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Freitag, 16. April 2010

Spätrömische Dekadenz im Bildungs- und Wissenschaftsbereich

Blamabel und empörend: Prof. Christoph Markschies

Der derzeitige Präsident der Humboldt-Universität Berlin, der evangelische Kirchenhistoriker und Pfarrer Christoph Markschies*), hat am 18. Dezember 2009 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt einen kostenlosen, öffentlichen Vortrag gehalten. Nun ist die --> Video-Aufzeichnung der Kurzfassung desselben erschienen. Das Thema:
"Survival of the fittest" - Läßt sich der Aufstieg des antiken Christentums als Evolution beschreiben?"
So die Themenstellung der Kurzfassung um 18.30 Uhr. Im ausführlicheren Nachmittagsvortrag um 14.45 Uhr lautete die Themenstellung dagegen schon wieder etwas "traditioneller":
In welchem Sinne haben sich Christentum und Islam in der Spätantike "entwickelt"?
(s.a. BBAW 1, 2) Daß sich Christentum und Islam bloß - kulturell - "entwickelt" hätten, wäre ja nun wirklich eine triviale Erkenntnis. Man fragte sich vor dem Vortrag: Ob Markschies wohl ein paar Angaben zur Religionsdemographie machen wird? Ergebnis: Nein, noch nicht einmal der leisteste Anflug eines Anhauchs von Erwähnen einer solchen Thematik scheint der Würde seines professoral-theologischen Gestus zu entsprechen. Dazu kommt dieser insgesamt vom Zeitgeist leicht beleidigt wirkende Pfarrer, Theologe und Universitätspräsident ja auch viel zu arrogant herüber.

Das Vortragsthema selbst jedenfalls schien schon ein gutes Gespür für aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen aufzuzeigen. Für Entwicklungen, für die etwa in Deutschland der Religionswissenschaftler Michael Blume steht, in Großbritannien Robin Dunbar und in den USA David Sloan Wilson oder Richard Sosis. Diese Entwicklungen waren schon oft Thema auf diesem Blog. Aber wie ernsthaft will man das eigentlich wirklich betreiben - am Ufer der Spree*)?

Nein, wie es scheint, läßt Markschies sich nicht wirklich beeinflussen von dem aktuellen Forschungsstand. Blamabel! Er hält die aktuelle Diskussion um "Evolution" der Religion für eine "Modeerscheinung". Das einzige, was für Herrn Markschies keine Modeerscheinung gewesen zu sein scheint und ist, das ist offenbar die Bibel, "seine" Bibel (?). Wenn er nicht so unglaublich arrogant und blamabel herüber käme, würde man sich ja sogar noch darüber auseinander setzen wollen ...

Christoph Markschies! Universitätspräsidenten stehen derzeit teils gewollt, teils ungewollt im Zentrum von brisanteren gesellschaftspolitischen Debatten. Zumindest in Berlin. Dies zeigte nicht nur der Berliner FU-Präsident Dieter Lenzen (siehe auch St. gen.) und die Diskussionen rund um seinen Wechsel nach Hamburg, sondern dies zeigt eben auch Christoph Markschies.

"Loose change" - Der populärste Film des Internets

So ist auf Wikipedia zu erfahren, daß Markschies 2006 verbot, den populärsten Film des Internets im Kino der Universität zu zeigen. Und welcher Film ist das, der den Studenten da so auf den Nägeln brennt? ... Wir erfahren, daß er heißt: "Loose Change". Ein Film über Zweifel an der offiziellen Täterversion zu 9/11. Auch die deutschsprachige Version dieses Filmes ist frei im Netz abrufbar. Aber warum verbietet Herr Markschies gerade die Aufführung dieses Filmes? Wo doch an Universitäten von Studenten oft viel größerer Schrott an Filmen vorgeführt wird, als gerade eine solche ernsthafte Dokumentation mit weitreichenden, gesellschaftspolitischen Implikationen? Etwa aus den gleichen Gründen, aus denen heraus er - sicherlich zum Aufatmen vieler Menschen - neuerdings eine Verlängerung seines Amtes nach 2010 nicht mehr anstrebt? Sieht so monotheistische Zensur aus? - Heute?

Jan Assmann war auch geladen

Ob ein Pfarrer und Universitätspräsident, der die Aufführung solcher Filme verbietet, noch gute Vorträge zum Thema "Evolution der Religion(en)" halten kann, war sowieso von Anfang an zweifelhaft. Nun ist es im Übermaß bewiesen, wie berechtigt diese Zweifel waren. Aber da auf der Vortragsveranstaltung unter diesem Titel am 18. Dezember auch Jan Assmann gesprochen hat über den Weg vom Polytheismus zum Monotheismus (Untertitel: "Evolution oder Revolution"?), wird man die Veranstaltung sicherlich als eine hochkarätig besetzte ansehen müssen. Sie wollte laut Ankündigung insbesondere Konzepte des amerikanischen Religionssoziologen Robert N. Bellah (geb. 1925) aufgreifen, der eine von vielen Stufentheorien zur Religionsgeschichte vorgelegt hat. Und sie fragte,
ob bestimmte Stufen der kognitiven Entwicklung (in der Menschheitsgeschichte) bestimmte Stufenbildungen in der Religionsgeschichte zu erklären vermögen.
Das wäre natürlich eine vielversprechende Fragestellung. Aber es waren nur Geisteswissenschaftler als Vortragende geladen. Hätte endlich einmal wenigstens einer von ihnen - ebenso wie Thilo Sarrazin, Helmut Schmidt, Dieter Lenzen oder der Hirnforscher Gerhard Roth - die Tatsache thematisiert, daß Intelligenz zu großen Teilen erblich ist und sich unterschiedlich auf die Völker und Epochen der Weltgeschichte verteilt? Wie soll man denn ohne Mitberücksichtigung dieser Tatsache vernünftigerweise, das heißt, auf dem wissenschaftlichen Stand von heute die "kognitive Entwicklung" in der Evolution und in der Weltgeschichte in Beziehung setzen zu Stufenbildungen in der Religionsgeschichte?

Auf den ersten Blick gewinnt man den Eindruck, daß die Vortragenden, sofern sie sich zuvor nicht ernsthaft auf dem Gebiet der Naturwissenschaft umgetan haben (wie zumindest ansatzweise die vier genannten Herren), bestenfalls neue "Modeworte" für schon ältere, religionsgeschichtliche Erkenntnisse gefunden haben. Darüber kann dann ein monotheistischer Herr Markschies natürlich nur müde spotten. ... Aber noch der Spott ist kindlich, naiv und blamabel. Man wird diese drei Adjektive auf einen Nenner bringen dürfen: Sein Spott ist - - - theologisch, isoliert geisteswissenschaftlich. Hochnäsig.

.... "Lippenbekenntnisse"?

Man hätte es der BBAW wünschen wollen, daß es bei derartigen Vortragsveranstaltungen nicht immer nur zu "Lippenbekenntnisse(n) zur evolutionären Bedingtheit des Menschen" kommen würde, wie wir das schon vor einem halben Jahr kritisch zu einer ihrer Veranstaltungen hatten anmerken müssen (St. gen. berichtete). Man sollte doch beachten, daß die "Preußische Akademie der Wissenschaften" noch heute von dem Ansehen zehrt, das ihr einst ihre Blütezeit unter Friedrich dem Großen verschafft hatte. Friedrich der Große ist als ein Regent in die Geschichte eingegangen, dem jede "Political", "Religious" oder "Philosophical" "Correctness" ein Greuel war, und der sie "tiefer hängen" ließ. Und letztlich wurzelt jede dieser "Korrektheiten" wohl letztlich in Monotheismen. Das sollte wohl künftig noch besser herausgearbeitet werden. "Korrektheiten" stimmen am ehesten mit monotheistischem Geist zusammen.

Es darf mit Fug und Recht erwartet werden, daß die Akademievorlesung von Peter Weingart am Vortag - Thema: "Zur Evolution sozialer Systeme" - schon Handfesteres und dem eigentlichen Ethos der Wissenschaft Nahestehenderes zu bieten gehabt hatte. Peter Weingart ist zwar auch von Hause aus Geisteswissenschaftler. Aber einer, der sich vorbildlich schon seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der naturwissenschaftlichen Theoriebildung im Bereich der Soziobiologie umgetan hat. Und der diese Theorien - wie sich das für einen akademisch gebildeten Menschen von heute eigentlich von selbst verstehen sollte - auch verstanden hat und selbständig weiterdenken kann.

Dekadentester Spott

Wer dies nicht tut, leistet spätrömischer Dekandenz auf dem Bildungs- und Wissenschaftssektor Vorschub. Um diesen eigentlich trivial-banalen Sachverhalt auch einmal so zu benennen, wie er zu benennen ist. Derartige Haltungen führen - letztlich - in die Wissenschaftsferne eines neuen Mittelalters, das - bekanntlich - auf die spätrömische Dekadenz insbesondere auch im Wissenschaftsleben folgte.

Daß es noch heute Universitätspräsidenten gibt, von denen man noch nicht einmal "Lippenbekenntnisse" zur evolutionären Bedingtheit des Menschen hört, sondern nur: Spott. Was hat das mit Wissenschaft zu tun? Und dieser Universitätsprädident stellt sich selbst in eine Reihe mit so vielen, großen, bedeutenden Vorgängern? Das ist hellauf empörend. Und zutiefst: dekadent.

Was der vielköpfige Drachen, genannt "Politische Korrektheit", in Deutschland und der Welt wohl noch so alles an Steilheiten und Verstiegenheiten hervorbringen wird? Wir dürfen gespannt sein. Es wird in jedem Fall sein: Krampf, Krampf, Krampf.
__________
*) Das Institut von Christoph Markschies, die Theologische Fakultät, liegt an prominenter Stelle direkt an der Spree gegenüber der Museumsinsel: oben rechts abgebildet mit ihrem "gläsernen Hörsaal" zur Straße hinaus.

Nachbemerkung:
Dieser Beitrag erschien ursprünglich
am 28.11.09. Er erscheint heute, am 16.4.10,
aufgrund der inzwischen veröffentlichten Video-Aufzeichnung
aktualisiert und ergänzt: um einige eindeutige Bewertungen.

Montag, 27. Juli 2009

"Die Freiheit hat einen Ort in der Evolution"

Erste Ansätze zu einer "Naturgeschichte der Freiheit" von Seiten des Philosophen Volker Gerhardt

Wenn man sich mit der Arbeit der "Arbeitsgruppe Humanprojekt" bei der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" (BBAW) beschäftigt, stößt man auf ein so spannendes wie grundlegendes Buch mit dem Titel "Naturgeschichte der Freiheit" (1)*). Der Buchtitel geht auf eine gleichbetitelte Vorlesungsreihe der BBAW aus dem Jahr 2007 zurück. 

Schon der Titel enthält so viele Implikationen! Wird hier etwa der Versuch gemacht - endlich der Versuch gemacht, eine konsequent naturalistische Erklärung menschlicher Willensfreiheit zu geben? Nachdem das naturwissenschaftsnahe ("naturalistische") Denken und Forschen heute so weit verbreitet unter Hirnforschern und darüber hinaus ist und so auffällig kurzsichtig gerade diese menschliche Willensfreiheit und damit letztlich die Existenz menschlicher Verantwortung überhaupt abstreitet?

Abb. 1: Volker Gerhardt (SPD), aufgenommen während eines Gespräches mit Olaf Scholz (SPD) (Welt, 02/2011)

Den Kern-Vortrag dieser Vorlesungsreihe, an der etwa auch Hirnforscher Gerhard Roth teilgenommen hat,  wurde von dem Vizepräsidenten der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" gehalten. Das ist der Philosoph Volker Gerhardt (Wiki) (Abb. 1). In der Buchvorstellung erfährt man über diesen Vortrag das folgende:

Gelingt es, die Eigenständigkeit lebendiger Systeme in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit genauer zu fassen, wäre es möglich, die Selbstorganisation des Lebendigen mit der Selbstbestimmung gesellschaftlich handelnder Personen zu parallelisieren. Nach den im Humanprojekt bereits im Herbst 2005 vorgetragenen Überlegungen von Volker Gerhardt ist es auf diesem Wege möglich, eine Annäherung biologischer und sozialer Beschreibungsverfahren zu erzielen. Gelingt dies, so kann man hoffen, daß sich die (sich stets in sozialer Selbstbestimmung äußernde) menschliche Freiheit als eine komplexe Form lebendigen Verhaltens ausweisen läßt. Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens. Die Negation der Freiheit fiele dann mit der Negation des Lebendigen überhaupt zusammen, eine Konsequenz, die auch für Neurobiologen nicht ohne Folgen wäre.

"Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens." - Also zielt der Vortrag offenbar auf eine rein naturwissenschaftliche Erklärung der Willensfreiheit hin. Von einem solchen Anliegen hat man in den letzten Jahren selten gehört. Der diesbezügliche Aufsatz findet sich frei zugänglich im Internet (1, Google Bücher).

Gleich zu Beginn stößt man auf recht kühn-gelassene Sätze über die Freiheit jener, die von ihrer eigenen Freiheit Gebrauch machen und die menschliche Willensfreiheit durch den Gebrauch ihrer eigenen Freiheit infrage stellen ... 

Humor ist also auch vorhanden. Das kann nur von Vorteil sein.

Ein Philosoph, der über Freiheitsgrade in der Evolution argumentiert - welch rarer Fall!

Gerhardt äußert den vordergründig zunächst paradoxen Satz, der einem aber zugleich viel Vertrauen in sein Räsonieren schenkt (1, S. 464):

Freiheit ist nur möglich, wo sich der Mensch auf die lückenlose Kausalität der Natur verlassen kann. (...) Der Mensch müßte an sich irre werden, wenn seine Kausalität aus Freiheit in Widerspruch zur Kausalität der physischen und physiologischen und - am Ende natürlich auch - der neurologischen Prozesse stünde.

Ein hinreißender Gedanke, den man aber erst einmal etwas auf sich wirken lassen muß.

Damit ist auch gesagt, daß man eben, wenn man nach einer naturwissenschaftsnahen ("naturalistischen") Erklärung menschlicher Willensfreiheit fragt, zunächst einmal nach den Freiheitsgraden in der Evolution überhaupt zu fragen hat. Wenn es dort "Freiheitsgrade" gibt, warum soll es solche dann nicht auch im menschlichen Gehirn geben? (Und zwar auch jenseits der viel zu häufig in diesem Zusammenhang angeführten Quantenphysik?)

Manfred Eigen nicht im Personenverzeichnis genannt

Es wird zunächst nicht ersichtlich, wie weit Gerhardt einen Autor wie Manfred Eigen und dessen Buch "Das Spiel - Naturgesetze bestimmen den Zufall" (2) rezipiert hat. Grundsätzlich argumentiert er jedoch durchaus in die Richtung von Manfred Eigen. Wenn auch nicht von so präzisen Ausgangspunkten in der empirischen Forschung und in mathematisch-statistischen Überlegungen herkommend und sich an ihnen entlang bewegend, wie das Manfred Eigen zusammen mit seinen Mitarbeitern getan hat. Dieses Buch müßte doch für Herrn Gerhardt einmal eine Lektüre wert sein. Auch Konrad Lorenz hat sich ja geistig sehr durch dieses Buch befruchten lassen, als er in Richtung der Unvorhersehbarkeit, Nichtdeterminiertheit des evolutionären Geschehens argumentierte und damit in Richtung der Verantwortlichkeit des Menschen für die weitere Entwicklung (3).

Ein fester Kristall behauptet starr seine individuelle Eigenform gegenüber einer Umwelt, deren Kräfte gegebenenfalls darauf ausgerichtet sind, ihn zu verformen und zu verändern, ihn der Umwelt anzugleichen. Deshalb neigen wir dazu, die Schönheit seiner je individuellen, einzigartigen "Eigenpersönlichkeit" zu bewundern. Ein flüssiger Kristall behauptet ebenfalls seine Eigenform, nun sogar in noch größerer Anpassungsfähigkeit gegenüber Kräften, die gegebenenfalls darauf ausgerichtet sind, diese Eigenform zu zerstören. Und eine lebende Biozelle bewegt sich "aus eigenem Antrieb", wie Gerhardt ausführt (- ohne auf die ebengenannten Vorformen von Individualität in der nichtbelebten Natur einzugehen).

Die lebende Biozelle jedenfalls behauptet ihre Eigenform und die Individualität ihrer Art durch noch größere Anpassungsfähigkeit gegenüber einer diese Eigenform bedrohenden Umwelt. Gerhardt spricht von der "eigenen Dynamik" der Lebewesen. Von der sponaten Verursachung ihrer Lebensvollzüge, von ihrer "Eigengesetzlichkeit" (1, S. 464f). - Warum dies nun aber schon für sich selbst ein Argument dafür sein soll, daß Lebewesen im menschlichen Sinne "frei" sind und "Freiheit" gegenüber Zwang (oder gar gegenüber Existenzvernichtung) behaupten, wird noch nicht ganz deutlich.

Die Eigendynamik des Lebens und seine Behauptung von Individualität

Hier wäre wenigstens noch herauszuarbeiten, daß etwaige Freiheitsgrade im Lebensvollzug der ihrer selbst unbewußten - oder schon von Instinkten und Lernprogrammen geleiteten - Natur von jeweils neuer Art sind, daß also die Freiheitsgrade im Lebensvollzug von bewußt entscheidenden Lebewesen wie dem Menschen wesentlich größere sind, als die aller anderen Lebewesen. Diesen stufenweisen Fortschritt hat Konrad Lorenz in "Die Rückseite des Spiegels" herausgearbeitet (4), wobei er darauf hingewiesen hat, daß es insbesondere die immer größere Fähigkeit zum Irrtum des individuell lernenden Individuums (schon im Tierreich) ist, die dann immer größere Grade von (Handlungs- und Entscheidungs-)Freiheit ermöglicht. Und diese Irrtumsanfälligkeit wird durch die "Lehrmeister" Lust und Unlust auf den Bahnen der Existenzerhaltung gehalten.

Es wäre herauszuarbeiten, daß eben hier - wie dies schon Hegel, ausgehend von den Gedanken seines philosophierenden Dichterfreundes Hölderlin getan hat - wohl von einem stufenweisen, evolutionären "Fortschritt im Bewußtsein" und im "Bewußtwerden von Freiheit" die Rede sein kann.

Es wäre also noch herauszuarbeiten, daß Freiheit in jenem vollen Umfang, wie wir sie heute als Menschen verstehen und bewußt erleben, ein Endprodukt der Evolution darstellt.**) Es könnte sinnvoll sein, sich auch die weiteren Ausführungen von Gerhardt noch genauer anzuschauen. Dennoch schade, daß nirgends auf Manred Eigen und sein Buch "Das Spiel" Bezug genommen wird. Ebenso schade, daß die schon so weitgehenden psychologischen Forschungen von Konrad Lorenz nicht zu Rate gezogen worden sind.

Friedrich Schiller: Ansätze naturalistischen Philosophierens

Wenn es um die Freiheit geht, ist natürlich der Dichter und Philosoph Friedrich Schiller immer ein gern gewählter Referenzpunkt. Auch Manfred Eigen zitiert Schillers Satz "Der Mensch ist immer nur dort ganz Mensch, wo er spielt". Friedrich Schiller hat in seiner Jugend Medizin studiert und anfangs sehr deutlich von medizinischer Fachkenntnis aus mit seinem philosophischen Denken begonnen (laut Erinnerungen an diesbezügliche Philosophie-Vorlesungen von Professor Rudolf Malter in Mainz).

Auch in seinem "Don Carlos" wird letztlich sein naturwissenschaftsnahes ("naturalistisches") Räsonnement deutlich, nämlich in der emphatischen Ansprache des gesellschaftlichen Reformers Marquis Posa an den bigott-katholischen, dikatorischen spanischen König:

Sehen Sie sich um ...
... in der herrlichen Natur,
auf Freiheit ist sie gegründet.
Und wie reich ist sie durch Freiheit.

Da ist es natürlich sehr passend, daß ein Denkmal dieses Friedrich Schiller in Berlin auf dem Gendarmenmarkt direkt auf - nein: in - das Gebäude der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" blickt. 


"Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!"


Jedenfalls: Wenn eine "Akademie der Wissenschaften" wie die "Berlin Brandenburgische" einen solchen Vizepräsidenten hat, dann, so möchte man meinen, - - - ... "wird noch alles gut". Dann besteht aller Anlaß, die humanistisch-naturalistische Giordano Bruno-Stiftung gut zu finden. Aber - so wird man sagen: Die "Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften" könnte noch um vieles besser, um vieles wichtiger sein. Denn sie vertritt - unter anderem - aus dem naturalistischen Denken heraus den Gedanken der Freiheit. Da bekommt erst all das Positive, das man bislang schon bei "Studium generale" von dieser "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" hatte erfahren können, einen abschließenderen Sinn. Wenn eine solche Organisation einen solchen Vizepräsidenten hat.


Auch ein Video-Vortrag, auf den man über den Wikipedia-Artikel zu Volker Gerhardt stößt, beginnt unkonventionell, wenn es dort gleich in den ersten Sätzen heißt:

"Früher war es für einen Wissenschaftler wichtig, nicht für einen Künstler gehalten zu werden ..."

"Früher" ... - Damit ist klar: Mit diesem Volker Gerhardt muß sich "Studium generale" noch gründlicher befassen. (Ergänzung 2011: Es gibt inzwischen noch mehr Videos mit ihm, etwa "Das Göttliche als Sinn des Daseins", in dem viel von Charles Darwin die Rede ist [Teil 1 und 2], in dem aber "das Göttliche" [in Teil 3] bloß postuliert wird, noch nicht einmal stingent philosophisch begründet wird, geschweige denn  in Bezug gesetzt wird zum naturwissenschaftlichen Kenntnisstand. Gerhardt schließt sogar das Argumentieren für eine personale Gottheit nicht als möglich aus. ...)

Daß das naturalistische Argument für die Willensfreiheit ist ein sehr grundlegendes auch für diesen Blog selbst und sein gesellschaftliches Freiheits- und Verantwortungsverständnis ist, daß sich also Freiheit und Verantwortung auch in der Natur - und damit auch im Menschen - verwirklicht, dafür haben wir auch schon an anderer Stelle Plausibilitätsargumente zusammengestellt (s. "Über Studium generale I".) Aus der Sicht etwa des wichtigen Buches "Das Spiel" von Manfred Eigen erscheint einem diese Einsicht geradezu selbstverständlich, ja, notwendig. Und man wundert sich nur, daß dieser Gedanke nicht schon längst möglichst wissenschaftsnah auch von anderen den Naturwissenschaften nahestehenden Menschen vertreten worden ist.


(überarbeitet und neu gegliedert: 9.9.11)

_____________________
*) Professor Joachim Bauer aus Freiburg machte uns freundlicherweise auf seinen Vortrag aufmerksam, den er vor einer Woche, am 17. Juli 2009, in Berlin gehalten hat: "Kreative Biosysteme - Einige Gedanken zur Koevolution von Natur und Kultur". Er wurde gehalten im Rahmen des 22. Arbeitstreffens der "Interdisziplinären Arbeitsgruppe Humanprojekt - Zur Stellung des Menschen in der Natur" der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" (BBAW).
**) Exkurs: Ja, möglicherweise sogar ein "Ziel" derselben - was aber ein neuer, weitergehender Gedankengang wäre. Immerhin ließe sich ein solcher Gedankengang formulieren, schon, weil es keine schlüssigen, widerspruchsfreien Alternativen zu ihm gibt: Das Weltall entstand, um Freiheit im bewußten Lebensvollzug möglich zu machen. Der Urknall wäre dann der Phasenübergang von einer unbegrenzten Freiheit von Möglichkeiten gewesen hin zu einer stufenweise verwirklichten Möglichkeit von bewußt erlebter und diese Freiheit von Möglichkeiten und Wirklichkeiten nachvollziehender Freiheit.

_____________________
  1. Gerhardt, Volker: Leben ist das größere Problem. Philosophische Annäherungen an eine Naturgeschichte der Freiheit. In: Heilinger, Jan-Christoph (Hrsg.): Naturgeschichte der Freiheit. Humanprojekt: Interdiszinplaere Anthropologie. Gruyter 2007 (Google Bücher)
  2. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München 1975; neu aufgelegt Christian Rieck Verlag Eschborn 2010
  3. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. Piper, München 1983
  4. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. Piper, München 1973

Mittwoch, 15. Juli 2009

Lippenbekenntnisse zur evolutionären Bedingtheit des Menschen

Es sollen einige Kommentare gegeben werden zu der Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die gestern abend in Berlin stattgefunden hat zum Thema "Die Evolution des menschlichen Sozialverhaltens" (s. St. gen., BBAW).

Es ist auffällig, daß man heute oft leicht dahin ausgesprochene Lippenbekenntnisse von Soziologen und Sozialwissenschaftlern zur Einbeziehung der biologischen und evolutionären Bedingtheit des Menschen in die eigenen Forschungen hört. So auch an diesem Abend von seiten Gerd Gigerenzer's und Hartmut Essers. Letzterer ist der Lehrstuhl-Nachfolger des Philosophen und Soziologen Hans Albert, der zum wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno-Stiftung gehört und als der "Stellvertreter von Sir Raimund Popper in Deutschland" gehandelt wird (wie man von Hartmut Esser an diesem Abend auch erfahren konnte). (Popper aber, so möchte man meinen, war zu allen Zeiten dichter an der Auseinandersetzung mit evolutionärem Denken dran, stärker in es involviert als diese seine beiden "Stellvertreter" in Deutschland.)

Gigerenzer und Esser kommen beide, soweit übersehbar, von der rational choice-Theorie in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften her, von der sie beide behaupten, sie hätten sie persönlich schon längst überwunden und wären schon längst zu differenzierteren, dem menschlichen Verhalten angemesseneren Betrachtungsweisen übergegangen.

Da es an diesem Abend aber nun um die "Evolution des menschlichen Sozialverhaltens" ging, wäre es die erste Aufgabe von Grigerenzer und Esser gewesen aufzuzeigen, inwieweit sich ihr inzwischen so viel stärker "differenziertes" Denken schlicht und einfach in das allgemeine, übrige evolutionäre Denken einordnet, zu dem sie sich beide mehr oder weniger ausgesprochen bekannten. Und sie hätten aufzeigen müssen, wie ihr eigenes Denken und Forschen dem allgemeinen evolutionären Nachdenken über den Menschen Anregung geben kann. Das taten beide im besten Falle - verhalten.

Wie geht man mit Lippenbekenntnissen um?

Aber die entscheidende Frage, die sich dem Autor dieser Zeilen stellt, ist nun: Wie geht man als Biologe (Peter Hammerstein) oder als tief und eindeutig im evolutionären Denken verwurzelter Soziologe (Peter Weingart) mit solchen Lippenbekenntnissen zum evolutionären Denken um? Es könnte einem nicht aggressiv genug gewesen sein, was Hammerstein und Weingart gestern abend vorzubringen hatten solchen Lippenbekenntnissen gegenüber.

Alles, was beide sagten, war vom Inhalt her brilliant. Peter Weingart (siehe Bild rechts), der Organisator des Forums, referierte die Evolutionstheorien unter anderem von Luigi Cavalli-Sforza und Marcus Feldman, sowie von Edward O. Wilson und Charles Lumsden (siehe ihr Buch "Das Feuer des Prometheus"). Gerade die letztere Theorie geht davon aus, worauf auch Peter Weingart aufmerksam machte, daß "nicht alle (menschlichen) kulturellen Entwicklungen" in jeder populationsgenetischen Häufigkeitsverteilung möglich sind, sondern daß Gene und Kultur einander bedingen. Was will man mehr? Das sind unglaublich fruchtbare Ansätze, um über das Wesen des Menschen und seiner kulturellen Vielfalt weltweit nachzudenken und zu forschen.

Peter Hammerstein referierte über den Verwandten-Altruismus von William D. Hamilton, verwies darauf, daß dieser im menschlichen Alltagsleben eine unübersehbare Rolle spielt und referierte darüber, daß es für den Gegenseitigkeits-Altruismus des Robert Trivers erstaunlich wenige Beispiele im Verhalten der Tiere gibt. (Er sprach vom "Schiffbruch" der Theorie vom reziproken Altruismus.) Hammerstein ging dann auf die Theorie von der Gruppenselektion ein, wobei er von einem Selektionsvorteil einer genetischen Basis für gruppenkonformes Verhalten beim Menschen ausging und die kulturelle Gruppenselektion nach Boyd und Richerson favorisierte. Daß es menschliche Kulturen gibt, die mehr auf Individualität - in Europa - und mehr auf gruppenkonformes Verhalten - in Asien - wert legen, und daß auch das - siehe Weingart - im Zusammenhang mit unterschiedlicher Genetik stehen könnte, darauf ging Hammerstein nicht ein. (Er erwähnte aber an anderer Stelle flüchtig die weltweit unterschiedlich verteilte Genetik der Erwachsenen-Milchverdauung.)

Mehr die Sensibilität des Themas herausarbeiten

Hier aber schon könnte man einen der Hauptkritikpunkte des Abends sehen. Wenn man zu fruchtbaren Streitgesprächen kommen will, und bloße Lippenbekenntnisse zu evolutionärem Denken klarer als solche durchschaut sehen möchte, dann muß man ein wenig mehr, als Hammerstein und Weingart das taten, die ambivalente, gefährliche Natur der evolutionären Bedingtheit menschlichen Verhaltens herausarbeiten. Man darf nicht nur die "Wohlfühl"-Aspekte eines solchen Denkens herausarbeiten. Und man muß auch aufzeigen, zu was für einer viel differenzierteren Betrachtungsweise man auch ganz allgemein gelangt, wenn man evolutionär denkt.

Hammerstein tat das dann ansatzweise, als er in der Diskussion auf lethale Gruppenauseinandersetzungen in der Evolution menschlichen Sozialverhaltens hinwies und auf diesbezügliche Beobachtungen schon bei Schimpansen. Er tat es vielleicht noch mehr, als er darauf hinwies, daß auch das Sprechen von "bedingt optimierten Entscheidungen" (das Hauptthema von Gigerenzer und Esser) aus evolutionärer Sicht immer noch keine sehr gültige Beschreibung menschlichen Sozialverhaltens ist. Hammerstein wies nämlich auf die genetische Angepaßtheit von Sozialverhalten hin - wie das Fluchtverhalten von Huftieren -, das unter veränderten Lebensbedingungen - etwa Zoo-Haltung - unangepaßt wird.

Und mit einem Schlag merkt man, welche riesige Bandbreite von Möglichkeiten im Denken die rational choice-Theoretiker bislang, sprich Jahrzehnte lang (!), übersehen haben, selbst dann noch, wenn sie weniger rationale "Bauchentscheidungen" nun endlich in ihre Theorien mit hineingenommen haben. Auch diese weniger rationalen Bauchentscheidungen können noch evolutionär unangepaßt sein. Ob sie darüber schon jemals ernsthafter nachgedacht haben? Ob ihre eigenen "Bauchentscheidungen" in der Wahl ihres wissenschaftlichen Themas bislang schon evolutionär angepaßt genug gewesen sind? - - -

Weingart und Hammerstein hätten ein bischen herausfordernder auf die Brisanz ihrer Themen aufmerksam machen müssen. Denn nur dann kommt doch fruchtbare Diskussion und Auseinandersetzung in der Sache zustande. Nur dann kann wohlgefälliges, Gegensätze verwischendes, gegenseitiges Köpfenicken vermieden werden. - So das Fazit dieses Abends.

Montag, 22. Juni 2009

Kultur ist der wichtigste evolutionäre Selektionsfaktor des Menschen

Derzeit behandelt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Nachfolge-Organisation der früheren Preußischen Akademie der Wissenschaften, einige Kernthemen dieses Wissenschaftsblogs "Studium generale" (BBAW-Jahresthema). Wir wiesen schon mehrfach darauf hin (Stud. gen. 1, 2, 3). Im April referierte einer der großen theoretischen Begründer der Soziobiologie und ein entschiedener Kritiker einer zu Israel-freundlichen Politik der USA (Stud. gen.), Robert Trivers.

Und am 20. Juli, 18 Uhr, wird der Berliner Theoretische Biologe Peter Hammerstein referieren. Außerdem der der Naturwissenschaft schon seit Jahren aufnahmebereit gegenüberstehende Soziologe Peter Weingart. Außerdem zwei weitere Referenten. Zu der Fragestellung "Wie viel Gesellschaft erklären die Biologen?" In der Ankündigung heißt es:
Seit mehr als hundert Jahren besteht ein Konflikt zwischen der Soziologie und der Biologie um die Deutungshoheit gesellschaftlicher Prozesse. Wechselseitige Ignoranz und ein Denken in den Gegensätzen „Natur“ und „Kultur“ behindern oftmals einen fruchtbaren Austausch.
Und:
Werden Institutionen wie Familie, Arbeitsteilung oder das Inzesttabu von der Umwelt oder durch Gene beeinflusst? Wie kann Sozialverhalten angesichts der Bedeutung von Kultur und der biologischen Natur des Menschen erklärt werden?
Beide genannten Referenten scheinen den vielerorts noch autistisch vor sich hinarbeitenden Soziologen, Geistes- und Kulturwissenschaftlern gegenüber noch zu mancherlei Zugeständnissen bereit zu sein. Peter Weingart:
... Anhand einiger Kritiken lässt sich zeigen, warum die Soziologie der Anwendung der Evolutionstheorie auf den sozialen Wandel kritisch gegenübersteht und es noch nicht zu der „Evolutionären Synthese“ gekommen ist, wie sie die Biologie erlebt hat.
Und Peter Hammerstein?:
... Während die Sozialität der Insekten mit mathematischen Modellen der genetischen Evolution erklärt werden kann, lässt sich das Prinzip nicht direkt auf den Menschen übertragen. Offenbar besitzt Kulturevolution eigene Gesetzmäßigkeiten, die sich von denen der genetischen Evolution wesentlich unterscheiden.
Abgesehen davon, daß auch bei den Insekten noch längst nicht alles klar ist (siehe etwa Stud. gen. 1 oder 2): Da scheint doch noch mit allerhand Samtpfoten um die traditionell abgesteckten Wissenschaftsgräben, um die abgesteckten "Claims" herumgeschlichen zu werden.

Daß die Evolution vom Tier zum Menschen ein fließender Übergangsprozeß gewesen ist, der sich über Jahrzehntausende hinweg erstreckte, ein Prozeß, der weder abrupt begann noch abrupt endete, daß auch die menschliche, genetische Evolution in den letzten Jahrtausenden und Jahrhunderten weitergegangen ist, trotz, nein, mit aller Kultur, daß Kultur selbst den wichtigsten Selektionsfaktor für die Genetik des Menschen heute bildet (nicht die natürliche Umwelt), daß es zwischen Genetik und Kultur einen komplexen Rückkoppelungs-Prozeß gibt, der immer konkreter erforscht werden kann, da von der Verhaltensgenetik des Menschen immer mehr bekannt wird, daß Demographien von Gesellschaften etwas mit Selektion und damit mit Evolution zu tun haben könnten - ob man an diesem Abend etwas über solche Dinge - und zwar möglichst konkret - hören wird?

Samstag, 28. Februar 2009

Die Taktgeber der Evolution sind nicht Punktmutationen

Das neue Buch von Joachim Bauer

Es ist nicht ohne Reiz zu beobachten, wie sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse ausbreiten. "Studium generale" verfolgt schon seit Jahren mit besonderer Vorliebe alles, was sich an seriöser Wissenschaft jenseits des neodarwinischen Mainstreams bewegt oder im Widerspruch zu ihm. Als wichtigsten Forscher hat es da in den letzten Jahren Simon Conway Morris gegeben, dem auch ein Richard Dawkins seinen Respekt nicht verweigert hat. Und "Studium generale" befaßte sich gründlich mit ihm.

Aber seit kurzem gibt es da noch einen anderen. Sein Name lautet Joachim Bauer. Sein neues Buch "Das kooperative Gen" ist schon viele Monate auf dem Markt. Aber warum hat "Studium generale" nicht schon längst einmal einen Blick in dieses Buch geworfen?

In bislang gelesenen Rezensionen wurde Joachim Bauer immer so dargestellt, als handele es sich um einen - mit mehr oder weniger Wohlwollen und nachsichtigem Lächeln zur Kenntnis genommenen - "Hobby-Forscher". Einer, der halt auch einmal an der einen oder anderen Stelle von einer wichtigen Neueinsicht zu berichten und sie populärwissenschaftlich aufzubereiten weiß.

Joachim Bauer ist ernst zu nehmen, sogar sehr, sehr ernst

Aber nein, Joachim Bauer ist doch kein Hobby-Forscher. Das, was er in "Das kooperative Gen" ausführt, ist - ähnlich wie bei Simon Conway Morris - unglaublich dicht am Forschungsstand der wenigen letzten zehn Jahre entlang geführt. Das kann nur jemand, der tief in der Materie drinsteckt und sich in sie hineingewühlt hat, der wirklich gründlich und umfassend gearbeitet hat. Welch eine Fülle von Neuerkenntnissen referiert Bauer nur schon auf 200 recht groß gedruckten Seiten.

Auf zwölf Seiten kleiner gedrucktem Literaturverzeichnis wird kaum Literatur zitiert, die älter ist als zehn Jahre. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Joachim Bauer habilitierte sich im Jahr 1990 bei Wolfgang Gerok in Freiburg (siehe Bild links, geb. 1926), mit dem er auch zahlreiche Forschungsarbeiten gemeinsam veröffentlichte. 1992 hörte der Autor dieser Zeilen einen sehr guten Vortrag von Gerok über die "Biologischen und medizinischen Aspekte des Alterns". In Deutschland gibt es nur wenige Alternsforscher. Gerok ist einer von ihnen. Vielleicht darf man deshalb von Joachim Bauer früher oder später auch noch einen weiteren Bestseller zur Alternsforschung erwarten, die man ja nach dem Haeckel'schen Grundgesetz (Ontogenese spiegelt Phylogenese) in enge Beziehung auch zum Thema seines derzeit aktuellen Buches stellen könnte, und zu dem es auch in früheren Bauer-Büchern schon Vorbereitendes gibt. (Gerok ist auch Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der früheren berühmten Preußischen Akademie der Wissenschaften.)

Es ist einfach ein Fehler, wenn das Buch von Bauer vornehmlich unter "ideologischen" Gesichtspunkten gelesen wird, statt zunächst einmal einfach die Wissenschaft nachzuvollziehen, die es hier nachzuvollziehen gibt. Und dazu muß man sich natürlich auch die von Bauer zitierte Literatur anschauen. Was denn wohl sonst? Aber hier erfährt Bauer offenbar das gleiche Schicksal wie Conway Morris. Beide fassen im Grunde nur wissenschaftliche Fachdiskussionen zusammen, die es in diversen wissenschaftlichen Bereichen sowieso schon seit Jahren gibt, nur nicht populärwissenschaftlich zusammen gefaßt. Aber wehe, es kommt einmal jemand, wie eben Conway Morris oder Bauer, der sie populärwissenschaftlich und mehr oder weniger "paradigmatisch" zusammen faßt.

Natürlich werfen neue Forschungen neue Aspekte auf. Wo hätte es jemals Stillstand gegeben in der naturwissenschaftlichen Forschung der letzten Jahrhunderte? Aber die Gralshüter atheistischer Evolutionsdeutungen und des dogmatischen Neodarwinismus - ja, allmählich könnte es doch richtig werden, solche "Kampfbegriffe" zu benutzen - solche Gralshüter glauben mitunter, es brauche sich zukünftig an ihrer Weltsicht nichts mehr zu ändern. Es wäre alles schon erforscht und geklärt.

Nichts ist abwegiger und absurder.

Kleine, vorläufige Inhaltsangabe

Wovon ist die Rede? Daß Evolution nach allen neueren Einsichten nicht allein oder vornehmlich im zufälligen, passiven, sich quälend dahinschleppenden Punktmutation-Selektion-Rhythmus verläuft, wie es Darwin noch versuchte zu beschreiben (in einer malthusianisch "vollen Welt"), sondern daß die "Taktgeber" der Evolution höchstwahrscheinlich ganz andere Dinge sind also bloße Zufallsmutationen. Aussterbe-Ereignisse, Streß-Ereignisse riesigen Ausmaßes im Rhythmus von vielen Millionen Jahren und die Art der derzeit immer besser (durch Genomvergleiche verschiedenster Arten) erforschten und erforschbaren Reaktionen des Genoms der Organismen auf diese Streß-Ereignisse. Sowie dann neue Artbildungen in sprichwörtlich leere Räume hinein.

Reaktionen auf Streßereignisse sind zum Beispiel großräumige Umgruppierungen im Genom, durch Genverdoppelungen und -vervielfachungen, durch Neuablesen von Genomen. Und all das bei gleichzeitigem "Hochkonservierten-in-Vorrat-Halten" von Genomabschnitten, die - etwa - basale zellphysiologische Mechanismen kontrollieren.

Soweit zunächst einmal nur als vorläufige Kurzfassung. Es könnte vom Leser durchaus auch eine größere innere Elastizität erfordert sein, um sich darüber klar zu werden, was es mit diesen neuen Taktgebern der Evolution eigentlich auf sich haben könnte und wie sich durch sie unser gegenwärtiges und künftiges Welt- und Menschenbild ändern könnte. (Siehe dazu auch übernächster Beitrag.)

Nachbemerkungen: Hier noch eine Sendung des Deutschlandsradios über das Buch. Ein viel zu oberflächlicher, absprechender Kommentar von Axel Meyer zu Joachim Bauer (hier als pdf.) findet sich im "Handelsblatt", auf den Bauer geantwortet hat. Übrigens diskutieren darüber auch einige Peter Mersch-Fan's auf dem Bright's-Blog. Joachim Bauer wird in der Wissenschaftsblog-Szene durchaus rezipiert. - Bauer diskutierte mit einem Mitarbeiter des "Labourjournals" ---> hier.

Montag, 2. Februar 2009

Intelligenz-Evolution des Menschen - Axel Meyer bloggt

Ein Rundum-Blick in der Kolumne "Quantensprung"

Auf der hervorragenden Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von neulich konnte man auch den spannenden Ausführungen des Evolutionsbiologen Axel Meyer lauschen. (siehe Stud. gen.) Angeregt dadurch entdeckt "Studium generale" jetzt - erst jetzt! -, daß es schon seit über zwei Jahren quasi einen außerordentlich lesenswerten "Wissenschafts-Blog" von Axel Meyer gibt, der über weite Bereiche ein sehr ähnliches Themenspektrum behandelt wie "Studium generale", nämlich die Kolumne "Quantensprung" auf der wöchentlichen Wissenschaftsseite des "Handelsblattes". Sie wurde schon am 24.11.2005 begonnen. (Überlick siehe ---> hier) Diese Kolumne ist inzwischen auch als Buch erschienen (---> Bücher) und wird man sicherlich nicht nur deshalb mit Interesse lesen, weil Axel Meyer unter anderem auch Beiratsmitglied der "Giordano Bruno-Stiftung" ist.

Beschleunigung der Evolution durch Gehirne (Allan C. Wilson)

Schauen wir rein. Der spannendste Beitrag, den man dort finden kann, ist eine Kolumne vom 26.8.2008. Sie behandelt das Thema: "Große Gehirne fördern die Evolution" (pdf.). Meyer berichtet in ihr über seinen bedeutendsten akademischen Lehrer (neben Ernst Mayr), nämlich Allan C. Wilson, sowie über dessen These, daß große Gehirne durch eine Gen-Kultur-Koevolution die Evolution beschleunigen, sowie über neue Belege, die jüngst gesammelt wurden für die Richtigkeit dieser These. Meyer schreibt:

Offensichtlich sind einige Tiergruppen evolutionär erfolgreicher als andere - obwohl es umstritten ist, wie man „Erfolg“ in der Evolution überhaupt definieren soll. Der Biologe J.B.S. Haldane unterstellte Gott mit einem Augenzwinkern eine Vorliebe für Käfer, denn keine andere Gruppe von Organismen sei so artenreich. Eine andere Meßlatte für Erfolg ist aber nicht Artenreichtum, sondern das Ausmaß und die Geschwindigkeit äußerlicher Evolution, also die Frage, wie sehr sich Arten in einer Gruppe voneinander unterscheiden.

Schon vor genau 25 Jahren schlug mein Professor in Berkeley, der Biochemiker Allan C. Wilson, vor, daß bei „höheren“ Wirbeltieren die Verhaltensflexibilität eine entscheidende Rolle für evolutionären Erfolg spielt. Diese Idee wurde „Behavioral drive“-Hypothese genannt. Der „Verhaltensantrieb“ sollte etwa erklären, warum Vögel evolutionär erfolgreicher sind als Amphibien. Die Theorie war jedoch sehr umstritten und wurde wieder vergessen.

In den 25 Jahren nach Wilsons Studien konnten Vergleiche zwischen vielen Arten zeigen, daß Gehirngröße und Verhaltenskomplexität eng gekoppelt sind. Nun haben Daniel Sol von der Autonomen Universität Barcelona und Trevor Price von der Universität von Chicago in der Fachzeitschrift „American Naturalist“ einen Artikel veröffentlicht, in dem sie den Verhaltensantrieb als starke evolutionäre Kraft wiederauferstehen lassen.

Im Vergleich von 120 verschiedenen Vogelfamilien mit über 7 000 Arten von Vögeln konnten sie nachweisen, daß die Gehirngröße der Tiere einen großen Teil der Unterschiede zwischen den Arten innerhalb einer Familie erklärt. Soll heißen, klügere Vögel mit überdurchschnittlichen großen Gehirnen haben sich mehr und schneller verändert als solche mit kleineren Gehirnen. Die Gewinner waren Spechte, Hornvögel, Eulen, Papageien und Krähen.

Nebenbei bemerkt, auch wenn der Titel der Zeitschrift - „American Naturalist“ - eher wie das Fachblatt der Nudistenbewegung Amerikas klingt, so ist sie doch eine der renommiertesten Zeitschriften der Evolutionsbiologie, und diese Daten sind statistisch solide.
Diese Studie war bislang der Aufmerksamkeit von "Stud. gen." entgangen und sie wird man sich gewiß noch einmal besonders anschauen müssen. (hier, hier ... freies pdf.) Und da wird es natürlich um so spannender, wie Meyer ansonsten so die Vergangenheit und Zukunft der Evolution des Menschen sieht. Nur folgerichtig erscheint es, wenn Meyer schon in einer Kolumne zuvor am 17.7.2008 über die Frage "Entwickelt sich der Mensch noch weiter?" zum Schluß zu dem Ergebnis kommt:
Die Evolution geht weiter, auch für uns, und sie wird durch Kultur eher noch schneller als langsamer.
Und entsprechend heißt es in der bislang jüngsten Kolumne vom 29.1.09 wiederum sehr richtig:
Die Evolution hat im Holozän nicht haltgemacht, sie hat sich eher beschleunigt. Beispielsweise hat sich die Fähigkeit, als Erwachsener Milchzucker zu verdauen, sehr schnell innerhalb nur sehr weniger Generationen verbreitet. Und vom Gen für Amylase, ein Enzym, das Stärke in Zucker zerlegt, tragen genau die Völker besonders viele Kopien im Genom, die auch viel Stärke essen. Schimpansen übrigens besitzen nur zwei Kopien dieses Gens.

Menschliche Rassen und Völker in der Evolution

Ob sich da Meyer auch schon zu dem Thema jüngste, lokale Humanevolution geäußert hat, spricht zum Thema "Rasse und Genetik"? Ja, schon am 16. 11.2006 wandte er sich diesem Thema zu ("Genom und Rassen des Menschen", ---> hier, pdf.), das ja auch für seinen akademischen Lehrer Ernst Mayr nie ein Tabuthema war und sein konnte. Meyer schreibt:

... Die Genomik und daraus erwachsene neue Disziplinen wie Systembiologie sind heiße Forschungsgebiete - neue Zeitschriften und Professuren schießen wie Pilze aus dem Boden, in den USA, England, Singapur und China. (...)

Die Genomik ist auch wirtschaftlich bedeutend. Die "Pharmakogenomik“ sucht nach Behandlungen und Medikamenten-Cocktails, die auf Einzelne oder Gruppen von Patienten zugeschnitten sind und auf deren spezieller Genzusammensetzung beruhen.

Patientengruppen? Kaum eine Frage erregt die Gemüter so sehr wie das Konzept und die genetischen Grundlagen menschlicher „Rassen“. Es ist nicht politically correct, sie zu erforschen oder auch nur das Wort in den Mund zu nehmen. Ein ethisches Minenfeld (...).

Immer häufiger erscheinen aber Artikel in renommierten Fachzeitschriften, die entweder kategorisch behaupten, daß es keine biologischen (genetischen) Grundlagen für menschliche Rassen gibt, oder aber - was jeder Arzt weiß -, daß es sehr wohl eine Beziehung zwischen gesundheitlichen, genetisch bedingten Risikofaktoren und Prädispositionen für bestimmte Krankheiten bei bestimmten Patientengruppen gibt, ohne sie Rassen zu nennen. Es gibt biomedizinische und populationsgenetische, objektive Kriterien, nach denen menschliche Populationen charakterisiert und kategorisiert werden könn(t)en. Dafür sind nur relativ wenige „Markergene“ nötig, die in verschiedener Häufigkeit oder Zusammensetzung auftreten bei der ältesten und genetisch diversesten Population, den Afrikanern, und jüngeren Populationen, die von ihnen abstammen. Zu Letzteren gehören „Kaukasier“ (wie „Weiße“ in den USA genannt werden), Bewohner der pazifischen Inseln (z.B. Papua-Neuguinea und Melanesien), Ostasiaten und die jüngste Gruppe, die nordamerikanischen Ureinwohner (...). Die biologisch-genetische Basis für Unterschiede zwischen Menschen verschiedener geographischer Herkunft besteht sehr wohl. Die Pharmaindustrie weiß es längst und forscht daran.

IQ-Evolution?

Angesichts all der bislang angeführten Kolumnen-Ausführungen wäre es nur naheliegend, wenn Axel Meyer auch die Erforschung und Diskussion der lokalen, jüngsten Evolution des menschlichen IQ's vorurteilsfrei behandeln würde. Aber als es zu dem Skandal von 2007 um James Watson diesbezüglich kam (siehe Beiträge dazu auf St. gen.), äußerte sich Meyer auffallend zurückhaltend unter dem Titel "Das traurige Ende des ehrlichen Jim" (1.11.2007). Dabei ließ er im Artikel letztlich offen, ob er die damals diskutierten Äußerungen Watson's über die Beziehung zwischen IQ und Rasse zum "unhaltbaren Blödsinn" oder nur zum "politisch Unbeliebten" unter den vielen Äußerungen von Watson zählt (---> hier, pdf.). Ob das die richtigen Signale aus der Wissenschaft heraus an die Öffentlichkeit sind, mag dahin stehen.

Axel Meyer und Monogamie

Monogamie könnte ebenfalls etwas mit Intelligenz-Evolution zu tun haben, wie Forschungen von Robin Dunbar jüngst vermuten lassen. Mit Monogamie nun beschäftigt sich Axel Meyer auch recht häufig, allerdings offenbar noch ohne die Forschungen Robin Dunbar's zu erwähnen. Der Tenor seiner Äußerungen liegt etwas anders:

Monogamie widerspricht einigen der ältesten und tiefsten evolutionären Neigungen des Menschen,

sagt er zum Beispiel am 27.3.2008. Und am 3. April 2008 titelt er sogar ziemlich kraß "Monogamie ist unnatürlich". Doch dieser Artikel endet mit den entzaubernd/verzaubernden Worten über die in der Natur vorherrschende "milde Form polygamer Verhaltensweisen", sie

... dürfte daher also genetisch veranlagt sein. Was natürlich ist, muß nicht „gut“ sein. Kleine Wunder passieren aber immer wieder, und viele Ehen sind auch genetisch monogam.

Nunja. - - - Monogamie "unnatürlich"?

/ Ergänzung 6.2.23: Über die Bedeutung der Monogamie für die Evolution komplexen Lebens auf der Erde haben wir auf "Studium generale" seither mehrere grundlegende Beiträge veröffentlicht. Inzwischen ist übrigens auch bekannt geworden, daß soziale Monogamie mehr zu Gehirn- und Intelligenz-Evolution beiträgt als die hier genannte genetisch vorgegebene Monogamie. /

Axel Meyer und Simon Conway Morris

Am 26. Juni 2008 beschäftigt sich Meyer unter dem Titel "Notwendigkeit und Zufall" mit Simon Conway Morris. Dieser war schon vielfältig Thema auf "Studium generale" war. Der Schluß des Artikels, in dem zuvor auch schon recht abwertend von "Armstuhlbiologie" die Rede war, kann einem als weitaus zu einseitig formuliert erscheinen, wo es doch gerade Axel Meyer ist, der konvergente Evolution auch bei seinen hoch geliebten Buntbarschen erforscht - und das ja mit viel Grund:

Conway-Morris' Thesen sind nur eine sehr merkwürdig anmutende Mischung aus Teleologie und Theologie.

Das ist schlicht und einfach nicht wahr und viel zu verkürzt geurteilt. Theologie enthält nur das letzte, kurze Kapitel seines Buches "Life's Solution". Der Rest ist ausschließlich Naturwissenschaft. 

/ Ergänzung 6.2.23: Inzwischen wird kaum ein Wissenschaftler mehr sagen, daß es "merkwürdig" wäre, auf die reiche Fülle der evolutionäre Konvergenzen hinzuweisen und zu fragen, worauf sie zurück zu führen ist und ob sie nicht auch philosophische Deutungen nahelegt, die nicht in gar zu schlichte materialistische Weltbilder passen. /

Mit der "bezahlbaren Genomik für alle", die ebenfalls schon Thema hier auf dem Blog war, beschäftigt sich Meyer am 27.11.08:

Den meisten Menschen in der westlichen Welt wird es in wenigen Jahren möglich sein, ihr komplettes Genom auf einer DVD nach Hause zu tragen.

Verwandten-Ehen und IQ-Evolution

Am 15. Januar 2009 ist die Kolumne betitel "Forschergene und Inzest mit Cousinen". Sie beschäftigt sich mit der spannenden Thematik der Verwandten-Ehen, die durchaus auch etwas mit (IQ-)Evolution (zum Beispiel bei aschkenasischen Juden) zu tun haben könnten, wie ebenfalls schon auf "Stu. gen." diskutiert worden ist. (Verwandten-Ehen können eine Häufung sowohl von positiven wie negativen Merkmalen mit sich bringen, was neue Ansatzpunkte für Selektion schaffen kann.) Meyer führt über Cousin-Cousinen-Ehen aus:

Das genetische Risiko für Kinder aus solchen Ehen ist abhängig von komplexen Faktoren: Etwa von dem Maß, in dem die Menschen einer Gesellschaft sich genetisch unterscheiden, ...
- sehr richtig. Hier spricht Meyer von dem durchschnittlichen genetischen Verwandtschaftsgrad zwischen Menschen einer Bevölkerung, der durchaus sehr unterschiedlich sein kann und sich auch ändern kann. (Die Thematik wurde auf St. gen. zuletzt hier behandelt.) Weiter:
... außerdem von der Häufigkeit eines Gendefekts, dem Modus der Vererbung und der Anzahl der beteiligten Gene. Alles in allem scheint aber das genetische Risiko bei Kusinenheiraten nur um etwa zwei bis drei Prozent zu steigen.

In der Kolumne vom 22.1.09 heißt es zum Thema "Natur oder Kultur?":

Sogar von Genen für Religiosität ist mittlerweile die Rede - und niemand scheint sich mehr zu wundern.
;-) - Und weiter:
In einem Fernsehinterview letzte Woche sagte in diesem Zusammenhang der erfolgreiche Darwinbuchautor und promovierte Biochemiker Jürgen Neffe etwas sehr Merkwürdiges. Herr Neffe erklärte richtig, daß nur etwa fünf Prozent unseres Genoms Gene sind. Deshalb sei das menschliche Verhalten zu 95 Prozent kulturell bestimmt. Wie kommt er darauf?

Grins. Natürlich eine einigermaßen idiotische Schlußfolgerung. - Im Ganzen also eine sehr spannend zu lesende Kolumne, schon wegen der Themenauswahl. Eine Kolumne allerdings, bei der man phasenweise durchaus immer einmal wieder "Schwächeln" erwarten muß, was man aber gerne in Kauf nimmt, wenn man dann wieder in "Stärkephasen" hinein gerät.

Und auch dem Studium der langen Reihe von Artikeln für andere Zeitungen (hier), bzw. natürlich auch der Forschungsartikel (hier) sieht man da mit einigem Interesse entgegen.

Sonntag, 25. Januar 2009

Berlin, Termin: Evolution für alle Altersstufen II

Und es war gut. (Siehe voriger Artikel.) Es war "Studium generale" vom Feinsten.

Astrophysiker Günther Hasinger hat unglaublich kompetent und dicht über die neuesten Erkenntnisse zur Entwicklung des Universums gesprochen und zur Unwahrscheinlichkeit der Existenz eines Universums, das Menschen ermöglicht und der Unwahrscheinlichkeit eines Ortes für Leben in diesem Universum (anthropisches Prinzip). Er stellte auch heraus, daß in der bisherigen 13,5 Milliarde Jahre langen Entwicklung des Universums die Entwicklung des Lebens auf der Erde durchaus viel Zeit einnahm (etwa 4,5 Mrd. Jahre). Aber auch hier gibt es Überraschungen. Wenn man für die 13,5 Milliarden Jahre die Zeitskala eines Jahres wählt, entsteht Leben auf der Erde im September. Aber merkwürdigerweise brauchte das Universum zwar "das ganze Frühjahr hindurch", um in vielen Generationen von Sternen all die Elemente auszubrüten, aus denen unser Sonnensystem besteht, und ohne die Leben gar nicht möglich wäre. Aber nachdem die Erde entstanden war, dauerte es nur "drei Wochen" (oder waren es "drei Tage"?), bis daß auf dieser Erde dann auch Leben entstand. Das war in der genannten universellen Zeitskala gemessen sehr schnell. Und das ist sicherlich erstaunlich und erklärungsbedürftig. Danach aber dauerte es dann wieder bis zum Dezember, bis Menschenaffen entstanden.

Wenn man sich nun überlegt, daß es auch andere Zivilisationen im Universum geben könnte (was wohl unwahrscheinlich aber nicht völlig unmöglich ist), dann drängt sich ja eigentlich auch die Vermutung auf, daß sich auch diese andere Zivilisation in nicht allzu stark anderen Zeitskalen entwickelt haben kann. Vielleicht eine Milliarde Jahre früher oder später. Aber nicht weiter abweichend. Aber damit sind nur wenige Implikationen dieses unglaublich dichten und informationshaltigen Vortrages genannt, der sicherlich der eindrucksvollste des Abends war. Es ist unglaublich, was die Astronomie in den letzten Jahren alles herausbekommen hat, wie weit sie in der Geschichte des Universums schon zurückschauen kann.

Der zweite wichtige Vortrag des Abends war der des Buntbarsch-Experten Axel Meyer aus Konstanz. Auch hier ist das persönliche Anhören dieses ausgewiesenen Experten auf diesem so besonders wichtigen Gebiet der modernen Evolutionsforschung durch gar nichts anderes zu ersetzen. In wenigen zehntausend Jahren haben die Buntbarsche bei wenigen genetischen Veränderungen viele neue Arten (mehrere tausend) aus wenigen Vorfahren entwickelt - etwa parallel zur Evolution des anatomisch modernen Menschen. Und das während in anderen Fischgruppen über viel weitere geographische Entfernungen hinweg (über ganz Europa und Asien hinweg) höchstens einige hundert neue Arten entstanden. Als das Überraschendste, was Axel Meyer an Tatsachen brachte, konnte man die Beispiele für konvergente Evolution von Buntbarsch-Arten in unterschiedlichen ostafrikanischen Seen ebenso wie in Vulkan-Krater-Seen in Nicaragua (Mittelamerika) erachten (letztere wohl innerhalb von weniger als 23.000 Jahren, vielleicht auch nur von hundert Jahren).

Genetisch weitgehend identische Linien entwickeln sich zu völlig neuen Arten - und dabei auch noch konvergent zu parallel ganz ähnlichen Formen in den anderen Seen, so daß man sie äußerlich für Angehörige einer Art ansehen könnte, was sie aber genetisch gar nicht sind. Wenn es schlagendere Beispiele dafür geben soll, daß Selektion im Bereich der Gene gar nicht die Hauptursache für die Entstehung der Arten sein muß, dann sind es diese Beispiele. Axel Meyer machte schnell und überzeugend klar, daß man viele der tausende von Buntbarsch-Arten genetisch kaum in einem chronologischen und verwandtschaftlichen Stammbaum anordnen kann, da sie dafür genetisch noch viel zu jung sind und dafür zu wenige Unterschiede in der Genom-Sequenz aufweisen. Wie sollen da Mutationen in der Genom-Sequenz hauptverantwortlich für die Artbildung bei den Buntbarschen gewesen sein? Nein, das weist überzeugend daraufhin, daß einfach schon Änderungen in den Ablese-Zuständen von Genen (Methylierung und Demethylierung) zu neuen Arten führen können. Das hat Meyer hier gar nicht weiter ausgeführt. Aber er sagte, daß gegenwärtig das gesamte Genom von sechs Buntbarsch-Arten sequenziert wird, und daß man durch den Vergleich dieser sechs Genome schon wieder vieles besser wissen wird.

Aber wie nun die genannten Änderungen in den Ablese-Zuständen erzeugt und fixiert werden, das herauszubekommen wird die Forschungsaufgabe der nächsten Jahre sein. Mit traditioneller Populationsgenetik wie sie etwa derzeit auch auf "Selective Sweep" durch Emanuel Heitlinger verdienstvollerweise thematisiert wird, kann da wohl nur wenig erklärt werden. Und das zeigt auch auf, daß die neu entdeckten "jüngstselektierten Gene" in der Humangenetik und in der Genetik anderer Organismen nur einen geringen, auch eher willkürlichen Teil in der Gesamt-Erklärung für die Evolution neuer Arten und Unterarten (Rassen) in den letzten zehntausenden von Jahren darstellen werden.

Tiefergehende Erörterungen der derzeitigen Buntbarsch-Forschungen im --> "Research Blogging".

Ingo Rechenberg hat Evolutions-Computer-Modelle vorgestellt, in denen ganz selbstverständlich gruppenselektionistische Evolutionsstrategien angewandt wurden - weil diese am erfolgreichsten viele evolutive Vorgänge erklären können, auch solcher Erscheinungen wie der Evolution des Linsenauges oder der Konstruktion von Bauplänen.

Und eine außergewöhnlich lebhafte Podiumsdiskussion gab es zur "Evolution sexueller Untreue". Der Darwinfinken-Experte Wolfgang Forstmeyer (MPI Seewiesen), der Kulturethologe und Neuguinea-Spezialist Wulf Schiefenhövel (MPI Andechs) ebenso wie die ökonomische Familienexpertin Evelyn Korn plädierten überzeugend für eine gelungene und ausgewogene Kombination von biologischen und kulturellen Erklärungen gegen oft allzu wenig biologisch informierte Theorien aus der Literaturwissenschaft, wie sie hier - stellvertretend für viele - von Sigrid Weigel vorgetragen worden sind. Es war der eigentlich aus der Naturwissenschaft kokmmende Wulf Schiefenhövel, der auch große kulturwissenschaftliche Informiertheit aufwies, wenn er etwa darlegte, daß das Konzept der "Treue" im europäischen Bereich nicht aus der Bibel oder aus lateinischen Rechtsvorschriften stammt (wie von Sigrid Weigel kurzschlüssig vorausgesetzt), sondern Wortstamm-Nähe zu Englisch "tree" aufweist. Treu sein heißt also wurzelfest sein wie ein Baum - in traditionellem europäischem Verständnis.

Und als das Konzept der romantischen Liebesehe von Weigel als ein modernes Konzept des 19. Jahrhunderts postuliert wurde - angeblich ohne größere historische oder gar biologische Tiefe und Verwurzelung - konnte Schiefenhövel überzeugend von romantischer Liebesdichtung bei den steinzeitlich lebenden Menschen in Papua-Neuguinea hinweisen, auf die selbst Goethe stolz gewesen wäre, wenn er darauf gekommen wäre, wie Schiefenhövel meinte. Forstmeyer konnte gut informiert mit den neuen Erkenntnissen zum Vasopressin-Rezeptor-Gen aufwarten (siehe dazu frühere Beiträge auf "Studium generale"). Aber das schlagkräftigste evolutionsbiologische Argument auf dem hier diskutierten Gebiet von Monogamie und Untreue, daß nämlich monogame Lebensweise auch etwas mit Intelligenz-Evolution zu tun haben könnte nach den neuesten Forschungen von Robin Dunbar (siehe frühere Beiträge von "Studium generale"), das war von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion offenbar noch nicht rezipiert worden. Dabei ist es wohl revolutionärer als fast alles andere, was derzeit zu diesem Themengebiet gesagt werden kann. Da hätte die Berlin-Brandenburgische Akademie mal den Wissenschaftsblog "Studium generale" um einen kleinen Diskussionsbeitrag bitten sollen. ;-) ... (Vielleicht tut sie's ja noch ...)

- Nein, sie tat es schon. Ein studentisches Filmteam lud Leute aus dem Publikum zu kurzen Interviews ein. Es wurden einige allgemeine Fragen über Evolution gestellt. Und auf diese hat auch "Studium generale" geantwortet. Die Interviews sollen in den nächsten Tagen auf der Netzseite der Akademie veröffentlicht werden, siehe ---> hier.

Und Journalist Matthias Glaubrecht nicht zu vergessen, der über Ernst Mayr berichtete, dem übrigens überhaupt eine ganze Vortragsfolge gewidmet war samt Filmvorführung. Hubert Markl nicht zu vergessen. ... Im Ganzen gewiß ein gelungener, reichhaltiger Abend, wie man ihn in dieser intellektuellen Dichte wohl selten sonst geboten bekommt. Und dabei ist in diesem Bericht höchstens die Hälfte aller Angebote, die man überhaupt hätte wahrnehmen können, erwähnt worden. Besuch war so stark, daß fast nirgends die bereitgestellte Bestuhlung ausreichte und man sich zumeist mit Stehplätzen begnügen mußte. Aber das tut man ja gerne bei solchen Kapazitäten und einem solchen "fetten" inhaltlichen Angebot - würdig unserem Zeitalter und dem von ihm angesammelten, weltgeschichtlich einzigartigen Wissen.

PS: Übrigens wird am gleichen Ort am 29. April der legendäre Robert Trivers referieren, theoretischer Biologe und Formulierer des Gegenseitigkeits-Altruismus. Und am 2. Juni Gangolf Hübinger über "Sozialdarwinismus und Geschichtsdenken". Dürfte ebenfalls "interessant" sein, wenn man sich die Bibliographie des Herrn Hübinger (etwa hier) durchsieht.

Samstag, 24. Januar 2009

Berlin, Termin: Evolution für alle Altersstufen

Achtung, Termin heute abend, 18.30 Uhr, in Berlin am Gendarmenmarkt:
"Die Evolution empfängt ihre Kinder".
Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, siehe ---> hier (pdf.-Flyer ganz unten auf der Seite). Eintritt frei. Ein sehr lukratives, vielfältiges Programm für alle Altersstufen, auch für Kinder und Jugendliche. Vorträge zum Beispiel von Hubert Markl (Verhaltensforscher), Wulf Schiefenhövel (Verhaltensforscher), Günther Hasinger (Astrophysiker), Matthias Glaubrecht (Biologe, Journalist), Axel Meyer (Buntbarsch-Biologe), Peter Weingart. Es ist gut und wichtig, alle solche Leute einmal live zu erleben. Auch viele gute Filme und Ausstellungen sind angekündigt. Zum Beispiel eine Ausstellung über die berühmte Neuguinea-Expedition von Ernst Mayr 1928/29.

"Studium generale" wird sich da auch mal umgucken. Wenn's gut war, gibt's einen Bericht. (- Klar war's gut --> Stud.gen.)

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