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Freitag, 21. Dezember 2018

Ausnahmesituationen des Lebens - Religiöse Menschen kommen mit ihnen besser zurecht

Erörterungen auf der diesjährigen Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft in Nürnberg

Zeitschrift der Feuerbach-Gesellschaft
Spannende Fragen wurden auf der jüngsten Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft in Nürnberg erörtert, auf der der emeritierte kirchenfreie Soziobiologe Eckart Voland und der emeritierte katholische Informatiker Bernd Schmidt referierten. Der Humanistische Pressedienst schreibt zur dortigen Diskussion abschließend (1):
Wie auch Voland in seinem Vortrag erklärt hatte, gibt es ja tatsächlich ernstzunehmende empirische Evidenz dafür, daß Gläubige mit Ausnahme-Situationen des Lebens, die von Angst, Streß und Schmerz geprägt sind, im statistischen Mittel besser fertig werden.
Folgt man Ludwig Feuerbach, der in seinem Werk dafür warb, Menschen nicht nur als Vernunftwesen, sondern auch als Wesen mit emotionalen Bedürfnissen zu verstehen, müssen Schmidts Schlußfolgerungen also nicht nur provozieren, sondern können auch zum Anlaß genommen werden, um zu fragen: Gibt es wirklich keinen Ersatz für Religion in dieser emotionalen Funktion? Und wenn doch: Was wirkt außer Religion noch emotional stabilisierend in möglichen Krisen? Und: Habe ich persönlich genug dieser haltgebenden Faktoren in meinem Leben?
Was für grundlegende Fragen. Gerne würde man noch einmal die wissenschaftlichen Studien durchsehen, in denen diese empirische Evidenz herausgearbeitet ist. Aber es wird sie sicher geben. Im "lustigen", gedankenlosen oder streßreichen Alltag sind solche grundlegenden Fragen verdrängt. Eckart Voland beendete seinen Vortrag mit dem Satz (zit. n. 2):
Wenn Religiosität Naturgeschichte hat, dann können wir erwarten, daß Aufklärung und Wissenschaft sie niemals verdrängen können.
Mit dieser Aussage gehe ich vollkommen einig. Sie hätte gerne auch im Bericht des "Humanistischen Pressedienstes" enthalten sein können. Womöglich aber wollte man der teil-atheistischen Leserschaft so weitgehende Aussagen nicht zumuten. Allerdings kann man noch viel, viel weiter gehen und sagen:
Religiosität hat Naturgeschichte - und Aufklärung und Wissenschaft werden mit modernen, nicht-supranaturalistischen, nicht-okkulten Formen von Religiosität die Menschen und Völker der Nordhalbkugel wieder emotional und damit auch demographisch stabilisieren. Das ist die große Erwartung, die - etwa - in der bis heute sehr wissenschaftsnahen Philosophie von Mathilde Ludendorff enthalten ist, die moderne, philosophisch nachvollziehbare Sinnangebote für Menschen und Völker bereit hält, zumal für Völker in geschichtlichen Ausnahmesituationen
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  1. Brynja Adam-Radmanic: Ist Religion in ihrer emotionalen Funktion ersetzbar?  Tagung der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft. 9. Nov 2018, https://hpd.de/artikel/religion-ihrer-emotionalen-funktion-ersetzbar-16164 
  2. Ulrike Ackermann-Hajek: Bericht vom Tagesseminar der Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft am 27.10.2018 in Nürnberg, http://www.ludwig-feuerbach.de/denkmal.htm#n3

Dienstag, 15. Januar 2013

Kinderfreundlichkeit - das grundlegendste Prinzip der Evolution und der Geschichte

Abb. 1: Kindheit im Havelland, 1930er Jahre
Warum sind die traditionellen Gesellschaften die kinderfreundlichsten Gesellschaften auf dieser Erde? Wo immer man auch hinkommt zu traditionellen Völkern und Volksgruppen?

Nun, die Frage stellen, heißt eigentlich schon, sie beantworten. Traditionelle Gesellschaften sind Gesellschaften, die schon seit langen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden so leben, wie sie noch heute leben. Wie hätten sie wohl so lange überdauern können - ohne kinderfreundlich zu sein?

Warum also sind die traditionellen Gesellschaften die kinderfreundlichsten Gesellschaften auf dieser Erde? Die Antwort lautet: Weil die Begründer dieser Gesellschaften aus dem Innersten heraus kinderfreundlich waren. Und weil ihnen - bewußt oder unbewußt - bei der Durchstrukturierung ihrer Gesellschaft und ihres gesellschaftlichen und familiären Lebens nichts wichtiger war, als diese Kinderfreundlichkeit.

Ist es anders zu erklären? Daß in der traditionellen bäuerlichen Arbeitswelt die Arbeit und die gesellschaftlichen Strukturen sämtlich um die Tatsache herum strukturiert sind, daß Menschen Kinder haben? Und daß Kinder die bestmögliche Entfaltungsmöglichkeit haben?

Die Kinder etwa hätten sich an diese Lebensweise angepaßt und nicht etwa umgekehrt die Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder in vollstem Umfang berücksichtigt? Schon die Frage zu stellen, ist lächerlich. Natürlich letzteres. Kinder sind auf der ganzen Welt und in allen Gesellschaften ähnlich. Auch ihre Bedürfnisse.

Welches sind die wesentlichsten Bedürfnisse von Kindern? Um so jünger, um so mehr? 
1. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
2. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
3. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
Mindestens bis zum dritten Lebensjahr gilt das unumschränkt. Danach stufenweise - und individuell je nach Kind - weniger. Um so mehr ältere Geschwister, Verwandte und enge Freund der Familie da sind, um so leichter fällt dem Kind die Trennung von der primären Bezugsperson. 

Deshalb ist in traditionellen Gesellschaften das ganze gesellschaftliche Leben so durchstrukturiert, daß Eltern auch bei der Arbeit möglichst in der Nähe ihrer Kinder sind. Das simpelste Prinzip von der Welt. Nur nicht verständlich solchen Gesellschaften, die eh schon lange untergegangen sind, oder die gerade untergehen. Eben weil Kinderfreundlichkeit nicht das zentralste Prinzip ist, nach dem sie ihre Gesellschaft durchstrukturiert haben.

Kinderfreundlichkeit - ein Prinzip naturalistischen Denkens und des Evolutionären Humanismus

Und keineswegs ist es so, daß dieses Prinzip jemals in der Evolution, in der Humanevolution oder in der Weltgeschichte an Bedeutung verloren hätte. Im Gegenteil. Evolution ist eine ständige Steigerung und Ausdifferenzierung von kindlicher Hilflosigkeit und elterlicher Fürsorge (Adolf Portmann). Es ist eines der tiefsten Gestaltungsprinzipien der Evolution überhaupt. 

Schon die grundlegendsten Unterscheidungen im Tier- und Pflanzenreich machen darauf aufmerksam: Ursprünglichere Gymnospermen, Nacktsamer, schützen ihre Nachkommenschaft weniger als die fortgeschrittenen Angiospermen, Bedecktsamer. Letztere bedecken ihren Samen, umgeben ihn mit einer Schutzhülle. Die Schönheit aller Blütenpflanzen auf dieser Erde ist dem Prinzip Nachkommenfürsorge geschuldet. 

Abb. 2: Kindheit im Havelland, 1930er Jahre
Und im Tierreich ist es nicht anders. Ursprünglichere Amphibien und Reptilien kümmern sich weniger um ihre Nachkommenschaft als die Säugetiere. Und bei den Vögeln sind die Nesthocker, also jene Tierarten, die die hilflosesten Jungen zur Welt bringen und sich am meisten um sie kümmern, die intelligentesten Vögel (Adolf Portmann). Nicht die Nestflüchter. Bei den Säugetieren ist es nicht anders. Das extrauterine Frühjahr, das heißt die vollendete Hilflosigkeit bei der Geburt, ist eines der wesentlichsten Kennzeichen des Humanum. Die verlängerte Kindheit. Nicht die verkürzte.

Und damit auch die Ängstlichkeit des Kleinkindes, der große innere Streß bei der Trennung des Kleinkindes von primären Bezugspersonen.

Im Sinne einer krankhaften Ideologie - anders kann man es nicht nennen - fallen alle diese Erkenntnisse über die Gesetze der Evolution bei der Durchgestaltung unserer heutigen Gesellschaft völlig unter den Tisch.

Es wäre das ein "naturalistisches Denken". Menschen würden sich die Prinzipien ihres Lebens aus anderen Erkenntnissen ableiten als aus dem Weltbild eines kruden Atheismus oder einer kruden Gläubigkeit an Heilige Schriften. Und das geht ja nicht. Da schreit ja jeder rechtskonservative, Männerbünde und Mönchsorden liebende Vordenker im Innersten seines Herzens auf: Nein, so nicht! Wenn wir aus der Natur selbst die Prinzipien unseres Handelns ableiten und nicht aus Heiligen Schriften und den Beschlüssen von Kardinalskonzilien, dann landen wir im gottlosesten Heidentum. In der Ketzerei! Weg von alle dem! Die zivilisatorische Kraft des Christentums darf nicht beiseite gewischt werden!

Heilige Schriften wirken zwar heute, als sollte sich durch sie das Wort erfüllen: Viel Steine gab's und wenig Brot. Aber gerade das ist für die modernen Gesellschaften richtig. Es ist die "katechontische Größe", die wir brauchen. An diesem Gegenprinzip, an diesem geradezu satanischen Prinzip mögen sich moderne Gesellschaften "abarbeiten". Vielleicht ist es ja zu ihrem Heil? Sagt nicht Jesus Christus irgendwie so etwas?

Aha. Noch ein Einwand könnte kommen: Der Autor will also traditionelle Lebensformen verherrlichen und zu ihnen zurück kehren? Ja, Phantasielose könnten auf diesen Gedanken kommen. Mit Phantasielosigkeit haben Gesellschaften noch niemals Krisenzeiten überwunden.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Wissenschaft und Religion in einem neuen Kinofilm

"Das kreative Universum" von Rüdiger Sünner (2011)

Im Frühjahr 2011 kommt ein möglicherweise sehr bemerkenswerter neuer Film in die Kino's und in die Verkaufsregale: "Das kreative Universum" von Rüdiger Sünner (1, 2). Rüdiger Sünner hat sich 1998 in dem Film "Schwarze Sonne" mit den "Kultorten und der Esoterik" des Dritten Reiches beschäftigt (genauer: mit der "Entfesselung und (dem) Mißbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik") (Youtube). In einem Film von 2006, benannt "Geheimes Deutschland", hat er sich mit der "Spiritualität" der deutschen Frühromantik  beschäftigt, also unter anderem derjenigen von Friedrich Hölderlin (Youtube). In diesem seinem neuen Film nun macht er den Brückenschlag zu der "harten" Naturwissenschaft.

In ihm kommen viele Naturwissenschaftler zu Wort, die auch diesem Blog wichtig sind. Denn sie betreiben Kosmologie und Evolutionsforschung jenseits vom neodarwinischen und atheistischen Mainstream. (Wer weiß denn eigentlich, wie viel Rüdiger Sünner hier auf unseren Blogs "spickt"? Bei dieser Gelegenheit noch einmal eine Bitte an alle Leser, auch mal eine Rückmeldung zu geben, falls man von Beiträgen dieses Blogs profitieren kann.) Dies gilt vor allem für die von uns behandelten Forscher Simon Conway Morris und Joachim Bauer. (Auch Thomas Görnitz haben wir auf einer Tagung sehr positiv wahrgenommen, allerdings wollen uns seine Bücher nicht so recht überzeugend erscheinen. Hat denn zu dem Thema nicht der Lehrer von Thomas Görnitz, Werner Heisenberg, alles Wesentliche schon gesagt?) Hier der Anbeißer des Filmes. In ihm heißt es:
"Alle im Film interviewte Forscher lehnen kreationistische Konzepte als mit der Evolutionstheorie unvereinbar ab."
Dieses Zitat ist der springende Punkt. Damit bleibt der Kinofilm - soweit übersehbar - also im Rahmen der aktuellen Naturwissenschaft und setzt sich nicht wie so viele Monotheisten frisch-fröhlich über ihn hinweg. Ein Reinhard Lüke nennt als eine Frage des Filmes:
ob Begriffe wie „Freiheit“ und „Spiel“ notwendigerweise im Widerspruch zu den Naturwissenschaften stehen.
Alles Fragerichtungen, die denen dieses Blogs sehr nahestehen, die aber sonst auf deutschen Wissenschaftsblogs und in der deutschen Wissenschaftsberichterstattung herzlich selten erörtert werden. Auch der interviewte Stuart Kauffmann sagt - wie immer - sehr schätzenswerte Dinge zu diesen Themen.

Ein Kinofilm aus dem Umfeld der Anthroposophie

Rüdiger Sünner hat auch einen Film über Rudolf Steiner gedreht und steht offenbar wie viele Interviewpartner in dem Film der Anthroposophie nahe. Der Film kommt auch in einem anthroposophischen Verlag heraus. Daraufhin wird man sich natürlich alles noch einmal auch sehr genau und kritisch ansehen müssen. Unter Anthroposophen gibt es einerseits überzeugte Christen (etwa der anthroposophischen "Christengemeinschaft" angehörend). Aber die Mehrheit der Waldorf-Schüler sind schon seit vielen Jahrzehnten überdurchschnittlich kirchenfrei und glauben nicht an übernatürliche Kräfte und Wesen (3). Diese Haltung scheint nun auch dieser Film wiederzuspiegeln.

Der Begriff "Spiritualität" hebt auf eine Religiosität ab, der die innere Erfahrung, das innere Erleben das Wesentliche ist. Sie bedarf deshalb nicht des Glaubens an die Existenz von übernatürlichen Kräften und Wesen. Auch Vorzeige-Atheisten wie Richard Dawkins oder Karlheinz Deschner stehen einer solchen Weltanschauung zumindest nahe.

Einstweilen soll Claudia Knepper das letzte Wort über diesen Film behalten, sie schreibt unter anderem (2):
... In seinem Film kommen zahlreiche Biologen und Physiker zu Wort, die einen solchen Brückenschlag  (zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität) bereits vollziehen, sei es, dass sie der Anthroposophie nahe stehen (Bernd Rosslenbroich, Wolfgang Schad, Wolfram Schwenk, Johannes Wirz, Arthur Zajonc), die naturwissenschaftliche mit einer theologischen Existenz in ihrer Personen vereinen (George Coyne, John Polkinghorne) oder eigene kreative Wege in der Wissenschaft gehen (Rupert Sheldrake, Stuart Kauffman, Hans-Peter Dürr, Joachim Bauer, Thomas Görnitz, Stephan Harding, Simon Conway Morris). Gezielt hat Sünner nach wissenschaftlichen Vertretern gesucht, deren Forschungen "Raum für göttliche oder transzendente Kräfte lassen". (...)

Allerdings vermag es der Film, den Zuschauer ins Staunen über das Wunder der Natur zu versetzen. Dies wird nicht zuletzt durch die fast meditativ wirkende Ästhetik des Films unterstützt. Wissenschaft präsentiert sich hier weniger als nüchtern Berechnende, sondern als leidenschaftlich Fragende. Ausgehend vom erreichten enormen Wissensstand von Biologie und Physik bewegt sich der Film an den Rändern dessen, was wir bisher erklären können. War das Universum auf die Entstehung des Lebens hin angelegt? Strebte die Evolution auf die Entwicklung des Menschen zu? Woher kommen Ordnungsstrukturen? Wie ist der Überschuss an Schönheit und Vielfalt von Kosmos und Natur zu erklären? Mehrere befragte Wissenschaftler stimmen im Film darin überein, dass nicht die von den Wissenschaften gut untersuchte Materie das Entscheidende sei, sondern die Beziehungen zwischen den Teilchen, die bisher kaum verstandenen "Informationen" wie sich Materie ordnet, also etwas, das mit "Geist" bzw. etwas "Geistigem" vergleichbar sei.

Diese und andere Fragen folgen einer Leitthese, die sich Sünner für den Film zu eigen gemacht hat: Die "überwältigende Kreativität innerhalb der Evolution" sei das Bindeglied zwischen Naturwissenschaft und dem, was Sünner nicht Religion, sondern Spiritualität nennt. Am deutlichsten bringt der Biologe Stuart Kauffman diese Kreativität in die Nähe religiöser Verehrung: "Ich möchte die natürliche Kreativität Gott nennen, nicht Schöpfergott, nur Kreativität des Universums."

Der Film selbst sowie alle darin zu Wort kommenden Wissenschaftler sind bemüht, sich von den "unwissenschaftlichen" Entwürfen des Kreationismus und des Intelligent Design abzugrenzen. Deutlich hingegen ist Rüdiger Sünners Nähe zur Anthroposophie, der er bereits einen viel beachteten Film ("Abenteuer Anthroposophie") gewidmet hat. Aber auch von wissenschaftlicher Seite wird der Film zur Kenntnis genommen. Am 6. Dezember lud die Urania in Berlin zur Premiere ein.
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1. Sünner, Rüdiger: Das kreative Universum. DVD, 83 Min., 2011
2. Knepper, Claudia: Neu im Kino - Das kreative Universum. In: Newsletter der EZW. 12/2010
3. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Studium generale, 26.2.2008

Mittwoch, 28. April 2010

So scheint Evolution zu funktionieren

Aktuelle Wissenschaftsartikel zu Evolution und Humanevolution

Im folgenden eine Auswahl von im Netz frei zugänglichen, aktuellen Wissenschaftsartikeln (PLoS, vor allem PLos Genetics) der letzten Monate, die man sich einmal genauer ansehen könnte.

Abb.: Logo der Zeitschrift (Wiki)
Der erste schon klingt spannend und ergänzt möglicherweise vieles, was in dem - sicherlich sehr wichtigen - Buch von Joachim Bauer "Das kooperative Gen" das erste mal ausführlicher angesprochen worden ist:

The Eyes Have It: Regulatory and Structural Changes Both Underlie Cichlid Visual Pigment Diversity
Christopher M. Hofmann, Kelly E. O'Quin, N. Justin Marshall, Thomas W. Cronin, Ole Seehausen, Karen L. Carleton
Differential gene expression and coding sequence evolution play complementary roles in the adaptive diversification of cichlid sensory systems.
Klingt sehr spannend: So scheint Evolution zu funktionieren. Durch eine Kombination der Evolution von Genablesung und der Evolution der koderienden Sequenz. Und an welcher Organismengruppe sollte man das wohl besser erforschen können als an der "jüngstevoluierten" Buntbarsch-Vielfalt. Dazu der kommentierende Artikel:
Weitere Aufsätze zur Genomevolution, d. h. zu artspezifisch unterschiedlicher Genablesung nach Genomverdoppelungen bei sparsamer, unveränderter Beibehaltung von konservativen, gut bewährten Elementen des Genoms:


Increased Expression and Protein Divergence in Duplicate Genes Is Associated with Morphological Diversification
Kousuke Hanada, Takashi Kuromori, Fumiyoshi Myouga, Tetsuro Toyoda, Kazuo Shinozaki
Early Evolution of Conserved Regulatory Sequences Associated with Development in Vertebrates
Gayle K. McEwen, Debbie K. Goode, Hugo J. Parker, Adam Woolfe, Heather Callaway, Greg Elgar
Accelerated Evolution of the Prdm9 Speciation Gene across Diverse Metazoan Taxa
Peter L. Oliver, Leo Goodstadt, Joshua J. Bayes, Zoë Birtle, Kevin C. Roach, Nitin Phadnis, Scott A. Beatson, Gerton Lunter, Harmit S. Malik, Chris P. Ponting

Wir stammen von Ackerbauern ab

Anderes Thema: Wir stammen von Ackerbauern ab, in diesem neuen Artikel offenbar noch einmal bekräftigt, was man bisher schon wußte (vor allem durch ancient DNA-Untersuchungen wie auf Studium generale - Research Blogging berichtet):
A Predominantly Neolithic Origin for European Paternal Lineages
Patricia Balaresque, Georgina R. Bowden, Susan M. Adams, Ho-Yee Leung, Turi E. King, Zoë H. Rosser, Jane Goodwin, Jean-Paul Moisan, Christelle Richard, Ann Millward, Andrew G. Demaine, Guido Barbujani, Carlo Previderè, Ian J. Wilson, Chris Tyler-Smith, Mark A. Jobling
Most present-day European men inherited their Y chromosomes from the farmers who spread from the Near East 10,000 years ago, rather than from the hunter-gatherers of the Paleolithic.
Noch ein anderes Thema: Zufall oder Gesetzmäßigkeit im Geschichtsablauf (und in der Evolution?), eine endlose Debatte, aber immer wieder spannend, darüber nachzudenken:
Are we "historical accidents" of an undirected evolutionary history? In his recent book, Islands in the Cosmos, Dale Russell addresses this question, and Brian Swartz reviews his synthesis of this "cosmic" evolutionary debate.
Außerdem:
A Cost of Sexual Attractiveness to High-Fitness Females
Tristan A. F. Long, Alison Pischedda, Andrew D. Stewart, William R. Rice
Females are frequently harassed and harmed by males attempting to obtain matings. When these males are also "choosy" with their courtship, there may be negative consequences to the species' ability to adaptively evolve.

Dazu gehört wohl dieser kommentierende Artikel:
Over recent decades, new ideas have radically altered how we see sex and reproduction. The implications of these ideas are still being explored, yielding intriguing discoveries.

Und noch einige weitere Artikel auf den sich immer mehr miteinander vereinigenden Linien von Soziobiologie und Humangenetik:

Essay

In this essay, Michael Emerman and Harmit Malik suggest that the existence of ancient and extinct viruses (called Paleoviruses) can be inferred from their effects on the evolution of host genes.

Book Review/Science in the Media

Why We Conform
Julia Fischer
Are humans fundamentally helpful, or does coercion inevitably come with altruism? Julia Fischer examines this question in her review of Michael Tomasello's new book, Why We Cooperate.
Wieder einmal ausreichend Gedankenfutter in die Futterkrippe geschüttet! Man hört kein Muhen mehr, sondern nur noch tiefberfriedigtes Kauen und Wiederkauen, ab und an unterbrochen vom Rascheln und Klirren der Ketten ...

Sonntag, 29. November 2009

Sind Atheisten die Krone der Schöpfung?

Tobias Maier, dessen Wissenschaftsblog "Weitergen" man sonst als sehr schätzenswert empfinden kann, hat neuerdings einen recht flappsigen Artikel zu den Themen Gruppenselektion und Religionsdemographie geschrieben. (--> hier) Ulrich Berger hat dort in den Kommentaren schon vieles Richtigstellende gesagt. "Studium generale" hat dort als Kommentar geschrieben (dabei auch auf den Inhalt der jüngsten Beiträge von St.gen.-Research-Blogging Bezug nehmend):

Die ancient-DNA-Untersuchungen, die sich derzeit immer stärker ausweiten, zeigen auf, daß eine Fülle von früher sehr weit verbreiteten, großen menschlichen Populationen heute genetisch als weitgehend ausgestorben angesehen werden müssen.

Das gilt auch für Europa: Etwa die letzten Jäger und Sammler-Völker im Ostsee-Raum, etwa die ersten Ackerbauern in Mitteleuropa (die Bandkeramiker), offenbar auch der Stamm, dem der Ötzi angehörte - für die Etrusker ist dieser Umstand noch umstritten. Und auf dieser Linie könnte noch viel gesagt werden. (Etwa die Skythen in Nordsibirien, die Tocharer in der Taklamakan ...)

Weiterhin wissen wir, daß sich Populationen weltweit sehr deutlich in Häufigkeitsmustern unterscheiden was ihre Verhaltens- und Intelligenzgenetik betrifft.

All diese Daten - und eine Fülle weiterer - deuten darauf hin, daß mit neuer Lebensweise - beispielsweise Ackerbau - auch eine neue Genetik von Populationen herausselektiert wurde. Auch beim Menschen. Und zwar eine Genetik auf allen Ebenen menschlichen Seins: Ernährung, Krankheitsabwehr, Intelligenz, Sozialverhalten etc..

Jüngst wurde ja über ein humangenetisches Selektionsereignis berichtet, das nur 200 Jahre zurückliegt: eine Mutation, die auf Neuguinea das Überleben sichert, obwohl man Menschenfleisch aß (BSE etc.).

Und all diese Erkenntnisse sollten nun nichts mit der weltweit verbreiteten Neigung des Menschen zu tun haben, religiöse Vorstellungen aller Art zu entwickeln? Und mit der menschlichen Neigung, aufgrund von Religiosität kooperativer, altruistischer zu sein, als wenn man nicht religiös ist?

***

Tobias, ich habe schon abgeklärtere Blogbeiträge von Dir gelesen und bin von diesem hier doch etwas arg enttäuscht. Michael Blume als unwissenschaftlich hinzustellen, ist doch absurd. Er mag Daten anders interpretieren als Du. Aber das ist Teil von Wissenschaft. Daß Du dazu so flappsig und oberflächlich Stellung nimmst, zeigt meiner Meinung nur, daß Du Dich nicht ausreichend mit Verhaltensgenetik und mit "Evolutionary Religious Studies" und mit Religionsdemographie beschäftigt hast bisher. Niemand zwingt Dich dazu. Aber dann sei auch ein bischen zurückhaltender in den Urteilen.

***

Manche Erkenntnisse sind unbequem. In der Tat. Und manchmal sogar für Atheisten. Denn die Krone der Schöpfung sind sie nicht. (Wer wollte beurteilen, wer das ist?) Die Atheisten sagen, die ganze Welt, das Leben etc. ist - letztlich - eine Zufallserscheinung. Aber reiner Zufall ist etwas so langweiliges wie reine Determiniertheit. Erst das Wechselspiel von Zufall und Gesetzmäßigkeit, auch was Welt und Leben überhaupt betrifft (und Menschsein), machen dieselben so interessant und macht auch Wissenschaft nicht nur besonders interessant, sondern überhaupt erst in unserem Sinne möglich.

Genetische Selektionsprozesse präsentieren zu weit vorausgeeilten kulturellen Lernprozessen irgendwann die Rechnung

Und auf einen Einwurf von "Saper aude":

Sapere aude -

haben Sie denn das Buch von Blume und Rüdiger Vaas - letzter übrigens ein hervorragender Wissenschaftsjournalist und (soweit ich weiß) überzeugter Atheist - gelesen?

Nirgends behauptet irgend jemand, daß Atheisten grundsätzlich genetisch anders gepolt wären als Gläubige irgend einer Religion. Was für eine absurde These soll das denn sein? Glauben Sie wirklich, daß nach allem, was wir heute in der Anthropologie wissen, noch jemand einen so platten "genetischen Determinismus" vertritt, vertreten kann?

In der Humangenetik geht es heute immer nur um Häufigkeits-Verteilungen, um Wahrscheinlichkeiten, um Neigungen. Es gibt genetisch vorgegebene stärkere oder schwächere Neigungen, altruistisch zu sein, schneller denken zu können, ängstlich zu sein (Depressionen entwickeln zu können), ADHS zu entwickeln.

In der Anthropologie kommt es heute darauf an, die sehr diffizile, offenbar ziemlich "intelligente" Kombination zwischen Genen und Kultur, das sehr dehnbare, aber auch reißbare Band, das zwischen beiden besteht, nach und nach immer besser zu verstehen. Aber dieses Band ist keine Pleuelstange, wie Sie noch zu unterstellen bereit scheinen.

Auch ist die menschliche Psyche kein System von gegeneinander abgeschlossenen Kammern. Musikalität und Schönheitswahrnehmung spielen natürlich hinüber in Vorstellungsbereiche, in Ideologien, in die Art meines Philosophierens, in die Art der phantastischen Geschichten, die ich mir und anderen über meine Herkunft und die Herkunft der Welt erzähle. Und Vorstellungsbereiche spielen wiederum hinüber in die Art der Musikalität und dessen, was ich für schön und für häßlich erachte. Und auch in diesen Bereichen sind natürlich die kulturellen Lernprozesse schneller als die genetischen Selektionsprozesse.

Aber immer deutlicher erkennen wir, daß die genetischen Selektionsprozesse zu weit vorausgeeilten kulturellen Lernprozessen irgendwann "die Rechnung" präsentieren. Etwa durch gesellschaftsweite Aussterbeereignisse und durch das Herausselektieren von neuen, an die vorausgeeilten kulturellen Lernprozesse auch genetisch besser angepaßten Gründerpopulationen.

Freitag, 23. Oktober 2009

Asteroiden-Einschläge und Genomverdoppelungen

Eine aufregende Meldung geht durch die Wissenschaftspresse (Sp. d. Wiss.) hinsichtlich jenes Asteroiden-Einschlags, der für das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren verantwortlich gemacht wird. Bislang ging man von einem Asteroiden aus, der durch seinen Einschlag den heute noch bestehenden Chicxulub-Krater auf der Yukatan-Halbinsel in Mexiko hervorgerufen hat. Das wurde in den 1970er und 1980er Jahren erstmals entdeckt. Man kennt inzwischen auch viele andere Einschlagkrater von Asteroiden anderer Zeitstellungen mit ähnlichen katastrophalen Folgen wie der vor 65 Millionen Jahren, nämlich eklatanten Massenaussterbe-Ereignissen.

Nun aber hat man zusätzlich auch noch einen zweiten Einschlagkrater mit fast gleicher Zeitstellung - 65 Millionen Jahre vor heute - und von noch größerem Ausmaß als der in Mexiko entdeckt. Und wo? An der Westküste Indiens:
Sankar Chatterjee von der Texas Tech University in Lubbock und seine Kollegen machen nicht den Chicxulub-Einschlag vor Yukatan verantwortlich [1]. Sie denken vielmehr, dass ein noch größerer Komet, der etwas später Teile Indiens traf, der Auslöser des Dino-Sterbens war. Er schlug vor rund 65 Millionen Jahren vor der indischen Westküste ein und schuf einen Krater, dessen Durchmesser etwa 500 Kilometer beträgt - der wäre womöglich der größte der Erde (siehe Grafik).
Der Aufprall des im Durchmesser 40 Kilometer großen Geschosses hat womöglich die Seychellen von der Indischen Platte abgetrennt und den Vulkanismus auf dem Dekkan-Hochplateau angeregt. Dessen Ausbrüche gelten ebenfalls als möglicher Auslöser des Massensterbens, weil sie giftige Gase freisetzten und über die Asche und Schwefelpartikel womöglich einen vulkanischen Winter auslösten. Handfeste Belege für ihre Behauptung haben die Geologen jedoch noch nicht: Als Hinweise führen sie das unterseeische Bergmassiv Bombay High an, das im Zentrum des angeblichen Kraters liegt. An Land sollen steile Klippen und heiße Quellen auf den Impakt hinweisen, der die zuvor stabile Geologie des Subkontinents durcheinandergebracht hat. Gesteinsproben sollen nun endgültig Aufschluss bringen, ob Shiva den Dinosauriern den Tod brachte.

[1] Geological Society of America Annual Meeting, Portland (18.-21.10.2009): The significance of the contemporaneous Shiva impact structure and Deccan volcanism at the KT boundary.
Was für eine verrückte neue Erkenntnis. Als ob ein Asteoriden-Einschlag nicht hätte ausreichen sollen für das Aussterben der Dinosaurier und noch so allerhand anderes mehr. Was hat sich die Natur bloß dabei gedacht? Was für ein "Zorn", der sich da gegenüber dem ansonsten so "geschützen" Leben auf der Erde entlädt.

Axel Meyer und Joachim Bauer

Aber noch etwas anderes ist in diesem Zusammenhang spannend: Inzwischen nähert sich nämlich auch Evolutionsbiologe Axel Meyer, über den wir auf "St. gen." schon berichteten, den von Joachim Bauer vertretenen Thesen an, nämlich über die Bedeutung von Genom-Verdoppelungen in katastrophalen Aussterbe-Zeiten auf der Erde für die Weiter- und Höherentwicklung der Arten. Siehe sein zusammen mit zwei Koautoren verfaßter Aufsatz "The evolutionary significance of ancient genome duplications" in "Nature Reviews Genetics", Vol. 10, October 2009, S. 725ff. "Studium generale" behält sich vor, darauf noch einmal zurückzukommen, denn es wird mit solchen Neuerkenntnissen immer offenbarer, daß die klassische neodarwinische Theorie zur Erklärung des evolutionären Geschehens nicht ausreicht.

Sonntag, 29. März 2009

Konrad Lorenz im Gespräch mit Karl Raimund Popper

1983 diskutierten der 80-jährige Verhaltensforscher, Psychologe und Philosoph Konrad Lorenz und der 81-jährige Philosoph Karl Raimund Popper miteinander (Google Video). 

Zwei greise Herren. Auf den ersten Blick meint man: Zwei greise Herren nicht mehr ganz auf der Höhe ihrer geistigen Elastizität und Leistungskraft. Konrad Lorenz starb sechs Jahre nach diesem Gespräch, Karl Raimund Popper elf Jahre später.

Das Video darüber, das im Internet frei verfügbar ist, vermittelt immerhin einen persönlichen Eindruck und man sieht es sich deshalb mit einigem Interesse an.

- Einen Eindruck von dem jüngeren Konrad Lorenz und von jenem Konrad Lorenz, wie er auch von anderen Menschen häufig geschildert worden ist - und wie er sich in seinen eigenen Büchern wiederfindet -, erhält man derzeit in einem spanischen Video (Youtube), in dem er sich auf Englisch äußert. Ein dreiteiliges italienisches Video findet sich ebenfalls (Youtube 1, 2, 3), in dem er sich Deutsch äußert. -

Nein, aber man muß sich das obige Video - mindestens - zwei mal anschauen. Erst ab dem zweiten mal Anschauen wird einem möglicherweise die intellektuelle Brisanz der Gesprächsinhalte deutlich. Es geht um die Stellung des Menschen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es geht darum: Wie funktioniert Evolution überhaupt? Es geht um Evolution als erkenntnisgewinnender Prozeß. Es geht um die Freiheitsgrade und um die Zielstrebigkeit sowohl in der Evolution einzelner Arten wie im menschlichen Handeln: "Der Mensch ist" - wie jede biologische Art - ein "riskiertes Wesen."

Es geht darum, daß das menschliche Wertempfinden und das, was wir in der Evolution beobachten, in vielen Bereichen merkwürdige Überschneidungen aufweisen: "Das Leben sucht nach einer besseren Welt," sagt Raimund Popper. Das Leben sucht fremde Umwelten auf, so Popper's "Entfremdungs-Theorie", und bildet in Auseinandersetzung mit dem "Fremden" Neues, erkennt Neues. Es handelt sich um Gedanken aus dem Buch von Konrad Lorenz "Der Abbau des Menschlichen" und um Gedanken aus späten Büchern Popper's. Es geht auch um Induktion, um induktive Erkenntnis - sowohl auf individueller wie auf evolutiver Ebene.

Auf den zweiten Blick erkennt man: Es handelt sich um einen dichten und lebendigen Austausch zwischen Naturwissenschaft und Philosophie. Auf einem Niveau, wie man es nur selten erlebt.

Montag, 16. März 2009

"Die Menschwerdung begann mit dem Urknall" - Simon Conway Morris

Der britische Evolutionsbiologe und Paläontologe Simon Conway Morris hat einige seiner Thesen noch einmal sehr prononciert auf den Punkt gebracht in einem neuen Interview für SZ-Wissen mit Katrin Blawat:
Conway: (...) Dass sich die Menschen zu dem entwickeln würden, was sie heute sind, hat sich nicht erst vor ein paar 100.000 Jahren entschieden. Das war von Anfang an klar.

SZ-Wissen: Was meinen Sie mit Anfang?

Conway: Den Urknall.

SZ-Wissen: Seit der Entstehung des Universums soll festgestanden haben, dass es Sie und mich einmal geben würde?

Conway: Natürlich nicht uns beide als Individuen. (...) Aber ich behaupte, Lebewesen mit einem großen Gehirn, zwei fokussierfähigen Augen und aufrechtem Gang waren seit dem Urknall angelegt. Und auch, dass diese Lebewesen in einer kognitiven Welt ähnlich unserer heutigen leben würden.

SZ-Wissen: Wie kommen Sie zu dieser These?

Conway: Man muss das Schritt für Schritt entwickeln. Nachdem das Leben auf der Erde erst einmal entstanden ist, war die Anzahl der Möglichkeiten, wie es sich weiterentwickeln konnte, sehr begrenzt. In dem System gab es keine Toleranz. So entwickelten sich zwangsläufig irgendwann die ersten Einzeller. Und dann nach der gleichen Logik die ersten Vielzeller, die ersten Wirbeltiere, die Primaten und ganz am Ende wir Menschen.

SZ-Wissen: Aber warum war jeder dieser Schritte unausweichlich?

Conway: Die Evolution funktioniert wie eine Suchmaschine. Sie sucht nach Lösungen, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben, und verwendet sie immer wieder für verschiedene Lebensformen.
"Keine Toleranz"? Hm, hm! - Es ist sehr interessant, wie Conway Morris denkt aufgrund seiner Forschungen über konvergente Evolution. Man könnte die Schwerpunkte der Argumentation aber auch noch etwas anders setzen. Ich würde in etwa so argumentieren: Wenn es eine Tendenz in der Evolution gibt, Bewußsein, bewußtes, intelligentes Leben hervorzubringen (aufgrund welcher Ursachen auch immer), und wenn diese Tendenz über alle Zweige des Artenstammbaumes hinweg gleichzeitig wirksam ist, und wenn den jeweils entstandenen Arten je auf ihre Weise ihre eigene, individuelle Annäherung an dieses "Ziel" Bewußtsein gelingt, dann können eben ähnliche, konvergente Dinge dabei herauskommen.

Warum? Weil es sein könnte, daß Bewußtsein selbst nur aufgrund bestimmter komplexer Zusammenhänge möglich ist. Eines der wichtigsten Voraussetzungen für Bewußtsein ist Lernfähigkeit, Irrtumsfähigkeit. Dies setzt - offenbar - lange Kindheitsphasen voraus. Jedenfalls wissen wir: Um so länger die Kindheit bei Tierarten ist, um so intelligenter ist die jeweilige Tierart. Das sind die Nestflüchter, die primären und sekundären Nesthocker des Schweizer Biologen Adolf Portmann sowohl bei den Vögeln wie bei den Säugetieren. (Über Gymnospermen und Angiospermen wird da noch vergleichsweise selten geredet, was diese Dinge betrifft ...)

Und weil Kindheit und Nachkommenfürsorge Voraussetzung für intelligentes Leben ist, haben so viele Arten unabhängig voneinander über alle Zweige des Artenstammbaumes hinweg die verschiedensten Formen von Nachkommenfürsorge evoluiert, natürlich ohne in jedem Fall auch jene Formen von komplexem Bewußtsein hervorzubringen wie der Mensch. Aber es könnte tatsächlich so sein, daß hier jede Art eine "Melodie" spielt, die zu anderen "Melodien" in der Evolution paßt, und auf die der Mensch selbst dann auch jeweils "reagiert". - Weil auch für ihn - zum Beispiel - Nachkommenfürsorge ein unwahrscheinlich zentraler, lebensbestimmender Lebensinhalt ist (oder sein kann).

Doch hören wir weiter Simon Conway Morris zu:
SZ-Wissen: Ein Beispiel, bitte.

Conway: Unterirdisch lebende Säugetiere wie der Maulwurf und der australische Beutelmull müssen mit einer großen Menge Kohlendioxid in ihrer Umgebung zurechtkommen. Das Gas ist in den unterirdischen Gängen so stark konzentriert, dass die meisten Säugetiere Probleme bekommen würden. Der Beutelmull ist, wie sein Name sagt, ein Beuteltier, und der Maulwurf ein Säugetier. Wir können also sagen, sie sind nicht miteinander verwandt. Trotzdem überleben beide dank sehr spezieller und komplizierter Anpassungen der biochemischen Vorgänge an die hohe Kohlendioxidkonzentration. Daran sieht man: In einer sehr komplexen Umwelt entwickeln sich sehr komplexe Strukturen. (...)

Ein [anderes] Beispiel sind Pflanzen, die in der Wüste wachsen. Es gibt zwei große Familien: Kakteen und Wolfsmilchgewächse. Sie sind nur sehr entfernt miteinander verwandt …

SZ-Wissen: … und sehen sich so ähnlich, dass nur botanisch gebildete Menschen die Unterschiede erkennen.

Conway: Genau darum geht es. Diesen Mechanismus nennen wir Konvergenz. Beide Pflanzenfamilien haben fleischige und oft etwas eingerollte Blätter, einen milchigen Saft und Stacheln. Auf diese Merkmale hat die Evolution in der trockenen, heißen Umgebung mehrfach zurückgegriffen, weil sie sich als die beste Lösung bewährt haben. Dieses Prinzip findet man selbst auf der Ebene einzelner Moleküle. Das macht die Evolution zu einer vorhersagbaren Wissenschaft.

SZ-Wissen: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich", hat Mark Twain gesagt. Verhält es sich mit der Evolution ähnlich?

Conway: Das ist ein schöner Satz, und er stimmt. In der Evolution gibt es einen Rhythmus, eine Art Refrain. Die Natur kann ihn leicht verändern und an den unterschiedlichsten Stellen in einem Lied einbauen. Aber der Zuhörer wird das Grundmuster immer wieder erkennen, ganz egal, ob ein Mensch, eine Krake oder ein anderes Wesen dieses Lied singt. (...)

Mit Außerirdischen verhält es sich wahrscheinlich ähnlich wie mit den ersten Europäern, die in den Tropen eine riesige Artenvielfalt entdeckten. Lauter bizarre Kreaturen schienen das zu sein, ganz anders als im Rest der Welt, so dachte man jedenfalls damals. Aber man muss unter die Oberfläche gucken, dann findet man die Ähnlichkeiten zuhauf.

SZ-Wissen: Können Sie ein Beispiel nennen?

Conway: Mein Lieblingsbeispiel ist der Arm. Wenn man sich das lange, biegsame Tentakel einer Krake genau anschaut, sieht man, dass es genau wie unser Arm ein Handgelenk, ein Ellbogen- und ein Schultergelenk besitzt. Wenn das Tentakel einer Krake und der menschliche Arm im Prinzip gleich gebaut sind, könnte es doch sein, dass dieses Arrangement die optimale Lösung für jede Art von Arm ist.

Warum sollte es dann bei Außerirdischen anders sein?
Conway Morris sagt hier nichts wesentlich Neues, was er nicht schon seit Jahren sagen würde. Aber es ist auch gut, die erstaunlichen Zusammenhänge, die sich hier andeuten, immer wieder auf sich wirken zu lassen. Es kommt bei Conway Morris immer ein wenig zu kurz die Tatsache, wie viel Neues, Unvorhergesehenes die Evolution hervorgebracht hat, wie wenig zumindest der Mensch solche Dinge vorhersehen würde, wie wenig er sich solche Dinge ausdenken würde, wenn er es könnte, bzw. wenn er es wirklich tut (z.B. bei Fabelwesen).

Die Phantasie der Evolution scheint da weitgehend unbegrenzt - und somit auch ihre Möglichkeiten. Wenn dann trotzdem auch Bahnungen und Tendenzen beobachtet werden, muß das nicht heißen (wie offenbar Conway Morris meint), daß die Evolution es nicht grundsätzlich auch anders "könnte", sondern es könnte eben auch heißen, daß die angelegten Tendenzen in der Evolution (in der Weltall-Entwicklung) eben auf etwas anderes hinausliefen, und daß diese darum eben verschiedene Möglichkeiten schlicht "links liegen" ließen.

Nachkommenfürsorge war der Evolution offenbar wichtig. Ebenso geschlechtliche Fortpflanzung. Bei all solchen Dingen hätte sie ja jeweils auch anders weiter machen könnten. Um so komplexer Leben wird, um so mehr scheint ja Evolution auch auf Möglichkeiten zu verzichten, worauf wir schon einmal hinwiesen im Zusammenhang mit der männlichen Brutfürsorge bei Dinosauriern, als wir fragten, "warum die Straße der genutzten Möglichkeiten in der Evolution immer schmaler" wird. (Stud. gen.)

Dienstag, 3. März 2009

Der Panzerfisch und wir

Zur Evolution der Brutpflege, bzw. Nachkommen-Fürsorge

Panzerfische lebten vor 400 Millionen Jahren. Sie sind heute ausgestorben und sie gelten als primitve Fische. Und dennoch ist jüngst nachgewiesen worden, daß sie ihre Eier nicht wie die meisten Fische irgendwo ablegen und äußerlich befruchten, sondern daß sie ihre Nachkommen in Schwangerschaften austragen und lebend gebären und dafür zuvor zunächst die Eier innerlich befruchten. (Handelsblatt, pdf., bdw, Nature-Video, Spektr. d. W., Welt, Nature, Nature Komm.)

Die Fossilien des Panzerfisches sind mindestens 200 Millionen Jahre älter als alle bislang bekannten Funde von schwangeren Wirbeltieren. (...) Das etwa 25 Zentimeter große Skelett stammt aus der Zeit des Devons, das vor rund 416 Millionen Jahren begann und vor etwa 360 Millionen Jahren endete. Aufgrund der umgebenden Gesteinsschichten schätzen die Wissenschaftler das Alter des Panzerfischskeletts auf 375 bis 380 Millionen Jahre.

Es handelt sich also um einen neuen Beleg für konvergente Evolution, diesmal der Eigenschaft "Lebendgebären". Überhaupt ist die Evolution der Brutpflege und Brutfürsorge im weiteren Sinne einer der zentralsten "Trends" in der Evolution. Man denke nur an die Unterscheidung zwischen Nacktsamern (Gymnospermen) und Bedecktsamern (Angiospermen), die zu den wichtigsten Unterscheidungen im Pflanzenreich gehört. Auch diese Unterscheidung bezieht sich - letztlich - auf die bei den Angiospermen noch einmal erhöhte Fürsorge der Elternpflanze für die eigene Nachkommenschaft. Eine Antwort auf die Frage, warum die Evolution überhaupt solche Fürsorge evoluiert hat - und zwar immer differenzierter, um so intelligenter die Lebewesen werden - hat der Darwinismus auch noch nicht sehr zentral in seine Deutungen der Evolution hineingestellt.

Auch bei der Evolution von Brutfürsorge spielt ja offensichtlich das Konzept Kooperation eine mindestens ähnlich große Rolle wie das Konzept Konkurrenz. Joachim Bauer liegt ganz richtig, wenn er seine Finger auf diese Wunde legt. Auch wir Menschen bauen derzeit differenzierte, individuelle Nachkommen-Fürsorge durch die eigenen Eltern eher ab, als daß wir sie weiterentwickeln, und zwar, um der persönlichen, beruflichen Selbstverwirklichung erwachsener Menschen willen.

Natürlich bestehen Zusammenhänge zwischen der Art, wie ich über Evolution denke und deute und der Art wie ich mein eigenes Leben als Einzelmensch und als Gesellschaft gestalte. - Und nicht zuletzt deshalb kann die Frage danach, warum es Traubenhyazinthen gibt (siehe voriger Beitrag) eine so tief das menschliche Leben erschütternde und aus dem Gleichgewicht bringende sein. (- Natürlich nur für jene Idioten, die sich diese Frage ernsthaft stellen, und die sich nicht mit Floskeln wie der Floskel "Gott" gleich wieder einschläfern lassen.)

Montag, 2. März 2009

Die Traubenhyazinthe

Ein kritischer Beitrag zum 200. Geburtstag von Charles Darwin

Leicht gerät einem eine Blume ins Blickfeld, beim Frühstück oder anderwärts - wenn man mit Blumenliebhabern zusammen lebt. Und es kann geschehen, daß man ihr richtig gehend beim Wachsen zusehen kann, ja: muß - denn man kann ja nicht dauernd vorbei sehen. Wenn man nun aber parallel dazu Bücher über das Problem der Artbildung liest, kann man schon so in die eine oder andere Überlegung hineingeraten.

Man sieht also, wie aus gerade erst gekauften, ganz unauffällig dastehenden Knollen und grünen Büscheln sich nach und nach erst ebenfalls nur angedeutete, dann aber immer auffälligere Blütenstände herausschieben. Und um so mehr man da zusieht, um so intensiver kann sich einem die Frage stellen: Warum gibt es Hyazinthen? Warum gibt es Traubenhyazinthen?

Sieht ja irgendwie "schnuckelig" aus mit diesen kleinen Blütchen, die sich gemeinsam zu einem Hütchen zusammen stellen. Und sich nacheinander, wohl geordnet auseinander schieben, größer werden. (- "Bauernbübchen" wird diese Blume auch in Teilen Süddeutschlands genannt wie man bei Wikipedia erfährt.)

Und dann versucht man, das gerade erst neu angelesene Wissen über die Mechanismen der Evolution und der Artbildung (z.B. Stud. gen.) in Beziehung zu setzen zu dieser "banalen", "alltäglichen", "trivialen" Frühstückstisch-Beobachtung. Doch, gelinde gesagt, fällt einem das schwer.

Warum gibt es Traubenhyazinthen?

All diese Bücher über Evolution können einem gar nicht erklären, warum es Traubenhyazinthen gibt. Warum es Traubenhyazinthen geben muß. Was können sie eigentlich erklären? Sie können ein paar "äußerliche" Mechanismen beschreiben, denen eine Traubenhyazinthe, auch eine Traubenhyazinthe, "gehorchen" muß, was sie sowieso - offensichtlich - gerne tut und ohne viel Wenn und Aber. Was sie also tun muß, wenn sie am Leben bleiben will und wenn ihre Nachkommen auch noch in einigen tausend oder zehntausend Jahren auf dieser Erde ihre Blüten vom Wind leicht bewegen lassen sollen. - Aber sonst?

Und dem "philosophischen Kopf" steigt beim Anblick der Traubenhyazinthe noch ein viel frevelhafterer Gedanke in den Kopf: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Wenn ich nicht erklären kann, warum es eine Traubenhyazinthe gibt, geben muß, wie kann ich dann auch nur von irgendeiner Erscheinung in diesem Weltall behaupten, ich wüßte, warum es diese gibt, warum es diese geben müsse? (Und noch eine Seitenfrage: Warum kommt einem diese Frage "frevelhaft" vor? Weil Antworten auf eine solche Frage so viele Selbstverständnisse im eigenen Leben und im Leben der Mitmenschen "infrage" stellen könnten? ...)

200 Jahre vor Charles Darwin

Nicht, daß man sich durch solche Fragen wirklich vom warmen, knusprigen Frühstücksbrötchen ablenken lassen wollte. Manche Fragen aber halten sich ab einem bestimmten Punkt hartnäckiger als andere. Weil man vielleicht auch so den einen oder anderen Anspruch hat: Will ich Wahrheiten wissen oder mich mit vorschnellen Antworten befriedigen, zufrieden stellen?

Was kann Naturwissenschaft eigentlich erklären, selbst heute noch? Und was kann sie weniger erklären? Vielleicht kommt einem ja der eine oder anderer Dichter in den Sinn, der es vielleicht schon besser wußte als Charles Darwin, etwa dieses:

Die Rose ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Worte von Angelus Silesius (1624-1677) (Wiki), geboren und gestorben in Breslau 200 Jahre vor Charles Darwin ... Auch noch viele andere schöne Vierzeiler hat er gedichtet, etwa dieses:

Freund, so du etwas bist,
so bleib nur ja nicht stehn,
man muß von einem Licht
fort ins andre gehn.

Und Friedrich Schiller kommt einem in den Sinn, gestorben vier Jahre vor Darwin's Geburt:

Das Höchste
Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ists!

Ein ganz anderer Ansatz in Zeiten, in denen immer gedankenloser die Antworten von Charles Darwin als die letzten Antworten überhaupt auf alle Fragen des Lebens und der Evolution, auch des Menschen angesehen werden. 

Samstag, 28. Februar 2009

Die Taktgeber der Evolution sind nicht Punktmutationen

Das neue Buch von Joachim Bauer

Es ist nicht ohne Reiz zu beobachten, wie sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse ausbreiten. "Studium generale" verfolgt schon seit Jahren mit besonderer Vorliebe alles, was sich an seriöser Wissenschaft jenseits des neodarwinischen Mainstreams bewegt oder im Widerspruch zu ihm. Als wichtigsten Forscher hat es da in den letzten Jahren Simon Conway Morris gegeben, dem auch ein Richard Dawkins seinen Respekt nicht verweigert hat. Und "Studium generale" befaßte sich gründlich mit ihm.

Aber seit kurzem gibt es da noch einen anderen. Sein Name lautet Joachim Bauer. Sein neues Buch "Das kooperative Gen" ist schon viele Monate auf dem Markt. Aber warum hat "Studium generale" nicht schon längst einmal einen Blick in dieses Buch geworfen?

In bislang gelesenen Rezensionen wurde Joachim Bauer immer so dargestellt, als handele es sich um einen - mit mehr oder weniger Wohlwollen und nachsichtigem Lächeln zur Kenntnis genommenen - "Hobby-Forscher". Einer, der halt auch einmal an der einen oder anderen Stelle von einer wichtigen Neueinsicht zu berichten und sie populärwissenschaftlich aufzubereiten weiß.

Joachim Bauer ist ernst zu nehmen, sogar sehr, sehr ernst

Aber nein, Joachim Bauer ist doch kein Hobby-Forscher. Das, was er in "Das kooperative Gen" ausführt, ist - ähnlich wie bei Simon Conway Morris - unglaublich dicht am Forschungsstand der wenigen letzten zehn Jahre entlang geführt. Das kann nur jemand, der tief in der Materie drinsteckt und sich in sie hineingewühlt hat, der wirklich gründlich und umfassend gearbeitet hat. Welch eine Fülle von Neuerkenntnissen referiert Bauer nur schon auf 200 recht groß gedruckten Seiten.

Auf zwölf Seiten kleiner gedrucktem Literaturverzeichnis wird kaum Literatur zitiert, die älter ist als zehn Jahre. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Joachim Bauer habilitierte sich im Jahr 1990 bei Wolfgang Gerok in Freiburg (siehe Bild links, geb. 1926), mit dem er auch zahlreiche Forschungsarbeiten gemeinsam veröffentlichte. 1992 hörte der Autor dieser Zeilen einen sehr guten Vortrag von Gerok über die "Biologischen und medizinischen Aspekte des Alterns". In Deutschland gibt es nur wenige Alternsforscher. Gerok ist einer von ihnen. Vielleicht darf man deshalb von Joachim Bauer früher oder später auch noch einen weiteren Bestseller zur Alternsforschung erwarten, die man ja nach dem Haeckel'schen Grundgesetz (Ontogenese spiegelt Phylogenese) in enge Beziehung auch zum Thema seines derzeit aktuellen Buches stellen könnte, und zu dem es auch in früheren Bauer-Büchern schon Vorbereitendes gibt. (Gerok ist auch Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der früheren berühmten Preußischen Akademie der Wissenschaften.)

Es ist einfach ein Fehler, wenn das Buch von Bauer vornehmlich unter "ideologischen" Gesichtspunkten gelesen wird, statt zunächst einmal einfach die Wissenschaft nachzuvollziehen, die es hier nachzuvollziehen gibt. Und dazu muß man sich natürlich auch die von Bauer zitierte Literatur anschauen. Was denn wohl sonst? Aber hier erfährt Bauer offenbar das gleiche Schicksal wie Conway Morris. Beide fassen im Grunde nur wissenschaftliche Fachdiskussionen zusammen, die es in diversen wissenschaftlichen Bereichen sowieso schon seit Jahren gibt, nur nicht populärwissenschaftlich zusammen gefaßt. Aber wehe, es kommt einmal jemand, wie eben Conway Morris oder Bauer, der sie populärwissenschaftlich und mehr oder weniger "paradigmatisch" zusammen faßt.

Natürlich werfen neue Forschungen neue Aspekte auf. Wo hätte es jemals Stillstand gegeben in der naturwissenschaftlichen Forschung der letzten Jahrhunderte? Aber die Gralshüter atheistischer Evolutionsdeutungen und des dogmatischen Neodarwinismus - ja, allmählich könnte es doch richtig werden, solche "Kampfbegriffe" zu benutzen - solche Gralshüter glauben mitunter, es brauche sich zukünftig an ihrer Weltsicht nichts mehr zu ändern. Es wäre alles schon erforscht und geklärt.

Nichts ist abwegiger und absurder.

Kleine, vorläufige Inhaltsangabe

Wovon ist die Rede? Daß Evolution nach allen neueren Einsichten nicht allein oder vornehmlich im zufälligen, passiven, sich quälend dahinschleppenden Punktmutation-Selektion-Rhythmus verläuft, wie es Darwin noch versuchte zu beschreiben (in einer malthusianisch "vollen Welt"), sondern daß die "Taktgeber" der Evolution höchstwahrscheinlich ganz andere Dinge sind also bloße Zufallsmutationen. Aussterbe-Ereignisse, Streß-Ereignisse riesigen Ausmaßes im Rhythmus von vielen Millionen Jahren und die Art der derzeit immer besser (durch Genomvergleiche verschiedenster Arten) erforschten und erforschbaren Reaktionen des Genoms der Organismen auf diese Streß-Ereignisse. Sowie dann neue Artbildungen in sprichwörtlich leere Räume hinein.

Reaktionen auf Streßereignisse sind zum Beispiel großräumige Umgruppierungen im Genom, durch Genverdoppelungen und -vervielfachungen, durch Neuablesen von Genomen. Und all das bei gleichzeitigem "Hochkonservierten-in-Vorrat-Halten" von Genomabschnitten, die - etwa - basale zellphysiologische Mechanismen kontrollieren.

Soweit zunächst einmal nur als vorläufige Kurzfassung. Es könnte vom Leser durchaus auch eine größere innere Elastizität erfordert sein, um sich darüber klar zu werden, was es mit diesen neuen Taktgebern der Evolution eigentlich auf sich haben könnte und wie sich durch sie unser gegenwärtiges und künftiges Welt- und Menschenbild ändern könnte. (Siehe dazu auch übernächster Beitrag.)

Nachbemerkungen: Hier noch eine Sendung des Deutschlandsradios über das Buch. Ein viel zu oberflächlicher, absprechender Kommentar von Axel Meyer zu Joachim Bauer (hier als pdf.) findet sich im "Handelsblatt", auf den Bauer geantwortet hat. Übrigens diskutieren darüber auch einige Peter Mersch-Fan's auf dem Bright's-Blog. Joachim Bauer wird in der Wissenschaftsblog-Szene durchaus rezipiert. - Bauer diskutierte mit einem Mitarbeiter des "Labourjournals" ---> hier.

Sonntag, 22. Februar 2009

Mensch und Evolution auf "3Sat"

Die Wissenschafts-Sendungen auf 3Sat gewähren so manchen sachlichen Einblick in gegenwärtige Entwicklungen in der Wissenschaft und geben einen persönlichen Eindruck von den beteiligten Wissenschaftlern.

Der Kasseler Biologe Ulrich Kutschera erklärt Evolutions-Kritikern die Evolution. (16.1.09) ---> 3sat. Die Zürcher Verhaltensbiologin und Soziobiologin Barbara Koenig zeigt auf, daß Mäusemütter, die miteinander kooperieren, weniger unter Streß leiden. ---> 3sat. Der Züricher Primatologe Carel van Schaik glaubt, daß kooperative Jungenaufzucht bei Primaten den entscheidenen Antrieb zur Evolution des menschlichen Großhirns darstellte. Ähnlichkeiten zu den Social Brain-Hypothesen von Robin Dunbar sind unübersehbar. Doch scheint Dunbar verallgemeinerungsfähiger zu argumentieren. (13.1.09) ---> 3sat.

Der Freiburger Neurologe Joachim Bauer zeigt, daß die Genome von Organismen nicht nur passiv Mutationen hinnehmen, sondern daß die Wechselwirkung der Genome mit allen Teilen des sie bergenden Organismus (mit dem Ablese-Apparat, mit den wirkenden Proteinen) und mit der Umwelt des Organismus viel komplexer sind als traditionell vom Neodarwinismus angenommen worden war. (12.2.09) ---> 3sat.

Der Bochumer Psychiater Martin Brüne referiert neue Forschungen und Annahmen aus der Evolutionären Medizin, wonach es Psychosen erst geben kann, seit es auch Menschen gibt, weil bestimmte kognitive Fähigkeiten vorhanden sein müssen, um überhaupt psychotische Symptome entwickeln zu können: "Ohne die Evolution der Sprache kann man keine Stimmen hören. Wahngedanken sind nur möglich, wenn man sich in andere Personen hineinversetzen kann. Letzteres haben Affen, einschließlich der Menschenaffen, doch offensichtlich nur sehr rudimentär." Auch Schizophrenie ist auf dieser Linie des Denkens eine Nebenwirkung der menschlichen Kreativität. (12.2.09) ---> 3sat.

Freitag, 20. Februar 2009

8 Millionen Jahre alte "Spielwiese" der Evolution entdeckt

- im Genom von Menschenaffen und Menschen

Als Susumo Ohno (1928 - 2000) (siehe Bild links) 1970 sein wichtiges Buch "Evolution by Gene Duplication" veröffentlicht hatte, dauerte es noch viele Jahre, bis seine innovativen Gedanken zum Allgemeinwissen der Evolutionsforscher wurden. Noch heute ist sein gut lesbares, gedanklich leicht nachvollziehbares Buch wohl vielen Evolutionsforschern nicht oder nicht ausreichend bekannt.

Der japanische Genetiker Ohno zeigte auf, daß bei vielen großen Übergängen der Evolution, etwa beim Übergang vom Wasser auf das Land, sich in den Genomen der diese Übergänge vollziehenden Tiere in großem Umfang Gen-Verdopplungen ansammelten, die sich zum Teil bis heute erhalten haben. Man kann vermuten, daß diese sinnvoll waren, weil dadurch die Evolution eine "Spielwiese" erhielt. Während die Organismen die alten Gen-Sequenzen zur Aufrechterhaltung der täglichen Lebensnotwendigkeiten benutzen konnten, konnten sie auf den verdoppelten Gen-Abschnitten mit neuen Möglichkeiten der Anpassung an die Umwelt experimentieren.

Nun macht überraschenderweise eine jüngst erschienene "Nature"-Studie auf die Bedeutung der Gen-Verdopplung auch in der Evolution der Menschenaffen und des Menschen aufmerksam. Im Handelsblatt werden die Autoren derselben mit den Worten zitiert:
„Unsere neue Studie zeigt große Unterschiede im Erbgut von Menschen und großen Affen innerhalb der verdoppelten Abschnitte, die schnell veränderliche Gene enthalten. Die meisten dieser Unterschiede entstanden zu einer Zeit kurz vor der Artbildung von Schimpanse, Gorilla und Mensch“, sagen Tomas Marques-Bonet und Jeffrey Kidd von der Universität von Washington. (...)

Genduplikation kann zu schweren Defekten führen, ist aber auch ein wesentlicher Mechanismus der Evolution. Durch Mutationen der Gen-Kopie können auch neue Gene mit zusätzlichen Funktionen entstehen. Den Forschern ist noch unklar,warum die Vorfahren von Mensch, Schimpanse und Gorilla derart viele Gen-Duplikationen durchmachten. „Wir kennen auch noch nicht die Funktionen der meisten betroffenen Gene“, sagt Kidd.
Und Die Presse schreibt richtig, Genverdopplungen
kommen auch sonst in der Entwicklung der Arten vor. Wo immer sie auftreten, wirken sie innovationsfördernd. Der Grund dafür: Nach einer Verdopplung sind von den betroffenen Genen jeweils (mindestens) zwei Ausgaben im Genom. Wenn eine davon eine Mutation durchmacht, ist noch immer die andere Ausgabe da – und sorgt dafür, dass die lebensnotwendigen Aufgaben des Gens erfüllt werden. Das heißt: Die Mutation wird nicht gefährlich. So kann sozusagen gefahrlos getestet werden, ob das mutierte Gen nicht doch für etwas gut ist: Wenn ja, dann kann es sich in den nächsten Generationen weiterentwickeln, bis es vielleicht ganz neue Aufgaben übernommen hat.
Ob all diese erstmals von Susumo Ohno genannten Gedanken noch mit dem traditionellen Bild der Evolution durch (Punkt-)Mutation und Selektion des Neodarwinismus vereinbar ist, diese Fragen haben sich viele Evolutionsforscher bis heute noch nicht ausreichend gestellt. Die neue Studie gibt dazu erneut Veranlassung. Auf Scinexx wird berichtet:
„Es ist noch unklar warum, aber der gemeinsame Vorfahre hatte eine ungewöhnlich hohe Kopieraktivität“, erklärt Jeffrey Kidd, Genetiker an der Universität von Washington und einer der Leiter der Studie.
Und der Wissenschaftsblog Science-meets-Society schreibt gut informiert (Hervorhebung nicht im Original):
Manche dieser Duplikationen betrugen 20.000 Basenpaare und mehr, und wurden wohl auch deshalb bei früheren Untersuchungen nicht bemerkt. Manche dieser duplizierten oder sogar triplizierten oder Quadruplizierten Einheiten enthielten ganze oder sogar mehrere Gene, was zu einer Erhöhung der Expressionsaktivität führen kann. Ausserdem kann eine unvollständige Duplikation die Funktion des betroffenen Gens verändern und die Duplikation einer Kontrolleinheit ebenfalls die Aktivität. Es könnte also sein, das das Menschsein nicht von mutationsbedingten Veränderungen einzelner Buchstaben des DNA-Codes abhängt, sondern vielmehr auf strukturellen Veränderungen basiert. Diese Duplikationen ermöglichen eine hohe Plastizität in der Anpassung an veränderte Lebensräume und Bedingungen.(...)
Zwanzig Prozent der gefundenen Duplikationen waren speziell auf den Menschen begrenzt und die meisten darin enthaltenen genetischen Informationen gehörten zu Proteinen unbekannter Funktion. Es gibt also noch viel zu tun!
Und wie heißt es in der Zusammenfassung des Originalartikels (Nature)?:
We find that the ancestral branch leading to human and African great apes shows the most significant increase in duplication activity both in terms of base pairs and in terms of events. (...) We discover striking examples of recurrent and independent gene-containing duplications within the gorilla and chimpanzee that are absent in the human lineage. Our results suggest that the evolutionary properties of copy-number mutation differ significantly from other forms of genetic mutation and, in contrast to the hominid slowdown of single-base-pair mutations, there has been a genomic burst of duplication activity at this period during human evolution.
(Rechts Tomas Marques-Bonet, der Erstautor der Studie.) Diese neu entdeckte "Spielwiese der Evolution" sollte auch die Gedanken der Genetiker und Evolutionsforscher wieder mehr dazu anreizen, ihre Phantasie spielen zu lassen: Durch An- und Abschalten von Genen vollzieht sich Evolution ... Und dadurch vor allem wird Neues entstanden sein in der Evolution.

Dienstag, 17. Februar 2009

Das Geheimnis der Artbildung

- Und wie es derzeit am Wissenschaftskolleg Berlin erforscht wird

Das Wissenschaftskolleg Berlin besteht seit Anfang der 1980er Jahre und holt Wissenschaftler aus aller Welt für ein Jahr nach Berlin, auf daß sie dort fern vom akademischen Alltag und in interdisziplinärem Austausch mit vielen Kollegen sich auf Grundlagen und weitere Zielausrichtung ihrer eigenen weiteren Forschungen besinnen können.

Es gibt dort einen geisteswissenschaftlichen und einen naturwissenschaftlichen Strang. Über die derzeitige inhaltliche Ausrichtung des naturwissenschaftlichen schrieb Rüdiger Wehner 2006 unter dem Titel "Life Sciences am Wissenschaftskolleg" unter anderem:
Im Zentrum des Interesses stehen jetzt Genomik und Proteomik (...). Schon seit Beginn der 1990er Jahren werden jedes Jahr ein bis zwei Schwerpunktgruppen zum Themenfeld "Theoretische Biologie" eingeladen.
Inhaltliche Schwerpunkte waren in den letzten Jahren - nur als Beispiele: Evolutionäre Medizin (Randolph Nesse) (2007/08), Konfliktlösung in biologischen Systemen (Francis Ratnieks) (2004/05), Gesellschaftliche Normen und ökonomisches Verhalten (Ernst Fehr) (2001/02), Demographie und die Evolution der Eusozialität (Raghavendra Gadagkar) (2000/01) (- bei letzterem Thema ist gemeint: bei Insekten).

Dieses Jahr lautet der sicherlich spannendste Schwerpunkt "Sympatrische Artbildung: theoretische Modelle und empirische Daten" unter Federführung des Buntbarsch-Spezialisten Axel Meyer (geb. 1960). In diesem Schwerpunkt werfen Wissenschaftler einen zum Teil sehr tiefen Blick in die möglichen Mechanismen der Artbildung, die in vielerlei Hinsicht noch längst nicht geklärt sind und zum Teil sehr widersprüchliche Fragen aufwerfen und aus sehr unterschiedlichen fachlichen Ansätzen heraus beantwortet werden können.

Unterschiedliche Lebensweise ruft unterschiedliche Arten hervor

Der Brite James Mallet (geb. 1955) befaßt sich hierbei vor allem mit den äußeren Lebensumständen:
I propose to use the opportunity to work on a book project of my own on "The Evolution of Biological Diversity" during my tenure at the Wissenschaftskolleg. The project aims to clarify the relationship between ecology and speciation or diversification. It will go beyond the theme of speciation, and attempt to connect ecological and genetic ideas of biodiversity, including competition, natural selection, speciation, evolution within and between species, community ecology, macroecology and biodiversity studies. It will also cover new genomics-based results in the understanding of speciation.
Der Spanier Francisco Ubeda de Torres (geb. 1972) nimmt bestimmte Beobachtungen über Methylierung und Demethylierung im Genom zum Anlaß weiteren Nachdenkens.
Why are imprinted genes clustered within the genome? An imprinted gene is a gene that has a different pattern of expression depending on whether it is inherited via sperm or via egg. A conflict may emerge when a gene's expression in one individual has fitness consequences for other individuals who have different probabilities of carrying a copy of the first individual's paternally-derived allele. Such is the case in a mating system in which females have multiple partners and the resources to raise the offspring are fixed and provided by the mother. Paternally-derived alleles in an offspring will be selected to demand a greater amount of resources than maternally-derived alleles in the same offspring. When the expression of a particular gene results in a greater allocation of maternal resources to her offspring, the maternally-derived allele in this offspring will be silenced and vice versa.

One reason why imprinted genes are peculiar is that they tend to cluster in the genome. I am interested in addressing how these clusters and their expression architecture have evolved.
Welche Rolle spielt die genomische Prägung bei der Artbildung?

Der Amerikaner Jeffrey L. Feder (geb. 1958) interessiert sich für Genomabschnitte, die möglicherweise ebenfalls besonders deutlich für Artbildung verantwortlich sein können:
My specific aims at the Wissenschaftskolleg are to (...):
- Investigate the theoretical basis for why genes involved in reproductive isolation tend to map to regions of low recombination and, in particular, to chromosomal inversions for populations undergoing divergence-with-gene-flow speciation.
- Develop a possible book or monograph on the topic of sympatric speciation, with emphasis on studying organisms known to the working group.
Weiterhin sind an diesem Schwerpunkt beteiligt der Kroate Patrik Nosil (geb. 1975) und die Kanadierin Maria R. Servedio (geb. 1971).

Fragen, die sich dem Blog "Studium generale" stellen

Reichen alle diese Fragestellungen schon tief genug hinab, um die Mechanismen der Artbildung vollständig beschreiben zu können? Es kann sich ja offenbar nur um die unterschiedliche Evolution der Ablesezustände von Genen handeln. Wenn man sich die konvergente Evolution von Buntbarschen ansieht, so scheint ja die eigentliche Gensequenz gar nicht der entscheidende Punkt zu sein für unterschiedliche Artbildung, sondern das Ablesen unterschiedlicher Gene, die - offenbar (- oder nicht?) - über genomische Prägung ("genomic imprinting") an die kommende Generation weitergegeben werden. (Also dadurch, daß auch die Keimzellen neu "geprägt" werden.) Wissen wir aber über genomische Prägung schon genug, um sagen zu können, wie sie konkret auf molekularer Ebene funktioniert? Wie dieses "zweite System der Vererbung" funktioniert?

Und man könnte schließlich dann weiterhin annehmen, daß erst im zweiten Schritt in der Evolution sich in der Gensequenz selbst Mutationen ansammeln, die zu der jeweiligen genomischen Prägung "passen" (weil sie nicht durch Reperatur-Mechanismen gleich wieder beseitigt werden). Auf diese Weise, so könnte man annehmen, entstehen dann erst jene "jüngsten Selektionsereignisse", die derzeit im menschlichen Genom (und möglicherweise auch in dem Genom von Buntbarschen und anderen Organismen) so haufenweise entdeckt werden, ohne daß man das Gefühl hätte, mit ihnen schon den eigentlichen Schlüssel zur Artbildung in der Hand zu haben. Natürlich gibt es in einer solchen Annahme auch ein Element des "Lamarckismus", das die Sache vielleicht um so spannender macht.

All das sind vor dem Hintergrund der modernsten Erkenntnisse außerordentlich spannende Themen und sie verdienten es, daß man sich noch einmal tief in die Forschungsliteratur der letzten Jahre hierzu hineinknien würde.

- Übrigens arbeitet auch der Mainzer Philosoph und Psychologe Thomas Metzinger dieses Jahr am Berliner Wissenschaftskolleg im Rahmen eines weiteren Schwerpunkt-Themas. Aber ihm kann jemand wie der Autor dieser Zeilen höchstens in brillianten populärwissenschaftlichen Darstellungen folgen, auf eine solche soll deshalb zum wiederholten male bei "Stud. gen." verwiesen werden, da diese Darstellung zum Teil auch sehr konkret biologisch argumentiert: --> Gehirn & Geist.

Sonntag, 25. Januar 2009

Berlin, Termin: Evolution für alle Altersstufen II

Und es war gut. (Siehe voriger Artikel.) Es war "Studium generale" vom Feinsten.

Astrophysiker Günther Hasinger hat unglaublich kompetent und dicht über die neuesten Erkenntnisse zur Entwicklung des Universums gesprochen und zur Unwahrscheinlichkeit der Existenz eines Universums, das Menschen ermöglicht und der Unwahrscheinlichkeit eines Ortes für Leben in diesem Universum (anthropisches Prinzip). Er stellte auch heraus, daß in der bisherigen 13,5 Milliarde Jahre langen Entwicklung des Universums die Entwicklung des Lebens auf der Erde durchaus viel Zeit einnahm (etwa 4,5 Mrd. Jahre). Aber auch hier gibt es Überraschungen. Wenn man für die 13,5 Milliarden Jahre die Zeitskala eines Jahres wählt, entsteht Leben auf der Erde im September. Aber merkwürdigerweise brauchte das Universum zwar "das ganze Frühjahr hindurch", um in vielen Generationen von Sternen all die Elemente auszubrüten, aus denen unser Sonnensystem besteht, und ohne die Leben gar nicht möglich wäre. Aber nachdem die Erde entstanden war, dauerte es nur "drei Wochen" (oder waren es "drei Tage"?), bis daß auf dieser Erde dann auch Leben entstand. Das war in der genannten universellen Zeitskala gemessen sehr schnell. Und das ist sicherlich erstaunlich und erklärungsbedürftig. Danach aber dauerte es dann wieder bis zum Dezember, bis Menschenaffen entstanden.

Wenn man sich nun überlegt, daß es auch andere Zivilisationen im Universum geben könnte (was wohl unwahrscheinlich aber nicht völlig unmöglich ist), dann drängt sich ja eigentlich auch die Vermutung auf, daß sich auch diese andere Zivilisation in nicht allzu stark anderen Zeitskalen entwickelt haben kann. Vielleicht eine Milliarde Jahre früher oder später. Aber nicht weiter abweichend. Aber damit sind nur wenige Implikationen dieses unglaublich dichten und informationshaltigen Vortrages genannt, der sicherlich der eindrucksvollste des Abends war. Es ist unglaublich, was die Astronomie in den letzten Jahren alles herausbekommen hat, wie weit sie in der Geschichte des Universums schon zurückschauen kann.

Der zweite wichtige Vortrag des Abends war der des Buntbarsch-Experten Axel Meyer aus Konstanz. Auch hier ist das persönliche Anhören dieses ausgewiesenen Experten auf diesem so besonders wichtigen Gebiet der modernen Evolutionsforschung durch gar nichts anderes zu ersetzen. In wenigen zehntausend Jahren haben die Buntbarsche bei wenigen genetischen Veränderungen viele neue Arten (mehrere tausend) aus wenigen Vorfahren entwickelt - etwa parallel zur Evolution des anatomisch modernen Menschen. Und das während in anderen Fischgruppen über viel weitere geographische Entfernungen hinweg (über ganz Europa und Asien hinweg) höchstens einige hundert neue Arten entstanden. Als das Überraschendste, was Axel Meyer an Tatsachen brachte, konnte man die Beispiele für konvergente Evolution von Buntbarsch-Arten in unterschiedlichen ostafrikanischen Seen ebenso wie in Vulkan-Krater-Seen in Nicaragua (Mittelamerika) erachten (letztere wohl innerhalb von weniger als 23.000 Jahren, vielleicht auch nur von hundert Jahren).

Genetisch weitgehend identische Linien entwickeln sich zu völlig neuen Arten - und dabei auch noch konvergent zu parallel ganz ähnlichen Formen in den anderen Seen, so daß man sie äußerlich für Angehörige einer Art ansehen könnte, was sie aber genetisch gar nicht sind. Wenn es schlagendere Beispiele dafür geben soll, daß Selektion im Bereich der Gene gar nicht die Hauptursache für die Entstehung der Arten sein muß, dann sind es diese Beispiele. Axel Meyer machte schnell und überzeugend klar, daß man viele der tausende von Buntbarsch-Arten genetisch kaum in einem chronologischen und verwandtschaftlichen Stammbaum anordnen kann, da sie dafür genetisch noch viel zu jung sind und dafür zu wenige Unterschiede in der Genom-Sequenz aufweisen. Wie sollen da Mutationen in der Genom-Sequenz hauptverantwortlich für die Artbildung bei den Buntbarschen gewesen sein? Nein, das weist überzeugend daraufhin, daß einfach schon Änderungen in den Ablese-Zuständen von Genen (Methylierung und Demethylierung) zu neuen Arten führen können. Das hat Meyer hier gar nicht weiter ausgeführt. Aber er sagte, daß gegenwärtig das gesamte Genom von sechs Buntbarsch-Arten sequenziert wird, und daß man durch den Vergleich dieser sechs Genome schon wieder vieles besser wissen wird.

Aber wie nun die genannten Änderungen in den Ablese-Zuständen erzeugt und fixiert werden, das herauszubekommen wird die Forschungsaufgabe der nächsten Jahre sein. Mit traditioneller Populationsgenetik wie sie etwa derzeit auch auf "Selective Sweep" durch Emanuel Heitlinger verdienstvollerweise thematisiert wird, kann da wohl nur wenig erklärt werden. Und das zeigt auch auf, daß die neu entdeckten "jüngstselektierten Gene" in der Humangenetik und in der Genetik anderer Organismen nur einen geringen, auch eher willkürlichen Teil in der Gesamt-Erklärung für die Evolution neuer Arten und Unterarten (Rassen) in den letzten zehntausenden von Jahren darstellen werden.

Tiefergehende Erörterungen der derzeitigen Buntbarsch-Forschungen im --> "Research Blogging".

Ingo Rechenberg hat Evolutions-Computer-Modelle vorgestellt, in denen ganz selbstverständlich gruppenselektionistische Evolutionsstrategien angewandt wurden - weil diese am erfolgreichsten viele evolutive Vorgänge erklären können, auch solcher Erscheinungen wie der Evolution des Linsenauges oder der Konstruktion von Bauplänen.

Und eine außergewöhnlich lebhafte Podiumsdiskussion gab es zur "Evolution sexueller Untreue". Der Darwinfinken-Experte Wolfgang Forstmeyer (MPI Seewiesen), der Kulturethologe und Neuguinea-Spezialist Wulf Schiefenhövel (MPI Andechs) ebenso wie die ökonomische Familienexpertin Evelyn Korn plädierten überzeugend für eine gelungene und ausgewogene Kombination von biologischen und kulturellen Erklärungen gegen oft allzu wenig biologisch informierte Theorien aus der Literaturwissenschaft, wie sie hier - stellvertretend für viele - von Sigrid Weigel vorgetragen worden sind. Es war der eigentlich aus der Naturwissenschaft kokmmende Wulf Schiefenhövel, der auch große kulturwissenschaftliche Informiertheit aufwies, wenn er etwa darlegte, daß das Konzept der "Treue" im europäischen Bereich nicht aus der Bibel oder aus lateinischen Rechtsvorschriften stammt (wie von Sigrid Weigel kurzschlüssig vorausgesetzt), sondern Wortstamm-Nähe zu Englisch "tree" aufweist. Treu sein heißt also wurzelfest sein wie ein Baum - in traditionellem europäischem Verständnis.

Und als das Konzept der romantischen Liebesehe von Weigel als ein modernes Konzept des 19. Jahrhunderts postuliert wurde - angeblich ohne größere historische oder gar biologische Tiefe und Verwurzelung - konnte Schiefenhövel überzeugend von romantischer Liebesdichtung bei den steinzeitlich lebenden Menschen in Papua-Neuguinea hinweisen, auf die selbst Goethe stolz gewesen wäre, wenn er darauf gekommen wäre, wie Schiefenhövel meinte. Forstmeyer konnte gut informiert mit den neuen Erkenntnissen zum Vasopressin-Rezeptor-Gen aufwarten (siehe dazu frühere Beiträge auf "Studium generale"). Aber das schlagkräftigste evolutionsbiologische Argument auf dem hier diskutierten Gebiet von Monogamie und Untreue, daß nämlich monogame Lebensweise auch etwas mit Intelligenz-Evolution zu tun haben könnte nach den neuesten Forschungen von Robin Dunbar (siehe frühere Beiträge von "Studium generale"), das war von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion offenbar noch nicht rezipiert worden. Dabei ist es wohl revolutionärer als fast alles andere, was derzeit zu diesem Themengebiet gesagt werden kann. Da hätte die Berlin-Brandenburgische Akademie mal den Wissenschaftsblog "Studium generale" um einen kleinen Diskussionsbeitrag bitten sollen. ;-) ... (Vielleicht tut sie's ja noch ...)

- Nein, sie tat es schon. Ein studentisches Filmteam lud Leute aus dem Publikum zu kurzen Interviews ein. Es wurden einige allgemeine Fragen über Evolution gestellt. Und auf diese hat auch "Studium generale" geantwortet. Die Interviews sollen in den nächsten Tagen auf der Netzseite der Akademie veröffentlicht werden, siehe ---> hier.

Und Journalist Matthias Glaubrecht nicht zu vergessen, der über Ernst Mayr berichtete, dem übrigens überhaupt eine ganze Vortragsfolge gewidmet war samt Filmvorführung. Hubert Markl nicht zu vergessen. ... Im Ganzen gewiß ein gelungener, reichhaltiger Abend, wie man ihn in dieser intellektuellen Dichte wohl selten sonst geboten bekommt. Und dabei ist in diesem Bericht höchstens die Hälfte aller Angebote, die man überhaupt hätte wahrnehmen können, erwähnt worden. Besuch war so stark, daß fast nirgends die bereitgestellte Bestuhlung ausreichte und man sich zumeist mit Stehplätzen begnügen mußte. Aber das tut man ja gerne bei solchen Kapazitäten und einem solchen "fetten" inhaltlichen Angebot - würdig unserem Zeitalter und dem von ihm angesammelten, weltgeschichtlich einzigartigen Wissen.

PS: Übrigens wird am gleichen Ort am 29. April der legendäre Robert Trivers referieren, theoretischer Biologe und Formulierer des Gegenseitigkeits-Altruismus. Und am 2. Juni Gangolf Hübinger über "Sozialdarwinismus und Geschichtsdenken". Dürfte ebenfalls "interessant" sein, wenn man sich die Bibliographie des Herrn Hübinger (etwa hier) durchsieht.

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