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Sonntag, 11. Oktober 2020

Deutschlands Zukunft: Lenzen an der Elbe - Verfall und Leerstand

Eine Stadtbesichtigung

Ich war in Lenzen an der Elbe, einem schönen, stolzen, alten deutschen Bürgerstädtchen in der Prignitz im Norden des Landes Brandenburg. Ein Bekannter, der dort eine Radtour gemacht hatte (also genauer gesagt: mein Zahnarzt), hatte mir schon erzählt, was für einen heruntergekommenen, ausgestorbenen Eindruck Lenzen auf ihn machte, wie in seiner Absteige die Tapeten herunter hingen, wie es dort nach 18 Uhr keine Möglichkeit mehr gibt, irgendwo außerhalb der Wohnung unter Menschen zu kommen, wie es nur einen Supermarkt im Ort gibt.

 


 

Aber diese Erzählung hatte mich nicht vorbereitet auf das, was ich sah, als ich plötzlich selbst mitten auf dem Marktplatz von Lenzen stand. Auf Schildern zuvor war immer auf die Altstadt von Lenzen als einer Sehenswürdigkeit hingewiesen worden. Nun stand ich auf diesem uralten deutschen Marktplatz. Und was sah ich? Verfallene Häuser. Leerstand. Fast die Hälfte der Häuser stand leer, waren dem Verfall preisgegeben. Das war so etwas von schockierend, daß ich es erst gar nicht verarbeiten konnte.

Ich machte dann ein paar Videoaufnahmen davon. Aber in ihnen läßt sich der Eindruck dieser verlassenen Stadt nicht wirklich einfangen. Oder das müßte noch einmal gründlicher bildlich aufgearbeitet werden. Auf den ersten Blick finde ich niemanden, der das auf Youtube schon einmal getan hat, von den öffentlich-rechtlichen Medien zu schweigen. 

2008 priesen sie einmal die kostenaufwendige Restaurierung eines der Fachwerkhäuser in der Altstadt an (1). Aber nur dezent im Hintergrund sieht man dabei die Leerstände und den Verfall ringsherum. Sie waren damals nicht zum Thema gemacht worden - und scheinbar auch bis heute nicht. Immerhin, eine schriftliche Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2019 findet sich (2):

"Lenzen war eine blühende Stadt. Da vorne war ein Friseur, hier eine Kneipe, da hinten ein Gemischtwarenladen. Klamottengeschäfte, Schuhläden, hier gab es alles." (...) Einzelhandel eben. Und heute? Auch Einzelhandel, aber im wahrsten Sinne des Wortes: Deutschs Laden ist als Einziger in der Straße übrig geblieben, hier bekommt man mittlerweile notgedrungen fast alles. "Seit im vergangenen Jahr der Spirituosenladen zumachen mußte, sind wir auch eine Lotto-Annahmestelle, und die Post sowieso."

Machen wir uns es einfach klar: Das ist die Zukunft Deutschlands. Wie soll sie sonst aussehen bei der jetzigen Geburtenrate der Deutschen, bei der sich die einheimische Bevölkerung Deutschlands pro Generation halbiert? Das sind nach einer Generation die Hälfte, nach zwei Generationen ein Viertel, nach drei Generationen ein Achtel und am Ende dieses Jahrhunderts ist von einem Deutschland wie wir es heute noch kennen, nichts mehr übrig. Nur Städte wie heute schon Lenzen an der Elbe. 

Immerhin scheinbar ein guter Ort, für ... (2) ...

ältere Menschen, die ihren Lebensabend hier in der idyllischen Elbtalaue verbringen wollen, wo die Lebenshaltungskosten unschlagbar niedrig sind.

Ja, mit einer HartzIV-Rente halt. Deutschland, stirb mit HartzIV-Rente. - Immerhin wird in Lenzen an der Elbe im Barockgarten des dortigen Barockschlosses an einige schöne deutsche Barockgedichte erinnert (3).

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  1. Lenzen. RBB aktuell, 2008, https://youtu.be/xmvec6eqyN0.
  2. Julian Vetten, Lenzen (Elbe): Lenzen, wie es leibt und stirbt - Porträt, Wahlreise durch Brandenburg, NTV, 18. August 2019, https://www.n-tv.de/politik/Lenzen-wie-es-leibt-und-stirbt-article21206624.html.
  3. Bading, Ingo: Gedichte - In Lenzen an der Elbe, 2020, https://youtu.be/G0Etd53z4bA.

Sonntag, 8. Mai 2016

Ist Lehrbuch-Wissen "Quatsch"? - Über naturwissenschaftsnahes Argumentieren in der Politik

Im Lehrbuch "Soziobiologie" von Eckart Voland aus dem Jahr 2013 (2) wird ein Aufsatz aus der Zeitschrift "Human Nature" aus dem Jahr 2009 (1) referiert, der kurzzeitig in der Öffentlichkeit erörterte Argumentationslinien zu angeborenen Verhaltensunterschieden von menschlichen Großgruppen bezüglich r- und K-Strategien (12-17) - im Gegensatz zum allgemein in der Öffentlichkeit vertretenen Urteil - im Prinzip gerechtfertigt erscheinen lässt

Abb. 1: Eckart Voland - Soziobiologie, 2013, 4. Aufl.
Nur an wenigen Tagen in den letzten Monaten und Jahren wurde kurzzeitig im Zusammenhang politischer Erörterungen Bezug genommen auf naturwissenschaftsnahes Argumentieren (17).

In den Medien war in Reaktion darauf davon die Rede, daß dabei gedanklich völliger Blödsinn vertreten worden sei. Selbst nahe politische Freunde zeigten sich als von Abscheu erfüllt, meinten, dass man sich kontraproduktiver nicht äußern könne. In einer rechtfertigenden Stellungnahme dazu wurde inhaltlich kein Argument vorgebracht, dass das vorgebracht naturwissenschaftsnahe Argumentieren weiter erläutern und stützen würde und dadurch dazu anregen würde, eine Sachauseinandersetzung weiter zu führen - bis heute.

Selbst so überlegte Leute wie der Südtiroler Philosoph Dr. Marc Jongen von der Universität Karlsruhe äußern anstatt dessen dann lieber ihre Sympathien für Rudolf Steiner, als dass sie Verständnis für ein naturwissenschaftsnahes, evolutionäres Denken aufbringen können (17).

Niemand weit und breit führte auf diesem Gebiet in der allgemeine Öffentlichkeit die Sachauseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene weiter.

"Der Häscher der Selbstgerchten"


Außer uns. Und außer ganz wenigen Denkenden in Deutschland. Und außer des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser (14) und jener wenigen, auf die er sich bezieht - - - und schließlich außer jemandem, der sich nennt "DerHäscherderSelbstgerechten", der dann von Kritikern begrüßt wurde als "DerMitMartialischenNamenTanzt". Es handelt sich bei diesem "Häscher der Selbstgerechten" um einen Blogger, der sich "Genhorst" nennt. (Der aber jüngeren Jahrgangs ist, als man bei einer solchen Namenswahl vermuten sollte.) Dieser gab schon am 14. Dezember - allerdings bis heute wenig beachtet - den entscheidenden Kommentar zu allen öffentlichen Erörterungen rund um das zur Debatte stehende evolutionäre Denken (Genhorst 14.12.2015) (13).

Der Verfasser dieser Zeilen ist bislang der einzige gewesen, dem dieser Blogbeitrag "gefiel", und der ihn auf Facebook weiter geteilt hat. Und der ihn in Kommentaren bei Marcus Anhäuser dann weiter auswertete. Das soll nun auch hier noch einmal dokumentiert werden. Denn - wie gesagt - niemand innerhalb der gesamten "Qualitätspresse" weltweit griff bislang diesen Hinweis auf. Womit der Vorwurf Lügenpresse voll und ganz gerechtfertigt ist.

Abb. 2: Die Überlebenskurve für fünf unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
(Danke für diese Grafik von: Armin Kübelbeck)

Was hatte "Der Häscher der Selbstgerechten" getan? Er hatte einfach ein Zitat aus dem Lehrbuch meines Doktorvaters gebracht, auf das ich selbst gar nicht gekommen war:
Soziobiologe Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166).
Und dieses Zitat brachte er dann auch am 5. Februar 2016 in den Kommentaren bei Marcus Anhäuser. Eckart Voland schrieb da also schon 2013:
Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings lässt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […] Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von “r-” versus “K-Strategie”, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag. Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum “r/K-Konzept” unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher “langsame” von “schnellen” Lebensverläufen unterscheiden, wobei die “Geschwindigkeit” des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die – sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen – die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.
Abb. 3: Rushton - Rasse, Evolution, 2005
Darauf schrieben wir noch am gleichen Tag in den Kommentaren:
Was “Genhorst” da gefunden hat, ist schlichtweg die definitive ENTSCHEIDUNG in dieser Debatte. Und dieses Zitat müsste, wenn wir es denn nicht mit einer Pinocchio-Presse zu tun hätten, durch die gesamte große Presse gehen. Die moderne Humansoziobiologie mit ihrem im deutschen Sprachraum prominentesten Vertreter sagt, dass Menschen r-Strategen sein können als “Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit” UND auf der Ebene von Populationen (von der in dem Zitat die Rede ist). In Afrika gibt es r-Strategie als Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit auf Populationsebene. (...) Der WISSENSSTAND ist schlichtweg zu allergrößten Teilen korrekt wiedergegeben worden. Ob die richtigen politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen worden sind, ist damit ja gar nicht gesagt. Aber Pinocchio-Presse bleibt Pinocchio-Presse. Peter Sloterdijk spricht absolut korrekt von Lügenäther.
Ich übergehe hier einen längeren Abschnitt in der Diskussion bei Marcus Anhäuser, in der auf Einwände gegen unsere Auslegung dieses Zitats geantwortet wurde. Es wird eine Diskussion sein, die sehr lehrreich sein dürfte für manche, die noch weniger in naturwissenschaftsnahem Denken geschult sind. Bis zum 9. Februar hatte ich dann endlich herausgesucht, was hier tatsächlich inhaltlich zur Erörterung stand. Ich schrieb:
Habe jetzt das obige Voland-Zitat im Original rausgesucht und sehe, dass sich Voland bezieht bei den zitierten Aussagen auf diese Studie aus dem Jahr 2009: http://www.u.arizona.edu/~ajf/pdf/Ellis,%20Figueredo,%20Brumbach,%20&%20Schlomer%202009.pdf (Schade, dass man das hier alles selber machen muss und die “Qualitätspresse” weit und breit sich in Deutschland darum nicht kümmert.) Im Abstract dazu heißt es abschließend: “This review demonstrates the value of applying a multilevel evolutionary-developmental approach to the analysis of a central feature of human phenotypic variation.” Ohne das Ding jetzt weiter gelesen zu haben, entnehme ich jetzt mal dem Wort “multilevel approach”, dass ich mit meiner obigen “Interpretaton” des Voland-Zitates 100% richtig liege. Denn multilevel heißt: die genetische Ebene ist eben NICHT ausgeschlossen.
Der Aufsatz stammt von einer Forschergruppe rund um den Evolutionären Psychologen Bruce J. Ellis von der Universität von Arizona in Tuscon, USA. Er ist in deutscher Übersetzung betitelt mit: "Grundlegende Auswirkungen von Umweltrisiken - Der Einfluss von harschen gegenüber unvorhersehbaren Umwelten in der Evolution und Entwicklung von Lebensphase-Strategien" (1).

Bruce J. Ellis aus Tuscon/Arizona


Abb. 4: Die Zeitschrift "Human Nature"
Und diese Originalarbeit, auf die sich Voland bezog, ist glücklicherweise frei zugänglich und so konnten aus dieser gleich die entscheidenden Passagen herausgesucht werden (worauf es dann auch - bis heute - keine Einwände mehr gab ;) ). Bezugnehmend auf hier nicht dokumentierte Diskussionsabschnitte schrieb ich also:
Der eben genannte Artikel von 2009 raisonniert auf genau der gedanklichen Linie, die ich oben schon erläutert habe. Aber er geht noch erheblich weiter! Er erörtert sehr WOHL auch sehr konkret verhaltensgenetisch vorgegebene Häufigkeitsunterschiede zwischen MENSCHLICHEN Populationen weltweit. Insbesondere auf S. 228f wird dies anhand einer genetischen Anlage für ADHS erörtert, eine Anlage, deren 7-fache Sequenz bei Chinesen und Buschleuten gar nicht vorkommt, die aber in einigen Volksstämmen Südamerikas sehr häufig vorkommt und z. B. unter Europäern ebenfalls mitverantwortlich ist für dortiges “novelity seeking”, für Abenteuerlust, Risikofreude und ADHS. Und diese Steuerungssequenz korreliert nach älteren Studien (u.a. Harpending) mit Nomadenhaftigkeit und Wanderungsfreude. Und nun der von Voland zitierte Aufsatz zu solchen angeborenen Lebenslauf-Häufigkeits-Unterschieden zwischen menschlichen Populationen in Bezug auf diese Veranlagung (LH = Life history):
“Variation between and within human populations in LH strategies has also been linked to measured genetic variation. For example, the modal slow human LH strategy may be supported by the common 4R variant of the human dopamine receptor D4 (DRD4) gene. DRD4 regulates dopamine receptors in the brain, and variants of this gene have been linked to individual differences in such personality traits as extraversion and novelty-seeking (Ebstein 2006). The 4R allele was apparently the most common form of the DRD4 gene throughout human prehistory (Wang et al. 2004). Under conditions of environmental harshness and resource limitation, which are common in pre-agricultural foraging societies, biparental investment in offspring, durable pairbonds, and strong family ties and cooperation (i.e., slower LH strategies) are generally needed to survive and reproduce successfully (see Draper and Harpending 1988; Geary 2000; Rodseth and Novak 2000). Harpending and Cochran (2002) suggest that these ancestral conditions helped to maintain the 4R allele, which is associated with more riskaverse mating and social behavior.
Whereas the DRD4 4R allele appears to have emerged around a half-million years ago and is common in most geographical locations, the DRD4 7R allele, which is associated with more impulsive and risk-prone behavior, appears to have been selected for during the past 40,000–50,000 years and has a widely variable and nonrandom global distribution (Chen et al. 1999; Wang et al. 2004). Based on an analysis of this distribution, Chen et al. (1999) have argued that the 7R allele promotes migratory behavior, with bearers of 7R more likely to lead populations far from their ancient lands of origin (e.g., South American Indians, Pacific Islanders). An alternative explanation, however, proposed by Harpending and Cochran (2002), is that the 7R allele is favored by selection under conditions of surplus resources. In such luxuriant contexts, where offspring can be successful without intensive biparental investment (as is common in many agricultural and modern societies), higher levels of energetic, impulsive, and noncompliant behavior characteristic of male bearers of the 7R allele may facilitate fast sexual behavior and success in intrasexual competition (Harpending and Cochran 2002; Penke et al. 2007). Recent increases in the frequency of the 7R allele (Ding et al. 2002) are consistent with this hypothesis. In total, 7R bearers may not only be more likely to become propagules colonizing new environments (generating between-group variation in LH strategies) but may also employ faster LH strategies than 4R bearers in well-resourced, multiniche environments (supporting within-group variation in LH strategy).
In sum, there is much variation in LH strategies between different human populations (e.g., Rushton 2004; Walker et al. 2006b; Walker and Hamilton 2008). On the one hand, genetic polymorphisms, such as those at the DRD4 locus, are potentially relevant because they may account for meaningful cultural and individual variation in LH strategies. On the other hand, comparative data from small-scale human societies suggest that differences between populations in LH strategies are responsive to mortality rates. Much more work is needed, however, to delineate the potential evolutionary and developmental bases of such differences and their coordination with environmental conditions.”
In diesem Falle würden also, wenn ich es recht verstehe, Buschleute und Chinesen auf der “K-nahen” Seite stehen, während südamerikanische Indianerstämme und abenteuerlustige, risikofreudige Europäerinnen und Europäer auf der “r-nahen” Seite stehen, weil sie wechselnde Sexualpartner haben und/oder auch einen sonstigen risikofreudigeren Lebensstil haben. Man sieht, das Thema ist in jedem Fall komplex. Aber daher zu kommen und zu sagen, es sei grundsätzlich “Blödsinn”, in Bezug auf angeborene Verhaltensunterschiede beim Menschen auf Populationsebene von r- und K-Strategie zu sprechen – DAS ist: Blödsinn. Denn die Forschung geht auch jenseits von Philippe Rushton auf diesem Gebiet weiter, jenseits eines Autors übrigens, der auch in der Studie von 2009 als ernstzunehmender zitiert wird.
Seit diese Zitate der Öffentlichkeit bekannt gegeben und ihr erläutert worden sind, ist die öffentliche Erörterung rund um das hier zur Erörterung stehende evolutionäre Denken schlichtweg entschieden. All die Kritiker auf dem Blog von Marcus Anhäuser, die sich zuvor immer wieder mit neuen Einwänden gemeldet hatten, blieben, nachdem diese Zitate gebracht worden waren, stumm. Wahrscheinlich reden sie sich damit heraus, dass ihnen die Diskussion zu lang geworden war und sie ihr gar nicht mehr gefolgt wären.

Aber man möchte doch gerne wissen, wann endlich Qualitätspresse Qualitätsberichterstattung betreibt. Statt Hetzpresse und Verblödungspresse zu sein. (Einige weiterführende Ausführungen im Anhang.) (Ergänzung 11.6.16:) Übrigens ist damit auch die öffentliche Stellungnahme des "Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (19) vollständig widerlegt, etwa die dortige These, dass es sich bei der r/K-Theorie um eine "mittlerweile veraltete Theorie zu Unterschieden im Fortpflanzungsverhalten zwischen verschiedenen Tierarten" handeln würde. Wie können habilitierte Wissenschaftler einen solchen Unsinn äußern?
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ResearchBlogging.org
  1. Ellis BJ, Figueredo AJ, Brumbach BH, & Schlomer GL (2009). Fundamental Dimensions of Environmental Risk : The Impact of Harsh versus Unpredictable Environments on the Evolution and Development of Life History Strategies. Human nature (Hawthorne, N.Y.), 20 (2), 204-68 PMID: 25526958
  2. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Heidelberg u.a. 2013 (4. Auflage)
  3. Bading, Ingo: Ein Skandal der allerersten Güte. Das "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda und sein geistig überaus schmalspuriges Auftreten. Auf: GA-j!, 12. Juli 2015
  4. Bading, Ingo: Rettet naturwissenschaftsnaher Katholizismus die europäischen Völker? Entwicklungen auf dem Internetblog "Projekt Ernstfall". GA-j!, 23. Juli 2015
  5. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille". GA-j!, 28. Juli 2015
  6. Bading, Ingo: Verblödung auf der Internetseite Sezession. Katholische Rechtskonservative seit über 40 Jahren: "Gehe zurück auf Los und fange bei Null an". GA-j!, 15. August 2015
  7. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gestellt. GA-j!, 7.10.2015 
  8. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. GA-j!, 11.10.2015
  9. Bading, Ingo: Lasst sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition. Begreift Euch als Erben! Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014). GA-j!, 15. Oktober 2015
  10. Albrecht, Jörg: Das Fremde und das Vertraute. In: FAS, 17.11.2015
  11. von Rauchhaupt, Ulf: Lewontins Fehlschluß. In: FAS, 17.11.2015
  12. Zastrow, Volker: Neue Rechte - Höckes Rassetheorie. In: FAZ, 20.12.2015
  13. Genhorst: Höckes r- und K-Strategen. Auf: Das Wesen - EvoDevoAnthro, 14. Dezember 2015, https://genhorst.wordpress.com/2015/12/14/hoeckes-r-und-k-strategen/
  14. Anhäuser, Marcus: Liebe Biologen, #Höcke wäre Eure Chance gewesen (Nachtrag 28.1.16). Auf Placeboalarm, 15. Dezember 2015, mit 105 Kommentaren, http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/liebe-biologen-hoecke-waere-eure-chance-gewesen/
  15. „Sonst endet die AfD als ‘Lega Ost’“ - Interview mit Karlheinz Weißmann. In: Junge Freiheit, 21.12.2015
  16. Hermsdorf, Daniel: Volksverhetzung durch angebliche #Rassismus-Kritik? Filmdenken, 21.12.2015
  17. Bading, Ingo: Björn Höckes evolutionäres Denken Mangelndes Vertrauen in die Aufklärungs- und Humanisierungsfähigkeit moderner Wissensgesellschaften Oder: Warum die Öffentlichkeit ständig geistig und moralisch unterfordert wird. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 10. Januar 2016, http://studgenpol.blogspot.de/2015/12/die-debatte-um-bjorn-hockes.html
  18. Brynja Adam-Radmanic: Hat Höcke recht, aber wir dürfen es nicht sagen? - Ein Fakten-Check mit Anleitung zur Verhinderung totalitären Denkens. Auf: Wissensküche, 15. Dezember 2015 (mit 126 Kommentaren), http://wissenskueche.de/2015/12/hat-hoecke-recht-aber-wir-duerfen-es-nicht-sagen-ein-fakten-check-mit-anleitung-zur-verhinderung-totalitaeren-denkens/
  19. Damian Ghamlouche: BIM-Pressemitteilung: Rassistische Argumentationen dringen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit in den politischen Raum. Pressemitteilung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung vom 15.12.2015, http://www.bim.hu-berlin.de/media/PM_BIM_14122015.pdf

Montag, 11. Januar 2016

Außerhalb der Wissenschaft verblödet man

Ich muss mal etwas Frust ablassen - Hört gut zu, Ihr 20-jährigen Studenten!

Seit langem einmal wieder ein Videoblogging. Ob die Akustik gut ist, habe ich nicht beachtet. Ich habe, wie man hören kann, ganz andere Probleme!


In diesem Video will ich nämlich kurz dem Gedanken und der Erfahrung Ausdruck verleihen, dass man in gewöhnlicher beruflicher Tätigkeit verblödet. Und dass dieser Umstand einen großen Teil beiträgt zum gegenwärtigen Zustand unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. In unserem Kulturleben, im öffentlichen Leben, in gesellschaftlichen und politischen Debatten spielt heutzutage das naturwissenschaftsnahe politische Argument so gut wie keine Rolle. 

Und wenn - zum Beispiel! - ein Björn Höcke einmal kurzzeitig ein solches Argument bringt, wird schnell wieder darüber geschwiegen. Es scheint sogar bis heute kaum einen Wissenschaftler zu geben, der sich zu den Thesen von Björn Höcke überhaupt nur geäußert hat.

Vorschaubild
Mich lässt dieser Zustand mit tiefstem Unbehagen zurück. Aber ich merke auch, wenn ich der Relevanz nachgehe, die die These von Björn Höcke für politische Debatten haben könnte, ich erst in einen Bereich komme, von dem ich für mich selbst sagen würde, dass er mich nicht verblödet. Weil ich zum ersten mal wieder wirklich kreativ, intensiv nachdenke.

Denn das Konzept, von dem Björn Höcke da ausging, die r-/K-Strategie von Philippe Rushton - wenn man für sich klären will, ob diese Theorie gut ist, plausibel ist, muss man tief einsteigen in wissenschaftliches Denken. Und man merkt dann erst, wie sehr man sonst im Alltag verblödet und verblödet ist, weil man merkt, dass man hierzu zum ersten mal wieder seit langem wirklich selbständig und kreativ denken muss.

Dienstag, 15. Januar 2013

Kinderfreundlichkeit - das grundlegendste Prinzip der Evolution und der Geschichte

Abb. 1: Kindheit im Havelland, 1930er Jahre
Warum sind die traditionellen Gesellschaften die kinderfreundlichsten Gesellschaften auf dieser Erde? Wo immer man auch hinkommt zu traditionellen Völkern und Volksgruppen?

Nun, die Frage stellen, heißt eigentlich schon, sie beantworten. Traditionelle Gesellschaften sind Gesellschaften, die schon seit langen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden so leben, wie sie noch heute leben. Wie hätten sie wohl so lange überdauern können - ohne kinderfreundlich zu sein?

Warum also sind die traditionellen Gesellschaften die kinderfreundlichsten Gesellschaften auf dieser Erde? Die Antwort lautet: Weil die Begründer dieser Gesellschaften aus dem Innersten heraus kinderfreundlich waren. Und weil ihnen - bewußt oder unbewußt - bei der Durchstrukturierung ihrer Gesellschaft und ihres gesellschaftlichen und familiären Lebens nichts wichtiger war, als diese Kinderfreundlichkeit.

Ist es anders zu erklären? Daß in der traditionellen bäuerlichen Arbeitswelt die Arbeit und die gesellschaftlichen Strukturen sämtlich um die Tatsache herum strukturiert sind, daß Menschen Kinder haben? Und daß Kinder die bestmögliche Entfaltungsmöglichkeit haben?

Die Kinder etwa hätten sich an diese Lebensweise angepaßt und nicht etwa umgekehrt die Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder in vollstem Umfang berücksichtigt? Schon die Frage zu stellen, ist lächerlich. Natürlich letzteres. Kinder sind auf der ganzen Welt und in allen Gesellschaften ähnlich. Auch ihre Bedürfnisse.

Welches sind die wesentlichsten Bedürfnisse von Kindern? Um so jünger, um so mehr? 
1. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
2. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
3. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
Mindestens bis zum dritten Lebensjahr gilt das unumschränkt. Danach stufenweise - und individuell je nach Kind - weniger. Um so mehr ältere Geschwister, Verwandte und enge Freund der Familie da sind, um so leichter fällt dem Kind die Trennung von der primären Bezugsperson. 

Deshalb ist in traditionellen Gesellschaften das ganze gesellschaftliche Leben so durchstrukturiert, daß Eltern auch bei der Arbeit möglichst in der Nähe ihrer Kinder sind. Das simpelste Prinzip von der Welt. Nur nicht verständlich solchen Gesellschaften, die eh schon lange untergegangen sind, oder die gerade untergehen. Eben weil Kinderfreundlichkeit nicht das zentralste Prinzip ist, nach dem sie ihre Gesellschaft durchstrukturiert haben.

Kinderfreundlichkeit - ein Prinzip naturalistischen Denkens und des Evolutionären Humanismus

Und keineswegs ist es so, daß dieses Prinzip jemals in der Evolution, in der Humanevolution oder in der Weltgeschichte an Bedeutung verloren hätte. Im Gegenteil. Evolution ist eine ständige Steigerung und Ausdifferenzierung von kindlicher Hilflosigkeit und elterlicher Fürsorge (Adolf Portmann). Es ist eines der tiefsten Gestaltungsprinzipien der Evolution überhaupt. 

Schon die grundlegendsten Unterscheidungen im Tier- und Pflanzenreich machen darauf aufmerksam: Ursprünglichere Gymnospermen, Nacktsamer, schützen ihre Nachkommenschaft weniger als die fortgeschrittenen Angiospermen, Bedecktsamer. Letztere bedecken ihren Samen, umgeben ihn mit einer Schutzhülle. Die Schönheit aller Blütenpflanzen auf dieser Erde ist dem Prinzip Nachkommenfürsorge geschuldet. 

Abb. 2: Kindheit im Havelland, 1930er Jahre
Und im Tierreich ist es nicht anders. Ursprünglichere Amphibien und Reptilien kümmern sich weniger um ihre Nachkommenschaft als die Säugetiere. Und bei den Vögeln sind die Nesthocker, also jene Tierarten, die die hilflosesten Jungen zur Welt bringen und sich am meisten um sie kümmern, die intelligentesten Vögel (Adolf Portmann). Nicht die Nestflüchter. Bei den Säugetieren ist es nicht anders. Das extrauterine Frühjahr, das heißt die vollendete Hilflosigkeit bei der Geburt, ist eines der wesentlichsten Kennzeichen des Humanum. Die verlängerte Kindheit. Nicht die verkürzte.

Und damit auch die Ängstlichkeit des Kleinkindes, der große innere Streß bei der Trennung des Kleinkindes von primären Bezugspersonen.

Im Sinne einer krankhaften Ideologie - anders kann man es nicht nennen - fallen alle diese Erkenntnisse über die Gesetze der Evolution bei der Durchgestaltung unserer heutigen Gesellschaft völlig unter den Tisch.

Es wäre das ein "naturalistisches Denken". Menschen würden sich die Prinzipien ihres Lebens aus anderen Erkenntnissen ableiten als aus dem Weltbild eines kruden Atheismus oder einer kruden Gläubigkeit an Heilige Schriften. Und das geht ja nicht. Da schreit ja jeder rechtskonservative, Männerbünde und Mönchsorden liebende Vordenker im Innersten seines Herzens auf: Nein, so nicht! Wenn wir aus der Natur selbst die Prinzipien unseres Handelns ableiten und nicht aus Heiligen Schriften und den Beschlüssen von Kardinalskonzilien, dann landen wir im gottlosesten Heidentum. In der Ketzerei! Weg von alle dem! Die zivilisatorische Kraft des Christentums darf nicht beiseite gewischt werden!

Heilige Schriften wirken zwar heute, als sollte sich durch sie das Wort erfüllen: Viel Steine gab's und wenig Brot. Aber gerade das ist für die modernen Gesellschaften richtig. Es ist die "katechontische Größe", die wir brauchen. An diesem Gegenprinzip, an diesem geradezu satanischen Prinzip mögen sich moderne Gesellschaften "abarbeiten". Vielleicht ist es ja zu ihrem Heil? Sagt nicht Jesus Christus irgendwie so etwas?

Aha. Noch ein Einwand könnte kommen: Der Autor will also traditionelle Lebensformen verherrlichen und zu ihnen zurück kehren? Ja, Phantasielose könnten auf diesen Gedanken kommen. Mit Phantasielosigkeit haben Gesellschaften noch niemals Krisenzeiten überwunden.

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