Posts mit dem Label 1943 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 1943 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 17. August 2014

Schützte Heinrich Himmler die Zeugen Jehovas, WEIL sie Hitlers Untergang vorausgesagt haben?

Warum war Heinrich Himmler ab 1943 von den Zeugen Jehovas begeistert?
Vorbemerkung vom 5. August 2015: Gerade erhalte ich - wie auch in den Kommentaren festgehalten - den mir sehr wertvoll erscheinenden Hinweis, dass es auch im Tagebuch des KZ-Lagerkommandanten Rudolf Höß Ausführungen über die Zeugen Jehovas gäbe. Und diese lassen sich leicht im Internet recherchieren, wieder - dankenswerterweise - auf der Internetseite von Manfred Gebhard. Und diese Ausführungen sollten gelesen werden, bevor der folgende Blogartikel gelesen wird. Denn sie ändern den ganzen Blick auf die hier behandelte Frage doch sehr. Man sieht erst durch diese Ausführungen in sehr überzeugender Weise, warum der Heinrich Himmler von diesen Zeugen Jehovas so fasziniert sein konnte. Auf die hier dargestellte "Vorgeschichte" seiner Faszination, wie sie sich in Sachsenhausen bei den dortigen Erschießungen von Zeugen Jehovas und bei sonstigen "Menschenversuchen" mit ihnen abspielte (die natürlich auch ein Hinweis sind auf das Menschenbild dieser KZ-Kommandanten), war ich bei Erarbeitung dieses Blogartikels gar nicht gestoßen. Heinrich Himmler brauchte also keineswegs die Prophetie der Zeugen Jehovas dafür, von ihnen fasziniert zu sein, was die Grundthese des vorliegenden Blogartikels war. Übrig wird aber bleiben, dass diese Prophethie ihm grade auch wegen der übrigen Faszination dann noch zusätzlich interessant erschienen sein könnte.
Die Zeugen Jehovas, auch "Ernste Bibelforscher" genannt, stellten keine unbedeutende Häftlingsgruppe in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches dar. Und Heinrich Himmler war spätestens ab Januar 1943 - auf Erfahrungsberichte seines Masseurs Felix Kersten und dessen Frau hin - nein, wie einleitend gesagt schon auf die Erfahrungsberichte seiner KZ-Kommandanten hin - von den Zeugen Jehovas und ihrem Fanatismus außerordentlich begeistert. Er wollte die Ostvölker nach dem Krieg, so schrieb er (s.u.) "pazifizieren", indem er dort das Missionieren der Buddhisten und der Zeugen Jehovas zulassen wollte. (Auch manchen Aspekten des Buddhismus brachte Himmler ja viel Sympathie entgegen.) Und so wie mit der Freilassung von Juden aus Konzentrationslagern wollte Himmler gegen Ende des Krieges auch mit der Freilassung von Zeugen Jehovas einen guten Eindruck schinden bei den westlichen Kriegsgegnern. All das geht aus Schriftdokumenten gut hervor, die im folgenden zitiert werden sollen.

Abb. 1: Kennzeichen der KZ-Häftlinge (wohl nach 1939/40) (Bundesarchiv, Wiki, a, b)
Aber bei all dem erinnert man sich auch daran, dass sowohl die Zeugen Jehovas wie Heinrich Himmler an Prophetie glaubten, an Voraussagen. Und Heinrich Himmler und seine engere Umgebung spielten - wahrscheinlich schon ab 1941 - ein Doppelspiel gegenüber Hitler. Unter anderem weil Himmler nach seinem Astrologen Wilhelm Wulff das schlechte Horoskop von Hitler ab 1941 kannte. Das war ja auch für Rudolf Heß die Veranlassung für seinen England-Flug. Und das war auch einer der Gründe dafür, dass Himmler und seine engere Umgebung den militärischen Widerstand gegen Hitler gewähren ließ, der zum 20. Juli 1944 führte. Nicht nur in deutschen Widerstandsgruppen, auch in den Planungen der westlichen Geheimdienste (Allen Dulles in der Schweiz), mit denen mehrere Personen aus dem engsten Umfeld Himmlers in Verbindung standen, hatte man Heinrich Himmler vorgesehen als eine Art "Übergangsregierung" für den Fall eines erfolgreichen Attentats auf Hitler. Und Himmler wusste davon.

Wenn man bei Rudolf Höß liest, wie fasziniert Heinrich Himmler von dem unbedingten, unglaublich fanatischen Todesmut der Zeugen Jehovas war, fällt es einem noch viel leichter nachzuvollziehen, dass womöglich auch in den ganzen Zusammenhängen von Himmlers Interesse für Prophetien allgemein die Zeugen Jehovas eine größere Rolle in Himmlers Denken bekommen konnten. Denn auffälligerweise waren Himmler die Zeugen Jehovas so ans Herz gewachsen, dass er sich noch im Inferno des Jahres 1945, in das Millionen von Deutschen jenseits von Weichsel, Oder und Elbe gerieten, dass er sich noch am 19. April 1945 ausgerechnet um das Schicksal einer kleinen Gruppe derselben auf dem Gut des Ehepaares Kersten in Hartzwalde sehr speziell Sorgen machte. Und sich dieserhalben - über seinen Geheimdienstchef Walter Schellenberg - bei seinem Hofastrologen Wilhelm Wulff Ratschläge einholen ließ (s. Teil 4 [1941 - 1945]).

Dieser Umstand veranlasst zur Sichtung der vorhandenen Dokumente zum Verhältnis zwischen Himmler und den Zeugen Jehovas.

Das Ehepaar Kersten begeistert Himmler für die Zeugen Jehovas (1943)

Abb. 2: Rutherford (1939)
Der Autor Manfred Gebhard - dem wir dankbar sind dafür, dass er fast alle im folgenden zu bringenden Auskünfte im Internet frei zugänglich erhält - verweist auf das Vernehmungsprotokoll eines Wilhelm Schumann vom 11. 2. 1944 (Gebhard, S. 346f):
Nach der Aussage von Schumann kursierte in Zeugenkreisen die These, Himmler habe (durch den Einfluss von Kersten) seine Meinung zu den Zeugen geändert. Dabei sei „insbesondere zur Sprache gekommen, dass die IBV eine starke Kampfstellung gegen die Römische Hierarchie bezogen habe. Der Reichsminister habe darauf mit verschiedenen kompetenten Häftlingen der IBV eine Aussprache herbeigeführt und darauf entschieden, dass die Zeugen Jehovas nicht mehr misshandelt werden dürften."
Am 14. Januar 1945 hatte Heinrich Himmler in dem letzten seiner bisher bekannt gewordenen Schreiben zu den Zeugen Jehovas festgehalten (zit. n. Gebhard, S. 347) (Hervorhebung nicht im Original):
Im Rahmen der Aktion, Bibelforschern auf einzelnen Gütern in Isolierungsaufenthalt als kleine Kolonien ihre unbedingte Freiheit zu lassen, um gerade damit im Ausland politische Wirkung zu erzielen, wünsche ich, dass die Bibelforscher, die bei Frau Heydrich in Jungfern-Breschen sind, ebenfalls unter den gleichen Bedingungen wie die anderen mit Ortsbegrenzung Freigelassenen aus der Haft entlassen werden. … Es bleiben demnach 13 oder vielleicht auch nur 12. Damit kann auch jede Bewachung wegfallen. Die Entlassung muss in der üblichen feierlichen Form vor sich gehen.
Abb. 3: Rutherford "Wer wird die Welt regieren?" (1935)
Und ein halbes Jahr zuvor, ausgerechnet einen Tag nach dem Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler - das Himmler von seinem Astrologen Wulff vorausgesagt worden war - hat Himmler das folgende Schreiben versandfertig machen lassen, wovon "eine Abschrift in großer Maschinenschrift ohne den Punkt 6" "für den Führer angefertigt" wurde, und das seine Gedanken über die Pazifizierung der Ostvölker durch Buddhismus und Zeugen Jehovas enthält (zit. n. Manfred Gebhard):
Der Reichsführer SS
Feldkommandostelle, 21. 7. 44

Lieber Kaltenbrunner

Mehrere Vorgänge und Probleme haben mich in der letzten Zeit zu folgenden Erwägungen und zu den unten beschriebenen Absichten geführt:

Die Probleme sind das der Bibelforscher, die Kosakenfrage und in Berührung damit die Wlassow-Frage, sowie der Gesamtkomplex, wie wollen wir Russland wenn wir - was im Laufe der nächsten Jahre bestimmt erfolgen wird - große Flächen und Teile von ihm wieder erobern, dann beherrschen und befrieden?

1. Ich bin der Überzeugung, dass Stalin und auch sein Nachfolger, falls er bolschewistisch ist, vom Kolchos-System nicht abgehen kann … Wenn nun Stalin und der Bolschewismus vom Kolchossystem nicht abgehen können, wird jeder selbstständiger Bauer ein naturgegebener Feind von ihm sein …

2. Wir müssen vor dem deutschen Ostwall, den wir einmal errichten werden, entsprechend den großen Vorbildern der K.- und K.-Militärgrenze und dem russischen Vorbild der Kosakenbauern und Soldatenbewegung eine Ostwehrgrenze (mit?) einem Neukosakentum schaffen. Grund und Boden und volle selbständige Existenz und Freiheit wird es für die ukrainische und russische Bevölkerung nach unserem Statut nur an der Kosakengrenze geben.

Hier wird es volle Bauernhöfe geben mit der Bedingung, vom 16. bis zum 60. Lebensjahr Grenzsoldatendienst gegen den Osten zu leisten …

3. … Wir müssen aber noch mehr tun, um das Volk im Hinterland in eine friedliche und uns gegenüber waffenlose Form zu bringen. Jeder Gedanke, eine nationalsozialistische Form einzuführen, ist Wahnsinn. Eine Religion oder Weltanschauung müssen die Menschen haben. Die orthodoxe Kirche zu unterstützen und wieder aufleben zu lassen, wäre falsch, da sie immer wieder die Organisation der nationalen Sammlung sein wird. Die katholische Kirche hereinzulassen, wäre mindestens ebenso falsch; darüber zu sprechen erübrigt sich.

4. Es muß von uns jede Religionsform und Sekte unterstützt werden, die pazifizierend wirkt. Dabei kommt in Frage bei allen Turk-Völkern die Einführung der buddhistische Glaubenslehre, bei allen anderen Völkern die Lehre der Bibelforscher.

5. Die Bibelforscher haben, wie Ihnen wohl bekannt sein wird, folgende für uns unerhörte positive Eigenschaften: Mit Ausnahme des Kriegsdienstes und der Arbeit für den Krieg, des Einsatzes für irgendeine - wie sie es bezeichnen - "abbauende" Betätigung, sind sie schärfstens gegen die Juden und gegen die katholische Kirche und den Papst. Sie sind unerhört nüchtern, trinken und rauchen nicht, sind von unerhörtem Fleiß und großer Ehrlichkeit; halten das gegebene Wort, sind ausgezeichnete Viehzüchter und Landarbeiter, sind nicht auf Reichtum und Wohlhabenheit aus, weil ihnen das für das ewige Leben schadet. Insgesamt alles ideale Eigenschaften, wie überhaupt festzustellen ist, dass der Kern der überzeugten, idealistischen Bibelforscher ähnlich wie die Mennoniten beneidenswert gute Eigenschaften hat.

6. Aus diesem Grunde wünsche ich, dass die Bibelforscher in unseren Lagern durch Prüfungskommissionen aus von uns (als) bekannten Bibelforschern überprüft werden, damit alle diejenigen, die sich erst im Lager oder kurz vor ihrer Verhaftung aus Zweckmäßigkeitsgründen als Bibelforscher bekannt haben, ausgeschieden werden.

Dadurch werden alle Fälle von kommunistischer Ausnützung der Bibelforschereigenschaften oder von faulen sogenannten Bibelforschern, die ich da oder dort auf Bauernhöfen erlebt habe, z. B. in Fridolfing-Obb., nicht mehr vorkommen. Es ist damit auch die Möglichkeit gegeben, die echten Bibelforscher in den KL in allen Vertrauensstellungen, die einer geldlichen oder sonst materiellen Belastung ausgesetzt sind, zu verwenden und besonders gut zu behandeln. Damit wieder schaffen wir uns die Ausgangsbasis zum Einsatz dieser Bibelforscher in Russland in kommenden Zeiten und haben damit die Emissäre mit denen wir das russische Volk durch die Verbreitung der Bibelforscherlehre pazifizieren können.

Heil Hitler.
Ihr H. Himmler
Abb. 4: Rutherford (1937)
Wie sehr Himmler von den Zeugen Jehovas begeistert war, geht aber insbesondere hervor aus einem Brief vom 6. Januar 1943 (zit. n. 2) (Manfred Gebhard):
Der Reichsführer-SS
RF/Dr. I 37/43 Bd 5
Feld-Kommandostelle, 6. Januar 1943
G e h e i m!

Lieber P o h l!
Lieber Müller!

Anliegend ein Vorgang über die 10 Bibelforscherinnen, die auf dem Gut meines Arztes Kersten arbeiten. Ich. habe die Gelegenheit, dort die Frage der ernsten Bibelforscher von allen Seiten zu studieren. Mir wurde von Frau Kersten ein sehr guter Vorschlag gemacht. Sie sagte mir, dass sie noch nie ein so gutes, williges, treues und gehorsames Arbeitspersonal hatte wie diese 10 Frauen.

Aus Liebe und Güte tun diese Menschen sehr viel. Interessanterweise verdunkeln sie dort nicht deswegen, weil sie den Krieg unterstützen wollen, sondern deswegen, weil zwei unmündige Kinder da sind, denen dadurch etwas passieren konnte, und die noch nicht bekehrt seien. Jehova hätte ihnen aber den Auftrag gegeben, auf das Leben dieser Kinder aufzupassen. Sie halten, sich streng an ihr gegebenes Wort. Sie gaben alle Frau Kersten das Wort, mit keinem Menschen über ihre Bibelforscherlehre zu sprechen. Einzelne Fälle, wo lediglich Leute, die auf den Hof kamen und sie einmal fragten, was für eine Lehre das denn wäre, beweisen klar, dass sie ihr Wort halten. Sie sagten: "Wir haben versprochen, darüber nicht zu reden." -

Eine Ihnen zum Lesen gegebene Zeitung, wiesen die Frauen zurück, denn im Lager wäre verboten, Zeitungen zu lesen und sie hätten sich an diese Gebote zu halten, denn auch diese stammten von Jehova. -
Eine der Frauen bekam einmal RM 5.— Trinkgeld von einen Gast. Sie nahm das Geld an, um das Haus nicht zu blamieren, lieferte es aber bei Frau Kersten ab, weil der Besitz von Geld im Lager verboten wäre. Die Frauen übernehmen dort freiwillig jede Arbeit. Am Abend stricken sie; Sonntags sind sie ebenfalls in irgend einer Form tätig.

Im Sommer haben sie, bei 10-, 11- und 12-stündiger Arbeit, als Pilze im Walde zu finden waren, es sich nicht nehmen lassen, zwei Stunden früher aufzustehen, um Körbe voll Pilze zu sammeln. Insgesamt ergänzen diese Tatsachen mein Bild, das ich von diesen Bibelforschern habe.
Es sind unerhört fanatische, opferbereite und willige Menschen. Könnte man ihren Fanatismus für Deutschland einspannen oder insgesamt für die Nation im Kriege einen derartigen Fanatismus beim Volk erzeugen, so wären wir noch stärker als wir heute sind. Natürlich ist die Lehre dadurch, dass sie den Krieg ablehnt, derartig schädlich, dass wir sie nicht zulassen können, wenn wir nicht den größten Schaden für Deutschland haben wollen.

Interessant ist, dass sie Juden, Papst und katholische Kirche fanatisch ablehnen und bekämpfen.
Strafen verfangen bei ihnen gar nicht, da sie mit Begeisterung von jeder Strafe erzählen. Sie nehmen uns die Strafen nicht übel, da wir nach ihrer Ansicht von Jehova ja unsere Aufträge haben und sie durchführen müssen. Jede Strafe ist für sie ein Verdienst im Jenseits. Deshalb wird sich jeder echte Bibelforscher und jede echte Bibelforscherin, unter Hintansetzung aller persönlichen Gefühle - Liebe zu Frau und Kind oder Liebe zu Mann und Kind - ohne weiteres hinrichten lassen und ohne weiteres sterben. Jeder Dunkelarrest, jeder Hunger, jedes Frieren ist ein Verdienst; jede Strafe, jeder Schlag ist ein Vorzug bei Jehova.

Sollten in den Lagern mit den Bibelforschern oder Bibelforscherinnen wieder Schwierigkeiten auftreten, so verbiete ich, dass der Lagerkommandant eine Strafe ausspricht. Jeder Fall ist für die nächste Zeit mir unter kurzer Darstellung des Sachverhaltes zu melden. Ich beabsichtige in Zukunft bei einem solchen Fall das Gegenteil zu machen und der betr. Person zu sagen: Ich verbiete, dass Sie jetzt arbeiten. Sie sollen besseres Essen erhalten als die anderen und brauchen nichts zu tun.

Denn während dieser Zeit ruht nämlich nach dem Glauben dieser gutmütigen Irren jedes Verdienst, im Gegenteil, es werden frühere Verdienste von Jehova abgezogen (seine Buchführung muss eine phantastische sein).

Nun zu dem Vorschlag:

Ich ersuche, den Einsatz der Bibelforscher und Bibelforscherinnen in der Richtung zu lenken, dass sie alle in Arbeiten kommen - In der Landwirtschaft z.B. - , bei denen als Bit  /??? - unverständliche Stelle/ Krieg und allen ihren Tollpunkten nichts zu tun haben. Hierbei kann man sie bei richtigem Einsatz ohne Aufsicht lassen; sie werden nie weglaufen. Man kann ihnen selbständige Aufträge geben, sie werden die besten Verwalter und Arbeiter sein.

Nur noch eine Verwendung und dies ist, wie oben erwähnt, der Vorschlag von Frau Kersten:
Nehmen wir doch die Bibelforscherinnen als Personal in unsere Lebensbornheime, nicht als Pflegerinnen, aber als Köchinnen, Hausmädchen, Wäscherinnen und für derartige Aufgaben. Auch als Hausmeister, wo wir da und dort noch Männer haben, können kräftige Bibelforscherinnen genommen werden. Ich bin überzeugt, dass wir in den wenigsten Fällen mit ihnen Kummer haben werden.
Auch mit sonstigen Vorschlägen wie Abstellung einzelner Bibelforscherinnen, in kinderreiche Haushalte bin ich sehr einverstanden. Geeignete Bibelforscherinnen, die das Können dafür haben, bitte ich einzeln herauszusuchen und mir zu melden. Ich werde sie dann auf entsprechende Haushalte kinderreicher SS-Familien persönlich verteilen.

In solchem Haushalt dürften sie dann allerdings keine Sträflingskleidung tragen, sondern einen anderen Anzug, und man müßte den dortigen Aufenthalt, ähnlich wie für die freigelassenen und internierten Bibelforscherinnen in Harzwalde, gestalten.

Bei allen diesen für solche Aufgaben abgestellten Halbfreigelassenen wollen wir schriftliches Abschwören oder sonstige Unterschriften vermeiden und lediglich die Verpflichtung auf Handschlag vornehmen.

Ich ersuche um Vorschläge für die Durchführung und Bericht.

Heil Hitler!
gez. Himmler
F. d. R.
SS-Obersturmführer
Im Juni 1943 sandte ein Bauer und Grundstücksnachbar von Heinrich Himmler in Schliersee eine Anfrage an Himmler um Arbeitskräfte. Daraufhin bot ihm Himmler einen Zeugen Jehovas an. Diesen lehnte der Bauer zunächst ab. Schließlich stimmte er im Juli 1944 doch zu und erhielt ihn von Oktober 1944 bis Mai 1945 (Wiki).

Kaltenbrunner löckt wider den Stachel von Himmlers Begeisterung

Abb. 5: Wachtturm-Druckerei, Bern (1944)
Es sieht nun aber so aus, als habe Kaltenbrunner versucht, etwas wider den Stachel zu löcken gegenüber der Begeisterung von Himmler. So jedenfalls liest sich sein Schreiben vom 15. Juli 1943 (zit. n. Manfred Gebhard):
Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD
IV B2 - 486/423
Berlin SW 11, den 15. Juli 1943
Prinz-Albrecht-Strasse 8
An den Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei
z. Zt. Feld-Kommandostelle
Betrifft: Entlassung von Bibelforscherinnen, die in SS-Haushalten oder anderen Arbeitsstellen zur Arbeitsleistung eingesetzt sind
Bezug: Befehl vom 6. 1. 1943 - RF/Dr. I 37/43 (...)

Im Zusammenhang mit dem Gesamtkomplex der IBV bitte ich noch auf eine allgemeine Feststellung hinweisen zu dürfen. Je länger der Krieg mit all seinen seelischen Belastungen für die einzelnen Volksgenossen dauert, um so mehr tauchen in allen Teilen des Reiches schriftlich fixierte und insbesondere durch Mundpropaganda verbreitete sog. Weissagungen und Prophezeiungen auf, die an Hand einer phantasiereichen Auslegung einzelner Bibelstellen bestimmte Prognosen über Dauer und Ausgang des Krieges stellen und Ausführungen über den Krieg als Vorboten des Weltendes und des Gerichts über den sogenannten Antichristen enthalten, defaitistisch und zersetzend wirken und leider, besonders auf dem Lande, nicht ohne Eindruck auf eine ganze Reihe von Volksgenossen bleiben.

Bekanntlich wird ja nach der Bibel der Antichrist, der jeweils auf den Führer gedeutet wird, durch einen Krieg von Gott selbst vernichtet, der dann auf den Trümmern dieser Weltordnung eine neue, unter seiner persönlichen Führung erstehen lassen will. Wenn es auch nicht immer gelingt, die Hersteller solcher „Prophezeiungen" im einzelnen zu ermitteln, so steht nach deren Art und Inhalt doch fest, dass die Urheber der Flugblätter und Gerüchte unter den Bibelforschern und verwandten sektiererischen Richtungen zu suchen sind.

Infolge ihrer exklusiven Verwurzelung im Alten Testament mit seinen Weissagungen ist das Prophezeien gerade über Dauer und Ende der gegenwärtigen Weltordnung die hauptsächlichste Beschäftigung aller IBVer und ist ihr Zentraldogma schlechthin. Keine andere religiöse Gemeinschaft ist für solche Gedankengänge so empfindlich und verbreitet sie mit solchen Fanatismus wie die Angehörigen der IBV. (...)

Ich bitte um Entscheidung F. d. R. d. A.
gez. Dr. Kaltenbrunner
gez. Unterschrift SS-Hauptscharführer
Abb. 6: J. F. Rutherford "Seine Rache" (1934)
Ähnlich auch ein weiteres Schreiben (zit. n. Manfred Gebhard) (Hervorh. n. i. Orig.):
„Schlesiersee, den 14. 8. 1944.

In der Anlage wird der vom Amtschef VII befohlene Bericht über die Vereinigung Ernster Bibelforscher vorgelegt.

Rutherford selbst wurde 1918 mit 27 Brüdern wegen Spionage zu 20 Jahren Gefängnis in Amerika verurteilt, aber 1919 begnadigt.

Nach 1933 kamen die Bibelforscher in einem scharfen Gegensatz zum nationalsozialistischen Staat. Am 13. Sept. 1934 wurde der Watch Tower Bible and Tract Society der Druck und die Verbreitung von Bibeln und anderen unbedenklichen Schriften zugestanden. Da sich aber die Bibelforscher weigerten, auf Grund der pazifistischen Einstellung den Wehrdienst auszuüben, erfolgten in den Jahren 1936/37 große Aktionen des SD und der Geheimen Staatspolizei, die … belastendes Material zutage förderten. Trotzdem musste immer wieder festgestellt werden, dass die Bibelforscher illegal weiter zusammenarbeiteten.

Die Gesamtzahlen waren:

1913 46 000
1924 65 123
1925 90 434
1926 89 278

Die Verteilung auf die Länder ergab 1926 folgendes Bild:

Vereinigte Staaten 31 238
Deutschland 22 535
England 9 640
Kanada 4 735
Rumänien 3 842
Schweiz 1 694
Australien 1 335
Finnland 1 290
Schweden 1 234
Polen und Galizien 1 049

Unter den deutschen Bezirken ist besonders der Bezirk Dresden zahlenmäßig sehr stark hervorgetreten. Die Entwicklung.

1916 111
1919 230
1924 1 104
1925 1 309
1926 1 430
Die Tatsache nun, dass solche Warnungen Himmler nicht davon abgebracht haben, von den Zeugen Jehovas begeistert zu sein, scheinen doch ein sehr deutlicher Hinweis darauf zu sein, dass er den Zeugen Jehovas auch in Punkten ihrer Prophetie - gemeinsam mit dem Ehepaar Kersten?, jedenfalls im Einklang mit dem Hitler-Horoskop von Wilhelm Wulff - recht gab.

Das "Schwarzbuch Wachtturm-Gesellschaft" (2011)

Abb. 7: Rutherford (1938)
Soweit das, was über das Verhältnis Himmlers zu den Zeugen Jehovas bis dato bekannt ist. Wenn die "Zeugen Jehovas" - wie oben zitiert - in Adolf Hitler den "Antichristen" gesehen haben, war es zunächst kein "Wunder", dass sie im Dritten Reich verfolgt worden sind. Ein Wunder ist eher, dass Heinrich Himmler fähig war, seine Meinung ihnen gegenüber so deutlich zu ändern.

Nachfolgend noch einige allgemeinere Daten und Erläuterungen zu den Zeugen Jehovas zunächst im Dritten Reich und dann überhaupt. Innerhalb der deutschen Konzentrationslager stellten sie sogar eine vergleichsweise bedeutende Häftlingsgruppe dar, dass sie in diesen ein eigenes Abzeichen erhielten, nämlich ein lila Dreieck (s. Abb. 1). Sie bildeten damit eine eigene Gruppe neben den politischen Häftlingen (rotes Dreieck), den Berufsverbrechern (grünes Dreieck), den Emigranten (blaues Dreieck), den Homosexuellen (rosa Dreieck) und den "Arbeitsscheuen" (schwarzes Dreieck).

1933 lebten 25.000 bis 30.000 Zeugen Jehovas in Deutschland. In Konzentrationslagern inhaftiert waren in Deutschland allgemein Ende 1938 etwa 60.000 Menschen, zu Beginn des Krieges 1939 nur noch 21.000, im April 1943 203.000, August 1944 524.000 (Wiki). Von 1933 bis 1945 waren 11.300 deutsche und ausländische Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern inhaftiert (Wiki).

Das aktuelle, im Netz frei zugängliche "Schwarzbuch Wachtturmgesellschaft", erschienen 2011 (3), bestätigt vieles von den soeben genannten Behauptungen. Der Gründer der Zeugen Jehovas, Charles T. Russel (1852-1916), behauptete zunächst, dass Jesus Christus im Jahre 1874 zurückkehren werde. Später wurde dies auf das Jahr 1878 verlegt. Und zwar mit folgender Argumentation in seiner Schrift "Der Stein ist im Rollen" des Jahres 1917 (zit. n. 3, S. 28f):
Die verschiedenen Zeit-Weissagungen, wiewohl sie das zweite Kommen Christi nicht erwähnen, zeigen klar und deutlich, dass seine Gegenwart im Jahre 1874 beginnen würde. (...) Das Gesetz und die Propheten bestätigen dieses Datum als den Zeitpunkt des unsichtbaren Kommens des Herrn. (...) Israels Verwerfung von der Gnade dauert, wie wir aus der Schrift zeigen werden, gerade solang wie ihre Gnadenzeit. Vom Tode Jakobs bis zum Tode Jesu sind 1845 Jahre. (...) 1845 Jahre vom Tod Jakobs enden mit Christi Tod im Jahre 33 n. Chr.; und 1845 Jahre seit 33 nach Chr. enden mit dem Jahre 1878 n. Chr..
Abb. 8: Rutherford - "Prophezeiung" (1929)
Nach dem Jahr 1878 korrigierte, bzw. "präzisierte" Russel seine biblische Prophetie. Der Autor Will schreibt (3, S. 29):
Zum Erstaunen seiner Anhänger, die sich selbst als neues, von Gott auserwähltes Volk wähnten, verkündete er nunmehr, dass der Segen Gottes zunächst nicht der ganzen Menschheit zuteil werden, sondern nur seinem auserwählten Volk, den Juden, zugute kommen werde.
Und so heißt es in "Der Stein ist im Rollen" (1917) (zit. n. 3, S. 30):
Können wir nun seit dem Jahre 1878 irgendetwas wahrnehmen, das die Rückkehr der göttlichen Gnade zum Hebräervolk andeutete? Gewiss.

Im gleichen Jahre wurde der Berliner Kongress abgehalten unter dem Vorsitz von Lord Beaconsfield, Vertreter der britischen Regierung und Jude von Geburt. Da wurde das Wort erfüllt: "Da werden 10 Männer aus allerlei Sprachen der Nationen den Rockzipfel eines jüdischen Mannes ergreifen und sagen: Wir wollen mit dir gehen". Sach. 8,23. (...) (Die lieben Leser dieses Schriftchens wird es interessieren zu vernehmen, dass Pastor Russell schon vor besagter Berlin-Konferenz und wohl 20 Jahre vor der Entstehung der Zionisten-Bewegung durch Vorträge und Druckschriften das Eintreten dieser Bewegung verkündete).
Und ebenfalls in dieser Veröffentlichung des Jahres 1917 (zit. n. 3, S. 31):
Von Tag zu Tag mehren sich die Beweise der Erfüllung dieser Weissagungen, jedoch so stufenweise, dass die Welt gar nicht wahrnimmt, was geschieht. Bald werden die Tore Palästinas zum allgemeinen Empfang der Juden geöffnet werden und es wird weder an Menschen, noch an Geld fehlen, um diese jetzige Wüste blühen zu machen. Gottes Segen wird über dieses Land und Volk zurückkehren, wie Gottes Wort es verheißt.
Und ebenso in dieser Schrift (zit. n. 3, S. 32):
Und mit dem Ende des Jahres 1914 wird, was Gott Babylon nennt, und was die Menschen Christentum nennen, verschwunden sein, wie schon aus der Weissagung gezeigt wurde.
Von den damaligen Regenten der Welt behauptete Russell in einer Veröffentlichung des Jahres 1914 (zit. n. 3, S. 33):
dass ihr Herrschaftslehen mit dem Jahr 1914 gänzlich abgelaufen sein wird, und dass alles um diese Zeit über den Haufen geworfen und Christi Königreich völlig hergestellt sein werde .... dürfen wir die Einsetzung der irdischen Regenten (des himmlischen Königreichs, Anm. der Verfasser) im Okt. 1914 erwarten.
Der "Wachtturm" vom September 1951 schrieb (zit. n. 3, S. 34):
Die zu Jehovas Volk gehörten, begriffen diese Wahrheiten vom Jahre 1922 an und freuten sich sehr. Sie kamen aus der Finsternis, der falschen Religion, heraus und lernten Jehovas Vorsätze kennen. ... Es gab noch sehr viel Arbeit für Gottes Gesalbte zu tun, ehe ihr Lauf auf Erden beendet war.

Dann wurde im Jahre 1925 zum ersten Mal gesehen und verstanden, dass das Königreich im Jahre 1914 tatsächlich geboren, dass es Tatsache geworden war.

Es galt, nicht länger zu proklamieren, dass die Zeit für das Königreich gekommen und der Tag, da Satans Welt enden müsse, hier sei, sondern das Königreich war gekommen und herrschte vom Himmel aus, und bereits war ein Krieg im Himmel ausgefochten worden. Der Wachtturm vom 15. April 1925 veröffentlichte diese Kunde.
Noch mehr Angaben über all das findet man sicher über Google-Bücher-Suche mit den Stichwörtern "Rutherford Prophezeiung". Gegebenenfalls werden wir hier dazu noch einiges nachtragen. Obwohl die Religionsgemeinschaften christlicher Fundamentalisten zumeist eine überdurchschnittliche Geburtenrate aufweisen, gilt dies auffälligerweise für die "Zeugen Jehovas" - zumindest heute - nicht. Das wird in vielen religionsdemographischen Studien deutlich.

Okkultismus-Kritiker Rehwaldt über die "Zeugen Jehovas"(1939)

Abschließend noch, was der Okkultismus- und Wahrsager-Kritiker Hermann Rehwaldt 1939 über die Zeugen Jehovas zusammen getragen hat. Er schreibt über Hellseher (2, S. 10):
Einige solcher "Hellseher" haben (...) um sich eine große und meist zahlungsfähige Gemeinde gesammelt, die blind an den betreffenden "Meister" und Propheten glaubte.
Als Beispiel nennt er dann unter anderem
"Russell (von den Bibelforschern)".
Rutherford - "Begünstigtes Volk" (1936)
An späterer Stelle schreibt er (S. 93f) (Hervorh. n. i. Orig.):
Nach Russel und Rutherford, den beiden Propheten der "Ernsten Bibelforscher", verbirgt sich z.B. unter dem wenig anziehenen Symbol der "großen Hure" die römische Kirche, deren Entwicklung der Verfasser der Offenbarung auf diese Weise vorausgesehen habe. Nach ihren Berechnungen leben wir heute am Vorabend der "letzten Tage" und kurz vor dem Anbruch des tausendjährigen Reiches nach Wiederkunft des Jesus von Nazareth als obersten Richters und Feldherrn der himmlischen Heerscharen. Zuvor werden sich die Völker der verderbten Menschheit gegenseitig und im Innern zerfleischen, in Hungersnöten ihre eigenen Kinder und Verwandten verspeisen, und wie die liebevollen Bilder der Apokalypse noch sind. Heerscharen des Antichrists, d. h. all die Ungerechten und Verworfenen, die weder an Jesus von Nazareth noch an die Prophezeiungen der Zeugen Jehovas glauben, auf der einen Seite und die vereinigten Engelheere des Himmels mit den - verhältnismäßig wenigen - Gerechten, d. h. Angehörigen der Sekte der ernsten Bibelforscher auf der anderen stehen werden. (...) Das Laster und der Unglaube werden auf scheußliche Weise untergehen. Strahlend wird dann das tausendjährige Reich anheben, nachdem die verstorbenen und verwesten Toten leiblich auferstanden sind und eine Zentralregierung in Jerusalem im Auftrage des "Königs Christus" eingesetzt werden wird. Die Bibelforscher nehmen also die biblischen Worte ziemlich genau und errechnen sich an Hand namentlich des alten Testaments die Daten der zu erwartenden Ereignisse. Dass sie nebenbei wirtschaftlich kommunistischen Ideen huldigen, tut nichts zur Sache und ist übrigens bei ihrer konsequent christlichen Grundeinstellung nur zu verständlich. (...) Immerhin enthüllen die Deutungen der Apokalypse durch die Internationalen ernsten Bibelforscher, deren Organisation nach Lady Queenborough (Edith Starr-Miller [1887-1933] "Occult Theocrasy", 1933) unmittelbar von dem jüdischen Freimaurerorden Bnai Brith geleitet wird, die Pläne
Edith Starr-Miller mit zwei ihrer Töchter (1924)
solcher Freimaurerorden. Edith Starr-Miller (1887-1933) war laut Wikipedia Mormonen-Gegnerin und "Verschwörungstheoretikerin". Sie wurde 1921 die zweite Frau des britischen Faschisten Baron Qeenborough, ließ sich von diesem aber 1932 wegen "Quälerei" wieder scheiden. 1933 starb sie mit nur 45 Jahren. Und ihr Buch "Occult Theocrazy" wurde 1933 aus dem Nachlass herausgegeben. Dass es da Internetseiten gibt, auf denen ein Mordverdacht geäußert wird, ist naheliegend. Auf dem englischen Wikipedia heißt es über ihr Buch:
Edith's observations were outlined in her posthumously published Occult Theocrasy, and added to the discussion of the secret societies and their conspiracies. Her information was drawn from existing sources, including the works of Dr. Karl Hacks and Léo Taxil (...) (1854 - 1907), Taxil's supporter Abel Clarin de la Rive (1855 - 1914), Samuel Paul Rosen (1840 - 1907), theosophist Alice Bailey (1880 - 1949), Nesta Helen Webster (1876 - 1960), and esotericist Christina M. Stoddard, who wrote under the pseudonym "Inquire Within".
Vielleicht kein uninteressantes Buch. - Nach diesem Einschub aber weiter mit dem Rehwaldt-Zitat (S. 93f):
Ob mit "Hermageddon" der (...) abgeblasene Weltkrieg 1932 oder der nunmehr auf 1941 festgesetzte gemeint ist, kann uns gleichgültig bleiben. Die heutige blutige Hetze (...) gegen die "totalen" Staaten, namentlich aber gegen Deutschland, die, bald ansteigend, bald abflauend, systematisch besonders in Nordamerika betrieben wird, findet hier, in der okkulten christlichen Sekte ihre "prophetische" Unterstützung. Adolf Hitler wird darin gleich "Antichrist" gesetzt, das "Ende der Zeit" in den nächsten Jahren erwartet und die "Gerechten" mit Hilfe der Suggestion auf die "letzte Schlacht" vorbereitet.

In Russels "Das vollendete Geheimnis", einer Schrift der Wachtturm Bibel- und Traktatgesel., werden an Hand der "Offenbarung" folgende Daten errechnet: 1914 - Ende der Nationen; 1980 - Vertreibung der Gojim aus Palästina. 
Auf ähnlicher Linie wie die zitierte Behauptung von Edith Starr-Miller scheint die Aussage einer 1936 mit Imprimatur der katholischen Kirche erschienenen Schrift "Zeugen Jehovas - Pioniere für ein jüdisches Weltreich" zu sein, verfasst von einem Wiener Antisemiten (Garbe, S. 276): Briefe amerikanischer Freimaurer würden die Lenkung der Bibelforscher durch "das Judentum" beweisen.

Auch seine Begeisterung für die Zeugen Jehovas und ihre etwaig mildere Behandlung nützten Heinrich Himmler nichts. Sowohl in der "Regierung Dönitz" war er nach dem Tod Hitlers nicht willkommen, ebenso wenig wie nach seiner Gefangennahme bei dem Westalliierten. Es scheint begründete Zweifel zu geben, ob er sich dort wirklich selbst das Leben genommen hat. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen in der Führungsetage des Dritten Reiches ein Doppelspiel gespielt zu haben scheinen und dann dennoch nicht "geschützt" wurden oder werden konnten von jenen, in derem Sinne sie dieses Doppelspiel gespielt haben.

Allgemeinere Überlegungen

Es scheint sich nach und nach immer deutlicher herauszuschälen, dass die ariosophischen Logen, aus denen heraus und in deren Umfeld die NS-Bewegung entstand und groß wurde, und die auch zur logenideologischen Rechtfertigung der Massenmorde und der Untermenschen-Theorie nützlich waren, aus der Sicht der (theosophischen) O.T.O.-Logen (der Aleister Crowley, Theodor Reuss, Herbert Fritsche und so weiter) nur "Opfer" darstellten, "Logenproletariat", das - wie Himmler und trotz der Zuarbeit solcher Leute wie Himmlers - wenig Anspruch auf Schutz und Überleben hatte. In dem Sinne von "Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehen." - Wohl nur jene mit Doppelmitgliedschaften und höheren Logenrängen als Heinrich Himmler, Albrecht und Karl Haushofer, Wolfram von Sievers, ja, als sogar Canaris scheinen in das "Schutzprogramm" aufgenommen worden zu sein, das sie über die Umbruchjahre von 1945 herüberrettete. Beispiele: Friedrich Hielscher, Wilhelm Wulff, Werner Best, Reinhard Gehlen, Hans Speidel - und wie sie alle hießen.

Da auch heute wieder allerorten völkische, ariosophische Logen aus dem Boden sprießen - einem sicherlich von Geheimdiensten und "Verfassungsschützern" mit Steuergeldern gut gedüngten Boden - können diese genannten Erfahrungen der Jahre um 1945 den Menschen eigentlich nicht deutlich genug vor Augen geführt werden. Auch die Geschehnisse rund um die thüringische NSU und die Sabotage ihrer Aufdeckung liegen doch auf dieser Linie. Auch hier hatte der Mohr seine Pflicht getan und konnte gehen. - - - Wann hat es mit all diesem Wahnsinn und all diesen Verbrechen ein Ende? Fast alle staatlichen Verantwortlichen für die NSU-Verbrechen und der Sabotage ihrer Verhinderung und Aufklärung sitzen heute noch in den Ministerien und Ämtern - und in den zugehörigen Logen.
__________________________________________________
  1. Bading, Ingo: Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler. Aufsatz in fünf Teilen. GA-j! Juli/August 2012
  2. Rehwaldt, Hermann: Weissagungen. Ludendorffs Verlag, München (August) 1939
  3. Cook, Will (Südafrika): Schwarzbuch Wachtturmgesellschaft. Der verborgene Januskopf. Lulu Enterprises, Raleigh, NC (USA) 2011 (Google Bücher)
  4. Gebhard, Manfred: Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte. Books on Demand, Berlin 1999 (Google Bücher); siehe auch: http://www.manfred-gebhard.de/ZurIndexseite.htm [18.8.2012]; siehe auch das Kapitel "Späte Himmlerpläne" (freies pdf) [18.8.2012]
  5. Rutherford, John F.: Prophezeiung. Eine Verständlichmachung und Klarlegung zahlreicher Bibelgeheimnisse; Die Lichtblitze" Jehovas und D. Gegenwartsereignisse sind d. Schlüssel zu Verborgenem u. Offenbaren den Menschen ewiggült. Wahrheiten. Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft. 1929, 1930 (354 S.) (Google Bücher)
  6. Garbe, Detlef: Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im"Dritten Reich". (Google Bücher)

Dienstag, 16. Oktober 2012

Gefallen in Weißrußland, Dezember 1943

Im Frontlazarett gestorben mit 19 Jahren - Ein Cousin meines Vaters

Die Pronja (Wiki, russ) ist ein wenig aufsehenerregender Fluß in Weißrußland. Nichtsdestotrotz hat dieses Flüßchen schon vielfältigste Geschichte gesehen. Grabhügel entlang seines Verlaufes stammen aus der Bronzezeit. Sie künden von dem Leben indogermanischer Stämme in dieser Region. Die frühesten derselben waren die Mittlere Dnjepr-Kultur (Wiki) und der weiter nördlich angesiedelte Fatyanovo-Kultur (Wiki). Letztere bildete die Vorfahrengruppe jener Völkerschaften, die später als Arier nach Nordindien einwanderten (Stgen2020).

1708 fand an diesem Flüßchen, 75 Kilometer südwestlich von Mogilew, die Schlacht bei Lesnaja (Wiki) statt. In ihr besiegte Zar Peter I. eine Teilarmee der schwedischen Armee, die unter dem Schwedenkönig Karl XII. Krieg mit Rußland führte.

Abb. 1: "Über die Pronja, 23.7.1941" (Beschriftung auf der Rückseite dieser Fotografie)

Die Armee Napoleons überschritt die Pronja auf ihrem Vormarsch auf Moskau im Jahr 1812 ebenso wie auf ihrem Rückzug im selben Jahr. 

Im Juli 1941 überschritten deutsche Truppen die Pronja bei ihrem stürmischen Vormarsch auf Moskau (s. Abb. 1). 

In den deutschen Rückzugskämpfen des Herbst und Winter 1943/44 sollte die Pronja erneut eine Rolle spielen. Die Geschichtswissenschaft behandelt die damaligen Geschehnisse unter dem Stichwort der "Smolensker Operation" (Wiki):

Am 7. August griffen die 10. Gardearmee (General K. P. Trubnikow), die 33. und 49. Armee (Generalmajor I. T. Grischin) der Westfront an und drohten die deutsche Gruppierung bei Spas-Demensk einzukesseln, weshalb die deutsche 4. Armee (Generaloberst Heinrici) begann, sich geordnet zurückzuziehen. (...) Im Raum Kirow hielt das LVI. Panzerkorps bei Pesotschnja Anschluß an das LV. Armeekorps der 2. Panzerarmee (A.O.K. am 18. August herausgezogen, dann Befehlsbereich der 9. Armee). Die Gruppe des Generals Hoßbach war westlich des Flusses Bolwa konzentriert: im Süden hielt die 321. Infanterie-Division am Westufer des Flusses Stellungen gegenüber Kirow, im Westen und Norden des Frontvorsprunges hielten die 131. und 14. Infanterie-Division gegenüber der sowjetischen 10. Armee. Zwischen Bolschucha und Alexsandrowskoje spielte sich der Hauptkampf um den Besitz der Rollbahn Roslawl-Juchnow ab, am nördlichen Flügel wurde hier die abgekämpfte 9. Panzer-Division aus der Reserve zugeführt. (...) Am 2. Oktober erhielten die sowjetischen Truppen im Raum östlich von Tschaussy den Befehl, die Offensive zu stoppen. Die Truppen der Westfront beendeten die Operation an der neuen Frontlinie Ljady, Drybin und am Fluß Pronja.

In einem anderweitigen Blogbeitrag (StgrNat2012) ist aus der Soldatenzeit des Opas des Verfassers dieser Zeilen berichtet worden. In diesem Zusammenhang war auch davon berichtet worden, daß er 1942 oder 1943 beim Durchmarsch durch eine französische Stadt noch einmal zufällig seinen Neffen Siegfried Lindenberg (1924-1943)*) aus Großwusterwitz getroffen hat, der dort vor einer Kaserne Wache gestanden hat. Sie hatten sich eine Verabredung für abends zurufen können und sich dann noch einmal sprechen können. 

Abb. 2: Die weißrussische Stadt Mogilew am Dnjepr im Juli 1941 (Bdarch, Bild 101I-138-1091-29A / Kessler, Rudolf / CC-BY-SA)

Mein Opa hat hier seinen Neffen zum letzten mal gesehen. Siegfried war erst 19 Jahre alt. Er war hell begeistert vom Nationalsozialismus, so wird berichtet. 

Aus dieser Haltung heraus war er wie selbstverständlich dazu bereit, sein Heimatland mit seinem Leben zu beschützen.

Siegfried kam dann nach Rußland an die Ostfront. Er war Unteroffizier im 9./Gren.Rgt. 431. Seine Einheit wird also im Rahmen der 131. Infanterie-Division (Wiki) unter dem Ritterkreuzträger General Heinrich Meyer-Bürdorf (1888-1971) (Lex.d.Wehrm., Rkrtr) zum Einsatz gekommen sein. 

Es war dies die sogenannte "Schwert-Division".

Die "Schwert-Division" (1941-1944)

Schon vom Beginn des Rußland-Feldzuges an war sie an der Ostfront eingesetzt. 

Im Jahr 1941 hat sie eine Fußmarsch-Leistung von 2000 Kilometern hinter sich gebracht (Wwiidbd).

Abb. 3: Lazarett in Rußland, Juni 1941 (Bundesarchiv, Bild 101I-137-1041-30 / Menzendorf / CC-BY-SA)

Von 1941 bis 1944 war sie im Bereich der Heeresgruppe Mitte eingesetzt. 

Vor den Rückzugskämpfen im Zusammenhang mit der genannten Smolensker Operation des Jahres 1943 war sie während des Jahres 1942 etwas weiter östlich von jenem Gebiet eingesetzt, in dem sie im Jahr 1943 zum Einsatz kam (For.d.Wehrm., 2007). 

Abb. 4: 1982 erschienen
Über den Einsatz der 131. Infanterie-Division im Jahr 1943 ist zu lesen (Wiki):

1943 wurde die 131. ID bei Kirow eingesetzt und war dort Abwehrkämpfen mit der Roten Armee bei Kirow, Jakimowo und Bjeloy ausgesetzt. Der Druck des Gegners wurde zu stark, so daß sich die Division über die Desna zurückziehen mußte, von dort aus ging es weiter in Richtung Westen über Bogdanowo, über den Sosch bis zur Pronja südlich von Tschaussy. Am Fluß Pronja lag die Einheit dann in jahrelangem Stellungskampf.

Die hier geschilderten Kämpfe zogen sich also - wie auf Google Maps nachverfolgbar - über etwa 300 Kilometer hin: Kirow (Oblast Kaluga) (Wiki) liegt 300 Kilometer östlich von Petrowitschi (G-Maps), jenem Ortslazarett, in dem Siegfried am 4. Dezember 1943 gestorben ist. 

Roslavl (Wiki), an einem Nebenfluß des Sosch gelegen, liegt 180 Kilometer östlich von Petrowitschi. Tschaussy (= Tschawussy) (Wiki, fr) am Fluß Pronja liegt 27 Kilometer östlich von Petrowitschi, Barischewka liegt 39 Kiolometer östlich von Petrowischi. Auf dem russischen Wikipedia-Artikel zum Fluß Pronja ist zu lesen (lt. Google Übersetzer) (Wiki):

Am 12. und 13. Oktober 1943 fand am Oberlauf von Pronja und Mereya auf dem Gebiet des Gorki-Distrikts die Schlacht von Lenino statt - die erste Schlacht der 1. Warschauer Infanteriedivision, die nach Tadeusz Kosciuszko benannt wurde.  Von Oktober 1943 bis Juni 1944 verlief einer der Frontabschnitte entlang der Pronja. Die Verluste der sowjetischen Truppen allein auf dem Gebiet der Region Tschaussy (Chausy) beliefen sich auf mehr als 16.000 Menschen.

Es hat sich um sehr verlustreiche Kämpfe an diesem Fluß Pronja gehandelt. In deren Zusammenhang hat auch Siegfried Lindenberg seine tödliche Verwundung erhalten. Die Schwere der Kämpfe kommt etwa in dieser Schilderung zum Ausdruck (6):

Besonders schwer wurde die Division während eines russischen Großangriffes am 25. Oktober getroffen. Der linke Flügel der 9. Armee wurde durch 11 russischen Schützendivisionen angegriffen, ihnen standen die bereits angeschlagenen 267.-, 260.- und 131. ID gegenüber. Innerhalb weniger Stunden waren russische Kräfte über den Pronja hinweg an 7 Stellen in die deutschen Linien eingebrochen. Zwar konnten die Einbrüche abgeriegelt und an einigen Stellen der Gegner wieder über die alte HKL zurückgeworfen werden, doch wurden hierbei die letzten örtlich verfügbaren Reserven verbraucht.

Denkbar ist, daß Siegfried Lindenberg schon im Zusammenhang mit diesen Kämpfen verwundet worden ist und in das etwa 30 Kilometer hinter der Hauptkampflinie liegende Lazarett bei Petrowitschi (G-Maps) transportiert worden ist, daß er womöglich aufgrund der Schwere seiner Verwundung nicht transportfähig war, und daß sich sein Zustand über die nächsten Wochen verschlimmerte, so daß er am 5. Dezember 1943 dasselbst verstarb. 

Abb. 5: Petrovichi (For.d.Wehrm.)

Er könnte aber auch in Zusammenhang mit den nachfolgenden Kämpfen verwundet worden sein (6):

Am 28. November brach der Gegner in die stark geschwächte Front der Division beiderseits Wyssokoje tief in die HKL ein und schnitt größere Teile der in Front liegenden Infanterie ab. (...) Zwischen dem 21. und 30. November betragen die Verluste der Division 9 Offiziere und 390 Mannschaften.

Wyssokoje liegt 15 Kilometer südlich von Tschaussy (G-Maps). Am 29. November 1943 heißt es im Kriegstagebuch der 9. Armee (6):

Der Feind erzielte in der Einbruchstelle bei der 131. ID weiteren Geländegewinn nach Westen. Immerhin konnten Lapeni und Jegorowka gehalten werden. Angesichts des Fehlens von Reserven blieb die Lage in diesem Frontabschnitt besonders gespannt.

Ein 22-jähriger Leutnant an diesem Frontabschnitt war Hans-Jürgen Hartmann. 

"Ich konnte mich immer noch nicht beruhigen - Die Knie zitterten mir"

Dieser hat sein Kriegstagebuch veröffentlicht (7), über das man einen Einblick in die Art der Kämpfe in diesem Frontabschnitt in diesem Winter 1943/44 erhält. Er reiste Mitte November 1943 über Minsk an die Front (7, S. 267f). Gefürchtet waren dabei die Partisanen in den Wäldern östlich von Minsk. Zunächst war er hundert Kilometer nördlich von Mogilew eingesetzt. Im Februar 1944 wurde er dann Richtung Süden, Richtung Tschaussy verlegt und kam bei Barischewka an der Pronja zum Einsatz, also dort, wo im Herbst 1943 auch Siegfried Lindenberg im Einsatz gewesen ist. 

Abb. 6: Zwischen dem Dnjepr bei Mogilew (links) und dem Flußtal der Pronja (rechts) - Im Winter 1943/44 verteidigten die deutschen Divisionen entlang der Hauptkampflinie bei den markierten Dörfern Baryshevka, Prilepovka bis hinunter nach Vysokoe Richtung Osten über die Pronja hinweg - Das rückwärtige Lazarett lag bei Petrovici, dessen Friedhof bei Goleni (G-Maps)

So daß man sich über diese Tagebuch-Einträge ein Bild von der Schwere der dortigen Kämpfe machen kann (7, S. 316ff). Wie schon geschildert, brachen die Russen immer wieder in die vordersten Gräben der Hauptkampflinie ein, die dann in mühsamen und aufreibenden Gegenangriffen von den Deutschen zurückerobert wurden. Hartmann schreibt zum Beispiel über die Lage kurz nach einer solchen Rückeroberung (7, S. 323f):

Ich konnte mich immer noch nicht beruhigen, die Knie zitterten mir und der Atem ging kurz und schnell. Die anderen, die dicht hinter mir gewesen waren, fragten mich, ob ich denn gar nichts abgekriegt hätte. Ich spürte nichts und da erzählten sie mir, von den dicken Handgranaten der Russen seien doch zwei unmittelbar vor meinen Füßen hochgegangen. (...) Der Käptn erzählte mir noch grinsend, er habe noch nie ein so fürchterliches Hurragebrüll wie meins beim Aufrollen des Grabens gehört. (...) Ich weiß nur, welch eine entsetzliche Angst mir im Halse gesteckt hatte. (...) Iwan wird nun immer wissen, welchen Haufen er vor sich hat.

Ein solches Bereinigen von russischen Einbrüchen wurde wieder und wieder notwendig. Hartmann schildert, wie die sowjetische Führung unablässig und erbarmungslos immer wieder die russischen Soldaten zum Angriff nach vorn peitschten, wo sie dann zu hunderten sprichwörtlich mit Maschinengewehren und Handgranaten von den deutschen Soldaten "abgeschlachtet" wurden. Aber auch die deutschen Soldaten waren wieder und wieder völlig am Ende ihrer Nerven und Kräfte und wunderten sich, daß bei der riesigen Zahl an Menschenmengen die Russen über Monate hinweg keine größeren Erfolge erzielen konnten.

Der Bericht von Hartmann macht deutlich, daß es nicht nötig war, in ein Bewährungsbataillon der SS kommandiert zu werden, um die Härte der Kämpfe an der russischen Front so zu erleben wie sie von Autoren wie Frithjof Elmo Porsch (1924-2015) (Wiki) (1) so nachhaltig in ihren Büchern geschildert werden. Sie konnten auch von jeder beliebigen deutschen Infanterie-Division ähnlich erlebt werden und von jedem Angehörigen derselben. Also auch von Siegfried Lindenberg. 

"Forum der Wehrmacht"

Viele Nachkommen stellen heute im Internet Nachforschungen über ihre Großväter oder über sonstige Angehörige an. 

Eine ähnliche Frage wie hier in diesem Beitrag wurde zum Beispiel schon 2010/11 auf dem sehr hilfreichen "Forum der Wehrmacht" erörtert. Nämlich die folgende (For.d.Wehrm.):

Mich interessiert tatsächlich, welche genaue russische Einheit am 25.10.1943 in Zarech´ye 1 Kilometer östlich Tschaussy gegen die Deutschen kämpfte. Mein Großvater wurde dabei tödlich getroffen!

Es handelt sich also um einen weiteren Angehörigen jener Einheit, in der auch Siegfried zum Einsatz kam, und der eineinhalb Monate vor ihm gefallen ist.

In einer eigenen Anfrage auf diesem "Forum der Wehrmacht" wurde irrtümlich noch ein anderes Petrowitschi als Ort des Geschehens vermutet. Dazu sind aber sehr schnell zwei richtigstellende und damit hilfreiche, weiterführende Antworten gegeben worden (For.d.Wehrm.):

In Belarus gab und gibt es einige Orte mit Namen Petrowitschi (heute: Petrovichi). Dein gefundener Ort (100 km südl. Smolensk, 100km östl. Tschaussy) ist mit Sicherheit nicht der Ort, wo Dein Großonkel verstorben ist. Es gibt aber ein Petrowitschi ca. 20 km östlich Mogilew auf dem Weg nach Tschaussy (heute: Cavusy). Dieses Petrowitschi dürfte es sein! (...) Leider liegen mir auch keine Detail-Infos über die 131. ID vor. Von Januar - August 1943 lag sie nördlich/nw Kiroff und bestritt Stellungskämpfe. Den anschließenden Rückzug mit Absetzen nach Westen über Rosslaw hast Du auch schon genannt. Auf einer Lagekarte vom 3. 10. 43 wird die Division dann schon im Raum Tschaussy geführt. Es dürfte schwierig bis unmöglich werden, Genaueres über das Ortslazarett Petrowitschi und den Rückzug der Division herauszufinden, da es leider keine Dokumente mehr darüber in den Archiven gibt.

Die Front scheint im Raum Mogliew/Petrowitschi dann für sechs Monate weitgehend unverändert geblieben zu sein. Denn erst am 28. Juni 1944  ist Mogilew von den sowjetischen Truppen zurückerobert worden (Wiki).

Abb. 7: Soldatengrab in Rußland, 1943 (Bdsarch., Bild 101I-022-2948-19 / Wolff, Paul Dr. / CC-BY-SA)

Es geschah dies im Zusammenhang mit den Angriffen, die am 22. Juni 1944 begannen und zu dem katastrophalen Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte (Wiki) führen sollten. Siegfried Lindenberg war da schon nicht mehr am Leben. 

Sein Grab wurde zurückgelassen und vor Ort sicherlich bald eingeebnet und vergessen. Über sein Grab hinweg wurde der Kommunismus, Materialismus und Atheismus erneut nach Weißrußland, und erstmals auch nach Polen und nach Deutschland hinein getragen.

Am 4. Dezember 1943 also ist Siegfried im Ortslazarett Petrowitschi (G-Maps) in Weißrußland seinen Verletzungen erlegen. Petrowitschi liegt, so sei noch einmal angegeben: 560 Kilometer südwestlich von Moskau, 85 Kilometer südlich von Orsha, 20 Kilometer östlich von Mogilew (Wiki) auf dem Weg nach Tschaussy. 

Siegfried lag - bis zur Umbettung - auf dem Soldatenfriedhof Goleni Reihe 2, Grab 2 begraben. So laut Auskunft des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge vom 16.1.2007 (Volksbd), der dies nach den Angaben der "Deutschen Dienststelle", ehemalige Wehrmachtauskunftstelle, Berlin mitteilte.

Abb. 8: Der Fluß Ostjor (Wiki) bei Mogilew - Gemälde von Nikolai Alexejewitsch Atryganjew (1823-1892), 1885 (Wiki)

Er lag dort begraben wie viele andere Soldaten  aus dem Land Brandenburg (s. Wkopfer) und aus ganz Deutschland.

Umbettung auf die Kriegsgräberstätte Schatkowo

Am 4. März 2023 ergänzen wir diesen Beitrag mit folgenden Ausführungen: Im Hinterkopf war natürlich schon häufiger der Gedanke, daß man einmal nach Weißrußland reisen müßte und das Grab des Cousins des Vaters besuchen müßte. Es wäre vermutlich nicht leicht zu finden gewesen.

Durch eine neue Online-Suchanfrage beim Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge erfährt der Autor dieser Zeilen, daß die sterblichen Überreste von Siegfried Lindenberg inzwischen umgebettet worden sind auf die Kriegsgräberstätte Schatkowo, zehn Kilometer nördlich der Stadt Bobruisk (Volksbd). Damit liegt Siegfried Lindenberg jetzt 150 Kilometer südwestlich seines ursprünglichen Bestattungsortes, dem Friedhof des Frontlazaretts bei Petrovici, bestattet.

Die Kriegsgräberstätte Schatkowo ist nach Beresa im Westen des Landes die zweite Kriegsräberstätte, die der Volksbund in Weißrußland eingerichtet hat. Auf ihr sind über 34.000 deutsche Soldaten beigesetzt. Vor fünf Jahren hat der Norddeutsche Rundfunk eine Reisegruppe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge begleitet, die die Gräber ihrer Väter, Großväter oder Angehörigen besucht haben (4). 

Abb. 9: Die deutsche Kriegsgräberstätte Schatkowo bei Bobruisk in Weißrußland

Dabei wurde zunächst die Kriegsgräberstätte Berersa bei Minsk besucht (4; 13'53). Einige Tage später wurde auch der Soldatenfriedhof Schatkowo besucht (4; 36'19). Der trauernde Mann, dessen gesamte übrige Familie bei einem Bombenangriff auf Aachen ums Leben kam, steht sogar ausgerechnet vor dem Gedenkstein, auf dem die Namen mit L verzeichnet sind. Sein Vater war Günther Liehr. Das ist der Name, der dem Alphabet nach direkt vor dem Namen von Siegfried Lindenberg stehen müßte. Der Name Lindenberg folgt dort auf dem Gedenkstein dann aber nicht, sondern es folgt der Name Paul Lindenhahn (4; 40'34). Der Volksbund gibt als Auskunft:

Endgrablage: Block 31 Reihe 21 Grab 831 - Name und die persönlichen Daten von Siegfried Lindenberg sind auch im Gedenkbuch der Kriegsgräberstätte verzeichnet.

Es sind also nicht alle bestatteten Soldaten auch dem Namen nach auf den Gedenksteinen verzeichnet. Diese Dokumentation ist erschütternd. Die Reisenden stehen vor viel mehr Fragen als Antworten.

/ Ergänzt und 
überarbeitet: 4.3.23 bis 21.5.23 /
____________________
*) Siegfried Lindenberg (geb. am 1.10.1924 in Großwusterwitz, gestorben am 4. 12.1943 in Petrowitschi)
___________________
  1. Blankenhagen, Wilhelm: Im Zeichen des Schwertes. Erinnerungen an den Weg der 131. Infanterie-Division  1940 - 1945. Verlag Giebel & Oehlschlägel, Osterode am Harz 1982  (126 S.) (Ebay)
  2. Behrens, Ilse: Wer aus Rußland kommt ist müde. Verlag Hohe Warte, Pähl 1950 
  3. Fotos von der 131. Infanteriedivision auch: Verleihung eines Eisernen Kreuzes am 8. Januar 1944 an den Unteroffizier Heinz Fricke 3./Gren. Rgt 131. Kowel, Ukraine, 6. April 1944 (Flickr).
  4. Sieben Tage auf der Suche nach Onkel Hans. Deutsche Soldaten in Weißrußland - Eine Suche mit dem Volksbund. NDR Doku, 08.05.2018, https://youtu.be/-pMwNYMYqkQ.
  5. Die Einweihung der Kriegsgräberstätte Schatkowo in Weißrußland am 2. Juli 2011, https://youtu.be/3TIMcVtsjbA. 
  6. Ralf Anton Schäfer: Das Vermisstenschicksal des Heinrich Molter, 9. Juni 2021, https://www.das-kriegsende.de/das-vermisstenschicksal-des-heinrich-molter/   
  7. Hans-Jürgen Hartmann: Zwischen Nichts und Niemandsland: Tagebuch eines deutsches Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Zuerst 2006; Books on Demand, Norderstedt 2020 (GB)
  8. Porsch, Frithjof-E.: Die letzten Tage meiner Kompanie. In: Möller-Witten, Hans (Hrsg.): Männer und Taten. Ritterkreuzträger erzählen. Lehmanns Verlag, München 1959

Montag, 13. September 2010

Die alliierte Landung auf Sizilien, gefördert durch den deutschen militärischen Abwehrdienst (1943)

Alexis von Roenne, ein deutscher "James Bond" gegen Adolf Hitler?

Dem innerdeutschen Verrat im Zusammenhang mit der Invasion in der Normandie im Juni 1944 ging der innerdeutsche Verrat im Zusammenhang mit der Landung der Alliierten auf Sizilien genau ein Jahr zuvor voraus (The New Yorker, 10.5.10).

Ende April 1943 steckte der britische Geheimdienst, für den auch Ian Fleming, der Autor von "James Bond", arbeitete, einen geistig Behinderten in eine britische Offiziersuniform und brachte ihn anschließend mittels Rattengift um. (Das alles natürlich unter dem vorbildlich-humanistischen Schlachtruf "Vorwärts, christliche Soldaten!".) Die Geheimdienstleute ließen die Leiche mit präparierten Unterlagen vor der südwestlichen Küste Spaniens im Meer treiben, so daß sie ein örtlicher Fischer finden konnte. Die präparierten Unterlagen handelten von Befehlen an die britischen Truppen, in Tunesien, in Griechenland, auf der Pelopones und auf Sardinien zu landen.

Die spanischen Diplomaten kontaktierten zunächst den britischen Botschafter in Spanien. Erst als dieser sich an dieser Angelegenheit uninteressiert zeigte, gab das (pro-deutsche) Militär in Spanien diese präparierten Unterlagen nach Berlin und zum Adolf Hitler weiter. Daraufhin wurden die deutschen Truppen in Griechenland und auf Sardinien verstärkt und ihre Alarmbereitschaft erhöht. Von Frankreich wurde eine Panzerdivision nach Griechenland verlegt. Ein hübscher Spaß:
Als 160.000 anglo-amerikanische Truppen am 10. Juli 1943 auf Sizilien landeten, wurde klar, daß die Deutschen einer der bemerkenswertesten Täuschungsaktionen der modernen Militärgeschichte zum Opfer gefallen waren.
Doch sind diese Vorgänge erst die halbe Geschichte. Die Täuschungsaktion wäre nicht so erfolgreich verlaufen, wenn nicht die militärische Abwehr in Deutschland bei dieser Täuschungsaktion mitgespielt hätte. Eine der wichtigsten Figuren war Alexis Baron von Roenne, jener "interessante" Mann, der auch bei der alliierten Invasion in der Normandie ein Jahr später so mit seinen eigenen, ganz besonderen Dingen beschäftigt war ...

_____________
Preisausschreiben für die Leser: Wer die beste Version der Fortsetzung liefert (zu erarbeiten anhand der eingangs angegebenen Literatur), dessen Beitrag wird hier als Fortsetzung eingestellt. ;-) Einsendeschluß: So bald als möglich. Teilnahmebedingungen: Englische Lesekenntnisse. Der ausgesetzte Preis: Schriftsteller-Ruhm.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Deutsche Geschichte im Technischen Museum Berlin

In den Abteilungen "Schiffahrt" und "Luftfahrt" des Technischen Museums Berlin wird man mit eindrucksvollen Zeugnissen aus der Geschichte der zivilen Schiffahrt, des Seekrieges, der zivilen Luftfahrt und auch der Geschichte des Luftkrieges während des Ersten und des Zweiten Weltkrieg konfrontiert.

Es finden sich Nachbildungen der 1919 bei Scapa Flow versenkten deutschen Kriegsschifflotte. Der U-Boot-Krieg während des Zweiten Weltkrieges wird dokumentiert. Für den Ersten Weltkrieg wird sehr ausführlich der Kult um die "Fliegerasse" auf beiden Seiten der Kriegführenden dokumentiert, etwa um Manfred von Richthofen und viele andere.

Eine "Ju 52"-Verkehrsmaschine ist zu besichtigen:

Sie war die erste, vielbenutzte Linienflugmaschine der deutschen Lufthansa in den 1930er Jahren. Man erhält einen Eindruck von den ersten Frauen in der zivilen und auch militärischen Luffahrt, etwa von Elly Beinhorn und anderen.

"Flieger, grüß mir die Sonne"

Hier lernt man auch, daß das Lied "Flieger, grüß mir die Sonne" gar kein Lied der "Neuen Deutschen Welle" aus dem Jahr 1980 ist (auf der gleichen Linie wie "Hurra, hurra, die Schule brennt") - wie man das vielleicht bisher törichterweise geglaubt hatte. Sondern daß es sich um eines der populärsten Lieder von Hans Albers aus dem Jahr 1932 handelt (-->Yt. 1, 2, 3):
...
Piloten ist nichts verboten,
drum gib Vollgas und flieg’ um die Welt.
Such Dir die schönste Sternenschnuppe aus
und bring sie Deinem Mädel mit nach Haus.
...
Eine nur in Teilen erhaltene "Ju 87" ist zu besichtigen, der damals sehr bekannte, bedeutende deutsche Sturzkampfbomber:

Der militärisch erfolgreichste Flieger dieses Flugzeugtyps war der Oberst Hans-Ulrich Rudel. Das ausgestellte Wrack mußte am 2. Juli 1942 auf nordrussischem Gebiet notlanden. 1994 wurde es geborgen und gelangte über England und Neuseeland 1997 "zurück" nach Berlin. Auf ähnliche Weise kamen mehrere der ausgestellten Flugzeug-Wracks in das Technische Museum Berlin.

Ein Flugzeug des berühmten Typs "Messerschmidt Me 109" ist zu besichtigen:


Es war das wichtigste deutsche Jagdflugzeug des Zweiten Weltkrieges. Ebenso ist ein Bruchteil des wichtigsten russischen Jagdflugzeuges des Zweiten Weltkrieges, der "Iljuschin II2" zu besichtigen.

Sodann ein eindrucksvolles, riesiges Bruchteil des meistbenutzten britischen Bombers während des Zweiten Weltkrieges, eines "Lancaster", mit dem die deutschen Städte in Schutt und Asche gebombt wurden:

Erläuternd werden dazu Farbfilm-Aufnahmen des großen Brandes von Hamburg 1943 gezeigt, die einen sehr dicht an die Geschehnisse heranführen. Kinderleichen liegen auf den Straßen. Der ausgestellte Bomber war im September 1943 südlich von Berlin abgeschossen worden und in den Wünstorfer See gestürzt. Aus diesem wurde das ausgestellte, riesige Bruchteil 1997 geborgen.

Es wird eine vielbenutzte deutsche "8,8 Flak", ein Flugabwehrgeschütz, ausgestellt, mit dem viele angloamerikanische Bomber abgeschossen worden sind, und das auch im Bodenkampf zum Abschuß von Panzern benutzt wurde:

Hier im Hintergrund noch einmal das Wrackteil der 1943 abgeschossenen "Lancester". Es wird auch über die deutsche Raktenforschung in Peenemünde informiert, wo unter Wernher von Braun die V1 und die V2 entwickelt wurden.

Des Eindrucks des Unheimlichen und Grauenvollen, das von all diesen Objekten einer gar nicht so lange vergangenen Geschichte ausgeht, kann man sich nicht entziehen.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share