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Montag, 28. September 2020

Wovon wollen wir uns erregen lassen? (Teil 1)

Bzw.: Worüber wollen wir uns erregen? 

0:00 - Es gibt zwei Arten von Lernen: 

1. Prägungsähnliches Lernen, 2. Lernen über Lust und Unlust (1). Zu 1. Gänseküken Martina, Nachfolgeprägung, Muttersprachen-Erwerb. Anstrengungslos, Lernfenster, irreversibel, Urvertrauen.

zu 2. Lust und Unlust als Lehrmeister des irrfähigen Verstandes. Dressur durch Verwöhnung, Dressur durch Strafe. Iwan Pawlow und seine Hunde (2). 

Pawlow'sche bedingte Reflexe. Erfahrungen britischer Heerespsychiater im Jahr 1944. Paradoxe und ultraparadoxe Phase des Erregungszustandes bei Soldaten (2). 

Erweckungs- und Bekehrungspredigten christlicher Kirchen (2).

Gehirnwäsche im kommunistischen Machtbereich (2) Jesuiten-Exerzitien (2).

Strategie der Spannung, Kalter Krieg, "Terrorjahre", Walter Jens, "Zornige junge Männer", Flakhelfer-Generation.

Gehirnwäsche, Umerziehung von 1945

Gehirnwäsche seit 1933

40:30 - Weltgeschichte als Geschichte von gesellschaftlichen Erregungszuständen. Womöglich macht es heute sehr viel Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, aus welchen (seelischen) Erregungszuständen heraus die Ilias des Homer um 750 v. Ztr. heraus geboren ist, von welchen sie getragen ist und welche sie kultiviert hat. Denn: Die "Ilias" ist das "Urwort Europas". Dieses Urwort Europas beginnt mit dem Zorn (3):

„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, 

Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte, 

Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs 

Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden ..." 

 Der Erregungszustand des "Sturm und Drang": 

"Oh, über dieses tintenklecksende Jahrhundert, 

wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Männern!"

(Friedrich Schiller) 

 Heute zu übersetzen mit: 

"Oh, über dieses sich über Social Media-Kanäle erregende Jahrhundert, 

wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Männern!" 

Wird fortgesetzt.

 _______________ 

  1. Konrad Lorenz: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. 1973
  2. William Sargant: The battle for the mind, 1957, deutsch: Der Kampf um die Seele. 1959 
  3. Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit 
  4. Plutarch: Große Griechen und Römer. Um 100 n. Ztr.

Freitag, 13. September 2019

"Tötet den deutschen Adler!"

Kriegsziel seit 100 Jahren

Die an der Universität von Chicago seit 1929 herausgegebene, der europäischen, neuzeitlichen Geschichte gewidmete Fachzeitschrift "The Journal of Modern History" erinnert auf ihrem aktuellen Umschlagbild einmal erneut an eine Karrikatur aus den Anfangsmonaten des Ersten Weltkrieges (1, 2) (Abb. 1). Mit ihr soll an das Rahmenthema dieser Ausgabe erinnert werden: "Staatliche Gewaltausbrüche im Europa des 20. Jahrhunderts"*).

Abb. 1: "Kill that Eagle" (1914) - Gezeichnet von John Henry Amschewitz (Herkunft: Wikip.)

Die ausgewählte, recht eindrucksvolle Karte ist - offensichtlich im August 1914 - in England gezeichnet worden von dem damals 32-jährigen Rabbinersohn John Henry Amschewitz (1882-1942) (Geni). Den heutigen Herausgebern der Zeitschrift, die offensichtlich zum Teil ebenfalls jüdischer Herkunft sind, wird die jüdische Herkunft dieses Karikaturisten sicher bewußt sein. Amschewitz ging später nach Südafrika. Er wird gekennzeichnet als (Barronmaps):
Ein bekannter, in England geborener jüdischer Künstler, satirischer Kartenzeichner, Laienschauspieler und südafrikanischer Zeitungskarrikaturist.
Freund und Mentor von Amschewitz war - vermittelt von den Müttern beider - der ebenfalls aus einer jüdisch-russischen Emigrantenfamilie stammende britische Künstler Isaac Rosenberg (1890-1918) (Wiki). Dieser ist 1918 im Ersten Weltkrieg - für England - gefallen (s. Google Bücher). Für einen in England geborenen Künstler zeigt Amschewitz in dieser Karrikatur aus dem August 1914 eine ziemliche große innere Distanz gegenüber den damaligen Kriegsanliegen Englands auf, wenn er diese bezeichnet als "Business as usual". Seine Karte ist schon zur Jahreswende 1914/15 in Deutschland nachgedruckt worden mit der Erläuterung (3):
"Ein Dokument der Perfidität Albions bildet diese satirische Europakarte. Während der Deutsche Gut und Blut fürs Vaterland einsetzt, betrachtet England den Krieg nur als Geschäft, indem es lächelnd sagt: 'Business as usual' (Geschäft wie gewöhnlich.)"
Weiterhin macht die Karte insbesondere die Kriegsanliegen Österreich-Ungarns lächerlich. Wir erhalten die Erläuterung (4):
"Diese Karte zeigt Österreich-Ungarn im Zentrum, dargestellt als die tragische Hanswurst-Figur Pierrot der europäischen Pantomime, der ewig nach unerwiderter Liebe schmachtet.
Das ist - zumindest aus heutiger Sicht - eine mehr als sonderbare Wahrnehmung der Vielvölker-Monarchie Österreich-Ungarn. War sie tatsächlich nur noch eine hilflose, traurige Figur im Spiel der Weltgeschichte? Aus Sicht des Rabbinersohnes Amschewitz offensichtlich schon. Weiter wird uns erläutert (4):
Großbritannien wird dargestellt als ein Mann, dessen Arme schon von früheren Konflikten blutig sind. (...) Er sieht die Situation als 'das gewöhnliche Geschäft' an. Italien wird als Opernsänger dargestellt mit dem Liedtext 'Du hast mich verliebt gemacht in dich. Aber nie war das mein Wunsch gewesen.'"
(Italien war zwar mit Deutschland verbündet, wollte aber von dieser vormaligen "Liebe" bei Kriegsausbruch nichts mehr wissen.) Das Ottomanische Reich wird - trotz seiner Furcht - von den Deutschen in die Schlacht getragen. Aus den kleineren europäischen Staaten wird mit Operngläsern auf dieses Szenario geblickt. Man ist noch nicht ganz heraus aus dem Modus der wohlgefälligen Opern-Atmosphäre der Zeit von vor 1914. Man ist fast noch im Reich des Traumes.

Übrigens entsteht nicht der Eindruck, daß der Künstler der Karrikatur, die offensichtlich noch im August 1914 entstanden ist, die Erwartung hatte, daß der hier dargestellte, ausgebrochene Krieg etwa durch einen schnellen deutschen oder russischen Sieg bald beendet sein könnte, was ja sowohl an der Ost- wie an der Westfront Deutschlands damals leicht hätte möglich sein können. Die Zuschauer stellen sich eher stimmungsmäßig auf eine vielstündige Oper ein ... So offensichtlich auch die Stimmung des Amschewitz im August 1914.

Später, 1930, hat Amschewitz auch eine Ausgabe religiöser Texte des Judentums illustriert ("The Passover Hagadah", s. ZVAB). 

Hitlers taktische Erwägungen in "Mein Kampf"


In dieser Folge des "Journal of Modern History" werden Hitlers taktische Erwägungen in "Mein Kampf" von Seiten eines deutschen Historikers untersucht (7). Taktische Erwägungen unter anderem dahingehend, sich nicht gegen die katholische Kirche zu stellen wie dies zuvor die Schönerer-Bewegung in Österreich getan hatte. Dies waren Ausführungen, die sich damals - 1925 - vor allem - unausgesprochen - mit den Zielsetzungen von Erich Ludendorff und den damaligen Völkischen Norddeutschlands auseinandersetzten. Außerdem findet sich in dieser Folge eine Besprechung des Buches "Hitler’s Monsters - A Supernatural History of the Third Reich" von Eric Kurlander (9). Ein schnelles Querlesen der Besprechung läßt nicht erkennen, daß fundamental Neues in diesem Buch enthalten sein könnte. Aber das Buch läßt sich sicher gut parallel setzen zu unserer eigenen Buchveröffentlichung zu diesem Thema - Okkultgeschichte des Dritten Reiches - das als ein einigermaßen unerschöpfliches benannt werden muß (10). Eric Kurlander scheint die Dinge nicht sehr unähnlich zu der in unserer eigenen Bucherveröffentlichung wahrzunehmen. Ein weiterer Aufsatz in dieser Ausgabe, die "Staatlichen Gewaltausbrüchen im Europa des 20. Jahrhundert" gewidmet ist, behandelt "Die drei Gesichter von Freud" (!!!) (6).

Das ist eine gute Gelgenheit, daran zu erinnern, mit welchen klassischen Worten auf Wikipedia Sloderdijk's zentrales Buch "Zorn und Zeit" schon seit Jahren zusammen gefaßt wird (5):
"Sloterdijk zeigt auf, daß eine produktive Form des Zorns zunächst durch das Christentum und dann durch die Psychoanalyse unterdrückt worden ist."**)
Man hat zwar nicht in Erinnerung, daß Sloterdijk das selbst irgendwo tatsächlich so zugespitzt und deutlich gesagt hat. Aber man kann sicher sagen, daß solche Gedanken im Hintergrund seines Buches stehen. Und besser auf den Punkt gebracht werden können die letzten 2000 Jahre Weltgeschichte, gestaltet nach jüdischen, gruppenevolutionären Strategien wohl nicht so leicht.***) In dem Aufsatz wird nun von Vorgängen im Jahr 1994 berichtet, als eine große, unkritische Freud-Ausstellung in Washington D.C. angekündigt worden war (6):
"A leading Freud critic, Peter J. Swales, a dogged independent researcher and self-proclaimed provocateur, gathered forty-two signatures (later fifty) on a petition insisting, among other demands, that the exhibit include “the full spectrum of informed opinion about the status of Freud’s contribution to intellectual history” (...) And open warfare, aimed at destroying institutions and reputations, if not lives, is what followed."
Also 1994 brach ein Krieg aus, an dessen Ende nicht der deutsche Adler getötet worden war, sondern die Psychoanalyse von Sigmund Freud. Im selben Jahr 1994 erschienen ebenfalls in den USA erstens "The Bell Curve" von Charles Murray und zweitens "A People that shall dwell alone" von Kevin MacDonald. Aber wer von den Deutschen hat etwas diesem wesentlichen geistigen Ringen mitbekommen? Und doch gestaltete es die geistige Landschaft des Erdballs grundlegend um. Nun werden also in dem genannten Aufsatz drei neu erschienene Biographien über Sigmund Freud sehr ausführlich erörtert. Das Resümee nach fast hundert Seiten ist vernichtend (6):
"The hold of some of Freud’s most famous theories, and even more his personal authority, have been seriously weakened where they have not entirely dissipated, even among analysts. In its fundamental ways of theorizing psychology generally, and sex and gender in particular, his era is not ours. Within psychoanalysis, Freud’s metapsychology is dead, mentioned if at all only to be dismissed. Freud’s female psychology (...) diagnosed from contemporary feminist perspectives as cultural pathology. Freud himself is now seen as flawed morally and psychologically and very much a figure of his time. A half century of feminist criticism and research on Freud’s life have done their work; he will never again be the larger than life culture hero he once was, even for his advocates."
In einer geisteswissenschaftlichen Zeitschrift wie "The Journal of Modern History" scheinen das ja noch neue Nachrichten zu sein (ähm, räusper). Zu fragen bliebe dann doch eigentlich nur noch, mit welcher modernen, evolutionären Psychologie zu der produktiven Form des Zornes der heidnischen Antike zurückgekehrt werden kann. Vielleicht wollten die Herausgeber der Zeitschrift ja mit der Auswahl des Umschlagbildes einen Hinweis geben, einen Hinweis darauf, daß der zu tötende deutsche Adler diesen gesunden Zorn spätestens seit 1914 verkörpert.

Ob dieser deutsche Adler noch lebendig ist?

_______________
*) "European State Violence in the Twentieth Century"
**) "Sloterdijk argues that a productive form of rage has been suppressed by first Christianity and then psychoanalysis."
***) In dem Zusammenhang stoßen wir gerade auch auf eine Stellungnahme des oft gepriesenen Slavoj Žižek zu Kevin MacDonald (8). Von dieser sollte man wissen, ist sie doch außerordentlich lesenswert und lehrreich. Sie spricht von einer "neuen Barbarei", die sich in den geistesgeschichtlichen Einordnungen von Kevin MacDonald widerspiegeln würde. Es würde sich in ihnen widerspiegeln die "Selbstzerstörung der Vernunft", das "Gegenteil einer hochreflexiven, selbstironischen Haltung". Žižek weiter: "Kein Wunder, daß man sich beim Lesen von Autoren wie MacDonald oft nicht entscheiden kann, ob man eine Satire liest oder eine 'ernsthafte' Argumentationslinie". Kevin MacDonald ordnet er aus altmarxistischer Sicht den "bürgerlichen Irrationalen" zu. Nun denn, dann dürfte damit zu Kevin MacDonald ja wohl alles gesagt sein. - Nur, woher der marxistische Antisemitismus eines Josef Stalin und Konsorten herrührt, darüber dürfen wir uns weiter wundern. Vermutlich auch letzte Überreste "bürgerlichen Irrationalismus" beim "Großen Vorsitzenden" Josef Stalin.
___________________
  1. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e0/European_Revue_%28Kill_That_Eagle%29_1914.jpg
  2. "Cover Image," The Journal of Modern History 91, no. 3 (September 2019): Front Cover. https://doi.org/10.1086/705934, Inhaltsübersicht: https://www.journals.uchicago.edu/toc/jmh/2019/91/3
  3. https://www.europeana.eu/portal/de/record/9200290/bildarchivaustria_at_Preview_14295072.html
  4. https://www.peacepalacelibrary.nl/imagecollection/european-revue-kill-that-eagle-1914/
  5. https://en.wikipedia.org/wiki/Rage_and_Time
  6. Gerald Izenberg, "Three Faces of Freud," The Journal of Modern History 91, no. 3 (September 2019): 625-660.  https://doi.org/10.1086/704384
  7. Thomas Vordermayer, "Tactical Guidelines in Adolf Hitler’s Mein Kampf," The Journal of Modern History 91, no. 3 (September 2019): 525-556.  https://doi.org/10.1086/704567  
  8. Steve Sailer: Slavoj Žižek on Kevin MacDonald's "Culture of Critique" July 8, 2014, http://www.unz.com/isteve/slavoj-zizek-on-kevin-macdonalds-culture-of-critique/
  9. Derek Hastings: Book Review Hitler’s Monsters: A Supernatural History of the Third Reich. By Eric Kurlander. New Haven, CT: Yale University Press, 2017. Pp. 422, https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/704427
  10. Bading, Ingo: Wer auf dem Tiger reitet kann nicht absitzen. Hitler und die Astrologen. 

Sonntag, 28. Juni 2009

Warum Wissenschaft?

Zu Daniel Goleman's Buch "Die emotionale Intelligenz" (1995)

Warum soll man sich mit Wissenschaft beschäftigen? Warum sollte man Wissenschaft betreiben? Und warum ist die Beschäftigung mit - und das Betreiben von - Naturwissenschaft noch um einiges bedeutungsvoller als Wissenschaft überhaupt? Denn Wissenschaft kann ja auch vorwiegend geisteswissenschaftlich verstanden werden. Sie wird sogar heute vielerorts noch fast ausschließlich geisteswissenschaftlich verstanden. (Noch immer ist das Feuilleton in Tageszeitungen meistens völlig getrennt von einem zum Teil spärlich behandelten [Natur-]Wissenschaftsteil. Und den Feullietonisten und Lesern wird gar nicht bewußt, wieviel sie sich durch diese scharfe Trennung entgehen lassen.)

Die Wissenschaft klärt den Geist des Menschen. Die Wissenschaft, einigermaßen ernsthaft betrieben, das heißt, mit Nachdruck auf ein Ziel hin verfolgt, fordert den einzelnen auf, sich zu strukturieren. Wer sich einem wissenschaftlich erforschten Gegenstand, einem wissenschaftlich erforschten Thema überhaupt nur annähert, ist mehr oder weniger ganz von selbst dazu aufgefordert, fühlt sich dazu aufgerufen, sich innerpsychisch umzustrukturieren, sich - in irgend einer Weise - an diesen Gegenstand selbst "anzupassen". Ihm "adäquat" zu werden.

Warum Naturwissenschaft?

Und das macht die Naturwissenschaft noch einmal um einiges bedeutungsvoller, vielleicht revolutionärer, als die Geisteswissenschaft für sich: Der naturwissenschaftlich erforschte Gegenstand, das naturwissenschaftlich angegange Thema ist - soweit das überhaupt übersehbar ist - dem menschlichen Denken und Fühlen nicht in irgend einer Weise von vornherein "angepaßt". Der naturwissenschaftlich erforschte Gegenstand "sträubt" sich in aller Regel gegen die menschlicherseits an ihn herangetragenen Vorerwartungen. Und dann insbesondere wird Wissenschaft so voller Bedeutung, so "bedeutungsschwanger", so "Weltbild-verändernd". Die Psychologin Heidi Keller empfand zum Beispiel den Übergang zur naturwissenschaftlichen, evolutionären Psychologie in ihrer eigenen Biographie als "gnadenlos", siehe --> Stud. gen.. Der Autor dieser Zeilen kann von einer ziemlich identischen Erfahrung sprechen. Und man ist verleitet, sich dieser Erfahrung des "Gnadenlosen" immer wieder auf's Neue auszusetzen, auch vielleicht aus Verantwortung für ein Größeres, Ganzes heraus.

Aber man denke - in einem vielleicht neutraleren Rahmen - auch nur schon an die Astronomie der letzten hundert Jahre und an all die Vorerwartungen, die von ihr nicht erfüllt worden waren. Und an all die Erkenntnisse, die man entgegen dieser Vorerwartungen gewonnen hat. Man denke an die Quantenphysik der letzten hundert Jahre, die voller Überraschungen gewesen ist, die alle gehegten Vorerwartungen über den Haufen geworfen hat. Und man denke schließlich an die Wissenschaft vom Menschen, an die naturwissenschaftliche, evolutionäre Anthropologie und natürlich auch an die Psychologie, die derzeit immer noch und immer wieder völlig unerwartete Ergebnisse hervorbringen, die alle etwaig gehegten Vorerwartungen über den Haufen werfen.

Vorerwartungen immer wieder nicht erfüllt

Es sind insbesondere diese unerwarteten Ergebnisse und die bewußtseinsmäßige Einstellung auf diese unerwarteten Ergebnisse in un- oder halbbewußter Vorwegnahme derselben während man sich an diese Ergebnisse annähert, die die Naturwissenschaft so bedeutungsvoll machen für den einzelnen, der sich mit ihnen beschäftigt. So bedeutungsvoll und zugleich - vielleicht - "gnadenlos". Warum eigentlich "gnadenlos"? Man entfernt sich dabei - vielleicht - von der emotionalen Gelagertheit seiner gegenwärtigen Mitwelt, von jener emotionalen Gelagertheit, in der sich die meisten heutigen Menschen emotional "geborgen" fühlen ... Aber man nähert sich dabei - vielleicht - auch an etwas viel Besseres, Grundlegendes an: An eine emotionale Gelagertheit von Menschen, wie sie für die Zukunft zumindest möglich wird.

Denn irgendwie hat man doch das Gefühl, daß man sich bei der gegenwärtigen Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft - und zumal wenn man sich dem "Gnadenlosen" in ihr immer wieder aussetzt - daß man sich dabei immer deutlicher auf umfassendere Wahrheiten zubewegt. Man nenne sie "Gott" oder man nenne sie einfach nur "die" umfassendere Wahrheit vom Menschen oder von der Welt. Eine Wahrheit, die eben nicht auf die emotionale "Geborgenheit" der gegenwärtig lebenden Menschen Rücksicht nimmt.

Umfassendere Wahrheiten

Wenn man zum Beispiel ein solches Buch wie das von Daniel Goleman "Emotionale Intelligenz" (1995) liest, dabei im Hinterkopf hat, was - etwa hier auf dem Blog - alles schon über den derzeitigen Kenntnisstand auf dem Gebiet der Erforschung von Intelligenz und sozialen Emotionen geschrieben worden ist, dann tun sich einem eine Fülle von Implikationen auf. Man merkt, daß das Buch ein wesentliches Thema zum Gegenstand hat. Aber man merkt zugleich auch, daß es diesem Gegenstand nur selten wirklich gerecht wird, daß es nur einen "herumsuchenden" Einstieg in ein ganz neues Erkenntnisfeld darstellt. Und zudem auch nur ein Einsteig neben vielen anderen, ein Einstieg wahrscheinlich, der nur eine "größere Presse" bekommen hat als andere. - Zugleich auch schleicht sich Mißtrauen ein. Der Leser blickt auf sich selbst zurück und darf sich fragen: Ja, würde ich denn dem Gegenstand besser gerecht werden können? Mit welchem Recht darf ich kritisieren?

Dennoch: Muß man erst die bisherige Intelligenz-Forschung abwerten, bevor man dazu übergehen kann, sich ernsthafter mit "sozialer" oder "emotionaler" oder "personaler" Intelligenz zu beschäftigen? Kann nicht beides parallel und ergänzend erforscht werden? Und kann man nicht auch nach Zusammenhängen zwischen beiden fragen? Und wenn nach Emotionen gefragt wird: Können nicht die Erkenntnisse eines Konrad Lorenz oder eines Robin Dunbar oder einer Jane Goodall oder der Soziobiologie insgesamt umfangreicher herangezogen werden? Oder neuerdings die eines Joachim Bauer oder eines Peter Sloterdijk (zur Frage der "thymotischen Energien" in der Menschenseele)? **) Konrad Lorenz sprach in "Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit" von dem "Wärmetod des Gefühls", von dem wir heute alle heimgesucht sind.

Wie kommt man zu kontrastreichen, starken Gefühlen?

Muß man dann nicht erst einmal danach fragen, wie man überhaupt wieder zu starken, kontrastreichen Gefühlen kommt? Zu Gefühlen, die über mehr oder weniger plumpe Lust- und Unlustgefühle hinausgehen, bevor man solche Gefühle dann auch erforschen kann? Und ist nicht genau das das Revolutionäre an solcher Wissenschaft: Daß man sich durch sie - mehr oder weniger "gnadenlos" - aufgefordert fühlen kann, nach den eigenen, kontrastreicheren Gefühlen überhaupt zu fragen? Daß man etwa aufgefordert sein kann, eigene Selbsttäuschungen über etwaige, vorgeblich "große" Gefühle als eben solche Selbsttäuschungen zu durchschauen? Oder gar solche Selbsttäuschungen gesellschaftsweiter Natur, gesellschaftsweiter Gelagertheit? (Sozusagen: Gruppenevolutionärer Beschaffenheit?)

Daniel Goleman erzählt zumeist, die jeweiligen Kapitel einführend, irgendwelche Geschichten, in denen Menschen ein starkes, prägnantes Unglück oder Glück wiederfahren ist oder - sehr oft - in denen sie verbrecherisch gehandelt haben oder behandelt wurden. Vielleicht auch nur, um der Sensationsgier des Lesers Nahrung zu geben. Aber andererseits scheint es doch in der Tat auch so zu sein, daß Gefühle überhaupt erst einmal einen stärkeren Grad von Ausprägung erfahren haben müssen, bevor sie so ausreichend sichtbar geworden sind, daß sie dann auch wissenschaftlich erforschbar und verstehbar werden.

Wissenschaft verändert Gesellschaften

Aber eines ist auf jeden Fall klar: Bevor man Daniel Goleman's "Emotionale Intelligenz" liest, sollte man die Grundgedanken des Buches von Richard Herrnstein und Charles Murray "The Bell Curve" (1994) gut verstanden haben. (Zuletzt in den Kommentaren hier kurz diskutiert.) Denn sonst weiß man gar nicht, worauf das Buch von Daniel Goleman eigentlich reagiert.*) Wenn man das tut, wird einem vielleicht erst die ganze Brisanz auch des Buches von Goleman erfahrbar.

- Warum also Wissenschaft? Weil sie mich als Menschen verändert. Dies kann durchaus auch im Persönlichsten sein. Weil ich durch sie auf mich selbst zurückverwiesen werde und zwar in einer Unabhängigkeit von sonstigen sozialen, emotionalen oder gesellschaftlichen Einflüssen, die in anderen Kulturbereichen heute selten oder gar nicht mehr besteht. Plump gesagt: Statt mich den emotionalen Beeinflussungen meiner menschlichen Umwelt auszusetzen, setze ich mich den Beeinflussungen der Natur selbst aus. Warum erfahren wir eine solche Ausgesetztheit heute eigentlich allzu oft nur noch als "gnadenlos"? Jedenfalls deutet sich durch eine solche Ausgesetztheit die zukünftige Verwirklichung gesellschaftlicher Möglichkeiten an, die - vielleicht, wahrscheinlich - besser ist, noch besser ist, als gegenwärtige, bestehende, "real existierende" Verwirklichungen gesellschaftlicher Möglichkeiten.

In diesem Sinne könnte Wissenschaft - und besonders Naturwissenschaft - als "Herzensbildung" verstanden werden. Denn mit was hat denn "Emotionale Intelligenz" vor allem zu tun, wenn denn nicht mit dem Herzen und mit der Seele?

________
Anmerkung:

*) In Reaktion auf dieses Buch kann Goleman auch so irrsinnige Sätze zu Papier bringen wie den folgenden (irrsinnig zumindest in der deutschen Übersetzung) (S. 54): "Die Ausnahmen von der Regel, daß der IQ den Berufserfolg vorhersagt, sind zahlreicher als die Fälle, die der Regel entsprechen." - Wenn das tatsächlich so wäre, wäre es ja irrsinnig, überhaupt von einer "Regel" zu sprechen. Man merkt also, wie oberflächlich Goleman hier offenbar recherchiert hat und überhaupt argumentiert. Er hätte ja sonst gleich sagen können, daß diese Regel widerlegt ist. Natürlich hütet sich Goleman vor solchen grundlegenden Aussagen. (Übrigens äußert sich auch Jens Asendorpf in seinem Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" mit deutlichen Vorbehalten gegenüber diesem Buch, vielleicht sogar mit zu deutlichen. Denn immerhin gibt einem dieses Buch doch viel Stoff zum Weiterdenken - nicht nur aber auch dadurch, daß es zum Widerspruch auffordert.)

**) Oder die Erkenntnisse zur Bedeutung der Gruppenselektion während der Humanevolution (Samuel Bowles und andere)? - Interessanterweise betont Bowles den Krieg zwischen Gruppen als treibende Kraft für die Evolution von menschlichem Altruismus und Empathie. Daß es seit hunderttausenden von Jahren auch viele andere, zum Teil auch wesentlich subtilere Strategien gegeben haben kann, aufgrund deren sich Gruppen ihre Territorien, ihre Evolutionsstabilität, ihren inneren Zusammenhalt erhielten, und damit ihre demographische Stabilität, ist bisher offenbar noch weniger in den Fokus der Forschung getreten, ist aber doch nur allzu naheliegend.
Bekanntlich reichen in der Natur ja oft schon die verschiedensten, evolutiv sparsameren Einschüchterungs-Strategien, um - etwa - gegenüber konkurrierenden Artgenossen und anderen Arten die eigenen Fortpflanzungsstrategien durchzusetzen, bzw. aufrecht zu erhalten, das eigene Territorium zu behaupten. So behaupten viele Vogelarten ihr Revier durch Singen. Warum sollten also derartige Mechanismen nicht auch außerordentlich wichtige Mechanismen in der Humanevolution von Gruppenpsychologie gewesen sein? (Auch an die vielen, nicht tödlich endenden
"Kommentkämpfe" im Tierreich könnte gedacht werden, die es ja beim Menschen ebenfalls gibt. Man siehe etwa die traditionellen Dorf-Ringkämpfe der Nuba im Südsudan.)
Es ist vielleicht überhaupt spannend zu verfolgen, daß Wissenschaftler oft nur in "Schwarz" oder "Weiß" denken können: Humanevolution von Gruppen entweder gewalttätig oder friedlich. Daß es die vielfältigsten Zwischenformen gegeben haben kann, die immer noch beobachtbar sind, scheint dabei recht oft noch aus dem Blickfeld zu geraten.
Das heißt allgemeiner: Es muß bei dem hier behandelten Thema natürlich berücksichtigt werden, wie stark unsere Emotionen auch davon mitgeprägt sind, wie sehr wir uns in unserer jeweiligen Gruppe (Gesellschaft) emotional geborgen oder nicht geborgen fühlen - und wie wir auf den jeweiligen Fall mit Psyche und Körper reagieren.

Dienstag, 26. Mai 2009

Robin Dunbar und "theory of mind"

Man kann den britischen Anthropologen und Soziobiologen Robin Dunbar sehr verehren (oder sagen wir: bewundern). Das wird ja auch deutlich aus so manchen bedeutungsvolleren Beiträgen hier auf dem Blog.

Hier das Video eines Vortrages von ihm - das erste, das offenbar im Netz von ihm zugänglich wird (--->siehe hier, bzw. hier). Thema: "Was macht uns Menschen zu Menschen?"



Grob kann man sagen, daß Dunbar hier die neuesten Forschungen zur "theory of mind" in Beziehung setzt zu seinen bisherigen Forschungen zur "social brain"-Hypothese, also der These, daß das menschliche Gehirn mit der Gruppengröße evoluiert ist und zur Lösung von Problemen im Zusammenleben von immer komplexeren Gruppen.

Insbesondere ab der 20. Minute des Vortrages werden lauter Dinge erörtert, die für den Autor dieser Zeilen noch weitgehend neu sind. An Literatur-Angaben kann man von den Folien aufschnappen und muß man noch weiterverfolgen: Stiller & Dunbar 2007; Dunbar & Shultz in press; Hill & Dunbar 2003; Birch 2007.

Hier ist man dicht an der vordersten Front der Forschung dran. Das Video muß man sich mehrmals ansehen, anhören, wenn man alles verstanden haben will. "Theory of mind" (ToM) heißt (siehe Wikipedia), daß man den psychischen Zustand eines anderen Menschen versteht oder mißversteht (also eine falsche "Theorie" darüber hat).

Kinder müssen es erst nach und nach lernen, die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, daß man selbst oder andere falsche Theorien über den psychischen Zustand anderer Menschen oder über Sachverhalte in der Welt haben kann. Einerseits wäre das Leben sehr schön, andererseits aber vielleicht auch totlangweilig, wenn es diese Möglichkeit des Irrtums nicht gäbe.

Ein sehr spannendes Thema, nämlich daß menschliche Intelligenz mit menschlicher Gruppengröße und mit menschlicher Irrtumsfähigkeit zugleich evoluiert ist. Philosophisch, ja, politikwissenschaftlich voller Implikationen. Aber noch einmal so spannend, weil es Dunbar eben in Beziehung setzt zur Komplexität von menschlichen Sozialbeziehungen auf verschiedenen Ebenen und zum Schaffen menschlicher Kunstwerke (Dichtung, Theater, Religiosität, Wissenschaft), die zugleich als Werkzeuge dienen, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis unter Menschen in Gruppen zu vergrößern oder zu verringern.

Wenn ich glaube, daß Peter Anna falsch versteht, wenn er denkt, Anna hätte was mit Luis, obwohl Luis gar keine Ahnung davon hat, daß Peter solche offenbar falschen Vermutungen hegt, dann glaubt Inge wieder etwas ganz anderes über Anna, Peter und Luis und wir bewegen uns im tief miteinander verflochten Bereich sowohl sozialer Beziehungen, von Gruppenleben und Vertrauensbildung innerhalb der Gruppe, als auch im Bereich von Theorien "of mind", nämlich der dritten und vierten Ordnung. - Und weder Peter, noch Anna, noch Luis, noch Inge müssen recht haben mit dem, was sie über andere - und über sich selbst - denken.

Und da sind dann dem Menschen auch psychische Grenzen gesetzt, wie Dunbar erläutert. Und diese Grenzen strukturieren dann auch die Fähigkeiten des Menschen zum Zusammenleben in Gruppen wie Dunbar zu vermuten scheint. Wissenschaft selbst ist: "theory of mind". Und deshalb - oft - so schwer. Und anspruchsvoll. Und herausfordernd.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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