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Mittwoch, 19. August 2026

"Wo saßet ihr ..."

Sonette an die Zeit

I

Wo saßet ihr, als wir auf raschen Wegen
hinuntereilten in das Stahlgewitter?
Wo häuftet ihr das Korn, als wir im Regen
und Schlamm uns bogen, selber Korn dem Schnitter?

Wo aßet ihr der Halme gelben Segen,
als unser Brot im Blute wurde bitter?
Und konntet euch zum Weibe ruhig legen,
wenn wir hinaufschrien bis zum Sternengitter.

Vergittert rundum, o wie Gitter schlossen
uns tausendfach ans Sterben Stahl und Blei.
Wie Strand, zerfressen, schützend und umflossen,

Ihr standet weit, vielleicht im Schmerz dabei.
Doch als wir heimgekehrt mit leeren Trossen,
da war für uns klein Platz im Rate frei.

II

Da sitzen sie und mischen ihren Brei:
Der sprach kein Wort, das nicht sein Wohlsein galt.
Der lügt sogar im Schweigen. Der ist treu
dem Pfeffersack und der ist kindischalt.

Der ist ein Schaf und schwänzelt wie ein Leu.
Der lächelt süß, sein Herz ist dürr und kalt.
Der weiß sehr viel, drum sitzt er auch dabei.
Und der ruft nach, was ihm entgegenschallt.

Und jeder dreht des Volks Kolumbusei.
Im Hirne kriecht der Hoffart nasser Wurm.
Hier ist für uns kein Platz im Rate frei.

Wir standen kühl und schweigend vor dem Turm.
Die Uhr schlug an. Wie spät es denn wohl sei,
wir fragten nicht, wir wußten: Vor dem Sturm.

                                         Heinrich Zillich

Im Dritten Reich sind um 1935 herum Gedichtsammlungen erschienen (Beispiele: 1, 2), die einen so ganz andersartigen Geist atmen als alle Gedichte, die nach 1945 veröffentlicht worden sind. Gedichte wie das vorstehende (aus 1) können aber eine geistige Haltung verständlich machen, bringen sie auf den Punkt, aus denen heraus das Dritte Reich entstanden ist und die zumindest in seinen Anfangsjahren auch seine emotionale Grundhaltung bildete.

Abb. 1: Aus: Frontbilder 1918 von Litographien von Elk Eber (1892-1941) (Wiki)

Es ist der sogenannte "Frontkämpfergeist". Es gab ja sogar den "Roten Frontkämpferbund" (Wiki), den paramilitärischen Wehrverband der Kommunistischen Partei Deutschlands. In diesem wurde vermutlich gar nicht einmal so ganz anders gedacht als es in vorstehendem Gedicht wiedergegeben worden ist (Wiki):

Die Spannungen im Alltagsleben in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ergaben sich neben der Niederlage, dem Verhalten der Siegermächte sowie der politischen Zerrissenheit und Radikalisierung auch aus der großen Zahl (um die 5 Millionen) von meist demobilisierten Soldaten. In ihren Reihen entwickelte sich eine spezifische Frontkämpferkultur, die unabhängig von der politischen Richtung der jeweiligen Gruppe oder Formation über gleiche Rituale und ein bedingt gleiches Selbstverständnis verfügte.

Diese "Frontkämpferkultur" und dieser "Frontkämpfergeist" bildeten also einen ganz wesentlichen Teil der emotionalen Grundlagen der Anfangsjahre des Dritten Reiches. Der Dichter Heinrich Zillich (1898-1988) (Wiki), von dem diese "Sonette an die Zeit" stammen, stammte aus Siebenbürgen. Er hatte am Ersten Weltkrieg bei den Tiroler Kaiserjägern teilgenommen.

Ein weiterer Dichter, der zu dieser Literatur beigetragen hat, war der Marineoffizier Bogislav von Selchow (1877-1943) (Wiki). Er hatte sich als Angehöriger der Kaiserlichen Marine während des Ersten Weltkrieges zum Marinekorps nach Flandern versetzen lassen und dort am Krieg teilgenommen. Von ihm stammen Gedichte wie:

Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag

Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag,
Mit heißem Blut
Und harten Händen.
Er kann durch einen starken Schlag,
Er kann an einem starken Tag,
Hat er nur Mut,
Das Schicksal wenden.
Du glaubst nicht, was ein Mensch vermag. 

Von ihm stammt auch das folgende Gedicht:

Du

Die deutschen Berge brennen
Rot vor Scham,
Weil sie es nicht fassen können,
Wie alles kam.

Es glühen die deutschen Fluren
In wehem Leid,
Seit sie die Schande erfuhren,
Die Schande der Zeit.

Es bäumen sich deutsche Meere
Gegen den Strand;
Sie haben deutsche Ehre
Anders gekannt.

Und ob der Schmach, der feigen,
Die alles nahm,
Deutsche Eichen neigen
Ihr Haupt vor Gram.

Nur einer sieht der Schande
Gelassen zu;
Deutscher in deutschem Lande,
Das bist Du!

Der Idealismus und der heiße Wille, Gutes für Deutschland tun zu wollen und das unendlich große Unrecht, das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zugefügt worden ist, "wiedergutzumachen", der aus all diesen Gedichten spricht, dieser wird seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als "sinnlos" erachtet. Er wird sogar für das ganze Unheil verantwortlich gemacht, das während des Zweiten Weltkrieges über Deutschland, Europa und die Welt gekommen ist.

Nun, es ist ja immer gut, wenn ein Schuldiger gefunden ist.

Alle sonstigen Mitschuldigen sehen durch diesen dann plötzlich wie die reinsten Unschuldslämmer aus - und betreiben ihr unheilstiftendes Handwerk weiter. Noch dazu lächerlich billig vertarnt.*) Und es ist ihnen nur recht, daß sich ihnen kein Idealismus und kein heißer Wille mehr entgegen stellt.

Die Dichter solcher Gedichte freilich hatten dazu schon nach dem Ersten Weltkrieg das Ihrige zum Ausdruck gebracht. Ist ein solcher heißer Wille wirklich so "sinnlos"? 

__________

*) Aber wie kann überhaupt noch von "Tarnung" die Rede sein, wenn ein Blick - sagen wir - auf die Epstein-Files gerichtet wird?

__________

  1. Kampfgedichte der Zeitenwende. Eine Sammlung aus deutscher Dichtung seit Nietzsche. Albert Langen / Georg Müller, München 1935
  2. von Selchow, Bogislav: Von Trotz und Treue. N. G. Elwert Verlag, Marburg 1936

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Jung sein, heißt: die Welt zu heben aus den Angeln, wenn sie rosten

Ein Gedicht, das dem Bloginhaber schon seit seiner Jugendzeit (um 1985 herum) wichtig war, soll hier einmal zur Veröffentlichung gelangen. Es hat keinerlei Vergessenheit verdient.

Abb. 1: "Speerwerferin" - Skulptur des Bildhauers Ernst Seger (1868-1939) aus dem Jahr 1937, Grugapark Essen


Jung sein

Jung sein, heißt die Zukunft zwingen,
ihr bestimmte Formen geben!
Mit sich selbst muß Jugend ringen
will sie bau’n ein starkes Leben!

Jung sein, heißt: für alles Hohe,
alles Schöne, alles Freie
in sich schüren hell zur Lohe
der Begeistrung lautre Weihe!

Jung sein, heißt: mit starken Händen
fest das schwerste Schicksal packen,
alles Leiden muß sich wenden,
beugst du nicht vor ihm den Nacken!

Jung sein, heißt: des Lebens Pforten
zu umranken rot mit Rosen,
heißt: mit Tat und Flammenworten
Trost zu reichen Hoffnungslosen!

Jung sein, heißt: die Welt zu heben
aus den Angeln, wenn sie rosten,
Lust zu streuen, Glück zu geben,
alle Seligkeit zu kosten!

Jung sein, heißt: im Lebenslenze
mitzutun der Menschheit Kriege,
jeder Tag reicht neue Kränze,
neue Wunden, neue Siege!

Abschließend noch einige Worte zur Erläuterung: Es handelt sich hier um ein Gedicht des Arbeiterdichters Ludwig Lessen (1873-1943) (Wiki). Offenbar ist es erstmals veröffentlicht worden im Jahr 1924 und wäre dementsprechend ein Ausdruck des kulturellen Aufbruchgeistes der damaligen Zeit (1). Die Zeitschrift "Der Steinarbeiter" brachte 1929 Zeilen aus dem Gedicht (2). Eine Vertonung des Liedes, die nach unserer Meinung das Gedicht aber keineswegs aufwertet, ist 1934 von Ernst Lothar von Knorr (1896-1973) (Wiki) veröffentlicht worden (s. deutscheslied) (s. Yt). 

Über das Büchlein von 1924, das dieses Gedicht - wohl - enthält, finden wir die Worte (ZVAB):

Man braucht den Jahren nach kein Junger mehr sein und kann dennoch mit den Jungen fühlen und denken. Das trifft auch für den zu, der die Gedichte dieses Büchleins den jugendlichen Arbeitern als Gabe reichen möchte. Von einem, der also fühlt und denkt, wollen die Gedichte erzählen, dessen Titel einer Anfangszeile eines in dem Buche enthaltenen Liedes entnommen ist. Ludwig Lessen, eigentlich Louis Salomon, geboren: 17. 09. 1873, gestorben: 11. 02. 1943, deutscher Lyriker, Redakteur, Journalist, Herausgeber, 1933 erhielt Lessen als Jude und Sozialdemokrat Berufsverbot. Die ständigen Verfolgungen durch die Nationalsozialisten trieben ihn 1943 zum Selbstmord.

Und noch zum Vorschaubild: In Nordrhein-Westfalen sind mehrere Skulpturen des Bildhauers Ernst Seger aufgestellt (s. Kulturraum).

________

  1. Ludwig Lessen: Wir wollen werben, wir wollen wecken: Gedichte für die arbeitende Jugend. Arbeiterjugend-Verlag, 1924 (42 Seiten) (GB)
  2. Der Steinarbeiter. Zeitschrift des Zentralverbandes der Steinarbeiter Deutschlands. 13.7.1929 (pdf)
  3. Adalbert Wichert: Lessen, Ludwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 335 f. (Digitalisat)
  4. Ingmar Burghardt: Jung sein, 8.5.2024 (Yt2024)

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