Eine junge, ganz nach innen lebende Frau in den Jahren nach 1945. Der Ehemann war eingezogen und gilt seit dem letzten Kriegsjahr als vermißt.
Das ist in kürzester Form der Inhalt eines Romans mit dem Titel "Das unerreichbare Herz". Dieser ist im Jahr 1949 erschienen. Er handelt von den Erschütterungen, von den Wirrnissen, von den Ruhepunkten und von den heiteren Momenten, durch die sich die große Liebe zu einem "unerreichbaren Herz", nämlich zu gefallenen Ehemann in einer noch jungen Frau in den Jahren nach 1945 wandelt, und durch die sie schließlich doch zurück ins Leben findet.
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| Abb. 1: Gräser und Unkraut - Gemalt von einem Künstler, einer Nebenfigur des Romans - Hier "Das große Rasenstück", ein Aquarell von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1503 (Wiki) |
Man erkennt an einem solchen Roman wieder: Der Wert eines Menschenlebens bestimmt sich danach, wie es mit Trauer umgeht.
Der Roman ist in drei Teile ist gegliedert.
Und diesen Roman liest man wieder und wieder und liest in jedes mal wieder neu. Vor sechs Jahren lasen wir ihn (GAj2014) und in diesem Sommer. Vor sechs Jahren hatten wir über ihn unter anderem geschrieben (s. GAj2014): Die ersten beiden Teile geht man mit immer mehr anwachsender Anteilnahme mit. Ein echter "Springenschmid" sagt man sich mit jeder Seite mehr. "Gertrud Gorenflor", so der Name der Hauptfigur. Sie ist zurückhaltend, sparsam gezeichnet. Ihr Mann - Rainer Gorenflor - ist ebenfalls zurückhaltend, sparsam gezeichnet. Beides sind nach innen lebende Menschen. Sozusagen an der "offensten" Stelle des Romans werden alle beide mit Hilfe eines Gedichtes von Josef Weinheber gekennzeichnet. Der Verfasser läßt den Rainer Gorenflor des Romans aus seinem vollen, liebenden, überschwenglichen Herzen heraus dieses Gedicht seinen Kameraden vortragen - - - an dem Tag, an dem er schließlich fallen soll - mit Blumen im Knopfloch seiner Uniform:
Auf eine Wienerin
Heiter, ohne Schwere,
wo auf Erden wäre
jene stille Größe, die dich ehrt;
diese Leidensreine,
und im Glück dies feine
Lächeln, noch im Makel liebenswert?
Soviel Anmut lassen,
soviel Welt-erfassen
dieser Landschaft Genien nicht im Stich:
Die den Strom bewohnen
und die Hügelkronen,
gute Göttlichkeiten schützen dich.
Wenn ich leise klage
um die alten Tage,
nimm es als ein Teil des Wieners hin!
Hätt ich nicht dem Herzen
diese Lust der Schmerzen,
liebt ich denn in dir die Wienerin?
Dir, der ewig Jungen,
tief ins Blut gedrungen
ist der Kunst geheimnisvolles Reich.
Aufgelöst im Tanze
zeigst du unsre ganze
Künstlergabe, warm und rhythmenweich,
die am Quell des Lebens
lebt und süßen Schwebens
noch den Alltag adelt mit Musik:
Aller Weisheit Krone,
bittrer Zeit zum Hohne
gibst du sie der bittern Zeit zurück.
Laß mich ruhig klagen!
Deine Augen sagen
mir den Sieg der Schönheit stolz voraus.
Ewig unverloren,
Stadt, die dich geboren,
und gesegnet bis ans letzte Haus!
Aber von seinem Tod weiß seine Ehefrau nichts. Und am Ende des zweiten Teiles des Romanes läßt der Verfasser den Handlungsablauf mit einem Ereignis enden, das einen als Leser, der emotional zuvor stark mitgegangen war, geradezu mit Haß auf den Autor reagieren läßt. Eine wahrlich sonderbare Erfahrung!
Das Buch möchte man danach für Tage nicht mehr in die Hand. Man ist zu aufgewühlt. "Dieser Mann, der Springenschmid - das ist einfach nur ein Mistkerl," so lautet das zutiefst empörte Urteil. Man ist abgestoßen. "Mußte" der Geschehens-Ablauf wirklich so sein, so fragt man sich. - Warum?
Und erneut steht man vor dieser Frage, wenn das Ende auch des dritten Teiles fast erreicht ist. Die "Lösung" der im Roman gestellten Problematik durch den Autor deutet sich dann von Seite zu Seite deutlicher an. Auch im dritten Teil war einem der Roman beim Lesen streckenweise so unglaublich sinnlos vor gekommen. Man haßte den Autor.
Aber der Roman "rumort" zugleich in einem. Zu stark hat er einen schon in den ersten beiden Teilen mitgehen lassen. Und schließlich will man, "muß" man ihn doch zu Ende lesen.
Dies ist wahrlich ein - auch noch für heutige Zeiten - ungewöhnlicher Roman.
Die tiefer liegende Frage des Romans ist: Wie kann eine Frau nach kurzer, tief nach innen gelebter Liebe und Ehe und nachdem der Mann seit dem letzten Jahr des Krieges als vermißt gilt, weiter leben? Und damit will viel gesagt sein aus Sicht des Autors. Er meint nämlich nicht nur: weiter "existieren". Sondern leben. Vielleicht aus so herrlich beschwingtem Innern wie es in den gebrachten Zeilen von Josef Weinheber enthalten ist. Aber: Wie?
"Konstruiertes"?
Während des Lesens kommt einem gegen Ende des Romans manches "konstruiert" vor. Legt man den Roman dann aber aus der Hand, merkt man, daß er etwas mit dem Leser gemacht hat. Und das kann er nur, wenn er mehr ist als nur etwas "Konstruiertes". Konstruiertes kann nur Gedanken auslösen. Der Roman aber erschüttert. Ein Zeichen, daß Springenschmid seine Aufgabe von innen her gelöst hat. Obwohl man das - fast - nicht glauben kann oder will im ersten Blick über den ganzen Roman hinweg.
Und dennoch bleibt ein Rest. Als Leser kann man dem Autor alles verzeihen. Doch daß er das Schicksal eines unschuldigen Kindes - am Ende des zweiten Teiles - eine solche Wendung nehmen läßt. Nachdem er es einem so ans Herz hat wachsen lassen - - - Er, der Autor, hätte doch die Freiheit gehabt, es anders zu schreiben. Warum tut er das? Mit dem Verstand ist das sicherlich nicht zu begreifen. - - -
In der Wahl einer solchen Härte im Handlungsablauf mag noch etwas von jener Härte liegen, von der die Zeit durchdrungen war, in der dieser Roman spielt.
Er wurde geschrieben von Seiten des deutschen Schriftstellers Karl Springenschmid (1897-1981) (Wiki, Salzburg-Wiki). Folgeauflagen erschienen 1958, 1966 und 1976.
Andere Sicht
Die vorstehenden Zeilen waren vor sechs Jahren veröffentlicht worden. Sechs Jahre, vielleicht eine lange Zeit. In diesem Sommer - 2020 - haben wir den Roman ein zweites mal in die Hand genommen. In lange voneinander getrennten Zeitabschnitten haben wir immer wieder kurze Abschnitte daraus gelesen. Auch kurze Abschnitte aus diesem Roman zu lesen, hält jeweils lange vor. Von welchem Roman könnte das sonst gesagt werden? Und dieses Lesen gibt Ruhe, Orientierung im wilden Handlungsablauf des Lebens. Das Lesen in diesem Roman ist wie ein "Ruhig-Werden", wie ein "Zu-sich-selbst-Kommen". Das mag nicht zuletzt auch an der unterschwelligen Heiterkeit liegen, die den gesamten Roman durchzieht, diesem sonderbaren Gemisch aus Heiterkeit und Ernst, das den Roman charakterisiert.
Vielleicht geht von dem Roman ein wenig eine ähnliche Ruhe aus wie von dem Bauern Gerold, der in ihm geschildert ist, der am Fuße des Dachstein lebt, ein schweres Schicksal hat - wie alle. Und der dennoch jedes Frühjahr erneut aussät und erntet. Warum auch immer: Es tut so gut, diesen Roman zu lesen. Auch noch ein zweites mal. Vermutlich wird er sich auch noch ein drittes mal gut lesen lassen. Jedesmal liest sich alles ein wenig anders. Die Erschütterung über den Tod des Kindes, sie steht beim zweiten mal Lesen nicht mehr so im Vordergrund.
Aber viel deutlicher wird nun wahrnehmbar, wie sich schon in den vorderen Teilen des Romans viel natürlicher und aus innerer Gesetzmäßigkeit heraus das anbahnt, was dann im letzten Teil seine Verwirklichung findet. Freilich auf "umständlichen", holprigen Wegen. Um das mindeste zu sagen. Denn die Wege des Herzens sind keine geraden. Deshalb kommt uns "konstruiert" beim zweiten mal Lesen gar nichts mehr vor. Ein ganz falsches Wort. Viel mehr werden all die "Unwägbarkeiten des Herzens" bei allen Beteiligten deutlicher, viel mehr wird deutlicher, über wie viel "Unsicherheiten" hinweg ein Mensch zu jenen Lebensentscheidungen hinfinden muß, heranreift, zu denen er dann eben doch - mehr oder weniger glücklich - heranreifen kann. Im besseren Falle.
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| Abb. 2: Zeichnung von Richard Flockenhaus |
Und wie viele kostbare Worte einem bei diesem zweiten mal Lesen ständig auffallen. Der Roman hat 437 Seiten. Auf Seite 396 sagt die Hauptfigur Gertrud Gorenflor zum Beispiel:
"Jahrelang habe ich mir vorgesagt: Was immer du tust, muß so sein, daß es bestehen kann, wenn in diesem Augenblick dein Mann zur Türe hereintreten würde. Das hört sich schön an und nimmt sich bestimmt gut aus; in Sonntagspredigten oder in Romanen, die auf einen gewissen Idealismus anspielen. Ob sich diese sehr geschätzten Herren - nur Männer schreiben solche Romane, Frauen müssen sie erleben! - jemals klar geworden sind, wie schwer es für eine junge Frau ist, tatsächlich so zu leben, wie ihr in diesen schönen Büchern vorgeschrieben wird. Bei jeder gesunden Frau, die den Kopf oben behält, ist es einmal mit solchen Prinzipien zu Ende. (...) Jedenfalls, was mich betrifft, Frau Olivier: Ich habe es aufgegeben, auf Rainer Gorenflor zu warten! Überrascht Sie diese Erklärung? Hatten sie geglaubt, ich würde meinem Manne in alle Zukunft Altäre bauen, vor denen ich, fromm in mein Schicksal ergeben, das weitere Leben vertrauern würde? Ich habe Sie enttäuscht. Aber ich will nicht hysterisch werden. Nein, ich warte nicht mehr auf den, der einmal mein Mann war. Ich warte nicht, ich lebe. Sie sehen es, ich lebe."
Immerhin, um seine Hauptprotagonistin zu dieser Erkenntnis heranreifen zu lassen, läßt sich der Roman 396 Seiten Zeit. Und das macht seinen Wert aus. Denn nach drei Seiten zu dieser Erkenntnis zu gelangen, würde ja verinnerlichten Naturen wenig entsprechen ....
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