Mittwoch, 11. August 2010

"Der Kampf um das Letzte, das der Mensch hat"

Josef Weinheber (1892 - 1945) - Einige neu veröffentlichte Briefe
Vorbemerkung: Unter der Rubrik "Literatur" erscheinen hier auf den Blogs seit 2007 in unregelmäßigen Abständen Beiträge. Hier eine kurze Übersicht über die deutschen Dichter (und Sprachwissenschaftler), die seit 2007 schon behandelt worden sind, bzw. die zu Wort gekommen sind. 19. Jahrhundert: Friedrich Schiller (a, b), Friedrich Hölderlin (a), Jacob Grimm (a), Annette von Droste-Hülshoff (a), Josef Freiherr von Eichendorff (a), Friedrich Hebbel (a). 20. Jahrhundert: Rainer Maria Rilke (a), Josef Weinheber (a, b), Agnes Miegel (a, b), Karl Springenschmid (a, b, c), Martin Walser (a), Bettina Wegener (a, b).
Über den Dichter Josef Weinheber (1892 - 1945) ist im Jahr 2006 eine zweibändige, über tausend Seiten starke Doktorarbeit von Seiten des Wiener Germanisten Christoph Fackelmann (geb. 1970) erschienen (1). Die Dissertation hat unveröffentlichte Nachlaß-Bestände ausgewertet, insbesondere von Josef Weinheber selbst. Und auch von dessen Briefpartnern. In diesem Beitrag soll auf einige der Briefe, die dabei - soweit ersichtlich - erstmals der Öffentlichkeit bekannt geworden sind, aufmerksam gemacht werden. Sie sollen im folgenden locker in chronologischer Reihenfolge zitiert werden, wobei die geschichtliche Einordung nicht in dem Umfang gegeben werden kann, wie es sicherlich notwendig wäre.

"Inmitten einer verrotteten Zeit ..."

Zwei Wochen nachdem er am 21. Januar 1937 eine Rede vor dem "Vaterländischen Front-Werk 'Neues Leben'" in Wien gehalten hatte - also mehr als ein Jahr vor dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich - schrieb Josef Weinheber am 6. Februar einen Brief an den Chemnitzer Arzt und "Literaturpfleger" Kurt Oxenius (1, S. 674). Fast jeder Satz dieses Briefes hat seine eigene Gewichtigkeit und könnte eingehend kommentiert werden:
(...) Wenn ich nicht immer wieder, da und dort, Menschen wie Sie getroffen hätte, müßte ich verzweifeln. Das "Volk" hat ja keine Stimme. Und diejenigen, die die Stimme haben, reden wie die Blinden von der Farbe. Ich habe hier in Wien am 21. Jänner einen einstündigen Vortrag über Kunst, über die geistige Heimat des Künstlers gehalten, und alles, was in Wien Namen hat, hat sich den Vortrag angehört. Er hat in seiner Kompromißlosigkeit, in seiner monomanen Unerbittlichkeit vor den letzten Dingen des Geistes wie ein reinigendes Gewitter gewirkt. (...)

Man darf ja nicht erlahmen. Man muß die Leute immer wieder zwingen, die Schuhe auszuziehen, "denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land". Ich habe nichts anderes zu tun. Das ist meine ganze Aufgabe. Inmitten einer verrotteten Zeit ist meine Sendung nicht Erneuerung, sondern Bewahrung. Ich bin mit meinem Gesicht, mit meinen Gesichten nach rückwärts gewendet. Aber jener, der kommt, um nach vorne zu schauen, wird mich brauchen: Er wird auf meinem Rücken stehen oder er wird nicht sein.

Das wird mir alsbald den Ruf, die Marke eines Epigonen eintragen. Weil ja heute alles falsch gesehen wird und mein "Ruhm" natürlich ein Mißverständnis ist. Aber ich werde dann nicht schweigen. Ich habe mir fest vorgenommen, die Analphabeten zum Beweis ihrer kindlichen Formulierung anzuhalten. Wenn mir Gott neben der Gabe des Formens eine scharfe, polemische Intelligenz geschenkt hat, so wird er sie wohl auch zur richtigen Zeit genützt wissen wollen. (...)
Die Briefe Weinhebers sind oft in ähnlicher Weise aussagekräftig, "Sprach"-kräftig wie seine Dichtungen selbst. Auch über so manche sehr wertvolle Erinnerung seiner Freunde (siehe 2) erhält man einen sehr persönlichen Zugang zu Josef Weinheber. Deshalb ergänzen diese Briefe und Erinnerungen in so besonders wertvoller Weise die von Weinheber geschaffenen Werke.

"...
Korrespondenzen in einer Komplexität und Tiefe"

In der genannten Dissertation ist an einer Stelle die Rede von einer "antibürgerlichen Dimension" im Werk Josef Weinhebers. Das könnte auch mißverstanden werden. Ein echter Künstler muß vieles als ambivalent empfinden, und welches Phänomen wohl noch mehr als das Phänomen "Bürgerlichkeit". Aber sicherlich könnte man mit ähnlicher Berechtigung im Leben und Werk Weinhebers eine Dimension der "Sehnsucht nach Bürgerlichkeit" (in einem höheren Sinne verstanden) aufzeigen. Man denke nur an seine Sehnsucht nach eigenem Heim und Herd, nach eigenem Grund und Boden. Jedenfalls erfährt der Leser an dieser Stelle der Dissertation auch Neues über "Frauenbeziehungen" der Dichters, und zwar auch solche nach dem Jahr 1936 (1, S. 446). Ob das Wesen dieser Beziehungen unter der Begrifflichkeit "antibürgerliche Dimension" schon umfassend erfaßt ist, bleibe wie gesagt, dahingestellt. Fackelmann jedenfalls schreibt:
Die Indizien (für die "antibürgerliche Dimension") betreffen auch Phänomene wie jene Frauenbeziehungen Weinhebers, die mit den ausgedehnten Vortragsreisen durch das Deutsche Reich - und zwar schon mit den ersten, die Weinheber unternimmt - einsetzen. (...) (Es) bilden sich die relativ rasch (...) eingegangen (...) Liebesbeziehungen zu einzelnen Verehrerinnen. (...) Die Konturen der Beziehungen zu Eva Cartellieri (in Marburg a. d. Lahn, November/Dezember 1936), zu der Lektorin und Übersetzerin Elisabeth Ihle (in Teuthof bei Detmold, Dezember 1936/Anfang Januar 1937; der Briefverkehr reicht allerdings bedeutend weiter, ins Frühjahr 1936 zurück) und zu Gertrud Stöhr (in Augsburg, Ende 1938/Anfang 1939) entstehen aus den erhaltenen Materialien, insbesondere aus den Korrespondenzen, in einer Komplexität (und Tiefe), die sie deutlich über die Ebene von "Affären" hinaushebt.
Schon diese letztere Bewertung sollte einen eigentlich vor der Einordnung dieser Beziehungen unter die Rubrik "antibürgerliche Dimension" bewahren. Weiter schreibt Fackelmann:
Erst recht das Bild der (...) Beziehung zu der Germanistikstudentin Gerda Janota (...) aus Linz (ab November 1937 in Linz bzw. erst ab Anfang Dezember 1938 in Stuttgart und Tübingen, hernach in Inzersdorf, Salzburg, Wien)
Sodann zitiert Fackelmann als Beispiel die folgende Stelle aus einem der Briefe Weinhebers an Gerda Janota aus dem September 1940 (1, S. 446):
26. IX. 1940

(...) Gestern auf der Heimfahrt (...) habe ich mein ganzes Leben überdacht: Das Verfehlte und das Gelungene. Und dann hatte ich am Ende doch das Gefühl, ich könnte ruhig vor Dich hintreten, weil neben vielem Bösen und Halben doch auch ein guter Wert da ist, auf den ich hinweisen kann: auf meine dichterische Figur und Leistung. Ohne mir gut zureden zu wollen, habe ich doch überdacht, wer ich eigentlich bin, und daß ich mit den Maßen des Bürgers nicht gemessen werden kann. Du hast das ja vom ersten Augenblick an gefühlt. Du hast vom ersten Augenblick an um Deinen Dienst an mir gewußt.

Und so feige und zaghaft ich innerlich bin, hast Du doch erlebt, daß ich mich in den entscheidenden Momenten des Lebens durchaus als Herr empfinde und gebe. Diese eingeborene Eigenschaft der Persönlichkeit wird uns ja schließlich retten, trotz meiner Sentimentalität.
Im Briefwechsel mit dem Germanisten und SD-Mann Hans Rößner

Am 18. November 1940 schreibt Weinheber an den Germanisten Hans Rößner. Ob Weinheber sich der Tatsache bewußt war, daß dieser Germanist für den Sicherheitsdienst der SS arbeitete, ist bis heute unklar geblieben. Weinheber jedenfalls legt auch ihm gegenüber ein unverhohelnes Bekenntnis ab (1, S. 718), bei dem wiederum fast jeder Satz schwergewichtig bleibt:
Du weißt, welche herrscherliche Stellung im Organismus des Menschlichen ich der Sprache einräume. Du weißt, daß ich die Sprache für einen Ausdruck einer zweiten Natur halte, eben der menschlichen, die dadurch abgegrenzt ist von dem gesamten "animal".
Diese wenigen Sätze könnten Ausgangspunkt für die Fragestellung sein, ob moderne naturwissenschaftlich-anthropologische Forschungsansätze nicht zu ähnlichen Einsichten hinführen würden. Weinheber jedenfalls schreibt - nicht ausgesprochen bescheiden - weiter:
Du weißt auch, daß ich diese wichtige Unterscheidung wie kaum ein anderer lebender Europäer erfaßt habe. (...) In diesen Zeiten rücken die Dinge der Kunst ebenso wie die Dinge unserer sonst uns vertrauten Welt weit fort. Es bilden sich, mehr und mehr, schreckliche Vakuen.
"Es bilden sich schreckliche Vakuen ..."

Weinheber weiter:
Wenige Menschen sehen das. Der wirkliche Künstler ist einsamer denn je. Nur in der göttlichen Bevorzugung des Menschen, die ihm in der Sprache verliehen ist, scheint mir in all dem Niederbruch ein geheiligter Halt zu sein.
In dieser "göttlichen Bevorzugung zu stehen", so hat sich natürlich auch Weinheber als Dichter gesehen. Und so mancher, der diese Dichtung noch heute zur Kenntnis nimmt, könnte das ähnlich empfinden. Dementsprechend schreibt Weinheber weiter:
Und das einzige Vorrecht unseres Volkes, das Abendland repräsentieren zu dürfen, scheint mir in unserer wahrhaft herrscherlichen Sprache zu liegen.
Hier ist also nicht von der "nordischen Herrenrasse", von irgendetwas "Biologischem" die Rede, sondern von etwas Kulturellem, von der Sprache, von der Dichtung, die ihrem "herrscherlichen" Anspruch gemäß zu benutzen das "Vorrecht" der Dichter ist, natürlich nicht der sich mittels der Sprache heiser schreienden Politiker. Wie weit, wie unendlich weit setzt sich Josef Weinheber damit von den Nationalsozialisten ab. Noch deutlicher schreibt er weiter:
Ich denke hierbei nicht an unsere kümmerlichen Tagesgrößen, ...
(!),
sondern an Luther, Herder, Grimm, Goethe, Rilke, und an jene noch Verborgenen unserer Gegenwart.
Ein solcher Satz, im Jahr 1940 in Hinblick auf jene geschrieben, die in dieser Zeit in Deutschland "ine Stimme" haben (siehe oben), bedarf natürlich keiner weiteren Kommentierung.

"Der zitternde Unterton der Gefährdung"

Man weiß, wie sich Weinheber in jenen Jahren auch sonst - und auch in seiner Dichtung selbst - an der flappsigen, oberflächlichen, bramarbasierenden, seelenlosen, schnauzigen, schreienden Barbarensprache der Nationalsozialisten die Seele wundgerieben hat. Hier im Sprachlichen schon sah er den ganzen Niedergang seiner Epoche. Und das schon ganz unabhängig von den politischen Inhalten, die über diese Sprache transportiert worden sind. Und er bleibt - gerade auch demgegenüber - bei allem "Herrschenwollen" auf dem Gebiet des Sprachlichen, Kulturellen, bei allem Machtanspruch der Barbarei gegenüber zutiefst demütig, ja in Selbsteinsicht bescheiden:
Mich selbst habe ich immer nur als einen Bewahrer, nicht als einen Mehrer (Augustus) gesehen.
Weinhebers "heiße Vaterlandsliebe" sieht "schreckliche Vakuen" - im Jahr 1940

Wahrhaft unbescheiden - gegenüber den Kulturschändern einerseits - und wahrhaft bescheiden gegenüber der Dimension des eigentlich Kulturellen zugleich: Wer hätte das mehr verkörpert als Josef Weinheber:
Das ist wohl zu sagen notwendig. Meine heiße Vaterlandsliebe, die weit über das Österreichische hinausgeht (obwohl hier dies Noûs ist!) will unsere Sprache als die - nicht "schönste", aber als die bedeutendste des Abendlandes eingesetzt sehen.
Und:
Ich jedenfalls bin mir meiner herrscherlichen Aufgabe zutiefst bewußt. Dieses Bewußtsein unterscheidet mich von allen deutsch schreibenden "Schriftstellern".
Und:
Ich wünsche Dir - nicht, daß es Dir gut gehe, es geht uns allen nicht gut - ...
im Jahr 1940,
aber ich wünsche Dir und Deiner lieben Frau jene letzte Tapferkeit des Herzens, worauf am Ende alles ankommt. Dein Ziel ist ein kleineres als das meine. Wenn ich mein größeres unbeirrbar im Auge behalte, so darfst auch Du nicht verzagen.
Diese letzten Sätze sollten auch Worte des Trostes sein gegenüber vielerlei klagenden Worten seines Briefpartners, auf die an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.

"Mir fehlt in dieser menschlichen Stimme der zitternde Unterton der Gefährdung"

Das Urteil Weinhebers selbst gegenüber völkischen Schriftstellern, denen er freundschaftlich nahesteht, wie etwa gegenüber seinem Freund Erwin Guido Kolbenheyer (1878 - 1962), bleibt bei aller Freundschaftlichkeit doch unerbittlich und damit im Letzten auch zurückhaltend. Denn Weinheber sieht einfach "zu viel" und empfindet, was anderen damals völlig scheint entgangen zu sein. So schreibt er jedenfalls am 21. November 1940 an seinen Briefpartner Hermann Pongs über Kolbenheyer (1, S. 454):
(...) Ich kann mich nicht recht hineinfinden. Meine Traditionen sind andere. Mir fehlt in dieser menschlichen Stimme der zitternde Unterton der Gefährdung. Sprache kommt nur dort zustande, wo ein Mensch vollkommen einsam ausgesetzt ist. Hier aber spricht nach meinem Gefühl noch immer der typische Bürger als einer, der in einem (sehr honorigen) Leben gelernt hat, über das Schreckliche des Lebens hinwegzusehen. - "Und Bürger sein macht schon ein Brandmal wett," was?
Hier ist natürlich wieder die Ambivalenz des Bürgerlichen angesprochen, in diesem Fall eine gewisse Flachheit, Bequemlichkeit. Ein halbes Jahr später schrieb Weinheber an die Germanistikstudentin Gerda Janota, die Mutter seines einzigen - unehelichen - Sohnes (1, S. 446):
11. VII. 1941

(...) Deine Eltern sollen nicht gegen Dich und gegen mich sein: Es wäre der größte Unsinn, den sie begehen könnten. Weder ich noch Du haben aus Abenteuerlust gehandelt, sondern mit dem Anspruch auf das primitivste Lebensrecht. (...) Sie haben kein Recht, Dich zu verdammen, wenn sie ihre bürgerlichen Moralbegriffe an wem reiben wollen, sollen sie es in Gottes Namen an meiner Person tun. (...)
Auch diese Worte weisen für den Doktoranten Fackelmann auf die "antibürgerliche Dimension" im Leben Josef Weinhebers hin. In einer Zeit, in der "bürgerlich" lebende Menschen dem kulturellen Anspruch gar nicht mehr gerecht werden, der einem groß aufgefaßten "Bürgertum" zugesprochen werden muß, ist es natürlich schwer für einen Künstler, angepaßt-flach "bürgerlich" zu leben.

Schwarz-Weiß-Malerei nach 1945

Die Zeit nach 1945 mit ihrer krassen Schwarz-Weiß-Malerei hat es als ganz unmöglich angesehen, daß in dem "barbarischen" System der Nationalsozialisten auch kulturerhaltende, zutiefst humane Kräfte regsam gewesen sein könnten. Wer nur immer auch nur leichte Sympathien mit dem Nationalsozialismus geäußert hatte, geriet in Verdacht. Aus diesem Grund mußten solche intellektuellen Hochstapler der Flakhelfer-Generation wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Jürgen Habermas, Walter Jens und so viele andere mehr allesamt - fast - bis an ihr Lebensende ihre jugendlichen Sympathien für den Nationalsozialismus ihren nächsten Familienangehörigen und der Öffentlichkeit gegenüber verheimlichen. Auch sie gaben damit ihre Ohnmacht oder ihren Unwillen kund, in dem Nationalsozialismus noch irgendwelche anderen Kräfte am Wirken sehen zu können (vom Wollen ganz abgesehen), als die des Bösen, des Verbrecherischsten, was die Weltgeschichte je gesehen hat.

Weinheber im Jahr 1940

Bemerkenswerterweise hat man diese Schwarz-Weiß-Malerei auf solche während des Zweiten Weltkrieges - sowie davor und danach - ebenfalls barbarische Politik verfolgende Staaten wie die Sowjetunion, Großbritannien, die USA, Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien niemals angewendet. Es ist diese Schwarz-Weiß-Malerei Teil der "political correctness", der "Zivilreligion" unserer Zeit. Sie verunmöglicht aber bestimmte Blickweisen auf die deutsche und europäische Geschichte und Kulturgeschichte, die auf solche politischen Tageserfordernisse ja schlichtweg keine Rücksicht nehmen dürfen, wenn ihnen der Anspruch auf Wahrheit nicht näher liegen soll.

Auch alle diese genannten Staaten verfolgten in Methoden und Zielen barbarische Politik. Darüber besteht heute gar kein Zweifel. In diese "Reiche des Bösen", die in vielen Aspekten bis heute fortbestehen, verstrickt gewesen zu sein oder verstrickt zu sein, legte und legt den Menschen niemals so viel Rechtfertigungsdruck auf, als in das exklusive, geradezu "monotheistisch" verehrte "Reich des Bösen" verstrickt gewesen zu sein, genannt Nationalsozialismus. So vorzugehen, ist natürlich auch eine Form von "Relativierung", fragt sich, von was ...

"... Wie labil alle geistigen, seelischen und religiösen Fragen noch waren, als der Krieg begann ..." (Mai 1942)

Aber sei all dem wie auch immer. Am 3. Mai 1942 schrieb Josef Weinheber an den schon angeführten Germanisten und SD-Mann Hans Rößner Worte, die aus dem Blickwinkel der genannten Schwarz-Weiß-Malerei immer nur wieder falsch verstanden werden würden (1, S. 715):
(...) Was die Männer an der Front geleistet haben in diesem Winter, ist unvorstellbar. Haltung und Stimmung in der Heimat versagen da in vielen Fällen doch recht erheblich. Aber man muß sich ja auch immer wieder vergegenwärtigen, wie labil alle geistigen, seelischen und religiösen Fragen noch waren, als der Krieg begann. In diesem Zwischenzustand - innerlich - haben wir den Kampf begonnen.
Hier spricht Weinheber nicht gerade den unwesentlichen Umstand der damaligen Zeit an. Einen Umstand, der nach 1945 ebenfalls fast völlig in Vergessenheit geraten ist: 1936/37 hatte als ein vorläufiges Ergebnis des "Kirchenkampfes" in Deutschland die bis dahin größte Kirchenaustritts-Bewegung in der deutschen Geschichte begonnen, die mit dem Anschluß von 1938 auch auf Österreich hinüberschwappte und in ihrer Größendimension nur mit der nach dem Jahr 1968 zu vergleichen ist.

In breiten Schichten der Bevölkerung war hinsichtlich der religiösen und weltanschaulichen Fragen sehr viel Grundsätzliches in Bewegung geraten, ohne daß die Menschen dabei zwischen den Jahren 1939 und 1941 auch nur zu irgend einem neuen Gleichgewicht hingefunden hätten. Was sollte denn auch dieses neue Religionsbekenntnis "deutsch-gottgläubig" bedeuten? In welcher Weise sollten durch dieses neue, noch sehr verschwommene, unklare Bekenntnis die religiösen und weltanschaulichen Fragen des Menschen beantwortet werden? In welchem Verhältnis auch stand es zu dem Krieg, der da nun ausgebrochen war?

"Nun ist ein großer innerer Hohlraum bei vielen entstanden ..."

Natürlich machte man sich beim Sicherheitsdienst der SS darüber viele Gedanken. Weinheber nun schreibt demgegenüber mit erschreckender Offenheit weiter:
Schulung und Propaganda der Partei sind äußerlich abgeglitten, weil sie die tieferen Fragen übersahen oder oft selbst keine sichere Antwort wußten. Man muß das heute, je leidenschaftlicher man zum Führer steht, desto nüchterner sehen.
Um so mehr man sich in der damaligen Zeit "zum Führer" bekannte, um so mehr Spielraum gewann man für die Kritik aller anderen führenden Nationalsozialisten:
Nun ist ein großer innerer Hohlraum bei vielen entstanden, eine Unsicherheit des Herzens vor der Härte des Kriegs. Dort beginnt aber, wie ich glaube, die entscheidende geistige Führungsfrage, nicht in Schulung und Propaganda, sondern in einer viel tieferen Schicht.
"... In diesem Hohlraum spricht die Kunst"

Weinheber denkt hier natürlich daran, wie er als Dichter die "Heimatfront" im Kampf gegen den Bolschewismus im Osten und gegen den Kapitalismus im Westen von seiner Warte aus stärken kann. Und er hat natürlich seine ganz und gar eigene Antwort, geboren aus seinem Selbstverständnis als Künstler, das nun vergleichsweise wenig mit Krieg überhaupt zu tun hat:
Dort - in diesem großen inneren Hohlraum - spricht auch die Kunst, heute und morgen. Man soll sich auch hier keinen romantischen Illusionen hingeben, als ob das ganze Volk das so empfände oder verlangte. Aber es geht bei der ungeheueren Ordnungsaufgabe, die das Reich in Zukunft hat, ja auch immer nur um die Schicht der "Verantwortlichen" im tieferen Sinne und dann um die gläubige Sicherheit der besten Volksteile, die einen wirklich erfüllten Alltag leben, (die) alles das als "Lebensform" leben, was heute noch "weltanschauliche These" ist.

Für die geistige Führungsschicht - die Künstler, Denker und Wissenschaftler - heißt das, daß die unselige Isolierung unseres Kulturbereiches aus dem politisch-geschichtlichen Zusammenhang, worin wohl einer der gefährlichsten Verfallsprozesse zu sehen ist, endgültig überwunden wird, wobei dann auch - richtig verstanden - der Begriff des "inneren Reichs" in sich zusammenfiele, weil seine Werte in dem einen Reich aufgehoben wären.
"Die unselige Isolierung unseres Kulturbereiches aus dem politisch-geschichtlichen Zusammenhang"

Zu all diesen Sätzen wäre natürlich noch sehr viel zu sagen. Darauf muß in diesem Beitrag verzichtet werden. Abschließend soll noch ein Brief an Gerda Janota vom 1. September 1944 angeführt sein. Er soll den Abschluß dieses Beitrages bilden (1, S. 450):
1. IX. 1944

(...) Du hast mir unlängst ein so prachtvolles Wort gesagt. Du hast gesagt: Ich könnte alles machen, Du seist meiner sicher! Ich möchte Dir das Wort, das so recht Dein herrliches Wesen zeigt, zurückgeben können! Vielleicht darf ich Dir sagen, daß ich Dich innig liebe - wenn Dir das genügt, ich bin zu Geistreicheleien nicht aufgelegt, bin ein "alter" Mann - und vielleicht empfindest Du den Strom des Gefühls, das ich für Dich habe, noch in diesen dürftigen, rasch hingeworfenen Zeilen.

Es ist sicher, Gerda, daß andere Frauen es besser getroffen haben. Aber sie haben ja keinen Weinheber. Sie gehen halt so durchs Leben, aber Dein Kampf ist ein Kampf um alles, um das Letzte, das der Mensch hat: um die echte Liebe. Ich habe geglaubt, Dich zu lieben, und jetzt erst beginne ich langsam zu begreifen, was Liebe ist. Diese Geistesgegenwart des Herzens lerne ich jetzt! Auch Du kannst mir nicht entgleiten.

Was wissen denn Deine Eltern von einer solchen Liebe? Sie meinen es gut mit Dir, aber das Leben ist doch etwas anderes als einen wohlhabenden Bürger heiraten, der die "Schande" tilgen soll! Das Leben hat uns in die Kur genommen, wir gehören zusammen, und wir bleiben zusammen. Wenn Gott ein Bürger wäre, hätte er unserer echten Liebe wohl längst eine nette Legitimation verschafft. Er ist aber ein Künstler: Also ist der Endvers nicht abzusehen.
Acht Monate später, am 8. April 1945, nahm sich Josef Weinheber in seinem Haus bei Wien, während das Grollen der russischen Front schon zu hören war, das Leben.

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1. Fackelmann, Christoph: Die Sprachkunst Josef Weinhebers und ihre Leser. 2 Bände, Band 1: Darstellung, Band 2: Anhang. LIT Verlag, Münster 2006. (s.a.: Google Books)
2. Heinrich Zillich (Hrsg.): Bekenntnis zu Josef Weinheber. Erinnerungen seiner Freunde. Akad. Gemeinschaftsverlag, Salzburg 1950

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