Donnerstag, 12. August 2010

Portrait einer Generation

"Servus Heiner" - Karl Springenschmid erinnert sich an seinen Freund Karl Heinrich Waggerl

Das Büchlein "Servus Heiner" von Karl Springenschmid (1897-1981) (Wiki, Salzburg-Wiki) (1) kann man trotz seiner bescheidenen, knapp hundert schmalformatigen Seiten als Kostbarkeit im Schatz der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erachten. Es ist im Jahr 1979 erschienen, sechs Jahre nach dem Tod des schon im Titel angesprochenen Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)(Wiki). In ihm erschließt der Autor Springenschmid anhand der Erinnerungen an seine lebenslange Freundschaft mit dem gleichaltrigen Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl ein geradezu ergreifendes Bild nicht nur dieses ausgesprochen "eigenen" und besonderen Menschen Karl Heinrich Waggerl, sondern im Grunde der ganzen Generation, der diese beiden, einstmals so jungen Schriftsteller angehört haben. Es handelt sich um eine Generation, deren Angehörige mit blutjungen 17 Jahren als Kriegsfreiwillige in den Ersten Weltkrieg gezogen sind. Es handelt sich um eine Generation, die von dieser einschneidenden Kriegserfahrung lebenslang geprägt geblieben ist.

Es handelt sich um eine Generation, deren wachere Angehörige in den frühen 1920er Jahren mit leidenschaftlichem Herzen nach neuen Formen des künstlerischen Ausdrucks suchten und die auch nach neuen, authentischeren Formen des persönlichen Lebens insgesamt suchten. Waggerl sollte später zwar als Schriftsteller bekannt werden, hat ab den 1920er Jahren aber auch mit eigenen Versuchen an den Entwicklungen der damals ganz neuen Technik der Fotographie teilgenommen (2). Auf diesen Umstand wurde die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte der Fotografie wohl er erst nach seinem Tod aufmerksam.

 - Welches Büchlein wohl könnte einem solche Umstände nachdrücklicher erlebbar machen, als diese hundert Seiten Erinnerungen von Karl Springenschmid (1)?

Während man in den frühen 1930er Jahren aus dem "Fronterlebnis" dieser Generation noch politisches Kapital zu schlagen versuchte oder aber genau das mit "desillusionierenden" auflagenstarken "Antikriegs-Romanen" zu unterlaufen suchte, schreibt Karl Springenschmid seine Erinnerungen an Waggerl in den 1970er Jahren aus der abgeklärten Sicht der Erfahrung auch noch eines zweiten Weltkrieges nieder. Eines Krieges, den man erstaunlicherweise "auch noch" überstanden hatte, wo doch schon das Überstehen des ersten als ein so überaus prekäres Geschehen erlebt worden war.

Abb. 1: Karl Heinrich Waggerl, 1930er Jahre
(Quelle)
Die Biographien und Lebenseinstellungen der beiden Freunde Springenschmid und Waggerl haben aber schon nach der Erfahrung des ersten Weltkrieges sehr unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Trotz lebenslanger äußerer geographischer - und natürlich auch der beruflichen - Nähe. Denn beide wurden Schriftsteller.

Karl Heinrich Waggerl nach 1945

Waggerl war, wie Springenschmid sagt, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich sehr populär, Neudeutsch: "in". Außer Herbert von Karajan konnte damals niemand die Säle so füllen wie Waggerl, wenn er aus seinen Büchern vorlas. Springenschmid sagt aber auch, Waggerl habe in jener Zeit nur noch die Erwartungen bedient, die die größere Öffentlichkeit ihm als gestandene Dichter-Persönlichkeit entgegen gebracht hätte. Er habe wie ein Schauspieler sich selbst "spielt", während er ansonsten sich schon innerlich schon längst wieder weiterentwickelt hätte und darum immer sparsamer in der Mitteilung auf dem Gebiet der Kunst geworden wäre.

Springenschmid versucht also seinen Freund gegen die vielen - keineswegs unbegründeten - Kritiken, die Waggerl gerade auch nach 1945 aufgrund seiner großen Popularität auf sich gezogen hat, sozusagen in Schutz zu nehmen. Es gibt offenbar unzählige Ton- und Filmaufnahmen von und mit Karl Heinrich Waggerl aus dieser Zeit, insbesondere von seinem alljährlichen Lesen in Salzburg zur Adventszeit. Er war wohl in den 1950er und 1960er Jahren als "altersweiser" Mann eine ähnlich "legendäre" Figur geworden, als ruhender Pol in einer sich rasch verändernden Zeit empfunden worden, wie der in jenen Jahren ähnlich "allgegenwärtige", immer gut gelaunte Luis Trenker. (Mit letzterem war Springenschmid ja ebenfalls in guter Freundschaft verbunden.) Es fällt wohl heute schon schwer, die Begeisterung der damaligen Generation für einen Waggerl in ihrem ganzen Umfang nachzuvollziehen.

Im Internet kann man sich die damals berühmte und populäre Vorlese-"Stimme" Waggerls anhören (a, b). Diese Stimme mag für heutige Ohren etwas schläfrig, müde oder gar zu gekünstelt betulich wirken. Man möchte sich von ihr nicht mehr so recht - menschlich - überzeugen lassen. Sie wirkt vielleicht so ähnlich ein wenig übertrieben betulich, ein wenig unecht "altersweise" wie etwa der alte Heinz Rühmann zu gleicher Zeit in Deutschland. Gerade auch er kam ja insbesondere zu Weihnachten immer wieder zu Wort, als Deutschland gerade auch in jenen Jahren in besonders aufgesetzte Fernseh-Rührseligkeit versank.

Springenschmids Waggerl

Springenschmid sagt möglicherweise ganz richtig, daß Waggerl sich bei solchen Anlässen als Schauspieler gab, der Öffentlichkeit jenen Menschen und Dichter vorspielte, den sie sehen und hören wollte, während er selbst schon längst ein ganz anderer geworden war. Möglicherweise ist das ein typisches Kennzeichen jener 1950er und 1960er Jahre?

Abb. 3: Heirat 1919 mit 22 Jahren (Quelle)
Aber um wie viel wertvoller und kostbarer sind demgegenüber heute vielleicht die so ganz bescheiden daherkommenden Erinnerungen Springenschmids an Waggerl. Springenschmid zeichnet ein Bild seines Freundes Waggerl, das einen als Leser Waggerl gegenüber sehr eingenommen sein läßt. Das Büchlein ist überleuchtet von viel Liebe für seinen Freund. Deshalb gelingen Springenschmid so gelungene Erinnerungen, obwohl die genannte äußere Seite Waggerls, die man kalten Herzens eine Schwäche nennen könnte, in keiner Weise von ihm verschwiegen wird. Springenschmid erzählt ja sogar, wie er seinem Freund Heiner deshalb bitterböse Briefe geschrieben hat. Und diese Briefe werden in seinem Buch auch zitiert.

All das kann man als eine hohe Kunst, auch als eine hohe Lebenskunst Springenschmids ansehen: Trotz des Trennenden die große Gemeinsamkeit zwischen ihnen nacherlebbar zu machen. Und es spricht daraus vor allem eine sehr große Liebe zu diesem seinem alten Freund Heiner, die, wie man den dem Buch beigefügten Handzeichnungen Waggerls von seinem Freund "Springs" aus den 1920er Jahren glaubt entnehmen zu können, ohne Frage eine gegenseitige gewesen sein muß. Wenn es auch oft genug im Leben der beiden zu so grundsätzlichen Spannungen gekommen ist, daß eine Fortsetzung dieser Freundschaft jedes mal fast gar nicht mehr möglich erschien.

Ein aufwühlendes Büchlein. Was für eine Zeit. Was für ein Leben. Geradezu: Völkerschicksale konzentriert auf engstem Raum in zwei Menschenseelen. Denn wer wollte daran zweifeln, daß diese beiden Männer um das Schicksal ihres Volkes gerungen haben bis an ihr Lebensende? - Weitere Beiträge zu Karl Springenschmid: (3-5).
_________________________________
  1. Springenschmid, Karl: Servus Heiner! Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Schneider, München 1979
  2. Karl Heinrich Waggerl: ohne Titel, 1930er Jahre? Aus: Frauenmantel, Salzburg: Edition Fotohof im Otto Müller Verlag, 2 1993, S. 34, http://www.kritik-der-fotografie.at/foto/12/12-9.htm
  3. Bading, Ingo: Costabella - Berg meiner Jugend. Auf: Studium generale, 22. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/costabella-berg-meiner-jugend.html
  4. Bading, Ingo: "Das wiedergefundene Antlitz" von Karl Springenschmid (1944). Kunstraub, Kunstschutz und Massenmord aus ungewohnter Perspektive. Auf: Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 20.7.2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/07/genickschusse-in-den-kellern-der-gpu.html
  5. Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014, https://studgenpol.blogspot.com/2014/09/das-unerreichbare-herz-1949.html 

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