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Mittwoch, 11. August 2010

"Der Kampf um das Letzte, das der Mensch hat"

Josef Weinheber (1892 - 1945) - Einige neu veröffentlichte Briefe
Vorbemerkung: Unter der Rubrik "Literatur" erscheinen hier auf den Blogs seit 2007 in unregelmäßigen Abständen Beiträge. Hier eine kurze Übersicht über die deutschen Dichter (und Sprachwissenschaftler), die seit 2007 schon behandelt worden sind, bzw. die zu Wort gekommen sind. 19. Jahrhundert: Friedrich Schiller (a, b), Friedrich Hölderlin (a), Jacob Grimm (a), Annette von Droste-Hülshoff (a), Josef Freiherr von Eichendorff (a), Friedrich Hebbel (a). 20. Jahrhundert: Rainer Maria Rilke (a), Josef Weinheber (a, b), Agnes Miegel (a, b), Karl Springenschmid (a, b, c), Martin Walser (a), Bettina Wegener (a, b).

Eine zweibändige, über tausend Seiten starke Doktorarbeit über den Dichter Josef Weinheber (1892-1945) (Wiki) ist erschienen (1). Und zwar schon im Jahr 2006. Verfasser ist der Wiener Germanist Christoph Fackelmann (geb. 1970). Er hat unveröffentlichte Nachlaß-Bestände ausgewertet, und zwar sowohl von Josef Weinheber selbst wie auch von dessen Briefpartnern. 

In dem vorliegenden Beitrag sollen einige der Briefe, die dabei - soweit ersichtlich - erstmals der Öffentlichkeit bekannt geworden sind, angeführt werden. Und zwar in chronologischer Reihenfolge. Es geht nur darum, auf diese Briefe selbst aufmerskam zu mache. Es geht nicht um eine ihnen angemessene geschichtliche Einordung und Erläuterung, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann. 

"Inmitten einer verrotteten Zeit ..." 

Josef Weinheber stellte sich selbst mit Verachtung über die Welt des Politischen und auch zumeist auch mit Verachtung über die Schickeria des Kulturlebens seiner Zeit. Das Schuschnigg-Österreich, in dem er lebte, war ein "autoritäterer Ständestaat", in dem nur eine Staatspartei erlaubt war, nämlich die "Vaterländische Front" (Wiki).

Zwei Wochen nachdem er am 21. Januar 1937 eine Rede vor dem "Vaterländischen Front-Werk 'Neues Leben'" in Wien gehalten hatte - also mehr als ein Jahr vor dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich - schrieb er am 6. Februar an einen Briefpartner, den Chemnitzer Arzt und "Literaturpfleger" Kurt Oxenius (1, S. 674):

Wenn ich nicht immer wieder, da und dort, Menschen wie Sie getroffen hätte, müßte ich verzweifeln. Das "Volk" hat ja keine Stimme. Und diejenigen, die die Stimme haben, reden wie die Blinden von der Farbe. Ich habe hier in Wien am 21. Jänner einen einstündigen Vortrag über Kunst, über die geistige Heimat des Künstlers gehalten, und alles, was in Wien Namen hat, hat sich den Vortrag angehört. Er hat in seiner Kompromißlosigkeit, in seiner monomanen Unerbittlichkeit vor den letzten Dingen des Geistes wie ein reinigendes Gewitter gewirkt. (...) Man darf ja nicht erlahmen. Man muß die Leute immer wieder zwingen, die Schuhe auszuziehen, "denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land". Ich habe nichts anderes zu tun. Das ist meine ganze Aufgabe. Inmitten einer verrotteten Zeit ist meine Sendung nicht Erneuerung, sondern Bewahrung. Ich bin mit meinem Gesicht, mit meinen Gesichten nach rückwärts gewendet. Aber jener, der kommt, um nach vorne zu schauen, wird mich brauchen: Er wird auf meinem Rücken stehen oder er wird nicht sein. Das wird mir alsbald den Ruf, die Marke eines Epigonen eintragen. Weil ja heute alles falsch gesehen wird und mein "Ruhm" natürlich ein Mißverständnis ist. Aber ich werde dann nicht schweigen. Ich habe mir fest vorgenommen, die Analphabeten zum Beweis ihrer kindlichen Formulierung anzuhalten. Wenn mir Gott neben der Gabe des Formens eine scharfe, polemische Intelligenz geschenkt hat, so wird er sie wohl auch zur richtigen Zeit genützt wissen wollen.

In der Dissertation ist an einer Stelle die Rede von einer "antibürgerlichen Dimension" im Werk Josef Weinhebers. Das könnte aber auch mißverstanden werden. Ein echter Künstler muß vieles als ambivalent empfinden. Welches Phänomen wohl mehr als das Phänomen "Bürgerlichkeit". 

Mit ähnlicher Berechtigung könnte man anhand des Lebens und Werkes von Josef Weinheber eine Dimension der "Sehnsucht nach Bürgerlichkeit" (in einem höheren Sinne verstanden) aufzeigen. Man denke nur an seine Sehnsucht nach eigenem Heim und Herd, nach eigenem Grund und Boden. Jedenfalls erfährt der Leser an dieser Stelle der Dissertation auch Neues über "Frauenbeziehungen" der Dichters, und zwar auch solche nach dem Jahr 1936.

"... Korrespondenzen in einer Komplexität und Tiefe" 

Nur deshalb gehen wir auf diese "antibürgerliche Dimnesion" ein. Ob das Wesen dieser Beziehungen unter der Begrifflichkeit "antibürgerliche Dimension" wirklich schon gut erfaßt ist, soll hier ebenfalls dahingestellt bleiben. Fackelmann schreibt jedenfalls (1, S. 446):

Die Indizien (für die "antibürgerliche Dimension") betreffen auch Phänomene wie jene Frauenbeziehungen Weinhebers, die mit den ausgedehnten Vortragsreisen durch das Deutsche Reich - und zwar schon mit den ersten, die Weinheber unternimmt - einsetzen. (...) (Es) bilden sich die relativ rasch (...) eingegangen (...) Liebesbeziehungen zu einzelnen Verehrerinnen. (...) Die Konturen der Beziehungen zu Eva Cartellieri (in Marburg a. d. Lahn, November/Dezember 1936), zu der Lektorin und Übersetzerin Elisabeth Ihle (in Teuthof bei Detmold, Dezember 1936/Anfang Januar 1937; der Briefverkehr reicht allerdings bedeutend weiter, ins Frühjahr 1936 zurück) und zu Gertrud Stöhr (in Augsburg, Ende 1938/Anfang 1939) entstehen aus den erhaltenen Materialien, insbesondere aus den Korrespondenzen, in einer Komplexität (und Tiefe), die sie deutlich über die Ebene von "Affären" hinaushebt.

Womit ja eigentlich schon gesagt ist, daß eine Kennzeichnung wie "antibürgerliche Dimension" an dieser Stelle im Grunde gar nichts sagt. Fackelmann ähnlich weiter:

Erst recht das Bild der (...) Beziehung zu der Germanistikstudentin Gerda Janota (...) aus Linz (ab November 1937 in Linz bzw. erst ab Anfang Dezember 1938 in Stuttgart und Tübingen, hernach in Inzersdorf, Salzburg, Wien).

Fackelmann zitiert als Beispiel die folgende Stelle aus einem der Briefe Weinhebers an Gerda Janota aus dem September 1940 (1, S. 446):

26. IX. 1940
Gestern auf der Heimfahrt (...) habe ich mein ganzes Leben überdacht: Das Verfehlte und das Gelungene. Und dann hatte ich am Ende doch das Gefühl, ich könnte ruhig vor Dich hintreten, weil neben vielem Bösen und Halben doch auch ein guter Wert da ist, auf den ich hinweisen kann: auf meine dichterische Figur und Leistung. Ohne mir gut zureden zu wollen, habe ich doch überdacht, wer ich eigentlich bin, und daß ich mit den Maßen des Bürgers nicht gemessen werden kann. Du hast das ja vom ersten Augenblick an gefühlt. Du hast vom ersten Augenblick an um Deinen Dienst an mir gewußt. Und so feige und zaghaft ich innerlich bin, hast Du doch erlebt, daß ich mich in den entscheidenden Momenten des Lebens durchaus als Herr empfinde und gebe. Diese eingeborene Eigenschaft der Persönlichkeit wird uns ja schließlich retten, trotz meiner Sentimentalität.

Es wird hier sofort deutlich, daß mit groben Einordnungen über Weinheber gar nichts gesagt ist.

"Es bilden sich schreckliche Vakuen"

Am 18. November 1940 schreibt Weinheber an den Germanisten Hans Rößner. Ob Weinheber sich der Tatsache bewußt war, daß dieser Germanist für den Sicherheitsdienst der SS arbeitete, ist bis heute unklar geblieben. Weinheber jedenfalls legt ihm gegenüber ein unverhohlenes Bekenntnis ab (1, S. 718):

Du weißt, welche herrscherliche Stellung im Organismus des Menschlichen ich der Sprache einräume. Du weißt, daß ich die Sprache für einen Ausdruck einer zweiten Natur halte, eben der menschlichen, die dadurch abgegrenzt ist von dem gesamten "animal". Du weißt auch, daß ich diese wichtige Unterscheidung wie kaum ein anderer lebender Europäer erfaßt habe. (...) In diesen Zeiten rücken die Dinge der Kunst ebenso wie die Dinge unserer sonst uns vertrauten Welt weit fort. Es bilden sich, mehr und mehr, schreckliche Vakuen. Wenige Menschen sehen das. Der wirkliche Künstler ist einsamer denn je. Nur in der göttlichen Bevorzugung des Menschen, die ihm in der Sprache verliehen ist, scheint mir in all dem Niederbruch ein geheiligter Halt zu sein. Und das einzige Vorrecht unseres Volkes, das Abendland repräsentieren zu dürfen, scheint mir in unserer wahrhaft herrscherlichen Sprache zu liegen. Ich denke hierbei nicht an unsere kümmerlichen Tagesgrößen, sondern an Luther, Herder, Grimm, Goethe, Rilke, und an jene noch Verborgenen unserer Gegenwart.

Gut bekannt ist ja, daß Weinheber in jenen Jahren auch sonst - und auch in seiner Dichtung selbst - an der flappsigen, oberflächlichen, bramarbasierenden, seelenlosen, schnauzigen, schreienden Barbarensprache der Nationalsozialisten die Seele wundgerieben hat. Schon allein in der Verwendung und Mißhandlung der Sprache selbst sah er die "Ursünde", den ganzen Niedergang seiner Epoche. Und das schon ganz unabhängig von den politischen Inhalten, die über diese Sprache transportiert worden sind. Und er bleibt - gerade auch demgegenüber - bei allem "Herrschenwollen" auf dem Gebiet des Sprachlichen, Kulturellen, bei allem Machtanspruch der Barbarei gegenüber zutiefst demütig, ja in Selbsteinsicht bescheiden:

Mich selbst habe ich immer nur als einen Bewahrer, nicht als einen Mehrer (Augustus) gesehen.

Weinhebers "heiße Vaterlandsliebe" sieht "schreckliche Vakuen" - im Jahr 1940 

Wahrhaft unbescheiden - gegenüber den Kulturschändern einerseits - und wahrhaft bescheiden gegenüber der Dimension des eigentlich Kulturellen zugleich: Wer hätte das mehr verkörpert als Josef Weinheber:

Das ist wohl zu sagen notwendig. Meine heiße Vaterlandsliebe, die weit über das Österreichische hinausgeht (obwohl hier dies Noûs ist!) will unsere Sprache als die - nicht "schönste", aber als die bedeutendste des Abendlandes eingesetzt sehen.
Und:
Ich jedenfalls bin mir meiner herrscherlichen Aufgabe zutiefst bewußt. Dieses Bewußtsein unterscheidet mich von allen deutsch schreibenden "Schriftstellern".
Und:
Ich wünsche Dir - nicht, daß es Dir gut gehe, es geht uns allen nicht gut - ...
im Jahr 1940,
aber ich wünsche Dir und Deiner lieben Frau jene letzte Tapferkeit des Herzens, worauf am Ende alles ankommt. Dein Ziel ist ein kleineres als das meine. Wenn ich mein größeres unbeirrbar im Auge behalte, so darfst auch Du nicht verzagen.

Diese letzten Sätze sollten auch Worte des Trostes sein gegenüber vielerlei klagenden Worten seines Briefpartners, auf die an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.  

"Mir fehlt in dieser menschlichen Stimme der zitternde Unterton der Gefährdung" 

Das Urteil Weinhebers selbst gegenüber völkischen Schriftstellern, denen er freundschaftlich nahesteht, wie etwa gegenüber seinem Freund Erwin Guido Kolbenheyer (1878 - 1962), bleibt bei aller Freundschaftlichkeit doch unerbittlich und damit im Letzten auch zurückhaltend. Denn Weinheber sieht einfach "zu viel" und empfindet, was anderen damals völlig scheint entgangen zu sein. So schreibt er jedenfalls am 21. November 1940 an seinen Briefpartner Hermann Pongs über Kolbenheyer (1, S. 454):

(...) Ich kann mich nicht recht hineinfinden. Meine Traditionen sind andere. Mir fehlt in dieser menschlichen Stimme der zitternde Unterton der Gefährdung. Sprache kommt nur dort zustande, wo ein Mensch vollkommen einsam ausgesetzt ist. Hier aber spricht nach meinem Gefühl noch immer der typische Bürger als einer, der in einem (sehr honorigen) Leben gelernt hat, über das Schreckliche des Lebens hinwegzusehen. - "Und Bürger sein macht schon ein Brandmal wett," was?

Hier ist natürlich wieder die Ambivalenz des Bürgerlichen angesprochen, in diesem Fall eine gewisse Flachheit, Bequemlichkeit. Ein halbes Jahr später schrieb Weinheber an die Germanistikstudentin Gerda Janota, die Mutter seines einzigen - unehelichen - Sohnes (1, S. 446):

11. VII. 1941
(...) Deine Eltern sollen nicht gegen Dich und gegen mich sein: Es wäre der größte Unsinn, den sie begehen könnten. Weder ich noch Du haben aus Abenteuerlust gehandelt, sondern mit dem Anspruch auf das primitivste Lebensrecht. (...) Sie haben kein Recht, Dich zu verdammen, wenn sie ihre bürgerlichen Moralbegriffe an wem reiben wollen, sollen sie es in Gottes Namen an meiner Person tun. (...)

Auch diese Worte weisen für den Doktoranten Fackelmann auf die "antibürgerliche Dimension" im Leben Josef Weinhebers hin. In einer Zeit, in der "bürgerlich" lebende Menschen dem kulturellen Anspruch gar nicht mehr gerecht werden, der einem groß aufgefaßten "Bürgertum" zugesprochen werden muß, ist es natürlich schwer für einen Künstler, angepaßt-flach "bürgerlich" zu leben.  

Schwarz-Weiß-Malerei nach 1945 

Die Zeit nach 1945 mit ihrer krassen Schwarz-Weiß-Malerei hat es als ganz unmöglich angesehen, daß in dem "barbarischen" System der Nationalsozialisten auch kulturerhaltende, zutiefst humane Kräfte regsam gewesen sein könnten. Wer nur immer auch nur leichte Sympathien mit dem Nationalsozialismus geäußert hatte, geriet in Verdacht. Aus diesem Grund mußten solche intellektuellen Hochstapler der Flakhelfer-Generation wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Jürgen Habermas, Walter Jens und so viele andere mehr allesamt - fast - bis an ihr Lebensende ihre jugendlichen Sympathien für den Nationalsozialismus ihren nächsten Familienangehörigen und der Öffentlichkeit gegenüber verheimlichen. Auch sie gaben damit ihre Ohnmacht oder ihren Unwillen kund, in dem Nationalsozialismus noch irgendwelche anderen Kräfte am Wirken sehen zu können (vom Wollen ganz abgesehen), als die des Bösen, des Verbrecherischsten, was die Weltgeschichte je gesehen hat.

Weinheber im Jahr 1940

Bemerkenswerterweise hat man diese Schwarz-Weiß-Malerei auf solche während des Zweiten Weltkrieges - sowie davor und danach - ebenfalls barbarische Politik verfolgende Staaten wie die Sowjetunion, Großbritannien, die USA, Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien niemals angewendet. Es ist diese Schwarz-Weiß-Malerei Teil der "political correctness", der "Zivilreligion" unserer Zeit. Sie verunmöglicht aber bestimmte Blickweisen auf die deutsche und europäische Geschichte und Kulturgeschichte, die auf solche politischen Tageserfordernisse ja schlichtweg keine Rücksicht nehmen dürfen, wenn ihnen der Anspruch auf Wahrheit nicht näher liegen soll. Auch alle diese genannten Staaten verfolgten in Methoden und Zielen barbarische Politik. Darüber besteht heute gar kein Zweifel. In diese "Reiche des Bösen", die in vielen Aspekten bis heute fortbestehen, verstrickt gewesen zu sein oder verstrickt zu sein, legte und legt den Menschen niemals so viel Rechtfertigungsdruck auf, als in das exklusive, geradezu "monotheistisch" verehrte "Reich des Bösen" verstrickt gewesen zu sein, genannt Nationalsozialismus. So vorzugehen, ist natürlich auch eine Form von "Relativierung", fragt sich, von was ...

"... Wie labil alle geistigen, seelischen und religiösen Fragen noch waren, als der Krieg begann ..." (Mai 1942) 

Aber sei all dem wie auch immer. Am 3. Mai 1942 schrieb Josef Weinheber an den schon angeführten Germanisten und SD-Mann Hans Rößner Worte, die aus dem Blickwinkel der genannten Schwarz-Weiß-Malerei immer nur wieder falsch verstanden werden würden (1, S. 715):

(...) Was die Männer an der Front geleistet haben in diesem Winter, ist unvorstellbar. Haltung und Stimmung in der Heimat versagen da in vielen Fällen doch recht erheblich. Aber man muß sich ja auch immer wieder vergegenwärtigen, wie labil alle geistigen, seelischen und religiösen Fragen noch waren, als der Krieg begann. In diesem Zwischenzustand - innerlich - haben wir den Kampf begonnen.

Hier spricht Weinheber nicht gerade den unwesentlichen Umstand der damaligen Zeit an. Einen Umstand, der nach 1945 ebenfalls fast völlig in Vergessenheit geraten ist: 1936/37 hatte als ein vorläufiges Ergebnis des "Kirchenkampfes" in Deutschland die bis dahin größte Kirchenaustritts-Bewegung in der deutschen Geschichte begonnen, die mit dem Anschluß von 1938 auch auf Österreich hinüberschwappte und in ihrer Größendimension nur mit der nach dem Jahr 1968 zu vergleichen ist. In breiten Schichten der Bevölkerung war hinsichtlich der religiösen und weltanschaulichen Fragen sehr viel Grundsätzliches in Bewegung geraten, ohne daß die Menschen dabei zwischen den Jahren 1939 und 1941 auch nur zu irgend einem neuen Gleichgewicht hingefunden hätten. Was sollte denn auch dieses neue Religionsbekenntnis "deutsch-gottgläubig" bedeuten? In welcher Weise sollten durch dieses neue, noch sehr verschwommene, unklare Bekenntnis die religiösen und weltanschaulichen Fragen des Menschen beantwortet werden? In welchem Verhältnis auch stand es zu dem Krieg, der da nun ausgebrochen war? 

"Nun ist ein großer innerer Hohlraum bei vielen entstanden ..." 

 Natürlich machte man sich beim Sicherheitsdienst der SS darüber viele Gedanken. Weinheber nun schreibt demgegenüber mit erschreckender Offenheit weiter:

Schulung und Propaganda der Partei sind äußerlich abgeglitten, weil sie die tieferen Fragen übersahen oder oft selbst keine sichere Antwort wußten. Man muß das heute, je leidenschaftlicher man zum Führer steht, desto nüchterner sehen.

Um so mehr man sich in der damaligen Zeit "zum Führer" bekannte, um so mehr Spielraum gewann man für die Kritik aller anderen führenden Nationalsozialisten:

Nun ist ein großer innerer Hohlraum bei vielen entstanden, eine Unsicherheit des Herzens vor der Härte des Kriegs. Dort beginnt aber, wie ich glaube, die entscheidende geistige Führungsfrage, nicht in Schulung und Propaganda, sondern in einer viel tieferen Schicht.

"... In diesem Hohlraum spricht die Kunst" 

Weinheber denkt hier natürlich daran, wie er als Dichter die "Heimatfront" im Kampf gegen den Bolschewismus im Osten und gegen den Kapitalismus im Westen von seiner Warte aus stärken kann. Und er hat natürlich seine ganz und gar eigene Antwort, geboren aus seinem Selbstverständnis als Künstler, das nun vergleichsweise wenig mit Krieg überhaupt zu tun hat:

Dort - in diesem großen inneren Hohlraum - spricht auch die Kunst, heute und morgen. Man soll sich auch hier keinen romantischen Illusionen hingeben, als ob das ganze Volk das so empfände oder verlangte. Aber es geht bei der ungeheueren Ordnungsaufgabe, die das Reich in Zukunft hat, ja auch immer nur um die Schicht der "Verantwortlichen" im tieferen Sinne und dann um die gläubige Sicherheit der besten Volksteile, die einen wirklich erfüllten Alltag leben, (die) alles das als "Lebensform" leben, was heute noch "weltanschauliche These" ist. Für die geistige Führungsschicht - die Künstler, Denker und Wissenschaftler - heißt das, daß die unselige Isolierung unseres Kulturbereiches aus dem politisch-geschichtlichen Zusammenhang, worin wohl einer der gefährlichsten Verfallsprozesse zu sehen ist, endgültig überwunden wird, wobei dann auch - richtig verstanden - der Begriff des "inneren Reichs" in sich zusammenfiele, weil seine Werte in dem einen Reich aufgehoben wären.

"Die unselige Isolierung unseres Kulturbereiches aus dem politisch-geschichtlichen Zusammenhang"  

Zu all diesen Sätzen wäre natürlich noch sehr viel zu sagen. Darauf muß in diesem Beitrag verzichtet werden. Abschließend soll noch ein Brief an Gerda Janota vom 1. September 1944 angeführt sein. Er soll den Abschluß dieses Beitrages bilden (1, S. 450):

1. IX. 1944
(...) Du hast mir unlängst ein so prachtvolles Wort gesagt. Du hast gesagt: Ich könnte alles machen, Du seist meiner sicher! Ich möchte Dir das Wort, das so recht Dein herrliches Wesen zeigt, zurückgeben können! Vielleicht darf ich Dir sagen, daß ich Dich innig liebe - wenn Dir das genügt, ich bin zu Geistreicheleien nicht aufgelegt, bin ein "alter" Mann - und vielleicht empfindest Du den Strom des Gefühls, das ich für Dich habe, noch in diesen dürftigen, rasch hingeworfenen Zeilen. Es ist sicher, Gerda, daß andere Frauen es besser getroffen haben. Aber sie haben ja keinen Weinheber. Sie gehen halt so durchs Leben, aber Dein Kampf ist ein Kampf um alles, um das Letzte, das der Mensch hat: um die echte Liebe. Ich habe geglaubt, Dich zu lieben, und jetzt erst beginne ich langsam zu begreifen, was Liebe ist. Diese Geistesgegenwart des Herzens lerne ich jetzt! Auch Du kannst mir nicht entgleiten. Was wissen denn Deine Eltern von einer solchen Liebe? Sie meinen es gut mit Dir, aber das Leben ist doch etwas anderes als einen wohlhabenden Bürger heiraten, der die "Schande" tilgen soll! Das Leben hat uns in die Kur genommen, wir gehören zusammen, und wir bleiben zusammen. Wenn Gott ein Bürger wäre, hätte er unserer echten Liebe wohl längst eine nette Legitimation verschafft. Er ist aber ein Künstler: Also ist der Endvers nicht abzusehen.

Acht Monate später, am 8. April 1945, nahm sich Josef Weinheber in seinem Haus bei Wien, während das Grollen der russischen Front schon zu hören war, das Leben. 

Die Briefe Weinhebers sind oft in ähnlicher Weise aussagekräftig, "Sprach"-kräftig wie seine Dichtungen selbst. Auch über so manche sehr wertvolle Erinnerung seiner Freunde (siehe 2) erhält man einen sehr persönlichen Zugang zu Josef Weinheber. Deshalb ergänzen diese Briefe und Erinnerungen in so besonders wertvoller Weise die von Weinheber geschaffenen Werke.

 

_____________ 
  1. Fackelmann, Christoph: Die Sprachkunst Josef Weinhebers und ihre Leser. 2 Bände, Band 1: Darstellung, Band 2: Anhang. LIT Verlag, Münster 2006. (s.a.: Google Books) 
  2. Heinrich Zillich (Hrsg.): Bekenntnis zu Josef Weinheber. Erinnerungen seiner Freunde. Akad. Gemeinschaftsverlag, Salzburg 1950

Sonntag, 16. Mai 2010

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Was die westliche Welt alles von einem kleinen Volk im Amazonas lernen kann

Der Sprachforscher Daniel Everett, er, der den großen Sprachforscher Noam Chomsky wissenschaftlich "alt" aussehen ließ (1, 2), macht derzeit unter Atheisten, Humanisten und Naturalisten die Runde: Als christlicher Missionar besuchte er einen Indianerstamm am Amazonas. Aber statt daß er diesen Indianerstamm bekehrt hätte zu Jesus Christus und zum christlichen Glauben, wird vielmehr er selbst durch durch diesen Indianerstamm, seine Zufriedenheit, seine Fröhlichkeit von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches der christlichen Religion überzeugt.

Und ebenso von der Widersinnigkeit des Wahrheitsanspruches so mancher anderen "Religion". Etwa der "Religion" vom universalen "Sprachinstinkt" aller Menschen (Steven Pinker), der "Religion" von der "angeborenen Universalgrammatik" aller Menschen (Noam Chomsky). Sein nun auch ins Deutsche übersetztes Buch (1) ist außerordentlich lesenswert, mehr aber noch, wenn man danach die beiden in diesen Beitrag eingeflochteten Film-Dokumentationen sieht.

Der Originaltitel seines Buches sagt mehr als der Titel der deutschen Übersetzung und würde auf Deutsch lauten: "Schlaf nicht, es gibt Schlangen!" Das sagt der Indianerstamm der Piraha (Wiki) sich gegenseitig anstelle unseres: "Gute Nacht!" Und in der Tat ist das - wie so vieles andere - für uns ein etwas skurriler Gutenacht-Gruß. Aber die Piraha meinen ihn wörtlich: Die ganze Nacht hindurch redet irgendjemand im Dorf weiter und schwätzt.

Die Forschungen von Daniel Everett bestätigen die Forschungen des Sprachforschers Wilhelm von Humbold, sowie die Sapir-Whorf-Hypothese (Wiki): Die Kultur, Lebens- und Denkweise eines Volkes bestimmen die Art der von diesem Volk benutzten Sprache. Und umgekehrt bestimmt die Art der von diesem Volk benutzten Sprache die Wahrnehmungen und das Denken dieses Volkes, das auf diese Weise eine ungeheuer starke Anpassung an seine Umwelt erfährt.

Gibt es "eine" Wahrheit für "alle Völker"?

Die Piraha zeigen, daß die Theorie der angeborenen Universalgrammatik Noam Chomsky's der vorgefundenen Wirklichkeit bei den Völkern nicht gerecht wird - oder höchstens sehr unvollständig - gerecht wird: Unser Denken und unsere Wahrnehmungen sind, wie die Forschungen der letzten Jahre immer mehr erhärten, kulturell von unserer jeweiligen Muttersprache tiefgehend und einzigartig vorgebahnt. Jede Kultur, jedes Volk der Welt hat seine eigene unverwechselbare, einzigartige Sicht auf die Welt, interpretiert die Welt und das menschliche Zusammenleben auf seine ihm ganz eigenartige Weise.

Es gibt also keine Religion, keine Wahrheit, die für alle Völker auf der Welt in gleicher Weise gültig sind. Man kann sich eine sechsminütige, deutschsprachige Vorstellung des sehr lesenswerten, neu erschienen Buches von Daniel Everett über seine Forschungen und über seinen persönlichen religiösen Weg ansehen (YtARD). Man kann einen Mann der Piraha sprechen hören, jenes Volkes, dem die Forschungen Daniel Everett's gelten (s. Yt oder Yt). Und es findet sich ein einstündiger (englischsprachiger) Vortrag von Daniel Everett über seine Forschungen (Fora.tv).

Von diesem Vortrag kann man sehr profitieren, um so mehr, wenn man zuvor sein Buch gelesen hat. Durch das persönliche Erzählen von Seiten Everett's bekommen die Piraha eine Lebendigkeit und damit eine Liebenswürdigkeit, daß man ihnen und ihrem Erforscher mit großer Sympathie gegenübersteht. Es gibt übrigens inzwischen viele Vortragsausschnitte, in denen Daniel Everett von seiner "Bekehrung" durch die Piraha berichtet (Beispiele: Yt1, 2, 3, ...).

Gibt es eine universelle Sprache auf dem Gebiet des Religiösen?

Ein Volk, das keine Zahlen kennt, sondern daß "per Sprache" unfähig und dem es auch ganz und gar gleichgültig ist, den Geist des Neuen Testamentes zu verstehen, bzw. seine tieferliegende religiöse Konzeption. Mit diesem Volk wird also nicht nur eine "universelle Grammatik" auf dem Gebiet der Sprache infrage gestellt, sondern auch gleich noch eine von den meisten Menschen und Wissenschaftlern heute vorausgesetzte "universelle Sprache" auf dem Gebiet der Religiosität. Daniel Everett setzt an das Ende seines Buches das Kapitel "Ein Missionar wird bekehrt" (S. 385ff). Er schreibt, wie ihn 1983 sein Piraha-Sprachlehrer eines morgens beim Kaffee ansprach:

He, Dan, ich muß mit dir reden. Die Piraha wissen, daß du deine Familie und dein eigenes Land verlassen hast, um hierherzukommen und bei uns zu leben. Wir wissen, daß du das alles getan hast, um uns von Jesus zu erzählen. Du willst, daß wir wie Amerikaner leben. Aber die Piraha wollen nicht wie Amerikaner leben. Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht. Aber wir mögen dich. Du kannst bei uns bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?

Was für ein souveränes Volk. Mit genau diesem Adjektiv bezeichnet schließlich auch Everett selbst die Piraha (S. 396). 

"Wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?"

Aber in einem neuen Anlauf und mit sehr ernster Miene nannte Everett den Piraha irgendwann später seine persönlichen Gründe, wie er zum Glauben an Jesus Christus gekommen sei. Everett war nämlich "bekehrt" worden, so erzählte er ihnen sehr ernst, unter anderem durch den Selbstmord seiner Stiefmutter. Davon erzählte er den Piraha mit bewegten Worten ausführlicher. Und er endete:

Ich erklärte, dies sei eine sehr ernste Geschichte.
Als ich geendet hatte, brachen die Piraha in Gelächter aus. Das kam, gelinde gesagt, unerwartet. Ich (...) rechnete damit, daß mein Publikum ehrlich beeindruckt war: Ich hatte Schlimmes durchgemacht, und Gott hatte mich da herausgeholt.
"Warum lacht ihr?", fragte ich.
"Sie hat sich selbst umgebracht? Ha ha ha. Wie dumm von ihr. Piraha bringen sich nicht selbst um."
Sie waren nicht im Mindesten beeindruckt. Die Tatsache, daß ein mir nahestehender Mensch sich das Leben genommen hatte, war für sie ganz eindeutig keinerlei Grund, an meinen Gott zu glauben. Ganz im Gegenteil: Es hatte genau die entgegengesetzte Wirkung.

Souveräne, vorbildliche Menschen. Nicht im geringsten lassen sie sich in ihrer eigenen Wertewelt erschüttern. Tod ist ein trauriges Ereignis für Piraha, wie auch Everett berichtet. Aber sie haben keine Angst vor ihm. Und so souverän, eigenständig in ihrem Wertesystem, so wirken sie auch in den Videoaufnahmen. Warum kommen uns die Menschen gerade überall dort mitunter so vorbildlich vor, wo Weltreligionen wie Christentum oder Islam noch nicht hingekommen sind? Was hat das Christentum, was hat der Islam mit den Menschen gemacht? Warum diese schlotternde Angst vor dem Tod? Warum dieses unwürdige Kriechen vor ihm?

Waren unsere eigenen heidnischen Vorfahren möglicherweise in früheren Zeiten auch einmal souveräner und in ihrer Wertewelt eigenständiger und haben "Missionare" einfach nur - - - ausgelacht? Und welche Macht maßen sich heute noch diese monotheistischen Interessenklüngel in der westlichen Welt an ... Was geht es sie an, was andere Leute glauben? Warum sagen wir ihnen nicht auch einfach:

Ihr könnt bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?
____________

  1. Everett, Daniel: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. Deutsche Verlags-Anstalt, 15. Februar 2010 (Bücher)
  2. Henk, Malte: Gixai kaxaxai - Die Sprache der Piraha. In: Geo, 1/2010, S. 48 - 70 (im Netz eine --> zu kurze Version - aber mit Video und Hörbeispielen)
  3. Weigmann, Katrin: Beeinflußt Sprache unser Denken? (Spektrumdirekt, 23.3.2007)

Donnerstag, 18. September 2008

"Exzellenz": Muttersprache und emotionale Reaktionen

An der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte, dem neu anvisierten "Harvard" oder "Oxford" der deutschen Wissenschaftsnation, gibt es ein neues "Exzellenz-Cluster", das ganz interessant klingt: "Languages of Emotion" (Hervorhebungen nicht im Original):
Gegenstand des Clusters sind die vielfältigen inneren Zusammenhänge von Sprache und Emotion. Die meistdiskutierten Emotionsmodelle der neueren Psychologie und Neurowissenschaft räumen der Sprache und anderen kulturellen Zeichensystemen keine theoretisch relevante Rolle ein. Umgekehrt sagen die Sprachmodelle der modernen Linguistik wenig oder gar nichts über emotionale Prozesse. Die Theoriebildung in der Folge von Chomskys „Generativer Grammatik“ ist eines von vielen Beispielen für den dominanten Trend, Sprach- und Affekttheorien zu entkoppeln. Ziel des Clusters ist es eben dies zu verändern. (...)
In diesem Cluster gibt es beispielsweise auch die Forschungsgruppe "Mehrsprachigkeit und emotionale Effekte beim Lesen in unterschiedlichen Sprachen". - Da sich menschliche Gruppen vor allem durch unterschiedliche Muttersprachen voneinander unterscheiden, haben wir dieses Thema auf "Studium generale" schon vielfältig angerissen und behandelt. Muttersprache prägt Wahrnehmung und emotionale Reaktionen vielfältig. (Stud. gen. 1, 2, 3, 4, 5) Man darf gespannt sein, was dieses Exzellenz-Cluster nun weiteres Neues darüber herausbringt.

Die "Vereinheitlichung" der emotionalen Reaktionen einer Menschengruppe durch eine gemeinsam gesprochene Sprache, noch dazu eine, auf die man in einer sensiblen Phase irreversibel schon im ersten Lebensjahr ("emotional") geprägt wurde, sollte die Kooperation zwischen den Angehörigen dieser Menschengruppe erleichtern, wodurch sicherlich auch die genetische Einheitlichkeit in der Gruppe herabgesetzt werden kann, ohne daß Altruismus-Potentiale gefährdet wären. Ob dieses Herabsetzen jedoch unbegrenzt möglich ist, darüber weiß man in der Wissenschaft wohl noch recht wenig.

Mittwoch, 10. September 2008

Zweisprachige Erziehung fördert Stottern

Von 317 stotternden Kindern, die in London in der Behandlung von Logopäden waren, sind ein Fünftel vor dem fünften Lebensjahr zweisprachig aufgewachsen. (Morgenpost) Schon im Oktober letzten Jahres war berichtet worden, daß zweisprachig erzogene Kinder etwas verzögert die Unterscheidung von bestimmten Lauten erlernen. (Stud. gen.) Aber dieser neue Befund spricht wohl noch eine weitaus deutlichere Sprache.

Samstag, 30. August 2008

Asiaten sehen und erleben die Welt und die Menschen anders als Europäer

Diese Abbildung zeigt, wie unterschiedlich Ostasiaten (blau) und Europäer (rot) sich Gesichter anschauen. (ScienceNOW, PLoS One) Der Blick von Ostasiaten (in der hier behandelten Studie 14 Londoner Studenten, die erst wenige Tage in England waren) richtet sich in die Mitte des Gesichts und versucht, das Gesicht "ganzheitlich" zu erfassen. Der Blick von Europäern (14 Londoner Studenten) wechselt hin und her zwischen der Augen- und Mundpartie und "analysiert" die Zusammenhänge. Die Autoren schreiben:

In general, Western Caucasian observers had significantly more fixations landing in the eye region, while East Asian observers had more fixations on the nose region. (...) Western Caucasian observers prominently fixated the eye region during learning and recognition. In contrast, East Asians consistently fixated the central region of the face. (...) This analysis highlights the consistency of the bias towards the eyes (and partially the mouth) by Western Caucasian observers and the nose, the central region of the face, by East Asian observers across time and tasks.
Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse als Folge kultureller Beeinflussung:
Direct or excessive eye contact may be considered rude in East Asian cultures and this social norm might have determined gaze avoidance in East Asian observers.

Diese Interpretation ist wohl noch ein bischen zu kurz gegriffen. Um eine genetische Komponente auszuschließen, müßten günstigstenfalls ostasiatische Adoptivkinder untersucht wurden, die seit der Zeit kurz nach der Geburt im Westen in westlichen Familien aufgewachsen sind. Studien an solchen Kindern zeigten ja schon vor einigen Jahren erstaunliche Beeinflussungen der unterschiedlichen Wahrnehmung durch die unterschiedliche Muttersprache. Die Wahrnehmungen waren nämlich bei ostasiatischen und europäischen Kindern gleich, solange sie noch nicht durch die Muttersprache geprägt worden waren.

Muttersprachliche Prägungen 

Deshalb werden es wohl nicht vornehmlich soziale Normen sein, die die Kinder erst im späteren Lebensalter lernen, sondern auch hier bei der Gesichtererkennung schon muttersprachliche Prägungen, die viel tiefer gehen, die viel unbewußter, vorrationaler und basaler sind, und denen sich die meisten Menschen gar nicht richtig bewußt sind. (Die Forscher betonen auch, daß die kulturellen Unterschiede in der Gesichtswahrnehmung anders sind als bei der Wahrnehmung von Menschen oder Tieren in einer natürlichen Umgebung, die schon zuvor von Robert Nisbett erforscht worden war. (Siehe Studium generale

Während bei der Gesichtererkennung Ostasiaten sehr genau einen Punkt (die Nase) fixieren, fixieren Europäer bei der Wahrnehmung von Lebewesen in der Landschaft diese einzelnen Lebewesen sehr genau. Ostasiaten sehen dagegen das Lebewesen mehr im Zusammenhang mit der Umgebung und verteilen die Blicke auch auf die Umgebung, während Europäer bei der Gesichtswahrnehmung mehr die Einzelheiten eines Gesichtes und ihre Zusammenhänge untereinander zu interessieren scheint und diese analysieren.) 

Man darf annehmen, daß eine andere Wahrnehmung von Welt und Menschen auch zu einem anderen Erleben von Welt und Menschen führt, auch zu anderen emotionalen Reaktionen darauf und darum auch zu anderen moralischen Bewertungen und damit auch zu anderem sozialen Handeln führt. Zwischen all diesen Dingen besteht ein Zusammenhang, bestehen Rückkoppelungs-Prozesse. Rückkoppelungs-Prozesse, die insbesondere schon durch muttersprachliche Prägung irreversibel vorgebahnt werden und später nur noch wenig verändert werden können. 

Siehe auch Studium generale: 1, 2, 3, 4.

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