Dienstag, 20. Juli 2010

"Das wiedergefundene Antlitz" von Karl Springenschmid (1944)

Eine sehr ungewöhnliche Novelle

Karl Springenschmid schrieb die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" (1) im Jahr 1944 (so lautet die familiäre Überlieferung) (2). Im Druck erschien die Novelle im Jahr 1955.

Abb. 1: Das "Selbstbildnis mit dem Kissen" von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1493 (Wiki) - Entdeckt 1927 im Ossolineum in Lemberg, im persönlichen Besitz Hitlers seit 1941, seit 1975 im Metropolitan Museum in New York

Im Mittelpunkt der Novelle steht ein hinreißendes Selbstbildnis Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 (Abb. 1). Dieses ist erst 1927 bekannt geworden. Es erfährt in der Novelle eine hinreißende Deutung.

Die Novelle weist aber auch sonst einen großen Reichtum an zeitgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Bezügen auf (3-11). Die Grundaussage der Novelle ist: Inmitten der Unmenschlichkeit und der Verbrechen des Krieges - des Zweiten Weltkrieges - bleibt das Menschliche, das menschliche Antlitz bewahrt oder wird gar: wiederentdeckt. Aber auch dieses zutiefst menschliche Antlitz ist "zwiespältig", mehrdeutig, verwegen oder herausfordernd im Guten wie im Schlechten - so wie das Selbstbildnis Dürers von 1493.

Dieses Selbstbildnis ist nur Teil einer Sammlung von etwa 30 Zeichnungen Albrecht Dürers, die erst 1927 entdeckt worden sind (3), und die sich bis 1941 im Lubomirski-Museum in Lemberg befand (WikiC). Diese war Teil des Ossolineums (Wiki) in Lemberg (GMaps). Im folgenden eine kurze Darstellung der geschichtlichen Hintergründe dieser Dürer-Sammlung des Lubomirski-Museums in Lemberg (übersetzt aus dem Englischen) (7):

Lemberg mag als ein ungewöhnlicher Ort erscheinen für eine bedeutende Dürer-Sammlung. Doch im 19. Jahrhundert gehörte die Stadt zu Österreich. Die Zeichnungen zählten vermutlich zu jenen, die Rudolf II. in den 1580er Jahren erwarb und die über 200 Jahre im Besitz der Habsburger Kaiser blieben. Schließlich kaufte sie Fürst Heinrich Lubomirski, ein adliger Gutsbesitzer, und schenkte sie einem Museum, das er 1823 in Lemberg gründete. Über ein Jahrhundert lang lagen die Zeichnungen in einer Kiste im Museum, völlig unbekannt den Dürer-Forschern. Erst 1927 wurde ihre Wiederentdeckung in einem Artikel von H. S. Reitlinger im Burlington Magazine bekanntgegeben. Lemberg war plötzlich stolzer Besitzer einer der bedeutendsten Sammlungen von Dürer-Zeichnungen - nach denen des Berliner Kupferstichkabinetts, der Wiener Albertina und des British Museum. Unter den Werken befand sich eines von Dürers Meisterwerken, sein prachtvolles Feder-Selbstporträt von 1493.

Diese Dürer-Zeichnungen standen 1941 unter der Obhut des polnischen Museumsdirektors Mieczysław Gębarowicz (1893-1984) (Wiki) (Abb. 2). Dieser hatte 1929 darüber auch eine Veröffentlichung herausgegeben (5).  

Abb. 2: Der polnische Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, 1941 Museumsleiter des Ossolineums, des Lubomirski- und des Barwaroski-Museums in Lemberg - In der Novelle tritt er als der ukrainische Kunsthistoriker "Leonyd Lischenko" auf

1940 und 1941 sind diese Dürer-Zeichnungen in Lemberg dann in Deutschland - von Seiten eines kunstliebenden Staatsoberhauptes - zur höchsten Staatsangelegenheit erhoben worden. Um alle Fragen um diese zu klären, wurde der österreichische Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann (1898-1958) (Wiki) zum "Sonderbeauftragten" ernannt (7):

Zu den ersten NS-Funktionären, die die Stadt Lemberg betraten, gehörte Kajetan Mühlmann, der Sonderbeauftragte für den Schutz von Kunstwerken in den besetzten Gebieten. (...) Seine Mission in Lemberg, die er im persönlichen Auftrag von Reichsmarschall Hermann Göring unternahm, war die Suche nach Dürer-Zeichnungen für Hitler. Mühlmann brauchte sechs Tage, um die versteckten Dürer-Gemälde aufzuspüren. Einem Nazi-Bericht zufolge mußte der unglückliche Professor Gebarowicz „gründlich verhört“ werden, bevor er schließlich das Versteck der Zeichnungen preisgab. Mühlmann brachte sie umgehend nach Berlin und übergab sie Göring, der sie noch am selben Tag Hitler präsentierte.

In einem noch ausführlicheren Bericht ist festgehalten (10, 208f):

Die Sammlung Lubomierski in Lemberg enthielt 31 wertvolle Handzeichnungen von Albrecht Dürer. Hier kam es mit dem damaligen sowjetischrussischen Verbündeten zu einer Auseinandersetzung. Nach dem Stalin-Hitler-Pakt und dem in Zusammenhang stehenden Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939 war Polen zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufgeteilt worden. Lemberg lag im sowjetischen Teil. Die Russen hatten das Lemberger Museumswesen neu organisiert und die Sammlung Lubomierski aufgelöst. Als der Sonderbeauftragte der Reichsregierung im Frühjahr 1940 für das Auswärtige Amt der russischen Regierung das Angebot machte, die Dürer-Zeichnungen gegen gleichwertige Kunstwerke und literarische Denkmäler einzutauschen, lehnten die Russen ab. Hitler war nämlich der Meinung, daß die Zeichnungen Dürers nach Deutschland gehörten, da Dürer aus Nürnberg kam.
Im Auftrag Görings fuhren Mühlmann und Museumsdirektor Kudlich am Tage der Einnahme Lembergs dorthin, um Nachforschungen über den Verbleib der Zeichnungen anzustellen. In diesem Zusammenhang wurde auch Prof. Gebarowicz vom Bawarowski Museum vernommen, der erklärte, man habe die Zeichnungen vor den Russen sorgfältig versteckt. Nun wurden sie den Deutschen ausgehändigt, die sie beschlagnahmten, nicht ohne den Empfang zu bestätigen. Allerdings ergibt sich aus den Akten, daß es sich nunmehr um 23 Dürer-Zeichnungen gehandelt habe. Mühlmann überreichte im Juli 1940 (sic! 1941!) persönlich Göring die Zeichnungen, der sie Hitler in das Führerhauptquartier brachte, wo sie zunächst blieben. Hitler soll sie lange bei sich gehabt haben. Nach dem Kriege fand die amerikanische Besatzungsmacht die nunmehr wieder 24 Handzeichnungen im Bergwerk Altaussee, zusammen mit den anderen Kunstwerken, die für das Museum Linz vorgesehen waren. Lubomirski verlangte von den Amerikanern die Rückgabe seines Eigentums. Nachdem Andreas Hofer die Identifikät der Zeichnungen bestätigt hatte, wurden sie Lubomirski persönlich am 26.5.1950 in München ausgehändigt, als Ausnahme von der Regel, die Kunstwerke nur an die jeweiligen Regierungen zurückzugeben.    

Auch das Gebäude des hier erwähnten Bawarowksi-Museums (Wiki, poln) ist in Lemberg erhalten. 

Abb. 3: Das Hauptgebäude des Ossolineums in Lemberg - Hier befand sich auch das Lubomirski-Museum

Soweit nur einige historische Hintergründe. Die Auseinandersetzungen um die Rückgabe dieser, inzwischen weltweit verstreuten Dürer-Zeichnungen gehen bis heute weiter (7-11).

Das Ossolineum und die Lubomirski-Sammlung lagen damals nur sechs Minuten unterhalb der Zitadelle von Lemberg (GMaps). An diesem Ort endet auch der Handlungsverlauf der Novelle am 30. Juni 1941.

Das Ossolineum

Dieses Ossolineum ist 1817 von einem polnischen Kunstsammler, dem Grafen Joseph Maximilian Ossolinski (1748-1826) (Wiki), erworben worden. Es wurde, nachdem Polen Lemberg und seine Ostgebiete an die Sowjetunion abtreten mußte, nach 1945 in Breslau in Schlesien neu eröffnet (Wiki): 

Nach der Nationalbibliothek in Warschau und der Jagiellonen-Bibliothek von Krakau ist das Ossolineum heute die drittgrößte polnische Sammlung ihrer Art.

Als Lemberg 1940 russisch wurde, wurde das Ossolineum zur "Stefanyk-Bibliothek" umbenannt. Als solche besteht sie bis heute weiter. Während der erneuten Besetzung Lembergs durch die Deutschen ab 1941 wurden viele Bestände des bisherigen Ossolineums nach Krakau und später nach Schlesien umgelagert.

Soweit wir das einer vorläufigen Lektüre entnehmen können, wurden all diese polnischen Kunst- und Kulturschätze damals umgelagert, "sicher gestellt". Wohl nur in seltenen Fällen wurde ein endgültiger Verbleib so festgelegt, daß er nur schwer hätte rückgängig gemacht werden können. Ob es deshalb richtig ist, schlankweg und umfassend von "Kunstraub" zu sprechen, wie das seit 1945 üblich geworden ist, soll an dieser Stelle zumindest bis auf weiteres dahin gestellt bleiben.  

Abb. 4: Einer der Ausstellungsräume des Lubomirski-Museums in Lemberg in der Zwischenkriegszeit (Lub-Mus)

Nach 1945 wurde das Ossolineum (Wiki) mit Hilfe der umgelagerten Bestände in Breslau mit etwa einem Drittel seiner bisherigen Bestände neu begründet (Wiki).

Indem Springenschmid den Handlungsverlauf am 30. Juni 1941 an diesem Ossolineum in Lemberg enden läßt, in dem das Selbstbildnis Dürers aus dem Jahr 1493 beherbergt war, greift er also verschiedene historische Sachverhalte auf und verbindet sie zu einem neuen romanhaften "Ganzem", ohne daß dabei in jedem Detail Wert gelegt wird historische Genauigkeit, und wobei vielleicht dennoch der Wesenskern des Geschehens erhalten bleibt. Solche historischen Sachverhalte sind: 

  • 1927 ist der kunstinteressierten Öffentlichkeit erstmals das sehr prägnante "Selbstbildnis mit dem Kissen" Albrecht Dürers aus dem Jahr 1493 bekannt geworden. Es war bis dahin unentdeckt in Kisten des Ossolineums verborgen gewesen. Es wurde bekannt durch die Veröffentlichung eines britischen Kunstsammlers in der Zeitschrift "The Burlington Magazine" (2-4). Es handelte sich also um einen britischen Kunstsammler. Es handelte sich also dabei weder - wie in der Novelle behauptet - um einen ukrainischen Kunsthistoriker, noch um eine polnische Kunsthistorikerin.
  • Ab dem 30. Juni 1941 hat der erwähnte Sonderbeauftragte Mühlmann während und nach der Besetzung Lembergs durch die Deutschen 26 Zeichnungen von Albrecht Dürer aus dem dortigen Ossoliński-Nationalinstitut unterhalb der Zitadelle von Lemberg "sichergestellt", einschließlich des Selbstbildnisses Dürers aus dem Jahr 1493. Soweit hält sich die Novelle an den historischen Sachverhalt.
  • Am 30. Juni 1941 fand die deutsche Wehrmacht nach der zweiten Einnahme von Lemberg in drei dortigen NKWD-Gefängnissen etwa 4000 politische Gefangene ermordet vor (Wiki). Die umwohnende Bevölkerung, die diese Morde an ihren eigenen Familienangehörigen mitbekommen hatten, war davon zutiefst aufgewühlt. Während des weiteren Vormarsches und in späteren Ausgrabungen (Katyn) sollte die deutsche Wehrmacht noch an zahlreichen anderen Orten in Polen, den baltischen Ländern, der Ukraine und in Weißrußland auf solche Gefangenenmorde stoßen. Diese summierten sich insgesamt auf etwa 100.000 Gemordete (Wiki). In der Novelle ist als Ort dieser Gefangenenmorde in Lemberg die dortige Zitadelle angegeben. Die Morde fanden aber in Lemberg in drei NKWD-Gefängnissen über die Stadt verteilt statt. Gefangenenmorde hat es hingegen auf der Zitadelle der polnischen Stadt Soltschiw (Wiki) gegeben, die 70 Kilometer östlich von Lemberg liegt.

Hat die Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" womöglich trotz mancher solcher "historischer Ungenauigkeiten" einen besonderen, einen eigenen Wert?

Abb. 5: Kajetan Mühlmann rechts, hier zusammen mit dem Leiter des Generalgouvernements Hans Frank

Fast stellt sich ja die Frage, ob in dieser Novelle noch im Jahr 1944, bzw. im Jahr 1955 die Kunstliebe des Reichsoberhauptes verherrlicht werden sollte, obwohl dieses mit keinem Wort erwähnt wird. Wäre es dann aber nicht reichlich kühn gewesen, eine solche Novelle noch im Jahr 1955 zu veröffentlichen? Es scheint uns also unwahrscheinlich, daß dieser Gedanke als Absicht hinter dieser Novelle stand.

Es muß sich schon um sehr gute Literatur handeln, wenn man - etwa - zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und zu den Verbrechen der unterschiedlichen Völker aneinander eher einen Roman als ein Sachbuch lesen möchte. Denn im Grunde ist jedes gute Sachbuch, jeder gute Erlebnisbericht über den Zweiten Weltkrieg und über diese Verbrechen erschütternder als das ein Roman oder als das es eine Novelle je sein könnte.

Aber bei der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz" ist das anders. Sie greift einen Kern des Geschehens heraus und gibt diesem Kern eine Bedeutung, die von der Öffentlichkeit zuvor so sicherlich noch nicht wahrgenommen worden war.

So gibt sie ein Stück weit den Dingen, insbesondere der Kunst wieder jene Wertigkeit zurück gibt, die ihnen zukommen - gerade auch in Kriegszeiten. Dies ist das Thema dieser Novelle: Die eigenartige Konfrontation der Bemühungen rund um die Bewahrung von Kunstwerken, rund um die Bewahrung eines "wiedergefundenen Antlitzes" mit den Geschehnissen des Krieges von 1941.

Noch einige weitere Bemerkungen zu dieser Novelle

Karl Springenschmid kommt in dieser Novelle auf die Kupferstich-Sammlung der Albertina in Wien (Wiki) zu sprechen. Und er kommt noch ein zweites mal auf diese zu sprechen in seinem Roman "Das unerreichbare Herz" von 1949 (13).

In beiden Werken ist eine der Hauptfiguren Mitarbeiter dieser Kupferstich-Sammlung. Und dadurch ist es dem Autor ermöglicht, in beiden Werken über Handzeichnungen von Albrecht Dürer sprechen zu können und ihnen jene besondere Bedeutung zu zusprechen, die er ihnen in diesen Werken zuspricht, insbesondere auch den Selbstbildnissen Dürers (Wiki).

Einen sehr persönlichen Bezug in die gedankliche Welt der Kunsthistoriker und zu all den von ihm aufgegriffenen Themen hatte Karl Springenschmid in der Person seines Salzburger Schulfreundes, bei dem es sich nun um niemand geringeren handelte als jenen oben schon erwähnten Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann, der aus Salzburg stammte. Dieser und seine Erfahrungen und Erzählungen scheinen dem Schriftsteller nicht nur die Anregung gegeben haben zur Novelle "Das wiedergefundene Antlitz", sondern auch zu mancherlei anderen Inhalten seiner Werke. Noch in dem entzückenden Roman "Signorina N.N." von 1958, der in Florenz spielt, ist eine der Hauptfiguren Kunststudent.

Springenschmid "erhöhte" in seinen Novellen und Romanen gerne die Wirklichkeit durch die Kunst, bzw. gab er der von ihm dargestellten Wirklichkeit durch die Kunst eine höhere Bedeutung, eine höhere Weihe. 

Noch mal zum Inhalt der Novelle "Das wiedergefundene Antlitz": In den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges hat der Kunsthistoriker "Helmut Frobenius" (das Alter Ego des Kajetan Mühlmann) aus Wien den Auftrag, mit den ersten deutschen Panzern in Lemberg einzudringen, um dort das Selbstbildnis von Albrecht Dürer in der Ossolinski-Bibliothek in Lemberg sicherzustellen.

Der ukrainische Kunstprofessor "Leonyd Lischenko" seiner Novelle ist ebenso erfunden wie auch die polnische Kunsthistorikerin "Vera Starkowna" der Novelle. "Leonyd Lischenko" steht für den polnischen Kunsthistoriker Mieczysław Gębarowicz, wofür die "Vera Starkowna" steht, wäre noch zu erforschen.

In dem Buch "Servus Heiner" erwähnt Springenschmid einen "Kai Mühlmann" als 15-jährigen Schulkamerad von Springenschmid und Waggerl auf der Salzburger Lehrerbildungsanstalt im Jahr 1912 (14, S. 10):

Wenn uns die Professoren allzu heftig mit dem Peloponnesischen Krieg, der Heronischen Formel oder schwierigen Satzgliederungen plagten, flüchteten wir in einen geheimnisvollen Winkel des weitläufigen Gebäudes. Hier führte Waggerl das Wort. Wir anderen, vor allem Kai Mühlmann, ein ähnlicher Sturmgeist wie Waggerl, wollten hier vor allem den Ärger mit der Schule los werden und zogen wütend auf die Professoren los. Doch Waggerl winkte ab. Ihm ging es nicht um das, was an dieser Schule geschah, ihn erfüllten andere Gedanken. ...

Waggerl las seinen Kameraden statt dessen aus "Sprüche und Widersprüche" von Karl Kraus vor. Mühlmann saß noch 1944 gerne mit seinen Freunden Waggerl und Springenschmid in einem bekannten Salzburger Künstlercafé. Springenschmid berichtet, wie der von der Gestapo abgehörte Gesprächsinhalt an den Salzburger Gauleiter weitergeleitet wurde, der wiederum derenthalben Springenschmid vorlud, da seine Freundschaft zu Waggerl bekannt war. Im Spitzelbericht stand (14, S. 76):

"Café Bazar 13. Oktober 1944 Uhrzeit: 21 Uhr 20. Anwesend am mittleren Kaffehaustisch, Karl Heinrich Waggerl, Kai Mühlmann, Dr. Josef Mühlmann, ferner zwei Frauen und drei weitere Männer, deren Persönlichkeit bisher nicht festgestellt werden konnte."
Und die - im Nachhinein betrachtet harmlose - kritisierte Aussage von Waggerl soll gelautet haben:
"Solange nicht alle politischen und militärischen Stellen im sogenannten Großdeutschen Reich von Österreichern besetzt werden, wird alles schief gehen!"

Jedenfalls scheinen solche Gespräche mit Kajetan Mühlmann wie in diesem Cafehaus in Salzburg Karl Springenschmid auch zu einer seiner bedeutenden Novellen angeregt haben, nämlich zu "Das wiedergefundene Antlitz" (1). 

Es handelt sich um ein merkwürdiges Stück Literatur. Ohne das Wissen um all die vorgenannten Sachverhalte möchte die Novelle beim Lesen auf den ersten Seiten ständig beiseite legen und sich sagen, daß dieses Büchlein nicht zu den gelungensten Werken von Springenschmid gehört. Wie kann man denn ständig so "Larifari" und oberflächlich-"nebensächlich" über Ereignisse in den Anfangstagen des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 schreiben?

Nimmt man das Büchlein trotz Verärgerung oder Verstimmung nach einiger Zeit noch einmal in die Hand und liest weiter, dann muß man sich gut zureden: Dieser Springenschmid war sowohl im Ersten wie am Zweiten Weltkrieg Soldat. Wenn er eine Novelle in dieser Weise schreibt, muß er das bewußt so tun und nicht aus Unfähigkeit.

Trotzdem: Über weite Strecken liest sich diese Novelle wie eine "Schwejkiade", wie eine Antikriegs-Novelle. Aber selbst diese Einordnung will noch nicht wirklich passen. Ist es denn möglich, mit einem so geradezu anzüglichen Ton über einen Krieg zu schreiben, einen modernen? Soll damit dem Zynismus oder der Gedankenlosigkeit des deutschen "Landsers" des Jahres 1941 ein - "Denkmal" gesetzt werden?

Im letzten Drittel der Novelle beginnt sich der Hintergrund der seltsamen Widersprüchlichkeit, in die das Herz des Lesers beim Lesen gezogen wird, ein wenig zu lichten. 

Offenbar geht es darum: Diesen aufwühlenden, ja, abgründigen Zwiespalt darzustellen: Erstens Krieg, entsetzlichste Verzerrung alles Menschlichen einerseits, zweitens banales, flapsiges Landser-Idyll und zum Dritten - - - Kunst, das Ewige, das Gültige, Menschliche. In der Springenschmid-Biographie von 1987 von Seiten eines Enkelsohnes von Karl Springenschmid heißt es (2, S. 95):

"Das wiedergefundene Antlitz", eine 1944 (1944?) entstandene Novelle, sticht völlig aus der übrigen Kriegsliteratur von Springenschmid heraus. Diese meisterliche Novelle gehört zu seinen besten Werken, ja, zum Besten was Springs überhaupt je geschrieben hat. Diese Novelle gibt allerhand Rätsel auf. Wieso unterscheidet sie sich in der Sprache und in der Diktion so dermaßen von seinen anderen Werken dieser Zeit? So manche Novelle hatte Springs meist rasch vollendet und in zwei, drei Wochen Fronturlaub seiner Gattin diktiert. Entweder entstand die Novelle doch erst nach 1945, oder einfach in einer Sternstunde seiner Erzählkunst.

Man möchte meinen, daß "Das wiedergefundene Antlitz" der genau angemessene "Vorläufer" ist für die späteren, so erschütternden Romane "Das unerreichbare Herz" (1949), "Novè" (1951) und "Das goldene Medaillon" (1953). Die tiefe Erschütterung, die die Novelle beim Leser erzeugt, deutet auf genau denselben Gehalt wie in den drei Romanen, die folgten.

/ Völlig neu bearbeitet und bebildert 
anhand weiterer ausgewerteter Literatur (3-10):
3.9.2026 / 

_________

  1. Springenschmid, Karl: Das wiedergefundene Antlitz. (Verfaßt 1944) Erstveröffentlichung 1955, Arndt-Verlag, Vaterstetten 1971 (124 S.)
  2. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid. Leben, Werke, Fotos, Dokumente. Biographie. H. Weishaupt Verlag, Graz 1987
  3. Reilinger, Henry Scipio: An Unknown Collection of Dürer Drawings. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs, Vol. 50, No. 288, March 1927 (BurlMag)
  4. Winkler, Friedrich (Hrsg.): Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen. Grote, Berlin 1927 [Schriftenreihe "Zeichnungen von Albrecht Dürer in Nachbildungen" 6, begründ. von Friedrich Lippmann]
  5. Mieczysław Gębarowicz: Albrecht Dürers Zeichnungen im Lubomirski-Museum in Lemberg. Hrsg. von M. Gebarowicz und Hans Tietze. A. Schroll & Co., Wien 1929 (WikiC)
  6. Selbstbildnis mit linker Hand und Kissen, 1493, bearb. von Ehrl, Franziska, in: duerer.online. Virtuelles Forschungsnetzwerk Albrecht Dürer, Heidelberg: arthistoricum.net. DOI (abgerufen am 19.08.2026) (UniHeidlbg)
  7. Martin Bailey: Hitler, the prince and the Dürers: The complex story of Lviv's looted Old Master works, 31 March 1995 (TheArtNews1995)
  8. Martin Bailey: The Lviv Dürer story continues. Restitution claims for the Lubomirski and Ossolinski collections are complicated by the history of Lviv’s occupiers, 31 August 1998 (TheArtNews1998)
  9. Martin Bailey: Top Museums Face Claims For Dürers. Jan 08, 2002 (Forbes 2002)
  10. Günther Haase: Kunstraub und Kunstschutz. Band I: Eine Dokumentation. Books on Demand; Auflage: 1 (12. Juni 2008), (568 Seiten) (GB2008)
  11. Stefan Alker, Christina Köstner, Markus Stumpf: Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. V&R Unipress, 1., Aufl., (1. Januar 2008) (GB2008)
  12. Gnauck, Gerhard: Dürer als Beute. Polen kämpft um die Rückgabe von 26 Zeichnungen, die nach dem Krieg in alle Welt verstreut wurden. In: Die Welt 21.03.2002 (Welt2002)
  13. Bading, Ingo: "Das unerreichbare Herz" (1949). Der erste Nachkriegsroman von Karl Springenschmid. Gesellschaftl. Aufbr. jetzt!, 9.9.2014 (GAj2014)
  14. Springenschmid, Karl: "Servus Heiner!" Erinnerungen an Karl Heinrich Waggerl. Rudolf Schneider Verlag, München 1979

1 Kommentar:

Ingo Bading hat gesagt…

Dieser Beitrag ist völlig neu bearbeitet worden anhand weiterer ausgewerteter Literatur (3-10). Dadurch werden die Gesamtzusammenhänge erst richtig deutlich.

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