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Mittwoch, 19. August 2020

Jesus - Ein grundgütiger jüdischer Missionar

Michael Blume, der Religionswissenschaftler - Er vertritt immer betonter religiös-jüdische Positionen

Mit dem früheren Religionswissenschaftler und heutigen Antisemitismus-Beauftragten von Baden-Württemberg Michael Blume standen wir vor zehn Jahren in freundschaftlichem, wissenschaftlichen Austausch zu vielen spannenden Fragen der Evolutionären Religionswissenschaften. Damals ist uns nicht in der Deutlichkeit bewußt geworden, was inzwischen in seinen öffentlichen Äußerungen immer ausgeprägter hervortritt, nämlich daß er unverhüllt und unverbrämt religiös-jüdische - und damit zugleich jüdisch-missionarische Positionen vertritt (Scilogs).

Auch nur ansatzweise kritische Stellungnahmen oder auch nur Zwischentöne zum Prinzip Monotheismus und zu all dem, was aus diesem Prinzip folgt, wird man bei ihm zu allen Zeiten vergebens finden (oder irren wir uns?). Ist das eines ausgewogen urteilenden Religionswissenschaftlers würdig?

Andererseits wird ein Höchstmaß an Geisteskraft aufgewandt, um das Prinzip Monotheismus in allen denkbaren Argumentationssträngen nach außen hin abzusichern und als unangreifbar, unkritisierbar darzustellen. Am liebsten natürlich mit der Antisemitismus-Keule. Was hätte man auch sonst noch?

Man bedenke: das Prinzip Monotheismus, das heute von allen Seiten im Grunde längst als das lächerlichste religiöse Prinzip erkannt ist, das denkbar ist und das die religiös und ethnozentrisch am leichtesten durchschaubaren Motive enthält, nämlich ethnozentrisch-jüdische, sprich völkisch-jüdische Motive. Für diese Motive steht Michael Blume aber immer dezidierter auch ganz persönlich ein. Ein wenig merkwürdig kommt uns das vor. Geradezu wie eine "Wandlung". Aber vielleicht wird einfach nur immer deutlicher, unverhüllter, wie Michael Blume immer schon eingestellt war. Vielleicht hebt er diese Einstellung nun nur unverschleierter hervor. 

Albrecht Dürer - "Jesus unter den Schriftgelehrten"

Sehr gut kann das aufgezeigt werden an seinem neuesten Blogartikel (Scilogs). Für das Gemälde von Albrecht Dürer "Jesus unter den Schriftgelehrten" (Abb. 1) ...

Abb. 1: Albrecht Dürer - Jesus unter den Schriftgelehrten

.... findet er die folgende, unseres Erachtens völlig unausgewogene, völlig einseitige und damit völlig falsche Charakterisierung (Scilogs) (Hervorhebung nicht im Original):

... Entsprechend dominierte in den christlichen Gemälden zum kindlichen Jesus im Tempel der Kontrast: Hier der weiße, erleuchtete Christus, dort die dunklen, verstockten, jüdischen Schriftgelehrten. Die semitische Alphabetschrift-Bildung ist hier zum Vorwurf der vermeintlich angeborenen Schlauheit und Verschlagenheit geworden. Ein bedrückendes Beispiel dazu fertigte Albrecht Dürer (1471-1528) um 1506: Bei ihm sind einige jüdische Schriftgelehrten nicht nur häßlich und nah am Tod, sondern geradezu teuflisch geraten. Jesus hat sich von ihnen bereits ab- und nach innen gewandt. Die ur-semitische Szene war antisemitisch umgedeutet worden. Daß der kleine Jesus drei Tage inmitten dieses Hasses im Tempel geblieben und überlebt haben soll, paßt in keiner Weise zur Feindseligkeit, die hier gemalt wurde.

Hier schimmert bei Michael Blume sogar eine emotionale Ablehnung christlicher Positionen hindurch, soweit und solange sie auch nur ansatzweise als "antisemitisch" begriffen werden können. Auch nur in den leichtesten Anflügen, und sei es auch nur, indem er etwas sieht, was gar nicht vorhanden ist. Wir halten - mit Verlaub - die Charakterisierung dieses Gemäldes für völlig überzogen. Die Schriftgelehrten sind alle - wie zumeist bei Dürer - als achtenswerte, ältere Männer dargestellt, sogar mit innerer Schönheit (was Michael Blume gar nicht wahrzunehmen scheint - aber das muß er ja auch nicht ...). Nur auf das einzelne Gesicht rechts vom Jesusknaben könnten die Worte von Michael Blume - bei der schlechtestmöglichen Deutung - zutreffen. Sieht man auf diesem Gemälde Haß? Ich, der Autor dieser Zeilen, sehe diesen auf diesem Gemälde schlichtweg nicht. Hier sieht Michael Blume etwas hinein, was gar nicht da ist. Und das mag einem sehr ungut erscheinen. Da mag über Michael Blume jeder denken, was er will. Ein deutscher Antisemitismus-Beauftragter, der schon in solchen Gemälden Antisemitismus sieht? Gott, Jehova, hilf! Oder Thor. Oder Odin. Oder sonstwer.

Ohne alle kritischen Einwände oder Vorbehalte bringt Michael Blume dann ein Beispiel für eine jüdische Jesus-Rezeption, die er - offenbar - für vorbildlich, für einen "Höhepunkt", und zwar nicht für einen "bedrückenden" hält (Scilogs):

Einen späteren Höhepunkt erlebte die jüdische Jesus-Rezeption mit dem norddeutschen Rabbiner Jacob Emden (1697-1776), der im 18. Jahrhundert schrieb, daß – Zitat -: „Jesus der Welt eine doppelte Güte zuteil werden ließ. Einerseits stärkte er die Torah von Moses in majestätische Art … und keiner unserer Weisen sprach jemals nachdrücklicher über die Unveränderlichkeit der Torah."

Nebenbei: Was für Worte. Es geht um nichts geringeres als um das Alte Testament, das durchtränkt ist von Völkermord, Völkerhaß und Rassismus. Und weiter:

"... Andererseits beseitigte er die Götzen der Völker und verpflichtete die Völker auf die sieben Noachidischen Gebote, so daß sie sich nicht wie wilde Tiere des Feldes aufführten, und brachte ihnen grundlegende moralische Eigenschaften bei … Christen sind Gemeinden, die zum himmlischen Wohl wirken und zu Dauerhaftigkeit bestimmt sind. Ihre Bestimmung ist zum himmlischen Wohl und die Belohnung wird ihnen nicht versagt bleiben.“

Jesus also als grundgütiger jüdischer Missionar. Der zudem die "Unveränderlichkeit" des Alten Tesaments "in majestätischer Art" stärkte. Was möchte man eigentlich mehr? Dies ist in der Tat ein sehr interessantes Zitat. Aber vorbildlich? Das ist einfach nur eine ethnozentrische, religiös-jüdische, missionarische Position. Die nichtjüdischen Völker verehren "Götzen", also Teufel, solange sie nicht an den jüdischen Gott glauben und sie führen sich wie wilde Tiere des Feldes auf, ihnen waren noch grundlegende moralische Eigenschaften beizubringen.

Keinerlei Vorbehalte, keinerlei Distanzierung von Michael Blume gegenüber diesem Zitat, das von vorne bis hinten alttestamentarischen Geist atmet wie er ethnozentrisch-jüdischer und religiös-missionarischer und implizit rassistischer (andere Völker und Kulturen, sowie ihre Wertigkeit abwertend) nicht sein könnte.

Nebenbei sei bemerkt, daß es völlig lächerlich ist, die jüdische Religion als die erste Schriftreligion zu bezeichnen (wie das Michael Blume in dem angeführten Artikel tut). Das ist eine merkwürdige Verliebtheit in diese Religion. Die bürgerlichen Schichten der antiken Welt waren alle sowohl religiös wie gebildet wie "schriftgelehrt". Es ist schon einigermaßen merkwürdig, was auf den Scilogs an unwissenschaftlichen Einseitigkeiten und Verliebtheiten alles veröffentlicht werden kann.

Die Grundaussage seines Artikels ist übrigens mit weiteren religions- und geistesgeschichtlichen Lächerlichkeiten befaßt. Aus antisemitischen Motiven habe man Ende des 19. Jahrhunderts Jesus nicht als Juden sehen wollen - was er natürlich immer war und immer sein wird.

Im Kommentarbereich seines Blogs findet eine sachliche, kritische, inhaltliche Auseinandersetzung wie vorstehend in diesem unseren Blogartikel unternommen, gar nicht mehr statt. Auch wir bitten diesen Blogartikel nur als nebensächliche Randbemerkungen aufzufassen. Er handelt von geistes- und religionsgeschichtlichen Fragen, mit Verliebtheiten, die lange - lange - verstanden sind. Und die doch von der Geistesgeschichte längst ad acta gelegt sind.

/ Nachbemerkung: Als Staatsbeamter dürfte Michael Blume inzwischen den einen oder anderen Mitarbeiter und damit auch den einen oder anderen Ghostwriter haben. Vielleicht ist es insofern auch gar nicht ganz richtig, solche Texte als Ausdruck gar zu persönlicher Überzeugungen und "Erkenntnisse" anzusehen. / 

Die beiden Michaels - Ballweg und Blume

Nachtrag 13.10.2020: Mit einem Interview für die TAZ (1) hat Michael Blume bei der Querdenken-Bewegung für heftigen Unmut gesorgt. Seine darin enthaltenen Theorien über antipreußische Ressentiments in Sachsen und Baden-Württemberg gegenüber "Berlin" seien hier einmal übergangen. Da scheint er doch "Verschwörungsmythen/Verschwörungstheorien" zu unterstellen, an deren Überprüfung, bzw. Überprüfbarkeit einem nicht zwangsläufig besonders viel liegen muß. (Hach, bin ich wieder böse in den Formuierungen, - - - Schulterklopf!) Ein wenig interessanter darf man vielleicht finden, daß hier - soweit ich sehe zum ersten mal in der gegenwärtigen Öffentlichkeit - die Anthroposophie in diesen Zusammenhängen zum Thema macht. Er macht das freilich nicht besonders konkret und detailliert. Zum Beispiel weist er nicht darauf hin, daß jener Ken Jebsen, den er ja wenig später ausdrücklich anspricht, auch aus dem Umfeld der Anthroposophen stammt. Blume geht also seiner These nicht sehr detailliert nach in diesem Interview. Immerhin, auf die Frage, warum ein Schwerpunkt der Querdenken-Bewegung im Südwesten Deutschlands zu finden ist, sagt er unter anderem (1):

Das liegt zum einen an der evangelischen Strömung des Pietismus, der sagt, man muß die Wahrheit selbst überprüfen. Die meisten heute schauen dafür dann aber nicht mehr in die Bibel, sondern ins Internet. Und wir haben die Anthroposophie, die sagt, wir haben ein überzeitliches Wissen. Da soll man sich von den Wissenschaften nicht unbedingt reinreden lassen.

Das finde ich immerhin eine wichtige, womöglich auch notwendige Aussage. Inwiefern sich Lebenseinstellungen, wie sie in größerer Häufigkeit in einem anthroposophischen Lebensumfeld vorzufinden sind, auf die Wirklichkeitswahrnehmung heutiger Menschen weit über dieses Lebensumfeld hinaus auswirken, ist - soweit ich das überblicke - noch wenig erforscht. Aber Michael Blume gibt hier einen sehr brauchbaren Hinweis, wie ich finde, wenn er von "überzeitlichem Wissen" spricht, was man hier glaubt zu besitzen, das sich dem jeweils aktuellen Stand des Wissens - scheinbar - nicht mehr wirklich der Überprüfung stellen muß, da seine "Überzeitlichkeit" ja von vornherein gesichert ist. Es würde dann also so etwas ähnliches vorliegen wie die - zuvor angesprochene - Bibel, von denen ja auch viele behaupten, sie würde "überzeitliches Wissen" beinhalten, das nicht zwangsläufig und durchgängig in konsequenten Abgleich gebracht werden müßte mit dem heutigen Kenntnis- und Bewußtseinsstand. (Und wenn, dann auf ziemlich "komplizierte", umständliche, sprich überhaupt nicht überzeugende Weise.)

Komisch ist, daß Michael Blume vor allem, bzw. nur auf den Pietismus Bezug nimmt, wenn er von der Anforderung spricht, man müsse die Wahrheit selbst überprüfen. Schließlich ist das schlichtweg die Aufforderung der Aufklärung. Aber - geschenkt! Worauf dieser Nachtrag aber eigentlich hinaus will, ist der Umstand, daß es einem doch mehr als berechtigt erscheint, wenn sich Michael Ballweg gegen die Aussagen, Verunglimpfungen wehrt, die in diesem Interview von Michael Blume formuliert werden, wenn er auf die Frage "Sind denn die selbsternannten Querdenker automatisch Antisemiten?" sagt (1):

Der Antisemitismus bildet beim Verschwörungsglauben immer die Spitze, weil alles darauf hinausläuft, daß Juden die Weltverschwörer sind. Bei Querdenkern war das von Anfang an sehr stark. Michael Ballweg hat zu seiner ersten großen Demonstration den Antisemiten Ken Jebsen eingeladen. Sein Pressesprecher ist in der Reichsbürgerszene aktiv. Dazu kommt das Bekenntnis zur QAnon-Bewegung, die die Erzählung verbreitet, eine Elite, zu der natürlich auch Juden gehören, halte sich durch die Körperzellen von Kindern jung. Das ist nur die etwas modernisierte Fassung von antisemitischen Mythen aus dem Mittelalter.

Das finde ich ein außerordentlich krasses Zitat von Seiten eines Staatsbeamten. Sehr kraß. Und zutiefst unredlich. Ken Jebsen einfach nur "cum grano salis" als "Antisemiten" zu bezeichnen - ist das wirklich redlich? Ist das redlich? Ich meine nicht. Diese ausufernde Antisemitismus-Riecherei bei Michael Blume - ich stehe ihr - wie ich ja oben schon beim Thema Dürer zum Ausdruck gebracht habe - mit der allergrößten Skepsis gegenüber. Mit der allergrößten Skepsis.

Und soll das nun heißen, daß jeder, der mit Ken Jebsen zusammen arbeitet, ebenfalls zurecht des Antisemitismus verdächtigt wird? Wieviele hunderte und tausende von Denkern, die sich am Rande oder abseits des Mainstream bewegen, würden davon dann mitbetroffen sein? Wie obskur ist das denn? Das geht einfach zu weit. Viel zu weit.

Zu dem Pressesprecher will ich jetzt nicht recherchieren. Für mich wäre auch die Frage: Ist man als "Reichsbürger" zwangsläufig antisemitisch? Das ist mir alles zu holzschnittartig gezeichnet, entschieden zu holzschnittartig. Dasselbe gilt für QAnon. Wenn ich Blume (ich meine: "Michael", wir waren ja mal per Du) recht verstehe, ist QAnon deshalb antisemitisch, weil sie einer Elite böse Dinge unterstellt (ich verkürze). Und einer Elite würden ja auch Juden angehören. Und Juden hat man ja schon immer böse Ding unterstellt. So kann man jede Eliten-Kritik als antisemitisch umdeuten. Jede.

Michael, Michael, Du gehst einen sonderbaren Gang. Diese krasse Art zu verunglimpfen, geht in weiteren Teilen des Interviews übrigens weiter:

Antisemitismus bildet da eine Querfront für eine Bewegung, die nur durch ein gemeinsames Feindbild verbunden sind, nicht durch eine positive Vision.

Das ist mir einfach bei weitem nicht sauber genug durchdekliniert und differenziert genug formuliert so wie sich das für einen ordentlichen Wissenschaftler gehört und so wie ich das - auch - bei Michael Blume eigentlich immer als selbstverständlich unterstellt hatte. Michael Blume höhnt dann auch noch auf Twitter, daß Michael Ballweg sich gegen diese undifferenzierten Vorwürfe wehrt (2).

Nachtrag, 13.9.2023: Michael Blume berichtet, daß sein Familienname Blume jüdischer Herkunft ist und im 18. Jahrhundert von Juden angenommen worden ist, daß die Träger dieses Namens aber schon früh zum Christentum übergetreten seien und dann nichtjüdische Ehepartner geheiratet hätten (Scilogs12.9.2023):

"Früh zum Christentum konvertierte Blumes wie meine Vorfahren vermischten sich dagegen - laut Genauswertungen meiner Familie kamen vor allem skandinavische und dann norddeutsche Einflüsse hinzu. Eine Großmutter heiratete aus der Schweiz ein."

Uns drängt sich insgesamt der Eindruck auf, als ob sich bei Michael Blume vergleichsweise früh im Leben eine besondere Identifikation mit dem Judentum angebahnt hat (oder auch von außen bei ihm angebahnt wurde), obwohl er offenbar vornehmlich nichtjüdische Vorfahren hatte. Diese besondere Identifikation konnte dann bei seinem offenbar geringen Anteil jüdischer Vorfahren in der männlichen Linie anknüpfen.


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  1. Benno Stieber: Antisemitismusbeauftragter Michael Blume über Corona-Leugner, 2.10.20, https://taz.de/Antisemitismusbeauftragter-ueber-Corona-Leugner/!5712778/ 
  2. https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1312798966535393280

Freitag, 21. Dezember 2018

Ausnahmesituationen des Lebens - Religiöse Menschen kommen mit ihnen besser zurecht

Erörterungen auf der diesjährigen Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft in Nürnberg

Zeitschrift der Feuerbach-Gesellschaft
Spannende Fragen wurden auf der jüngsten Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft in Nürnberg erörtert, auf der der emeritierte kirchenfreie Soziobiologe Eckart Voland und der emeritierte katholische Informatiker Bernd Schmidt referierten. Der Humanistische Pressedienst schreibt zur dortigen Diskussion abschließend (1):
Wie auch Voland in seinem Vortrag erklärt hatte, gibt es ja tatsächlich ernstzunehmende empirische Evidenz dafür, daß Gläubige mit Ausnahme-Situationen des Lebens, die von Angst, Streß und Schmerz geprägt sind, im statistischen Mittel besser fertig werden.
Folgt man Ludwig Feuerbach, der in seinem Werk dafür warb, Menschen nicht nur als Vernunftwesen, sondern auch als Wesen mit emotionalen Bedürfnissen zu verstehen, müssen Schmidts Schlußfolgerungen also nicht nur provozieren, sondern können auch zum Anlaß genommen werden, um zu fragen: Gibt es wirklich keinen Ersatz für Religion in dieser emotionalen Funktion? Und wenn doch: Was wirkt außer Religion noch emotional stabilisierend in möglichen Krisen? Und: Habe ich persönlich genug dieser haltgebenden Faktoren in meinem Leben?
Was für grundlegende Fragen. Gerne würde man noch einmal die wissenschaftlichen Studien durchsehen, in denen diese empirische Evidenz herausgearbeitet ist. Aber es wird sie sicher geben. Im "lustigen", gedankenlosen oder streßreichen Alltag sind solche grundlegenden Fragen verdrängt. Eckart Voland beendete seinen Vortrag mit dem Satz (zit. n. 2):
Wenn Religiosität Naturgeschichte hat, dann können wir erwarten, daß Aufklärung und Wissenschaft sie niemals verdrängen können.
Mit dieser Aussage gehe ich vollkommen einig. Sie hätte gerne auch im Bericht des "Humanistischen Pressedienstes" enthalten sein können. Womöglich aber wollte man der teil-atheistischen Leserschaft so weitgehende Aussagen nicht zumuten. Allerdings kann man noch viel, viel weiter gehen und sagen:
Religiosität hat Naturgeschichte - und Aufklärung und Wissenschaft werden mit modernen, nicht-supranaturalistischen, nicht-okkulten Formen von Religiosität die Menschen und Völker der Nordhalbkugel wieder emotional und damit auch demographisch stabilisieren. Das ist die große Erwartung, die - etwa - in der bis heute sehr wissenschaftsnahen Philosophie von Mathilde Ludendorff enthalten ist, die moderne, philosophisch nachvollziehbare Sinnangebote für Menschen und Völker bereit hält, zumal für Völker in geschichtlichen Ausnahmesituationen
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  1. Brynja Adam-Radmanic: Ist Religion in ihrer emotionalen Funktion ersetzbar?  Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft. 9. Nov 2018, https://hpd.de/artikel/religion-ihrer-emotionalen-funktion-ersetzbar-16164 
  2. Ulrike Ackermann-Hajek: Bericht vom Tagesseminar der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft am 27.10.2018 in Nürnberg, http://www.ludwig-feuerbach.de/denkmal.htm#n3

Sonntag, 16. September 2012

Das subversive Lächeln in christlichen Kirchen

Wenn man immer wieder salbungsvolle christliche Sonntagsandachten im Radio zu hören kriegt, fragt man sich, wie eigentlich die Menschen in früheren Jahrhunderten auf all dieses "Salbungsvolle", Unechte, Gemachte reagiert haben. Was findet man zum Beispiel, wenn man in der Google-Bildersuche nach Anschauungs-Material für die folgenden Gedichtzeilen sucht:
Diethelm Trausenit

(1349)

Diethelm Trausenit, warum bot
bei Sankt Stephan dir niemand Dach und Gelaß?
Sie scheun wohl in deiner Zunge den Spott,
in deinen Augen den Haß.

Die Heiligen, die dein Meißel weckt,
die tragen dein eigen unheilig Gesicht.
Sie stehen steif, sie lächeln versteckt:
aber fromm sind sie nicht.

(...)

(Josef Weinheber)
Abb. 1: Die Lächelnde Madonna von Lauter (um 1260 n. Ztr.) (südliche Rhön)
"... aber fromm sind sie nicht." - Man meint doch, solche christlichen "Heiligen"-Figuren zu kennen. Aber im Netz sind sie gar nicht so leicht zu finden. Das könnte einen überhaupt auf das Thema "Lächeln und subversives Grinsen in der Kunst" bringen. Wie steht es da zum Beispiel mit dem Lächeln der vorklassischen, griechischen Skulpturen, dem "heiteren" (?) "ionischen Lächeln"? Und mit so vielem anderen Lächeln und Grinsen auf diesem Gebiet? Hier jedenfalls noch zwei weitere Netz-Funde:

Abb. 2: Naumburger Stifterfiguren - Man beachte vor allem die grinsende "Reglindis" ganz rechts
Abgesehen davon, ob wir uns heute "Erlöste" oder "Heilige" oder vorbildlich "Gläubige" so vorstellen wie in diesen Bildern noch einmal die Frage: Darf man in christlichen Gottesdiensten heute nicht mehr so subversiv grinsen wie es doch sogar die in den Kirchen stehenden Figuren selbst tun? - - -

Man möchte meinen, wer religiöse Gemeinsamkeit mit anderen Menschen sucht, sollte ihnen mitunter auch zu erkennen geben, wenn er das Gefühl hat, daß er diese gerade in diesem Augenblick nicht empfindet und sieht. Waren die mittelalterlichen Menschen, Künstler da bewußter oder unbewußter ehrlicher als wir heute? Wir haben alles fein säuberlich getrennt: Auf der einen Seite der ernste Gottesdienst und die salbungsvollen (Radio-)Morgenandachten. Und auf der anderen Seite die Talkshow. Und beide haben nichts miteinander zu tun. - Vielleicht liegt da überhaupt das ganze Problem? ...

Abb. 3: "Erlöste" - Fürstenportal Bamberger Dom
- - -
Soweit der kurze - und auch reichlich krude - Gedankengang eines Blogbeitrages, wie er seit dem 16. Dezember 2007 auf dem Vorgänger- und Parallelblog dieses Blogs zu lesen gewesen war und ist. - Mit welcher Überraschung muß man als Autor dieses alten Blogbeitrages nun zur Kenntnis nehmen, daß gut vier Jahre nach seinem Erscheinen, nämlich vom 27. April bis zum heutigen Tag, den 16. September 2012, im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz eine Sonderausstellung stattgefunden hat mit dem Titel: "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter - Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters" (s. Abb. 4).

Abb. 4: "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter" - Sonderausstellung in Mainz, 2012 
Das muß einem ja geradezu so vorkommen, als hätte man mit seinem Blogbeitrag vor knapp fünf Jahren die erste Anregung zur Zusammenstellung dieser Ausstellung gegeben. Diese Ausstellung greift, wie allseits zu lesen, ein Thema auf, das noch keine vorherige Kunstausstellung in dieser Weise aufgegriffen hatte. Und merkwürdiger Weise hatten wir im Dezember 2007 die Idee zu diesem Thema. Ob man in Mainz zur gleichen Zeit auf fast dieselben Ideen gekommen ist wie wir? Vielleicht lag das Thema damals einfach in der Luft? (!!!) - - -

Der Tenor in dieser Ausstellung scheint nun - was man in ersten Berichten so liest - nicht auf dem Thema der Subversivität des Lachens zu liegen. Aber wir werden uns den Ausstellungsband besorgen, um zu sehen, was dort aus dem Thema gemacht worden ist. Und wie differenziert und mit welchen Tiefgang es ausgearbeitet und ausgelotet worden ist.
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  1. Wilhelmy, Winfried: Seliges Lächeln, höllisches Gelächter. Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters.  Schnell & Steiner-Verlag, 24. April 2012 (Amazon)

Sonntag, 16. Mai 2010

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Was die westliche Welt alles von einem kleinen Volk im Amazonas lernen kann

Der Sprachforscher Daniel Everett, er, der den großen Sprachforscher Noam Chomsky wissenschaftlich "alt" aussehen ließ (1, 2), macht derzeit unter Atheisten, Humanisten und Naturalisten die Runde: Als christlicher Missionar besuchte er einen Indianerstamm am Amazonas. Aber statt daß er diesen Indianerstamm bekehrt hätte zu Jesus Christus und zum christlichen Glauben, wird vielmehr er selbst durch durch diesen Indianerstamm, seine Zufriedenheit, seine Fröhlichkeit von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches der christlichen Religion überzeugt.

Und ebenso von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches so mancher anderen "Religion". Etwa der "Religion" vom universalen "Sprachinstinkt" aller Menschen (Steven Pinker), der "Religion" von der "angeborenen Universalgrammatik" aller Menschen (Noam Chomsky). Sein nun auch ins Deutsche übersetztes Buch (1) ist außerordentlich lesenswert, mehr aber noch, wenn man danach die beiden in diesen Beitrag eingeflochteten Film-Dokumentationen sieht.

Der Originaltitel seines Buches sagt mehr als der Titel der deutschen Übersetzung und würde auf Deutsch lauten: "Schlaf nicht, es gibt Schlangen!" Das sagt der Indianerstamm der Piraha (Wiki) sich gegenseitig anstelle unseres: "Gute Nacht!" Und in der Tat ist das - wie so vieles andere - für uns ein etwas skurriler Gutenacht-Gruß. Aber die Piraha meinen ihn wörtlich: Die ganze Nacht hindurch redet irgendjemand im Dorf weiter und schwätzt.

Die Forschungen von Daniel Everett bestätigen die Forschungen des Sprachforschers Wilhelm von Humbold, sowie die Sapir-Whorf-Hypothese (Wiki): Die Kultur, Lebens- und Denkweise eines Volkes bestimmen die Art der von diesem Volk benutzten Sprache. Und umgekehrt bestimmt die Art der von diesem Volk benutzten Sprache die Wahrnehmungen und das Denken dieses Volkes, das auf diese Weise eine ungeheuer starke Anpassung an seine Umwelt erfährt.

Gibt es "eine" Wahrheit für "alle Völker"?

Die Piraha zeigen, daß die Theorie der angeborenen Universalgrammatik Noam Chomsky's der vorgefundenen Wirklichkeit bei den Völkern nicht gerecht wird - oder höchstens sehr unvollständig - gerecht wird: Unser Denken und unsere Wahrnehmungen sind, wie die Forschungen der letzten Jahre immer mehr erhärten, kulturell von unserer jeweiligen Muttersprache tiefgehend und einzigartig vorgebahnt. Jede Kultur, jedes Volk der Welt hat seine eigene unverwechselbare, einzigartige Sicht auf die Welt, interpretiert die Welt und das menschliche Zusammenleben auf seine ihm ganz eigenartige Weise.

Es gibt also keine Religion, keine Wahrheit, die für alle Völker auf der Welt in gleicher Weise gültig sind. Man kann sich eine sechsminütige, deutschsprachige Vorstellung des sehr lesenswerten, neu erschienen Buches von Daniel Everett über seine Forschungen und über seinen persönlichen religiösen Weg ansehen (YtARD). Man kann einen Mann der Piraha sprechen hören, jenes Volkes, dem die Forschungen Daniel Everett's gelten (s. Yt oder Yt). Und es findet sich ein einstündiger (englischsprachiger) Vortrag von Daniel Everett über seine Forschungen (Fora.tv).

Von diesem Vortrag kann man sehr profitieren, um so mehr, wenn man zuvor sein Buch gelesen hat. Durch das persönliche Erzählen von Seiten Everett's bekommen die Piraha eine Lebendigkeit und damit eine Liebenswürdigkeit, daß man ihnen und ihrem Erforscher mit großer Sympathie gegenübersteht. Es gibt übrigens inzwischen viele Vortragsausschnitte, in denen Daniel Everett von seiner "Bekehrung" durch die Piraha berichtet (Beispiele: Yt1, 2, 3, ...).

Gibt es eine universelle Sprache auf dem Gebiet des Religiösen?

Ein Volk, das keine Zahlen kennt, sondern daß "per Sprache" unfähig und dem es auch ganz und gar gleichgültig ist, den Geist des Neuen Testamentes zu verstehen, bzw. seine tieferliegende religiöse Konzeption. Mit diesem Volk wird also nicht nur eine "universelle Grammatik" auf dem Gebiet der Sprache infrage gestellt, sondern auch gleich noch eine von den meisten Menschen und Wissenschaftlern heute vorausgesetzte "universelle Sprache" auf dem Gebiet der Religiosität. Daniel Everett setzt an das Ende seines Buches das Kapitel "Ein Missionar wird bekehrt" (S. 385ff). Er schreibt, wie ihn 1983 sein Piraha-Sprachlehrer eines morgens beim Kaffee ansprach:

He, Dan, ich muß mit dir reden. Die Piraha wissen, daß du deine Familie und dein eigenes Land verlassen hast, um hierherzukommen und bei uns zu leben. Wir wissen, daß du das alles getan hast, um uns von Jesus zu erzählen. Du willst, daß wir wie Amerikaner leben. Aber die Piraha wollen nicht wie Amerikaner leben. Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht. Aber wir mögen dich. Du kannst bei uns bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?

Was für ein souveränes Volk. Mit genau diesem Adjektiv bezeichnet schließlich auch Everett selbst die Piraha (S. 396). 

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Aber in einem neuen Anlauf und mit sehr ernster Miene nannte Everett den Piraha irgendwann später seine persönlichen Gründe, wie er zum Glauben an Jesus Christus gekommen sei. Everett war nämlich "bekehrt" worden, so erzählte er ihnen sehr ernst, unter anderem durch den Selbstmord seiner Stiefmutter. Davon erzählte er den Piraha mit bewegten Worten ausführlicher. Und er endete:

Ich erklärte, dies sei eine sehr ernste Geschichte.
Als ich geendet hatte, brachen die Piraha in Gelächter aus. Das kam, gelinde gesagt, unerwartet. Ich (...) rechnete damit, daß mein Publikum ehrlich beeindruckt war: Ich hatte Schlimmes durchgemacht, und Gott hatte mich da herausgeholt.
"Warum lacht ihr?", fragte ich.
"Sie hat sich selbst umgebracht? Ha ha ha. Wie dumm von ihr. Piraha bringen sich nicht selbst um."
Sie waren nicht im Mindesten beeindruckt. Die Tatsache, daß ein mir nahestehender Mensch sich das Leben genommen hatte, war für sie ganz eindeutig keinerlei Grund, an meinen Gott zu glauben. Ganz im Gegenteil: Es hatte genau die entgegengesetzte Wirkung.

Souveräne, vorbildliche Menschen. Nicht im geringsten lassen sie sich in ihrer eigenen Wertewelt erschüttern. Tod ist ein trauriges Ereignis für Piraha, wie auch Everett berichtet. Aber sie haben keine Angst vor ihm. Und so souverän, eigenständig in ihrem Wertesystem, so wirken sie auch in den Videoaufnahmen. Warum kommen uns die Menschen gerade überall dort mitunter so vorbildlich vor, wo Weltreligionen wie Christentum oder Islam noch nicht hingekommen sind? Was hat das Christentum, was hat der Islam mit den Menschen gemacht? Warum diese schlotternde Angst vor dem Tod? Warum dieses unwürdige Kriechen vor ihm?

Waren unsere eigenen heidnischen Vorfahren möglicherweise in früheren Zeiten auch einmal souveräner und in ihrer Wertewelt eigenständiger und haben "Missionare" einfach nur - - - ausgelacht? Und welche Macht maßen sich heute noch diese monotheistischen Interessenklüngel in der westlichen Welt an ... Was geht es sie an, was andere Leute glauben? Warum sagen wir ihnen nicht auch einfach:

Ihr könnt bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?
____________

  1. Everett, Daniel: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. Deutsche Verlags-Anstalt, 15. Februar 2010 (Bücher)
  2. Henk, Malte: Gixai kaxaxai - Die Sprache der Piraha. In: Geo, 1/2010, S. 48 - 70 (im Netz eine --> zu kurze Version - aber mit Video und Hörbeispielen)
  3. Weigmann, Katrin: Beeinflußt Sprache unser Denken? (Spektrumdirekt, 23.3.2007)

Mittwoch, 3. Februar 2010

"Religiöser werden für mehr Kinder?", fragt die "Zeit"

Am 23.1. wurden in der "Zeit" kurz die Thesen von Religionswissenschaftler Michael Blume angeführt (1). Ausgangspunkt ist übrigens, daß sich der Optimismus von Michael bezüglich der neuen Familienpolitik von Ursula von der Leyen bis heute nicht bestätigt hat. Die Berechtigung für diesen Optimismus wurde von "Studium generale" schon vor zwei Jahren angezweifelt, woraufhin Michael eine Wette abschließen wollte darüber, wer Recht behalten würde (- hoffentlich erinnert er sich noch daran!). Im Grunde stand dieser Optimismus ja auch im Widerspruch zu Michaels eigenen Kernthesen. Will heißen: Mit finanzieller Förderung allein kann man die Geburtenrate um keinen Deut heben derzeit in Deutschland. Zumal wenn sie so ungenügend bleibt und so ungleich, halbherzig, knauserig verteilt wird, wie man sich das spätestens seit den Zeiten Konrad Adenauers angewöhnt hat in Deutschland.

Aber der Schlußsatz des genannten neuen "Zeit"-Artikels lautet ebenso wenig optimistisch:
Wer den Glauben an die Familienpolitik verloren hat, aber zum Glauben an Gott nicht zurückkehren will, kann auch für eine massive Einwanderung plädieren und für eine rasche Aufnahme der Türkei in die EU.
Nicht berücksichtigt wird bei den bisherigen Erörterungen, daß auch eine "Rückkehr" zum Namenschristentum wie es konfessionell gebundene Menschen heute im Durchschnitt leben, die Geburtenrate allenfalls nur um 0,1 Kinder pro Frau oder Mann erhöhen würden. Es müßte sich schon mindestens um eine Rückkehr zu einer Religiosität wie die der Freikirchen handeln, wenn man zu halbwegs bestandserhaltenden Geburtenraten zurückkehren will.

Im Widerspruch zu der "Zeit"-Stellungnahme von Seiten der Schriftstellerin Tanja Dückers (2) muß an dieser Stelle insbesondere betont werden, daß laut einer Studie von "Studium generale" (3) der Zusammenhang zwischen Religiosität und Kinderzahl auch anhand von überdurchschnittlich konfessionslosen Gruppierungen aufgezeigt werden kann, etwa anhand von Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben.

Beschäftigt Euch mit den Anthroposophen!

Es gibt also auch noch andere Gradmesser für solche Zusammenhänge als Gottesdienstbesuch oder Häufigkeit des regelmäßigen Betens.

Und das heißt, daß man auch auf einem solchen Weg wie dem der Anthroposophen oder auf ähnlich strukturierten Wegen "Neuer Religiosität" "religiöser werden kann für mehr Kinder". Wichtig scheint allerdings für einen solchen Weg zu sein - wiederum im Widerspruch zu Frau Dückers, für die moderne Religiosität offenbar nur als individuelle Religiosität vorstellbar ist -, daß bei solchen Wegen alle Faktoren, die zu positiver "Gemeindebildung" beitragen, berücksichtigt werden. Diese ist ja bei den Anthroposophen deutlich genug gegeben, ohne daß der Freiraum des einzelnen gar zu sehr eingeengt wäre, soweit man sieht.

Es geht also um den Faktor soziales Engagement ganz allgemein, der in einem Zusammenhang mit Religiosität steht - ebenso wie die Liebe ("belonging" in der Begrifflichkeit der amerikanischen Anthropologin Barbara King). Der Staat hat ein Interesse daran, daß über all diese Dinge sehr gründlich und intensiv nachgedacht wird. Und daß eben nicht nur über Geld nachgedacht wird.

Monotheistische Kreise lähmen dieses Nachdenken spätestens seit Konrad Adenauer stärker als daß sie es fördern würden, so "familienfreundlich" sie sich auch heute noch nach außen darstellen. Gerade auch deshalb sind die derzeitigen, kritischen, gesellschaftlichen Debatten rund um solche einflußreichen, elitären katholischen Organisationen wie den Jesuitenorden so wichtig.

Die oft sehr stark nachwirkenden, polarisierten Einstellungen innerhalb solcher Organisationen spielen innerhalb "gesellschaftlicher Eliten" eine viel größere Rolle, als nach außen hin sichtbar wird. Es sollte einmal deutlich nachgefragt werden, ob auf Seiten fanatisch überzeugter Katholiken überhaupt ein Interesse daran bestehen "kann", daß die Geburtenrate von so lauen Katholiken und Nichtkatholiken, wie sie heute in Deutschland und vielen Teilen der Nordhalbkugel leben, und wo die Menschen zudem allzu oft so papstkritisch sind, gehoben werden? Soll man denn die Hebung der Geburtenraten von ausgesprochenen "Ketzern" auch noch fördern?

Es seien hier noch einmal die abschließenden Sätze aus dem Beitrag vom 31. Januar zitiert:
Diese Lähmung gesellschaftlichen Aufbruchwillens geschieht beispielsweise auch durch ein Herabspielen der Bedeutung der modernen naturalistischen Weltsicht oder durch Mißdeutungen derselben. Denn eine naturalistische Weltsicht ist mit Monotheismus nicht mehr zu vereinbaren. Eine konsequent naturalistische Weltsicht gibt aber Anlaß, viele Dinge viel grundlegender neu zu durchdenken, als das bislang zumeist geschehen ist. Der amerikanische Anthropologe Joseph A. Tainter sprach schon im Jahr 1990 von mangelnder "Mindestproduktion von innovativem Wandel" als Ursache des "Zusammenbruchs komplexer Gesellschaften" (3).

Literatur:

1. Malte Lehming: Familienpolitik - Religiöser werden für mehr Kinder? In: Die Zeit, 23.1.2010
2. Tanja Dückers: Geburtenrate in Deutschland - Religiosität hilft nicht. In: Die Zeit, 1.2.2010
3. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Studium generale, 26.2.2008
4. Tainter, Joseph A.: The Collaps of Complex Societies. Cambridge University Press, 1990 (Bücher)

Dienstag, 26. Januar 2010

Margot Käßmann - inquisitorisch befragt im Ersten Deutschen Fernsehen

Die inquisitorische Art und Weise, in der Reinhold Beckmann am 11. Januar 2010 im Ersten Deutschen Fernsehen Margot Käßmann wiederholtermaßen gefragt hat, ob sie zu dem stehen würde, was sie über Afghanistan gesagt hat, erinnert einen "irgendwie" an eine andere inquisitorische Befragung durch einen anderen TV-Moderator. Damals ging es um eine andere Frau. (Eva Herman, befragt durch Johannes B. Kerner.)

Und man gewinnt den Eindruck, daß die dahinter stehende "Regie" und Absicht nicht nur äußerlich eine ähnliche ist. Man gewinnt den Eindruck, daß TV-Moderatoren von bestimmten politischen Kräften dazu benutzt werden, sich dazu benutzen lassen, Meinungen und Personen vor der Öffentlichkeit zu diskreditieren, "an den Pranger zu stellen", anstatt sie einfach als eine Meinung unter vielen zur Diskussion zu stellen.

Deshalb wird dieser Beitrag unter der Rubrik "gelenkte Demokratie" eingeordnet. Die "Befragung" in größerer Vollständigkeit hier:

Beckmann: Margot Käßmann (1/3)
Beckmann:Margot Käßmann (2/3)
Beckmann: Margot Käßmann (3/3)

An anderen Stellen dieser Befragung übrigens fühlt man sich an Prinzessin Diana erinnert, die in ihrem Leben auch an einer Stelle stand, an der eine "Scheidung" etwas eher "Unmögliches" war für die Öffentlichkeit. - Und drittens sollte man es bemerkenswert finden, daß sozusagen, wie Käßmann selbst erzählt, ihre religiöse und politische Erweckung in den frühen 1970er Jahren stattfand, als sie damals anhand des Vorbildes von Martin Luther King feststellte, daß gesellschaftspolitisches Engagement für mehr Gerechtigkeit aus dem religiösen Glauben selbst mehr oder weniger zwangsläufig folgt.

Die Amischen - einige Filmdokumentationen

Was für uns Europäer die naturverbundenen Alpenbewohner sind, die traditionell lebenden Bergbauern (soweit es sie noch gibt) mitsamt den ihnen eigenen "Postkarten-Idyllen", das sind für die US-Amerikaner die "Amish-People", genauer die "Old-Order-Amish" mit ihrer naturverbundenen Lebensweise, mit ihrer Pferde- und Fußgänger-dominierten Lebens- und Wirtschaftsweise, mit ihren vielen Kindern, eben: diese heile Welt.

Aber auch wer sich mit der menschlichen Religiosität aus evolutionärer Perspektive befaßt, der wird ziemlich bald auf den Zusammenhang von Religiosität und Kinderzahl stoßen, wie er insbesondere von dem Religionswissenschaftler Michael Blume thematisiert worden ist. Und auch auf dem Blog "Studium generale" ist das Thema Religionsdemographie schon sehr häufig behandelt worden. Auch etwa anhand der "religiösen Gruppierung" der Anthroposophen kann die Auswirkung von Religiosität auf überdurchschnittliche Kinderzahlen erforscht werden.

Eines der klassischen Beispiele jedoch für den Zusammenhang zwischen Religiosität, Kinderzahl und die Gruppen-stabilisierende Funktion von Religiosität ist die religiös-ethnische Gruppierung der Amischen, bzw. "Amish-People" in Nordamerika. Nach den "Hutterern" sind sie mit durchschnittlich sieben bis acht Kindern pro Frau, bzw. Mann die kinderreichste und sich am schnellsten verdoppelnde Bevölkerungsgruppe weltweit.

Leben in Mehrgenerationenhäusern auf dem Land

Und das, so möchte man sagen, "obwohl" sie Deutsche sind. Denn die sogenannten "Old-Order"-Amischen sprechen noch heute Deutsch als Muttersprache. Sie leben in "Mehrgenerationenhäusern" auf dem Land als Landwirte. Langzeitarbeitslose gibt es bei ihnen nicht. Auf einem Bauernhof, der nicht durchgängig mit modernen Maschinen betrieben wird, werden viele Arme gebraucht.

Sicherlich lebt die Mehrheit der Amischen in Nordamerika sinnvoller als die Mehrheit der Langzeitarbeitslosen und der alleinerziehenden Mütter in Deutschland. Darüber könnte auch einmal etwas gründlicher nachgedacht werden.

Auf "Studium generale" sind ja die Amischen schon häufiger behandelt worden (a, b, c, d, e, f, g). Auch Wikipedia gibt ausführlich Auskunft über diese interessante religionssoziologische Erscheinung.

Im Weltnetz sind nun in den letzten Monaten einige Dokumentar-Filme über die Amischen frei zugänglich geworden (s. a. Wikip.), auf die mit diesem Beitrag hingewiesen werden soll (1 - 5). Dokumentarfilme können oft noch einen besseren Eindruck von vielen Lebenszügen einer solchen Kultur wie der der Amischen vermitteln, als bloß Bücher, Berichte oder Fotos. Auch dann noch, wenn sie das Filmverbot der Amischen berücksichtigen und nur aus der Ferne filmen.

Die besten zugänglichen Dokumentarfilme sind leider auf Englisch. Dazu gehört "The Amish - A People of Preservation", eine Dokumentation, die offenbar schon in den 1970er Jahren entstanden ist (1). Dies ist ein sehr berührender Film. Er ist auch unter der Beratung des Soziologie-Professors John A. Hostetler entstanden, der das Standard-Werk zur soziologischen Erforschung der Amischen verfaßt hat. Und dieser Film ist offenbar, wenn man es recht versteht, im Jahr 2000 überarbeitet und aktualisiert worden (a, b, c).

Ein weiterer, sehr schöner Film, in dessen Mittelteil über längere Strecken die Geschichte der Amischen vielleicht allzu trocken rekapituliert wird - was man auch überspringen kann -, entstand 1998 (2). Auch er ist auf Englisch. Im gleichen Jahr entstand jedoch auch ein sehenswerter deutschsprachiger Dokumentarfilm (3).

Wenn der religiöse Gruppenzusammenhalt verloren geht ...

2008 und 2009 sind nun außerdem noch eine deutschsprachige und ein englischsprachige Dokumentation entstanden (4, 5), die vor allem über Familien berichten, die im Umbruch stehen zwischen einem traditionellen, gemeinschaftsbetonten "Old-Order-Amischen" Lebensstil, den eine neue Generation innerhalb dieser Familien in Teilen kritisch sieht, und dem modernen Lebensstil. Zwischenstufen zwischen beiden gibt es interessanterweise immer weniger.

Es rühren einen die hier dargestellten Probleme unglaublich "modern" an. Mit einem Schlag ist die Welt nicht mehr "amisch", sondern anders.

Diese Filme vermitteln dann also nicht mehr nur jene rundum "heile Welt", den die älteren Dokumentationen vermittelt haben, und die man auch einmal in ihrer Wirkung für sich stehen lassen könnte. Denn die Zahl der Abtrünnigen bei den "Old-Order"-Amischen ist in den letzten Jahren eher zurückgegangen denn gestiegen (siehe ältere Beiträge). Insofern dürften diese beiden letzten Dokumentationen nicht repräsentativ für die Old-Order-Amischen von heute sein. Nur lassen sich eben noch heute "abtrünnige" Amische eher interviewen, als solche, die nicht abtrünnig sind. Schon dieser Umstand für sich selbst berührt einen schmerzhaft: So redselig wie diese Abtrünnigen sind wir ja alle.

Dazu mu3ß man nicht mehr "Amischer" sein ...


Film-Dokumentationen (1975 - 2009):

1. Ruth, John L.: The Amisch - A People of Preservation. Film, 56 Min., Heritage Productions 1975, 1991, 2000. Auf: Veoh.com, auch auf Folkstreams. [24.1.10]
2. Gattuso, James A. Jr.: Reflections of Amish Life. Film, 59 Min., E.I.V. Book & Video Productions, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
3. Berger, Eva-Maria: Die Amish. Ein Bauernhof für unsere Kinder. Film, 59 Min., ORF/3Sat, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
4. Wegner, Wolfgang: Gottes stille Rebellen. Die Amish in den Rocky Mountains. Film, 28 Min., DOC-Team-Productions (ARD/MDR) 2008. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
5. Tait, Andrew: Trouble in Amish Paradise. Film, 60 Min., BBC 2, 2009. Auf: Veoh.com. Siehe auch eigene --> Netzseite zu diesem Film.

Samstag, 21. November 2009

Der Papst redet von Schönheit

Der Papst redet von Schönheit ...

Von der Schönheit ...
... der Kathedralen. (--> Yt.)

Dieses Ausführungen befriedigen nicht. Nicht wirklich. Sind es denn nur die Kathedralen, schwer und steinig, die man als ein Papst der Christenheit insbesondere in das Licht der Aufmerksamkeit stellen kann und sollte? Und die man den Künstlern unserer Zeit insbesondere als Vorbild hinstellen könnte? Und andere Kunstwerke Gottes, das heißt der Evolution und des Menschen eher weniger?

So sollen diese Ausführungen als ein Anlaß erachtet werden, einmal wieder auf eines der Lieblingskunstwerke von "Studium generale" aufmerksam zu machen. Auf Raffael's Bilderzyklus "Amor und Psyche" aus der Villa Farnesina in Rom (s. St. gen. a, b). Es handelt sich dabei um jene Kunstwerke Raffael's, die auffälligerweise am wenigsten von ihm bekannt sind. Aber auch von einem solchen Bilderzyklus sollte ein Papst doch sagen können:
Wenn Glaube und Kunst zusammentreffen, entsteht ein tiefer Gleichklang, weil beide von Gott reden können und wollen, (weil beide) das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verbinden.
Kann das der Papst nicht? Kann er tatsächlich so nur von ... Kathedralen sprechen?! Gibt es sie also? Und wirkt sie fort? Nicht nur eine mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, sondern auch eine solche zwischen Schön und Häßlich? ... Wer wollte daran noch Zweifel haben, wenn der Papst wieder einmal - immer noch - typisch "päpstliche" Verlautbarungen macht?

Mittwoch, 15. Juli 2009

Ist Religiosität per se konservativ-autoritär?

Zwillingsforscher Thomas Bouchard über seine früheren und aktuellen verhaltensgenetischen Forschungen

In der Zeitschrift "Science" vom 3. Juli gibt es auf Seite 27 ein Interview mit Thomas Bouchard, dem berühmten Zwillingsforscher, dessen Forschungen an getrennt aufgewachsenen, eineiigen Zwillingen in den 1970er Jahren in Deutschland unter anderem Hoimar von Ditfurth bekannt gemacht hat. Dieses Interview enthält mancherlei Bemerkenswertes zum Teil recht allgemeiner Natur und auch Hinweise auf sehr konkrete, neue Forschungsergebnisse der wenigen letzten Jahre. Da macht Bouchard unter anderem die doch recht bemerkenswerte Feststellung:
Academics, like teenagers, sometimes don’t have any sense regarding the degree to which they are conformists.
(Also: "Akademiker haben manchmal - ebenso wie Teenager - nicht den geringsten Sinn dafür, in welchem Ausmaß sie Konformisten sind.")

Und Bouchard gibt einige Beispiele für sein eigenes, lebenslang nonkonformistisches Verhalten im akademischen Bereich, das ja auch wirklich zu entscheidenen wissenschaftlichen Fortschritten beitragen konnte:
In the ’70s, when I was teaching research by [IQ researcher Arthur] Jensen and [twin researcher Francis] Galton, people picketed me, called me a racist, tried to get me fired. The progressive student association sent members in to ask hostile questions. … So I put a tape recorder on the podium and said: “I’m going to tape my lectures.” I never heard from them again. They knew what they were saying was nonsense and I would be able to prove it.
Widerlegte Vermutungen über Ursachen der Intelligenz-Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen

Viele Forscher heute machen sich gar nicht mehr klar, mit wieviel nonkonformistischem Verhalten von Wissenschaftlern eigentlich erst ihr eigenes Forschungsgebiet etabliert worden ist - und auch nur werden konnte. Und wie sehr es auch heute nonkonformistischen Verhaltens bedürfte, um das eigene Wissensgebiet wirklich effektiv weiter voran zu bringen. Bouchard:
We still have whole domains we can’t talk about. One of the great dangers in the psychology of individual differences is self-censorship. For example, when I was a student, it was widely accepted that black self-esteem was much lower than white selfesteem, and that was a cause of differences in achievement between the two groups. Now that’s been completely overturned—there is virtually no racial difference in self-esteem. But people had enormous amounts of data [showing this] that they didn’t publish because it did not fit the prevailing belief system. How much wasted effort was generated by the flawed self-esteem work as an explanation of the black-white IQ difference?
"Wieviel unnütz vertane Bemühungen ..." - weil Wissenschaftler sich zu konformistisch selbst zensieren.

Neueste Forschungen zur Erblichkeit religiöser Neigungen


Und was macht Bouchard zur Zeit?
Q: What are you working on now?
T.B.: I’m studying what I call the traditional-values triad: religiousness, conservatism, and authoritarianism. They correlate with each other. In our most recent paper [based on Minnesota twin data], we showed that the same genes affect all three traits. The superfactor [the underlying trait they share] is traditionalism; I think the underlying psychological process is the notion of obedience. It’s exactly the same trait that Stanley Milgram studied in the ’60s [when students willingly administered electric shocks to unseen victims]. Most researchers talk about obedience as being a bad thing. But it’s also the glue that holds societies together.
Ob das nicht auch Michael (Blume) interessieren könnte? Und wo das wohl veröffentlicht wird? - Es wäre insbesondere spannend zu sehen, welche Art von Religiosität hier im Vordergrund der Betrachtung von Bouchard steht. Ob es vielleicht doch vornehmlich die monotheistische ist, die zugleich auch von vornherein einen ausgeprägt autoritären Charakter aufweist. Nämlich mit einem personalen Gott als "dritten Bestrafer" im gesellschaftlichen "Third-Party-Punishment-Spiel". Eine Religiosität insbesondere auch, die in den letzten tausend Jahren Verhaltensneigungen selektiv bevorteilt haben könnte, die mit ihrem autoritären Charakter übereinstimmen? - Oder ob seine Forschungsergebnisse auf alle Formen von Religiosität gleichermaßen verallgemeinert werden können?

Samstag, 4. Juli 2009

Thank God for Evolution!

"Ingo Badings Begeisterung für das Buch ist ja richtig ansteckend,"
schreibt Kommentatorin "Mona" auf Michael Blume's Blog "Natur des Glaubens". Die Rede ist von dem Buch "Thank God for Evolution" von Michael Dowd. In jedem Fall ein spannendes Thema, das da zwei Michael's wieder einmal aufgeworfen haben.

Ja, danken wir Gott für die Evolution. Wenn wir uns darüber freuen, daß wir hier sein dürfen.

Freitag, 17. April 2009

... Religionsunterricht an Berliner Schulen

[Dieser Beitrag ist auf den anderen Blog verschoben worden, wo Unerheblicheres veröffentlicht wird. Um der Kommentare willen, die nicht verschoben werden können, verbleibt aber hier der Hinweis darauf.]

Freitag, 10. April 2009

Mono-A-theisten

Unüberwundenes monotheistisches Erbe

Man hat sich grad eben bei Edgar Dahl, dem "Libertarian", wieder einmal aufgeregt über die heutige Substanz- und Niveaulosigkeit in weltanschaulichen Diskussionen (a la "Ist der Atheismus eine Religion?") - wie sie eben gegenwärtig zwischen Mono- und A-theisten stattzufinden belieben (Libertarian):
... Solche Diskussionen wie diese hier fange ich immer mehr an, unter die Rubrik "unüberwundenes monotheistisches Erbe" ad acta zu legen. Warum ist es uns nicht gleichgültig, was Mono-theisten und A-theisten sich gegenseitig - aber sonst niemandem? - zu sagen haben? Weil wir dieses Erbe nicht überwunden haben - ?

Aber warum haben wir es nicht überwunden?

Ja, gute Frage eigentlich ...

Vielleicht weil wir heute zu konservativ geworden sind in unseren Denkhaltungen und Gesinnungen ... Den Leuten um 1800 und um 1900 jedenfalls wären solche Diskussionen wie sie heute so gern im geistigen "Ping-Pong-Spiel" geführt werden, reichlich platt vorgekommen. Man frage doch einmal Nietzsche. Oder Hölderlin. Oder Schiller. Oder Rilke. Ihr Blick war in viel weitere Fernen gerichtet. Die hatten ganz andere Dinge vor dem Horizont als wir heute allzu oft, so möchte man meinen.

Ergo: Wir sind ernüchtert worden durch das Scheitern der großen nichtchristlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts. Aber darf man sich durch dieses Scheitern ernüchtern lassen? Ist das erlaubt? Zumal wenn aus dieser Ernüchterung dann nur solche Diskussionen wie so oft heute herauskommen? (Z.B. dieses ewig sich gegenseitig wiederholende Vorwerfen von Verbrechen? A la: Atheismus führt zu Verbrechen. Monotheismus führt zu Verbrechen, bla bla bla.)

Ist doch eigentlich eine unglaubliche, maßlose, ungeheuerliche Ernüchterung und im Menschlichen eine Erniedrigung sondergleichen, so ganz im allgemeinen die argumentative Basis, auf der wir uns heute bewegen, wenn wir uns auf grundlegenderem weltanschaulich-diskursivem Terrain bewegen.

Kurz gefaßt: Unüberwundenes monotheistisches Erbe eben.

Diese Niveaulosigkeit wird hier auf dem Blog "Studium generale" nach und nach noch deutlicher herauszuarbeiten sein und ihr wird eine klarer umrissene Alternative gegenüberzustellen sein. "Studium generale" möchte sich aber zugute halten, daß es auch in den letzten Jahren sich auf derartige angedeutete Niveaulosigkeiten selten wirklich herabbegeben hat.

Aber auch das soll einen wahrlich nicht mit Genugtuung erfüllen, das hieße, die ganz falschen Maßstäbe zu verwenden. Wie überhaupt Maßstablosigkeit eines der Hauptcharakteristika im geistigen Leben unserer Zeit zu sein scheint. Der Verlust aller Maßstäbe.

Dienstag, 17. März 2009

Der "metaphysische Naturalismus" und seine Skeptiker

Manche Wissenschafts-Journalisten, Wissenschaftler und Philosophen verwahren sich heutzutage immer noch eifrig und allzu oft "staatstragend" dagegen, daß von einem "methodischen" auf einen "metaphysischen Naturalismus" geschlossen werden dürfe. Das heißt, daß man die Naturwissenschaft dazu benutzen würde, um sich Fragen nach dem Wesen der Welt zu beantworten. Da haben natürlich Theologen und Theologie-Sympathisanten so ihre Sorgen. 

Wo kämen wir da auch hin?

Physik-Doktorand Sven Kleßen vom Blog "Begrenzte Wissenschaft" hat sich nun dazu einmal, wie man finden kann, recht treffend geäußert (1, 2). (Aktualisierung 1.12.2023: Der Blog ist inzwischen leider auf privat gestellt.)

Es wäre auch merkwürdig, wenn einem Physiker, der um die Verrücktheit des erforschbaren Universums im Größten und im Kleinsten und im Komplexen weiß, solche Sprüche nicht auf den Nerv und den Keks gehen würden.

Nebenbei kritisiert in den Kommentaren ein "El Schwalmo" (wohl bekannt vom "Freigeisterhaus" der Giordano-Bruno-Stiftung) die gegenwärtige atheistische Propaganda, den "Agitprop" eben jener Giordano-Bruno-Stiftung ganz wie das auch hier auf dem Blog schon geschehen ist (GA-j!). Schön, daß man auch mit dieser Kritik nicht so ganz allein steht. Vielleicht bildet sich unter den Gebildeten der westlichen Welt ja doch allmählich einmal ein Konsens heraus in Bezug auf die Deutung der Stellung des Menschen in der Welt, in der Kosmologie und in der Evolution.

Ein Konsens jenseits vom "Agitprop" der einen wie der anderen Seite ...

_____________

  1. https://kamenin.wordpress.com/2009/03/08/wie-anmasend-muss-man-eigentlich-sein/
  2. https://kamenin.wordpress.com/2009/03/09/neutralitat-und-ihre-tucken-eine-antwort-an-reinhold-leinfelder/


Freitag, 27. Februar 2009

Atheistische "Propaganda"

Die Schalksnarren des Atheismus

Bisher hat dieser Blog Michael Schmidt-Salomon und der Giordano Bruno-Stiftung immer die Stange gehalten. Das kann man vielen früheren Beiträgen entnehmen. Aber irgendwann platzt einem auch einmal der Kragen.

Was ist denn das dauernd für eine mehr oder weniger kindische Schmalspur-Version von naturalistischem Humanismus? Soll man sich denn schämen für ein geradezu lächerliches, leeres, hohlgeistiges Weltbild? Wer regelmäßig beispielsweise auf auf unseren Blogs oder auf anderen Wissenschaftsblogs mit liest, weiß oder ahnt doch zumindest, was für spannende Dinge gegenwärtig in der Evolutionsbiologie und Kosmologie erörtert werden. Dem muss doch diese mehr oder weniger kindische "Propaganda"-Trommelei der Giordano Bruno-Stiftung, diese "neunmalkluge" Besserwisserei irgendwann einmal auf die Nerven gehen.

Richard Dawkins beispielsweise strahlt eine ganz andere geistige Haltung aus. Eine ernsthaftere. Nicht diese immer mehr in Unernsthaftigkeit abgleitende Haltung wie sie bei der GBS zu beobachten ist.

Als ob mit solch einer Bimmelei, wie sie die GBS derzeit betreibt, viel geholfen wäre. Seriöse, ernsthafte Wissenschaft überzeugt doch durch sich selbst. Und das gilt für Kultur, für Kunst, für Philosophie. Von der Giordano Bruno-Stiftung kommt das stattdessen ständig stärker herüber wie "gewollt und nicht gekonnt". Ach, wie so herrlich simpel ist die Welt und das Leben! "Ohne Gott."

Kann man die Kinder nicht mal in Ruhe lassen?!

Man sehe sich doch nur dieses ziemlich merkwürdige "Propaganda-Material" an, das da gegenwärtig ausgestreut wird. Diese merkwürdigen Kinderbücher, die provozieren sollen, die aber doch eigentlich nur verdreht und lächerlich sind. Diese sonderbaren ("Luschi"-)Video's (--> Beispiel 1, 2). Oder wie soll man das nennen? Soll man denn da auf den Arm genommen werden? Auf was sollen wir uns denn noch alles einstellen? Man entschuldige schon einmal. (Ein besseres Beispiel wäre da schon --> 1)

Warum überhaupt gerade Kinder und Jugendliche als erste Adressaten in weltanschaulichen Auseinandersetzungen wählen? Kann man die auch nicht einfach einmal nur in Ruhe lassen? Werden die nicht schon genügend den verschiedensten, sich gegenseitig widersprechenden Beeinflussungen ausgesetzt? Jetzt sollen sie sich auch noch mit atheistischer Propaganda auseinandersetzen? "Neunmal klug" über Evolution daherreden können? Erst lassen die Kirchen sie nicht in Ruhe, jetzt die Atheisten - ? Wie verdreht, wenn Erwachsene Kindern "Atheismus" beibringen wollen. Das erzeugt irgendwie Übelkeit in der Bauchgegend.

Aber was ist der aktuelle Anlass für diesen Beitrag? Im neuesten Rundbrief kommt die GBS wieder, wieder (!) einmal mit einem neuen "tollen" Vorschlag hervor: "Christi Himmelfahrt" soll künftig "Evolutionstag" heißen. - Wir scheinen ja auch wirklich keine anderen Probleme zu haben ...

Platschfüßig kommt die Absicht daher ...

Wie stellt man sich denn hier Kinder eigentlich vor? Nürnberger Trichter und rein?

Bei Theologen könnte man wenigstens noch sagen: Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Hier hingegen. Von wegen, man würde etwas "spüren". Die Absicht kommt hier so platschfüßig daher, dass man gar nicht mehr weiß, wie man an ihr vorbei sehen soll, peinlich berührt wie man von ihr ist. Und: ... Ach, herrje wie - - - "pfiffig"! Als hätte es die moderne Wissenschaft überhaupt nötig, dass in solcher Form für sie "Propaganda" gemacht würde. Man rede doch einfach sachlich über sie. Und Schluss. Dieses Getue. Um die moderne Wissenschaft wäre es wirklich schlimm bestellt, wenn sie solche Art von Verteidigung nötig hätte. (Eine Verteidigung die im Kern möglicherweise gar keine ist, sondern eher ein Angriff.)

Heute schon den Mainstream von morgen kennen lernen - das geht

Es kommt einem doch eher so vor, als solle hier die Öffentlichkeit "beschäftigt" werden, - wenn nicht belästigt. Statt dass sie mit den ernsthaften und mitunter brisanten Problemen konfrontiert würde, die es im Rahmen eines konsequent naturalistischen Weltbildes gegenwärtig und künftig zu diskutieren gibt. Es könnte stattdessen vielmehr darum gehen, die Menschen zu sensibilisieren für jene Entwicklungen, die in den nächsten Jahren auf unsere Gesellschaften aus weltanschaulicher Sicht zukommen werden. Und da gäbe es doch so viel zu tun. Und das könnte durchaus auch mit monotheistischem Erbe zu tun haben, das es vor allem zu überwinden gelten könnte. Denn an dem kauen wir rein kulturpsychologisch, mental, ja, polit-psychologisch, geschichtspsychologisch herum wie an dem zähesten aller zähen Ledersorten.

Und unsere Blogs versuchen immer wieder, auf solche Dinge hinzuweisen. Man könnte sie im Untertitel auch nennen: "Heute schon den Mainstream von morgen kennen lernen." Warum sollte das nicht möglich sein? Das kann auch ganz ohne Eitelkeit gesagt werden. Das sehen doch immer mehr, die die Situation überblicken. Ein solches Kennenlernen ist doch möglich. Die moderne Humangenetik und Evolutionsforschung machen doch viele Dinge immer unübersehbarer, wenn man sich nicht beduseln und einschläfern lässt, wenn man nicht sorgsam allen größeren intellektuellen und moralischen Problemen aus dem Weg geht. Man kann sachlich, ruhig und ernsthaft darüber reden.

Stattdessen jedoch immer wieder dieses "Gebimmel" der GBS. Da kann man ja nur hoffen, dass diese "Schalksnarren des Atheismus" bald wieder ihrer Wege weiter ziehen. Vielleicht sollten sie bei den Pinguinen in der Antarktis Propaganda für ihren "neunmal klugen" Atheismus machen? Die armen Pinguine! Wir jedenfalls hätten es dann hinter uns.

Sonntag, 15. Februar 2009

Die Gefahren der "Politischen Korrektheit", der monotheistischen Unfehlbarkeit und die Theorie kostspieliger Signale

Das "Karriereportal der Wissenschaft" (academics.de) wird in Zusammenarbeit der Wochenzeitung "Die Zeit" und der "führenden hochschul- und wissenschaftspolitischen Zeitschrift Deutschlands", "Forschung & Lehre" (herausgegeben vom "Deutschen Hochschulverband") betrieben, also der Interessen-Vertretung der deutschen Professoren und Dozenten.

Und auf diesem Portal findet man gegenwärtig gleich mehrere hochinteressante Themen behandelt, zwischen denen sich ein innerer sachlicher Zusammenhang herstellt, wenn man genauer hinschaut. Zum einen hat die Zeitschrift "Forschung & Lehre" in ihrer neuesten Ausgabe (2/2009) in gleich sechs Beiträgen die Gefahr der "Political Correctness" für die Freiheit von Wissenschaft und Lehre zum Thema. - Schüttel! "Die spinnen, die Römer!" Man darf davon ausgehen, daß diese Ausgabe schon vor dem Williamson-Skandal geplant gewesen war. Dennoch ein recht auffälliges, zeitliches Zusammentreffen.

Der Vatikan - religionsanthropologisch informiert?

Aber das gleichzeitig dort erscheinende "Zeit"-Interview von Wissenschafts-Journalist Ulrich Schnabel mit dem Religionswissenschaftler Richard Sosis darüber, wie die Stabilität von Religionen sichergestellt wird, bzw. werden könnte, weist einen Aktualitätsbezug auf, der geradezu atemberaubend ist. Auf Richard Sosis ist schon oftmals sehr wohlwollend Bezug genommen worden hier auf "Studium generale". Aber daß seine Erkenntnisse so unmittelbar auf die Tagespolitik, hier: die der katholischen Kirche, angewendet würden, darauf wäre man wohl bisher auch noch nicht gekommen.

Tatsächlich? Läßt sich die Politik der katholischen Kirche gegenwärtig von modernsten religionswissenschaftlichen, anthropologischen Erkenntnissen leiten? Darauf kommt man, wenn man dieses brisante und wichtige Interview studiert. (auch hier) Ulrich Schnabel stellt gleich zu Anfang eine hochbrisante Frage:
Professor Sosis, als Religionsanthropologe erforschen Sie Faktoren, die den Erfolg religiöser Kommunen ausmachen. Eines Ihrer verblüffenden Ergebnisse lautet: Je strikter eine Gemeinschaft das Leben ihrer Gläubigen reglementiert, umso dauerhafter ist sie. Gilt diese Erkenntnis auch für die katholische Kirche?
- Öha! Öha! Natürlich findet Sosis eine einigermaßen diplomatische Antwort (siehe daselbst ...), sagt aber dann:
... Im Großen und Ganzen würde ich Ihre Frage bejahen.
Und dann Schnabel noch brisanter (!) und konkreter:
Es gibt Wissenschaftler, die auf der Basis dieser Theorie (der soziobiologischen Theorie von den "kostspieligen Signalen") argumentieren, das 2. Vatikanische Konzil sei ein Fehler gewesen. Die damals beschlossene Liberalisierung habe den Gruppendruck gesenkt, der das Erfolgsprinzip religiöser Gemeinschaften ist. Aus dieser Perspektive wäre also ein eher konservativer Kurs angeraten.
Das 2. Vatikanische Konzil und die "Theorie kostspieliger Signale"

Wenn das keine Frage ist!? Tatsächlich? Sollte sich das gegenwärtige Handeln von Herrn Ratzinger-Benedikt von der Theorie kostspieliger Signale leiten lassen? Dann wäre praktisch alles erklärt, ja, alles. Mach es deinen Mitgläubigen schwer, nur dann sind sie wirklich bereit, Opfer zu bringen. Ob die Theorie auf die heutigen Katholiken in Deutschland und der Welt noch anwendbar ist? Hm, hm, hm. Stirnrunzel, Stirnrunzel, Stirnrunzel.

Recht "bescheiden" spricht Richard Sosis dann über seine eigene Religion, die jüdische, sie wäre in ihrer 2.000-jährigen Geschichte erheblich weniger erfolgreich gewesen als die katholische Religion. So schlicht sehen das heute allerdings nicht alle Anthropologen und Humangenetiker.

Man könnte vermuten, daß die Spekulationen von Schnabel und Sosis über die Zukunft der katholischen Kirche noch einen Aspekt zu wenig berücksichtigen, nämlich daß sich die katholische Kirche zunächst einmal klar machen müßte, zu welchem Prinzip sie sich wirklich bekennen will, zum Prinzip der wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, zu dem sich der Konvertit Bischof Williamson in Bezug auf zeitgeschichtliche Fragen bekennt oder zu dem Prinzip der letztlich mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, zu dem sich Angela Merkel, der Papst und so viele andere zumindest auf einem eng umschriebenen zeitgeschichtlichem Gebiet derzeit immer noch bekennen.

Angela Merkel und das politische Establishment sollten Jan Assmann studieren

Auf diesem Gebiet der "Politischen Korrektheit" wird eine der Kernfragen liegen. Und dazu macht das Themenheft "Forschung & Lehre" ja wiederum recht aufschlußreiche Ausführungen. Nicht alle Artikel dieser Ausgabe scheinen im Netz freigeschalten zu sein aber derjenige von Klaus Adomeit ist schon aufschlußreich genug, spricht über Jürgen Habermas und Ernst Nolte, also über den Historikerstreit von 1986, der bis heute die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt hat, und noch so viele wichtige anderen Dinge.

Die grundlegende Frage scheint einem doch - im Sinne der modernen Religionsanthropologie - diese zu sein: Will man Religiosität durch kostspielige Signale stabilisieren, die auf mosaischer Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch beruhen oder durch kostspielige Signale, die allein auf wissenschaftlicher Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch beruhen. Diese Frage scheinen sich die meisten Menschen in Deutschland und der Welt, denen Religiosität noch "irgendwie" wichtig zu sein scheint, auch in der Politik, nicht wirklich klar und eindeutig genug gestellt zu haben. Zum Beispiel unsere Bundeskanzlerin, die verehrte Frau Angela Merkel. Von der Klärung dieser Frage dürfte aber die künftige eher stärker freiheitliche oder eher stärker unfreiheitliche Entwicklung unserer Gesellschaft nicht zum geringsten abhängen.

"Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs"

Im Veranstaltungskalender des "Humanistischen Pressedienstes" wird auf Vorträge von Guntram Colin Goldner über den Dalai Lama in Hamburg, Hannover und Berlin hingewiesen (hpd): "Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs".

Dies soll zum Anlaß genommen werden, in unser Bücherangebot die gleichnamige Publikation dieses Autors aufzunehmen neben weiteren kritischen Veröffentlichungen aus der Feder des Autors (Bücherangebot). Er hat sich nämlich auch über die vielerseits populäre "Familienaufstellung nach Hellinger" kritisch geäußert.

Da man solche kritische Stimmen vergleichsweise selten hört, wird man sie als um so wichtiger erachten. Guntram Colin Goldner (Wikip.) ist auch Beiratsmitglied der Giordano Bruno-Stiftung. Sein Vortrag zum Thema in Linz letztes Jahr ist übrigens schon über das Internet anzuhören. (Atheisten.at)

Man muß zunächst hoffen, daß er zuverlässig arbeitet. Denn vieles, was er sagt, ist der Sache nach so haarsträubend, daß man es oft nicht glauben möchte. Also wird man sich das auch sehr kritisch ansehen müssen. Aber andersherum darf man auch nicht den Boten für die Botschaft verantwortlich machen, wenn sie denn der Wahrheit entspricht.

Freitag, 26. Dezember 2008

"... ein Falke, ein Sturm - oder ein großer Gesang ..."

Authentische Religiosität heute

Über "Elsa's Nachtbrevier" wird man auf "Acht Gründe" verwiesen, "warum Religion (künftig) boomen wird", veröffentlicht in der Welt.

Elsa mischt auch immer wieder in spannenden Diskussionen mit, die auf Michael Blume's Blog derzeit stattfinden (zuletzt hier und hier) über
1. "Spiritualität" - also über religiöses Erleben jenseits des raumzeitlich-kausalen "Denkens", über
2. "übernatürliche Akteure" - also die raum-zeitlich-kausale Vorstellung von "Akteuren", die es per definitionem nicht gibt, und - derzeit -
3. den Religionswissenschaftler Rudolf Otto. Letzterer kommt von Immanuel Kant her, was neue Überschneidungsbereiche zur "Evolutionären Erkenntnistheorie" von Konrad Lorenz ergeben könnte, die ja auch von Immanuel Kant herkommt. (Konrad Lorenz war letzter Inhaber des Lehrstuhles von Immanuel Kant in Königsberg.)
Als die wichtigsten Passagen des "Welt"-Artikels könnte man folgende erachten:
... Vermutlich kehrt nicht das Christentum wieder und schon gar nicht ein Kirchenglaube, sondern eine esoterisch angehauchte und popkulturell angetragene Religiosität. ...

... Offen über Religion zu reden war früher dem Pfarrer und den Religionsintellektuellen vorbehalten. Jetzt reden alle darüber, unabhängig der sozialen Schicht, mit teilweise synkretistischen Folgen, das heißt, man vermischt religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. ...

... Religion findet mehrheitlich im öffentlichen Raum statt. ...
Und, ganz wichtig:
... Authentizität zeigt sich in der inneren Stärke, zu den eigenen Gefühlen und Empfindungen zu stehen und dementsprechend zu handeln. Keine einfache Aufgabe, schon gar nicht, wenn es um die religiöse Authentizität geht. Authentizität setzt eine gefestigte Individualität voraus, Authentizität muss man sich also erarbeiten. Diese Arbeit ist dem Individuum, bestenfalls einer kleineren Gruppe vorbehalten, nicht aber der großen Masse. Deren Form der Authentizität äußert sich in der Konformität. Die große Masse wird sich an der Simulation orientieren. ...
Übrigens könnte man meinen, daß auch die Jugendlichen, die in Athen Schaufenster einschmeißen, etwas sehr "Authentisches" sind und tun. Auch in ihrem Verhalten könnten - wie in jedem - religiöse Aspekte enthalten sein. Denn auch der Zorn und der unbändige Erneuerungswille könnten ein Aspekt von Religiosität sein (siehe Peter Sloterdijk "Zorn und Zeit"). Auch Norbert Bolz übrigens scheint an der Formulierung dieser (zumeist nur deskriptiven) Thesen Anteil genommen zu haben.

Daß auch dem Inhaber dieses Blogs es auf Authentizität vor allem anzukommen scheint, wenn es um Religiosität und religiöses Erleben und Handeln geht, sowie die Frage, wo diese vor allem herkommen könnten, zumal auch zu Weihnachten, das hat er - unter anderem - hier bekundet. Oder hier. Aber überlassen wir das Schlußwort doch einem anderen. Rainer Maria Rilke dichtete:
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Jesuit und Astronom

Bzw. wohl: mehr Astronom als Jesuit ...

Der Vatikan interessiert sich immer mehr - auch - für die Astronomie. Die Berliner Morgenpost bringt ein schönes Interview mit einem Astronomen des Vatikans. (Morgenpost) Ein Ausschnitt:
...

Morgenpost Online: Aber ist Ihr Blick als Wissenschaftler in den Sternenhimmel nicht völlig inkompatibel mit Ihrem christlichen Glauben an einen persönlichen Schöpfergott?

P. Funes: Nein, ich bin Priester und Astronom zur gleichen Zeit. Meine Berufung als Jesuit bestand im Gegenteil in dieser doppelten Berufung, nämlich Priester und Wissenschaftler zu sein. Beide Berufungen als Jesuit harmonieren in ihren Aktivitäten in meiner Existenz sehr gut miteinander.

Morgenpost Online: Aber wenn Sie durch das Teleskop in die Tiefe des Weltalls schauen, ist es dann nicht fast unmöglich, als Wissenschaftler an dem Glauben festzuhalten, dass eine Person all dies geschaffen haben soll? Ist diese Herausforderung nicht einfach zu groß?

P. Funes: Wie gesagt: Wir leben in einem Universum von 100 Milliarden Galaxien. Schon das ist ja eigentlich nicht mehr zu glauben. Da ist es eine sehr menschliche und tiefe Frage: warum gibt es so viele Galaxien und nicht einfach Nichts? Als Wissenschaftler können wir den Ursprung der Galaxien untersuchen und erklären, wie sie sich geformt haben. Wie es zu Sternen und Planeten kam. Ich habe keine Antwort, wie es zu diesem wundervollen Universum kam. Doch vor allem erzählt und spiegelt für mich die Schönheit des Universums die Schönheit des Schöpfers.

Morgenpost Online: Aber ist es nicht vollkommen unnachvollziehbar, dass der Schöpfer aller Gestirne, der die Sonne und Sterne bewegt, wie Dante sagt, dass der ein menschliches Gesicht haben soll?

P. Funes: Das ist erstaunlich. Schauen Sie sich meine Weihnachtskrippe an. Gott ist Mensch geworden. Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde einer von uns geworden ist, lässt sich nur so erklären, dass er sich in uns verliebt hat. Darum wollte er einer von uns werden. Das ist ein großes Geheimnis. Das können wir wissenschaftlich nicht erklären. Das ist weit jenseits aller Wissenschaft.

...
Ich finde es bemerkenswert, daß dieser Jesuit und Astronom in den theologischen Aussagen sehr zurückhaltend ist. Er spricht größtenteils als reiner Naturwissenschaftler. Das ist erholsam. Und ich finde ebenso bemerkenswert, daß dort, wo er von "Gott" spricht, er eigentlich nur "Metaphern" benutzt. Man hat nicht das Gefühl, daß dieser Astronom in wortwörtlichem Sinne an einen personalen Schöpfergott glaubt. Er "redet" höchstens davon.

Ein wortwörtlich genommener personaler Schöpfergott, der das Weltall geschaffen habe, wird wohl von einer gebildeten, intellektuellen Elite in der katholischen Kirche - so z.B. auch schon von dem verstorbenen Limburger Bischof von Camphausen - längst größtenteils nur noch "für die breiten Massen" vertreten. Um die eigene "Deutungshoheit", die man besitzt, nicht zu verlieren.

Man muß aber z.B. die benutzte Metapher, daß sich Gott (zu verstehen als: das Göttliche) sich "in den Menschen verliebt" habe, für sich genommen noch keineswegs als Übertretung der Kant'schen Vernunftgrenzen verstehen. So lange es eben als eine - vielleicht durchaus geglückte - Metapher aufgefaßt wird. Als eine Metapher für die Zielgerichtetheit der Weltall-Entstehung und -Entwicklung wie auch der Lebensentstehung und Evolution, für die es ja inzwischen zahlreiche naturwissenschaftliche Hinweise gibt. Und mit diesen Gedanken im Hintergrund wird dies von diesem Astronomen auch ausgesprochen worden sein.

Zu fragen bliebe dann aber immer noch, ob mit diesem "Kind in der Krippe" jedes Menschenkind als Gotteskind aufgefaßt wird. Warum nur ein Kind von so vielen Milliarden seit so vielen zehntausenden von Jahren? Sind wir - letztlich - nicht alle: "Jesus"? Der Möglichkeit nach? Und zumindest wenn wir es selbst wollten? Könnten wir es denn nicht alle als unsere Aufgabe ansehen, die Menschheit zu erlösen von so manchem schlimmen Übel? Könnten wir nicht alle dafür bereit sein, dafür "an einem Kreuz" zu sterben - oder sonstwie? Haben nicht Millionen von Menschen für andere Interessen als ihre eigenen, persönlichen gelebt und sind dafür gestorben in der Geschichte oder wurden - von anderen - dafür - - - "aufgeopfert" (also: unfreiwillig)?

Im Angesicht von so vielen Milliarden von Milchstraßen mit jeweils so vielen hunderttausenden von Sternen dürfen solche Fragen schon gestellt werden, sollte man meinen. Zumindest das Menschenleid, das unsere Erde aushält, scheint "irgendwie" äquivalent zu sein zu der schieren raum-zeitlichen Größe des Universums. Verhält es sich aber mit anderen Menschendingen auch so - oder nur mit dem von Menschen anderen Menschen geschaffenen Leid?

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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