ihrem Haus in Berlin (10; Min. 53:30).

Abb. 17: Garder See und Leba-See in Pommern (Heimat-Karte von 1930, größerer Ausschnitt) (Stolp.de)

Dieser Beitrag soll nach und nach noch ergänzt und vervollständigt werden.

_____________

  1. Lebendes Wasser .... auf Spurensuche. Deutsch-polnischer Fotoworkshop in Holzkathen (Smołdziński Las) an der Pommerschen Ostseeküste, 2014. Projektleitung: Direktorin Heide Schumann vom ZffA gGmbH, Zentrum für fotografische Ausbildung, Berlin (pdf)
  2. Pechtstein, Max: Erinnerungen, 1960 
  3. Dorow, Ulrich (geb. 1932): Leba  im "Blauen Ländchen“, 1357-1945. Hrsg. von Irena Elsner Elsir Verlag, Amberg 2016
  4. Höll, Andreas: Kunstsammlungen Zwickau zeigen Max Pechstein als Fotografen, 2022, https://www.mdr.de/kultur/ausstellungen/zwickau-kunstsammlungen-max-pechstein-als-fotograf-100.html
  5. Witt, Walter: Der Revekol und seine Umgebung in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, Stolp i. Pommern o.J. [1934?], http://bibliotekacyfrowa.eu/dlibra/doccontent?id=38235
  6. Zwei Männer - ein Meer - Pechstein und Schmidt-Rottluff an der Ostsee. Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum Greifswald 2015
  7. Jürgen Koller: Die Ostsee, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff - Eine Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum. Musenblätter, 2015, https://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=16186
  8. Andrzej Czarnik: Pomorskie plenery Maxa Pechsteina, 2003, Seite 159
  9. Lawrenz, Manfred: Erinnerungen an das Ostseebad Leba in Pommern. 2003, https://lawrenz.homepage.t-online.de/index.htm
  10. Hauke, Wilfried: Max Pechstein - Geschichte eines Malers, MDR Dokumentation 2020, https://youtu.be/o3f8SbGU_4c.

Dienstag, 31. Mai 2022

Elisabeth Vigée-Le Brun - Die bedeutende französische Portraitistin

Von der Schönheit, Weisheit und Vaterlandsliebe zweier Hohenzollern-Frauen um 1800

Nachdem wir schon in zwei Beiträgen Werke der französischen Portraitistin Elisabeth Vigée-Le Brun (1755-1842) (Wiki) brachten (GAj!2022, GAj!2022), möchten wir in diesem Beitrag nach und nach noch weitere Angaben zu ihrem Leben und Schaffen ergänzen, sowie insbesondere auch zu einigen Menschen, die ihr Portrait gesessen haben.

Abb. 1: Ölportrait der "energischen" Prinzessin Luise von Preußen (1770-1836), einer Schwester des Prinzen Louis Ferdinand, gemalt von Elisabeth Vigée-Le Brun, 1802 (Wiki)

Man lernt nämlich über ihre Werke viel über bedeutende Menschen zu ihren Lebzeiten, nämlich sowohl in Frankreich wie in Italien wie in Rußland und auch in Preußen. 

So werden wir aufmerksam auf ein Portrait der Prinzessin Luise von Preußen (1770-1836) (Wiki) (Abb. 1), die man nicht mit der Königin Luise von Preußen verwechseln darf. Sie war eine Schwester des Prinzen Louis Ferdinand und eine enge Vertraute der Königin Luise ebenso wie ihrer Kinder, deren Mutter ja so früh gestorben ist. Die Prinzessin Luise wird als eine "energische" Frau beschrieben. Sie führte als solche seit 1796 eine sehr glückliche - wenn auch "nicht ebenbürtige" - Ehe mit dem katholischen, polnischen Magnaten und Komponisten Anton Fürst Radziwill (1775-1833) (Wiki). Sieben Kinder sind aus dieser Ehe hervorgegangen.

Zwischen Juli 1801 und Januar 1802 weilte die Vigée-Le Brun in Berlin und fertigte ein Pastell-Portrait dieser Prinzessin an. Anhand dieser Pastell-Studie erstellte sie dann 1802 in Paris ein sehr einnehmendes Portrait derselben (Abb. 1).

Portraits der Prinzessin Luise von Preußen (1770-1836), einer Schwester des Prinzen Louis Ferdinand

Und wir lesen nun über das Leben dieser preußischen Prinzessin noch weiterhin (Wiki):

Als nach dem Untergang Polens Warschau vorübergehend preußisch war, besuchte die preußische Königsfamilie 1795 Radziwiłłs Eltern auf deren Schloß Nieborów bei Lotsch. Dabei verliebten sich Antoni Henryk und die fünf Jahre ältere Prinzessin Luise von Preußen, eine Nichte Friedrichs II. und Schwester des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. Nach zähen Verhandlungen durften die beiden am 17. März 1796 heiraten. Ihre Ehe dauerte 37 Jahre und galt als glücklich. 

Angesichts der vielen unglücklichen Ehen im europäischen Hochadel früherer Jahrhunderte darf man doch diesen Umstand auch einmal auf sich wirken lassen. Aus dieser Ehe sind - wie gesagt - sieben Kinder hervor gegangen, und zwar vier Söhne und drei Töchter (Wiki): 

Während die Söhne katholisch erzogen wurden, wuchsen Luises Töchter wie ihre Mutter im protestantischen Glauben auf.

Eine sehr interessante Lösung für gemischtreligiöse Ehen. Und weiter (Wiki):

Sie bedauerte besonders, daß die Verbindung ihrer Tochter Elisa mit dem späteren Kaiser Wilhelm I. als "nicht standesgemäß" abgelehnt wurde. 

Diese Ehe kam deshalb nicht zustande. Wie ihr Bruder Prinz Louis Ferdinand war auch sie selbst sehr eng mit Königin Luise befreundet (Wiki):

Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt war Luise 1806 mit dem preußischen Hof nach Königsberg geflohen und gehörte hier, gemeinsam mit Königin Luise und Prinzessin Marianne, zu dem patriotischen, antifranzösischen Kreis, der an einer Wiederaufrichtung des preußischen Staates arbeitete. Luise pflegte Freundschaften mit Barthold Georg Niebuhr, Dorothea von Kurland, Wilhelm von Humboldt, August Neidhardt von Gneisenau, Carl von Clausewitz und Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein. Die Entlassung des letzteren beklagte sie bitter und war wesentlich an dessen Wiedereinsetzung beteiligt. Gemeinsam mit ihrem Mann empfing sie in ihrem Haus, dem Radziwiłł-Palais in der Wilhelmstraße, zahlreiche Künstler und Gelehrte, mit denen sie ohne jegliche höfische Etikettevorschriften verkehrte und von 1796 bis 1815 einen Salon unterhielt. (...) Seit 1816 lebte sie in Posen, wo ihr Mann als preußischer Statthalter des Großherzogtums fungierte. Sie gründete hier Armenspeisungen und das Institut der Elisabethanerinnen.

Der Freiherr vom und zum Stein war ja damals der wichtigste Reformpolitiker Preußens. Es war also sehr wesentlich, wenn sich jemand an einflußreicher Stelle für seine erneute Ernennung zum Minister einsetzte. 

Nun aber zurück zu  Elisabeth Vigée-Le Brun.

Ihr erstes Selbstportrait malte sie schon mit 16 Jahren.

Zwischen 1778 und 1788 malte sie neun Portraits der französischen Königin Marie Antoinette (1755-1793) (Wiki) (zu den Portraits siehe: Wiki). Sie malte in dieser Zeit außerdem zahllose Portraits ihrer Hofdamen.

"Die Vielfalt ihrer Portraits ist einzigartig für eine Frau in dieser Epoche," lesen wir über ihr Gesamtwerk (Wiki). Als 1789 die Revolution in Frankreich ausbrach, mußte Vigée-Le Brun Hals über Kopf aus Frankreich fliehen, da sie als enge Vertraute der Königin und Royalistin äußerst gefährdet war. Erst 1802, zwölf Jahre später, konnte sie nach Frankreich zurück kehren, ohne daß ihr davon Schaden entstand. In der Zwischenzeit mußte sich ihr Ehemann von ihr scheiden lassen, um das gemeinsame Vermögen zu bewahren. 

Vigée-Le Brun ging zunächst nach Italien, wo sie große künstlerische Erfolge feierte. Danach lebte sie sechs Jahre in Rußland, wo ebenfalls zahllose Portraits bedeutender Persönlichkeiten entstanden. 1801 hatten sich die politischen Verhältnisse in Frankreich soweit entspannt, daß Vigée-Le Brun wieder ins Auge fassen konnte, nach Frankreich zurück zu kehren.

Ende Juli 1801 kam sie deshalb mit der Postkutsche von Petersburg über Riga und Königsberg nach Berlin. Im Januar 1802 reiste sie dann nach Paris weiter. Während ihres Aufenthaltes in Berlin entstand die Pastell-Vorlage des Portraits der Prinzessin Luise Radziwill.

Portraits der Königin Luise von Preußen

Ähnlich wie die beiden Portraits der Prinzessin Luise Radziwill entstanden auch die Portraits der Königin Luise (1, S. 198):

Die preußische Königin gewährte ihr im November des Jahres vier Porträtsitzungen, bei der zwei Pastellstudien entstanden, eine davon "en face", die andere im Dreiviertelprofil. Auf der Grundlage der zweiten Studie entstand das Kniestück in Öl, das 1802 fertiggestellt und nach Berlin geschickt wurde.

Eine Übersicht zu diesen drei Kunstwerken findet sich (2) (s.a. 3, S. 33). Auf Wikipedia findet sich derzeit nur eines der Pastelle (Wiki), auf dem die Königin nicht nur kindlich, sondern zugleich sehr "ländlich" wirkt, außerdem das Ölgemälde (Wiki). Wir stellen hier zusätzlich das zweite der Pastelle ein, das Vigée-Le Brun 1837 auch ihren Lebenserinnerungen beigab (Abb. 2) (s. 1, S. 213, Anm. 7).

Abb. 2: Königin Luise, Pastellstudie "en face" von Elisabeth Vigée-Le Brun, November 1801 - Enthalten auch in der Erstauflage der Erinnerungen der Vigée-Le Brun von 1837 (s. 1, S. 213, Anm. 7)

Von Königin Luise gibt es viele Porträts. Die vergleichsweise bekannte, "ländlich" anmutende Pastell-Vorlage (Wiki) und das vergleichsweise bekannte Ölgemälde (Wiki) der Vigée-Le Brun gelten als die bedeutendsten. Vigée-Le Brun schreibt in ihren Erinnerungen sehr überschwenglich über die Königin (zit. n. 4):

Schließlich fühlte ich mich um ein wesentliches besser, als die Königin von Preußen, die zu jener Zeit nicht in Berlin war, mich nach Potsdam bat, wo sie ein Portrait von mir wünschte. Ich ging hin. Aber ich bin unfähig, den Eindruck wiederzugeben, den diese Prinzessin beim ersten Anblick auf mich machte. Die Schönheit ihres himmlischen Gesichts, das Wohlwollen und Güte ausdrückte, und dessen Konturen so regelmäßig und delikat waren, die Lieblichkeit ihrer Figur, ihres Nackens, ihrer Arme, die exquisite Frische ihrer Haut - all das ging weit über alles, was man sich vorstellen kann. Sie war in tiefer Trauer und trug ein samtschwarzes Diadem, das, weit davon entfernt, unvorteilhaft zu wirken, die blendende Weise ihrer Haut hervor hob. Man muß die Königin von Preußen gesehen haben, um zu verstehen wie verwunschen ich war, als ich sie zum ersten mal erblickte.
I was feeling much better when the Queen of Prussia, who was then absent from Berlin, was kind enough to request my presence at Potsdam, where she desired me to do her portrait. I went. But my pen is incapable of rendering the impression which the first sight of that Princess made upon me. The beauty of her heavenly face, that expressed benevolence and goodness, and whose features were so regular and delicate, the loveliness of her figure, neck, and arms, the exquisite freshness of her complexion – all was enchanting beyond anything imaginable. She was in deep mourning, and wore a coronet of black jet, which, far from being to her disadvantage, brought out the dazzling whiteness of her skin. One must have seen the Queen of Prussia in order to understand how bewitched I was when I first beheld her.

Die Besitzgeschichte des Ölportraits der Königin Luise zeigt auf, welche Bedeutung man diesem Portrait gegeben hat und gibt (1, S. 213): Es hing 1842 bis 1850 im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses, 1883 befand es sich im Schloß Freienwalde, 1888/89 im Schreibzimmer der Kaiserin Auguste Victoria im Stadtschloß zu Berlin. 1919 bis 1941 befand es sich im Haus Doorn in den Niederlanden im Besitz des abgedankten letzten deutschen Kaisers. Kronprinz Wilhelm ließ das Gemälde nach dem Tod seines Vaters zurück nach Deutschland holen, wo es sich im Besitz seiner Frau befand, der Kronprinzessin Cecilie. Diese lebte in Bad Kissingen und Stuttgart. Sie starb 1954 und danach befand es sich im "Wümmehof" in Bremen, dem Wohnort ihres zweitältesten Sohnes, des Prinzen Louis Ferdinand. Nach dessen Tod kam es 1994 auf die Burg Hohenzollern, wo es im Zimmer der Königin präsentiert wird (3), solange es nicht für Ausstellungen ausgeliehen ist. 

"Keine zufriedenstellenden Portraits der Königin" vorhanden

Wir möchten als beeinträchtigenden Umstand zu diesem Portrait benennen, daß auf diesem die womöglich gewiß in Andeutungen vorhandenen kindlichen Gesichtszüge der Königin Luise zu deutlich heraus gestellt sind. Das ist eine Eigenart auf vielen Portraits der Vigée-Le Brun, die sich aber selten so störend bemerkbar macht wie auf diesen. 

So ausgeprägt kindliche Züge finden sich auf keinem der anderen zu Lebzeiten der Königin entstandenen Portraits, auch nicht auf solchen, die viele Jahre vor 1801 entstanden sind. Deshalb möchte man ein Portrait wie das der Schwester des Prinzen Louis Ferdinand insgesamt als ein gelungeneres bezeichnen, verglichen mit diesem Portrait der Königin. Auch die Königin Luise selbst hat sehr klar an ihren Portraitisten Schadow über das Gemälde geschrieben (zit. n. 1, S. 198):

"Die Le Brun hat mir eine Schönheit geben wollen, die ich nicht habe, indem sie die Oberlippe kurz und ihre Distanz zwischen Nase und dem Spalt des Mundes zu lang gemalt hat."

So berichtete es Schwadow in einem Brief aus dem Jahr 1842. Auch dieser Umstand trägt sicherlich zu der betont kindlichen Erscheinung auf diesem Portrait bei.

Daß dieses Portrait von dem bedeutendensten Portraitkünstler stammt, von dem es überhaupt ein Portrait der Königin gibt, soll damit nicht in Abrede gestellt werden. Es soll nur in Abrede gestellt werden, daß man durch dieses Portrait ein authentisches, historisches Bild der Königin gewinnen könnte. Es dürfte sicherlich sehr "stilisiert" sein.

Ein authentisches, historisches Bild der Königin zu gewinnen, dürfte aber auch im Angesicht der Vielfalt der zeitgenössischen Portraits derselben schwierig sein, da diese sich allesamt zu sehr untereinander unterscheiden und jeweils mehr vom Charakter des einzelnen Künstlers bestimmt sind als etwas "Gemeinsames" aufweisen würden. Etwas ähnliches kann man etwa auch sagen für die vielen Portraits Friedrichs des Großen. Authentizität im Portraitieren war ja überhaupt schwierig im Zeitalter vor der Erfindung der Photographie. 

Erwähnt sei noch, daß Elisabeth Vigée-Le Brun am 11. Dezember 1801 ehrenvoll in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen worden ist (1, S. 213, Anm. 5). 

Erwähnt sei weiterhin noch, daß die Königin Luise in einem britischen Diplomaten einen Verehrer besaß, der sie persönlich um ein Portrait bat, und der alle Portraits von ihr sammelte, denen er habhaft werden konnte. In dem Besitz seiner Nachfahren befindet sich noch heute das Pastell aus Abbildung 2. Kein Abbild Luises stellte ihn zufrieden (1, S. 213, Anm. 8):

Ich habe alle tolerierbaren Portraits gesammelt, die ich finden konnte - aber es gibt keine zufriedenstellenden.
I have collected all the tolerable resemblances I can find but there are none satisfactory.

Damit dürfte wohl Ausreichendes zur Schönheit der Preußen-Königin gesagt sein und zur Schwierigkeit, sie in einem Kunstwerk festzuhalten. Fast alle Zeitgenossen, die sie erleben durften, waren von ihr eingenommen. Man erhoffte sich von derselben so viel, daß man die Königin Luise um ein persönliches Gespräch mit Napoleon bitten ließ, damit sie günstigere Friedenbedingungen für Preußen aushandeln könne. Aber dieser kalte Machtmensch ließ sich auch dadurch nicht erweichen.

Halten wir uns insgesamt besser an die Schwester des Prinzen Louis Ferdinand und ihres Portraits (Abb. 1) und lassen wir uns inspirieren von der Ahnung, daß die - auch von ihr verehrte - Königin Luise noch um vieles schöner gewesen sein muß als sie selbst!

__________

  1. Luise. Die Kleider der Königin. Mode um 1800. Ausstellungsband, hrsg. von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, bearbeitet von Bärbel Hedinger, Adelheid Schendel und Stefan Schimmel. Hirmer Verlag München 2010
  2. Portraits of Louise Augusta, Queen of Prussia, https://www.batguano.com/xqueenofprussia.html
  3. "Bei ihrem Anblick wie verzaubert" - Zur Restaurierung des "Zimmers der Königin" und der Neuhängung des Bildnisses der Königin Luise von Elisabeth Vigée Lebrune. In: Museums Journal, Band 16, 2002, Ausgabe 2. Museumspädagogischer Dienst Berlin, in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Mussen Preussischer Kulturbesitz, 2002 (GB), S. 32f
  4. Memoirs of Elisabeth Vigée-Lebrune (Archive), http://digital.library.upenn.edu/women/lebrun/memoirs/memoirs.html
  5. Der Schönheit Malerin ... Erinnerungen der Elisabeth Vigée-Le Brun. Hrsg. von Lida v. Mengden. 1985

Beliebte Posts

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share