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Montag, 29. März 2021

Der Freudengott kommt im Triumph ...

... in die Völkerwelt
                              - Wann beginnt sein Triumphzug?

[ Leitwort ] 

An unsere großen Dichter

Des Ganges Ufer hörten des Freudengotts
   Triumph, als allerobernd vom Indus her
      Der junge Bacchus kam, mit heil'gem
         Weine vom Schlafe die Völker weckend.
 
O weckt, ihr Dichter! weckt sie vom Schlummer auch,
   Die jetzt noch schlafen, gebt die Gesetze, gebt
      Uns Leben, siegt, Heroën! ihr nur
         Habt der Eroberung Recht, wie Bacchus.

                                                                            Friedrich Hölderlin, 1798 

Ist mit diesen wenigen Zeilen nicht alles gesagt?

Wenn diese zitierten Zeilen von Friedrich Hölderlin nicht Leitwort sind, sein können, wären für einen modernen, gesellschaftlichen Aufbruch, für einen Aufbruch, der wirklich noch Sinn machen könnte - welche dann?

Abb. 1: Silenus (Wiki) - Römische Skulptur, Rom

Auch in diesen - wenigen - dichterischen Zeilen ist - wie in fast jeder Dichtung von Friedrich Hölderlin - die Rede von einem neuen Zeitalter, das herauf kommt gemeinsam mit einer neuen Lebensanschauung, einem neuen Zeitgeist, einer neuen philosophischen und dichterischen Gesamtdeutung der Welt. Einer Gesamtdeutung, die zu Freudentaumeln Anlaß gibt.

Es geht um eine erneute Wieder-Heraufkunft der untergegangene Antike, um eine Wieder-Heraufkunft in neuer, moderner, womöglich noch lebendigerer Form. 

 

Abb. 2: Maske des Silenus, 1. Jahrhundert, Seidenstraße, Afghanistan (Begram)

Viele Künstler, Denker, Philosophen, Wissenschaftler haben dieser Wieder-Heraufkunft über viele Jahrhunderte hinweg vorgearbeitet. Sie arbeiten ihr gegenwärtig vor, gebannt, vereinnahmt von den Möglichkeiten menschlicher, gesellschaftlicher Entwicklung, gebannt von den Möglichkeiten philosophischer Gesamtdeutung unserer Welt im Angesicht der Moderne.

 

Abb. 3: Cupido, Wandmalerei in Pompeji

Der hier genannte Bacchus (Wiki) ist ein Beiname des Dionysos, des Gottes des Weines, aber mehr noch, des Gottes der Freude, des Tanzes, des Taumels, der Trunkenheit. Jenes Gottes, der eine Verkörperung ist der Beseeligung durch Gotterleben.

Bacchus/Dionysos und ihre Begleiter, die Bacchanten und all die anderen Fabelwesen - immer und immer wieder aufs Neue haben sie Darstellungen in der bildenden Kunst gefunden. Von der Antike (s. Abb. 1 bis 3) über die Niederländer der Frühen Neuzeit (z.B. Peter Paul Rubens), auch über die Deutschen des 19. Jahrhunderts (z.B. Lovis Corinth) - und bis heute. Als wir nach einer angemessenen Bebilderung dieses Beitrages suchten, wurde uns das wieder klar.

"Die Stadt der Freude, das jugendliche Korinth"

Ebenso haben sie wieder und wieder Behandlung in der Philosophie gefunden, etwa in "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", jener Schrift, in der Friedrich Nietzsche anfing, zu taumeln, zu tanzen, sich zu freuen, exzentrisch zu sein. 

Als Lehrer und Begleiter des Dionysos gilt auch der Silenus. Und auch er ist dementsprechend ein beliebter Gegenstand künstlerischer Darstellung seit mehr als zweitausend Jahren gewesen (Abb. 1 und 2). Seine Verehrung reichte in der Tat - wie von Hölderlin ausgesagt - in der Antike von der Seidenstraße und von Indien im Osten (Abb. 2), vom Ganges und vom Indus im Osten bis an den Tiber, bis nach Rom im Westen (Abb. 1), bis an den Rhein und die Elbe und die Themse im Norden.

Und sie alle wurden auch in Pompeji in Skulpturen und in Wandmalereien gefeiert. Und verehrt. Als Gleichgesinnte. In jenem Pompeji, von dem dasselbe gesagt werden könnte wie das, was Friedrich Hölderlin über "die Stadt der Freude, das jugendliche Korinth" gesagt hat (Hyperion, 1. Buch, 1. Brief). 

Auch über Pompeji wäre zu sprechen als von der "Stadt der Freude", von dem "jugendlichen Pompeji" (Abb. 3). So wie über alle Städte im Mittelmeerraum der damaligen Zeit (1, 2).

Es fragt sich, wann der Triumphzug des Freudengottes durch die Völkerwelt, dem durch so viele Generationen von Künstlern, Philosophen, Dichtern und Wissenschaftlern voraus gearbeitet worden ist, wann er nun - endlich - seinen Anfang nimmt.

Es dürfte abhängen von Dir und von mir, lieber Leser.

___________

  1. Bading, Ingo:  "... Iss, trink und scherze - das übrige ist nicht SO viel wert ..." Ein Ausflug in die Kultur- und Philosophiegeschichte der südtürkischen Küste, 3-2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/03/iss-trink-und-scherze-das-ubrige-ist.html
  2. Bading, Ingo:  "Damals war nichts heilig als das Schöne" Side - Die Hauptstadt Pamphyliens, 6-2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/06/damals-war-nichts-heilig-als-das-schone.html

Donnerstag, 20. September 2018

"Hegel und die Pathologien der Moderne - Oder: Das Ende des Geistes im Anthropozän"

Eine sehr grundlegende Fragestellung mit weitem Fragehorizont

Was für ein Titel: "Hegel und die Pathologien der Moderne - oder: Das Ende des Geistes im Anthropozän". So ist ein neuer Aufsatz benannt, erschienen in der Zeitschrift "History & Theory - Studies in the Philosophy of History" (1). Was für fundamentale und grundlegende Gedanken sind da schon im Titel angesprochen, welche grundlegenden Phänomene lassen sich da vor dem Hintergrund des Hegel'schen Philosophierens erörtern. Zum Begriff Anthropozän siehe Wikipedia (Wiki).

Abb.: Georg Friedrich Wilhelm Hegel

Der Aufsatz dreht sich um die weltweite ökologische Krise, um den Klimawandel und um die "Selbstregulierung", "Selbstkorrektur" des freien, selbstverantwortlichen menschlichen Geistes in Antwort auf diese Krise, bzw. er dreht sich um die Frage, ob der freien menschliche Geist zu einer solchen Selbstkorrektur überhaupt noch fähig ist.

Nun, die hier behandelte Fragestellung kann in dieser fundamentalen und tiefgehenden Weise auch auf die kulturelle Krise der Menschheit ganz allgemein ausgedehnt werden. Auch bezüglich der letzteren ist es doch - und mit noch viel mehr Berechtigung - möglich und sinnvoll, von einem "Ende des Geistes", des Geistes an sich, im "Anthropozän" zu sprechen. Es handelt sich hierbei um einen Umstand, den die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966), die hundert Jahre nach Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) lebte, mit dem Begriff von der "Todesnot des Gottesbewußtseins auf unserer Erde" benannte, eine Todesnot, die ebenfalls umfangreichste gesellschaftliche Pathologien in der Moderne nach sich ziehen würde, bzw. mit diesen Pathologien einhergehen würde.

Und tatsächlich ist die Frage unbeantwortet: Wie kommt es zu einer Selbstkorrektur des menschlichen Geistes im Angesicht dieser unglaublich weitreichenden gesellschaftlichen Pathologien? Der Aufsatz scheint aber über viele Seiten hinweg nur die Frage selbst in immer neuen Varianten zu stellen, etwa wenn es heißt (1):
"Trotz des Selbstkorrektur-Potentials der Moderne kann dasselbe verkümmern, weil seine belebenden Prinzipien - wie jede andere Kultur - naturalisiert werden als Gewohnheiten und Gebräuche. Wenn die belebenden Normen der Gestalt dieses Geistes in Dissonanz stehen mit den Notwendigkeiten der Gegenwart, werden sie ebenfalls kollabieren."
Original: "Despite modernity’s self-correcting potential, it can atrophy, because its animating principles, as with any other culture, become naturalized as habits and customs. If the animating norms of this shape of spirit are dissonant with the needs of the present, it too will collapse."
Und es wird in dem Aufsatz gefragt (1, S. 375),
"ob die Moderne den natürlichen Kreislauf von Fortschritt und Niedergang, durch den er (Hegel) den Fortgang der Weltgeschichte beschreibt, entkommen kann."
Original: "of whether modernity can escape the natural cycle of progress and decline by which he describes the movement of world history."
Es wird ausgeführt, daß Hegel postuliert, daß die Hochkulturen der Welt jeweils vier Phasen durchlaufen (1, S. 373):
"Entwicklung, Bildung, Überbildung, Verbildung"
Soweit so gut. Aber nachdem die Frage gestellt ist und erste Überlegungen angestellt sind, tut sich Ratlosigkeit auf. Natürlich stand Hegel noch nicht vor der Dringlichkeit der hier eröffneten Fragestellung so wie wir heute vor einer solchen stehen. Mit entwicklungsmäßigem Niedergang, Entfremdung, Vernichtung als Voraussetzung für Neues hat Hegel es ja immer wieder in seinem Philosophieren zu tun. Er beschreibt ja alles weltgeschichtliche und individuelle Zu-sich-selbst kommen als einen dialektischen Prozeß. Und offensichtlich stehen wir heute wieder an dem Übergang zu einem neuen Zeitalter, einem Übergang, der durch Züge des Katastrophalen, der Zerstörung, der Entfremdung bestimmt ist. Wo kündigt sich nun in dieser allgemeinen Zerstörung jene Verheißung aus der "Seherin Gesicht" in der "Edda" an (Gutbg):
"Auftauchen sehe ich zum anderen male ..."
__________________________________________
  1. Lumbsden, Simon: Hegel and Pathologized Modernity, or: The Ende of Spirit in the Anthropocene. In: History & Theory, Volume 57, Issue 3, September 2018, S. 371-389, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/hith.12070
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropoz%C3%A4n

Mittwoch, 1. März 2017

Die kalte Ratio und die vernunftmäßige Aufklärung können die modernen Gesellschaften allein nicht retten

Die nichtrationale Seite der Wirklichkeit und ihre Erfahrung über das "Werterleben" muß nach und nach in den Mittelpunkt aller Bemühungen innerhalb der alternativen Öffentlichkeit gestellt werden. Über ihr Wesen muß nach und nach intensiver nachgedacht werden als bisher, es muß endlich der Anfang damit gemacht werden, daß sie und ihr Wesen und ihre Ausdrucksformen erörtert werden.

In den letzten Tagen hatten wir einen Austausch mit einem befreundeten Blogger innerhalb der alternativen Öffentlichkeit.*) Aus diesem Austausch sollen im folgenden die wesentlicheren Gedanken gebracht werden, die in ihm von unserer Seite aus vorgebracht wurden. Oftmals fällt es leichter, in Rede und Widerrede die eigentlich wichtigen Dinge zu erörtern, als nur aus der eigenen inneren Kontemplation und Besinnung heraus.

/ Zu unserem Artikel hier ist noch gestern gleich auch eine Antwort veröffentlicht worden (Filmdenken). Dazu im abschließenden Abschnitt dieses Artikels noch einige Ausführungen./

Fangen wir also an:

Es ist eine klare Unterscheidung zu treffen zwischen Vernunft-Erkenntnissen, wie sie in der Wissenschaft im Allgemeinen und auch im Alltags- und Berufsleben im Vordergrund stehen auf der einen Seite und dem seelischen Erleben und der daraus gewonnen "Gotterkenntnis" wie das durch die Philosophie benannt wird (Mathilde Ludendorff) auf der anderen Seite. Man kann der Meinung sein, daß es unübersehbar ist, daß unser Volk oder die Völker der Nordhalbkugel so klug, intelligent und aufgeklärt sein mögen wie immer sie wollen und wie immer man das wünschen mag: Wenn nicht der moralische Wille vorhanden ist, als moderne Wissensgesellschaft zu überleben, wenn nicht der aus dem seelischen Erleben geborene Zorn vorhanden ist, wenn nicht die sittliche Reife vorhanden ist - und das sind alles Dinge, die nicht vornehmlich in der Vernunft wurzeln und geboren werden, sondern eben im seelischen Erleben - wenn wir nicht jeder von uns eine einheitliche, in sich geschlossene Persönlichkeit werden, eine unbeugsame, dann wird alle noch so wertvolle, bloß rationale Aufklärung nichts helfen.

Die kalte Ratio allein kann nicht die Retterin moderner Gesellschaften sein

"Volksschöpfung" wie Erich Ludendorff das genannt hat, besteht immer aus zwei Dingen: 1. aus der Vernunft-Erkenntnis, der Aufklärung, 2. aus der "Gott-Erkenntnis", dem Schaffen einer Einheit im kulturellen, weltanschaulichen Bereich, dort wo Moral geformt wird, wo die sittliche Haltung von Einzelmenschen und ganzen Völkern geformt werden. Und auf letzteres zielte Erich Ludendorff, zielten beide Ludendorffs vor allem und in letzter Instanz. Sie waren um die Zahl der Anhänger und Abonnenten nicht in erster Linie besorgt. Sie waren darum besorgt, daß die inhaltliche Linie tadellos ist. Das war die erste Priorität. Soweit man sehen kann, sehen sich heute noch die meisten politischen Aufklärer bislang nicht in erster Linie als ein "moral entrepreneur" (wie das in der Wissenschaft einmal benannt wurde) oder anders ausgedrückt als ein Kulturrevolutionär.

Abb.: Der moderne Mensch in seiner Angefochtenheit
Vincent van Gogh, Selbstbildnis, Paris 1887

Aber die meisten großen politischen Bewegungen der Vergangenheit waren zugleich kulturelle Bewegungen, haben die moralischen Grundlagen der Gesellschaft geändert oder versucht, das zu tun. Hierfür gibt es innerhalb der alternativen Öffentlichkeit soweit übersehbar, nur wenige Ansätze, nur wenig "Gespür", daß hier ein weites Feld des Nachdenkens, der Erörterung überhaupt offen steht. Und hier steht wie ein alternativloser Monolith im Raum der gewonnene Stand der Philosophie im 20. Jahrhundert (Mathilde Ludendorff), der alles das bietet, was fehlt.

Man mag zum Beispiel die isländischen Sagas des Mittelalters lesen (1). Sie gehören zur Weltliteratur (Wiki). Und in ihnen findet man viele Aspekte des Menschentypus der Zukunft. Der vormittelalterliche Mensch, der nicht so in sich gespalten war wie der mittelalterliche Mensch, der in sich geschlossene, einheitliche Mensch, der aus einer großen Einheit, aus einem großen, in sich geschlossenen moralischen Wollen heraus gehandelt hat. Da wollte Erich Ludendorff hin. Und diesbezüglich ist alles bloße "Vernünfteln" ziemlich zweitrangig. Es ist gar nicht einfach, diese Einheit im Menschlichen wieder zugewinnen. Aber Vernunft-Konstruktionen helfen bei einer solchen Art von Volksschöpfung für sich genommen nicht weiter.

Nun kann man den Begriff "sittliche Reife" ja gerne auch einen "abstrakten Begriff" nennen. Aber will man etwa sagen, daß das Wesen der Kultur durch die Vernunft zu erfassen ist? Also das Wesen des Schönen (was ist das: schön?), das Wesen des Wahren, das Wesen des Guten? Das Wesen, der Gehalt von auf das Wesentliche gerichteter Liebe und von entsprechendem Haß? Kommt man dem Wesen des Wahren zum Beispiel schon allein mit der Forderung nahe und schöpft es vollständig aus, wenn man sagt, es dürfe nicht gelogen werden?

Man mag philosophisch keine großen Interessen haben. Man könnte aber der Meinung sein, daß jemand, dem es so angelegen ist, der Welt und der Menschheit zu einem besseren Zustand zu verhelfen - wie das für viele Autoren in der alternativen Öffentlichkeit gelten mag -, daß sie sich doch wenigstens ein annähernd richtiges Bild davon verschaffen sollten, was - zum Beispiel - einem Immanuel Kant Anliegen war, als er "Die Kritik der reinen Vernunft" schrieb und was den Philosophen des Deutschen Idealismus Anliegen war. Ging es dem Philosophen Fichte in seinen "Reden an die deutsche Nation" bloß um einen "abstrakten Begriff" von Sittlichkeit und Moral und Charakter? Hat er nur "aus dem Bauch heraus" argumentiert?

Gibt es nichts Wesentliches und Wertvolles, was durch die Vernunft nicht erfaßt werden kann?

Gibt es nichts Wesentliches und Wertvolles, was durch die Vernunft nicht erfaßt werden kann? All das halte ich für grundlegende Fragen. Ebenso zum Beispiel die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Wer hat auf solche Fragen eine Antwort? Und kann die Antwort auf solche Fragen wesenhaft eine Vernunft-Antwort sein?

In der derzeit am besten bewerteten Amazon-Rezension zu Rüdiger Safranski's Schiller-Biographie heißt es:

Schillers Werke sind nämlich keineswegs von vorgestern, sondern sie haben nach wie vor eine hohe Aktualität und jeder, der sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sollte seine Kunstphilosophie kennen. Nicht umsonst heißt es in Schillers letztem vollendeten Werk, dem szenischen Gedicht "Die Huldigung der Künste":
Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke,
Frei schwing ich mich durch alle Räume fort,
Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke,
Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort,
vor allem aber "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Über die ästhetische Erziehung des Menschen)." 

Und mit diesem Zitat soll gesagt sein: Das niedrige intellektuelle Niveau der heutigen Deutschen beklagen und einen deutschen Dichter und Denker wie Friedrich Schiller als "unmodern" bezeichnen, das paßt keineswegs zusammen. Niemand wird Deutschland retten können, niemand, der sich nicht zu Friedrich Schiller in seiner ganzen Bandbreite bekennt. Ich halte es für Niveaulosigkeit sondergleichen, Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts als solche und nur weil sie solche sind, schon abzuwerten. Was ist denn das für eine Ehrfurchtslosigkeit vor den großen kulturellen Überlieferungen unseres Volkes? Dafür habe ich keinerlei Verständnis und sage mit Schiller:

Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen.

Also, kulturelles deutsche Bildungsideal ist es, seinem Jahrhundert fremd zu sein. Weil man um bessere Jahrhunderte weiß. Warum soll eine solche These in irgendeiner Form "unmodern" sein oder unpassend in welchem Diskurs auch immer? Was soll das!? Auf dem 19. Jahrhundert oder überhaupt auf irgendeinem Jahrhundert was dessen geistige, kulturelle Leistungen betrifft, herumzureiten - ?

Sind die deutschen Dichter und Philosophen des 19. Jahrhunderts - "unmodern"?

Könnte es sein, daß sich mancher Mitautor in der alternativen Öffentlichkeit, wenn man ihn auf Herz und Nieren prüft, als ein kulturloser Barbar herausstellt? Kulturlosigkeit durch die akademische "Kultur der Kritik" des 20. Jahrhunderts (um einmal einen Buchtitel von Kevin MacDonald zu zitieren)? Auf vielen Blogs findet man allein nur den Namen Friedrich Schiller kein einziges mal genannt. Aber sehr häufig Namen der "westlichen" Popkultur des 20. Jahrhunderts (in der Regel der Zeit nach 1945). Und jetzt werden einem diese vielen Blogautoren sicher auch erklären (können), warum es so viel wertvoller und wesentlicher ist, sich mit Personen der Popkultur oder Schauspielern zu beschäftigen als mit Friedrich Schiller. Aber dann kann man dazu nur noch eines sagen: Dann handelt man wie ein kulturloser Barbar.

Es sollte einen wundern, wenn man dann der erste wäre, der darauf überhaupt nur aufmerksam wird. Aber einer muß ja mal die Aufmerksamkeit auf alle diese Dinge richten.

Es ist ganz unglaublich, welche Antworten man mitunter auf die oben gestellten Fragen erhält, etwa auf die Frage danach, ob es etwas gibt, das nicht durch die Ratio erfaßt werden könne. Solche Antworten können mitunter so grotesk platt, ungebildet und geschichtslos geurteilt klingen, dass es geradezu kracht. Aber man versteht schon. Die parawissenschaftlichen Propagandalehren der "Kultur der Kritik" des 20. Jahrhunderts entstanden ja sicherlich aus dem Bemühen und der Tendenz heraus, den modernen Medienkonsum jeder Kultur zu berauben. Und dann kommt barbarische Kulturlosigkeit dabei heraus.

Ihr Autoren der alternativen Öffentlichkeit! Zieht Euch doch einmal etwas an. Beschäftigt Euch doch nicht immer nur mit - Krimis. Sei es ausgedachten oder Krimis der Wirklichkeit. Ohne Kultur stehen wir ganz nackt da. Goethe findet man auf einem dieser Blogs einmal erwähnt in dem Tenor, dass man sich auf Goethe und Fußball einigen könne als Minimalkonsens einer Gesellschaft. Sonst fällt der Name Goethe in vielen Jahren nicht ein einziges mal. Da stehen also Goethe und Fußball auf einer Ebene. Auch auf unserem eigenen Blog hier fallen solche Namen verzweifelt wenig. Und man kann doch zu der Meinung kommen, dass hier etwas übel im Argen liegt. Und dass einem das spät genug auffällt.

Meine Frage ist nicht, was heute Zustand ist und was heute - aufgrund von Machtverhältnissen und aus manipulativer Absicht heraus - für Kinos, Theater und für die Musikbeschallung der Massen produziert wird. Sondern wo der Bereich ist, aus dem heraus eine Erneuerung einer Gesellschaft allein bewerkstelligt werden kann. Und ich sage und behaupte und verteidige, dass dieser Bereich im Wesentlichen ein Bereich jenseits der Ratio ist, und dass es als Kulturrevolutionär notwendig ist, sich zu befähigen, über diesen Bereich Aussagen zu treffen. Die Ratio allein rettet uns nicht. Weil der Mensch nicht allein von der Ratio lebt. Weil der Mensch überall dort, wo er zutiefst Mensch ist, eben nicht die Ratio in den Vordergrund stellt.

Ein Sonnenuntergang ist durch Vernunft und Vernünfteln nicht adäquat zu erfassen. Mit Hilfe der Ratio kann der Naturwissenschaftler nur erklären, wie er physisch entsteht (Brechung von Lichtstrahlen durch Luftschichten, etc.). Über den ästhetischen Gehalt eines Sonnenuntergangs hat er mit dieser nüchternen ,rationalen Erklärung noch gar nichts gesagt. Gar nichts. In einem frühen Blogbeitrag zitierten wir einmal ein Nietzsche-Zitat (das von Peter Sloterdijk gebracht worden war):

"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht."

Sehnsucht ist kein rationales Konzept. Und zu einem Konzept wie Sehnsucht weiß vermutlich keiner der vielen, von manchem zitierten Theoretiker der Postmoderne und der "Kultur der Kritik" irgendetwas Gehaltvolles zu sagen, wenn es über Dinge wie "Bedürfnisbefriedigung" und "Sehnsüchte der Massen" hinausgehen sollte. Um nur einmal einen Aspekt zu nennen.

"Das verächtlichste Geschöpf unter der Sonne ist der Mensch ohne Sehnsucht"

Und in der Tat: es gibt unter den Philosophen und Denkern des 20. Jahrhunderts nur wenige, die gültig über die nichtrationale Seite der Wirklichkeit sprechen können. Deshalb ist über diese wenigen zu sprechen. Man hört sich ja gerne Alternativen zu diesen wenigen an. Es sind eben nur wenige bekannt. Wenn man weitere kennen lernen könnte, würde man sich darüber freuen. Dieter Henrich ist mit all seinen Hölderlin-Deutungen nicht schlecht. Sigrid Hunke ist mit "Europas andere Religion" nicht schlecht. Es gibt vieles, was den Stand der Philosophie des 20. Jahrhunderts, wie er durch Mathilde Ludendorff repräsentiert wird, ergänzt. Ersetzen kann diesen Stand kein weiterer Autor. Das möchten wir hier postulieren, nachdem wir uns lange genug im Reiche des Geistes umgetan haben.

Wer Kulturlosigkeit benennt und kritisiert, muss Alternativen kennen und benennen. Warum sonst alles nur zynisch benennen und kritisieren? Das wird mit der Zeit dumm und dumpf. Man will doch irgendwo hin mit seiner Kritik. Man will doch durch Kritik Platz schaffen für Besseres. Also muss das Bessere auch positiv benannt werden. Und ich will auch exakt den Grund nennen, warum es benannt werden muss: Weil wir ohne Wurzeln im Metaphysischen ständig weiter manipuliert werden und manipulierbar bleiben. Weil damit die Manipulation begann. Dass man uns aus dem Metaphysischen heraus riß. 

Wenn ich einen Weg aufzeigen will weg von der Manipulation, muß ich einen Weg aufzeigen hin zum Metaphysischen. Dort allein ist jene Kraft, die zu vielen Arten von Aushalten und Durchhalten befähigt, die den notwendigen "langen Atem" verleiht. Denn mit schnellen Erfolgen rechnete doch (und auch das nur bis vor wenigen Monaten) nur noch ein Björn Höcke. Um dieses langen Atems willen forderte General Ludendorff 1935 von der Wehrmacht-Generalität nicht: "Kritisiert die herrschenden Verhältnisse, lernt sie durchschauen". Das war ihm sowieso selbstverständlich. Nein, er richtete den Blick ins Positive, er forderte: "Machet des Volkes Seele stark". Also: Lasst seine Sehnsucht wachsen, wahr, wahrhaftig zu sein, nicht in diesem erstickenden Meer der Lüge zu leben, lehrt es Sehnsucht nach Reinheit, nach Wahrheit, nach Schönheit.

Aber dazu ist erstes Erfordernis anzuerkennen die Tatsache: All diese so wertvollen Eigenschaften sind nichtrational, werden durch den Versuch rationalen Erfassens entwürdigt, entweiht. Kritisieren und "entzaubern" können inzwischen Tausende von Autoren in der alternativen Öffentlichkeit. Und sie bewirken: Nichts. Es wird Zeit, den Blick ins Positive zu richten und zu fragen: Welchem positiven Gehalt muß man sich denn zuwenden, wenn das Negative in seiner ganzen Nacktheit und Bloßheit vor aller Augen stehen soll, damit es sich von selbst erledigt und niemand mehr großartige Analysen verfassen muss, die doch immer nur eines sagen, nämlich dass Lüge Lüge ist und Böses böse ist.

Das Wesen der Kunst und des Künstlerischen ist das Absichtslose. Das Wesentliche dessen, was die meisten analysieren in der alternativen Öffentlichkeit oder meinen analysieren zu müssen, ist das Manipulative. Oder unterstellt man etwa, Gestalten und Schauspieler der Popkultur wären durch reinen Zufall oder ohne Absicht zu dem geworden, was man von ihnen behaupten und unterstellen kann? Warum soll man sich dauernd und stetig, Jahre lang mit den irrwitzig gewordenen Absichten, Manipulations-Absichten irgendwelcher Spinner und Verbrecher beschäftigen - - - anstatt sich gleich dem Wesen der Kultur hinzuwenden, das nämlich darin besteht, nicht mit der Absicht herüberzukommen zu manipulieren.

"Man spürt die Absicht und ist verstimmt"

Daher ja auch kommt der schöne Satz "Man spürt die Absicht und ist verstimmt." Und auf wie viele Gelegenheiten ist er anwendbar.

Alles Menschliche, was nicht Kunst, was nicht Kultur ist (im Sinne der Deutung wie sie in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gegeben worden ist - aber auch wie es das Kulturbewusstsein des Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts sowieso schon ausgemacht hat), ist für die Erfüllung des menschlichen Lebens wertlos, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Es lenkt von den wesentlichen Dingen ja erst ab.

Indem man sie noch großartig kritisiert, lenkt man ein weiteres mal die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft auf Wertloses, anstatt sie gleich auf Wertvolles, Wertbehaftetes hinzulenken. Die meisten Figuren der Popkultur, der nach 1945 "lizensierten" und vom CIA geförderten Kultur können einen doch nur anekeln. Die zugrunde liegende Konstellation "Krimi" selbst zum Beispiel schon kann einen doch nur anekeln. Der Krimi ist doch übrigens ein "Kultur"-Produkt Englands des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wenn man das recht in Erinnerung hat. Der besserwisserische Gestus in fast allen Krimis kann einen doch nur anwidern. Der besserwisserische Gestus von Krimiautoren ebenfalls. Das ist doch die kulturlose Barbarei Englands, gegen die sich schon Heinrich Heine gewehrt hat, gegen die sich die Deutschen seit 1914 wehren.

Noch niemals hat irgend jemand behauptet, dass ein Krimi - in schriftlicher oder filmischer Form - etwas kulturell Wertvolles darstellen würde. Oder etwa doch? Krimis sprechen die Bedürfnisse nach "Sensation" beim "Konsumenten" an. Das Anliegen eines Friedrich Schiller in "Die ästhetische Erziehung des Menschen" ist ein gänzlich anderes. Ja, er hat auch "Der Geisterseher" geschrieben. Aber in dem Augenblick, in dem er merkte, dass das Interesse des Publikums am Fortgang der Geschichte ein anderes war, als er, Schiller, es selbst an der Fortentwicklung seiner Geschichte hatte, in dem Augenblick war ihm diese ganze Sache verleidet, hat er das Werk abgebrochen, ist es Fragment geblieben. Wie sehr möchte man so vielen Krimi-Autoren wünschen, dass sie diese künstlerische und menschliche Reife eines Friedrich Schiller auch besessen hätten oder besitzen würden und irgendwann einmal aufhören würden, "Fragmente" übrig lassen würden und sich dann auf Wertvolles konzentrieren würden.

Schiller hat sich über das Wesen von Kultur und Kunst Gedanken gemacht. Er war Kultur- und Kunstphilosoph, er war nicht ein Vertreter der so seichten, billigen "Kultur der Kritik" wie sie im 20. Jahrhundert so unglaubliche Ausmaße angenommen hat. Dabei war ihm das Theater "als moralische Anstalt" wichtig. Die moderne "Kultur der Kritik" ist doch eigentlich nur Kultur- und Kunstphilosophie entkleidet jedes Metaphysik-Bezuges, indem - zum Beispiel - gesagt wird: alle Medien und alle transportierten Inhalte sind gleichwertig. Sind sie nicht! :) Oh Gott, sie sind nicht gleichwertig! Hallo! Sie sind es nicht!!!

Vor 1945 wusste das jeder Mensch, der sich nur ein bisschen mit Kultur beschäftigt hat (und er hat das bestimmt nicht in Hitler- oder Goebbels-Reden gelernt). Und heute will man mit großartigen Bemühungen dartun, dass nicht alles gleichwertig ist, was in der Medienwelt geschieht, arbeitet aber einen starken, unhintergehbaren Kulturbegriff gar nicht heraus, der es erlauben würde, Kultur und Kunst von bloß manipulativer Medienwelt zu unterscheiden, von bloß manipulierbaren Konsumenten zu unterscheiden.

Damit bleibt alles manipulativ, auch nach der vorgelegten Analyse. Denn man hat ja nicht das Wesen dessen benannt, was nichtmanipulativ ist.

Wo fängt jenes Wesen der Kultur an, das nicht manipulativ und manipulierbar ist?

Wer hat sich eigentlich schon einmal mit dem Philosophen Wilhelm Dilthey beschäftigt? Er war der erste oder einer der ersten, der die grundlegend unterschiedlichen Herangehensweisen zwischen Geistes- und Naturwissenschaft herausgearbeitet hat. Auch bei ihm wird man feststellen, dass für ihn die nichtrationale Seite der Wirklichkeit im Zentrum des Erkenntnisanspruchs der Geisteswissenschaften steht. Aber wahrscheinlich ist er auch - - - "veraltet", seit die manipulierten und manipulativen parawissenschaftlichen akademischen Diskurse der "Kultur der Kritik" sich wie Gedanken-Viren ausgebreitet haben.

Dass in den letzten 100 Jahren in der Kunstphilosophie bleibende Neuerkenntnisse erlangt worden wären, womit will man das aufzeigen und begründen? Ist man von moderner Kunst- und Kunstphilosophie wirklich befriedigt? Ich merke, dass viele durch geschichtslose, parawissenschaftliche, akademische Diskurse im Umfeld der "Kultur der Kritik" heute viel zu sehr selbst umerzogen und manipuliert sind, um offen zu sein für die große Kunstphilosophie, die das antike Griechenland und die insbesondere Deutschland seit Johann Joachim Winckelmann hervorgebracht haben, und die man sich auch von Rüdiger Safranski referieren lassen kann, die der von uns verehrte Professor Rudolf Malter in Mainz referieren konnte, und an der man als wurzelloser und geschichtsloser Parawissenschaftler der "Kultur der Kritik" scheinbar keinen Anteil mehr nehmen kann oder will.

Bei vielen Äußerungen von Menschen in der alternativen Öffentlichkeit spürt man dann auch eine gewisse Abwertung des Kulturellen heraus in dem Sinne, dass es sich ja hier "nur" um - - - "Schöngeistiges" handeln würde. Die großen Künstler haben sich gegen diese Abwertung alle gewehrt. Sie hätten sich nicht für die Kunst, für die Kultur eingesetzt, wenn es "nur" etwas Abseitiges, "Schöngeistiges" wäre, was mit dem Lebensalltag, mit dem politischen Machtverhältnissen nichts zu tun hätte.

Die Kunst und die Kultur stehen mit dem gesamten Leben eines Volkes in allertiefstem Zusammenhang. Wenn sie es nicht tun, dann wäre das eben schon ein Zeichen dafür, dass es sich nicht um echteste Kunst oder Kultur handelt, sondern eben um Scheinkunst, um Machwerke. Scheinkunst und Machwerke freilich können "abseits" stehen. Sie werden von seelisch lebendigen Menschen nicht vermisst.

Es ist dem modernen, seelenlosen Menschen von heute schwer zu vermitteln, dass etwas so wenig Greifbares, "Handfestes" wie die Kunst und die Kultur etwas Wichtigeres sein soll, als die Politik, das Politische, das Wirtschaftliche. Es ist aber schlichtweg so. Zu sagen, eines Menschen Kulturverständnis wäre "19. Jahrhundert", tut einem Menschen, der zugleich tief im naturwissenschafltichen Wissen der Gegenwart verwurzelt ist, nicht weh. Was hätte das 20. Jahrhundert an Kulturellem zu bieten, was das 19. Jahrhundert aufwiegen würde? Was soll man da nennen? Der Expressionismus in der Malerei und Dichtung, auch noch die Neue Sachlichkeit. Aber was danach kommt, spricht in der Regel wenige an außer kleine exklusive Zirkel. Wer will denn - zum Beispiel - Zwölftonmusik hören?

Es ist also die Rede von Dingen, die ein reiches Innenleben erschließen. Diese sind unabhängig von "teuren" Musik- und Theateraufführungen. Bei so etwas handelt es sich nicht per se um etwas Elitäres. Die Lebensreformbewegung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bemühte sich vielfältig um "Kunst fürs Volk", auch die Arbeiterbewegung tat das, auch die Nazis taten das, viele Verlage taten das, bspw. Reclam, Diederichs. Die Namen sind im Grunde Legion. Und so lange ist das alles auch noch gar nicht her. Interessant allerdings, dass man an alles das heute erst wieder erinnern muss.

Es ist also verstärkt zu fragen nach heutiger Kultur, die reiches Innenleben erschließt. Nach solcher, die mich ernst macht, mich erschüttert, Katharsis bewirkt. Solche Dinge müssen Menschen doch wichtig sein, die gesellschaftlichen Wandel zum Besseren wollen.

Aber unser Zeitalter ist das Zeitalter des schrankenlosen Nihilismus, des Materialismus, des Atheismus. Das ist die kunst- und sinnfernste Zeit, die überhaupt nur denkbar ist. Es ist doch vermessen, ihr zu unterstellen, dass sie kulturell ähnlich fruchtbar wäre oder sein könne wie frühere Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das geht doch gar nicht.

Niemand ist dazu aufgefordert worden, mit überkommenen, abgelebten Formen letztlich mittelalterlicher Religiosität zugleich auch das Kulturbewusstsein des Abendlandes - wie es sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts - unter den kulturbewussten Menschen herausgebildet hatte, über Bord zu werfen. Warum also tun wir es? Warum setzen wir diese lebendige Tradition nicht fort?

Einiges zu Daniels Antwort auf diesen Artikel

Soweit war dieser Artikel gestern veröffentlicht worden. Der Medienwissenschaftler Dr. Daniel Hermsdorf - mit ihm war die Auseinandersetzung geführt worden - hat auch gleich auf diesen Blogbeitrag geantwortet (Filmdenken). In der Antwort fragt er:

Sherlock Holmes, Poe, „Der Name der Rose“, „The Manchurian Candidate“, die Großstadt-Bilder von Chandler und Hammett, Einzelwerke von Dürrenmatt oder Walser, soziologische Studien von Maj Sjöwall / Per Wahlöö – alles vollkommen wertlos?
Hierzu antworte ich: "Der Name der Rose" definitiv. Diesen Roman habe ich quergelesen, freilich nicht aus kulturellem Interesse (warum auch?), sondern weil man bei seinem Autor viel hintergrundpolitisches Wissen vermuten muss. Kulturell ist dieser Roman gänzlich wertlos. Man ist geradezu erstaunt, dass das vielen Lesern nicht gleich auf den ersten Blick auffällt. Im Grunde bestätigt mich auch der Wikipedia-Artikel zu diesem Roman (Wiki), auf dem es heißt:
Zahlreiche Merkmale teilt "Der Name der Rose" auch mit Trivialromanen. So sind die Hauptfiguren stark typisiert, es findet eine klare Trennung in gute und böse Figuren statt, zahlreiche Klischees und Stereotype werden aufgerufen. Dieses Vorgehen kann als Pastiche verstanden werden, und damit als bewusste Auseinandersetzung mit der Rolle von Trivialität in der Literatur. Dieses Stilmittel ist ebenfalls typisch für viele postmoderne Romane; Stereotype werden bewusst aufgerufen, um sie klar als Stereotype auszustellen und sie gerade dadurch zu hinterfragen.

Ja, ja, das "Hinterfragen"!!! Schmunzel. Mehr bleibt den Denkern und "Künstlern" der "Postmoderne" doch nicht mehr. Dürrenmatt's "Besuch der alten Dame" hat mich schon in der Schule abgestoßen. Auch "Manchurian Candidate" ist mir grob als Schlüsselroman aus hintergrundpolitischen Zusammenhängen bekannt, kann mich nicht erinnern, dass auch das ein Roman wäre, der einen innerlich erheben würde, innerlich befreien würde, stark machen würde, Katharsis bewirken würde. Martin Walsers Text "Ich vertraue" schätze ich. Aber ich glaube, dass es Gründe gibt für die Ahnung, dass der Großteil seiner Werke keinen bleibenden kulturellen Wert enthält. Die anderen genannten Autoren habe ich nie gelesen, vielleicht mag Sherlock Holmes noch einen vergnüglichen Aspekt haben - ?

Auf Wikipedia lese ich gerade, dass "Der Name der Rose" auf einer Liste der 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts steht (Wiki). Auf ihr steht zum Beispiel auch "1984" von George Orwell. So sehr ich diesen Roman als rationalen Aufklärungsroman, der die Vernunft in wertvollster Weise anspricht, schätze, so wenig ist dieser Roman echte Kultur, also Ausdruck von Gotterleben, der damit ein solches auch hinwiederum wecken könnte. Ich freue mich, dass sich auf dieser Liste Jack London befindet und einige andere Autoren.

Aber als Autoren der 1920er bis 1970er Jahre, denen man bleibenden Gehalt zusprechen möchte, die deshalb ja auch schon mitunter auf unseren Blogs behandelt wurden, weil sie uns heute noch in dem hier behandelten Sinne viel geben können, können neben Rainer Maria Rilke auch etwa genannt werden: Agnes Miegel, Josef Weinheber, Karl Springenschmid, Edwin Erich Dwinger, Romain Rolland (etwa sein "Beethoven"), Gustav G. Engelkes (s. St.gr.). Was die bildende Kunst betrifft, so wird man die drei Bände des Grabert-Verlages "Kunst in Deutschland 1933 bis 1945" als repräsentative Zusammenstellung bleibenden, kulturell wertvollen Gehalts dessen anführen können, was in dem im Buchtitel genannten Zeitraum geschaffen wurde. Natürlich gehören dazu auch ein Großteil jener Künstler, die in dieser Zeit von den Nazis als "Entartete Kunst" an den Pranger gestellt wurden.

Ansonsten lese ich aus der Stellungnahme von Daniel, dass er sich oft persönlich angesprochen und kritisiert fühlt. Das kann nicht ausbleiben. Es ging mir aber - zumindest in diesem meinen Blogartikel - darum, eine allgemeinere Position darzustellen unabhängig von jener noch etwas individuelleren Gelagertheit, die bei Daniel vorliegen mag. Deshalb hätte ich es auch besser gefunden, wenn er ähnlich allgemein geantwortet hätte.

Und vor allem hätte ich es besser gefunden, wenn er stärker auf meine Kernproblematik eingegangen wäre: Welche Bedeutung spielt seiner Meinung nach der Bereich des Nichtrationalen, der Bereich der Werterlebnisse im öffentlichen Diskurs? Und welche Rolle sollte er spielen, wie sollte man auf diesen Bereich zugehen?

Insgesamt ist zu sagen: Es ging mir vor allem darum, einen Standpunkt erst einmal zu formulieren, sozusagen ins "Unreine" hinein. Und es sollte dazu sicher noch angemerkt werden, dass eine argumentativ dichtere und gültigere Darstellung dieses Standpunktes in Buchform schon vorgelegt worden ist (2).

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*) Erläuternde Bemerkung, viereinhalb Jahre später, am 24.12.2021: Dieser Artikel kommt dem Blogautor heute viel zu "wortereich" vor. "Subkutan" aber enthält dieser Blogartikel er viel von jenem Unbehagen, von dem die Arbeit des Blogautors seit der Veröffentlichung dieses Blogartikels geleitet ist. Das Problem ist, daß man über die wesentlichen Dinge des Lebens, auch des öffentlichen Lebens entweder als ein Künstler sprechen soll und kann, der wirklich etwas zu sagen hat - oder sonst dazu eben gar nichts zu sagen hat. Die Aufgabe lautet also: Bilde dich zum Künstler. Leider stellt dieser Blogartikel nur einen ersten rudimentären Anfang für ein solches Anliegen dar. Deshalb ist er gar zu wortereich.

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  1. Sammlung Thule, Altnordische Dichtung und Prosa, Bde.1-24, herausgegeben von Felix Niedner und Gustav Neckel, Jena, 1912–1930, Bd. 10 Fünf Geschichten aus dem westlichen Nordland (Walter Heinrich Vogt, Frank Fischer)
  2. Leupold, Hermin (d.i. Gerold Adam): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Volkshochschule, Bühnsdorf 2001, 2014

Dienstag, 23. Juni 2015

Wie kommen Völker vom Wissen zum Handeln?

Seelische Reifung des Einzelmenschen ist Vorbedingung zur Überwindung der Kriminalität unserer heutigen Eliten weltweit

Ein heute weit verbreiteter Glaube in der alternativen Öffentlichkeit besteht darin, dass man davon ausgeht, dass das Erwerben und Verbreiten von Wissen schon per se gesellschaftliche Veränderungen hervorruft, bzw. ein gesellschaftliches Wollen, das dann Veränderungen bewirkt. Ich glaube, es wird sich allmählich in der alternativen Öffentlichkeit auch die Erkenntnis ausbreiten, dass Wissen nicht per se auch Wollen und Handeln ist. Um es krass auszudrücken: Ein bequemer und willenlos gemachter Sklave kann alles über seinen Zustand wissen und über die Verhältnisse und Mechanismen, die diesen herbeigeführt haben, ohne dann auch noch unbedingt das Wollen aufzubringen, diesen Zustand zu ändern oder die Verhältnisse, die ihn bedingen. Nicht nur Wissenserwerb im stillen Kämmerlein ist Mühe, sondern noch viel mehr das Aufbringen von Willenskräften, die dann auch wirklich Veränderungen bewirken.

Und es mag leicht sein, Hinweise zusammenzutragen dafür, dass die zynischen, kriminellen Eliten, die den Mehrwert der Arbeit abschöpfen und zur fast schrankenlosen Machtausübung nutzen, auch genau solche Völker und Gesellschaften schaffen wollen, also Völker, die alles über sich und ihren Zustand wissen, die aber nicht handeln, die den Willen, die Kräfte und Fähigkeiten zum Handeln schlichtweg verloren haben. Völker, die sich sozusagen daran "goutieren", "delektieren", alles über die zynische Verhöhnung ihrer selbst zu wissen und allein davon schon befriedigt zu sein, da man sie ja zumindest nicht mehr für "dumm" halten kann. Denen also das Gefühl der Ohnmacht eingeflößt werden soll: Ihr wisst zwar alles - aber ändern könnt ihr ja doch nichts. Denn wir haben die Macht. Und wir zerschlagen jede gegen uns gerichtete gesellschaftliche Oppositions-Bewegung schon im Keim, schon in ihrer Entstehung und dulden nur solche "Quasi-"Opposition, die wir zuvor geprüft und für ungefährlich befunden haben, bzw. die wir uns zuvor in die Hand gespielt haben nach feindlicher Übernahme, nach Hijacking, und die uns dadurch kaum noch gefährlich werden können.

Und da die Menschen sehen, wie seit 100 Jahren immer wieder jede gesellschaftliche Aufbruchbewegung in Streitereien endet, in die Irre geleitet wurde, umgedreht wurde, verlieren sie den Glauben daran, durch eigene Initiative, durch Handeln noch etwas ändern zu können.

Wer zum Beispiel will denn noch eine Partei gründen? Oder die Kärrnerarbeit von "Basisbewegungen", "Graswurzelbewegungen" machen? Und diese Ohnmachtsgefühle sind natürlich erwünscht. Der Sklave wird so lange geschlagen und mit Suchtmitteln verführt und verwöhnt, bis er alles Wollen aufgibt, bis er den Glauben an sich selbst verliert. 

Wie also kommen Völker auch noch unter solchen Umständen vom Wissen zum Handeln?

Durch das Schaffen einer Gegenkultur. Durch das Ansprechen religiöser Kräfte. Diesen Gedanken sollte künftig noch weiter nachgegangen werden. Man könnte sich zum Beispiel einmal die derzeit laufenden, vielen Experimente von "atheistischen Gottesdiensten" anschauen. Hier wird dem Gedanken nachgegangen, dass auch moderne Menschen Gemeinschaft erleben wollen, auch in ihrer Nachbarschaft, dass sie ihre Religiosität angesprochen wissen wollen, durchaus auch sehr bewusst. Und anderes mehr. Es könnte durchaus sein, dass in solchen Bereichen der Kulturgestaltung, in solcher Feiergestaltung manche gesellschaftsverändernde Kraft beschlossen liegt. Denn wenn der religiöse Konsens größer wird in der Gesellschaft, könnten damit auch die seelischen Kräfte in der Gesellschaft wachsen.

Vorschaubild des - wieder herausgenommenen - Video's :)
Darüber hatte ich für diesen Blogbeitrag auch einen 10-minütigen Videoblogbeitrag erstellt, den ich aber wieder herausgenommen habe, da ich das noch einmal in anderer Weise zur Sprache bringen will.

Die Geheimmächte spielen auf der Klaviatur der Glückssehnsucht der Menschen

Vor einigen Wochen hatte ich mir zu dem gleichen Thema schon mal folgende Notizen gemacht: Solange nicht auf die seelische Reifung und Vervollkommnung des Einzelmenschen - vielleicht am ehesten im Sinne der psychologischen Philosophie von Mathilde Ludendorff - der Schwerpunkt gelegt wird, wird man mit den Geheimmächten und Geheimdiensten im Hintergrund nicht fertig werden können.*) Sie spielen und agieren mit der bodenlosen Vielfalt menschlicher Unfertigkeit, Unreife, Kurzsichtigkeit und Oberflächlichkeit. Mit der bodenlosen Vielfalt menschlicher Glückssehnsucht. Sie wissen, dass Erich Ludendorff recht gehabt haben wird, als er forderte: "Machet des Volkes Seele stark." Dass erst der seelisch reife und vervollkommnete Mensch - und nicht allein sein umfassendes, angelesenes Wissen - ein wirklicher Gegner dieser Hintergrundmächte darstellt, ein Gegner, der nicht in eine ihrer hundertfach aufgestellten Fallen hineintappt. Was, lieber Leser, du bist noch in keine der von ihnen aufgestellten Fallen hineingetappt? Du glaubst, alle ihre aufgestellten Fallen inzwischen zu durchschauen? - Dann träume bitte weiter!

Wir wollen alle "glücklich" sein. Und diese Glückssehnsucht ist (zumindest nach der Philosophie Mathilde Ludendorffs) eines der größten Hindernisse zur seelischen Reifung und Vervollkommnung. Die Hintergrundmächte ziehen sich untereinander und ziehen die von ihnen Beherrschten am Strick der Glückssehnsucht des Einzelmenschen hinter sich her. Erst wenn wir uns von dieser Glückssehnsucht emanzipieren, von ihr eine gewisse Unabhängigkeit erlangt haben, wenn wir bereit sind, um ein höheres Gutes willen auch tiefes Leid - oder gar den Tod - auf uns zu nehmen, gehören wir zu jenen "Freien", die die Hintergrundmächte wirklich fürchten und fürchten müssen.

Denn seelische Reifung und Vervollkommnung sind nicht Dinge vornehmlich des "Wissens", der angelesenen oder erlernten "Kenntnisse", des "Durchschauens" der vielen Tricks und Finten der den Fortschritt der Menschheit aufhaltenden und untergrabenden Geheimmächte. Es sind das viel mehr Dinge, die sich im Bereich der Kultur abspielen. Das ist der Grund, weshalb alle großen Revolutionen und Reformbewegungen nicht in erster Linie politische, sondern vor allem Kulturrevolutionen waren. Dass sie eine neue Moral mit in die Welt brachten, eine neue Kunst, ein neues Lebensgefühl, ein neues Denken.

Und an dieser Stelle erst wird die ganze Ohnmacht der gegenwärtigen "Neuen sozialen Bewegungen" deutlich: Noch die Anti-AKW-Bewegung der 1970er Jahre hatte gewissermaßen eine neue Kultur, eine "Gegenkultur" ausgebildet, man war "alternativ", man war "Aussteiger", man gründete "Landkomunen", erprobte neue Formen des menschlichen Zusammenlebens. Und indem wir auf diese Zeit zurückschauen und feststellen, dass heutige neue gesellschaftliche Bewegungen im Grunde an keinem Punkt über die damalige "alternative Szene" und ihre Lebensexperimente hinausgekommen sind - abgesehen von dem heutigen erweiterten Kenntnisstand über das Wesen und die Handlungsmöglichkeiten der Hintergrundmächte - erkennen wir erst, wie viel zu tun übrig bleibt.

Ja, wir erkennen, dass das Wesentlichste weniger als je getan ist und getan wird. Und damit wird nicht auf "verändertes Verbraucherverhalten", auf bewussteres "Konsumverhalten" angespielt, auf die Beachtung von "fair trade" und ähnliche Dinge (die natürlich auch wichtig sind). Sondern damit wird angespielt auf die Frage: Welche Haltung nehmen wir dem Leben selbst gegenüber ein? Welchen Sinn geben wir dem Leben? Wie gehen wir mit unseren seelischen Kräften um? Wie haushalten wir mit ihnen, damit wir "schlagkräftig", "kampffähig" bleiben - oder überhaupt erst ausreichend werden?

/Video wieder herausgenommen und 2. Teil des Blogbeitrages hinzugefügt: 27.6.2015/

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*) Mathilde Ludendorff unter anderem deshalb, weil man womöglich im Rahmen ihrer Psychologie noch am ehesten von jeder Art von Okkultismus bewahrt ist, dem die Menschen nur allzu gerne und allzu leicht verfallen. Es ist ja sehr beliebt insbesondere unter Okkulten, von seelischer Vervollkommnung zu sprechen, wie sie ja überhaupt so vielen wesentlichen Dingen ihren eigenen Sinn überstülpen und dadurch den wacheren Menschen diese Dinge überhaupt verekeln, während sie sie für die seichteren Menschen dadurch "passend" gemacht haben. Es ist Peter Sloterdijk zu danken, dass er neue, frische Wege eingeschlagen hat, sich diesem Thema auf nicht-okkultem, nicht-esoterischem Wege zu nähern (s. GA-j!, 3/2015). 

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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