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Samstag, 29. Juli 2017

Dienen Menschenopfer der Stabilisierung menschlicher Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?

Neue Forschungsergebnisse zur Funktion von kultischen Männerbünden und Menschenopfern

Im folgenden wird auf zwei neue Themenkomplexe innerhalb der Wissenschaft hingewiesen:

  1. Kultische Geheimbünde - Haben sie indogermanische Ursprünge?
  2. Dienen Menschenopfer der Stabilisierung hierarchischer Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?
  3.  

1. Kultische Geheimbünde - Haben sie indogermanische Ursprünge?  

Männerbünde und -orden ebenso wie Männer-Geheimbünde und Männer-Geheimorden sind niemals schärfer in der Geschichte kritisiert worden als durch die deutsche völkische Bewegung der 1920er Jahre und innerhalb derselben selten schärfer als durch das Ehepaar Erich und Mathilde Ludendorff der 1920er und 1930er Jahre. In jener Zeit wurde die Rolle der Freimaurerei für die Herbeiführung, den Ausbruch, den Verlauf und das Ende des Ersten Weltkrieges sehr umfangreich erörtert und kritisiert. Es wurde unterstellt, sie würde durch Krieg und Revolutionen versuchen, die "Weltrepublik" herbeizuführen und die gewachsenen Völker und Kulturen zu zerstören und in eine asiatisch-negroide Zukunftsrasse umzuwandeln. Dasselbe unterstellte man dem Jesuitenorden und der katholischen Kirche. Und dasselbe unterstellte man - vor allem in den 1930er Jahren - auch östlich-esoterisch ausgerichteten Männerorden und Priesterkasten, die auf den Dalai Lama als äußeres Oberhaupt hin ausgerichtet seien.

Man stellte diesbezüglich auch bald fest, daß nicht nur das gesamte politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben zu großen Teilen von solchen Geheim-Orden und -Bünden, ihren öffentlich bekannten Ablegern unterwandert worden war, wenn nicht gar in wesentlichen Teilen erst hervorgerufen wurde und von den ihnen zugehörigen Astrologen beraten wurde, sondern daß dies insbesondere auch für die rechtskonservative Szene und die völkische Bewegung selbst gälte. Und so machte man schließlich diese Geheimbünde auch für die Machtergreifung der Nationalsozialisten verantwortlich, dessen Verbrechen und leichtfertiges Mit-dem-Krieg-Spielen man als ein beabsichtigtes Hijacking, eine Entführung des ursprünglichen völkischen Gedankens begriff, natürlich um ihn zu diskreditieren.

Aufgrund dieser vorherrschenden Stimmung in der damaligen völkischen Bewegung mußten sich hinwiederum die Nationalsozialisten, wenn sie erfolgreich sein wollten, nach außen und insbesondere auch gegenüber der eigenen Anhängerschaft das Aussehen geben, als ob sie die Freimaurerei und die katholische Kirche und den mit ihnen einhergehenden Okkultismus bekämpfen würden. Deshalb wurde die Freimaurerei offiziell im Dritten Reich verboten. Alle Männerbünde versuchten aber während des Dritten Reiches ein Verbot ihrer selbst und ihre sonstige Bekämpfung zu verhindern und zu unterlaufen, indem sie sich nach außen hin als "völkisch" tarnten und schließlich, indem sie den Männerbund-Gedanken kurzum als einen völkischen Gedanken propagierten.

Otto Höfler gegen Bernhard Kummer - 1933  bis 1945

Als solche Propagandisten spielten mehrere Autoren eine Rolle, keiner aber eine größere als der österreichische Katholik Otto Höfler (1901-1987) (Wiki). Dieser hat sich 1931 mit seinem Buch "Kultische Geheimbünde der Germanen" in Wien habilitiert und es 1934 erscheinen lassen - und zwar mit der ganz bewußten Absicht, den kultischen Geheimbund als etwas "Echt-Deutsches", "Echt-Germanisches" dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich unterzuschieben (1). Otto Höfler wurde deshalb auch durch eine breite Strömung innerhalb der nationalsozialistischen Partei gefördert und ließ sich von ihr fördern. Insbesondere im Männerorden SS selbst berief man sich auf den in diesem Buch behandelten Gedanken, daß schon die heidnischen Germanen "kultische Geheimbünde" gekannt hätten, die sogenannten "Einherrier". Und daran wollte man innerhalb der SS anknüpfen. Auch noch in der rechtskatholischen Zeitschrift "Sezession" wurde Otto Höfler als ernst zu nehmender Autor behandelt.

Abb. 1: Bernhard Kummer

Diesem Otto Höfler nun und der von ihm repräsentierten Geistesströmung stellte sich der deutsche Nordist Bernhard Kummer (1897-1962) (Wiki, engl.) entgegen, der der Ludendorff-Bewegung vor und nach 1945 sehr nahe stand, und der sich scharf gegen die Unterstellung aussprach, daß es bei den heidnischen Germanen kultische Männerbünde gegeben habe. Auf dem englischen Wikipedia-Artikel zu Bernhard Kummer ist sein Konflikt mit der SS ausführlicher dargestellt als auf dem deutschen:

Kummer's academic career was retarded by a conflict with Otto Höfler which became part of the conflict between the Ahnenerbe and the Amt Rosenberg, with which Kummer was affiliated. Höfler originally fanned the flames of their disagreement with a dismissive treatment of Kummer's work in his Kultische Geheimbünde der Germanen (1934), but Kummer fought back "with almost every weapon he could get." Kummer attacked Höfler's version of the Germanic Continuity Theory as based on the equation of the ancient Teutons with primitives and therefore inherently denigratory. He accused the Catholic Höfler, whose work emphasises initiatory cults and secret societies, of "an un-Nordic predilection for strange rites and ecstatic practices". Höfler was able to point out the potential destructiveness of such sectarianism in the Third Reich, and his viewpoint easily supported the notion of National Socialism as the culmination of Germanic history, whereas Kummer had to resort to a reawakening of suppressed cultural forces. Heinrich Himmler intervened in the quarrel and Kummer was forced to withdrew his attacks on Höfler and resign from the journal Nordische Stimmen, which he had founded; only then did his academic career advance.

Zu diesen Auseinandersetzungen hat der Tübinger Gerd Simon viele Dokumente zugänglich gemacht (2). Bernhard Kummer stand in diesem Kampf fast als "Einzelkämpfer" gegen die gesamte Staatsmacht, insbesondere gegen die SS. Wie er sich zu diesen Fragen gedanklich positionierte, hat er in den 1950er Jahren noch einmal in seiner Schrift "Gott Odin - Ein Chronist und sein Gefolge" dargestellt (3). Der Gott Odin war für ihn der Völkerwanderungsgott, ein Gott, der nicht zum ursprünglichen Kanon der Indogermanen und Germanen gehörte, sondern erst sehr viel später eingeführt worden sei. Er würde ganz ungermanische Züge tragen und mit ihm sei viel ungermanisches Geistesgut in die germanische Welt hineingeraten. All das hätte sie aufnahmebereiter gemacht für das Christentum und das damit verbundene Männerordens- und Priester-Prinzip, das den einzelnen Menschen aus Sippe und Familie heraus löst. Um das zu belegen, wurde auf viele Bibelzitate zurückgegriffen, etwa auf Matthäus 10.37 ("Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, ist mein nicht wert.").

Rituelle Hunde-Tötungen bei den Indogermanen - 1.900 bis 1.700 v. Ztr.

In einer soeben veröffentlichten Studie des Archäologen und derzeit angesehendsten archäologischen Indogermanen-Forschers David Anthony (4) werden Funde präsentiert, nach denen in der Urheimat der Indogermanen in der Zeit nach den ersten großen Abwanderungen der Indogermanen nach Süden (4.600 v. Ztr. nach Varna in Bulgarien, 4.000 v. Ztr. nach Maikop nördlich des Kaukasus), nach Westen (2.900 v. Ztr. als Schnurkeramiker/Glockenbecherleute in Mitteleuropa) und nach Osten (als Arier in Nordindien, als Perser in Persien), also in der Zeit 1.900 bis 1.700 v. Ztr. in der Winterzeit Hunde rituell getötet worden wären (5). Und Anthony stellt diesen Befund nun in einen großen Zusammenhang, nach dem es indogermanisches Gemeingut gewesen wäre, daß es jugendliche "Kriegsbanden" gegeben hätte, die in großer Wildheit gelebt hätten und große Freiheit gehabt hätten und die Einweihungsrituale hätten durchlaufen müssen, in denen Wölfe und Hunde eine Rolle gespielt hätten. Anthony erinnert an die - in diesem Zusammenhang vergleichsweise harmlosen - Lupercalien (Wiki) in Rom, beruft sich aber überhaupt auf eine vielfältige Forschungsliteratur seit 1945 zu den indogermanischen Mythen und Überlieferungen rund um diese Fragen, also auf Forschungsliteratur, so scheint es, in den Fußstapfen von Otto Höfler.

Es steht außer Zweifel, daß es auch heute noch völkische, logenartige, "ariosophische" "Bünde" gibt, die sich auf solche Forschungen berufen werden, wenn sie die Arbeiten in ihren eigenen völkischen Geheimlogen weiter betreiben werden. Man denke etwa an die Ariosophische Bruderschaft, in deren Thüringer Umfeld sich doch offenbar auch der Politiker Björn Höcke von der AfD zu bewegen scheint, was um so naheliegender ist, wenn er - wofür fast alles spricht - unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" geschrieben haben sollte, was deutlich genug auf die Thule-Okkult-Romane des ariosphischen, SS-nahen Okkultautors Wilhelm Landig (Wiki) zurück weisen würde.

Also gälte es einmal aufs Neue, in der Forschung scharf abzugrenzen, was dort wirklich sichere Erkenntnis ist und was Interpretation ist. Dazu müßte man die von Anthony angeführte Literatur sehr genau studieren. Wozu gerne aufgefordert sein soll. Beiträge zu diesen Fragen nehmen wir gerne für diesen Blog entgegen.

Gleichgültig, welches Ergebnis eine solche Untersuchung hätte, wäre natürlich im übrigen sowieso zu sagen, daß wir heutigen Nachkommen der Indogermanen uns nicht mit allen Verhaltensgewohnheiten unserer Vorfahren identifizieren können und wollen, sondern daß hier - wie immer - ausgewählt werden muß vom Standpunkt der heutigen Zeit, was erhaltenswürdig oder erneuerungswürdig wäre und was einfach Bestandteil früherer Zeiten war, und was heute nicht mehr zeitgemäß wäre.

Es deutet sich aber wohl schon von vornherein an, daß die kultischen und Lebens-Gewohnheiten der indogermanischen Völker von solcher Vielfalt waren, daß man einerseits als heutige verquastete Okkultloge immer irgendeinen Anknüpfungspunkt finden wird und sei er noch so konstruiert, und andererseits, daß diese niemals unter der Drohung von Todesstrafe mittels Geheimgerichtsbarkeit einem solchen totalitären Gehorsams-Prinzip unterworfen waren wie dies in von monotheistischem Geist Schwarzer Pädagogik geprägten Okkultlogen des 20. Jahrhunderts vom Jesuitenorden über die Freimaurerei bis hin zur tibetischen Priesterschaft hin üblich ist, verbunden mit all der Pädokriminalität und all dem elitären Satanismus, der dafür als "notwendig" erachtet zu werden scheint. Aus allen indogermanischen Kulturen spricht ein ganz anderer Geist. Insofern fragt man sich dann auch so ganz allmählich, welche Agenda eigentlich - - - David Anthony zu verfolgen scheint.

2. Dienen Menschenopfer der Stabilisierung hierarchischer Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden?

Möglicherweise noch um manches spannender aber wird es, wenn man in der Zusammenfassung einer weiteren aktuellen Forschungsstudie von den Autoren Russell D. Graya und Joseph Watts aus dem Bereich der Evolutionären Anthropologie einen Satz wie den folgenden liest (6):

Ritual human sacrifice does play a causal role in promoting and sustaining the evolution of stratified societies by maintaining and legitimizing the power of elites.
Also: Rituelle Menschenopfer bedingen ursächlich die Förderung und Aufrechterhaltung der Evolution hierarchischer Gesellschaften, indem sie die Macht der Eliten befestigen und legitimieren.

Boah. Dieser Satz haut einen um. Der Satz stammt von jenen Forschern, die zuvor schon - 2015 - die Rolle von ("übernatürlichen") personalen Gottheiten ("supernatural" "big gods", "großen Göttern") für die Entstehung komplexer Gesellschaften erforscht hatten. Ihre diesbezüglichen Studien seit 2015 sind in ihrem Literaturverzeichnis angeführt. Da es sich bei diesen Forschungen um sehr ernstzunehmende Studien handelt aus dem Bereich der "third-party-punishment"-Theorien zur Erklärung der Entstehung von Altruismus in menschlichen Gesellschaften, dürfte er erhebliches Gewicht haben. Und im Text der Studie heißt es dazu dann ausführlicher (6):

Religious narratives in early human societies often legitimize the authority of those in power and involve rituals that benefit the elite at the expense of underclasses (64). A particularly gruesome example is the practice of ritualized human sacrifice that occurred in early human societies throughout the world (64–68). According to the Social Control Hypothesis (64, 66, 68), ritualized human sacrifice was used by social elites as a religiously sanctioned means of terrifying underclasses into obedience.
Zu Deutsch: Religiöse Narrative in frühen menschlichen Gesellschaften legitimieren häufig die Autorität der Machthaber und schließen Rituale mit ein, die der Elite nützen auf Kosten der Unterschichten (64). Ein besonders schreckliches Beispiel ist die Praxis ritueller Menschenopfer, die in frühen menschlichen Gesellschaften rund um die Erde aufgetreten sind (64-68). Gemäß der "Soziale Kontrolle-Hypothese" (64, 66, 68) wurden rituelle Menschenopfer von sozialen Eliten benutzt als eine religiös sanktionierte Methode, um die Unterschichten einzuschüchtern und zum Gehorsam zu bringen.  
_____________________________
64. Carrasco D  (1999) City of Sacrifice: The Aztec empire and the role of violence in civilization (Beacon, Boston)
65. Bremmer JN  (2007) The Strange World of Human Sacrifice (Peeters, Leuven, Belgium)
66. Turner CG, Turner JA  (1999) Man Corn: Cannibalism and Violence in the Prehistoric American Southwest (Univ of Utah Press, Salt Lake City)
67. Girard R  (1987) Violent origins: Ritual killing and cultural formation. Violent Origins, eds Hamerton-Kelly R, Burkert W, Girard R, Smith J (Stanford Univ Press, Stanford, CA), pp 73–105
68. Winkelman M  (2014) Political and demograpic-ecological determinants of institutionalised human sacrifice. Anthropol Forum 24:47–70

Das ist eine schrille These. Sie beruft sich auf eigene Forschungen an 93 traditionellen austronesischen Gesellschaften, die im letzten Jahr veröffentlicht worden sind. In der Zusammenfassung derselben heißt es (7):

We find strong support for models in which human sacrifice stabilizes social stratification once stratification has arisen, and promotes a shift to strictly inherited class systems. Whilst evolutionary theories of religion have focused on the functionality of prosocial and moral beliefs, our results reveal a darker link between religion and the evolution of modern hierarchical societies.
Zu Deutsch: Wir finden starke Belege für Modelle, in denen Menschenopfer die soziale Hierarchie stabilisieren, wenn sie erst einmal entstanden ist, und daß sie den Übergang zu streng erblichen Klassensystemen fördern. Während evolutionäre Theorien der Religion bislang ihr Augenmerk auf die Funktionalität von prosozialen und moralischen Glaubensinhalten gelegt haben, decken unsere Forschungsergebnisse eine dunklere Verbindung zwischen der Religion und der Evolution moderner hierarchischer Gesellschaften auf.

Und in ihrem neuesten Aufsatz schreiben sie dazu weiter (6):

We found human sacrifice to have been remarkably common in traditional cultures, occurring in almost half of those sampled. Typically, social elites orchestrated the sacrifices, with social underclasses becoming the victims. The results of our analyses showed that human sacrifice coevolved with social stratification and functioned to stabilize social inequality in general, as well as facilitated the emergence of rigid class systems. This result does not imply that human sacrifice was necessarily functional for the whole group, nor that it would have these effects in modern societies, which have developed more sophisticated methods of sustaining social inequality. What our results do show is that ritual human sacrifice was used by social elites as a tool to maintain their social standing in the early stages of social complexity.

Rot markiert wurden hier Ausführungen deshalb, weil die Forscher hier ausdrücklich auf Distanz gehen zur eventuellen Rechtfertigung von Menschenopfern zur Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Stabilität in modernen Gesellschaften.  In der Studie von 2016 heißt es im Text (7):

Evidence  of human sacrifice was observed in 40 of the 93 cultures sampled (43%).  Human sacrifice was practiced in 5 of the 20 egalitarian societies (25%),  17 of the 46 moderately stratified societies (37%), and 18 of the 27  highly stratified societies (67%) sampled.
Zu Deutsch: Belege für Menschenopfer wurden in 40 der 93 Kulturen gefunden, die ausgewertet worden sind (43%). Menschenopfer wurden praktiziert in 5 von 20 egalitären Gesellschaften (25%), in 17 von 46 moderat hierarchisch gegliederten Gesellschaften (37%) und in 18 der 27 stark hierarchisch gegliederten Gesellschaften (67%). 

Und sie illustrieren diese Zahlenangaben mit folgenden Ausführungen (7):

The practice of human sacrifice was widespread throughout traditional Austronesian cultures. Common occasions for human sacrifice in these  societies included the breach of taboo or custom, the funeral of an  important chief, and the consecration of a newly built house or boat. Ethnographic descriptions highlight that the sacrificial victims were typically of low social status, such as slaves, and the instigators were of  high social status, such as priests and chiefs. The methods of sacrifice included burning, drowning, strangulation, bludgeoning, burial,  being crushed under a newly built canoe, being cut to pieces, as well as  being rolled off the roof of a house and then decapitated.

Kritische Einwände und weiterführende Gedanken zu dieser Studie

Nun ist zunächst zu sagen, daß 43 % von allen Gesellschaften ein häufiges Vorkommen ist. Aber mehrheitlich sind auch traditionelle austronesische Gesellschaften frei von Menschenopfern gewesen. Das heißt schon einmal: Es geht durchaus auch ohne. Punkt. Weiterhin ist zu sagen, daß die Korrelation von Menschenopfern mit stark hierarchischen Gesellschaften zwar vorhanden ist, aber ebenfalls nicht besonders stark ausgeprägt ist. Das heißt: Auch stark hierarchisch strukturierte Gesellschaften können ohne Menschenopfer funktionieren. 33 % können das. Das sind doch schon einmal wichtige Fakten.

Soweit man das in Erinnerung hat, begreifen sich durchgängig Menschen eines Stammes auch in Austronesien als Menschen eines Stammes und nicht zuerst als Angehörige einer Schicht innerhalb dieses Stammes (Oberschicht oder Unterschicht). Die Bewertung der Angehörigkeit zu einer Schicht oder Klasse als bedeutsamer denn die Angehörigkeit zu einem Stamm ist eine außerordentlich moderne Bewertung, die natürlich vor allem auf Karl Marx zurück geht ("Arbeiter aller Länder vereinigt euch!"). Eine streng hierarchisch gegliederte Gesellschaft war gewiß zum Beispiel die traditionelle indische. Aber bekanntlich haben hier die "Kasten" oftmals quasi-ethnischen Charakter. Außerdem weiß man gut, daß als Menschenopfer auch sonst oft Kriegsgefangene benutzt wurden oder eben Sklaven, die vormals auch Kriegsgefangene gewesen sein können, also jeweils Angehörige ursprünglich eines anderen Stammes. Ebenso wurden sicherlich überdurchschnittlich oft Verhaltensauffällige "geopfert", die sich gegen herrschende Sitten oder Gesetze verbrochen haben. (Das nimmt man ja zum Beispiel mit guten Gründen von vielen germanischen "Mooropfern" an.) In diesem Fall wäre zu fragen, ob die Funktion des "Opfers" wirklich so stark hervorzuheben ist gegenüber der Funktion schlicht der "Strafe" (in diesem Fall eben der Todesstrafe). Aber das sind letztlich alles Detail-Diskussionen, die natürlich jetzt zu führen sind.

Insgesamt ist es jedenfalls auffällig, daß die Autoren Oberschichten und Unterschichten einander so kraß gegenüber stellen wie man das selten aus völkerkundlichen Berichten selbst heraus liest, zumal aus dem austronesischen Raum. Man glaubt gerade angesichts dieser Tatsache deutlich zu spüren, daß die Autoren sich über den elitären Satanismus und die elitäre Pädokriminalität im Umfeld der heutigen organisierten Kriminalität und Regierungskriminalität auf höchsten Regierungs- und Geheimdienstebenen auf der Nordhalbkugel so wie sie hier auf dem Blog seit 2011 zur Genüge behandelt worden sind, für die Namen wie Dutroux in Belgien und Jimmy Savile in Großbritannien stehen und wie sie - weitgehend erfolglos - versucht wurden, etwa von Renate Rennenbach (SPD) im deutschen Bundestag zur Sprache zu bringen (von anderen im britischen Parlament oder sonstigen Volksvertretungen) schon informiert haben. Über jene organisierte Pädokriminalität also, die - nach einigen Berichten in den alternativen Medien - neuerdings sehr deutlich auch Wladimir Putin zur Sprache gebracht haben soll als Problem der US-amerikanischen Eliten. Wobei Putin allerdings selbst von dem so spektakulär in Großbritannien ermordeten russischen Journalisten Alexander Litwinenko - und mit glaubwürdigen Argumenten - der Pädokriminalität beschuldigt worden ist. Diese traut man einem Politiker durchaus zu, der sich von politischen Beratern wie Alexander Dugin beraten läßt, der Okkultlogen verherrlicht, man traut sie einem Politiker zu, der über Tschetschenien ein Terrorregime verhängt hat, der dort seit Jahren einen Völkermord begeht wie er einigermaßen beispiellos ist für das beginnende 21. Jahrhundert.

Sicher ist jedenfalls, daß schon die Stadtdespoten des vorkeramischen Neolithikums im Levanteraum (PPNB), von deren einigermaßen zur Grausamkeit fähigen Gesichtszügen man sich über die sogenannten "plastered skulls" einen hinreichenden Eindruck verschaffen kann, und die ebenso grausam aussehende Kaffeebohnen-Augen-Göttinnen verehrten, Menschenopfer begangen haben. (So wurde zum Beispiel auf dem Boden eines Brunnens das Skelett eines Kleinkindes gefunden, das mit dem Gesicht nach unten lag und das alle Anzeichen eines bewußten Menschenopfers aufwies.) Zu solchen autoritär regierten Despotien passen Menschenopfer sicherlich besonders gut und in solchen Gesellschaften haben Menschenopfer sicher jene Rolle gespielt, die die Autoren als "notwendig" zur Aufrechterhaltung der Stabilität vieler Gesellschaften der Menschheitsgeschichte ansprechen.

Außerdem sei noch als auffällig erwähnt, daß die Autoren gar nicht mitzuberücksichtigen scheinen, daß Menschenopfer, ausgeführt durch "Eliten" natürlich zugleich auch dazu dienen, andere Angehörige der Elite selbst einzuschüchtern. Merkwürdig und auffällig genug auch das Übersehen dieser Funktionalität.

Und weiterhin wird - soweit übersehbar - nicht der "Teufelskreis" erörtert, der bezüglich solcher Gebräuche dadurch entsteht, daß Menschen, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen erlebt haben, etwa indem sie rituellen Menschentötungen beiwohnen oder gar als Mittäter herangezogen werden, besonders leicht dazu neigen, als Erwachsene selbst wieder anderen Traumata zuzufügen, und daß es vergleichsweise schwer für solche Menschen ist, aus solchen Teufelskreisen auszubrechen, zumal wenn eben der allgemeine kulturelle Einschüchterungsgrad dermaßen hoch ist wie er ja auch hier angenommen wird.

Ergänzung 4.5.2022: Der Wissenschafts-Blogger Razib Khan hat das von David Anthony erneuerte "Narrativ" von kriegerischen Männerbünden bei den Indogermanen aufgegriffen (8). Er schildert das alles zwar recht anschaulich. Aber soweit übersehbar, ist darin nichts Neues enthalten. Wenn er auf die jungen Krieger bei den Massai hinweist, die zehn Jahre in der Wildnis leben müssen, um anerkannte Mitglieder der Gemeinschaft zu werden, so wird mehr als deutlich, daß es sich hier insgesamt um kein besonders indogermanisches kulturelles Merkmal handeln kann.

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  1. Höfler, Otto: Kultische Geheimbünde der Germanen. Diesterweg, Frankfurt 1934 – nur Band 1 erschienen. ( Habilitationsschrift an der Universität Wien aus dem Jahr 1931 mit dem Titel "Totenheer - Kultbund - Fastnachtsspiel".)
  2. Simon, Gerd: Homepage, https://homepages.uni-tuebingen.de//gerd.simon/, u.a. pdf
  3. Kummer, Bernhard: Gott Odin - Sein Chronist und sein Gefolge. Ein missionsgeschichtliches Problem und eine politische Gefahr. Mit einem Nachtrag: Zur Textkritik der ersten Eddastrophe. 2. Auflage, Verlag der Forschungsfragen unserer Zeit, Zeven 1967
  4. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen Wie entstanden die modernen europäischen Völker?  - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. Auf: Studium generale, 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  5. Anthony, David; Brown, Dorcas: The dogs of war - A Bronze Age initiation ritual in the Russian steppes. In: Journal of Anthropological Archaeology, 2017, https://www.academia.edu/34065125/The_dogs_of_war_A_Bronze_Age_initiation_ritual_in_the_Russian_steppes  
  6. Russell D. Graya and Joseph Watts: Cultural macroevolution matters. In: PNAS, July 25, 2017 vol. 114 no. 30, http://www.pnas.org/content/114/30/7846.full
  7. Watts, Joseph; Oliver Sheehan,    Quentin D. Atkinson,    Joseph Bulbulia    & Russell D. Gray: Ritual human sacrifice promoted and sustained the evolution of stratified societies. In: Nature     532,     228–231     (14 April 2016), https://www.nature.com/nature/journal/v532/n7598/abs/nature17159.html
  8. Khan, Razib: Casting out the wolf in our midst How shepherd and wolf remade Eurasia in their image, 3.5.2022, https://razib.substack.com/p/casting-out-the-wolf-in-our-midst 

Samstag, 23. Februar 2013

Neuerscheinung vom Blogautor


Eineinhalb Jahre ist es her, daß wir hier auf dem Blog angekündigt hatten:
In Vorbereitung ... Ein Dokumentationsband wenig bekannter zeitgenössischer Stellungnahmen zu Satanismus und Geheimpolitik der 1930er Jahre.
Und zwar in dem Blogartikel: "Zwei bedeutende Satanismus- und Okkultismus-Kritiker der 1930er Jahre". Damit waren angesprochen die völkischen Hintergrundpolitik-Kritiker Erich und Mathilde Ludendorff, sowie ihre Mitarbeiter.

Abb.1: Erscheinungsdatum: 23. Februar 2013
Damals, im Juli 2011, bestand noch die Erwartung, daß bei dieser Arbeit nur ein Band herauskommen würde. Doch es sind viel mehr geworden. Fast 900 Seiten. Drei Bände. Amen! Und bei genügender Ausdauer könnten noch zwei oder drei Bände hinzugefügt werden. Denn für diese ist ebenfalls schon viel Material zusammengestellt worden. (Etwa zu der Thematik: "Wie wurde Erich Ludendorff Geheimpolitik-Kritiker?" - Wobei zum Beispiel - neben anderem - seine Erfahrungen als Reichstagsabgeordneter zu behandeln sind.)

Außerdem haben ja auch diverse mehrteilige Blogartikel und Themenreihen hier auf dem Blog einen solchen Umfang erreicht, daß daraus leicht neue Bücher zusammengestellt werden könnten (wenn Zeit dafür vorhanden wäre). 

Vor allem der Blogartikel "Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler" würde eine solche Buchform verdienen. Aber auch vieles andere. Und dabei wird wieder einmal deutlich, daß die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Autoren und Verlegern eine sinnvolle gewesen ist. Auch noch trotz der vielen Erleichterungen durch die Books on Demand- und die womöglich noch tolleren Blog-to-Print-Techniken. Korrekturlesen ist ja dennoch notwendig. Und was für eine Heidenarbeit ist allein das. Ich kann diese Dinge deshalb nicht alle selbst verlegen und bin froh, sie zunächst einmal nur schon öffentlich zugänglich gemacht zu haben auf meinen Blogs.

Studienreihe begründet

Jedenfalls sind das einige der Gründe, weshalb schon einmal vorsorglich gleich eine ganze Studienreihe begründet worden ist. Mit dem bewußt und gewollt hochtrabenden Titel:

"Quellen und Forschungen
zur Geschichte des naturalistischen Denkens 
und der Hintergrundpolitik-Kritik 
im 20. Jahrhundert"

Was für ein saftiges Thema! Wohin man tritt, betritt man Neuland. Wohin man kommt, wird es brisant, aktuell und zukunftsweisend. 

Von dieser Studienreihe jedenfalls ist - am heutigen 23. Februar des Jahres 2013 - das Erscheinen der ersten drei Bände bekannt zu geben. Hosianna sei gesungen - - - Amen, Amen, Amen! Letztlich liegt es daran, daß man einfach irgendwann genug hat, noch weiter herumzukorrigieren. Also es sind erschienen die Bände 1.1 bis 1.3 der genannten Studienreihe. Auch der Titel ist zwischenzeitlich noch einmal geändert worden. Er lautet nun:

Erich Ludendorff, Mathilde Ludendorff und Mitarbeiter

Satanistische Okkultlogen in der Weltpolitik

Völkische Hintergrundpolitik-Kritik der Jahre 1927 bis 1972

Zusammengestellt und erläutert von Ingo Bading

Fast 900 Seiten können derzeit für sagenhaft günstige 27 Euro bestellt werden (zuzüglich Portokosten). Ist das kein Angebot? Das ist fast der Selbstkostenpreis bei wohl einem der günstigsten Books-on-Deman-Hersteller, nämlich bei Lulu in Großbritannien. (Ich wechsle sofort zu einem deutschen Anbieter, wenn sein Angebot ähnlich günstig sein sollte.)

Bei größerer Nachfrage - ähm - wird der Preis natürlich erhöht. :-)

- Nun, alles weitere ist jedenfalls hier zu erfahren:


Wie immer gilt, daß ernsthafte Rückmeldungen jeder Art - korrigierend, ergänzend, kritisierend, hell begeistert oder zu Tode betrübt - jederzeit willkommen sind. Zum Beispiel in den Kommentaren zu diesem Blogartikel oder in privaten Zuschriften.

Montag, 10. September 2012

Hans Zehrer - Ein Logen-Ideologe verführt zur Diktatur

Wie die Axel Springer-Leute vor 1933 ihre "Neue Wirklichkeit" von 1945 herbeiführten

Der folgende Beitrag behandelt einen einflußreichen Aufsatz des rechtskonservativen Publizisten Hans Zehrer (1899 - 1966) aus dem Jahr 1931. Dieser Beitrag soll nur einige Eindrücke, Gedanken und Mutmaßungen festhalten, die dem Autor dieser Zeilen beim Studium dieses Aufsatzes kamen. Da der Autor dieser Zeilen bisher noch keine anderen Aufsätze Zehrers kennt und auch keine gute Biographie über Hans Zehrer gelesen hat, kann es sich beim folgenden Beitrag nur um "Arbeitshypothesen" handeln, die durch künftige Lektüren und Forschungen zu bekräftigen wären oder sich durch dieselben als nicht haltbar erweisen könnten.

Natürlich sind Kommentare insbesondere von Lesern erwünscht, die sich womöglich schon umfangreicher mit Hans Zehrer beschäftigt haben und deshalb von ihrem Wissen her die hier beschriebenen Leseeindrücke entweder bestätigen können oder aber anhand anderer Ausschnitte aus dem Wirken von Hans Zehrer entkräften können.


Während man nämlich den im Oktober 1931 in der Zeitschrift "Die Tat" erschienenen und zur damaligen Zeit "vielbeachteten" Aufsatz "Rechts oder Links?" (1) des Herausgebers dieser Zeitschrift Hans Zehrer liest, taucht eine Frage im Hinterkopf auf: Für welche Aufgabe war der Herausgeber dieser Zeitschrift zuständig? Eine rechtskonservative Publizistin wie Gertrud Bäumer fühlte sich durch diesen Aufsatz angesprochen, verstand ihn aber bezüglich seiner eigentlichen, tieferliegenden Intentionen und Zielrichtungen offenbar gar nicht (2). Sie war ja auch eine Frau! Und dachte wohl nicht genügend darüber nach, was in Männerorden und -seilschaften geschah und geschieht. Auch heutige Veröffentlichungen kratzen nur an der Oberfläche der damaligen Intentionen und Zielsetzungen Zehrers (3).

Zehrers Aufgabe war es, so drängt sich als Eindruck auf, über Systemumbrüche wie den von 1933 hinweg die Kontinuität der Machtstellung der bisherigen Eliten sicherzustellen. Und wie konnte dies geschehen? Indem diese Eliten eben geistig darauf vorbereitet wurden, sich auf ein neues System einzustellen. (Und indem den Machthabern des neuen Systems nahegelegt und eingeredet wurde, daß sie auf wesentliche Bestandteile der bisherigen Eliten gar nicht verzichten könnten, auch gar nicht verzichten müßten, da diese schon geistig richtig ausgerichtet wären - dank der Schulung und Gehirnwäsche durch solche Logen-Ideologen wie Hans Zehrer.)

So werden Revolutionen und Umbrüche, bei denen "Fett immer oben schwimmt", von langer Hand vorbereitet! (Man darf ähnliche logen-ideologische Vorbereitungen deshalb auch bezüglich der von Zehrer in diesem Aufsatz thematisierten Umbrüche von 1914, von 1918, von 1923, 1925, 1929 etc. pp. unterstellen.) Und das Ergebnis dieser Schulungen wird dann womöglich in Büchern festgehalten wie dem 1957 erschienenen "Das verlorene Gewissen" von Kurt Ziesel. In diesem viel zu sehr wieder in Vergessenheit geratenen Buch wird nämlich dargestellt, daß die heftigsten Nazi-Verfolger nach 1945 im deutschen Medienwesen die allerschönsten Nazis vor 1945 gewesen sind! Und zwar immer mit Charakter und Verve!

Aber auf solche erstaunlichen "Umwertungen aller Werte" muß ja die Funktionselite, die Funktionselite bleiben soll, jeweils neu vorbereitet, eingestellt und ausgerichtet werden. Zehrer stellt der Funktionselite der Weimarer Republik als Beispiele für das, was in Bälde käme (oder worin man sich schon befände), die Französische Revolution von 1789 und die Russische Revolution von 1917 vor Augen (1, S. 67f) (Hervorhebung nicht im Original):
Bisher ist es in der Geschichte meist der große Einzelne gewesen, der in diesem Stadium der Entwicklung eingriff, Revolutionäre und Konterrevolutionäre beiseiteschob und rücksichtslos seine eigene Herrschaft stabilisierte. Ist dieser Einzelne bei uns vorhanden, so gehen wir mit klarer Konsequenz einem Cäsarismus, der Diktatur eines Einzelnen, entgegen. Die Sehnsucht nach diesem Einzelnen ist im Volk seit über einem Jahrzehnt vorhanden. Wir wollen uns doch nichts vormachen: wenn das erste scharfe, aber gerechte Kommandowort eines wirklich persönlichen Willens in das deutsche Volk hineinfahren würde, würde sich dieses Volk formieren und zusammenschließen, es würde einschwenken und marschieren, und es würde befreit aufatmen, weil es den Weg wieder wissen würde. Da dieser Führer, von welcher Seite er auch immer kommen mag, nur national sein kann, so wird sein Weg der richtige sein, da es der Weg der Nation sein wird. In diesem Augenblick aber wird uns eine Ordnung, die uns der Liberalismus als dumpfe Knechtschaft zu schildern versuchte, als Freiheit erscheinen, eben weil sie Ordnung ist, weil sie einen Sinn hat und weil sie Antwort gibt auf die Fragen, die der Liberalismus nicht mehr beantworten kann: warum, wozu, wofür?
Ganz deutlich ist "Nation" für Hans Zehrer hier nicht ein unhintergehbarer Wert, sondern bloß ein Ausdruck des Zeitgeistes, dem sich der einzelnen zu stellen hat, wenn er von diesem nicht überrollt werden will. Also nicht Zehrer selbst empfindet so, wie hier "glückliche Sklaven" geschildert werden. Nein, er schildert ja nur jenes Volk in seiner Gesamtheit, dessen Gestaltung seiner Geschicke er sich zur Aufgabe gestellt hat. Zehrer hat die Aufgabe, den - unklaren völkischen - Zeitgeist möglichst präzise in Worte zu fassen und die bisherigen, zögernden, zumeist liberalen Eliten in schönen Worten auf diesen einzustellen. Sie glücklich in diesen Zeitgeist "hinüberzuleiten". Weiter schreibt er über den künftigen "Revolutionsgeneral", bzw. Diktator:
Diesen Einzelnen kann man sich jedoch nicht erfinden. Er existiert oder er existiert nicht. Er spürt den stummen Anruf des Volkes und er gibt das befreiende Kommando, oder aber er ist gar nicht vorhanden.
Bis hierhin deckt sich die Analyse von Zehrer sicherlich mit der zahlreicher anderer seiner denkenden Zeitgenossen im Jahr 1931. Aber dann wird es besonders spannend (Hervorhebung nicht im Original):
Vielleicht muß man zwei Dinge einbeziehen, die unsere Zeit von den früheren unterscheiden. Einmal: die Kompliziertheit des technischen Überbaus, die heute von diesem Einzelnen ganz andere technische Kenntnisse verlangt, als frühere Zeiten, und die ihn und den Erfolg seines Eingreifens von einer zahlenmäßig sehr starken Schicht gleichgesinnter Sachverständiger abhängig macht, die wenigstens den Staats- und Wirtschaftsapparat in seinem Sinne bedienen können.
Das sind verräterische Sätze. Bzw.: Scherz beiseite, Hans Zehrer kommt! Bei der "Kompliziertheit des technischen Überbaus" denkt er natürlich gar nicht an die riesigen Schattenreiche der Geheimdienste und -logen, dieses "technischen Überbaus" moderner Staaten. Außerdem erinnern diese Worte schon sehr an jene französische "Synarchie" der 1950er Jahre, in der auch die "Fachleute", die "Technokraten", die "Sachverständigen" im Mittelpunkt des ideologischen Raisonements stehen.

"... Eine ziemlich breite, bewußte Eliteschicht ..."

Zehrer weiter:
Und zweitens: Das Alter des Kulturstadiums, in dem wir uns befinden. Dieses Alter hat durch seine größere Bewußtheit und unromantische Skepsis, mit der es allen heroischen Erscheinungen gegenübertritt, den Weg des Einzelnen zunächst außerordentlich erschwert. Es hat aber außerdem eine ziemlich breite, bewußte Eliteschicht geschaffen, die kraft ihres historischen Überblicks und ihres bewußten Einblicks in die Dinge
- (!) Scherz beiseite, Zehrer kommt -
ihren Standpunkt a priori auf einer sachlichen, neutralen Ebene gewählt haben
- aber hallo!, die nach Zehrers Diktion also erhaben "über" Liberalismus, Nationalsozialismus, Kommunismus usw. stehen - das ist natürlich für den Opportunisten und Wendehals immer das beste -
ohne damit auf die eigene Aktivität und den Anspruch auf die Führung zu verzichten.
- Aber hallo! Aber hallo! - 
Diese Schicht füllt sich umso stärker auf, je mehr Kräfte der Zerfallsprozeß der Zeit freigibt und herausschleudert. Beide, der große Einzelne und die breite Schicht einer bewußten Elite schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil wären sie notwendig auf eine Zusammenarbeit angewiesen. Sollte aber die Zeit für den großen Einzelnen vorüber sein und sollte er heute gar nicht existieren, so gewährleistet diese Schicht einen Neuaufbau auch ohne "Diktator".
Das heißt, auch ohne Diktator kann diese Schicht das Volk "formieren" und "zusammenschließen", es "einschwenken" und "marschieren" lassen. Wer, ich frage, wer wollte daran zweifeln, nachdem er auf viele Jahrzehnte demokratischer Geschichte von gelenkten Demokratien nach 1945 zurückblicken kann, gesteuert unter anderem von der "Springer-Presse"! Also ein wirklich kluger Mann, dieser Zehrer, das muß man ihm lassen. Er weiß, wovon er redet! Und weiter schreibt er:
Das evolutionäre Moment der Entwicklung, in der wir uns befinden, würde dafür sprechen, daß die Dinge in Deutschland eines Tages von dieser bewußten neutralen, aber dem Neuen zugewandten Schicht bestimmt werden, daß der Appell der Massen von diesem abseitsliegenden Standort aus erfolgen wird.
Genau: "Der Appell der Massen". Nach 1945 wird er von jener Springer-Presse ausgehen, in der wiederum wohl Hans Zehrer die zweiteinflußreichste Position (neben oder hinter Axel Springer) einnimmt! Leute wir Rudolf Diels, wohl auch Werner Best, Ernst Jünger, Friedrich Hielscher, Carl Schmitt und ähnliche scheinen genau diesen "erhabenen" Standpunkt eingenommen zu haben und sich zwischen extremen Rechten und extremen Linken frei vagabundierend bewegt zu haben. Und wie diese Elite organisiert ist, weiß Hans Zehrer natürlich auch:
Soviel läßt sich über diese Organisationsform bereits sagen: soweit sie zentralen und totalen Anspruch erhebt, muß sie weltanschauliche oder religiöse Werte der Gemeinschaft enthalten, um die sie sich gruppieren und sammeln, mit denen sie sich absondern und an denen sie sich erkennen kann. Die Form solcher Organisation wird die "Verbindung" sein, oder die "Gemeinde", oder der "Orden", oder die "Loge". Oder aber sie muß sich um ein zentrales und prinzipielles sachliches Problem der kommenden Epoche, soweit es sich heute schon fixieren läßt, gruppieren. Ein Problem, das der Forschung und der Diskussion Raum läßt, diese Diskussion aber andererseits durch die Fixierung des zu behandelnden Themas bereits begrenzt.
Ein hübsches Handlungs-Programm für den modernen Staatsdiener der ausgehenden Weimarer Republik. Sofort denkt man hier auch an die "Gesellschaft zum Studium des Faschismus" (Wiki), der so viele "Neue Nationalisten" im Umkreis von Ernst Jünger und Co. angehörten, und die womöglich Zehrer bei diesen Worten vor allem vor Augen stand. Oftmals aber die gleichen Kreise waren auch beteiligt an der gleichzeitigen "Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft" ("Arplan") (vgl. Heeke/Reisen zu den Sowjets, 2003, S. 73, 533), die gegründet worden war von Friedrich Lenz und Arvid Harnack. Beide gruppierten sich in der Tat - und welche Überraschung! - um jeweils "ein zentrales und prinzipielles sachliches Problem der kommenden Epoche, soweit es sich heute schon fixieren läßt"! Und beide Zusammenschlüsse weisen - oh Wunder! - personelle Verbindungen zum Tat-Kreis auf. Vor allem aber waren beide dazu angetan, von entgegengesetzter Richtung her auf ein solches "Zusammenrückens von Links und Rechts zur Volksgemeinschaft" hinzuwirken, welches noch heute mancher völkische Freimaurer aus dieser Schrift von Zehrer an Positivem glaubt herauslesen zu können (5). Zehrer weiter:
Alle diese Themen und Verbände würden integrierend wirken, sie würden vor allem eine siebende und aussondernde Aufgabe erfüllen.
Vor allem Siebung und Aussonderung. Nichts ist Logen wichtiger als dies. Völkische Graswurzelrevolutionäre müssen dem gärtnerischen Schnitt und der gärtnerischen Pflege der Logen anvertraut werden, Zierpflanzen müssen vom Unkraut gesondert und gesäubert werden ... So Auszüge aus Zehrers sinngemäßem "Handbuch für den treuen Staatsdiener und Opportunisten aus ernstestem, neutralem und sachlichem Logen-Idealismus heraus".

... kann auch an die "Grenzen ihrer Kraft" gelangen ...

Hans Zehrer hat aber auch viel Verständnis für die Probleme der Leistungsträger der Gesellschaft in diesen schnellebigen, umstürzlerischen Zeiten (1, S. 3ff):
Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit 26 Jahren (1914) in den Krieg zog. Dieser Mensch ist heute 42 Jahre alt. Er hat diese Zeit miterlebt vom ersten Schuß in Belgien bis zum letzten Schalterschluß der Banken vor wenigen Wochen. Die Dinge haben sich für diesen Menschen einfach überstürzt. Er hat zwar große Wandlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in sich,
- na klar, schließlich halten ihn die Logen und Logen-Ideologen "auf dem Laufenden"! -
aber er kommt schließlich doch irgendwann an die Grenzen seiner Kraft, wo er stehenbleibt und nicht mehr weiterkann. Dieser Mensch wird zwar theoretisch in diesem Augenblick beiseitegeschoben und zählt nicht mehr für die Entwicklung. Praktisch aber besitzt dieser Mensch eine Position, die ihm ein gewisses Maß an Einfluß und Macht verleiht.
Eine Position. Nichts ist diesen Leuten wichtiger als eine Position. Um eine solche zu erlangen, schließen sie sich ja Männer-Seilschaften an (siehe etwa den Beitrag hier auf dem Blog "Sei pfiffig, werde Freimaurer!"). Und es ist an dieser Stelle zu berücksichtigen, daß der Freimaurerkampf Erich Ludendorffs den Logen ein gewichtiges Nachwuchsproblem bescherte. Die junge Generation wollte nicht mehr so einfach in den traditionellen Logen mitmachen und mußte nun über unkonventionellere, zeitgeistigere "Orden", "Klubs" und "Logen" zum Dienst an den Staat herangezogen werden. Ob dies aber schnell genug und zuverlässig genug gelingen würde, darüber waren sich die Logen 1931 wohl noch nicht sicher genug geworden. Deshalb diese Ausführungen von Hans Zehrer an die bisherige, ältere Generation der Logenmitglieder, die - man kann es sich gut vorstellen! - wirklich an das Ende ihrer Kraft gelangt waren.

Man hatte die Angehörigen dieser Generation ja schließlich mit aller Mühe in den Logen für diese Position herangezogen und brauchte ihre weitere zuverlässige Mitarbeit. Aber der einzelne ist halt nur schon so "müde" von all den ideologischen Wandlungen, die ihm die Logen bisher schon zugemutet und abverlangt hatten, und denen sie auch der Gegenkampf gegen die Logen ausgesetzt hatte. 1914 sollte der typische Logenbruder oder Jesuitenhörige plötzlich Patriot sein. 1918 plötzlich nicht mehr. Zwischendurch immer wieder einmal doch. Oder auch nicht. Jetzt soll er es aber mit aller Entschiedenheit wieder werden, weil die Logen ihn weiter brauchen und nicht so schnell für die weiteren geplanten Vorhaben eine neue Generation zuverlässiger Staatsdiener heranziehen können.

(Diese neue Generation übrigens entnahm man vielfach jenen jungen idealistischen Freikorpskämpfern, die schon in den frühen 1920er Jahren im Ruhrkampf und in der Schwarzen Reichswehr im Dienst des deutschen Geheimdienstes der Weimarer Republik gestanden waren und dabei ihre Zuverlässigkeit erwiesen hatten. Womöglich auch erpreßbar geworden waren. [Man denke an Martin Bormann im Baltikum, man denke an Werner Best und sein Todesurteil in franzsöischer Gefangenschaft. Und so viele mehr.] Die Zugehörigkeit zum Dienst selbst schon ersetzte hier vielfach Logenzugehörigkeit, für die man dieselben natürlich parallel - sooft möglich - ebenfalls versuchte einzufangen.)

Logen - und Männerbünde - denken in Generationen

Man kann sich als Ansprechpartner der Texte von Hans Zehrer auch jemanden vorstellen wie den "verdienten" General von Schleicher, den "verdienten" General Groener und Leute ähnlicher Machart, etwa im Umkreis des alten Herrn von Hindenburg. Welche ideologischen Wandlungen hatte allein der Alte Herr von Hindenburg durchzumachen! Zum Schluß sollte er auch noch einen Gefreiten zum Diktator ernennen. Nun, auch die "Grenzen" der Wandlungsfähigkeit eines greisen Hindenburg wurden überwunden! Zehrer also weiter über die Besorgnisse der Logen solchen "treuen Dienern" gegenüber:
Er wird also zu einem retardierenden Moment, das die Entwicklung zeitweise verlangsamt, und er wird erst praktisch beiseite geschoben, wenn ihm derjenige, der 1914 erst drei Jahre alt war, heute also Zwanzig ist, und der schon als Kind dieser Krise unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen ist, die Stellung streitig macht und schließlich nachrückt.
Ja, Logen denken in Generationen! Die Generationenfrage - und, was hier nicht ausführlicher zitiert wird: die Sprache - wären - nach Zehrer - den Logen unliebsame "retardierende" Momente. Sie sehen, da drängt eine junge, völkische Bewegung an die Spitze mit einer Sprache, die die bisherigen Leistungsträger noch gar nicht sprechen können, weshalb sie in Gefahr stehen, beiseite gedrängt zu werden. Dieser Gefahr versuchen all die linksrevolutionär-rechtskonservativen Logen-Ideologen - wie Hans Zehrer, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Friedrich Hielscher usw. usf. - zuvor zu kommen. Sie arbeiten eben im "metapolitischen" Bereich.

Damals Hans Zehrer - heute "Institut für Staatspolitik"?

So wie heute, geht einem durch den Kopf, das "Institut für Staatspolitik", das sich sehr bewußt in die Tradition dieser Arbeit stellt und eine konsequente Naturalisierung der rechtskonservativen "Ideologie", die heute - nach Sarrazin - so naheliegend geworden ist, weiterhin so lange hinauszuzögern bemüht ist, wie immer ihm das möglich ist.

Das veranlaßt einen zu einem kurzen Exkurz zur heutigen Situation: Man läßt vereinzelte naturwissenschaftliche Anthropologen (etwa den verdienstvollen Andreas Vonderach) - und zwar sehr bewußt in Anknüpfung an die lange Zeit gerne vergessene Tätigkeit des Jesuitenpaters Muckermann in den 1930er Jahre - das heute vorliegende anthropologische Wissen referieren. Aber möglichst "isoliert" für sich, ohne irgendwo auch nur ansatzweise Schlüsse zu ziehen auf vorliegende Weltbilder überhaupt. Man versucht also solange wie möglich, eine Grundsatzdebatte über die daraus zwangsläufig früher oder später folgende umfassende Naturalisierung des rechtskonservativen Ideologiegebäudes insgesamt hinauszuzögern. Sozusagen ins zeitlich Unendliche. Gerne natürlich auch mit gezielten Tritten gegen die Schienenbeine jener, die in diesen Diskussionen etwas "zügiger" vorankommen wollen. Also alles noch ganz genauso wie schon in den 1920er und 1930er Jahren, als das Haus Ludendorff wohl am konsequentesten für eine Naturalisierung des rechtskonservativen Ideologiegebäudes stand, wodurch überhaupt alle Logen-Ideologie und -Herrschaft, ebenso wie die Ideologie und Herrschaft der Kirchen in Gefahr gebracht wurde - und heute womöglich wieder würde. (Letzteres wäre zu prüfen!)

Aber natürlich gibt es neben dem "Institut für Staatspolitik" noch zahllose andere "metapolitische" Vereinigungen, "Think Tanks", die ähnliches im "vor-" und "metapolitischen Raum" betreiben. Gerne auch im Umfeld der etablierteren Parteien oder darüber hinaus.

Dieses Vorgehen fällt nur noch den wenigsten Menschen auf, da auch unter den konsequenten Kirchen- und Christentumsgegnern heute (etwa im Umfeld der wissenschaftlich-elitären "Giordano Bruno-Stiftung") nur noch geringe Sensibilität vorhanden ist für die schlußendliche gesellschaftliche Durchschlagskraft umfassender, konsequent naturalistisch ausgelegter Weltbilder und Ethiken, die über bloße Einzelkritik an Christentum, Kirche, okkulter Scharlatanerie und der korrupten Ethik der derzeitigen Eliten hinausgehen. Die Thematisierung solcher umfassender ausgelegter konsequent naturalistischer Weltbilder und Ethiken könnte im wahrsten Sinne des Wortes "notwendig" sein, wenn man solche gesellschaftlichen Bewegungen wie die Occupy-Bewegung oder die 9/11-Wahrheitsbewegung nicht weiterhin so lächerlich machtlos sehen möchte, als wie sie es bisher noch sind im gesamtgesellschaftlichen Gefüge weltweit. Und zwar trotz der breiten Zustimmung in der Bevölkerung für diese. Sie werden auch weiterhin so lächerlich machtlos bleiben, so lange ihnen kein gültiges, umfassendes naturalistisches Weltdeutungs-Gebäude und eine damit einhergehende naturalistisch ausgelegte Ethik zur Seite stehen, die zugleich auch das grundlegende religiöse Bedürfnis des Menschen zufrieden stellen muß. (Auch von diesem grundlegenden Bedürfnis weiß ja übrigens der "kluge" Herr Zehrer!) - Exkurs-Ende.

"Zerstörung der alten, retardierenden Worte und Begriffe", indem man "Kompromisse" mit ihnen schließt, und sie dann "ad absurdum" führt

Aufgrund des "retardierenden" Moments der Sprache, so Zehrer,
muß sich die neue Entwicklung (die den Logen erwünscht ist) ihren Weg erst mühsam über die Zerstörung der alten Worte und Begriffe bahnen. (...) So können z.B. die geistigen, politischen und wirtschaftlichen Grundlagen einer bestimmten Schicht restlos zerstört sein
- so weit glaubt man also womöglich schon zu sein auf Seiten der satanistischen Hochgradlogen, als deren Sprecher Zehrer womöglich ähnlich wie Hielscher fungierten, nämlich gegenüber dem kulturtragenden Bürgertum, das man als zu zerstörende Kraft erkannt hatte! - Zehrer weiter:
diese Schicht existiert trotzdem weiter, solange ihre Worte und Begriffe noch weiterexistieren.
Wiederum außerordentlich "kluge", geradezu "weise" Worte des Tat-Menschen und "Revolutionärs" Zehrer. Worte, die sogar noch für die heutige Zeit gelten. Und nun müssen auch noch diese weiterexistierenden Worte und Begriffe ausgehöhlt werden. Und wodurch? Nun, dadurch daß man sie ad absurdum führt! Und wie geht das am leichtesten? Nun, wohl vor allem durch solche zutiefst verbrecherischen Übertreibungen wie jenen des Dritten Reiches und der hohlen Sprache seiner Schreier und nachplappernden Opportunisten, die darauf von Logen-Ideologen zuvor "geschult" worden waren. Zehrer:
Infolgedessen müssen diese neuen (Logen-!)Kräfte zunächst Kompromisse mit der Sprache abschließen. Sie müssen sich Worte zulegen, die morgen bereits nicht mehr zutreffen. Sie verrennen sich in Begriffen, gehen mit ihnen unter und müssen wieder von neuen Generationen abgelöst werden, die nach ihnen kommen und über sie hinwegschreiten.
Ein verräterisches Wort: "Kompromisse mit der Sprache". Von diesen "Kompromissen mit der Sprache" weiß Kurt Ziesel 1957/58 allerhand Beispiele anzuführen (4). Damit umreißt Zehrer den Geschichtsablauf von 1933 bis 1945. Und 1945 konnte er als Springer-Ideologe und -Sprachschöpfer nahtlos anknüpfen an die bis dahin so glänzend erreichten Logen-"Erfolge", an die so glänzend erreichte "Desillusionierung" über alle bis dahin geltenen Worte und Begriffe (1, S. 5):
Wir nähern uns damit dem Zeitpunkt, wo die eigentlich treibenden Kräfte, die hinter der Krise stehen, sichtbar werden
- aber hallo! -
und sich nicht mehr in den Gewändern des Alten, der alten Werte und Begriffe, präsentieren,
- das will man ja als "Tat-Mensch" und "Revolutionär" auch gar nicht!, sondern man will das Gegenteil! -
sondern nackt und neu hervortreten.
- So wie ein in satanistischen Logen gezeugtes und geborenes Kind, möchte man ergänzen. In generationenübergreifendem Logen-Inzest werden ja auch künftige Bankiers etc. gezeugt, wie dem Buch "Vater unser in der Hölle" entnommen werden kann oder den Berichten der Cathy O'Brien. Wenn also physische Kinder gezeugt und geboren werden in Logen, warum nicht auch "geistige Kinder" ... Zehrer:
Erleichtert wird diese Klärung durch den Ablauf  der Generationsfrage und eine gewisse Tradition in der Krise, die auf ein Alter von fast zwei Jahrzehnten verweisen kann.
An welche zwanzigjährigen Logenzöglinge Zehrer wohl an dieser Stelle denkt? Bei den alten Worten und Begriffen denkt Zehrer allerdings zunächst nicht an Begriffe wie "Wahrhaftigkeit", "Zuverlässigkeit", "Ehrlichkeit", "Anständigkeit" usw., Begriffe also, wie sie in der deutschen Nationalhymne enthalten sind oder als die preußischen Tugenden gelten etc.. Das sind wohl sowieso schon überwundene Standpunkte für einen Zehrer.

Nein, es geht ihm hier zunächst nur um Worte und Begriffe wie "Liberalismus", "Sozialismus", "Konservatismus", "Katholizismus", "Faschismus", "Kommunismus", "Nationalsozialismus" - also lauter "hohle Gebilde", die er noch hohler sehen will, und zwischen denen frei flottierend er die neue Staatsgesinnung und Weltanschauung formulieren will.  Aber seine Worte haben eben doch noch einen tieferen Nebensinn, der aus der Rückschau viel mehr zählt, als das damalige Neubasteln einer Weltanschauung für den freimaurerischen Staatsdiener, die kompatibel ist zur kommenden nationalsozialistischen Diktatur und der ihr folgenden "gelenkten Demokratie" staatstragender Eliten.  Auch der Logen-Ideologe Hans Zehrer gewährt einem Einblicke in die Art, wie überstaatliche Geschichtsgestalter Ideologien und damit Geschichte gestalten. Seit zwei Jahrtausenden.

Woher man so sicher weiß, daß Hans Zehrer Angehöriger einflußreicher Logen und Orden war? Nun, würde er sonst so offen davon sprechen (siehe oben) als äußere Organisationsformen dieser Elite? Er selbst würde nur seiner Kirchengemeinde und der Gemeinschaft des "Tat-Kreises" angehört haben, wo sein Verleger Eugen Diederichs Freimaurer war und Ernst Horneffer, der Begründer der "Tat" ebenfalls?

Ist jeder Freimaurer per se ein schlechter Mensch?

Übrigens muß man für manche, die Logen und Männerorden verteidigen, und die voraussetzen, daß man als Kritiker alles in Bausch und Bogen ablehnen würde, was Freimaurer machen, noch einmal feststellen: Natürlich können *auch* Freimaurer gute Dinge tun. Natürlich! Bei so großen Gesellschaften wie der Freimaurerei gibt es die verschiedensten Möglichkeiten. Natürlich ist - etwa - das Lebenswerk eines Eugen Diederichs nicht dadurch infrage gestellt, daß er Freimaurer ist. Ebensowenig wie das Lebenswerk eines Friedrichs II., des Königs von Preußen, eines Lessing, eines Mozart und so weiter.

Es wird schwer zu glauben sein: Aber Kritiker können da sehr wohl differenzieren. Und sie sind auch fähig zu unterstellen, daß gerade auch insgesamt besonders positive Lebensleistungen den Logen sehr willkommen sind, können diese doch - ebenso wie ihre übrige Wohltätigkeits-Aktivitäten - gut darüber hinwegtäuschen, daß womöglich in Logen noch ganz andere Dinge geschehen. Eben solche wie in diesem Beitrag angedeutet. Daß in ihnen Gesellschaften "formiert" werden, auf Linie gebracht werden, "zum Einschwenken" gebracht werden, zum Marsch in Kolonnen gebracht werden ... Wohin? Nun, die Geschichte, die Gegenwart und die sich nur allzu klar andeutende Zukunft unserer Gesellschaft zeigen es.
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  1. Zehrer, Hans: Rechts oder Links? Die Verwirrung der Begriffe. In: Die Tat, Diederichs-Verlag, Jena, 7. Heft, Oktober 1931 (Google Bücher)
  2. Bäumer, Gertrud: Rechts und links? 1931
  3. Triebel, Florian: Der Eugen Diederichs Verlag, 1930-1949: Ein Unternehmen zwischen Kultur und Kalkül. C. H. Beck, München 2004 (Google Bücher)
  4. Ziesel, Kurt: Das verlorene Gewissen. Hinter den Kulissen der Presse, der Literatur und ihrer Machtträger von heute. J. F. Lehmanns Verlag, München 1958 (4. Aufl., 11. - 13. Tsd.) 
  5. Zehrer, Hans: Das Zusammenrücken von Links und Rechts zur Volksgemeinschaft. Hanse Buchwerkstatt, Faksimile-Verlag .·. Wieland Körner, Bremen 2011 [Nachdruck des Zehrer-Aufsatzes "Rechts oder Links" von 1931 unter neuem Titel]

Montag, 18. April 2011

Oswald Spengler - Mitglied der Fraternitas Saturni?

"Die unsichtbaren Väter" - Ein Kriminalroman über völksich-okkulte Logen und Orden aus dem Jahr 1935, der 1936 verboten wurde

Ein Autor wie Wolfgang Eggert (1) zeigt auf, daß man auch die Autoren der Ludendorff-Bewegung noch heute sinnvoll auswerten kann in dem Bemühen, die geheime politische und okkulte Geschichte des 20. Jahrhunderts aufzuklären. Unter diesen Autoren hat Wolfgang Eggert auch die Arbeiten von Hermann Rehwaldt (2-5) studiert. Der Autor Peter-Robert König  (6) behauptet nun, daß in dem Kriminalroman von Hermann Rehwaldt aus dem Jahr 1935 "Die unsichtbaren Väter" insbesondere die Logenarbeit in der völkisch-okkulten Freimaurerloge Fraternitas Saturnis in romanhafter Form behandelt worden sei.

Da P.-R. König sicherlich unter den lebenden Autoren einer der besten Kenner der Geschichte der Fraternitas Saturni ist, gehen wir im folgenden davon aus, daß diese seine Einschätzung zutreffend ist. Den Roman "Die unsichtbaren Väter" hat Wolfgang Eggert nicht ausgewertet. Er interessiert uns im folgenden auch in keinerlei Weise um seiner etwaig vorhandenen - oder nicht vorhandenen - Qualitäten als Roman willen (also irgendwie als ein Stück "Literatur"), sondern allein um der Sichtweise Hermann Rehwaldts und seiner Kenntnisse von der Arbeit völkisch-okkulter Logen zwischen 1920 und 1935.

Wühlen in okkulten Geheimschriften

Der Ausgangspunkt der Arbeit von Hermann Rehwaldt war unter anderem die inhaltsreiche Schrift von Mathilde Ludendorff "Induziertes Irresein durch Okkultlehren" (7), erschienen Januar 1933 (siehe auch: 8-10).

Mathilde Ludendorff behandelt darin unter anderem auch eine Kultfeier des "Ordo Templi Orientis" (7, S. 84-90) anhand der damals noch als Geheimschrift geltenden Schrift "Die gnostische Messe" von Aleister Crowley, 1917/18 ins Deutsche übertragen von einem der Gründer des O.T.O., von Theodor Reuß ("Merlin Peregrinus") (Wikip., E.-P. König). Beide Autoren waren Mathilde Ludendorff offenbar 1933 dem Namen nach noch gar nicht bekannt. (In Neuausgaben ihrer lesenswerten Schrift "Induziertes Irresein durch Okkultlehren" sollte dringend auf diese Zusammenhänge hingewiesen werden.)

Von Gérard Encausse, über Aleister Crowley über Paul Köthner zu der Fraternitas Saturni von Eugen Grosche  

Soweit übersehbar, behandelt Mathilde Ludendorff hingegen die Fraternitas Saturnis in ihren Schriften nicht. Die Fraternitas Saturnis behandelt Mathilde Ludendorff erst in einem Aufsatz aus dem Jahr 1955 (s. Scribd, S. 102f). Schon in Jahr 1933 veröffentlichte sie ihren Aufsatz "Der Orden und der Satanismus" (behandelt --> hier).

In diesem Punkt wurde sie nun ergänzt durch den Roman "Die unsichtbaren Väter" von Hermann Rehwaldt. (Denn es spricht alles für die Deutung von P.-R. König, daß in diesem Roman die Fraternitas Saturnis behandelt ist.) Zwar behandelt Mathilde Ludendorff zum Beispiel auch das Thema "Spiegelmagie" (7, S. 108), allerdings nach der Zeitschrift "Die Wandlung" von Paul Köthner von 1929. Nicht nach den von diesem darin besonders warm empfohlenen "Magischen Briefen" der Fraternitas Saturni, die Eugen Grosche seit 1925 herausgegeben hat. Diese "Magischen Briefe" erwähnt Hermann Rehwaldt nun in seinem Literaturverzeichnis (2, S. 392) und auch im Text des Romans selbst mit folgenden Worten (2, S. 294):

Der Professor holte aus dem Bücherschrank eine Reihe Bücher, deren Umschlag eine krause Überschrift "Magische Briefe, Okkulte Praxis", ein Pentagramm und andere kabbalistische Zeichen zeigte. "Hier," sagte er. "Das sind die von Br. Köthner in seiner "Wandlung" besonders warm empfohlenen "Magischen Briefe". In meinem Kampf gegen die Okkultverbrecher habe ich mich durch diesen Wust von hochgradigem Blödsinn durchfinden müssen. Es ist eine Zumutung für einen normalen und vernünftigen Menschen.
Die "Magischen Briefe"

Diese "Magischen Briefe" bilden sicherlich einen der wesentlichsten Ausgangspunkte für den Roman. Und in diesen wird beispielsweise die Spiegel- und Kristallmagie gleich im Heft 1 von 1925 behandelt (siehe etwa hier).

Die Spiegelmagie wird auch schon von dem französischen Okkultisten Gérard Encausse, genannt "Papus", 1891 behandelt (in "Traite methodique de Magie practique", heute auch auf Deutsch erhältlich) (15, S. 80).

Gérard Encausse hat 1901 bis 1906  den russischen Zaren Nikolaus II. und seine Frau in Esoterik unterrichtet (Wikip.):

Dabei gründete er eine Martinistenloge, der auch der Zar selbst angehörte. (...) Er assistierte dem Zarenpaar bei wesentlichen Regierungsentscheidungen und warnte sie vor den Einflüssen Rasputins.

Angesichts eines solchen Beispiels wird man wohl mit vielen leitenden Okkultisten zu rechnen haben, die in früheren Zeiten und heute Aspirationen haben, "bei wesentlichen Regierungsentscheidungen" zu "assistieren". Oder die leicht geneigt sind, das anderen - gerne auch konkurrierenden - Okkultisten zu unterstellen (vgl. auch: 16).

Einige Stärken und Schwächen des Romans

Ob Hermann Rehwaldt zusätzlich auch mancherlei persönliche Erfahrungen in diesem Roman verarbeitet hat oder die Erfahrungen von persönlichen Informanten, bleibt offen. Da der Roman aber mancherlei Vorgänge und Umstände recht detailliert schildert, die es - nach Berichten auf Foren im Netz - in paralleler Form vor einigen Jahren in sehr ähnlicher Form immer noch gegeben hat (siehe unten), würde es einem sehr kühn anmuten, wenn Rehwaldt sich das alles nur anhand der Literatur und einer reichen Phantasie erarbeitet haben sollte. Indem wir das sagen, wollen wir aber zugleich auch auf einige offenbare Schwächen des Romans hinweisen.

1. Ein unrealistisches Geschehen im Roman ist es, daß eine Mordkommission Tage lang, über Wochen hinweg sich trifft, nur um aus dem "magischen Tagebuch" eines mutmaßlich ermordeten Hochgradfreimaurers vorzulesen, anstatt einfach Abschriften für alle herstellen zu lassen und sich zu treffen, nachdem es alle gelesen haben.

2. Die Einflußnahme der Freimaurerei auf die Politik, die Medien, die Clubs ist - zumindest vom Kenntnisstand von heute her geurteilt - etwas gar zu grobschnitzig dargestellt. Die einzelnen Journalisten, Politiker usw. müssen psychologisch viel geschickter in Entscheidungsfindungen mit eingebunden sein, bspw. muß ihnen zugeraunt werden, was noch viel wichtiger ist als das bisherige, daß das und das gut sei, daß sie bei dem und dem - wie alle - mitmachen müßten, wenn sie ihre Stellung nicht verlieren wollten und vieles ähnliche mehr (vorauseilender Gehorsam insbesondere aufgrund von wenigen Andeutungen ..., Erpreßbarkeit ...).

Wie arbeiten Geheimdienste und -gesellschaften?

Dies gilt zum Beispiel auch, was die Stimmungsmache für einen Krieg betrifft oder das "Hijacking" gegnerischer Bewegungen. Dazu gibt es ja "Thinktanks", die die Logenmitglieder ideologisch vorbereiten, psychisch schulen und suggerieren auf die nächsten Schritte, die zu leisten sind. (Wir haben hier auf dem Blog in einem späteren Artikel Hans Zehrer und seinen Tatkreis als einen solchen "Thinktank" behandelt.) Es wird damit gearbeitet, daß gesagt wird, daß das und das "kommen wird", das und das "komme sowieso", es müßten - in Vorbereitung darauf - nur noch die Einzelheiten festgelegt werden. Eben einfach insgesamt so, wie auch eine Mafia arbeitet, arbeiten muß.

In dem Roman wird an mehreren Stellen Oswald Spengler erwähnt. Gerade seine These vom "unvermeidlichen", "gesetzmäßigen" "Untergang des Abendlandes" stellt allzu deutlich ein solches Ideologie-Element eines gesellschaftlichen Selbstmordprogrammes, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung dar, für das man deshalb gerne viel journalistischen Rummel veranstalten konnte.

Aber zu all dem gehört auch, daß den einzelnen Beteiligten ein Gefühl von "Macht" und "Einfluß" gegeben wird, gerne auch nur in "simulierter" Form. Möglicherweise kann dies auch geschehen - wenn man Cathy O'Brien folgt - in Form von Macht über Trauma-programmierte Politiker-Prostituierte, bzw. sonstige "Logen-Sklaven", über Gewalt- und Mordexzesse in satanistischen Orgien und ähnliches. Oder darüber, daß man Menschen einfach nur teilhaben läßt an dem Wissen von "Eingeweihten", was bei vielen die Eitelkeit schmeichelt. Indem man sie gar als "blinde Werkzeuge" vor irgendwelchen politischen Entscheidungen irgendwelche "Rituale" ausführen läßt oder Quasi-Rituale. Alles Dinge, bei denen sich Menschen wichtig vorkommen könnten, ohne es eigentlich wirklich zu sein. Die Magie selbst wird bei all dem, zumindest heute, nur noch "unterstützende", stabilisierende Funktionen haben.

Es wird jedenfalls insgesamt die Lebenssituation des einzelnen, seine Psychologie in Rechnung gestellt von Geheimdiensten, um ihn dann so zu platzieren wie er platziert wird. Victor Ostrowski etwa berichtet von einer großen psychologischen Abteilung innerhalb des Mossad. Wie staatliche Geheimdienste arbeiten, ist ja erst in den letzten Jahrzehnten besser bekannt geworden. Ähnlich umfangreich arbeiten aber Logen, Orden und sonstige Geheimgesellschaften, auch natürlich der Jesuitenorden, schon seit vielen Jahrhunderten.

3. Für einen im Gehirn "inselartig" okkult-verblödeten Hochgradfreimaurer, der auf gutem Fuße steht mit Leuten von der Kategorie Oswald Spengler, Schacht, Papen, Schleicher, Reichskanzler Hermann Müller (wie im Roman dargestellt), ist der "Herr von der Höh", die Hauptfigur des Romans, auch viel zu holzig-einsiedlerisch-versponnen dargestellt. Er müßte als wesentlich weltgewandter, mit vielen hundert Fäden in Zusammenhang mit dem politischen und geistigen Leben stehend dargestellt sein, als das im Roman gelungen ist, in dem sich wohl eher die Person des Autors Hermann Rehwaldt selbst widerspiegelt.

Die "Konservative Revolution" im Kriminalroman: Die Firma "Oswald Spengler & Co."

Oswald Spengler
An einer Stelle des Romans wird ein innerer Zirkel der Fraternitas Saturni noch genauer gekennzeichnet. Es heißt dort über den Berliner "Sprengel", die Berliner "Burg" dieses inneren Zirkels der Fraternitas Saturni (2, S. 184):

Der politische Leiter dieses Sprengels des namenlosen Ordens war ein anderer Herr, dessen Namen ich verpflichtet bin, für mich zu behalten, der Sie aber in höchstem Grade erstaunen würde. Sie kennen ihn alle aus der Presse und aus dem Schrifttum, seine politisch-philosophischen Werke zieren die Bücherschränke aller Intellektuellen in Deutschland und vielleicht auch im Auslande.

"Spengler?" fragte der Ministerialdirektor dazwischen. "Ich darf Ihnen weder nein noch ja sagen. Spengler ist nicht der einzige Vertreter dieser Art Schrifttum."

Das intellektuell-geistige Umfeld, das Hermann Rehwaldt hier zu kennzeichnen versucht, ist dasjenige, das Armin Mohler nach dem Zweiten Weltkrieg als das Umfeld seiner "kategoriensprengenden Autoren" der sogenannten "Konservativen Revolution" bezeichnet hat (11) mit Autoren wie: Ernst Jünger, Arnold Gehlen, Carl Schmitt, Arthur Moeller van den Bruck (Wiki), Julius Evola oder eben Oswald Spengler und viele ähnliche Autoren mehr.

Übrigens kann man Armin Mohlers wissensschaftliches Referenzwerk "Konservative Revolution" (11) - ein Seitengedanke - auch wie den Endbericht der zuständigen Abteilung eines innerdeutschen "Nachrichtendienstes" zum Thema "Gegnerforschung / Freundesforschung" lesen. Und bei dem Sekretär eines Ernst Jünger werden sowieso viele Informationen zusammengeflossen sein, die für Nachrichtendienste - und natürlich "Verfassungsschützer" - ... "interessant" sind. (Vor wie nach 1945.)

Dazu paßt auch der auffallende Umstand, daß im Umkreis der "kategoriensprengenden" Autoren der Konservativen Revolution und deren geistigen Nachfolgern seit Jahrzehnten auffallend wenig - oder höchstens sehr zurückhaltend - über die reichen Erkenntnisse berichtet wird, die heute schon über Geheimdienste und Geheimgesellschaften und ihren umfassenden Einfluß auf Politik und Medien bekannt sind.

Der Freiherr von Sebottendorff - ein antivölkischer "Völkischer"?

In dem magischen Tagebuch, das der Romanautor Hermann Rehwaldt den Hochgradfreimaurer seines Romans an seinen innerhalb der Loge vorgesetzten "Guru" gerichtet schreiben läßt, wird dieser im Jahr 1920 auch als Angehöriger der Thule-Gesellschaft gekennzeichnet (2, S. 126f) (auch hier ist wieder psychologisch wohl etwas gar zu grobschnitzig offen von "Befehl" die Rede):

Ich fügte mich gern deinem Befehl, bei völkischen Kreisen Anschluß zu suchen. Ich sah ein, daß diese Gefahr nur durch Lahmlegung von innen heraus bekämpft werden kann, indem man in diese Kreise hineingeht und sie unter ihrer Fahne und in ihrem Wappenrock zu Zielen führt, die die unseren sind. In dem Bruder von Sebottendorf, den Leiter der Thule-Gesellschaft, die damals in München die führenden  Köpfe der Bewegung vereinigte, habe ich einem Eingeweihten hoher Grade kennengelernt. Ich bewunderte seine Kunst, seine schärfsten und erbittersten Gegner so führen zu können, daß sie der festen Überzeugung waren, er sei einer der ihrigen. Ich bewunderte auch seine Geschicklichkeit in dem Verkehr mit den Mitgliedern der Räteregierung, die ihm innerlich entschieden näher standen, als diejenigen, die er anführte, bis auf wenige Eingeweihte, wie ich einer war. Er verstand es, bei den Roten den Eindruck zu erwecken, er sei ihr entschiedener Gegner, und erst im Augenblick höchster Gefahr wie er sich bei einem der mit seiner Verhaftung betrauten Kommissare, wenn ich mich nicht irre, einem ehemaligen österreichischen Offizier und Mitglied einer Feldloge in höheren Graden, als das aus, was er in Wirklichkeit war. Er rettete dadurch auch ein paar der Thule-Leute. Andere aber überließ er ihrem Schicksal, und sie wurden als Geiseln erschossen. (...)
Außer der Thule-Gesellschaft verkehrte ich um diese Zeit in einer kleinen verschwiegenen Geheimloge in Schwabing (...). Es war eine gemischte Loge, d. h. eine solche, die aus Männern und Frauen bestand, mit arischem Weistum, das für unsere Begriffe deutsche oder altgermanische Worte hatte. Die Tendenz der Loge ging außer den üblichen okkulten Bräuchen und Übungen dahin, Herrenmenschen und Priestermagier heranzubilden. Die Logenschwestern waren, wie es üblich ist, eidlich verpflichtet, sich dem Ritual und dem Hohepriester zur Verfügung zu stellen.

Und an einer späteren Stelle des Romans heißt es über den Schreiber des "magischen Tagebuches" (2, S. 182 - 184):

Er selbst sei führendes Mitglied eines völkischen Geheimordens, der zum Zwecke der Bekämpfung der Freimaurerei mit gleichen Mitteln seinerzeit von völkischen Männern gegründet wurde. Der Name des Ordens spielt an sich keine Rolle, nennen wir ihn zum Beispiel Germanenorden. Die Logen dieses Ordens pflegen "altarisches Weistum", "Erziehung zu Herren", und ein Ritual, das sich stark an das freimaurerische anlehnt, aber für alles deutsche Bezeichnungen hat. So mauert der Orden am "Deutschen Dom" und nicht am "Tempel Salomos", wie die Freimaurerei usw. (...) Er suchte zu erforschen, woher denn all diese Übereinstimmungen des Ordensbrauchtums mit dem Freimaurerritual kämen. Die Erklärung der Ordensliteratur, all dieses Weistum und Brauchtum sei ursprünglich arisches, germanisches Geistesgut gewesen und später erst von Juden gestohlen und für ihre Zwecke verfälscht worden, genügte ihm nicht. Trotz der planmäßigen Ordensdressur hat er genug Urteilskraft behalten, um sich zu sagen, daß der Orden ja erst nach der Freimaurerei entstand, also auf keine tausendjährige Tradition zurückblicken kann. Daß also auch das Brauchtum neueren Datums sein müsse als das der Freimaurer. (...)
Durch eifrige Ordensarbeit, besonders auf politischem Gebiet - der Unbekannte war einer der höchsten Führer einer großen nationalen Partei - gelangte er in die höchsten Grade seines Ordens und schließlich in das, was bei manchen Systemen der Freimaurerei "innerer Orient" oder "strikte Observanz" oder die "schwarzen Logen" genannt wird. Es war ein Orden innerhalb des Ordens, ein Kern der geheimen Führer, von deren Existenz als ein geheim verschworener Verband die Brüder niederer Grade keine Ahnung hatten. Die Zugehörigkeit zu diesem namenlosen "Orden" wurde durch Eide gesichert. (...) In diesen namenlosen Orden wurde Magie, Kabbalistik und Astrologie betrieben, nur, daß alle diese "Weistümer" als rein germanisch, arisch, als "Armanenweistum" hingestellt wurden. (...)

"Hinein in die nationalen und völkischen Organisationen"

Und im Jahr 1927 angesichts des Freimaurerkampfes von Erich Ludendorff läßt Hermann Rehwaldt seinen Protagonisten, den Hochgradfreimaurer in sein Tagebuch schreiben (2, S. 218):

Ein Abgesandter der Oberen war bei mir. Der Befehl lautet: hinein in die nationalen und völkischen Organisationen. Den "Herrenstandpunkt" pflegen und propagieren und die Herrschaft der Tat, des Immer-Wiedergeborenen, des Sohnes Hermes' Trismegistus vorbereiten. Namentlich wurde die Rotary-Gesellschaft und die verschiedenen Herrenklubs, die jetz auf höhere Weisung erstehen, als Betätigungsfeld anempfohlen.

So der Blick des Hermann Rehwaldt auf die damaligen völkischen Okkultlogen. Es wäre zu überprüfen, ob man solche Gedankengänge auch bei so vielgelesenen Romanautoren wie Dan Brown findet. Oder ob Romane wie die von Dan Brown demgegenüber eher nur der Verharmlosung von mancherlei Geschehen dienen.

"Spaltungsmagie" - besteht ein Zusammenhang zur Multiplen Persönlichkeitsstörung?

Obwohl die Psychiaterin Mathilde Ludendorff, deren Erkenntnisse Hermann Rehwaldt auswertet und vertritt, in ihren Bücher - soweit übersehbar - nie den Begriff einer psychischen (oder auch nur magischen) "Spaltung" behandelt, tut genau das Hermann Rehwaldt in diesem Roman. Er läßt seinen Tagebuchschreiber verliebt sein in eine der neu aufzunehmenden Frauen der Loge (2, S. 131) (eine "Schwester Ni"):

Da nahm ich gegen Morgen den magischen Spiegel vor (...). Da spaltete ich mich ohne vorherige Vorbereitung, leicht, als wäre es mein gewöhnlicher Zustand, und mein astrales Ich trat an sie heran ... (...)
Im ersten Augenblick konnte ich nicht fassen, was vorgefallen war. Dann allmählich wurde es mir klar, daß ich einer spontanten Spaltung verfallen war, und zwar so, daß die Kontrolle über meinen Astralkörper mir für eine Zeit lang vollständig entglitten war.

Diese "Spaltungsmagie" wird noch an mehreren anderen Stellen des Romans erwähnt, etwa im folgenden Abschnitt (2, S. 187):

Manchmal verzweifle ich an der Möglichkeit, den Sumpf der schwarzen Magie jemals überschreiten zu können. Aber mein Wollen ist rein und mein Wille in der phyischen Ebene fast allmächtig. Die Spaltung ist kein Problem mehr für mich. Nach kurzer Vorbereitung trennt sich mein astraler Körper von dem physischen und wandelt, wohin ich will. Ich sehe Dinge, die Profanen ewig verschlossen bleiben, unterhalte mich mit Menschen, die viele Meilen weit von mir leben ...
Br. Eugen Grosche, empfohlen von Br. Paul Köthner

Aus dem weiteren Text geht hervor, daß nach Rehwaldt hinter diesem Phänomen der "Spaltung" Gehör-, Gesichts-, Tastsinn und Geruchshaluzinationen stehen, so wie sie Mathilde Ludendorff (7, S. 98-116) auch beschrieben hat, allerdings nicht mit direktem Bezug zur Spaltungsmagie. Der Begriff "Spaltung" ist nämlich der sogenannten "Spaltungsmagie" entnommen (siehe hier). Und diesem Thema hat der Gründer der Fraternitas Saturni, Eugen Grosche (Gregorius), im Rahmen seiner von Paul Köthner empfohlenen "Magischen Briefe" 1925 auch eine eigene Abhandlung gewidmet (siehe Abbildung rechts).

Auf Internet-Foren (Pagan-Forum) wird die in der Spaltungsmagie behandelte Spaltung ausdrücklich auch mit jenen Fähigkeiten zu "Dissoziationen" beim normalen Menschen in Verbindung gebracht, die von der Wissenschaft (siehe Michaela Huber) als Wurzel der multiplen Persönlichkeitsstörung (MPS) angesprochen werden. Spaltung wird in der Spaltungsmagie auch als "körperfreies Wandern innerhalb von Raum und Zeit" bezeichnet (gut erläutert z.B. hier).

Es ist mehr als naheliegend, daß sich die moderne Psychiatrie und Psychotherapie, evtl. zuerst wiederum in den USA, mit dieser sogenannten "Spaltungsmagie" schon beschäftigt hat. (Um hier weiterzukommen, wäre aber zunächst zu klären, wie der Begriff der Spaltungsmagie ins Englische übersetzt wird.) Der Unterschied zur Multiplen Persönlichkeitsstörung besteht zunächst in jedem Fall darin, daß die abgespaltenen Persönlichkeiten bei der MPS reale, aber verdrängte Erlebnisse darstellen, keine Halluzinationen.

Fraternitas Saturnis gegenüber 1935 heute kaum verändert?

Das Eigentümliche an dem Roman ist wohl vor allem, daß er zahlreiche Charakteristika der Fraternitas Saturni nennt, von denen man auch heute noch in Berichten hört, etwa:

  • übermäßiger Alkoholgenuß (2, S. 191)
  • Konzentration eines einzelnen Meisters auf eine oft komplizierte Beziehung zu einer einzelnen,  im besonderen Maße in die magische Logenarbeit involvierten Frau. Im Roman sind es gleich drei Frauen, von denen die erste Selbstmord begeht, die zweite in der Psychiatrie landet und die dritte ermordet wird (z.B.: 2, 117-149; Kapitel VII. "Der Magier lernt die Liebe kennen" und VIII. "Der Liebe Tod"; S. 210ff uam.). Da diese Schilderungen zu dem Detailliertesten des Romans gehören, könnte man zu der Vermutung gelangen, daß ein etwaiger persönlicher Informant Rehwaldts eine Frau gewesen sein könnte, die hier einiges erlebt hat.
  • Führen eines - geradezu psychotherapeutisch ausgerichteten -  magischen Tagebuches für den Ordensoberen.

Bis hier soll nur eine Teil-Analyse des Romans gegeben werden,  die vielleicht anregen kann, weiteren, hier angeschnittenen Fragen nachzugehen. Daß vor allem die Art des Redens der Herren der Mordkommission im Roman (nicht der Inhalt der Gespräche) bei dem Leser insgesamt einen schalen Beigeschmack aufkommen läßt, erschwert den Zugang zu den aufklärenden Inhalten des Romans, der wohl besser einfach als ein Sachbuch geschrieben worden wäre. Jedenfalls erscheint er nur als solcher heute noch lesbar.

Das Inhaltsverzeichnis des Romans

Abschließend noch das in dem Buch nicht enthaltene Inhaltsverzeichnis mit einigen inhaltlichen Erläuterungen:

Vorwort
I. Die Mordkommission rückt an
II. Der Kriminalrat berichtet
III. Der unbekannte Freund
IV. Der "unbekannte Freund" prophezeit weiter
V. Ein Blick in die hohe Politik
VI. Hindernisse und Opfer
VII. Der Magier lernt die Liebe kennen (München - 1920)
"Schwester Ni"
VIII. Der Liebe Tod (München - 1920)
"Schwester Ni" und ihr Selbstmord
IX. Der Magier in Berlin
X. Br. Arl in der Falle
XI. Abenteuer im Grunewald
XII. Der Magier im Orden
XIII. Wiederum hohe Politik (Berlin - 1927) /200/
(Nach einer Indienreise und dortiger Weihung zum "Mahatma" Beginn der sexualmagischen Arbeiten mit "Mara".)
XV. Sumpfblasen /230/
XVI. Maras Ende - der große Plan abgewandelt /246/
XVII. Der diplomatische Auftrag (Berlin 1928) /267/
"Kriegshetze und Völkermorden" erscheint. Als Diplomat in Genf. Reichskanzler Hermann Müller.
XVIII. Der hohe Besuch /282/
XIX. Der Mann auf verlorenem Posten /297/
XX. Das neue Medium /308/
XXI. Hindernisse /320/
XXII. Die zweite Verwarnung - Spioniert Br. Arl? /330/
XXIII. Der Auftrag in Swinemünde /344/
XXIV. Gespenster, Testament und Theurgenring /362/
XXV. Das Gutachten (Berlin 1934) /379/
XXVI. Keine Resignation - Kampf! /387/

Ergänzung 26.09.2013: In einem der letzten Kapitel des zweiten Bandes seines "Untergang des Abendlandes", veröffentlicht 1922, schrieb Oswald Spengler (Zeno, Gutenberg) :

Die Macht verlagert sich heute schon aus den Parlamenten in private Kreise, und ebenso sinken die Wahlen unaufhaltsam zu einer Komödie herab, für uns wie für Rom. Das Geld organisiert den Vorgang im Interesse derer, die es besitzen und die Wahlhandlung wird ein verabredetes Spiel, das als Selbstbestimmung des Volkes inszeniert ist. Hier liegt das Geheimnis, weshalb alle radikalen, also armen Parteien notwendig die Werkzeuge der Geldmächte, in Rom der equites, heute der Börse werden. Theoretisch greifen sie das Kapital an, praktisch aber nicht die Börse, sondern in deren Interesse die Tradition. Das war zur Zeit der Gracchen ebenso wie heute, und zwar in allen Ländern. Die Hälfte der Massenführer ist durch Geld, Ämter, Beteiligung an Geschäften zu erkaufen und mit ihnen die ganze Partei.

(So auch zitiert in der Zeitschrift "Mensch & Maß", Folge vom 23.1.1974, S. 86.) Dieses Zitat zeigt natürlich sehr deutlich, daß Oswald Spengler Hintergrundpolitik-Wissen hatte. Es wäre sicherlich sinnvoll, seine Werke und die Ernst Jüngers und ähnlicher Autoren noch gründlicher auf solche Zitate zu durchsuchen. Hinweise auf Veröffentlichungen, in denen das womöglich schon geschehen ist, werden gerne entgegengenommen. Es wäre ja im Grunde genommen, merkwürdig, wenn das in den vielen Jahrzehnten seither noch nie sollte unternommen worden sein.

/ Ergänzung 21.1.2024: Unsere Vermutung hat sich bestätigt. Aufgrund von Hinweisen unterschiedlicher Art konnten inzwischen hier auf dem Blog Beiträge erscheinen unter anderem zu:

Allesamt glorreiche Helden. Wahrlich glorreiche Helden. Logenherrschaft ist ein Leichtes, solange sich die Menschen so leicht am Narrenseil führen lassen wie es heute noch der Fall ist. /

1936 - Der Roman wird verboten

(Nachtrag 29./30.11.2013) Die "Reichsstelle für die Förderung des deutschen Schrifttums" gab am 9. Dezember 1935 ein gebührenpflichtiges positives "Gutachten für Verleger" zu diesem Roman ab. In ihm heißt es unter anderem (DHM):

Das Buch ist vorzüglich geeignet, über das menschen- und völkerfeindliche, auch vor den gemeinsten Verbrechen nicht zurückschreckende Treiben der überstaatlichen Mächte in weite Kreise Klarheit hinauszutragen. Mit erschreckender Deutlichkeit wird gezeigt, welche verruchten Mittel und Wege (...) von den Logen und Geheimorganisationen benützt werden, um sich willenlose Werkzeuge in den Intelligenzschichten der Völker zu züchten und mit ihrer Hilfe Nationen und Rassen zu vernichten. (...) Das Buch ist mit seiner erschütternden Enthüllung furchbarer Geheimnisse ein Fanal für alle. Wir empfehlen es mit Nachdruck!

Dieses Gutachten wurde vom Verlag auch auf Buchwerbezettel gedruckt. - Aus uns zugesandten Kopien von Briefen Hermann Rehwaldts vom 11. Oktober 1936 und 3. Januar 1937 geht aber hervor, daß der Roman im Gegensatz dazu im Jahr 1936 verboten worden ist. Am 11. Oktober 1936 schreibt er von seinem Wohnort Fischbeck an der Elbe an Freunde in Zeeven bei Bremervörde:

Die beiliegenden Gutachten der Reichsschriftumskammer machen es fraglich, ob es mir gelingen soll, einen anderen Roman irgendwo unterzubringen. „Man“ schnürt uns langsam die Kehle zu.

Und am 3. Januar 1937:

Vorläufig gilt es durchzuhalten, was nicht leicht fällt, da die Verhältnisse sich immer mehr zuspitzen. Man fragt sich manchmal, ob das Schaffen noch irgend eine praktische Verwertung findet, denn wer nimmt noch Sachen von mir an nach dem Verbot der „Unsichtbaren“? Aber man kann aus seiner Haut nicht heraus und arbeitet weiter, mag kommen, was da will. Ich muß aber gestehen, daß ich ein paar Tage lang vor den Feiertagen ganz mutlos war und zu keiner Arbeit fähig. Wofür mir Paul Lehnert den Kopf mit Erfolg gewaschen.
(s. dazu: StgrNat2011) Dieses Verbot wird bestätigt durch die "Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Bücher". Bezeichnenderweise lautet der Titel der zweiten von Hermann Rehwaldt verbotenen Schrift "Rassenkunde und Rassenwahn". Sie war 1936 veröffentlicht worden. Es wäre sicherlich von großem Interesse, die Gründe für das Verbot in den genannten Gutachten der Reichsschriftumkammer zu lesen. Daß ein Roman über Verbrechen in der satanistsichen Okkultloge "Fraterniatas Saturnis", ohne daß in ihm überhaupt der Name dieser Loge genannt wird, ausgerechnet im Dritten Reich verboten wird, könnte womöglich zeigen, wie einflußreich solche Logen in diesen Jahren noch waren.

Oder war es insbesondere die - böse - Unterstellung dieses Romans, daß solche Logen rechtskonservative und völkische politische Kreise unterwandern und steuern würden? Wurden durch solche Verbote Leute wie Oswald Spengler geschützt? Gehört dieses Verbot hinein in das Ringen zwischen dem Okkultismus-kritischen und dem Okkultismus-fördernden Flügel der NSDAP? Also zwischen dem Amt Rosenberg und dem Mitarbeiterkreis von Rudolf Heß? (siehe Stephan Berndt) Dazu mäßten zunächst die genannten Gutachten studiert werden. Die Akten der Reichsschrifttumskammer befinden sich im Bundesarchiv.

/ Letzte Überarbeitung: 29.11.2013 /
_______________________________________
  1. Eggert, Wolfgang: Im Namen Gottes. Israels Geheimvatikan als Vollstrecker biblischer Prophetie. Bd. 3. Propheten-Verlag, München 2001, (besonders die Anhänge A - F)
  2. Rehwaldt, Hermann: Die unsichtbaren Väter. Roman. Verlag Karl Pfeiffer & Co. Landsberg (Warthe) 1935 [Vorgänge in der Fraternitas Saturni in romanhafter Form]
  3. Rehwaldt, Hermann: Die "kommende Religion". Okkultwahn als Nachfolger des Christentums. Ludendorffs Verlag, München 1937
  4. Rehwaldt, Hermann: Vom Dach der Welt. Über die "Synthese aller Geisteskultur" in Ost und West. Ludendorffs Verlag, München 1938
    Pinning, German (d.i. Hermann Rehwaldt): Vor einem neuen Äon. An der Schwelle zweier Zeitalter. Verlag Hohe Warte, Pähl 1958 [Überblick über die Strömungen im Okkultismus]
  5. König, Peter-R.: The Ordo Templi Orientis Phenomenon. A Research Project. Auf: http://www.parareligion.ch . Deutschsprachige Ergänzungen und erweiterte Texte: http://www.parareligion.ch/deutsch.htm ; In Nomine Demiurgi Nosferati. 1970 - 1998. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen. o.J. (München 1998) (--> http://www.parareligion.ch/sunrise/fs6.htm und http://www.parareligion.ch/2010/homunc/homunc.htm)  
  6. Ludendorff, Mathilde: Induziertes Irresein durch Occultlehren. Erstauflage 1932 (ausgeliefert im Januar 1933). Verlegt bei Franz v. Bebenburg, Pähl 1970 [sehr grundlegende Abhandlung von der früheren Assistentin von Emil Kraepelin] [kritisch behandelt von André Sepeur auf Umweltjournal.de, 25.1.2009, oder hier, sowie auf  Esoterikforum.at, 4.9.2010]   
  7. Ludendorff, Mathilde: Der "Orden" und der Satanismus. In: Ludendorffs Volkswarte, Folge 7, 19.2.1933 (auch unter dem Titel "Der Satanismus der Hochgradbrüder".) 
  8. Henschen, Hedwig: Occultisten an der "Arbeit". In: Ludendorffs Volkswarte, 7.5.1933 [über den okkulten Schriftsteller Gustav Meyrink]
    Ludendorff, Mathilde: Eine der Gefahren der Occultschriften. In: Ludendorffs Volkswarte, Folge 21, 28.5.1933 [über den okkulten Schriftsteller Gustav Meyrink]
     
  9. Mohler, Armin: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918 - 1932. Ein Handbuch. (4. Aufl.) Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994  12. Ludendorff, Erich: Kriegshetze und Völkermorden. 1928 (Google Bücher)
  10. Ludendorff, Erich und Mathilde: Europa den Asiatenpriestern? Ludendorffs Verlag, München 1936
    Ipares, S. (d.i. Jean Paar, d.i. Harry Dörfel): Geheime Weltmächte. Eine Abhandlung über die "Innere Regierung der Welt". Ludendorffs Verlag, München 1936
  11. Wegener, Franz: Weishaar und der Geheimbund der Guoten. Ariosophie und Kabbala. Kulturförderverein Ruhrg, 2005 (Google Bücher)
  12. Encausse, Gérard: Wie ich Okkultist wurde. Notizen einer intellektuellen Autobiographie. [1888 ?] Im Netz veröffentlicht von  Dieter Rüggeberg. (Zu Rüggeberg, einem umfassend Okkultgläubigen und Anhänger Rudolf Steiners, der zugleich Bücher über allseitig okkulte Hintergründe der weltweiten Geheimpolitik schreibt, siehe auch: Esowatch; siehe auch: 17)
  13. Rüggeberg, Dieter: Über die Irrlehren der Mathilde Ludendorff. Rüggeberg-Verlag, Wuppertal 2005 (freies pdf.)

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