Mittwoch, 25. August 2010

Autsch! - Ideologie trifft auf Wissenschaft

Kopf tut weh, Tastatur wird unsichtbar: Thilo Sarrazin, behandelt auf den Scienceblogs.de

Na so was! Nachdem dieser Blog sowohl in "Spektrum der Wissenschaft", auf den Scilogs.de (etwa auf Michael Blume's "Natur des Glaubens"), auf den Scienceblogs.de, sowie sicherlich auf diversen anderen Blogs im Internet - von den eigenen ganz abgesehen -, schon sehr häufig auf angeborene Begabungsunterschiede zwischen den Ethnien hingewiesen hat (Beispiele: "Spektrum d. W.", Januar 2007; "Hinterm Mond gleich links", Mai 2009), mußte offenbar erst der Polterer Thilo Sarrazin kommen und eine etwas merkwürdige, junge Wissenschaftsbloggerin und "Statistikerin" auf den "Scienceblogs.de" das Thema Thilo Sarrazin aufgreifen (Tenor: "brauner Dreck"), damit die Wissenschaftsblogger-Gemeinschaft und ihre Leserschaft auch in Deutschland einmal zu ähnlich umfangreichen Netzdiskussionen aufbricht, wie diese in der englischsprachigen Scienceblogs.com-Gemeinde (etwa auf "Gene Expression") schon seit vielen Jahren Gang und Gäbe sind.

Auf den Scienceblogs.de wird also ganz rege über Sarrazin diskutiert in zwei Beiträge mit zusammen inzwischen knapp 330 Kommentaren (Andererseits 1, 2). Da wird neben vielem Oberflächlichem und allzu Tagespolitischem auch auf einige aktuelle wissenschaftliche Beiträge aufmerksam gemacht, insbesondere verdienstvollerweise von Wissenschaftsblogger Tobias Maier vom Scienceblog.de-Blog "Weitergen". Tobias gab schon am 11.8. gleich einen guten Lektürevorschlag zur aktuellen Zwillingsforschung:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20112131
"Twin studies indicate that both intelligence and brain structure are moderately to highly heritable"

Und ergänzte:

(...) Tatsache ist: Im Querschnitt werden Ausländer bestimmer Herkunft besser integriert oder integrieren sich besser als andere.

Sich kritisch über die Erfolge der Integration von Einwanderern zu äussern, hat erst mal nichts mit braunem Dreck zu tun.

Andrea Thum, die Blogautorin, antwortet darauf recht naiv:

@Tobias: Leider versucht man ja gar nicht, zu integrieren, sondern man grenzt aus und dann lästert man rum.

Wenn du guckst, was diese Leute (die oben genannten) sagen, dann geht es ihnen stark um eine genetische Komponente, dass Intelligenz vor allem über Vererbung weitergegeben wird, dass man darauf wenig Einfluss hat. Und natürlich, dass nur besonders intelligente Menschen einen Wert in dieser Gesellschaft haben. Das ist inakzeptabel und aus meiner Meinung nach eine recht braune Sichtweise.

Ein Stefan Taube sagte:

Also ich will mich inhaltlich gar nicht groß an der Diskussion hier beteiligen. Ich will nur darauf hinweisen, dass ich es sehr bedenklich finde, wenn Leute wie Sarrazin, Heinsohn, Sloterdijk, Broder und Henkel mit brauner Dreck bezeichnet oder beworfen werden. So schnell sollte man seine sprachliche Munition nicht verschießen, denn sonst bleibt ja kaum noch eine sprachliche Steigerung übrig, wenn wir über echte Nazis oder linke Antisemiten diskutieren wollen.

Na, wenn Sarrazin lospoltert, poltern also alle hinterdrein, sogar in der Wissenschaftsblog-Szene. Und ein "wilko0070" schreibt:

Bedenklich ist bei Sarrazin vor allem, woher er seine "Argumente" bezieht. Sie stammen in erster Linie aus dem rechtsextremistischen Machwerk "Die IQ-Falle" von Volkmar Weiss, in dem beispielsweise "Negern, Zigeunern und Türken" pauschal (und ohne empirische Belege) eine "gefühlte Intelligenz" von 85 zugewiesen wird, Juden dagegen ein Intelligenzquotient von 115:
http://www.v-weiss.de/iq-falle-juden.html
Darauf ganz richtig ein "Wb" (= "Webbär"):
Hr. Sarrazin könnte auch einfach die deutschsprachige Wikipedia gelesen haben ...
Dann weist Tobias Meier sehr passend hin auf "Natural History of Ashkenazi Intelligence" (2005) und auf den IQ-Forscher Richard Lynn:

Der Ursprung der "Juden sind intelligenter" Behauptung kommt aus den unten verlinkten Papers.

"A review of studies shows that Oriental Jews in Israel have an average IQ 14 points lower than that of European (largely Ashkenazi) Jews."

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16867211
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17052383

Manche sind erschüttert: "... Hier auf den Scienceblogs ...?"

Aber etwas später kommt dann wieder so ein naiver Kommentar wie der von "Thomas R.":

Wow.
Ein erheblicher Teil der Kommentare stellt sich argumentativ hinter Sarrazin? Hier, in den Scienceblogs? (...)

Vererbte Intelligenz. Ernsthaft? Sind wir so weit unten, dass wir darüber diskutieren müssen? Was kommt als nächstes? (...)

Es geht also "schön" zur Sache ... Ideologie trifft auf Wissenschaft und einer von beiden Dampfern muß sinken. Klar tut das - manchem - weh. Und die mit Worten wirklich nicht gerade zimperliche "Statistikerin" Andrea Thum stimmt gekränkt mit ein:

Ich bin erstaunt über die Tendenz der Kommentare (ähnlich wie Thomas R.). (...)
Tja, die Tendenz! Die Tendenz! Tobias Maier jedoch setzt mit seiner "Tendenz" weiter auf den nüchternen Austausch von Wissenschaftsergebnissen:

Thomas R,

zur Vererbung von Intelligenz hier eine Zusammenfassung:

http://www.nature.com/scitable/topicpage/heritability-of-human-intelligence-iq-and-eugenics-796

Und Stefan Taube schreibt dann wieder etwas, dem man zustimmen kann:

@Thomas R: "Ein erheblicher Teil der Kommentare stellt sich argumentativ hinter Sarrazin?"

Ich habe jetzt nicht jeden Kommentar gelesen, ich glaube aber trotzdem, dass man das so nicht sagen kann. Was die Leser der Scienceblogs erwarten ist, dass man den Aussagen Sarrazins argumentativ und mit Belegen begegnet. Einfach zu schreiben er sei widerlich und brauner Dreck ist halt kein ausreichend guter Stil für Scienceblogs. Das klingt mehr nach Straßenkampf. (...)

"Das klingt mehr nach Straßenkampf ..."

... In der Tat ... - Nach der ersten Hälfte der Kommentare zum ersten Beitrag kommt wenig Weiterführendes, wohl weil sich Tobias Maier aus der Diskussion ausgeklinkt hat. Folgen wir also der Diskussion zum zweiten Beitrag, der zwei Tage später erschien und unter anderem die Kernsätze von "Statistikerin" Andrea Thum enthielt:

(...) Studien zeigen, (Ich verlinke hier die Seite von Volkmar Weiss, der die Studie gemacht hat. Sie wurde in den Medien viel zitiert, ich weise aber darauf hin, dass dem Mann von vielen Seiten Rechtsradikalismus vorgeworfen wird und ich entsprechend andere Schlüsse ziehe, als er) dass die Einwanderer der zweiten Generation tatsächlich einen deutlich niedrigeren IQ von 84 hat, statt 100, wie der Rest der Bevölkerung. Sie zeigen auch, dass z.B. Türken schlechter integriert sind als alle anderen Einwanderergruppen. Diese haben besonders oft niedrige oder gar keine Schulabschlüsse. Und: Immigranten kriegen im Schnitt wirklich mehr Kinder, als der Durchschnittsdeutsche.

Alles wahr. (...)

Dann kommen die Gegenargumente, die man daselbst nachlesen kann. Und Wissenschaftsblogger Jürgen Schönstein vom Blog "Geografittico" zeigt schön auf die typische Reaktion des bundesdeutschen Gutmenschen:

@Alle
Ich hab' gerade riesige Probleme mit dem Schreiben, weil ich vor lauter Kopfschütteln meine Tastatur kaum noch erkennen kann. Egal wie man's verbrämen will: Die Einstufung ganzer Ethnien als bemindert intelligent oder minder-leistungfähig ist rassistisch. Nochmal: Das ist RASSISTISCH. (...)

Tja, wenn er mal häufiger unsere Blogs gelesen hätte, würde er feststellen, daß viele Wissenschaftler sein Erstaunen schon hinter sich gelassen haben und versuchen, konkret mit diesen Dingen umzugehen. Darunter viele führende Köpfe, Richard Dawkins etwa, Steven Pinker etwa, der Humangenetiker Armand Leroi etwa, der Leiter der Wissenschaftsredaktion der New York Times Nicholas Wade etwa und viele, viele andere mehr. Aber Jürgen Schönstein hat grad noch Probleme mit der Tastatur. Auf den Wissenschaftsblogs, den deutschsprachigen ... Und dann, etwas später etwas differenzierter gegenüber Webbär, nachdem wohl die Tastatur wieder besser sichtbar geworden ist:

@Wb
Ich sag' nicht, dass Sarrazin rassistisch ist (ich kenne ihn nicht persönlich), sondern dass seine Äußerung rassistisch ist. Oder eugenisch, oder sonstwie ziemlich unappetitlich ... Ob Intelligenz vererbbar ist oder nicht, steht doch hier gar nicht zur Debatte, weil es in keinem Fall eine "ethnische Intelligenz" gibt. (...)

Naja, da wird noch viel im Nebel herumgestochert. "Anonymus" jedoch wieder ganz richtig:

Jeder, der die Vererbung von IQ leugnet, impliziert dabei, daß Intelligenz (zum Beispiel die des Menschen) ausserhalb der Evolutions Theory liegt. Dies ist Kreationismus und damit Wissenschaftsfeindlichkeit.

Gut! Sehr, sehr gut! Endlich mal nüchtern denkende Leute. Aber was schreibt dazu wieder "Statistikerin" Andrea Thum so ganz und gar naiv:

@ anonymus: Es gibt also auch eine Kreationismuskeule *lach*

Die "Kreationismuskeule" ... wider ideologisierte Weltbilder

In der Tat, die gibt es. Worauf die Leute alles kommen, wenn sie einmal anfangen, über bestimmte Zentralfragen der Wissenschaft zu diskutieren, statt sie betulich zu beschweigen ... Wozu doch "Polterer" alles gut sind. Stefan Traube sagt dann ganz richtig:

Also für mich klingt der ganze Blogpost wie ein simpler linker Abwehrreflex auf rechte Positionen und erinnert mich an das lesenswerte Buch von Jan Fleischhauer "Unter Linken".

Warum muss eine Meinung, die einem politischen Spektrum angehört, das nunmal nicht links ist, gleich als radikal angesehen werden? Oder wie wb oben kommentiert hat: "Warum muss man denn "rechtsradikal" [1] sein, wenn man eine derartige Meinung hat? " Man kann nicht einfach weite Teile der Bevölkerung auf diese Art radikalisieren.

(...) Man muss Sarazzin nicht gut finden. Ich tue es nicht. Aber dieses reflexhafte Aufheulen gegen eine Sarazzin-Position finde ich noch destruktiver.

Es folgen dann noch viele, viele Kommentare. Aber dieses recht "gemischte" Meinungsbild soll uns vorläufig genügen ...: Autsch! Ideologie trifft auf Wissenschaft ... Der Gutmensch erkennt, daß er keine Kleider an hat.

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