Donnerstag, 12. August 2010

Portrait einer Generation

"Servus Heiner" - Karl Springenschmid erinnert sich an seinen Freund Karl Heinrich Waggerl

Das Büchlein "Servus Heiner" von Karl Springenschmid kann man trotz seiner bescheidenen, knapp hundert schmalformatigen Seiten als eine ausgesprochene Kostbarkeit im Schatz der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erachten. Erschienen im Jahr 1979, sechs Jahre nach dem Tod Waggerl's. In ihm erschließt der Autor anhand der Erinnerungen an seine lebenslange Freundschaft mit dem gleichaltrigen Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl (1897-1973), also anhand seiner auf ein fast 70-jähriges Leben verteilten Eindrücke, Erlebnisse mit seinem Freund Heiner letztendlich ein gültiges Bild nicht nur dieses ausgesprochen "eigenen" und besonderen Menschen Karl Heinrich Waggerl, sondern letztlich der ganzen Generation, der diese beiden, einstmals so jungen Schriftsteller angehört haben. Einer Generation, die mit blutjungen 17 Jahren als Kriegsfreiwillige in den Ersten Weltkrieg gezogen ist und die lebenslang von dieser Kriegserfahrung geprägt geblieben ist.

Einer Generation, die in den frühen 1920er Jahren mit leidenschaftlichem Herzen nach neuen Formen des künstlerischen Ausdrucks (s. Abb. 1) und nach neuen Formen des Lebens suchte. (K.H. Waggerl hat in nämlich den 1920er Jahren auch mit eigenen Versuchen an den Entwicklungen der modernen Fotographie teilgenommen. Das wurde erst nach seinem Tod bekannt.*)

 - Welches Büchlein könnte einem genau solche Umstände eindringlicher nacherlebbar machen, als diese hundert Seiten Erinnerungen?

Während man in den frühen 1930er Jahren aus dem "Fronterlebnis" dieser Generation noch politisches Kapital zu schlagen versuchte oder aber genau das mit "desillusionierenden" auflagenstarken "Antikriegs-Romanen" zu unterlaufen suchte, schreibt Karl Springenschmid seine Erinnerungen an Waggerl in den 1970er Jahren aus der abgeklärten Sicht der Erfahrung auch noch eines zweiten Weltkrieges nieder. Eines Krieges, den man erstaunlicherweise "auch noch" überstanden hatte, wo doch schon das Überstehen des ersten als ein so überaus prekäres Geschehen erlebt worden war.

Abb. 2: Karl Heinrich Waggerl, 1930er Jahre
Die Biographien und Lebenseinstellungen der beiden Freunde Springenschmid und Waggerl haben aber schon nach der Erfahrung des ersten Weltkrieges sehr unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Trotz lebenslanger äußerer geographischer und natürlich auch der beruflichen Nähe, da sie beide Schriftsteller wurden.

Karl Heinrich Waggerl nach 1945

Waggerl war, wie Springenschmid sagt, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich "in". Außer Herbert von Karajan konnte damals niemand die Säle so füllen wie Karl Heinrich Waggerl, wenn er aus seinen Büchern vorlas. Springenschmid sagt, Waggerl habe in jener Zeit nur noch die Erwartungen bedient, die die größere Öffentlichkeit an ihn als Dichter-Persönlichkeit gehegt hätte. Wie ein Schauspieler, der sich selbst "spielt", während er selbst sich schon längst wieder innerlich weiterentwickelt hätte und darum immer sparsamer in der Mitteilung auf dem Gebiet der Kunst geworden wäre.

Springenschmid versucht also seinen Freund gegen die vielen - keineswegs unbegründeten - Kritiken, die Waggerl gerade auch nach 1945 aufgrund seiner großen Popularität auf sich gezogen hat, ein wenig in Schutz zu nehmen. Es gibt offenbar unzählige Ton- und Filmaufnahmen von und mit Karl Heinrich Waggerl aus dieser Zeit, insbesondere von seinem alljährlichen Lesen in Salzburg zur Adventszeit. Er war wohl in den 1950er und 1960er Jahren als "altersweiser" Mann eine ähnlich "legendäre" Figur geworden, als ruhender Pol in einer sich rasch verändernden Zeit empfunden worden, wie vielleicht der in jenen Jahren ebenfalls allgegenwärtige, immer gut gelaunte Luis Trenker. (Mit letzterem war Springenschmid ja ebenfalls in guter Freundschaft verbunden.) Es fällt wohl heute schon schwer, die Begeisterung der damaligen Generation für einen Waggerl in ihrem ganzen Umfang nachzuvollziehen.

Im Netz kann man sich die damals berühmte und populäre Vorlese-"Stimme" Waggerls anhören (1, 2). Auf heutige Ohren wirkt sie schläfrig, müde, gar zu gekünstelt betulich. Man möchte sich von ihr nicht so recht menschlich überzeugen lassen. Vielleicht so ähnlich ein wenig übertrieben betulich, ein wenig unecht "altersweise" wie etwa der alte Heinz Rühmann in Deutschland. Gerade auch er kam ja insbesondere zu Weihnachten immer wieder zu Wort, als Deutschland gerade auch in jenen Jahren in besonders aufgesetzte Fernseh-Rührseligkeit versank.

Springenschmids Waggerl

Springenschmid sagt möglicherweise ganz richtig, daß Waggerl sich bei solchen Anlässen als Schauspieler gab, der Öffentlichkeit jenen Menschen und Dichter vorspielte, den sie sehen und hören wollte, während er selbst schon längst ein ganz anderer geworden war. Möglicherweise ist das ein typisches Kennzeichen jener 1950er und 1960er Jahre?

Abb. 3: Heirat 1919 mit 22 Jahren
Aber um wie viel wertvoller und kostbarer sind demgegenüber heute vielleicht die so ganz bescheiden daherkommenden Erinnerungen Springenschmids an Waggerl. Springenschmid zeichnet ein Bild seines Freundes Waggerl, das den Leser Waggerl gegenüber sehr eingenommen sein läßt, obwohl Springenschmid die genannte äußere Seite Waggerls, die man kalten Herzens eine Schwäche nennen könnte, in keiner Weise verschweigt. Springenschmid selbst hat seinem Freund Heiner deshalb bitterböse Briefe geschrieben, die er in seinem Buch auch zitiert.

All das kann man als eine hohe Kunst, auch Lebenskunst Springenschmids ansehen: Trotz des Trennenden die große Gemeinsamkeit zwischen ihnen zu betonen. Und es spricht daraus vor allem eine sehr große Liebe zu diesem seinen alten Freund Heiner, die, wie man den dem Buch beigefügten Handzeichnungen Waggerls von seinem Freund "Springs" aus den 1920er Jahren glaubt entnehmen zu können, tatsächlich eine gegenseitige gewesen sein muß. Wenn es auch oft genug im Leben der beiden zu so grundsätzlichen Spannungen gekommen ist, daß eine Fortsetzung dieser Freundschaft jedes mal fast gar nicht mehr möglich erschien.

Ein aufwühlendes Büchlein. Was für eine Zeit. Was für ein Leben.

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*) Die wunderschöne Schwarz-Weiß-Fotografie Waggerls von Abb. 1 durch die Gardine eines Fensters, wodurch ein scherenschnittartiger Eindruck von Pflanzen und anderem entsteht, ist aus diesem Blogbeitrag wieder herausgenommen worden, da derzeit wegen der Urheberrechte im Netz ein riesiger Popanz betrieben wird [Abmahnwahn 2.0], so daß man nie weiß, auf was man sich einläßt, wenn man seltene Funde in den Blogbeitrag einbindet oder eingebunden läßt. (Das ist - wie so vieles derzeit - ein lächerlicher Hohn auf die heutigen Möglichkeiten der Kulturdigitalisierung und der Möglichkeiten, über das Internet Kunst und Wissen breit unter das Volk zu bringen. Es gibt offenbar starke Kräfte, die Kunst und Wissen weiterhin in wenigen Sendeanstalten, in schwer zugänglichen, bzw. teuren Archiven und Internetarchiven monopolisieren wollen. Und die angeblich so offene Gesellschaft von heute läßt sich diesen Hohn bieten.)

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