Montag, 2. März 2009

Die Traubenhyazinthe

Ein kritischer Beitrag zum 200. Geburtstag von Charles Darwin

Wenn man mit Blumenliebhabern zusammen lebt, gerät einem leicht beim Frühstück eine Blume ins Blickfeld, ob man will oder nicht. Und, ja, es kann geschehen, daß man ihr richtig gehend beim Wachsen zusehen kann, ja: muß - denn man kann ja nicht dauernd vorbei sehen. Und wenn man nun aber parallel dazu Bücher über das Problem der Artbildung liest, kann man schon so in die eine oder andere Überlegung hineingeraten.

Man sieht also, wie aus gerade erst gekauften, ganz unauffällig dastehenden Knollen und grünen Büscheln sich nach und nach erst ebenfalls nur angedeutete, dann aber immer auffälligere Blütenstände herausschieben. Und um so mehr man da zusieht, um so intensiver kann sich einem die Frage stellen: Warum gibt es Hyazinthen? Oder noch drängender: Warum gibt es Traubenhyazinthen?

Sieht ja irgendwie "schnuckelig" aus mit diesen kleinen Blütchen, die sich gemeinsam zu einem Hütchen zusammen stellen. Und sich nacheinander, wohl geordnet auseinander schieben, größer werden. (- "Bauernbübchen" wird diese Blume auch in Teilen Süddeutschlands genannt wie man bei Wikipedia erfährt. Irgendwie schon treffend.)

Und dann versucht man, das gerade erst neu angelesene Wissen über die Mechanismen der Evolution und der Artbildung (z.B. Stud. gen.) in Beziehung zu setzen zu dieser "banalen", "alltäglichen", "trivialen" Frühstückstisch-Beobachtung. Doch, gelinde gesagt: es fällt einem schwer.

Warum gibt es Traubenhyazinthen?

All diese Bücher über Evolution können einem gar nicht erklären, warum es Traubenhyazinthen gibt. Warum es Traubenhyazinthen geben muß. Was können sie eigentlich erklären? Sie können ein paar "äußerliche" Mechanismen beschreiben, denen eine Traubenhyazinthe, auch eine Traubenhyazinthe, "gehorchen" muß, was sie sowieso - offensichtlich - gerne tut und ohne viel Wenn und Aber. Was sie also tun muß, wenn sie am Leben bleiben will und wenn ihre Nachkommen auch noch in einigen tausend oder zehntausend Jahren auf dieser Erde ihre Blüten vom Wind leicht bewegen lassen sollen. - Aber sonst?

Und dem "philosophischen Kopf" steigt beim Anblick der Traubenhyazinthe noch ein viel frevelhafterer Gedanke in den Kopf: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Wenn ich nicht erklären kann, warum es eine Traubenhyazinthe gibt, geben muß, wie kann ich dann auch nur von irgendeiner Erscheinung in diesem Weltall behaupten, ich wüßte, warum es diese gibt, warum es diese geben müsse? (Und noch eine Seitenfrage: Warum kommt einem diese Frage "frevelhaft" vor? Weil Antworten auf eine solche Frage so viele Selbstverständnisse im eigenen Leben und im Leben der Mitmenschen "infrage" stellen könnten? ...)

200 Jahre vor Charles Darwin

Nicht, daß man sich durch solche Fragen wirklich vom warmen, knusprigen Frühstücksbrötchen ablenken lassen wollte. Manche Fragen aber halten sich ab einem bestimmten Punkt hartnäckiger als andere. Zumal man ja jeden Tag mindestens einmal frühstücken muß. Und weil man außerdem auch so den einen oder anderen Anspruch hat - oder entwickelt: Will ich Wahrheiten wissen oder mich mit vorschnellen Antworten befriedigen, zufrieden stellen?

Den "Faust" mit seinem "Habe nun, ach! Philosophie ... studiert" wollen wir mal an dieser Stelle ganz weg lassen. Wir können es auch ohne ihn festhalten: Was kann Naturwissenschaft eigentlich erklären, selbst heute noch? Und was kann sie weniger erklären? Vielleicht kommt einem ja der eine oder anderer Dichter in den Sinn, der es vielleicht schon besser wußte, als selbst Charles Darwin noch ...

Die Rose ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie achtet nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Diese Worte sind von dem unglaublich faszinierenden Dichter namens Angelus Silesius, geboren und gestorben in Breslau. Nicht 200 Jahre vor Jesus Christus hat er gelebt aber immerhin doch 200 Jahre vor Charles Darwin ... Er hat auch noch viele andere schöne Vierzeiler gedichtet, etwa:

Freund, so du etwas bist,
so bleib nur ja nicht stehn,
man muß von einem Licht
fort ins andre gehn.

Oder Friedrich Schiller, gestorben vier Jahre vor Darwin's Geburt:

Das Höchste

Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ists!
Schiller! Er hat gewiß recht. Aber ihm zu folgen ist vielleicht nicht leicht in Zeiten, in denen immer gedankenloser die Antworten von Charles Darwin als die letzten Antworten überhaupt auf alle Fragen des Lebens und der Evolution, auch des Menschen angesehen werden. Womit gewiß kein Plädoyer für die Rückkehr zu biblischen Antworten verbunden werden kann. Aber sicher ist die Bibel nur eine unter vielen Alternativen.

1 Kommentar:

Noah K. hat gesagt…

Ein sehr schöner Artikel!!

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