Österreich hat seinen großen Sohn Konrad Lorenz zu Lebzeiten meistenteils sehr stiefmütterlich behandelt. Er musste für Jahrzehnte nach Deutschland ausweichen, weil er dort mehr Unterstützung für seine Anliegen erhielt als in Österreich.
Das "verdammte Jesuitengesindel", die "schwarzen Schweinehunde", die "katholische Diktatur", das "schwarze Regime",
die "Partei-Schweine"
Es war vor allem der schwarze Klerikalismus in Österreich, der Konrad Lorenz dazu veranlasste, den Nationalsozialismus im strahlendsten Licht zu sehen. Und so ging es vielen Menschen. Dies haben die Biographen Taschwer und Föger (1, 2) klar herausgearbeitet und dieser Umstand soll im folgenden Beitrag noch einmal anhand ihrer Biographie dokumentiert werden.
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| Abb.: Konrad Lorenz |
um die weltanschauliche Ablehnung des damaligen Unterrichtsministeriums gegen das Forschungsgebiet des Gesuchstellers zu umgehen,
Unter dem Austrofaschismus mit seinen starken klerikalen Einflüssen war an eine Förderung biologischer Forschungen und zumal vergleichend stammesgeschichtlicher Untersuchungen des Verhaltens, wie sie Lorenz betrieb, nicht zu denken. Waren 1925 noch zwei Biologieordinariate und fünf beamtete Extraordinariate vorhanden, so war davon 1939 nur mehr ein besetztes Ordinariat übriggeblieben. (...) Angesichts des antiwissenschaftlichen und insbesondere: antidarwinischen Klimas in Österreich blickte Lorenz neidvoll nach Deutschland, wo seine Kollegen unter der Regierung der Nationalsozialisten mehr Aufmerksamkeit und Geld bekamen als je zuvor. So stieg das Födervolumen für biologische Forschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in den Jahren 1932 bis 1939 auf das Zehnfache an. (...) Während also in Österreich die Biologie vom katholisch-faschistischen Ständestaat allenfalls geduldet war, erfuhr sie durch die Nationalsozialisten eine enorme Aufwertung.
Im Frühjahr 1937 besuchte Niko Tinbergen mit Familie Konrad Lorenz in Wien. Der Besuch dauerte bis zum Juli. In einem Brief an seinen Vater berichtet er unter anderem (2, S. 74f):
"Interessant sind nicht nur die wissenschaftlichen Gespräche mit Lorenz, sondern auch die politischen. Die Freiheitsbeschränkung hier in Österreich durch die katholische Diktatur ist unglaublich. Wer nicht Katholik ist, ist nichts. Die Lorenzens selbst, von freisinniger Auffassung, sind wegen seines Postens 'katholischer' geworden, aber trotzdem benachteiligt in ihren Möglichkeiten. "Konrad Lorenz ist sich also durchaus bewusst, dass es in Deutschland Druck auf die Wissenschaft gibt, "der nationalsozialistischen Ideologie zu folgen". Und er steht diesem Druck - wie ja hier klar zum Ausdruck gebracht wird - nicht positiv gegenüber. Nein, er spricht von "Partei-Schweinen", die diesen Druck ausüben. Und er spricht von - offenbar ihm wertvoller - "Arbeit, der der Nationalsozialismus kühl gegenübersteht". Es wäre noch einmal herauszuarbeiten, um welche es sich dabei gehandelt hat aus Sicht von Lorenz.
Tinbergen berichtet außerdem nach Hause, dass es nach Lorenz' Meinung im nationalsozialistischen Deutschland mittlerweile wieder große Verbesserungen für die vorurteilsfreie und objektive Wissenschaft geben würde. Während man die Forschung vor einem Jahr noch sehr unter Druck gesetzt hätte, der nationalsozialistischen Ideologie zu folgen, sei dies nun umgekehrt, so Tinbergen an seinen Vater:
"All die hastig entlassenen großen Männer in Deutschland, die nat.-soz. nicht zuverlässig waren, sitzen plötzlich wieder fest im Sattel, die 'Partei-Schweine' sind rausgeworfen worden, und für allerlei Sachen steht Geld zur Verfügung, auch für Arbeit, der der Nationalsozialismus kühl gegenübersteht."
In Österreich hingegen würde die Unterdrückung zunehmen: Lorenz selbst dürfe offiziell keine Tierpsychologie lehren und würde es heimlich unter einem anderen Titel tun.
Schon dies zeigt jedenfalls, dass Konrad Lorenz dem Nationalsozialismus und der Partei-Bonzokratie niemals unkritisch gegenüber gestanden hat. Er hat sich schlicht durch alle Regime hindurchgemogelt und sich auf seine Wissenschaft konzentriert und sie weiter entwickelt. Wie ja auch schon aus dem Satz hervorgeht, dass die Familie Lorenz "katholischer" geworden sei. So wurde sie eben 1938 "nationalsozialistischer" und 1945 "demokratischer" als es Lorenz von seinem rein wissenschaftlichen Standpunkt her für sich getan hätte, wenn es nur auf diesen angekommen wäre.
So wie sich Lorenz in die Graugans hineinversetzen konnte, so konnte er sich auch in den typischen katholischen, NS- oder Demokratie-Bonzen hineinversetzen und ihm nach dem Munde reden. Wer hätte daran Zweifel?
Als die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin Gutachten von Wiener Wissenschaftlern über Konrad Lorenz wünschte, wurden die fünf von diesen erstellten Gutachten unter anderem zusammen gefasst mit den Worten (2, S. 76):
Gerade auch die nationalsozialistischen Kreise würden für Lorenz eintreten, "während er auf der anderen Seite schon durch seine tierpsychologischen Forschungen von der gegenwärtigen Regierung in Österreich nicht gefördert wird".Auch dies bedarf keines Kommentars.
1938 - Erleichterung über den Anschluss, weil man das "verdammte Jesuitengesindel", die "schwarzen Schweinehunde" los ist
Zwei Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich jedenfalls schreibt Konrad Lorenz an seinen Freund und Förderer Oskar Heinroth in Berlin - und dass die Worte wie oben schon "emotional" herüberkommen, dafür kann der Blogautor "leider" nichts (1, S. 65; 2, S. 78; Hervorhebung nicht im Original):
Wir sind alle noch leicht besoffen von den Ereignissen der letzten 14 Tage, es ist absolut unvorstellbar, dass es nur so wenige Tage sind! Sie können sich keine blasse Vorstellung davon machen, welche Begeisterung hier herrschte und selbst jetzt noch herrscht, in welcher Ausnahms- und Feststimmung selbst so unpolitische Menschen wie wir sind! Wie ich in Berlin oft sagte: Man muss 5 Jahre lang unter der Regierung der schwarzen Schweinehunde gestanden haben, um ein "Deutschland Erwache" in seinem Inneren mit der vollen Intensität zu erleben. Ich glaube, wir Österreicher sind die aufrichtigsten und überzeugtesten Nationalsozialisten überhaupt! Man muss im Grunde genommen den Herren Schuschnigg und Konsorten dankbar sein, denn ohne ihre unbeabsichtigte Hilfe wären die faulen und ihrem Nationalcharakter nach besonders meckerbereiten Österreicher lange nicht so schnell, gründlich und nachhaltig zu Hitler bekehrt worden. Und das sind sie jetzt wirklich und zweifellos!
Für Wissenschaftler ist es eine Erlösung, nun zu dem großen Deutschland zu gehören statt zu dem verdammten Jesuitengesindel! (...) Man muss offenbar so richtig unter der schwarzen Sache gelitten haben, um den Wert Hitlers voll zu begreifen. Die bereits vollzogenen Umwälzungen auf der Universität sind dermaßen eindeutig zum Guten, dass man geradezu auf eine neue Glanzperiode unserer verstümmelten Fakultäten hoffen kann!!
Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist und aus weltanschaulichen Gründen erbitterter Feind des schwarzen Regimes (nie gespendet oder geflaggt) und hatte wegen dieser auch aus meinen Arbeiten hervorgehenden Einstellung Schwierigkeiten mit der Erlangung der Dozentur.
Die paar Jahre katholischen Regimes waren uns allen sehr gesund! Man muss in der damaligen Zeit die typischen Argumente der Gegner gehört haben, um die grundsätzliche und ursächliche Verflochtenheit von Nationalsozialismus und Entwicklungsgedanken voll zu erfassen.
Dieser Blogartikel war bisher noch nicht veröffentlicht worden, weil die Biographien mit ihm noch keineswegs vollständig ausgewertet worden sind. Aber als Stoff zum Nachdenken und Weiterdenken wird das Bisherige wohl schon reichen.
- Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001 (Google Bücher)
- Taschwer, Klaus; Föger, Benedikt: Konrad Lorenz. Biographie. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003 (Google Bücher)








