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Dienstag, 26. Mai 2009

Robin Dunbar und "theory of mind"

Man kann den britischen Anthropologen und Soziobiologen Robin Dunbar sehr verehren (oder sagen wir: bewundern). Das wird ja auch deutlich aus so manchen bedeutungsvolleren Beiträgen hier auf dem Blog.

Hier das Video eines Vortrages von ihm - das erste, das offenbar im Netz von ihm zugänglich wird (--->siehe hier, bzw. hier). Thema: "Was macht uns Menschen zu Menschen?"



Grob kann man sagen, daß Dunbar hier die neuesten Forschungen zur "theory of mind" in Beziehung setzt zu seinen bisherigen Forschungen zur "social brain"-Hypothese, also der These, daß das menschliche Gehirn mit der Gruppengröße evoluiert ist und zur Lösung von Problemen im Zusammenleben von immer komplexeren Gruppen.

Insbesondere ab der 20. Minute des Vortrages werden lauter Dinge erörtert, die für den Autor dieser Zeilen noch weitgehend neu sind. An Literatur-Angaben kann man von den Folien aufschnappen und muß man noch weiterverfolgen: Stiller & Dunbar 2007; Dunbar & Shultz in press; Hill & Dunbar 2003; Birch 2007.

Hier ist man dicht an der vordersten Front der Forschung dran. Das Video muß man sich mehrmals ansehen, anhören, wenn man alles verstanden haben will. "Theory of mind" (ToM) heißt (siehe Wikipedia), daß man den psychischen Zustand eines anderen Menschen versteht oder mißversteht (also eine falsche "Theorie" darüber hat).

Kinder müssen es erst nach und nach lernen, die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, daß man selbst oder andere falsche Theorien über den psychischen Zustand anderer Menschen oder über Sachverhalte in der Welt haben kann. Einerseits wäre das Leben sehr schön, andererseits aber vielleicht auch totlangweilig, wenn es diese Möglichkeit des Irrtums nicht gäbe.

Ein sehr spannendes Thema, nämlich daß menschliche Intelligenz mit menschlicher Gruppengröße und mit menschlicher Irrtumsfähigkeit zugleich evoluiert ist. Philosophisch, ja, politikwissenschaftlich voller Implikationen. Aber noch einmal so spannend, weil es Dunbar eben in Beziehung setzt zur Komplexität von menschlichen Sozialbeziehungen auf verschiedenen Ebenen und zum Schaffen menschlicher Kunstwerke (Dichtung, Theater, Religiosität, Wissenschaft), die zugleich als Werkzeuge dienen, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis unter Menschen in Gruppen zu vergrößern oder zu verringern.

Wenn ich glaube, daß Peter Anna falsch versteht, wenn er denkt, Anna hätte was mit Luis, obwohl Luis gar keine Ahnung davon hat, daß Peter solche offenbar falschen Vermutungen hegt, dann glaubt Inge wieder etwas ganz anderes über Anna, Peter und Luis und wir bewegen uns im tief miteinander verflochten Bereich sowohl sozialer Beziehungen, von Gruppenleben und Vertrauensbildung innerhalb der Gruppe, als auch im Bereich von Theorien "of mind", nämlich der dritten und vierten Ordnung. - Und weder Peter, noch Anna, noch Luis, noch Inge müssen recht haben mit dem, was sie über andere - und über sich selbst - denken.

Und da sind dann dem Menschen auch psychische Grenzen gesetzt, wie Dunbar erläutert. Und diese Grenzen strukturieren dann auch die Fähigkeiten des Menschen zum Zusammenleben in Gruppen wie Dunbar zu vermuten scheint. Wissenschaft selbst ist: "theory of mind". Und deshalb - oft - so schwer. Und anspruchsvoll. Und herausfordernd.

Samstag, 20. Dezember 2008

Die merkwürdigen Strauße (= Väterliche Brutpflege bei Dinosauriern II)

Auch Razib Khan wundert sich hochgradig über die väterliche Brutpflege bei den Dinosauriern. (gnxp, siehe Stud. gen.) Es will einem scheinen, daß auch hier wieder ein ähnliches Phänomen vorliegt wie beim evolutiven Übergang von den einzelligen zu den mehrzelligen Lebewesen. Während dieses Übergangs hat die Evolution unwahrscheinlich viel mit den vielfältigsten Fortpflanzungsweisen und "Generationswechseln" experimentiert, ein Bereich, den die Mikrobiologie, dieser spannende Forschungsbereich, erforscht. (Das wird einem während des Biologiestudiums zum Teil recht schön vor Augen geführt und es erweitert entscheidend den Blick, sich damit einmal intensiver befaßt zu haben.)

Von diesen vielen Experimenten sind dann auf höheren Stufen der Evolution bei Pflanzen und Tieren nur noch vergleichsweise wenige übrig geblieben, die die Evolution - sozusagen - "weiterverfolgt" hat, mit denen sie sich weiter befaßt hat, mit denen sie gearbeitet hat. Zum Beispiel der klassische Generationenwechsel bei den Pflanzen (ein außerhalb der Botanik wenig bekanntes, aber für die Botanik grundlegendes und wichtiges Phänomen) und die klassische bisexuelle Fortpflanzungsweise der Säugetiere.

Warum wird die Straße der genutzten Möglichkeiten in der Evolution immer schmaler?

Auch bei den primitiveren Vögeln nun, die stammbaummäßig noch sehr nahe den Dinosauriern stehen, scheint die Evolution noch manche Experimente ausprobiert zu haben, mit denen sie sich später nicht mehr so intensiv befaßt hat. Zum Beispiel mit einer so merkwürdigen Kombination wie der von Polygamie und väterlicher Brutfürsorge. Razib Khan jedenfalls zitiert mit durchaus berechtigtem Staunen einen Bericht, in dem "Paläognathen" erwähnt werden, zu denen die Strauße und andere, auf früher evolutionärer Stufe stehende Vögel gehören:
Scientists had long wondered about the origins of polygamy and paternal care patterns among modern-day Paleognathes -- an ancient avian lineage that branched off soon after birds evolved from dinosaurs and includes ostriches, emus and tinamous. No such reproductive behavior exists among the vast majority of other vertebrates. Males contribute to parental care in less than 5 percent of mammal and non-avian reptile species, and while more than 90 percent of bird species co-parent to some degree, it is only among the Paleognathes that both polygamy and paternal care rule.
Bei den Straußen und ihren Verwandten sind also sowohl Polygamie wie väterliche Brutpflege die Regel, etwas, was sich dann die Vögel mit höher evoluierter Intelligenz ganz abgewöhnt zu haben scheinen, ebenso die Säugetiere. - Wow! - "Wieso, weshalb, warum?" "Wer nicht fragt, bleibt dumm." Diese Worte aus der "Sesamstraße" kommen einem in den Sinn, wenn man diese Dinge auf sich wirken läßt.

Bzw., noch eine ganz andere Frage rutscht einem ins Gehirn: Wir sehen immer mehr, wie evolutionär tief noch so wesentliche Verhaltensgene wie das, das menschliche und Mäuse-Monogamie verschaltet, im evolutionären Stammbaum zurück verfolgt werden kann (siehe früherer Beiträge zu Vasopressin und anderen). Gerade durch einen großflächigen Arten-Vergleich über so unterschiedliche Stammbaum-Bereiche hinweg wie den von Reptilien, Säugetieren und Vögeln könnte man genauer Auskunft erhalten darüber, aufgrund welcher evolutiver Mechanismen die Straße der sozialen Evolution in den genutzten Möglichkeiten immer schmaler geworden ist, um so differenzierter und komplexer die Gehirnevolution wurde.

Die Strauße, die in dem Dorf meiner Eltern derzeit neuerlich gehalten werden, machen ja auch einen so absolut merkwürdigen, "fremden" Eindruck auf einen, wie ich neulich bei "Mentio" schon erwähnte. Ihr Blick und ihre Gesten scheinen aus einer gänzlich anderen Zeit zu stammen ... Wenn einem bewußt gemacht wird, daß sie noch so vergleichsweise nahe den Dinosauriern stehen, auch im sozialen Verhalten, wird einem vielleicht manches an ihnen "verständlicher". (Wollte grad ein Foto von Straußen hier reinstellen - aber Foto's geben das Fremdartige ihres Seins gar nicht so recht wieder.)

Freitag, 19. Dezember 2008

Väterliche Brutpflege bei Dinosauriern

Offenbar über sehr differenzierte Forschungsansätze sind Forscher darauf gekommen, daß vergleichsweise große Brutgelege bei Dinosauriern (ebenso wie bei Krokodilen und Vögeln) auf väterliche Brutpflege hindeuten, veröffentlicht in "Science", behandelt bei Spektrumdirekt. Das sollte man sich im Originalartikel noch mal genauer anschauen.

Were hätte sich überhaupt jemals schon Gedanken darüber gemacht, daß und warum väterliche Brutpflege bei Reptilien und Vögeln offenbar stärker verbreitet ist als bei Säugetieren? Ist es das überhaupt? Ist das schon mal verglichen worden? Eigentlich spannende Fragen.

Denn: Hat nicht väterliche Brutpflege auch etwas zu tun mit der Evolution von Monogamie, ein Thema, das spätestens seit den neuesten Forschungen von Robin Dunbar, veröffentlicht im letzten Jahr (siehe Stud. gen.), an Bedeutung gewinnt, da - nach Dunbar - Monogamie-Evolution mit Intelligenz-Evolution zu korrelieren scheint?

Freitag, 12. September 2008

"FC Baumhopf o4"

"Fußball-Fan? - Was bist Du denn für ein schräger Vogel?"
oder: Gruppenauseinandersetzungen bei Vögeln

(Der Hauptartikel zu diesem Thema hier: Studium generale)

Ameisen und Bienen, Schimpansen, Bonobos, Paviane, Nacktmulle, die afrikanischen Zwergmungos und die israelischen Graudroßlinge - alles Tiere, die in zumeist größeren Gruppen leben, deshalb so mancherlei Ähnlichkeit mit menschlichem Sozialverhalten aufweisen und deren Erforschung deshalb auch schon so manche Neuerkenntnis bezüglich der evolutiven Wurzeln des menschlichen Sozialverhaltens erbracht haben, also das menschliche Selbstbild beeinflußt haben.

Zuletzt waren es die israelischen Graudroßlinge, eine Vogelart, erforscht durch das Ehepaar Amoz Zahavi und Frau, die Anlaß zu einer ganz neuen Theorie in der Verhaltensforschung gegeben haben, nämlich der sogenannten "Handicap-Theorie", auch Signal-Theorie genannt. (Siehe etwa Eckart Voland "Angeber haben mehr vom Leben".) Man kann diese Theorie auch die "Übermut-Theorie" oder die "Halbstarken-Theorie" nennen. Die Graudroßlinge, diese schrillen Vögel, konkurrieren nämlich innerhalb der Gruppe einmal anders herum nicht darum, anderen Gruppenmitgliedern die meiste Nahrung wegzunehmen, sondern darum, ihnen die meiste Nahrung geben zu dürfen. Womit deutlich wird: In der Natur läßt sich nicht leicht alles über einen Kamm scheren.

Die Baumhopfe in den südafrikanischen Wäldern

Nun gerät durch eine neue Studie (Presseerklärung) eine in Gruppen lebende Vogelart ins Blickfeld der Forschung, genannt die Baumhopfe (Phoeniculus purpureus), englisch "Green Woodhoopoe". Sie werden von Andrew Radford von der Universtität Bristol erforscht (siehe Hauptblog und die Abbildungen dieses Beitrages). Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Afrika südlich der Sahara. Sie sind entfernter mit den europäischen Wiedehopfen verwandt. Auf seiner Seite schreibt Andrew Radford, daß er erforscht:

1. wie in Vogelgruppen Entscheidungen getroffen werden (demokratisch oder despotisch),
2. wie Alarmrufe evoluiert sind,
3. welche Funktion Lautäußerungen während der Nahrungssuche haben,
4. soziale Gefiederpflege bei Vögeln entsprechend dem sozialen Fellausen bei Schimpansen, englisch "Allopreening".
Verbreitungsgebiet der Baumhopfe

Diese soziale Gefiederpflege bei Vögeln nun ist im Gegensatz zum Fellausen bei Säugetieren noch kaum erforscht, schreibt Radford:

Allopreening is a widespread phenomenon among birds but, unlike allogrooming in mammals, virtually no detailed studies have investigated its functions. In green woodhoopoes, a group-living African bird species, allopreening appears to serve a dual purpose: allopreening of the head and neck region (inaccessible to the recipient itself) seems to be primarily for hygienic purposes; in contrast, allopreening of the rest of the body may serve a primarily social function. Allopreening of these accessible body parts peaks at certain times of year, is more apparent in larger groups and dominants are the recipients far more than subordinates, which themselves conduct more of the active preening. This suggests that the allopreening acts to enhance social cohesion within the group, rather than to maintain dominance relationships.

Daß die soziale Gefiederpflege häufiger ist, um so größer die Gruppen sind und eher soziale als hygienische Bedeutung hat, erinnert alles sehr deutlich an die "Social Brain"-Thesen von Robin Dunbar, nach der das Fellpflegen die evolutive Wurzel des menschlichen Sprechens, des menschlichen "Klatsches und Tratsches" ist. In welchem Verhältnis die Häufigkeit von sozialer Gefiederpflege zu der Häufigkeit von Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen steht, war bisher noch nicht erforscht worden:

I am currently examining how intragroup allopreening is influenced by intergroup conflict. Although numerous studies have investigated the increase in affiliative behaviour following conflict between group members, virtually none have looked at the importance of conflict between groups, even though these are common in many social species. It appears that intragroup allopreening increases following intergroup conflicts, particularly those that are long in duration or lost, and those involving strange groups as opposed to neighbours. Moreover, not all group members increase their allopreening to the same extent: the postconflict increases are the result of more allopreening of subordinate helpers by the dominant pair. This may be because the dominant pair are trying to encourage the helpers to participate in future intergroup conflicts; they may be trading stress-reducing allopreening for assistance in intergroup conflict.

Die Süddeutsche erläutert das in deutscher Sprache:

Jeweils zwölf Baumhopfe leben in Gruppen zusammen - ein dominantes Brutpaar und mehrere nicht brütende, untergeordnete Vögel, die bei der Aufzucht des Nachwuchses behilflich sind. Während der Kämpfe mit den Rivalen tragen die untergeordneten Baumhopfe mehr zum Erfolg bei als die dominanten.

Daher vermutet der Autor der Studie, Dr. Andy Radford von der University of Bristol, die dominanten Vögel würden ihre untergeordneten Freunde so häufig putzen, um sie für den bevorstehenden Kampf fit zu machen.

Der britische Wissenschaftler zeigt in seiner Studie ebenfalls, dass Baumhopf-Gemeinschaften, die sehr oft mit ihren Nachbarn in Konflikt gerieten, sich öfter gegenseitig putzen würden als friedlichere Gruppen. "Das Putzen vermindert vermutlich den Stress und fördert den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Das ist besonders wichtig nach verlorenen Schlachten", begründet Dr. Andy Radford.

Es wird also deutlich, daß die sich fortpflanzenden Elterntiere der Gruppe ihre "Helfer am Nest" durch Gefiederpflege "bei der Stange halten" und damit den Gruppenzusammenhalt aufrecht erhalten und die Gruppengröße ermöglichen.

Fußball-Fans: "Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen!"

Da ihr Verhalten von Radford so deutlich mit dem von Fußballfans verglichen wurde (siehe Hauptblog) interessieren sich übrigens neuerdings auch diese für die Verhaltensforschung (11freunde.de, Bundesligablog.de). Und sie geben zugleich auch ein schönes Beispiel dafür, wie man mit Forschungsergebnissen umgehen kann, die man sich weder gewünscht hat, und auf die man zunächst auch nicht besonders erfreut reagieren kann:

Wissenschaftler der englischen Universität Bristol wollen herausgefunden haben, dass Baumhopfe einander nach Niederlagen trösten. »Genauso wie Fußballfans sich im Pub bemitleiden, wenn ihre Mannschaft verloren hat, unterstützen sich auch Vögel nach einem Wettkampf mit ihren Rivalen«, erklärte die Universität am Mittwoch. Sie liebkosten und putzten sich gegenseitig (...). Der Anteil der putzenden Baumhopfe sei in den Gruppen am größten, die das stürmischste und konfliktreichste Verhältnis zu ihren Nachbargruppen hätten.

(...) Viele Fans haben (...) nun also auch noch zu ertragen, dass sie sich nur aufgrund des fehlenden Gefieders und der Unfähigkeit zu fliegen von den bizarren Baumhopfen unterscheiden.

Wir wollten das nicht wissen. Beim besten Willen nicht. Aber Forschungsergebnisse flattern einem ja selten auf Bestellung ins Haus. Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen. Denn immerhin: Das Schicksal, einem Vogel ähnlich zu sein, trifft uns alle gleichermaßen. Es macht uns zu Brüdern.

Steh auf, wenn du ein Baumhopf bist!

schreibt Dirk Gieselmann "gefaßt". ;-)

Die Gruppenselektion in der Diskussion

Hier für Interessierte noch die theoretische Einleitung der Studie, die manche weiterführenden Literaturhinweise bietet bezüglich der derzeitigen Debatte um die Gruppenselektion, insbesondere auch die Arbeit von Kern Reeve und Bert Hölldobler von 2007 (pdf. frei verfügbar) über "Superorganismen". Zu dem Thema soll ja bald ein viel erwartetes Buch erscheinen:

In many social species, including humans, conflict between groups (intergroup conflict) is commonplace (Radford 2003; Choi & Bowles 2007; Kitchen & Beehner 2007). For example, group members often produce a combined display (McComb et al. 1994; Radford 2003) or fight alongside one another (Watts & Mitani 2001; Wilson et al. 2001) when defending their territory against rival groups.

Und dann heißt es:

Theoreticians have long suggested that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation or affiliation displayed by its members (Hamilton 1975; Alexander & Borgia 1978). Selection for cooperation should be reduced when intergroup conflict occurs at a low rate relative to conflict between group members (intragroup conflict), and this is true whether groups are composed of relatives (West et al. 2002) or non-relatives (West et al. 2006). Increased intergroup conflict should favour higher levels of cooperation, especially if cohesion between group members is important for success (Reeve & Hölldobler 2007). Despite these clear predictions, empirical investigations of the relationship between intergroup conflict and intragroup affiliative behaviour are rare in non-human animals (for exceptions, see Cheney 1992; Radford 2008).

Die hier unterstellte allgemeine Gültigkeit der theoretischen Grundannahmen wird auf dem Hauptblog von Studium generale etwas in Zweifel gezogen (Stg2018).

Das stellt aber nicht die neue Erkenntnis infrage, daß nicht nur Fußball-Fans so die eine oder andere Eigenschaft eines "schrägen Vogels" haben. Das "Wundenlecken" nach starkem sozialen Engagement ist ein sehr weit und allgemein verbreitetes Phänomen beim Menschen, diesem so durch und durch "sozialen" - oder mitunter auch asozialen - "Wesen".

Freitag, 5. September 2008

Durch Gesang sein Revier verteidigen (II)

(Aktualisierter Artikel, ursprünglich 13. 2. 2007, hier.)

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört.

Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


**********
Aktualisierung - 5.9.2008:

Neues zur Thematik:

"... Als die beiden Ornithologen ein besetztes Revier mit den Klängen eines fremden Pärchens beschallten, reagierten die eigentlichen Inhaber sehr heftig. Auf jeden Gesang der Konkurrenten folgten aufgeregte eigene Lieder: "Ihre Sangesrate schoss durch die Decke. Jede Einspielung wurde zornig beantwortet." Während die Zaunkönige in den 20 Minuten vor den Auftritten der vermeintlichen Invasoren nur durchschnittlich ein Duett anstimmten, schnellte deren Zahl in der gleichen Zeitspanne danach auf knapp sieben in die Höhe. ..."

So reagieren Menschen heute auf Zuwanderer in ihr eigenes Territorium (zumindest in Mitteleuropa) nicht mehr. Sie legen ihnen stattdessen - ganz prosaisch - - - Einbürgerungstests vor.

Nach:
[1] Mennill, D., Vehrencamp, S.: Context-Dependent Functions of Avian Duets Revealed by Microphone-Array Recordings and Multispeaker Playback. In: Current Biology 18, S. 1–6, 2008.
[2] Radford, A.: Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2008.0787, 2008.

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