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Dienstag, 14. März 2023

"Eine Kampftat gegen Priestertyrannei"

Rudolf Cronau (1855-1939) - Ein deutschamerikanischer Indianer-Forscher, Schriftsteller und Maler
- Er warnt vor Welttheokratien

Im Jahr 1929 erschien ein 400 Seiten starkes Buch mit dem Titel "Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder: Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt. Ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker". Das Buch erschien unter Pseudonym. Bei seinem Verfasser handelte es sich um den damals schon 74 Jahre alten Indianer-Forscher, Schriftsteller und Maler Rudolf Cronau (1855-1939) (Wiki) (1-32).*)

Abb. 1: Rudolf Cronau

Von dem Grundtenor seines Buches aus dem Jahr 1929 war schon bestimmt der zweite Teil eines fünfteiligen Buches, das er 1887 bis 1889 mit 32 Jahren heraus brachte, und das den Titel trug "Das Buch der Reklame - Geschichte, Wesen und Praxis der Reklame". Die Kapitelüberschriften des zweiten Teiles lauteten (5):

  • Von Zauberern, Schamanen, Medizinmännern und Regenmachern
  • Priester und Wundertäter
  • Heilige und Reliquien
  • Himmel, Hölle und Teufel
  • Sekten, Orden und Kanzelredner

In ihnen sind zum Beispiel Berichte über das Tischerücken weltweit seit der Antike behandelt, und zwar sowohl aus Kulturen in Asien wie in Europa. Und auf dieser Linie werden viele Beispiele von Reklame-Mätzchen von Priestern und Wundertätern in allen Völkern weltweit und durch die Jahrhunderte hindurch behandelt. Friedrich Nietzsche hatte erst ein Jahr zuvor an seinen Freund Overbeck geschrieben (Wiki):

Gestatte mir, ein Buch gerade Dir zu empfehlen, von dem man in Deutschland nichts wissen will, aber das viel von meiner Art, über Religion zu denken, und eine Menge suggestive Fakta enthält: Julius Lippert, Christenthum, Volksglaube, Volksbrauch (Hofmann in Berlin, 1882.).

Rudolf Cronau war immerhin - neben Nietzsche - ein zweiter, der von diesem Buch etwas wissen wollte und von anderen Büchern dieses Autors, nämlich des sudetendeutschen Religionshistorikers Julius Lippert (1839-1909) (Wiki). Dessen Werke waren gerade in der ersten Hälfte der 1880er Jahre erschienen und hatten sicherlich nicht nur Nietzsche, sondern auch Cronau viele Anregungen gegeben. Auf Wikipedia heißt es über sie, sie stünden noch heute "exemplarisch für eine kritische Religionswissenschaft". Die Titel lauten (Wiki):

  • Die Religionen der europäischen Culturvölker, der Litauer, Slaven, Germanen, Griechen und Römer, in ihrem geschichtlichen Ursprunge (1881)
  • Der Seelencult in seinen Beziehungen zur althebräischen Religion (1881)
  • Christenthum, Volksglaube und Volksbrauch. Geschichtliche Entwicklung ihres Vorstellungsinhaltes (1882)
  • Allgemeine Geschichte des Priesterthums (2 Bde., 1883-1884)

Cronau konnte die Berichte in diesen Büchern ergänzen durch seine eigenen völkerkundlichen Erfahrungen in Nordamerika und sie weiterhin durch vielfältige Literaturstudien bereichern.

Abb. 2: Sitting Bull, Häuptling der Sioux-Indianer, 1883

So bezieht sich Cronau in seinen Literaturangaben auch oft auf das Werk "Völkerkunde", das der damals bedeutende Geograph Friedrich Ratzel (1844-1904) (Wiki) in drei Bänden ab 1885 heraus gebracht hat. Interessant ist auch, was Cronau, der ja, wie wir noch hören werden, als Reiseschriftsteller die USA bereist hatte, in dem Kapitel "Sekten, Orden und Kanzelredner" schreibt. Er schreibt dort etwa (1887, S. 74):

Kaum irgendwo gibt es aber des Staunenswerten auf religiösem Gebiete soviel als in den Staaten der nordamerikanischen Union. Der religiöse Humbug, die religiöse Reklame stehen hier in üppigster Blüte. Man hört oft von den Kanzeln herab einen Unsinn predigen, wie er kaum einem Tollhäusler einfällt, und es ist zum Erstaunen, wie sich eben diese sogenannten Gotteshäuser, wo der größte Unsinn gepredigt wird, am meisten füllen.

Daran scheint sich über mehr als 130 Jahre hinweg bis heute kaum etwas geändert zu haben. Woran erkennbar ist, wie unglaublich hartnäckig sich religiöse Verdummung hält, wenn sie einmal in irgendeinem Land eingekehrt ist. Unter mehreren kennzeichnenden Beispielen, die Cronau für die damalige USA anführt, berichtet er interessanterweise auch von einer "Trauerloge", die Freimaurer 1878 in der Musikakademie von New York öffentlich abgehalten haben, und zwar ...

... zum Andenken an 52 im Vorjahr verstorbene Mitglieder verschiedener Logen unter großem Zudrang des Publikums.

Diese "Trauerloge" fand auf einer Theaterbühne statt und wurde wie ein Theaterstück, wie eine Oper aufgeführt, so Cronau (1887, S. 78):

Die Tageszeitungen brachten sämtlich ausführliche Berichte über die glänzenden Kostüme, die Musik und die prächtigen "Bühneneffekte" des - es ist kein Scherz - vieraktigen Stücks.
Als der Vorhang zum erstenmal in die Höhe rollte, zeigte sich dem Publikum eine Logensitzung in aller Form. (...) Im zweiten Akt stellt die Bühne das Innere eines altägyptischen Tempels dar mit Säulen und gewölbter Kuppel. In der Mitte steht ein schwarzbehangener Katafalk, auf welchem ein silberbeschlagener Sarg ruht. Vor demselben befindet sich ein Altar, auf welchem Bibel, Winkelmaß und Zirkel liegen. Auf beiden Seiten stehen Freimaurer als Fackelträger. (...) Kreuzfahrer im Kostüm der Malteserritter darstellend umstehen den Katafalk als Wache. (....)
Im letzten Akt erscheint wieder die Logenszene wie im ersten Akt.

Man darf es schon für interessant erachten, welche Art von Öffentlichkeitsarbeit und "Reklame" die Freimaurer im Jahr 1878 in New York den dortigen Menschen zumuten konnten, ohne daß diese einmal einen kritischen Blick auf das "sonstige" Treiben der Freimaurer geworfen hätten, weder vor noch nach dem Ersten Weltkrieg. (Was übrigens auch Cronau selbst ansonsten nicht getan zu haben scheint in seinen Büchern.)

Abb. 3: One Bull, Häupling der Sioux-Indianer, 1882

Cronau beschließt den zweiten Teil dieses Buches mit den etwas grundsätzlicheren Worten (1887, S. 80):

Wir sind die letzten, die es bestreiten, daß das Buch der Bücher neben manchem unsinnigen Wuste nicht auch wahrhaft goldene Worte enthielte. (...) Wir sind die letzten, die es bestreiten, daß es nicht auch Priester gebe, die, frei von kirchlichem Aberglauben (...) wahre Wohltäter der Menschheit sind. Daneben aber ist nicht zu verkennen, daß sich im kirchlichen Wesen der Schutt des mittelalterlichen Aberglaubens noch bergehoch aufgetürmt findet und durch seinen Dunst manchen nach Wahrheit Dürstenden zwingt, sich von dem Quell wegzuwenden und den erquickenden Lebenstrank anderswo zu suchen. (...) Sollte er wirklich nur ein Alleingut der Kirche sein?
Wir antworten auf diese Fragen: er ist zu finden! und es wird die Zeit kommen, wo die Tempel entbehrlich sein werden, wo andere Versammlungsorte erstehen, in denen keine Schamanen, keine Zauberer, keine Mystiker, keine Heiligen, Wundertäter und Dunkelmänner, sondern rechtliche Denker predigen und ihr Wissen frei und offen allem Volke darlegen werden. Diese Männer, nicht gekennzeichnet durch Stola oder Talar, nicht getrieben von Herrschsucht und Geldgier, werden (...) den Geist der Wahrheit und der Erkenntnis verkünden, sie werden die bedrückte Menschheit von Höllenfurcht und Teufelsangst befreien. (...)
Blickt um euch her, die allüberall erstehenden Volks- und Bildungsvereine, das sind die ersten Keime, die ersten Ansätze zu jener großen Gemeinde.

Die christliche Öffentlichkeit insgesamt hat freundlilcherweise versucht, diese Kirchen- und Christentums-kritischen Ausführungen zu ignorieren, hören wir doch (Hackländer):

Er stelle sogar rituelle Bräuche als Reklametricks dar. Die Presse erkannte schnell die Nützlichkeit des Buches über die Bedeutung von Reklame. Die gewagten religiösen Passagen überging sie elegant.

Damals waren sie in der Tat noch einigermaßen gewagt. Aber wer eigentlich war dieser Rudolf Cronau?

Abb. 4: Rudolf Kronau - Kriegstanz der Sioux, 1881

Mit 15 Jahren war er der Schule entflohen und hatte als Rotkreuz-Helfer am Deutsch-Französischen Krieg teilgenommen. Im Anschluß daran hatte er an der Kunstakademie Düsseldorf eine Maler-Ausbildung durchlaufen. 

Vor dem Ersten Weltkrieg hat Cronau dann viele Jahrzehnte lang für die weit verbreitete Zeitschrift "Gartenlaube" in Leipzig gearbeitet, in der er Zeichnungen, Gemälde aber vor allem aber Reiseberichte veröffentlichte (s. WikiS).

1881 bis 1883 - Indianer

Cronau hatte sich in Düsseldorf in die Amerikanerin Agnes Fast verliebt. Außerdem hatte er entfernte Verwandte in den USA. Beides - gemischt mit seiner Reiselust - waren Anlaß, im Januar 1881 für die "Gartenlaube" zunächst als Reiseschriftsteller und "Indianer-Maler" nach den USA zu reisen. Er heiratete dort - schon zwei Wochen nach seiner Ankunft - Agnes Fast (Hackländer):

Er fuhr als Begleiter des berühmten Kapitän Boyton den Mississippi hinab. Er lebte drei Monate unter Sioux-Indianern und lernte Sitting Bull kennen, den er auch malte. Er machte eine Studienreise durch die Rocky Mountains bis zur Pazifikküste. Seine letzte Reise durch Arkansas mußte er wegen einer Nierenerkrankung abbrechen. Um sich auszukurieren, kehrte er nach Deutschland zurück. Damit scheint auch seine Ehe mit Agnes beendet gewesen zu sein.

1883 kehrte er nach Deutschland zurück. 

Cronau ist den Indianern, auf die er auf seiner Reise traf, mit großem Respekt begegnet. Diese betrachteten ihn als ihren Freund. In den USA trafen sie damals - bekanntlich - nicht immer nur auf Freunde und auf Menschen, die ihnen mit Respekt begegneten.

Abb. 5: Rudolf Cronau - Maskentanz der Nuxalk-Leute in British Columbia, 1881

Unter den Indianern, die Cronau damals traf, und die er portraitierte, von denen er sich ihre Lebensgeschichte erzählen ließ, ihre Kriegszüge, deren Tänze er sehen durfte (Abb. 4) und von denen er völkerkundliche Gegenstände erwerben konnte, denen er in einer Ausstellung seine eigenen, bei ihnen entstandenen Werke präsentierte, blieb Cronau in guter Erinnerung (s. AmeriTribes). 

Zum Beispiel die Fotografie von sich selbst (Abb. 6), die er dem Häuptling Sitting Bull (1831-1890) (Wiki) bei einer solchen Gelegenheit schenkte - gewidmet "To his friend Tatanka - iyotanka (Sitting Bull)" - soll Sitting Bull noch bei sich getragen haben, als er 1890 von Polizisten erschossen wurde (AmeriTribes). 

Keines der von Cronau gezeichneten Indianer-Porträts kommt allerdings je an die noch viel eindrucksvollere Wirklichkeit heran, der wir uns über die Fotografien von all den von ihm portraitierten Indianer annähern könn (s. Abb. 2, 3).

Abb. 6: Rudolf Cronau

Wer solchen Menschen persönlich begegnen durfte - wie Sitting Bull oder One Bull - wer sogar sich Freund solcher Menschen nennen durfte, der mußte als anderer Mensch zurück in die Zivilisation und nach Hause zurück kehren als er von dieser fortgereist war. Bei dem mußte allerlei von dem Wust christlich-bigotter Lebenseinstellungen und Lebenshaltungen abbröckeln, von denen alle Menschen des "Abendlandes" überschüttet waren und noch heute sind.

Bei aller Hochachtung für die Indianer sind die Worte von Rudolf Cronau über sie aber dennoch auch noch - für unser Gefühl von heute - nicht ganz von jenem Respekt getragen, der ihnen tatsächlich angemessen gewesen wäre. 

Auch bei ihm hatten sich also noch Restbestände von Überheblichkeit des Christen und Weißen gegenüber diesen vorgeblichen "Wilden" gehalten. Cronau schrieb in seinem Buch "Im wilden Westen" von 1890 unter anderem (1890, S. 60):

Hier hatte ich nun sattsam Gelegenheit, die wahrhaft athletischen, prächtig gebauten Körper der Sioux zu bewundern. Eine große Zahl der Männer maßen 6 Fuß und mehr, ja einer derselben, "der lange Krieger", mochte gut über 7 Fuß Höhe haben. (...) Die Mehrzahl waren herrlich gewachsene Jünglinge mit dem denkbar schönsten Gliederbau, von denen gar Mancher einem Bildhauer hätte zum Modelle dienen können.

Zum Abschied redete ihn Sitting Bull folgendermaßen an (er nannte ihn "Eisenauge", weil Cronau eine Brille trug) (Gartenlaube1882):

"Eisenauge, die Zeit war kurz, welche Du unter meinem Volke lebtest. Aber sie war doch lang genug, um uns erkennen zu lassen, daß Du als Freund kamest und gute Wünsche für uns hegtest. Du willst gehen, und wir sind traurig, daß wir Dich niemals wieder sehen werden. Die Dacotahs schütteln Dir die Hand. Sie werden noch lange am Feuer von Dir erzählen." 

Mit so wenigen Worten ist hier so viel Berührendes gesagt. Cronau selbst schreibt "Mir war das Herz schwerer, als hätte ich Brüder verlassen." One Bull kam sogar noch, so berichtet er, am nächsten Morgen zur Abfahrt des Dampfers an das Ufer des Missouri (Gartenl.1882):

Als am anderen Morgen die ansteigende Sonne die Wölkchen rötlich färbte, in ihrem Strahl die stillen, einsamen Berge klar und deutlich lagen, als wollten sie all ihre Geheimnisse offenbaren, da rauschte es, indem die Signale des Dampfers zur Abfahrt tönten, noch einmal in den Büschen am Ufer - und heraus trat ein Indianer in vollem Schmucke, das Gesicht rötlich strahlend, gleich der Morgensonne, über dem dunklen Haar die langen Adlerfedern. O, die Gestalt war mir wohl bekannt - es war Tatanka washila (One Bull), mein Freund, der gekommen, mir noch einen Abschiedsgruß zu bieten. Durch Geberden deutete der am Ufer Stehende an, daß er mir noch einmal die Hand schüttle; lange blickte er mir, dem Scheidenden, noch nach, so lange, bis eine Strombiegung den Dampfer wie den weißen Fremdling seinen Augen entrückte. 

Noch heute werden unter den Nachfahren der Indianer seine Lebenserinnerungen wie gesagt wiedergegeben (s. AmeriTribes).

Abb. 7: Salt Lake City - Gemälde von Rudolf Cronau

Sie berichten (in Rückübersetzung) (AmeriTribes) von ...:

... einem Tanz, der scheinbar mehr oder weniger spontan begann, und der ihn durch die starken und lebendigen Eindrücke von der Bewegung der vollkommenen Körper überwältigte. ... Er beschrieb, wie sie ihre Waffen schwenkten und wie sie ihr Haart trugen (...) Er erachtete One Bull, mit dem er sich in Fort Randall befreundete, "als das personifizierte Ideal eines Cooper-esken Indianers, eines Unkas, aber noch männlicher, reifer - vollständig und edel in seinen Bewegungen". ... "eine viel eindrucksvollere Persönlichkeit als Cooper's Chingagook". (...) Diese Männer standen vor dem Kommandeur des Forts "mit dem Stolz von römischen Senatoren".
A dance that seemed to begin almost spontaneously, and which overwhelmed him with stark and vivid impressions of perfect bodies in motion. Enamored with the dancers, he sketched out some of the patterns he saw painted on their faces in his notebook, and he described how they carried their weapons and wore their hair, and as the numbers of participants grew and they mixed into the light from the fires, he became enraptured, proclaiming them "indefatigable," and writing: "here, as I saw the dancers naked, I had the opportunity to marvel at the veritable athletic and superbly-built bodies of the Indians." "A large number," he added, "are six feet high." Such men easily fulfilled Cronau's hopes and expectations of American Indians. He regarded One Bull, whom he befriended at Fort Randall, as "the personified ideal of a Cooper'esque Indian, an Unkas, but more manly, mature, complete, and noble in his movements" (fig. 4). Although Sitting Bull was not as beautiful as the twenty-seven-year-old One Bull, Cronau described him as a "vision of pronounced manliness," and a "far more important personality than Cooper's Chingagook," the father of Unkas, and the model of "authentic Indians" for Cronau's generation of Germans. (...) These men, he underscored, stood before the fort's commander "with the pride of Roman Senators."
Und ein solcher Stolz ist christlichen Europäern, bzw. ihrer noch weiteren Entartungsform, nämlich gottlosen Europäern bis heute abhanden geblieben.

1883 ist Cronau nach Deutschland zurück gekehrt. In Deutschland hat er sich für eine respektvolle Sichtweise auf die Kulturen der Indianer Nordamerikas eingesetzt.

Abb. 8: Rudolf Cronau - The Bad Lands of Utah

Sicherlich wird Cronau bei dem Kennenlernen der religiösen Zeremonien der Indianer auch wichtige Anregungen bekommen haben für viele Ausführungen in seinen späteren Büchern von er "Priesterreklame" und von der "Entwicklung des Priestertums" (Hackländer):

Seine Erinnerungen, Zeichnungen und völkerkundlichen Gegenstände, die er während seiner Reise gesammelt hatte, dienten ihm als Grundlagen für Vorträge und Ausstellungen in ganz Deutschland. Besonderen Zulauf hatten seine Vorträge über die Indianer. (...) Er veröffentliche die in Amerika entstandenen Bilder in einem Buch mit dem Titel "Von Wunderland zu Wunderland," das ebenfalls 1885 erschien. Die Ausstellung seiner Bilder und Sammlungen auf dem 5. Geographentag 1885 in Hamburg erregte großes Aufsehen. Seine Darstellungen der westamerikanischen Landschaft wurden seitdem auch in geographische Werke seiner Zeit übernommen. 1886 organisierte er Völkerschauen und holte dafür einige Sioux nach Europa.

Von dieser Zeit an hat sich Cronau sein ganzes Leben lang immer wieder erneut mit Themen beschäftigt, mit denen er seiner Zeit weit voraus war. Mit dem Thema Reklame, mit dem Thema Verschwendung von Natur-Ressourcen, mit dem Thema Frauenbewegung und schließlich mit dem Thema Religionskritik. 1887 ist das schon erwähnte Reklame-Buch erschienen (Hackländer):

1888 heiratete Cronau die 1865 geborene Sopranistin Margarete Tänzler aus Crimmitschau/Sachsen. Mit ihr wird er drei Kinder haben: Margarete, geboren 1892, Elisabeth, geboren 1896 und Rudolf, geboren 1900

1892 wurde die 400-jährige Wiederkehr der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus gefeiert.

Abb. 9: Rudolf Cronau - The Green River in Utah

Cronau recherchierte dazu vor Ort und konnte die Insel, auf der Kolumbus als erste amerikanischen Boden betreten hat, identifizieren. Ebenso konnte er das Grab von Kolumbus identifizieren.

1892/93 - Kolumbus

Er erwähnte in seinem Buch aber auch die Wikinger als Entdecker Amerikas (Hackländer):

Cronaus zweibändiges Werk zur Entdeckungsgeschichte Amerikas erschien 1893 anläßlich der Weltausstellung in Chicago. Es ist die umfassendste Darstellung altamerikanischen Kulturgutes in deutscher Sprache, illustriert mit einer Fülle von Cronaus Zeichnungen. An der Weltausstellung selbst nahm Cronau als Korrespondent für die "Gartenlaube" teil und knüpfte Beziehungen zur "Kölnischen Zeitung." Sie wiederum sandte ihn 1894 als Berichterstatter nach Amerika. Er wohnte bis 1896 in Washington und von da an in New York.

Seit 1894 lebte Rudolf Cronau mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten. 1901 wurde er amerikanischer Staatsbürger. In den Vereinigten Staaten sind auch seine Kinder aufgewachsen.

1908 - Verschwendung der Natur-Ressourcen

Wir lesen (Hackländer):

Sein neues Betätigungsfeld war die Erforschung der Geschichte des Deutschtums in Amerika. Bereits auf seiner ersten Reise 1881/83 hatte er Kontakte zu führenden deutschstämmigen Persönlichkeiten und dem dortigen deutschen Vereinsleben. Er erkannte die geschichtliche Bedeutung des deutschen Volkselementes im Schmelztiegel USA. Er berichtete darüber 1896 in einer Artikelserie in der "Kölnischen Zeitung." In diesen Aufsätzen sind bereits die Grundzüge seines wohl bedeutungsvollsten Werkes "Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika" zu erkennen, das 1909 erschien. 1924 erschien eine erweiterte zweite Auflage mit einer Darstellung der Entwicklung während des 1. Weltkrieges.
In den Artikeln von 1896 für die "Kölnische Zeitung" zeigte er, daß die Deutschen in den USA einen großen Anteil an der Entstehung des amerikanischen Volkes hatten. "Das Amerikanertum der Zukunft wird einen neuen Menschenschlag darstellen, in dem die Eigenschaften verschiedener Völker, ganz vornehmlich aber diejenigen der heutigen Anglo-Amerikaner und der Deutschen sich mischen." In ähnlicher Weise sprach er zu seinen Landsleuten in New York. Dort faßte er fast 500.000 Deutsche, die in vielen unterschiedlichen Vereinigungen organisiert waren, in der "Vereinigten Deutschen Gesellschaft New York" zusammen. (...) 1901 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Im gleichen Jahr begründete er den "Deutschamerikanischen Nationalbund" mit.

1908 erschien sein Buch "Unsere verschwenderische Nation - Die Geschichte der amerikanischen Verschwendung und der Mißbrauch unserer nationalen Ressourcen" ("Our Wasteful Nation - The Story of American Prodigality and the Abuse of Our National Resources"). Wie umfassend er sein Thema verstand und wie weit er mit diesem Buch schon seiner Zeit voraus war, ergibt sich schon aus den Kapiteln des Inhaltsverzeichnisses:

Die Zerstörung unserer Wälder
Die Verschwendung von Wasser
Die Verschwendung von Boden
Die Verschwendung von Bodenschätzen
Die Ausrottung unseres Jagdwildes, der Pelztiere und der großen Meerestiere
Das Aussterben der Vögel
Der Rückgang des Fischreichtums
Die Verschwendung der öffentlichen Ländereien und Privilegien
Die Verschwendung des Staatsvermögens und -besitzes
Die Verschwendung menschlichen Lebens

Das Kapitel "Verschwendung menschlichen Lebens" behandelt Eisenbahn- und Berkwerksunfälle, das fehlende Filtern des Trinkwassers in vielen Städten und die sich dadurch ausbreitenden Krankheiten. Etwas enttäuscht ist man darüber, daß er in diesem Buch zwar sehr fortschrittlich die Ausrottung vieler Tierarten behandelt, nicht aber das Schicksal der menschlichen Kulturen der Ureinwohner Nordamerikas anzusprechen scheint.

Abb. 10: Denkmal zur Erinnerung an die Landung der ersten deutschen Siedler in den USA im Jahr 1683 in Germantown, Philadelphia, geschaffen von Albert Jaegers, aufgestellt im Vernon Park von Germantown, eingeweiht 1921 (Wiki)

Ein Jahr später erschien sein schon genanntes Buch "Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika".

1909 - Deutsche in Amerika

Damit wird auch schon deutlich, warum er in seinem Buch ein Jahr zuvor schon immer so selbstbewußt von "unserem Land" sprechen konnte. Ja, "uns Deutschen" gehören die USA nämlich ganz genauso. Als Deutscher braucht man ja nur einmal recherchieren, wie häufig der eigene Familienname in Deutschland vorkommt und wie häufig er in den USA vorkommt. Meistens ist er in den USA viel häufiger. Was zeigt, das die Deutschen des 19. Jahrhunderts heute in den USA viel mehr Nachfahren haben als in Deutschland! Und darauf richtet Rudolf Cronau das Augenmerk (Hackländer):

Er gab die Anregung zur Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an die Landung der ersten Deutschen in Germantown am 6. Oktober 1683 und leitete den hierfür gegründeten Denkmalausschuß. Die Einweihung des Denkmals von Albert Jaegers sollte 1914 stattfinden. Durch den Krieg verzögerte sie sich bis 1921.

Germantown war einstmals eine eigene Stadt. Heute ist Germantown ein Stadtteil der Millionenstadt Philadelphia. Philadelphia liegt auf halben Wege zwischen New York und Washinton D.C., den beiden Lebensorten Cronaus (s. Abb. 12).

Der genannte Albert Jaegers (*1868 in Elberfeld; † 1925 in Suffern, USA) (Wiki) war ein Bildhauer, der in Deutschland geboren worden war, der aber früh mit seinen Eltern in die USA ausgewandert war und in den USA aufgewachsen ist.

Kurz zur weiteren geschichtlichen Einordnung jener Ereignisse, um derentwillen dieses Einwandererdenkmal (Abb. 10) errichtet worden ist: 1620 war die berühmte "Mayflower" (Wiki) in den USA gelandet. Das lernt man heute auch in deutschen Schulen. Es handelte sich um die berühmten "Pilgerväter". Sie waren in Plymoth, südlich vom heutigen Boston gelandet (s. Abb. 11). Damit hatte die Geschichte der britischen Kolonie "Neuengland" - und insgesamt die Geschichte der späteren USA - begonnen.

Abb. 11: "Die Dreizehn Kolonien" in ihrer geschichtlichen Entwicklung von Massachusetts ausgehend (Wiki)

Was leicht in Vergessenheit gerät, ist der Umstand, daß auch die Niedelande und Frankreich fast zeitgleich Kolonien an der Ostküste Nordamerikas gegründet haben. So ist New York von Niederländern gegründet worden, unter denen sich auch Deutsche befanden (siehe unten). 

Durch weitere Zuwanderungen und eigenes Bevölkerungswachstum aus sich heraus entstanden - von Massachusetts ausgehend - nach und nach weitere britische Kolonien, bzw. später britische Provinzen: New Hampshire 1629, Connecticut und Rhode Island 1636. Diese bildeten 1643 die "New England Confederation" (Wiki). Diese hatte sich zusammen geschlossen, um gegen die Indianerstämme im Westen, sowie gegen die Franzosen, Schweden und Niederländer im Süden militärisch vorzugehen. 1664 wurde das von den Niederländern beanspruchte und besiedele Gebiet "Neu-Niederlande" von der "New England Confederation" erobert und zu New York umbenannt. Dadurch entstanden dann weitere britische Kolonien, bzw. Provinzen, nämlich neben New York noch Delaware und New Jersey (Wiki) (s. Abb. 11). 

1681 kam dann Pennsylvanien dazu. Und mit dieser Kolonie traten zum ersten mal auch die Deutschen deutlicher in den Vordergrund bei der Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents.

Die Deutschen waren nämlich bis dahin im Abwehrkampf gegen die Jesuiten gebunden gewesen. Sie waren beschäftigt mit einem grauenvollen Dreißigjährigen Krieg. Dieser endete ja erst 1648. Wie hätte in jener Zeit irgendjemand an Auswanderung und Koloniegründung denken können? So erschienen die Deutschen quasi fast als "Letzte" auf dem nordamerikanischen Kontinent. 

Aber die Gelegenheit der Gründung von Pennsylvanien als neue Kolonie ergriff dann sofort auch ein Deutscher, nämlich Franz Daniel Pastorius (1651-1719) (Wiki), der  1683 mit der Galeone "Concord", der "deutschen Mayflower", beladen mit siedlungswilligen Reformierten, Quäkern und Mennoniten im Hafen von Philadelphia landete. Davon lernt man heute in deutschen Schulen nichts. Diesem Pastorius nun ist 1921 - auf Anregung von Rudolf Cronau - in Germantown ein Denkmal errichtet worden. Während des Zweiten Weltkrieges war es abgebaut. Aber danach ist es wieder errichtet worden und noch heute vorhanden (Abb. 10). In ihm ehren wir alle unsere nahen und entfernten deutschen Verwandten in Nordamerika. 

Sie alle werden geehrt, wenn wir uns der "deutschen Mayflower" erinnern - und der unzähligen Auswandererschiffe, die ihr - meist vom Hamburger Hafen aus - folgen sollten.

Abb. 12: Germantown bei Philadelphia - Gelegen auf halbem Weg zwischen New York und Washington D.C.

Die Besiedlung der USA ist ein grandioses - insbesondere auch demographisches - Geschehen. Cronau ging aber noch weiter (Hackländer):

Als die Stadt New York 1926 ihre 300-Jahr-Feier beging, veröffentlichte Cronau "Die Deutschen als Gründer von Neu-Amsterdam / New York und als Urheber und Träger der amerikanischen Freiheitsbestrebungen." Er bewies darin, daß die ehemalige holländische Kolonie von Deutschen gegründet wurde, die in holländischen Diensten standen. Heinrich Christians war in Kleve und Peter Minnewit in Wesel zur Welt gekommen.

Der Erste Weltkrieg

Abb. 13: Rudolf Cronau, 1882
1914 bis 1916 erhob Rudolf Cronau in seinen Schriften und Büchern innerhalb der USA seine Stimme für das angefochtene Lebensrecht des deutschen Volkes als Großmacht in Europa. 

In "Do We Need a Third War of Independence?" fragte er schon 1914, ob nicht ein dritter Unabhängigkeitskrieg notwendig wäre, um es zu vermeiden, daß die USA und damit auch viele Deutsch-Amerikaner und ihre Nachfahren und der von ihnen erwirtschaftete wirtschaftliche Reichtum dazu genutzt würden, um auf britischer Seite in den Ersten Weltkrieg hinein gezogen zu werden und gegen Deutschland in Anschlag gebracht zu werden.

Tatsächlich sollte der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg und die im Jahr 1918 zahlenmäßig sich ständig vermehrenden Landungen frischer US-amerikanischer Truppen in Frankreich den Krieg zu Ungunsten Deutschlands erscheiden. Wahrlich kein Ruhm der Vereinigten Staaten von Amerika, so sehr sie das auch in ihrer Propaganda bis heute heraus kehren mögen.

Immer wieder hatte Cronau gegen diese Entwicklung angekämpft. 1915 hatte er "The British Black Book" veröffentlicht und "England a Destroyer of Nations". 

Er wußte ja um die Bedeutung der Reklame in der Völkergeschichte. 

Und er wußte um die Bedeutung der Kriegspropaganda. 

1916 war seine Schrift erschienen "Our Hyphenated Citizens - Are They Right or Wrong?" "Hyphenated Citizens" heißt auf Deutsch "Bindestrich-Amerikaner". Es handelte also von den "Anglo-Amerikanern", von den "Deutsch-Amerikanern" und so weiter.

1919 - Die Stellung der Frau in der Geschichte

Rudolf Cronau blieb als fortschrittlich gesonnener Schriftsteller unermüdlich. 1919 veröffentlichte er sein Buch "Triumph der Frau - Die Geschichte ihrer Kämpfe für Freiheit, Bildung und politische Rechte - Gewidmet allen edlen Frauen von Seiten eines bewunderenden Angehörigen des anderen Geschlechts" ("Woman Triumphant. The Story of Her Struggles for Freedom, Education, and Political Rights -  Dedicated to all noble-minded women by an appreciative member of the other sex"). 

In diesem Buch ist ein ebenso breiter völkerkundlicher und weltgeschichtlicher Ansatz gewählt wie in seinem Buch über die Reklame und wie in dem zehn Jahre später erschienenen Buch "Die Entwicklung des Priestertums". Naheliegend ist es, daß die beiden letztgenannten Bücher parallel erarbeitet worden sind.

Noch einmal zehn Jahre nach Erscheinen seines Hauptwerkes "Die Entwicklung des Priestertums", Ende der 1930er Jahre, hat Rudolf Cronau seine Lebenserinnerungen verfaßt. Ihnen hat er den Titel gegeben "Auf des Lebens Wellen und Wogen - Fahrten, Kämpfe, Abenteuer und Leistungen eines stets wanderfrohen Überseedeutschen". Diese liegen bislang leider nur als Manuskript im Stadtarchiv Solingen vor, der Geburtsstadt von Cronau, die seinen Nachlaß verwaltet.

Der Wikipedia-Artikel über Rudolf Cronau ist heute viel ausführlicher als er es noch vor zehn Jahren gewesen war.*) Er ermöglichte die vorliegende ausführlichere Erarbeitung eines Aufsatzes über Cronau. Außerdem gibt es Artikel über ihn auf "Wikitree" (Wiki-Tree), auf dem sich Familienbilder finden, ebenso auf Wiki Commons und Wiki Source (Hackländer):

Seine Familienangehörigen trugen seine Talente weiter. Sein Enkel Rudolf Gerold Wunderlich (1920- 2004) war Kunstexperte in Chicago und Galerist. Einer seiner Urenkel, Gerold Wunderlich (geb. 1949) lebt als Galerist in New York. Seine Firma hat sich auf traditionelle amerikanische Malerei spezialisiert (www.wunderlichandco.com).

Aber noch eine andere Auswirkung sollte Rudolf Croners Schaffen haben. Im Dezember 1929 veröffentlichte Mathilde Ludendorff eine Besprechung seines Buches "Die Entstehung des Priestertums". 

Mathilde Ludendorff und Rudolf Cronau

In ihren eigenen Werken hat sie sich wiederholt auf den oben schon erwähnten Religionshistoriker Julius Lippert (1839-1909) (Wiki) bezogen. Sie konnte deshalb schreiben (Ludendorff1929):

In ähnlicher Gründlichkeit an Hand reichen Quellenmaterials wie die Werke Lipperts, aber ausgestattet mit einem reichen Schatz an überzeugenden Bildern, die sich lebendig in die Seele jedes Lesers einprägen, wird uns der schändliche Betrug, den die Priesterkaste aller Zeiten angewandt hat, um die Gutgläubigkeit der Völker für ihre Macht- und Habgier zu mißbrauchen, bewiesen. (...)
Angesichts der wachsenden Machtstellung, die sich die Romkirche in Nordamerika nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet verschafft hat, glaubt der Verfasser wohl, daß nur das Germanenvolk, daß besonders die Deutschen in letzter Stunde die drohende Gefahr der Jesuitendiktatur, die auch er durch den Mussolini-Faschismus in Italien schon voll verwirklicht sieht (er bringt hierfür triftige Beweise), abwehren wird. Den Jesuitenorden nennt auch er den gefährlichsten Kämpfer für die Priesterherrschaft.

Im Angesicht der sonstigen scharfen Polemik der Wochenzeitung "Ludendorffs Volkswarte", für die Mathilde Ludendorff schrieb, war diese nicht besonders lange Besprechung des Buches von Rudolf Cronau eigentlich als vergleichsweise harmlos einzuordnen. 

Dennoch zog ausgerechnet sie als Folge nach sich, daß sich Mathilde Ludendorff eine "Anklage wegen Religionsvergehens" von dem Landesgericht in München zuzog (Abb. 14). Warum sich die Staatsanwaltschaft München - auf Anregung des bischöflichen Ordinariats in München - ausgerechnet diese Besprechung zur Anklage heraus gesucht hat, muß einstweilen offen bleiben.

Abb. 14: Angeklagt wegen Religionsvergehens - Schrift von Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1930 (Einbandgestaltung durch Lina Richter)

Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Mathilde Ludendorff eine Mitteilung darüber, welche Person sich eigentlich hinter dem Pseudonym des Autors des von ihr besprochenen Buches, nämlich hinter "Randolph Charles Darwin" verborgen hatte.

Ein Brief an Mathilde Ludendorff von 1953

Sie erhielt aus den USA die Zuschrift eines Hanns Fischer. Über den Absender ist uns derzeit leider sonst nichts bekannt außer dem, was aus dem Brief selbst hervorgeht:

Hanns Fischer
Chicago, Illinois, 9. November 1953
Liebe Frau Ludendorff!
Deutschland ist wieder einmal ein ganz entrechtetes Land und Volk. ... Ihre lieben Zeilen, wenngleich betrübend, bekräftigen leider meine Aussagen. ... Wenn ich erst einmal im Besitze aller Ihrer Schöpfungen bin, werde ich versuchen, gründlich darüber zu deuten, in Englisch aber. ...
„Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche“ von R. Ch. Darwin wurde öfters im "Quell" erwähnt. Hinter diesem Decknamen verbirgt sich Rudolf Cronau, ein Amerikaner deutscher Herkunft, der als Historiker und Forscher viele bedeutende Werke schuf. Er schrieb u. a. auch „Woman Triumphant“, das 1919 in New York erschien. Will versuchen, für Sie ein Buch aufzufinden. Ich war mit Cronau befreundet, weiß also viel von ihm und durch ihn. Er schrieb deutsch und englisch gleich meisterhaft, und hat nach dem ersten Weltkrieg viel, viel Leid in Deutschland gelindert. Daß selbst die sogenannten Deutschamerikaner ihn nicht kennen oder verschweigen, ist eben bezeichnend!
Mut und Vertrauen, liebe Frau Ludendorff, und nehmen Sie mir meine offenen Worte nicht übel. Recht herzlich, Ihr Hanns Fischer

Unter anderem zwei Jahre später, in ihrem Aufsatz "Die Hochflut des Okkultismus" vom 23.10.1955, erinnert Mathilde Ludendorff einleitend auch noch einmal erneut an das Buch von Rudolf Cronau und ihre eigenen Erfahrungen mit ihm (27):

In einem sehr verdienstvollen Werke hatte vor einigen Jahrzehnten ein amerikanischer Forscher, der sich den Schriftstellernamen Charles Darwin beilegte, die "Entwicklung der Priesterreiche" eingehend geschildert. Er hatte aus unantastbaren Quellen all den Trug nachgewiesen, der in fernsten und fernen Jahrtausenden bis zur Gegenwart hin mit dem Glauben an Gott oder Götter, mit der Glückssehnsucht und Leidangst, vor allem Dingen mit der Todesangst getrieben wurde. So sehr sahen sich auch die Priester des 20. Jahrhunderts von den Tatsachen seiner Forschung noch enthüllt und tief getroffen, daß meine Besprechung dieses verdienstvollen Werkes in unserer Zeitschrift mir vor dreieinhalb Jahrzehnten eine Anklage wegen "Gotteslästerung" mit Hilfe des berühmten § 166 eintrug. Sofort nach dieser Anklage schrieb ich die heute leider vergriffene Schrift "Angeklagt wegen Religionsvergehen", die schon nach acht Tagen zu 100 000en ins Volk gegangen war. Sie hat damals unserem Aufklärungskampf so sehr geholfen, daß ich mich verpflichtet fühlte, in dem Schlußabschnitt dieser Schrift dem bei der Vorvernehmung von mir entdeckten Kläger, nämlich dem erzbischöflichen Ordinariat in München, meinen ausführlichen, herzlichen Dank auszusprechen.
Jenes Buch des Forschers Charles Darwin war eine sehr gründliche Aufklärung, die auch noch heute sehr zeitgemäß ist, denn die Todesnot des Gottesbewußtseins auf diesem Sterne ist wahrlich noch nicht überwunden! (...) Die umfassende Kenntnis der Naturgesetze hat den Völkern die Scheu vor den Naturgewalten genommen und läßt die Jugend nur allzu leicht an die Stelle dieser Scheu den Zynismus setzen, der sie so trefflich für eine Verleitung zur materialistischen Gottleugnung geeignet macht. Den wichtigsten Dienst leisten hierzu gerade - wenn auch völlig ungewollt - die Religionen. (...) Die so tief vom Gotterleben der Seele hinabgestürzten Priesterreiche behielten die urältesten Wege der Tröstungen und Hilfen nicht nur bei, sondern ließen den Okkultismus geradezu verhängnisvoll aufblühen. ...

Im weiteren führt sie aus, daß anstelle der christlichen Religion nicht nur materialistischer Zynismus aufblüht, sondern auch Okkultismus, der bis hin zum Satanismus einer solchen Okkultloge wie der "Fraternitas Saturnis" führt.

In der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Der Quell" vom 9. Februar 1961 setzte Edmund Reinhard, der damalige zweite Vorsitzende des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", die Todesanzeige für einen "Dr. med. Hanns Fischer", Facharzt in Eßlingen/N.. Daß es sich dabei um den obigen Briefschreiber handelte, muß aber nicht sehr wahrscheinlich sein. Denn auch den Familiennamen Fischer gibt es diesseits wie jenseits des Atlantischen Ozeans.

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*) Vor zehn Jahren haben wir uns in einem kürzeren Artikel schon einmal mit Rudolf Cronau beschäftigt (s. StgrNat2012). Der vorliegende Aufsatz ist eine deutlich erweiterte Fassung.

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  1. Cronau, Rudolf: Geschichte der Solinger Klingenindustrie, Stuttgart 1885 (52 S.)
  2. Cronau, Rudolf: Von Wunderland zu Wunderland. Landschafts- und Lebensbilder aus den Staaten und Territorien der Union von R.C. Mit Erläuterungen in Poesie und Prosa von Friedr. Bodenstedt. H.W. Longfellow u.a., Leipzig 1886
  3. Cronau, Rudolf: Unter dem Sternbanner. Land und Volk der Vereinigten Staaten von Nordamerika in Wort und Bild geschildert von R.C. in Verbindung mit hervorragenden deutschen und amerikan. Schriftstellern. Fünfzig Lichtdruckbilder mit erläuterndem Text in Poesie und Prosa, Leipzig o.J.
  4. Cronau, Rudolf: Fahrten im Lande der Sioux. Leipzig 1886
  5. Cronau, Rudolf: Das Buch der Reklame. Geschichte, Wesen und Praxis der Reklame. Wohl'ersche Buchhandlung, Ulm 1887 (Archive)
  6. Cronau, Rudolf: Absonderliche Fahrten. Episoden aus einem Wanderleben, 1887
  7. Cronau, Rudolf: Im wilden Westen. Eine Künstlerfahrt durch die Prairien und Felsengebirge der Union. Verlag von Oskar Löbbecke, Braunschweig 1890 (Archive) (Gutenberg)
  8. Cronau, Rudolf: Amerika. Die Geschichte seiner Entdeckung von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Eine Festschrift zur 400j. Jubelfeier der Entdeckung Amerikas durch Chr. Columbus, 2 Bde, Leipzig 1892
  9. Cronau, Rudolf: Illustrative Wolkenformen, 1897
  10. Cronau, Rudolf: Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika. Eine Geschichte der Deutschen in den Vereinigten Staaten. Berlin 1. Aufl. 1909, 2. Aufl. 1924 (696 S.); SEVERUS Verlag, (656 Seiten) (GB) (Gutenberg)
  11. Cronau, Rudolf: England, ein Zerstörer der Völker. Chicago 1914 (19 S.)
  12. Cronau, Rudolf: Do we need a third War for Independence. New York, 1914
  13. Cronau, Rudolf: The British Blackbook. New York 1915 (121 S.)
  14. Cronau, Rudolf: German Achievements in America. 1916
  15. Cronau, Rudolf: Woman triumphant. The Story of Her Struggles for Freedom, Education and Political Rights, New York 1919 (300 S.)
  16. Cronau, Rudolf: The Discovery of America and the Landfall of Columbus. New York 1921 (53 S.)
  17. Cronau, Rudolf: The Army of the American Revolution and its Organizer. New York, 1923 (150 S.)
  18. Cronau, Rudolf: The last Resting Place of Columbus. A Monograph Based on Personal Investigations, New York 1926 (31 S.)
  19. Cronau, Rudolf: Prohibition and Destruction of the American Brewing Industry. New York 1926 (31 S.)
  20. Cronau, Rudolf: Die Deutschen als Gründer von New Amsterdam-New York und als Urheber und Träger der amerikanischen Freiheitsbestrebungen. Eine Denkschrift zur Erinnerung an den vor 300 J. erfolgten Erwerb der Insel Manhattan durch Peter Minuit u. an d. 150j. Feier des amerik. Unabhängigkeitskriegs. New York 1926 (70 S.)
  21. Darwin, Randolph Charles (eigentlich: Rudolf Cronau): Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder: Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt. Ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker. Theodor Weicher Verlag, Leipzig 1929 (Archive); Nachdrucke: Verlag für ganzheitliche Forschung, Wobbenbüll, Husum 1979 (GB); Historia Verlag 2002; Historia Verlag, Ulm 2007; Dogma 2013
  22. Ludendorff, Mathilde: Eine Kampftat gegen Priestertyrannei. (Besprechung von "Die Entwicklung des Priestertums ...") In: Ludendorffs Volkswarte, Folge 33, 15.12.1929, S. 6
  23. Ludendorff, Mathilde: Angeklagt wegen Religionsvergehens. Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1930 (51.-100. Tsd.); erneut: Archiv-Edition, Viöl, 2007
  24. Cronau, Rudolf: Denkschrift zum 150. Jahrestag der Deutschen Gesellschaft der Stadt New York 1784-1934. USA 1934 (97 S.)
  25. Cronau, Rudolf: Auf des Lebens Wellen und Wogen. Fahrten, Kämpfe, Abenteuer und Leistungen eines stets wanderfrohen Überseedeutschen. New York 1939 (185 S.) (masch.)
  26. Heinz Rosenthal: Leben und Werk eines Deutschamerikaners, Solingen 1954 (masch.)
  27. Ludendorff, Mathilde:  Die Hochflut des Okkultismus. In: Der Quell, Folge 20, 23.10.1955, S. 913-919
  28. R. Keller, Hans Lohausen: Rudolf Cronau. Journalist und Künstler. Solingen 1989
  29. Gerold Wunderlich: R. Cronau. Topographical Views of America. New York 1993 (33 S.) [Ausstellungskatalog]
  30. Jeanette Baden: Das Amerikabild Rudolf Cronaus. Magisterarbeit Bonn 1994
  31. Poensgen, Aline: Bestand Rudolf Cronau 1881-1939 - Findbuch. Stadtarchiv Solingen 1996 (pdf) (s.a.: Nachl) 
  32. Hackländer, Sabine: Rudolf Cronau - Ein Solinger in den USA. 2012 (pdf, Yumpu)

Mittwoch, 24. November 2021

Religionsimperialistische Priesterkasten gegeneinander - Der "Exarch von Moskau" in Lemberg (1939 bis 1951)

Das Leben zweier katholisch-orthodoxer Bischöfe, die einer polonisierten ukrainischen Adelsfamilie entstammten, erläutert den Religionsimperialismus christlicher Kirchen gegeneinander, der auch heute die Politik mit bestimmt.

Vor knapp zwei Wochen wiesen wir hier auf dem Blog auf die religionsimperialistischen Bestrebungen und Spannungsverhältnisse zwischen Rußland und "dem Westen" hin, die darin bestehen, daß die ukranisch-orthodoxe Kirche sich der Oberherrschaft des Papstes in Rom unterstellt hat, daß dies aber der Patriarch in Moskau keineswegs getan hat (1).

Diese Machtverhältnisse sind den wenigsten Menschen bewußt. Wie diese aber in der Ukraine gelagert sind, kann auch noch einmal geschichtlich sehr gut an dem Metropoliten von Lemberg Andrej Scheptyzkyj (polnisch Andrzej Szeptycki; 1865-1944) (Wiki) erläutert werden. Scheptyzkyj stammte aus einem  nicht uninteressanten polonisierten ukrainischen Adelsgeschlecht. Sein Amtsbereich, traditionell "Galizien" genannt, gehörte bis 1918 zur österreichisch-ungarischen Monarchie, einem Kernland des Katholizismus. Sein Vater war Abgeordneter des österreichischen Reichsrates. Sein Großvater mütterlicherseits war - interessanterweise - einer der bedeutendsten Komödiendichter Polens.

Dieser Andrej Scheptyzkyj hatte noch zwei weitere Brüder. Das Leben dieser drei Brüder macht mit religionspolitischen, religions- und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen bekannt, deren sich sicherlich nur die wenigsten Menschen bewußt sein werden in der westlichen Welt, selbst wenn sie eine umfangreichere Allgemeinbildung in diesen Bereichen besitzen sollten. Zunächst also zu diesem Lemberger Metropoliten (Wiki):

"Am 22. August 1892 empfing Scheptyzkyj im griechisch-katholischen Ritus die Priesterweihe. Er studierte im Jesuitenseminar von Krakau und promovierte im Jahr 1894 zum Doktor der Theologie. (...) Papst Leo XIII. bestätigte die Ernennung am 19. Februar 1899. (...) Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Metropolit festgenommen und in mehreren Orten der Ukraine und Rußland inhaftiert."

Mehrere, sicherlich nicht uninteressante Angaben. 

1914 /15 - Besetzung Lembergs durch Rußland

Versuchen wir zunächst eine allgemeinere Einordnung: Ende August 1914, zu der Zeit als die Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen siegreich für Deutschland geschlagen wurde, war die österreichisch-ungarische Armee von Lemberg aus in mehreren blutigen Schlachten siegreich gegen Lublin vorgegangen. Auch der Großvater des Autors dieser Zeilen ist damals als 22-Jähriger mit vorgestürmt und hat hundert Kilometer nördlich von Lemberg eine Kriegsverletzung erhalten.*) Wenige Wochen später aber schon wendete sich das Blatt. Österreich erlitt in den Schlachten um Galizien (Wiki) verheerende Niederlagen und mußte den Rückzug antreten. Die Verluste auch unter den österreichischen Kaiserjägern waren verheerend und sollten sich auf den ganzen weiteren Kriegsverlauf für Österreich nachteilig auswirken.

Lemberg war am 2. September von der russischen Armee besetzt worden. Es blieb dann bis zu seiner Rückeroberung durch die Deutschen im Juni 1915 russisches Besatzungsgebiet. Die dann erfolgte Festnahme und Inhaftierung des Metropoliten von Lemberg zeigt womöglich, daß das Russische Kaiserreich schon damals voller Mißtrauen war gegenüber der ukranisch-orthodoxen Kirche und dem römischen Papst, der hinter ihr stand. Natürlich mag die Inhaftierung auch in Zusammenhang mit dem Wissen um die anderen Familienangehörigen des Metropoliten gestanden sein.

Sein zwei Jahre jüngere Bruder Stanislaw (Wiki) war Offizier der k.u.k.-Armee. Er sollte später der "Polnischen Legion" angehören. Nach dem Ersten Weltkrieg war er 1919 auch führender Offizier der polnischen Armee in ihrem Krieg gegen die Rote Armee in Minsk. In den frühen 1920er Jahren gehörte er in Polen der Partei des imperialistischen, deutschfeindlichen Roman Dmowski an.

Abb. 1: Er litt um der imperialistischen Machtgier des Papsts in Rom willen in sowjetischen Gefängnissen: Der Exarch von Rußland Klemens Scheptyzkyj (Wiki)

Als weiterer belastender Umstand für den Metropoliten von Lemberg wird gegolten haben, daß sein drei Jahre jüngerer Bruder Klemens (Klymentij) Scheptyzkyj (1869-1951) (Wiki) (Abb. 1) vor 1914 zweitweise Mönch der Benediktiner in Deutschland gewesen war. Er hat später in der Ukraine eine Funktion ausgeübt, die dem eines deutschen "Abtes" entspricht. 

1915 war Lemberg von den Deutschen wieder erobert worden. Ende 1918 wurde Lemberg von den deutschen Truppen geräumt. Es kam mit Galizien - als "Ostpolen" - an den neu gegründeten Staat Polen.

1939 - "Exarch von Rußland" - Religionspolitischer Ausgriff von Lemberg in Richtung Moskau

Zeitsprung: Im September 1939 wurden Lemberg und Galizien - gemäß den Vereinbarungen des Nichtangriffspaktes mit Deutschland - von der Sowjetunion besetzt. Wir hören nun von einem anderen bemerkenswerten Ereignis: Klemens Scheptyzkyj wurde von seinem Bruder Andrej nominell zum "Exarch von Rußland" (Wiki) ernannt. Ein mehr als auffallender Vorgang.

Ein solcher Exarch müßte seinen Sitz eigentlich in Moskau haben. Er würde dort in Konkurenz stehen zum dortigen russisch-orthodoxen Patriarchen, der sich - bekanntlich - der Oberhoheit des Papstes noch nie unterstellt hat. 

Aber es gab - und gibt - für dieses Amt bis heute keine Organisationstrukturen. Dafür fehlen in Rußland sowohl die Priester wie die ukrainisch-orthodoxen Gläubigen. Sicherlich gibt es weitere Gründe dafür, daß diese Stelle des "Exarchen von Moskau" nach 1951 auch nominell vakant geblieben ist (siehe unten). Sie dürften aber nicht darin liegen, daß die religionsimperialistischen Bestrebungen des Papstes von Rom und der katholischen Kirche etwa seither keine Ansprüche mehr erheben würde auf weltweite Unterordnung christlicher Gläubiger unter den Papst.

1941 - Das Patriarchat von Moskau stellt sich hinter Stalin

Im Juni 1941 wurde Lemberg von den Deutschen besetzt. Der Metropolit von Lemberg unterstützte in den Folgejahren einerseits die Aufstellung einer ukrainischen SS-Divsion, andererseits versuchte er, Judenmorde in der Ukraine zu verhindern. Insbesondere auch sein Bruder Klemens Scheptyzkyj soll in dieser Zeit ukrainischen Juden das Leben gerettet haben.

Als Zeichen seiner Unterstellung unter den Papst in Rom berichtete der Metropolit auch an diesen über die Lage in seinem Bistum und über die wechselnden Stimmungsverhältnisse unter der deutschen Bestatzung.**)

Zur gleichen Zeit stellte sich der damalige Moskauer Patriarch Sergius (gest. 1944) (Wiki) hinter die Kriegsanstrengungen Stalins (Wiki):

Zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 rief Sergius die Gläubigen auf, sich an der Verteidigung des Vaterlandes zu beteiligen. Er bekundete seine Überzeugung eines sowjetischen Sieges. (...) Ende Dezember 1942 rief er die orthodoxen Gläubigen dazu auf, für die Aufstellung einer Panzerkolonne Geld zu spenden. Anfang März 1944 wurde diese Panzerkolonne unter dem historisch beziehungsreichen Namen "Dmitri Donskoi" von Metropolit Nikolai der Roten Armee übergeben.

1943 - Das Patriachat von Moskau wird von Stalin wiederbelebt

Waren es diese Gesten allein, die Stalin am Vormittag des 5. September 1943 dazu veranlaßten, sich mit den drei obersten Metropoliten der russisch-orthodoxen Kirche zu treffen? Jedenfalls: Er (Wiki) ...

versprach einige Konzessionen, um ihre Loyalität und Unterstützung zu erlangen. Zu den Konzessionen gehörte die Wiedereröffnung der Moskauer Theologischen Akademie, die Befreiung von internierten Priestern, die Rückgabe von Kirchenbesitz, einschließlich des berühmten Troice-Sergiev-Klosters. Im Gegenzug stellte die Sowjetregierung die Kirche unter die Kontrolle ihres Geheimdienstes.
and promised some concessions to religion in exchange for their loyalty and assistance. Among the concessions were the permission to open the Moscow Theological Seminary and Academy, the release of imprisoned clerics, the return of some church property, including the famous Troitse-Sergiyeva Lavra. In return, the Soviet government put the Church under the control of its secret services. 

Auf dem englischen Wikipedai heißt es dazu außerdem (Wiki):

Am 4. September 1943 wurden die Metropoliten Sergius (Stragorodsky), Alexius (Simansky) and Nicholas (Yarushevich) von dem Sowjetführer Josef Stalin offiziell anerkannt. Sie erhielten die Erlaubnis, am 8. September 1943 eine Versammlung einzuberufen, die Sergius zum Patriarchen von Moskau und aller Russen wählte. Die Theologische Akademie und ihr Seminar in Moskau, die seit 1918 geschlossen waren, wurden wieder eröffnet.
On September 4, 1943, Metropolitans Sergius (Stragorodsky), Alexius (Simansky) and Nicholas (Yarushevich) were officially received by Soviet leader Joseph Stalin. They received permission to convene a council on September 8, 1943, that elected Sergius Patriarch of Moscow and all Rus'. The Moscow Theological Academy and Seminary which had been closed since 1918 was re-opened.

1944 - Das Patriarchat von Moskau fordert Unterordnung von Lemberg

Mit diesen Vorgängen wird etwas verständlicher, was sich dann anbahnt, nachdem Lemberg im Jahr 1944 von der Roten Armee zurück erobert worden ist. Nachdem der Metropolit selbst im November 1944 gestorben war, galten seinem Bruder Klemens Scheptyzkyj die Maßnahmen des sowjetischen Geheimdienstes (Wiki):

"Mit der Wiederkehr der Sowjets 1944 wurde eine koordinierte Aktion gestartet, um die Kirche (in der Ukraine) zu zerstören und in das Moskauer Patriarchat einzuverleiben. (...) 1947 wurde er (...) in Kiew nach seiner unerschütterlichen Verweigerung, seinen Glauben aufzugeben und dem Moskauer Patriarchat zu dienen, zu acht Jahren Gefängnis verurteilt."

Wiederum ein bemerkenswerter Vorgang. Stalin und sein Geheimdienst stellen sich wahrlich sehr stark auf die Seite des Patriarchen von Moskau. 

Und die Haltung der anderen Seite ist ebenso bemerkenswert: Sich der Oberhoheit des Patriarchen von Moskau zu unterstellen, der ebenso an Jesus Christus und die Bibel glaubt wie er selbst, hieß für Klemens Scheptyzkyj "seinen Glauben aufzugeben". Es werden hier doch überraschend scharfe Gegensätze greifbar, zu denen sich sogar der sowjetische Geheimdienst damals positionierte, und zwar sehr eindeutig. Im Wendejahr 1989 ist diese damalige Haltung des Sowjet-Staates in einem "Times"-Artikel einmal folgendermaßen erläutert worden (5):

Das Sowjetregime hat immer gefügige russisch-geführte orthodoxe und protestantische Kirchen dem Katholizismus gegenüber bevorzugt, die unabhängiger ist und durch einen temperamentvollen Papst in Rom geführt wird.
The Soviet regime has always preferred docile Russian-led Orthodox and Protestant churches to Catholicism, which is more independent and led by a feisty Pope in Rome.

Immer? Nun, man fühlt sich an dieser Stelle auch daran erinnert, daß es von Stalin das Wort gegeben haben soll "Wie viele Divisionen hat der Papst?" Es blieb immer nur ein Gerücht, daß Stalin diese Worte gesprochen haben soll (6, 7). Und zwar sogar eines, das möglicherweise schon vor dem Zweiten Weltkrieg unter westlichen Politikern die Runde gemacht hat, das von ihnen dann aber auch noch in alle möglichen Zusammenhänge gebracht wurde (Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam). Die Verfolgungen der orthodoxen ukrainischen Kirche ab 1944 gibt bezüglich eines solchen ausgesprochenen Satzes ein ganz anderes Bild. Stalin scheint sich des nicht ungefährlichen Einflusses der katholischen Kirche durchaus bewußt gewesen zu sein. Es hieß damals weiter (5):

Unter Stalin kamen alle ukrainisch-katholischen Bischöfe ins Gefängnis und eine verlogene Synode löste Unterordnung (unter den Papst), womit über 4.100 Kirchen an die russische Orthodoxie übergingen. Die Mehrheit der katholischen Priester widersetzten sich der Übernahmen und kamen entweder ins Gefängnis oder tauchten in den Untergrund.
Under Stalin, all Ukrainian Catholic bishops were imprisoned and a fraudulent 1946 synod dissolved their jurisdictions, handing over 4,100 churches to Russian Orthodoxy. The majority of the Catholic priests rejected the takeover and either were arrested or went into hiding.

Wir hören noch mehr darüber auf dem Wikipedia-Artikel zu dem Patriarchen Alexius (Wiki):

Am 2. Februar 1945 wurde Alexius mit Stalins Erlaubnis als gewählter Patriarch von Moskau und ganz Rußland inthronisiert. 1946 führte Alexius die Präsidentschaft über die kontrovers erörterte "Wiedervereinigung" der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, was von vielen als eine Übernahme angesehen wurde, die von der Stalin-Regierung erzwungen wurde. 1946 forderte Patriarch Alexius auch alle Katholiken in der Sowjetunion auf, alle Verbindungen mit dem Papst aufzugeben: "Befreit euch! Ihr müßt die Verbindungen mit dem Vatikan lösen, die euch in den Abgrund des Irrtums, der Dunkelheit und des geistigen Niedergangs schleudern. Beeilt euch, kehrt zu eurer wahren Mutter zurück, der russisch-orthodoxen Kirche!" Papst Pius XII. antwortete: "Wer weiß das nicht, daß der Patriarch Alexius I. jüngst von den dissidenten Bischöfen Rußlands gewählt worden ist und sich offen dazu erhebt und dien Abfall von der katholischen Kirche predigt. In einem Brief, den er jüngst an die Ruthenische Kirche gerichtet hat, einen Brief, der nicht wenig zur Verfolgung beiträgt?" (...) Nach Christopher Andrew und Vasili Mitrokhin waren sowohl der Patriarch Alexius wie der Metropolit Nikolas "vom KGB als Einflußagenten hoch geachtet".
On February 2, 1945, with Stalin's approval, Alexius I was elected Patriarch of Moscow and all of Russia and enthroned on February 4, 1945. In 1946 Alexius I presided over the controversial "re-unification" of the Ukrainian Greek Catholic Church with ROC seen by many as a takeover forced by the Stalinist government.  Also in 1946, Patriarch Alexius called on all Catholics in the Soviet Union to reject all allegiance to the Pope: "Liberate yourself! You must break the Vatican chains, which throw you into the abyss of error, darkness and spiritual decay. Hurry, return to your true mother, the Russian Orthodox Church!" Pope Pius XII replied: "Who does not know, that Patriarch Alexius I recently elected by the dissident bishops of Russia, openly exalts and preaches defection from the Catholic Church. In a letter lately addressed to the Ruthenian Church, a letter, which contributed not a little to the persecution?" (...) According to Christopher Andrew and Vasili Mitrokhin, both Patriarch Alexius and Metropolitan Nicholas "were highly valued by the KGB as agents of influence."

Klemens Scheptyzkyj jedenfalls starb 1951 im Gefängnis. Es ist an dieser Stelle zur Kenntnis zu nehmen, daß das Moskauer Patriarchat in Sowjetzeiten zwischen 1943 und 1959 mit Unterstützung des Staates religionsimperialistisch gegenüber der ukrainischen Kirche aufgetreten ist, dessen religionsimperialistische Ansprüche in Richtung Moskau spätestens seit 1939 bekannt waren (siehe oben). Über das oben erwähnte Troice-Sergiev-Kloster, 70 Kilometer nordöstlich von Moskau lesen wir noch (Wiki):

1946 konnte wieder eingeschränkt das religiöse Leben (...) aufgenommen werden, nachdem Teile der Klosteranlagen der russisch-orthodoxen Kirche zurückgegeben wurden. 1948 nahm die Geistliche Akademie auf dem Klostergelände wieder den Lehrbetrieb auf.

Und wir lesen weiter (Wiki):

Zwischen 1945 und 1959 erreichte die Zahl der wiedereröffneten Kirchen 25.000. Um 1957 waren 22.000 russisch-orthodoxe Kirchen wieder aktive geworden.
Between 1945 and 1959 the number of open churches reached 25,000. By 1957 about 22,000 Russian Orthodox churches had become active.

1959 bis 1989 - Erneute Unterdrückung der russisch-orthodoxen Kirche

Doch zwischen 1958 und 1964 war Nikita Chruschtschow an der Macht. Er hat sich 1959 auf seinem USA-Besuch in Camp David und anderwärts sehr gut mit den dortigen Kapitalisten verstanden, etwa mit Bernard Baruch. Und anläßlich seines Besuches kam es auch zu Absprachen zwischen westlichen und östlichen Geheimdiensten, unter anderem dahingehend, daß der sowjetische Geheimdienst durch Hakenkreuzschmiereien im Westen eine dortige erste Welle der "Vergangenheitsbewältigung" in Gang bringen sollte, um die Wiederbelebung eines deutschen Nationalismus zu verhindern. In seinem Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche sah die von ihm durchgeführte "Entstalinisierung" keineswegs besonders deutlich nach "Entstalinisierung" aus. Wiederum ein Umstand, der wenig bekannt sein dürfte (Wiki):

1959 initiierte Nikita Chruschtschow seine eigene Kampagne gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche und veranlaßte die Schließung von etwa 12.000 Kirchen. Um 1985 waren weniger als 7000 Kirchen aktiv geblieben. Es wird geschätzt, daß bis zum Ende der Chruschtschow-Äre 50.000 Priester exekutiert worden waren. Angehörige der Kirchenhierarchie kamen ins Gefängnis oder wurden ausgewiesen, ihre Stellungen wurden durch gefügigere Priester eingenommen, von denen viele in Beziehungen zum KGB standen.
1959 Nikita Khrushchev initiated his own campaign against the Russian Orthodox Church and forced the closure of about 12,000 churches. By 1985 fewer than 7,000 churches remained active. It is estimated that 50,000 clergy were executed by the end of the Khrushchev era. Members of the church hierarchy were jailed or forced out, their places taken by docile clergy, many of whom had ties with the KGB.

Wendejahr 1989. Die Hoffnungen der katholischen Kirche in Rom fliegen hoch auf, ihren Machtbereich in der Ukraine wieder zu gewinnen. In dem schon zitierten Time-Artikel heißt es (5):

Der Hauptgrund dafür, daß Gorbatschow noch nicht mehr für die ukranischen Katholiken getan hat, war der Druck der russischen Orthodoxie, die in einigen Regionen damit rechnen muß, die Hälfte ihrer Herde zu verlieren.
The major reason that Gorbachev has not done more for the Ukrainian Catholics has been pressure from the Russian Orthodoxy, which stands to lose half its flock in some regions.

Ja, sogar die Hoffnungen auf Wiedervereinigung er Ostkirche mit der Westkirche flogen damals hoch auf in Rom (5). Es wurde auch eine zweite Rechristianisierung in der vormaligen Sowjetunion vorausgesehen (5).

1989 - Der Jesuit Otto Messmer in Gottesdiensten bei den Rußlanddeutschen

In diesem Umbruchjahr 1989 entstand auch eine Fernsehdokumentation über jenen damals 28-jährigen Jesuiten Otto Messmer SJ, der dann 2008 in Moskau ermordet worden ist, ein Ereignis, auf das wir in einem älteren Blog ausführlich eingegangen waren (3). Einige Ausführungen, die wir als Aktulisierung in den früheren Blogartikel mit hinein genommen haben, können auch noch einmal in diesen aktuelleren Blogartikel aufgenommen werden.

Abb. 2: Szene aus der Dokumentation von 1989 mit Otto Messmer SJ während eines Gottesdienstes für Litauer (4)

Seit Jahrzehnten betreibt die katholische Kirche eine sogenannte "Ostpriesterhilfe". Bei dieser geht es letztlich um die eben schon erwähnte zweite Rekatholisierung Rußlands und anderer osteuropäischer Länder. Diese "Ostpriesterhilfe" betreibt neuerdings auch einen reich bestückten Youtube-Kanal. Und auf diesem findet sich seit 2020 eine Film-Dokumentation aus dem Jahr 1989, in der ab Minute 21'54 über die seelsorgerische Arbeit des im Jahr 1989 28-jährigen Jesuiten Otto Messmer in verschiedenen katholischen Gemeinden in Rußland berichtet wird. Einleitend heißt es dazu in ihr (4):

Es gibt wenige so glaubensstarke Familien wie die Messmers. Von den neun Kindern der Witwe sind fünf Söhne Priester geworden.

Von diesen fünf katholischen Priestern sind drei Jesuiten geworden. Otto Messmer nimmt in den Filmsequenzen die Beichte ab, er segnet, er verteilt Oblaten. Die unterwürfigen Blicke, mit denen die Gläubigen der von Messmer betreuten Gemeinden auf ihn blicken, sein "hoheitsvolles" Gebaren, sein arroganter, verachtender Blick, all das läßt einen mehr als befremdlichen, ja, beklemmenden Eindruck zurück (Abb. 2).

Solch ein beklemmendes kirchliches Leben hat es in Europa oft noch bis lange nach 1945 gegeben. Und wer weiß, ob das nicht auch heute noch vergleichsweise weit verbreitet ist. Trotz all der "Querelen", die die Öffentlichkeit der westlichen Welt mit dern Kirchen hat, insbesondere mit der katholischen. In einem Nachruf auf Nikolaus Messmer, einen der Brüder von Otto Messmer, wird 2016 aus dem Nachruf auf Otto Messmer in der Jesuiten-Zeitschrift "Weltweit - Das Magazin der Jesuitenmission" aus dem Jahr 2006 zitiert (pdf; sowie: Katholisches 7/2016):

Seine Eltern sind ein Zeugnis dafür, wie Rußlanddeutsche unter den Sowjets im Untergrund an ihrem Glauben festhielten und ihn an ihre Kinder weitergaben. Die Eltern stammen aus Speyer bzw. Kandel im Schwarzmeergebiet und wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem sogenannten Warthegau wieder in die Sowjetunion deportiert. Es gelang ihnen, sich bis nach Karaganda durchzuschlagen, dem Zentrum der katholischen Untergrundkirche. Dort wurden Otto und auch alle seine 5 Brüder und 3 Schwestern geboren. Geprägt wurde Otto durch den litauischen Jesuitenpater Albinas, der nach seiner Zeit im Gefängnis in Sibirien von 1975 an auch in Karaganda wirkte. Pater Albinas gründete das Noviziat im Untergrund, in das auch Otto eintrat.

Das sind also jene Katholiken, denen Klemens (Klymentij) Scheptyzkyj (1869-1951) (Wiki) seit 1939 "Exarch von Rußland" hätte sein können - wenn er denn hätte können und wenn die Übertritte von Priestern von der katholischen Kirche zur ukrainisch-orthodoxen Kirche ebenso leicht möglich gemacht worden wären wie sie in der Familie Scheptyzkyj gelebt worden sind.

Der hier erwähnte Pater Albinas äußert sich auf Youtube übrigens ebenfalls kurz über das Gemeindeleben in Karaganda (Yt). Sein Wirken wird auf Wikipedia herausgestellt (Wiki). Soweit dazu.

Bezeichnenderweise heißt der Kanal von "Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" heute immer noch "Kirche in Not" statt "Kinder in Not" .... Man findet da ganz aktuelle Videos mit so bigotten und glaubenskämpferischen Titeln wie:

  • "Chinas Katholiken - Avantgarde des neuen China?"
  • "Die Ukraine, eine Hochburg der Ökumene" (in drei Teilen) ("Ökumene" also wie sie vom Papst immer schon relgionsimperialistisch verstanden wurde ....)
  • "Verfolgung zu erleiden, ist ein Privileg"
  • "Politischer Machtkampf oder religiöser Eifer" (keine Analyse von Katholizismus, sondern vom Islam)
  • "Weißrußland: Same unter den Dornen"
  • "Neue Wege der Evangelisierung" (sprich der Mission, Gegenreformation und Geistesknechtung)
  • "Kirchenkrise und kein Ende - Laufende Medienkampagnen gegen die Kirche"
  • "Der Zölibat, kein Joch, sondern ein Geschenk"

Allein diese wenigen Titel zeigen, auf was für eine fremdartige und befremdliche Geisteswelt man hier stößt. Sogar die alte Christa Meves kommt auf dem Kanal mehrfach zu Wort, der vormalige Geheimkatholik Klaus Berger, der Vorstreiter kinderreicher Familien Jürgen Liminski. All das kann man nur mit großer Beklemmung zur Kenntnis nehmen.

Klaus Mertes, dessen glaubenskämpferische Stellungnahme zum Mord an Otto Messmer im Jahr 2008 so bemerkenswert schien (3), ist im Jahr 2021 übrigens Superior des Ignatiushauses in Berlin geworden. Er kehrte also dorthin zurück, wo er schon vormals auf "Vorposten" stand im katholischen Kampf gegen russischen Atheismus und russische Orthodoxie in Osteuropa. Und ausgerechnet dort im Ignatiushaus ist der "Jesuiten-Flüchtlingsdienst" (Wiki) angesiedelt. Was einen auf den Gedanken bringen könnte, daß sogar ein wahrer Kern in den Behauptungen Rußlands und Weißrußlands stecken könnte, die Migrationskrise in Weißrußland wäre vom Westen aus eingefädelt worden.
 
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*) Dieser Großvater war ein Salzburger, der am 28. August 1914 hundert Kilometer nördlich von Lemberg in zu jenem Zeitpunkt für die k.u.k.-Armee noch siegreichen aber verlustreichen Kämpfen bei Tomaszow als 22-jähriger Gefreiter eine schwere Fußverletzung erlitt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er durch die Schwere der dortigen Kämpfe auch traumatisiert worden (St.Nat. 2014).
**) Noch weitere Einzelheiten: In der Ukraine wurde der Einmarsch der Deutschen und die Befreiung vom Kommunismus zunächst weithin als große Erleichterung empfunden. Vor allem auch angefeuert durch den Metropoliten von Lemberg gründeten die ukranisch-nationalistischen Kreise rund um Stefan Bandera (1909-1959) (Wiki) einen unabhängigen ukranischen Staat (2):

Der Segen und die Zustimmung des Metropoliten waren für die Befürworter und Drahtzieher der damaligen Ereignisse von "überragender politischer und moralischer Bedeutung". Sie galten für sie retrospektiv als eine Art Legitimation  ihrer  Handlungen  und  als  Bestätigung der Richtigkeit dieses Schrittes.

Diese Aussage wird von Historikern dahingehend eingeschränkt, als darauf hingewiesen wird, daß der Metropolit von Lemberg die heidnischen Tendenzen der Bandera-Bewegung zugleich auch kritisch gesehen hat (2). Also eine ähnliche Einstellung wie sie die katholische Kirche auch sonst gegenüber dem Dritten Reich zeigte. Die Staatsgründung durch die ukranischen Nationalisten wurde durch die deutsche Reichsregierung wieder aufgehoben. Über den Metropolit Andrej Scheptyzkyj ist dann zu erfahren (2):

Etwa  acht  Monate  nach  dem  Beginn  (...) der  deutschen  Besatzung  Galiziens  begann  sich  bei  Sheptytskyj  eine  Wende  in seiner Einstellung zum deutschen Regime und dessen Politik zu vollziehen. (...) Spätestens im Februar-März 1942 verschwindet in Sheptytskyjs Schreiben der anfängliche Optimismus allmählich. Exemplarisch für diese Stimmungs-Änderung ist die bittere Feststellung Sheptytskyjs im Brief an Pius XII. vom 28. März 1942: Als irreführend bezeichnete er in  dem Schreiben, daß die  Deutschen vorgetäuscht hätten, die Ukrainer seien ihre „Freunde“ und „Verbündete“. Er behauptete, bereits wenige Wochen nach dem Beginn der deutschen Besatzung erkannt zu haben und sich seitdem „hunderte Male“ überzeugt zu haben, daß alles gelogen wäre.

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  1. Bading, Ingo: Warum zündelt Weißrußland mit einer "Migrationskrise"? 15.11.2021, https://studgenpol.blogspot.com/2021/11/ruland-in-seinem-spannungsverhaltnis.html
  2. Andriy Mykhaleyko: Metropolit Andrey Graf Sheptytskyj und das NS-Regime. Zwischen christlichem Ideal und politischer Realität. Brill, Schöningh, 22 Nov 2019, https://www.schoeningh.de/view/title/55672
  3. Bading, Ingo: 2008 in Moskau brutal ermordet - Der oberste Jesuit Rußlands, 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/03/ermordet-im-kampf-fur-den-rechten.html  
  4. Gyöngyössiy, Imre u.a.: Katholiken in Sowjet-Mittelasien. Kirche in Not / Ostpriesterhilfe in Zusammenarbeit mit der Satellit-Film GmbH 1989 [auf Youtube seit 2020], https://youtu.be/e36jLnt3mKM.  
  5. Ostling, Richard N.: Cross Meets Kremlin Sunday. Gorbachev's historic visit to Pope John Paul II seals a truce after 72 years of bitter spiritual warfare, Time, 4.12.1989, http://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,959164,00.html, (auch: Archive
  6. Tréguer, Pascal: History of the phrase "How many divisions has the Pope?", https://wordhistories.net/2019/08/23/how-many-divisions-pope/
  7. Foreign Relations of the United States. The Conference of Berlin. (The Potsdam Conference) 1945. Volume II, Washington 1960, (G-Bücher), S. 252

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