Donnerstag, 8. Januar 2009

"Herz, das nie gelernt hat zu entsagen ..."

Heinrich von Plauen

Lochstädt 1429

Grau und schlaff
Dehnt sich das Haff.
An der Straße von Bischofshausen
Müssen noch Linden in Blüten stehn:
Ich spüre den Duft im wandernden Wehn
Und höre heimlich wie Bienenbrausen
Das sachte Rauschen der brandenden See.

Nie rastendes Weh,
Immer wogendes Leid, dessen salzige Fluten
Bis zur Seele mir gingen, nun lege auch du
Wie das Meer da draußen, dich endlich zur Ruh.
Mit diesem Sommer wirst du verbluten
Herz, das nie gelernt hat zu entsagen.

Durch das Hoftor schwanken die Erntewagen,
Die Ochsen schnauben, die Räder knarren.
In dem fliegenden Staub goldendurchsonnt,
Seh ich mich selber mit sieben Jahren,
Seh ich die Brüder, langlockig und blond
Und durch den Frieden des stillen Altans
Klingt die zittrige Stimme des Schloßkaplans:
'Etliches aber trug hundertfältig'.

Ich habe so lange nicht mehr geweint, -
Ich hatte gemeint
Meine Augen versiegten seit jener Nacht
Da mir der Bote die Kunde gebracht
Daß in Tannenbergs qualmenden Mooren
Rudaus Ruhm für immer verloren.

Wie sie dich schmähten, Jungingen!
So wanderte später, vom Haß bespien
Landflüchtig wie Kain, gehaßt wie die Sünde
Mein Namen von Thorn bis Dünamünde.
Doch der für dich seine Lanze brach,
Der Tod, - wich immer von meiner Schmach!

Ich hatte dich einst so schnell vergessen, -
Nun denke ich oft der alten Zeit:
Wir wurden zusammen zum Ritter geweiht.
Durch die Schöne Pforte schritten wir,
Zart und schlank gingst du neben mir,
Deine Hand war weiß wie die Hand einer Frau,
Meine Hände waren haarig und rauh -
Und den Starken zermalmte die gleiche Bürde!

Am Morgen danach wir ritten zur Jagd,
Du löstest dem Falken die grüne Kappe
Und sporntest den Hengst und gabst nicht acht,
Da griff ich die Zügel, - hoch bäumte dein Rappe
Und ich rief und war heiser vor blindem Zorn:
"Bruder Ulrich, dein Hengst zerstampft das Korn!" -
- Groß sahst du mich an. Dann hast du gelacht.

Was war euch Andern die Mark im Norden?
Ein Forst zum Jagen, ein Platz zum Turnei!
Eure Ehrsucht stillte der Deutsche Orden,
Eure adlige Armut machte er frei.
Ich aber, der still hier oben verderbe,
Ich kam in dies Land wie in mein Erbe,
Jeden Fußbreit Boden hab ich geliebt.

Vor fünfzig Jahren blond und jung,
Durch den Mittagsdunst der Niederung
Auf die Hochburg bin ich zugeritten.
Aus gläsernen Steinen, buntgeschnitten,
Blinkte das Bild Unserer Lieben Frauen.
Und ich fror in der Glut, geschüttelt von Grauen, -
Ich, der nie das Fürchten gekannt!

Und gluh und starr und unverwandt
Viele Nächte der Freiheit und alle der Haft,
Spürt ich des Bildes böse Augen
Rastlos das Mark meines Lebens saugen.
Und ich sprach, von Grauen und Qual erschlafft:
"Die Schwüre, widerwillig gesprochen,
Hundertmal hat sie mein Herz gebrochen
Um dieses Land, für das ich stritt."

Und das Spukbild lächelte, wenn ich litt.

Jetzt kam es lange nicht mehr.
Mein Schlaf ward traumlos, tief und schwer,
Wie der Schlaf sehr alter Leute.
Doch seltsam, heute
Zog es wieder über mein Weh
Wie wandernde Wolken über die See.

Ich will hinab nach dem Hof zu sehn.
Daß ich so frei darf gehn,
Ist mir noch immer wie ein Traum.
Früher merkte ich's kaum
Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.
Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen!
Meine Füße sind schwer, die Stiege ist steil,
Es dauert eine gute Weil
Bis die Hand den Riegel zurückgeschoben.

Heiß und schwül war es droben,
Hier im Hof ist es kühl und abendstill.
aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.
Wie Gold ist die Luft.
Purpurn im Abendduft,
Über dem flutenden Tief
Ragt die Feste.
Die immer leiser rief
Die See, schläft ein.
Der Abend allein
Ist das Beste -
Auf Spiegel-Online findet sich ein Bericht über die Erforschung der Grabstätte von Hochmeistern des deutschen Ritterordens in der früheren Stadt Marienwerder an der Weichsel in Westpreußen. (Spiegel)

Bei den Ausgrabungen ist unter anderem höchstwahrscheinlich der Leichnam des Hochmeisters Heinrich von Plauen entdeckt worden. (Wikip.) Über Heinrich von Plauen hat nicht nur der ostpreußische Schriftsteller Ernst Wiechert einen historischen Roman geschrieben, der auch im Netz zugänglich ist. (Gutenb.) Sondern auch eine andere berühmte Dichterin Ostpreußens, Agnes Miegel, hat sich dieser geschichtlichen Gestalt angenommen. Daraus ist das oben stehende Gedicht entstanden. Da es sich derzeit noch nirgends im Netz findet, sei es hier einmal aus einem alten Gedichtband abgetippt.

In diesem Gedicht kommt auch die berühmte Gedichtzeile vor "Herz, das nie gelernt hat zu entsagen", eine für Agnes Miegel's Lebenseinstellung sehr kennzeichnende Gedichtzeile.

Alexander Demandt über Arminius

Beim Durchblättern des Wissenschaftsteils von Spiegel-Online findet sich übrigens auch ein schönes Interview mit Alexander Demandt über die geschichtliche Gestalt des Cheruskerfürsten Arminius. (Spiegel) Es will einem scheinen, daß Demandt über ihn gelassener zu reden weiß als viele andere, die es sich oft ziemlich kompliziert machen mit der Erinnerung an diesen "Nationalheroen". Arminius ist einfach eine geschichtliche Gestalt, über die wir vergleichsweise viel wissen. Und es ist einfach am Platz, ihr ohne übertriebenen Pathos und ohne übertriebenen "Anti-Pathos" irgendwie gerecht zu werden. Und das gelingt dem Berliner Althistoriker Demandt, wie man meinen könnte, sehr gut.

Überhaupt lohnt es sich immer wieder einmal, Demandt's Standartwerk "Geschichte der Spätantike" in die Hand zu nehmen. (Amazon) (Gerade auch bei Diskussionen auf Michael Blume's Blog über das Christentum in der Spätantike hätte ein Blick in dieses Buch vieles illustrieren können.) Dieser Band hält eine Fundgrube an historischen Einsichten bereit, da Demandt größtenteils einfach vielfältig und ohne allzu viel Theoriebalast Faktenwissen referiert. Und zwar Faktenwissen zu den verschiedensten Bereichen des Themas "Spätantike".

Aber bleiben wir zum Schluß doch in Marienwerder in Westpreußen - - -
... Der Abend allein
Ist das Beste.

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