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Freitag, 21. Juni 2013

"Wissen bloggt" - Eine Distanzierung

Thema privater Waffenbesitz - wie soll es erörtert werden?

Fact or Fiction? - Das Geballer von Revolverhelden wie John Wayne (1959)
Ich war bislang Autor auf "Wissen bloggt". Und das war ich gerne. Auch werde ich neuerdings in der humanistischen Presse als "Gründungsmitglied der 'Initiative Humanismus'" bezeichnet. Auch das habe ich gerne gemacht. Da ich in der kritischen Berichterstattung mit Frank Berghaus in eine Reihe gestellt werde (siehe letzter Blogbeitrag), bin ich einigen Vorwürfen, die gegen Frank Berghaus erhoben werden, noch einmal nachgegangen. Ich habe ihn persönlich dazu befragt. Und ich habe auch einige Stimmen aus der Facebook-Gruppe "Initiative Humanismus" dazu hören können. 

Einer der Vorwürfe lautete, daß auf dem Blog "Wissen bloggt" das Thema Waffenbesitz erörtert würde. Und das ist bisher der einzige, der mir wirklich von Bedeutung zu sein scheint, da in der Erörterung dieser Frage sehr schnell und unmittelbar moralische Grundhaltungen mit hineinspielen. Wie ich bei der Auseinandersetzung mit diesem Vorwurf gerade lernen konnte. Denn dieses Thema ist tatsächlich auf "Wissen bloggt" behandelt worden (Wissen bloggt, 17.10.2011). Worauf ich erst jetzt aufmerksam werde.

Daß das Thema privater Waffenbesitz ein Thema ist, das sachlich erörtert werden kann und muß, steht außer Frage. Zum Beispiel in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" sind dazu in den letzten Monaten mehrere Artikel erschienen (Nature 2013 a, b, c, d), die ich alle mit nicht unbeträchtlicher Erleichterung und Zustimmung gelesen habe, weil nach ihnen vom amerikanischen Präsidenten selbst die bisher in den USA offenbar fast allein bestimmende Macht der Waffen-Lobby - etwa im amerikanischen Kongreß und anderwärts - zurückgedrängt werden soll. (Womit ich kein Loblied auf diesen Guantanamo-Präsidenten singen will. Er handelt ja auch hier ganz klar nur unter Druck und weil er nicht anders kann.)

Wer länger den Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" liest, weiß auch, daß wir den Eltern der Opfer von Winnenden in ihrer öffentlichen Erklärung (Focus) viel Zustimmung entgegenbrachten. 

"Rechtspopulist sagt ..."

Ich will es hier nicht zu umfangreich machen. Im Zuge der Diskussion mit Frank sagte ich schließlich auch:
Z.B. dieser Kommentar hier ist von Anfang bis Ende ekelhaft und menschenverachtend, Wild-Western-Manier pur. Ich habe nur den ersten Youtube-Link gesehen, das hat mir gereicht. Nein, das ist kein Humanismus. Niemals. So ein "Rechtspopulist" würde auf meinem Blog einmal kommentieren und nie wieder. Ich glaube, die Kritiker von "Wissen bloggt" haben noch gar nicht gründlich genug gelesen, wenn sie solche Kommentare noch nicht sollten bemerkt haben.
Und ich verwies dann auf den Kommentar auf "Wissen bloggt" zu dem oben schon genannten Blogartikel:
Rechtspopulist sagt:
Wer würde eine Bank überfallen wollen, wenn er wüsste, dass jeder Kunde dort selbst bewaffnet ist?
So muss das sein:
http://www.youtube.com/watch?v=LvSwpljtxlg&feature=related
Und so:
http://www.youtube.com/watch?v=CBl_etopHd4&feature=related
Noch besser:
http://www.youtube.com/watch?v=of-57Ivfwz8
Wäre das Alltag, würden sich potenzielle Kriminelle drei Mal überlegen, ob sie es wagen, ihr Leben zu riskieren. Ich habe es übrigens mal in Israel live erleben dürfen, wie jemand, der sich … "nicht ganz so korrekt" verhalten hatte … den Lauf einer Uzi ins Maul gesteckt bekam. Das hat gewirkt – auch ohne, dass abgedrückt wurde! :-)
Es gab, soweit übersehbar, unter den weiteren Kommentaren keine empörte Reaktion auf diesen Kommentar. Auch nicht vom Bloginhaber Frank Berghaus.

Frank meint auf meinen Hinweis auf diesen Kommentar, er zensiere grundsätzlich nicht auf seinem Blog. Was aber eine besondere Note erhält durch die Tatsache, daß er schon zuvor in unserer Erörterung zustimmend und sypmathisierend auf das Verhalten eines 80-jährigen Rentners hinwies, der einen 16-jährigen Einbrecher erschoß (Berliner Morgenpost), ein Verhalten, das sehr gut übereinzustimmen scheint mit dem in den verlinkten Youtube-Videos verherrlichten Handeln.

Nein, das ist nicht meine Welt. Das kühlt meine Begeisterung für "Wissen bloggt" deutlich ab. Im Zusammenhang mit dem Evolutionären Humanismus muß das Gebiet der Moral nach meiner Auffassung astrein behandelt sein. Sonst wird das Wort Humanismus mehr und mehr zu einer Hülse. Und deshalb kann ich dieses mir doch eher abseitig erscheinende Thema letztlich doch nicht als ganz so abseitig behandeln. Ich weiß deshalb nicht, ob es bei mir künftig noch einmal Lust geben wird, einen neuen Artikel für "Wissen bloggt" einzureichen oder irgendwie in der "Initiative Humanismus" tätig zu sein.

Dienstag, 15. Januar 2013

Kinderfreundlichkeit - das grundlegendste Prinzip der Evolution und der Geschichte

Abb. 1: Kindheit im Havelland, 1930er Jahre
Warum sind die traditionellen Gesellschaften die kinderfreundlichsten Gesellschaften auf dieser Erde? Wo immer man auch hinkommt zu traditionellen Völkern und Volksgruppen?

Nun, die Frage stellen, heißt eigentlich schon, sie beantworten. Traditionelle Gesellschaften sind Gesellschaften, die schon seit langen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden so leben, wie sie noch heute leben. Wie hätten sie wohl so lange überdauern können - ohne kinderfreundlich zu sein?

Warum also sind die traditionellen Gesellschaften die kinderfreundlichsten Gesellschaften auf dieser Erde? Die Antwort lautet: Weil die Begründer dieser Gesellschaften aus dem Innersten heraus kinderfreundlich waren. Und weil ihnen - bewußt oder unbewußt - bei der Durchstrukturierung ihrer Gesellschaft und ihres gesellschaftlichen und familiären Lebens nichts wichtiger war, als diese Kinderfreundlichkeit.

Ist es anders zu erklären? Daß in der traditionellen bäuerlichen Arbeitswelt die Arbeit und die gesellschaftlichen Strukturen sämtlich um die Tatsache herum strukturiert sind, daß Menschen Kinder haben? Und daß Kinder die bestmögliche Entfaltungsmöglichkeit haben?

Die Kinder etwa hätten sich an diese Lebensweise angepaßt und nicht etwa umgekehrt die Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder in vollstem Umfang berücksichtigt? Schon die Frage zu stellen, ist lächerlich. Natürlich letzteres. Kinder sind auf der ganzen Welt und in allen Gesellschaften ähnlich. Auch ihre Bedürfnisse.

Welches sind die wesentlichsten Bedürfnisse von Kindern? Um so jünger, um so mehr? 
1. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
2. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
3. Die enge Bindung an primäre Bezugspersonen.
Mindestens bis zum dritten Lebensjahr gilt das unumschränkt. Danach stufenweise - und individuell je nach Kind - weniger. Um so mehr ältere Geschwister, Verwandte und enge Freund der Familie da sind, um so leichter fällt dem Kind die Trennung von der primären Bezugsperson. 

Deshalb ist in traditionellen Gesellschaften das ganze gesellschaftliche Leben so durchstrukturiert, daß Eltern auch bei der Arbeit möglichst in der Nähe ihrer Kinder sind. Das simpelste Prinzip von der Welt. Nur nicht verständlich solchen Gesellschaften, die eh schon lange untergegangen sind, oder die gerade untergehen. Eben weil Kinderfreundlichkeit nicht das zentralste Prinzip ist, nach dem sie ihre Gesellschaft durchstrukturiert haben.

Kinderfreundlichkeit - ein Prinzip naturalistischen Denkens und des Evolutionären Humanismus

Und keineswegs ist es so, daß dieses Prinzip jemals in der Evolution, in der Humanevolution oder in der Weltgeschichte an Bedeutung verloren hätte. Im Gegenteil. Evolution ist eine ständige Steigerung und Ausdifferenzierung von kindlicher Hilflosigkeit und elterlicher Fürsorge (Adolf Portmann). Es ist eines der tiefsten Gestaltungsprinzipien der Evolution überhaupt. 

Schon die grundlegendsten Unterscheidungen im Tier- und Pflanzenreich machen darauf aufmerksam: Ursprünglichere Gymnospermen, Nacktsamer, schützen ihre Nachkommenschaft weniger als die fortgeschrittenen Angiospermen, Bedecktsamer. Letztere bedecken ihren Samen, umgeben ihn mit einer Schutzhülle. Die Schönheit aller Blütenpflanzen auf dieser Erde ist dem Prinzip Nachkommenfürsorge geschuldet. 

Abb. 2: Kindheit im Havelland, 1930er Jahre
Und im Tierreich ist es nicht anders. Ursprünglichere Amphibien und Reptilien kümmern sich weniger um ihre Nachkommenschaft als die Säugetiere. Und bei den Vögeln sind die Nesthocker, also jene Tierarten, die die hilflosesten Jungen zur Welt bringen und sich am meisten um sie kümmern, die intelligentesten Vögel (Adolf Portmann). Nicht die Nestflüchter. Bei den Säugetieren ist es nicht anders. Das extrauterine Frühjahr, das heißt die vollendete Hilflosigkeit bei der Geburt, ist eines der wesentlichsten Kennzeichen des Humanum. Die verlängerte Kindheit. Nicht die verkürzte.

Und damit auch die Ängstlichkeit des Kleinkindes, der große innere Streß bei der Trennung des Kleinkindes von primären Bezugspersonen.

Im Sinne einer krankhaften Ideologie - anders kann man es nicht nennen - fallen alle diese Erkenntnisse über die Gesetze der Evolution bei der Durchgestaltung unserer heutigen Gesellschaft völlig unter den Tisch.

Es wäre das ein "naturalistisches Denken". Menschen würden sich die Prinzipien ihres Lebens aus anderen Erkenntnissen ableiten als aus dem Weltbild eines kruden Atheismus oder einer kruden Gläubigkeit an Heilige Schriften. Und das geht ja nicht. Da schreit ja jeder rechtskonservative, Männerbünde und Mönchsorden liebende Vordenker im Innersten seines Herzens auf: Nein, so nicht! Wenn wir aus der Natur selbst die Prinzipien unseres Handelns ableiten und nicht aus Heiligen Schriften und den Beschlüssen von Kardinalskonzilien, dann landen wir im gottlosesten Heidentum. In der Ketzerei! Weg von alle dem! Die zivilisatorische Kraft des Christentums darf nicht beiseite gewischt werden!

Heilige Schriften wirken zwar heute, als sollte sich durch sie das Wort erfüllen: Viel Steine gab's und wenig Brot. Aber gerade das ist für die modernen Gesellschaften richtig. Es ist die "katechontische Größe", die wir brauchen. An diesem Gegenprinzip, an diesem geradezu satanischen Prinzip mögen sich moderne Gesellschaften "abarbeiten". Vielleicht ist es ja zu ihrem Heil? Sagt nicht Jesus Christus irgendwie so etwas?

Aha. Noch ein Einwand könnte kommen: Der Autor will also traditionelle Lebensformen verherrlichen und zu ihnen zurück kehren? Ja, Phantasielose könnten auf diesen Gedanken kommen. Mit Phantasielosigkeit haben Gesellschaften noch niemals Krisenzeiten überwunden.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

"Aufbruch der Leistungsträger"

Aber mit welcher Moral?

Peter Sloterdijk ist einer der wenigen selbständigeren, geistreicheren Denker, Kultur- und Gesellschaftskritiker im heutigen Deutschland. Immer wieder einmal ist es lohnend, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen. Im November-Heft des "Cicero" ist sein neuester Aufsatz unter dem Titel "Aufbruch der Leistungsträger" veröffentlicht. - War es Sloterdijk selbst oder war es die "Cicero"-Redaktion, die diesen Aufsatz im Untertitel aufgepäppelt hat zu einem "bürgerliche(n) Manifest" (siehe Bild rechts)?

Und gibt das dieser Text her?

Einer der wesentlichsten Kritikpunkt an diesem Text ist sicherlich die inkonsequente, ja, fast gedankenlose Verwendung des Begriffes "Leistungsträger" durch Peter Sloterdijk. Sloterdijk unterscheidet - wie die meisten Denkenden heute - zu wenig zwischen gesellschaftsstabilisierenden und -weiterführenden Leistungen, die in einer Gesellschaft erbracht werden und "Leistungen" des Opportunismus, die den Fortbestand und die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft existentiell gefährden. Er scheint sich noch davor zu scheuen - wie so viele andere ebenfalls - sich einmal selbst und anderen zu verdeutlichen, wie hoch eigentlich der Anteil der bloßen Opportunisten unter der von ihm definierten Gruppe der "Leistungsträger" ist. Jedenfalls findet man zu diesem Thema auch nicht ansatzweise Abschätzungen in seinem Text.

Daß Sloterdijk durchaus ein ganz klares Gefühl für die gesellschaftsschädigende Wirkung der Opportunisten unter den Leistungsträgern hat, wird ja schon gleich im ersten, aufsehenerregendsten Abschnitt seines Textes deutlich. Da spricht er doch ebenfalls von jenen "Leistungsträgern", die er in den hinteren Abschnitten so herausstellt. Oder etwa nicht? Aber im vorderen Teil in einem ganz anderen Tonfall, als im hinteren. Macht sich Sloterdijk das denn nicht ausreichend klar? Warum bezieht er die im ersten Abschnitt gewonnenen Erkenntnisse über die vorherrschende Feigheit unter den heutigen "Leistungsträgern" nicht mit ein in sein Raisonement in den späteren Abschnitten?

"Leistungsträger" Axel Weber

Im ersten Abschnitt zeigt er anhand des Beispiels eines nicht unwichtigen "Leistungsträgers" in unserer Gesellschaft, nämlich anhand von Axel Weber, des Chefs der Deutschen Bundesbank, und anhand seines Verhaltens gegenüber seinem Kollegen Thilo Sarrazin:

... Auch die Leitung der Deutschen Bundesbank erweist sich gegen die Epidemie des Opportunismus als nicht immun. (...) Statt sich gelassen vor seinen Kollegen zu stellen (...), statt irgendetwas Souveränes, Aufheiterndes, gut Ventiliertes zu sagen, spricht Axel Weber (...) die allgemein erwartete Sklavensprache (...). Er kommt nicht auf den Gedanken, seine eigene entkernte Haltung, sein serviles Vorwegnehmen von eingebildeten Nachteilen, sein Floaten mit dem Tageskurs der Empörerei könnten die wirkliche Gefahr für das Ansehen seines Unternehmens bedeuten.

(Hervorhebungen nicht im Original.) Hier spricht Sloterdijk nicht nur von einer Gefahr für die Deutsche Bundesbank, sondern von Gefahren für die deutsche Gesellschaft überhaupt. Und ausgerechnet solche gefährlich-opportunistischen "Leistungsträger" soll man bei einer allgemeinen Beurteilung von "Leistungsträgern" in die gleiche Kategorie stecken wie jene - wenigen? - anderen "Leistungsträger", die nicht opportunistisch sind, nicht lethargisch sind und darum - nach Meinung von Sloterdijk - nicht die "Zukunft blockieren"?

Erst wenn man "Leistungsträger" nicht mit "Besserverdienenden" gleichsetzt und wenn man aus der Gruppe der Besserverdienenden (ebenso wie aus der Gruppe der weniger gut Verdienenden) jeweils den Anteil der Nicht-Opportunisten als einen speziellen Fall betrachtet, wird es doch sinnvoll, von einem "Aufbruch der Leistungsträger" überhaupt zu sprechen. Wollen wir denn einen Aufbruch in Bezug auf die "Leistungen" auf dem Gebiet des Opportunismus? Auf dem Gebiet der Feigheit? Auf dem Gebiet der (altchinesischen) Lethargie? Die entscheidende Frage ist doch: Wer sind denn die eigentlichen Leistungsträger in einer Gesellschaft?

Wo werden gesellschaftsstabilisierende Leistungen erbracht?

Erkennt man sie etwa - wie plump! - an dem Gehalt, das sie aufgrund ihrer "Leistungen" - etwa gar auf dem Gebiet des Opportunismus (?) - auf ihr Bankkonto überwiesen bekommen?

Nein. Die wichtigste gesellschaftsstabilisierende und -weiterführende Leistung ist es heute - "Studium generale" machte schon häufiger darauf aufmerksam -, wenn Eltern Kinder groß ziehen. Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein. Sollte das einem so klugen Kopf wie Peter Sloterdijk nicht endlich auch irgendwann einmal zugänglich sein? Daß zu aller Motivation, zu aller Fähigkeit für Leistung ein heiles Elternhaus die beste Grundlage ist?

Wer wenn nicht Eltern würden - zumindest doch ihrem eigenen Ideal nach - sogar jene "thymotischen Tugenden" des großzügigen Gebens alltäglich leisten, die Peter Sloterdijk so ganz richtig in unserer Gesellschaft - ansonsten - so sehr vermißt? Eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft ist doch, daß wir noch nicht einmal mehr großzügig genug sind, um überhaupt genügend Kindern das Leben zu schenken. - Oder sollte man diese thymotischen Tugenden wiederum ausgerechnet bei den vielen Opportunisten unter den "Besserverdienenden" suchen? Wie viele unter den Besserverdienenden gehören nur deshalb zu ihnen, weil sie insbesondere einer einzigen "Tugend" folgen, nämlich dem Opportunismus und dem eigenen Vorteil?

Auch Peter Sloterdijk läßt - wieder einmal - die entscheidendste, gesellschaftsstabilisierende Leistung außen vor. Obwohl er andererseits - wie Thilo Sarrazin - herrlich davon reden kann, wie schwierig es ist, die Kinder von Menschen anderer Kulturen zu integrieren. Also die Kinder jener, die zu den aus dem Ausland eingeführten "Streikbrechern" gezählt werden müssen, die den deutschen Geburtenstreik brechen. Aufgrund dieser ständigen Nachfuhr von Streikbrechern muß der offenbar so notwendige, schon Jahrzehnte lang anhaltende "Geburtenstreik" unter den Deutschen in Wirkungs- und Folgenlosigkeit verpuffen. Womit kein ausreichender Veränderungsdruck wirksam werden kann in Richtung einer Verbesserung der Lebensbedingung von Eltern, von in Lebenspartnerschaft lebenden Menschen und von Single's, die sich Kinder wünschen. Also insgesamt von grob sechs bis acht Millionen Menschen, die sich derzeit ihren vorhandenen Kinderwunsch - aufgrund von erforschbaren Ursachen - nicht erfüllen. (siehe St. gen.)

Wenn man dieser Gruppe von Leistungswilligen und Leistungsträgern nach jeder Richtung hin gerecht geworden ist, dann darf man sich - gerne - auch auf andere Gruppen, etwa auf die besondere Gruppe der Leistungsträger unter den Besserverdienenden konzentrieren.

Welcher Moral entspringen gesellschaftsstabilisierende und -weiterführende Leistungen?

Aber hat sich eigentlich Sloterdijk ausreichend klar gemacht, wie Leistungen auch im beruflichen Bereich überhaupt zustande kommen? Wie eigentlich die menschlichen Motivationssysteme beschaffen sind, die - auf die eine oder andere Weise - gesellschaftsstabilisierende und gesellschaftsweiterführende Leistungen hervorbringen? Oder konkreter: Woher stammt die Motivation, kein Opportunist zu sein, nicht in der einen oder anderen Weise nur angepaßt zu sein, mitzuschwimmen im Strom? Das ist doch die entscheidende Frage.

Und: Kann diese Motivation überhaupt mit Geld bezahlt werden? Mit Steuervergünstigungen? Mit dem Abbremsen von Steuererhöhungen? Was für eine Trivialmoral wird hier wiederum vertreten?

Über die menschlichen Motivationssysteme kann man sich informieren bei Joachim Bauer oder bei Konrad Lorenz. Auch ein Nachdenken über die protestantische Ethik und ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln (Rechtfertigungslehre von Martin Luther) könnte viel zu Tage bringen: Ist es allein die auch von Peter Sloterdijk umsonnene, schon im Alten Testament und im Mittelalter favorisierte "tit-for-tat"-Moral und ihr möglichst reibungsloses Funktionieren, die unsere Gesellschaft voranbringen wird?

Herr Peter Sloterdijk! Hören Sie, womit Sie mit Ihren "thymotischen Energien" noch hinkommen, wenn Sie diese einmal konsequent zu Ende denken? Sie rufen nach einer neuen "Reformation". Also nach einem neuen Martin Luther. Welcher Art waren die "thymotischen Energien", die Martin Luther zur Entfaltung brachte? Entsprangen sie im tiefsten Kern der "tit-for-tat"-Moral?

Wie kam nach Martin Luther der Mensch mit sich selbst ins Reine? Indem er Gutes tat, um in den Himmel zu kommen? Nein, indem er das Gute um seiner selbst willen tat. Allein um des Guten selbst willen. Um keines anderen Grundes willen. Und das ist doch die große, "thymotische Großzügigkeit" im guten Handeln, nach der Sie suchen. Muß man bibelgläubig sein, um eine solche Moral leben und allgemeingültiger formulieren zu können?

Dienstag, 1. Dezember 2009

Arbeitslosigkeit - ein Grund zum Heulen?

Hartz IV - das Überbleibsel christlicher und materialistischer Wirtschaftsordnung

"Hartzen" ist zum Jugendwort des Jahres 2009 erklärt worden. (Welt) Heinz Buschkowsky, der inzwischen schon fast deutschlandweit bekannt gewordene Bürgermeister des "Berliner Problembezirkes" Neukölln, sagt:
Wenn man Jugendliche fragt, was wollt ihr werden, antworten sie: Ich werde Hartzer.
Unsere Gesellschaft hat - offenbar - ein Problem. Sie kann mit freier Zeit nicht sinnvoll umgehen. Sie hat - immer noch - richtiggehend ein schlechtes Gewissen bezüglich des Umstandes, daß Menschen freie Zeit haben. Insbesondere: "Zu viel" freie Zeit. Es sind - offenbar - die gleichen Probleme, die lebenslange Sklaven haben, wenn sie aus ihrer Sklaverei befreit werden. Mit ihrer Freiheit können sie nichts anfangen. Die äußeren Ketten haben sich längst in innere Ketten umgewandelt.

Warum freuen wir uns nicht darüber, daß wir - endlich - weniger arbeiten müssen und doch eine Wohnung haben und uns satt essen können und uns ausreichend kleiden können und uns vieler sonstiger Annehmlichkeiten einer fortgeschrittenen Gesellschaft erfreuen können? Warum flößen wir uns selbst und anderen dauernd so ein schlechtes Gewissen ein, wenn wir "nur" das sind: Mensch. Woher kommt dieses: "nur"?

Hier steht eine Gesellschaft auf dem Kopf. - Woher kommt das?

Könnte so das Ergebnis einer Jahrtausende langen sozialpsychologischen Dressur in christlicher - das heißt in mittelalterlicher, benediktinischer und in neuzeitlicher, protestantischer - Arbeitsethik aussehen?*) Und haben sich selbst jene von dieser Dressur innerlich noch nicht befreit, die inzwischen schon lange - aber eben vielleicht doch nur äußerlich - zu "Atheisten" geworden sind? Versteht sich: zu materialistischen Atheisten?

Warum freuen wir uns eigentlich nicht über Arbeitslosigkeit? Warum jubeln wir darüber nicht? Warum sehen wir in der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung von "Verdi" --> weinende Menschen, wie man sie bei der Insolvenz eines solchen Arbeitgebers wie "Quelle" fotografieren kann. Zumindest - offenbar - in Nürnberg? Was für eine Sklavensprache spricht aus derartig scheußlichem Weinen? Und aus einer solchen Gewerkschaftszeitung?

Warum diese "Mißtrauensgesellschaft"?

Dabei sind viele Berufe, die bei "Quelle" ausgeübt wurden, nach mehreren offiziellen Gutachten - wie sogar der gleichen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung zu entnehmen ist - gesundheitsschädlich und inhuman. 80 Prozent derjenigen, die sie bislang ausgeübt haben, wollen diese Tätigkeit deshalb auch nicht bis zur Rente fortsetzen. So etwa die Tätigkeit eines "Call Center Agenten" (s. S. 22 der aktuellen Verdi-Zeitung). Sollten es wirklich die vielen Call Center Agenten sein, die bei der Insolvenz von "Quelle" das große Heulen bekommen haben?

Was für eine phantasielose Gesellschaft, die bei der Arbeitslosigkeit anderer Menschen oder bei der eigenen ein schlechtes Gewissen bekommt. Für die Arbeitslosigkeit ein Grund zum Weinen ist. Eine Gesellschaft, die ein schlechtes Gewissen dabei hat, den Menschen ein ordentliches, auch von Bundespräsident Horst Köhler als erwägenswert erachtetes, bedingungsloses Grundeinkommen, ein Erziehungsgehalt - oder auch nur ein Betreuungsgeld - zu zahlen.

Eine Gesellschaft, die als die eigene Handlungsleitlinie und die anderer noch überall die biblische Lohn-Straf-Moral vorauszusetzen scheint: Man tue das Gute nur, wenn man dafür - ordentlich - bezahlt wird, bzw. wenn man ausreichend kontrolliert wird (im Diesseits oder im Jenseits). Und wenn man nicht bezahlt wird, nicht kontrolliert wird, tue man das Gute Bitteschön auch nicht. Man sei doch - Bitteschön - kein "Idiot". Oft "darf" man - nach regulärer Gesetzeslage - Gutes gar nicht tun, ohne sich dafür bezahlen zu lassen. Denn man könnte ja dann Menschen eine Arbeit wegnehmen, die diese nur leisten, wenn sie etwas dafür bekommen. Wie viele Dinge stehen hier denn eigentlich gleichzeitig Kopf? Wieviele menschliche Verbiegungen, Verkrüppelungen verbergen sich denn hinter derartigen Einstellungen?

Ist es vor allem das (altruistische?) Bestrafen, das unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrecht erhält?

Nirgends in der Gesellschaft gibt es Stellen, die andere, lebensfrohere, lebensfröhlichere Einstellung fördern als diese von so typisch christlichem Mißtrauen in die menschliche Natur geleiteten Menschenbilder. Selbst die von zumeist atheistischen Wissenschaftlern angebotene "Evolutionäre Ethik" hat da bislang nur wenig zu bieten. Muß man sich da wundern, daß Mißtrauen und schlechtes Gewissen hochkommen, wenn von Geldleistungen die Rede ist, die "bedingungslos" sind? Und wenn von guten Taten die Rede ist, die "bedingungslos" sind?

Wie soll Vertrauen in die eigene Menschlichkeit und in die anderer entstehen, wenn wir uns ständig gegenseitig weiter im Teufelskreis, im Hexenkessel des Mißtrauens und des Materialismus belauern? Wenn wir uns gegenseitig belagern, begaunern und ausbeuten, da auch der Mißtrauen-geleitete "Third-Party-Punishment"-"Altruismus" die Gesellschaft insgesamt nicht mehr zusammenzuhalten und funktionsfähig zu erhalten scheint? (Zu letzterem siehe frühere Beiträge auf St. gen..)

______________
*) Der römische Historiker des 1. Jahrhunderts n. Ztr., P. C. Tacitus, berichtet in seiner "Germania", daß die Germanen seiner Zeit kein schlechtes Gewissen hatten, wenn sie faulenzend auf ihren Bärenfellen lagen. Die Christianisierung bewirkte hier einen klaren Wertewandel. Aber soll dieser Wertewandel auf dem Gebiet der Arbeitsethik der letzte Wertewandel der Geschichte bleiben? Auch heute?

Samstag, 31. Oktober 2009

Wittenberg - eine der deutschesten deutschen Städte

Abb. 1: Lutherporträt im vormaligen Wohnhaus Luthers in Wittenberg
Welcher kultur- und geschichtsbewußte Deutsche wäre noch nicht in Berlin gewesen? Oder in Postdam? Tübingen besucht man, um Friedrich Hölderlin nahe zu sein. Jena, um Friedrich Schiller, Weimar, um Goethe nahe zu sein. Salzburg, um Mozart nahe zu sein. Und Wien sowieso. Alles Städte, die noch recht lebendig im deutschen Kulturbewußtsein weiterleben.

Daß man Königsberg besuchen müßte, um Immanuel Kant nahe zu kommen oder Thorn und Frauenburg um Nikolaus Kopernikus' willen, das ist heute den Menschen in Deutschland nicht mehr so bewußt wie vor 1945. Ähnliches wird von Breslau oder Prag zu sagen sein.

Es gibt aber noch so die eine oder andere weitere deutsche Stadt, an die man sich erst heftig erinnern muß, um sich geschichtlich längst in den Hintergrund Getretenes wieder bewußt zu machen. Dies gilt auch für die deutsche Stadt Wittenberg an der Elbe. Die Stadt der Reformation. Die Stadt Martin Luthers. Am Eingang dieses Beitrages ein Gemälde, das heute im Wohnhaus von Martin Luther im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg hängt.

"Für meine Deutschen bin ich geboren und diene ihnen auch."

Das sagte Martin Luther. Und eine Tagung versucht "Der Deutschen Luther" an diesem Wochenende - aus Anlaß des Reformationstages - auch in Wittenberg wieder einmal auf den Grund zu gehen. Abgesandte Vertreter der "christlichen Weltgemeinschaft" weltweit nehmen an dieser Tagung teil. Für sie bedeutet Wittenberg noch etwas. Aber für uns Deutsche selbst?

Wittenberg ist eine übersichtliche Stadt. Sie ist viel schneller zu durchwandern als etwa Rothenburg ob der Tauber. Aber an jeder Straßenecke wird man - im Gegensatz zu Rothenburg ob der Tauber - daran erinnert, daß man sich hier in einer Stadt befindet, in der Weltgeschichte gemacht worden ist. Von einem einfachen Augustinermönch. Hier einige, fast nur willkürliche Beispiele:



Der bedeutende italienische Philosoph Giordano Bruno kam nach Wittenberg und rühmte die deutsche Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Hier in Wittenberg würde also ein Giordano Bruno-Denkmal hingehören, nicht an den Potsdamer Platz in Berlin (s. St. gen.), wo Giordano Bruno nie gewesen ist, weil von einem "Gelehrtenruhm" der Stadt Berlin vor 1600 noch niemandem etwas bekannt war.

Der spanische Kaiser Karl V., der russische Zar und der französische Kaiser Napoleon waren in Wittenberg. Sie alle kamen, um Luthers Grab in der Schloßkirche zu besuchen - an dem einen Ende der Stadt - und Luthers Wohnhaus im großen, ehemaligen Augustinerkloster am anderen Ende. Beide eine Viertelstunde Gehweg durch die Hauptstraße der Stadt voneinander entfernt. Herzog Alba riet seinem Kaiser Karl während ihres Besuches (im Schmalkaldischen Krieg), die Gebeine Luthers auszugraben und sie wegen Ketzerei zu verbrennen. Karl V. ging - vielleicht ein wenig wehmütig gestimmt? - auf diesen Vorschlag nicht ein.

Doch zeigt dieser Vorschlag zum anderen, daß nicht alle Besucher Wittenbergs immer und jeder Zeit freundlichen Sinnes in diese Stadt gekommen sind. Wittenberg steht für "das Rom des Nordens", steht für Konkurrenz, steht für Ketzertum.

Und in der Tat: Wenn man heute vom Bahnhof kommt, stößt man schon vor dem Stadttor auf die Eiche, die an den Ort erinnert, an dem Martin Luther 1520 die Bannandrohungsbulle des römischen Papstes öffentlich verbrannte. Welch ein weltgeschichtlich bedeutsamer Ort! Was bedeutete es damals, eine Bulle des Papstes öffentlich zu verbrennen. Und was für weltgeschichtlich bedeutsame Ereignisse in einer äußerlich so unauffälligen deutschen Landstadt. Eine Stadt, die längst vergessen zu sein scheint im deutschen Kulturbewußtsein.

Abb. 2: Reformationstag in Wittenberg
Heute war Reformationstag. Die Straßen und Plätze in Wittenberg sind an diesem Tag traditionell überfüllt. Seit der "Wende" ist Wittenberg wieder eine schöne Stadt geworden. Eine sehenswerte. Und da Wittenberg mit dem "Intercity" für einen Berliner nur eine halbe Stunde "vor der Stadt" liegt, haben auch wir uns einmal dorthin aufgemacht, um uns umzusehen an jenem Ort, dem Menschen wie Giordano Bruno oder Friedrich Schiller so große Hochachtung entgegen gebracht haben.

Abb. 3: Der Marktplatz in Wittenberg


Abb. 4: An der Stadtkirche, in der Luther gepredigt hat


Abb. 5: Die originale Inneneinrichtung von Luthers Wohnzimmer
Der Tisch, an dem Martin Luther seine berühmten Tischreden geführt hat. Und an dem er seine Lieder gesungen hat. Der Tisch, an dem das kulturgeschichtlich so einflußreiche Phänomen des protestantischen Pfarrhauses begründet wurde. Wer hätte gedacht, daß das alles noch original erhalten ist im Lutherhaus in Wittenberg. Und so vieles andere mehr ist zu sehen in diesem ehemaligen Augustinerkloster und der dort eingerichteten Ausstellung "Martin Luther - Leben, Werk, Wirkung". Eigentlich hatte man sich das Wohnhaus von Luther auch viel kleiner, bescheidener vorgestellt.

Aber in den letzten Jahren ist dort die umfangreiche Wirtschaftsführung der Katharina von Bora museal in vorbildlicher Weise aufgearbeitet worden. Katharina von Bora, verheiratete Luther, kaufte sich nach und nach mit ihrer Wirtschaftsführung auf dem ehemaligen Augustinerkloster den größten Bauernhof Wittenbergs zusammen. Anhand der jüngst getätigten Ausgrabungen rund um das Arbeitszimmer Martin Luthers an der Stadtmauer und die dort ebenfalls befindliche Latrine hat man mancherlei neue Erkenntnisse gewinnen können auch über das häusliche Leben im Hause Martin Luthers.

Abb. 6: Die Totenmasken von Martin Luther; Schrift Mathilde Ludendorffs
Neben vielem anderen - etwa einer riesigen Bibliothek von Erstdrucken aller Schriften Martin Luthers - sind in der Ausstellung auch die Totenmasken von Martin Luther zu sehen. Zusammen mit einer Schrift der völkischen Hintergrundpolitik-Kritikerin Mathilde Ludendorff, die in den 1930er Jahren viel Wirbel verursacht hat: "Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller - Ein Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte" (1). (In diesem wurde die These vertreten, daß Martin Luther durch Okkultlogen, zum Beispiel dem Rosenkreuzer-Orden, ermordet worden ist.) Aber auch sonst werden viele Zeugnisse aus der 500-jährigen Geschichte des deutschen Luther-Gedenkens gezeigt. Diesen ist auch das eingangs gebrachte Luther-Porträt entnommen.

2017 ist der 500. Jahrestag des Anschlags der 99 Thesen an die Schloßkirche von Wittenberg, des Beginns der Reformation in Deutschland und Europa. Und damit des Beginns der Neuzeit. Auch Deutschland könnte sich seines großen Reformators häufiger erinnern, als das gewöhnlicherweise getan wird.

Protestantische Ethik

In den letzten Jahren ist ja auch plausibel nahegelegt worden, daß die reformatorische Grundeinsicht von Martin Luther und damit die weltgeschichtlich einflußreiche protestantische Ethik (s. St. gen.) gar nicht auf der Bibel selbst beruht, sondern auf einer Bibelinterpretation durch Martin Luther, die mit der eigentlichen Bibel wenig zu tun hat (St. gen.). Damit hat Martin Luther die Deutschen und die Welt der Sache nach und im Kern von der Bibel weggeführt - nicht zu ihr hin. Das heißt: die angebliche "Gnadenlehre des Paulus" im Sinne des Protestantismus stammt gar nicht von Paulus (der ganz im jüdischen, ethnozentrischen Denken befangen war, auch dann, wenn er von "Gnade" sprach), sondern von: Martin Luther. Daß die Stadt Wittenberg heute in der deutschen Erinnerung das träumerische Dasein eines wenig bekannten Landstädtchens schläft, ist auch ein Ausdruck der Tatsache, daß sich die Deutschen viel zu wenig mit der Bibel beschäftigen und mit den vielen - falschen - Bibelübersetzungen ihres großen Deutschen Martin Luther.

Aus einer solchen Beschäftigung würde nämlich deutlich: Aus einer Welt voll Irrwahn hat sich der neuzeitliche Geist emporgerungen, nach und nach. Friedrich Hölderlin ahnte, daß die in der Neuzeit gewonnenen neuen revolutionären, philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und auch die daraus entspringenden neuzeitlichen Sprachschöpfungen "bald wie ein Hund umgehen werden in der Hitze auf den Gassen der Gärten", bevor die Menschen - "aus Zweifel und Ärgernis" - sich wieder zurück an die Gottheit wenden, an eine Gottheit, die immer schon anwesend war und immer anwesend sein wird, so nah auch immer sich die Menschen über Jahrhunderte hinweg am Abgrund des Irrwahns und der Gottleugnung entlang bewegen mögen:
Vom Abgrund nämlich
haben wir angefangen
und sind gegangen dem Leuen gleich,
in Zweifel und Ärgernis,
denn sinnlicher sind Menschen
im Brand der Wüste,
lichttrunken,
und der Tiergeist ruhet mit ihnen.
Bald aber wird, wie ein Hund,
umgehn in der Hitze meine Stimme
auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich ....
_______________________________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller. Ein Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte. Im Selbstverlag der Verfasserin (Fortschrittliche Buchhandlung), München 1928 (96 S.) (Scribd), 1929, Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1931, 1933 (156 S.), 1935, 1936 (212 S.) (52. - 55. Tsd.); Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1998, 2003

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