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Freitag, 1. November 2013

"Das Fremde in mir, in meinem Gesicht"

Sind Kulturunterschiede des Gehens und des In-die-Welt-Sehens angeboren?

Eine 1977 in Daegu in Südkorea geborene, dort von den leiblichen koreanischen Eltern ausgesetzte und von einem dortigen katholischen Waisenheim im siebten oder neunten Lebensmonat in eine deutsche Familie nach Osnabrück abgegebene Frau, ein Adoptivkind, fragt in ihrem 30. Lebensjahr, nachdem sie in ihrem Leben vor allem beruflichem Erfolg hinterher gejagt war, nach Grund, Herkunft und Ziel ihres Lebens.

Abb. 1: Miriam Yung Min Stein - in ihrem Lebensbericht "Black Tie" (2012)

Wir sprechen von der Journalistin, Film- und Theaterproduzentin Miriam Yung Min Stein (geb. 1977) (Wiki) (1-3). Der berufliche Erfolg für sich genommen hat bei ihr nur innere Leere zurückgelassen. Und so fragt sie nach dem Sinn ihres eigenen, ganz persönlichen Lebens. Zum ersten mal stellt sie sich bei diesem Anlaß dem "Fremden" in ihr und in ihrem Gesicht. Diese Frage hatte sie lange verdrängt. Nun stellt sie sich diesem Fremden, sie fragt ihm hinterher.

Sie reist nach Südkorea, nach Daegu. Ihr wird bewußt, daß diese Fragen mit vielen Schmerzen verbunden sind. Als Schlußfolgerung ihrer Auseinandersetzung befürwortet sie es nicht, nämlich das Abgeben und Annehmen von Adoptivkindern von einem Erdteil in einen anderen.

Philipp Rösler auf weiblich und koreanisch, statt männlich und vietnamesisch. Gleich ist auffälligerweise, daß beide durch ein katholisches Waisenheim nach Deutschland abgegeben worden sind in norddeutsche Familien, wo beide Adoptivkinder je auf Adoptiveltern stießen, die schon leibliche Kinder hatten, die nun ihre Geschwister wurden.

Man legt den Bericht von dieser Konfrontation mit dem Fremden in sich, in ihrem Gesicht (1) mit Betroffenheit zur Seite, bzw. sieht sie mit Betroffenheit darüber reden (2). Und man wird sich erst beim Lesen ihres Buches, beim Hören ihres Berichtes bewußt, welche Wohltat es ist zu wissen, woher man kommt, wo die eigene Heimat ist und keinen Zwiespalt in sich zu spüren zwischen dem, was man ist und dem, wie man aussieht.

Ein deutsches Adoptivkind koreanischer Herkunft betreibt Verhaltensforschung und Kulturpsychologie am lebenden Objekt - an sich selbst

Nach dem Lesen ihres Buches kann man sich auch ein Hörinterview mit ihr anhören (Berlin Audiovisuell, Januar 2009). Folgende Sätze in diesem lassen einen besonders aufhorchen und müßten im Grunde jeden klassischen Verhaltensforscher nach der Art eines Irenäus Eibl-Eibesfeld aufhorchen lassen (etwa nach der Hälfte des Interviews):

... Frage: So nach dem Motto, wie viel asiatische Mentalität ist in mir, obwohl ich dort nie war und die Sprache nicht beherrsche?
Antwort von Miriam Stein: Es gibt tatsächlich so körperlich asiatische Dinge an mir, die - da kommt dann die Frage nach der Genetik auf und so weiter - also bestimmte Sachen, motorische Sachen, kulinarische Sachen, die sehr asiatisch sind.
Frage: Ja, man geht anders in Europa?
Antwort: Man geht anders in Asien, würde ich sagen. Aber es kommt auf die Perspektive an. Es fängt ja schon da an, daß im Durchschnitt, durchschnittliche Frauen in Ostasien kleiner sind, überhaupt Menschen sind einfach kleiner, ein bischen schmaler und so weiter. Und mein Bild, das Bild, das ich kenne, sind natürlich große, blonde deutsche Menschen. Und allein das ist natürlich schon extrem anders. Jede Kultur oder jedes soziale Netzwerk hat natürlich seine eigenen Gepflogenheiten, auch aus motorischer Sicht. Sie wissen ja, Deutsche neigen ja eher zur Bodenständigkeit und in Frankreich wird eher getippelt und in Italien wird eher gegockelt. Und so ist es natürlich in Asien auch. Und Ostasien hat halt so eine ganz bestimmte (Art zu gehen), grade bei Frauen so mit dem leicht gesenkten Blick und nach unten mit kleinen komischen Schritten. Und das habe ich tatsächlich immer gehabt. Und ich bin immer ausgelacht worden. Und als ich dort war, habe ich so ehrlich gesagt: na also.

Es wäre noch einmal zu klären, ob diese Beobachtung mit den Forschungen des Soziobiologen Daniel G. Freedman (1927-2008) (Amaz., UChicago) abgeglichen werden können, der Verhaltens- und Motorik-Unterschiede schon bei neugeborenen Babies unterschiedlicher kontinentaler Herkunft festgestellt hat und diese in größere kulturwissenschaftliche Zusammenhänge gestellt hat (6).

In einem anderen Interview fällt der Satz (Brigitte):

Du schreibst, daß du manchmal das Gefühl hattest, im falschen Land zu Hause zu sein.

Sie sagt in diesem Interview auch:

Auf der Reise habe ich gemerkt, daß Korea ein tolles Land ist. Das Fremde in mir, in meinem Gesicht, ist mir quasi vorgestellt worden.

Da redet sie wirklich sehr kraß: "Das Fremde in mir, in meinem Gesicht."

"Ich hatte früher immer Heimweh, ich habe als Baby nachts wahnsinnig viel geweint"

  Und sie sagt:

Ich hatte früher immer Heimweh. Und als Baby habe ich nachts wahnsinnig viel geweint. Das ist hart - auch für die Eltern. Und dann das kulturelle Chaos, das eine Adoption auslösen kann.
Sie sagt über Adoption aus einem anderen Erdteil:
Wenn man einem Kind helfen will, warum nicht im eigenen Land? Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Man muß den Müttern helfen. In Korea wurden über 200.000 Kinder aus dem Land adoptiert. Was hat das für diese 200.000 Frauen bedeutet?
Auf die Frage nach Reaktionen auf ihr Buch sagt sie:
Von jungen Adoptierten habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen. Es gab aber auch ganz böse Reaktionen von Adoptivmüttern, die jetzt noch kleinere Kinder haben. Ich will natürlich niemandem verbieten, Kinder zu adoptieren. Aber die jetzt erwachsenen Adoptierten haben das Recht auf eine kritische Debatte.

Daß in westlichen Gesellschaften noch heute so viele Adoptivkinder aus anderen Erdteilen "importiert" werden, beruht klar auf ideologischen Vorgaben. Auf der Multi-Kulti-Ideologie. Auf der ideologischen Vorgabe, daß die unterschiedliche genetische Herkunft und die unterschiedliche frühkindliche muttersprachliche Prägung weltweit nicht wichtig sind für die Herausbildung der eigenen Identität von Menschen und der von ihnen gebildeten "Vergemeinschaftungen". Es paßt auch nahtlos zu den globalisierenden Doktrinen der katholischen Kirche. Es wird derartiges Adoptieren noch heute richtiggehend beworben, indem bekannte Stars wie Madonna oder Angelina Jolie und Brad Pitt, die das tun, als vorbildlich hingestellt werden.

Miriam Stein spricht von schnulzigen oder schmalzigen Presseberichten über diese - - - "Vorbilder". Aber wer glaubt, daß genetische Herkunft und frühkindliche muttersprachliche Prägung "nicht wichtig" seien, der höre doch einfach einmal nur inzwischen erwachsen gewordenen Adoptivkindern zu. Sie erzählen etwas anderes. Und man bekommt plötzlich Hochachtung vor dieser großen Macht. Der Macht der Gene, der Macht der Herkunft, der Macht der Muttersprache, der Macht der Heimat, der "Macht" des eigenen Volkes. Warum auch wird diese große Macht, diese Größe in unserem Leben fortlaufend kleingeredet, weggeredet? Was ist das Ziel? Was ist die Absicht? All das ist doch etwas durch und durch Natürliches. Hier hat der Mensch Heimat, hier hat er Geborgenheit - alles Größen, nach denen doch moderne Gesellschaften händeringend suchen.

Man möchte fast meinen, daß Miriam Stein ihre Situation mit geradezu deutscher Gründlichkeit analysiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Buchlesern (auf Amazon oder sonst) kann ich am Ende ihres Buches nichts wirklich Versöhnliches finden. In einem nachfolgenden Interview (3) wird Miriam Stein geradezu zu einer Lobpreiserin der multikulturellen Gesellschaft, in der sie nun in Berlin lebt. Oder auch: in die sie sich geflüchtet hat. Dies ist ihre "Heimat". Hier sind die Menschen so "bunt", daß sie mit ihrem typisch asiatischen Aussehen nicht gar so sehr auffällt. Wo sie nicht so auffällt wie sie in den 1980er Jahren in Osnabrück aufgefallen ist. Hier spricht man - im Gegensatz zu Südkorea - eine Sprache, die sie selbst spricht, und in der sie sich selbst sich und anderen erklären kann. Was ihr in Südkorea nicht möglich war. Denn ohne die Sprache zu beherrschen, stand sie dort - obwohl dort alle so aussehen wie sie selbst - außen vor.

Ihr wurde erst in Südkorea bewußt, wie sehr der Mensch durch die Muttersprache zu dem gemacht wird, was er ist und wie sehr ihn die Muttersprache mit anderen Menschen verbindet, bzw. ihn von diesen trennt.

Sind Äußerlichkeiten "nur" Äußerlichkeiten?

Beim Lesen dieses Buches wird einem deutlich: Es ist schon reichlich merkwürdig, daß unsere heutige Kultur, die sonst immer so viel auf "Äußerlichkeiten" wert legt, gerade die "Äußerlichkeiten" der physischen Rasseunterschiede kleinzureden versucht und so tut, als wären sie ganz ohne Bedeutung.

Man frage dann doch einmal, wie es Adoptivkindern damit geht oder gehen kann. 

Miriam Stein hat sich ständig damit auseinanderzusetzen. Wenn man Videos von ihr im Internet sieht (abc), wird einem erst bewußt, wie sehr koreanisch sie aussieht. Wer Koreaner kennt, weiß, daß es auch unter ihnen Menschen gibt, die mehr Europäern ähneln als andere Koreaner. Aber Miriam Yun Min Stein wirkt aus irgendeinem Grund noch koreanischer als viele  Menschen, die in Korea geboren und aufgewachsen sind. Deshalb wird sie diesen Gegensatz und Zwiespalt womöglich noch krasser empfinden als andere. Zumal auch noch einmal die norddeutsche Art, ihr norddeutscher Sprachduktus den Gegensatz zu ihrer Herkunft verstärken, mehr verstärken als dies womöglich ein süddeutscher Dialekt und damit verbundene süddeutsche Art tun würden. (In Süddeutschland findet man ja auch häufiger Menschen, die trotz ihrer Jahrhunderte alten deutschen Herkunft Miriam Stein äußerlich mehr ähneln als in Norddeutschland.)

"Ich bin nicht undankbar, aber: Internationale Hilfe kotzt mich an."

In ihrem Bühnenauftritt "Black Tie" versucht sie, sich ihre Gefühle als neun Monate altes Mädchen klar zu machen, als sie in ihrer deutschen Adoptivfamilie ankommt (Black Tie, 22'00):

Du schaust hinaus und siehst nur Leute, die deutsch aussehen. Du schaust in den Spiegel und schaust anders aus, als du dich fühlst. Du bist nie ganz innen. Und du paßt nie ganz nach außen. Du hörst immer wieder: Dies ist das Beste, was dir passieren konnte. (...) Immer wieder merkst du, daß du den anderen fremd bist, weil du anders aussiehst. Dieses Fremde ist dir selbst aber auch fremd. (...) Du hast keine Ahnung, wie es klang, dort, wo du herkamst. Wie die Straßen klingen und wie die Menschen sprechen. (...) Du hast es mit Systemen zu tun. (...) Du bist eine Versuchsanordnung.

Miriam Yung Min Stein geht so weit zu sagen (Black Tie, 33'20):

Ich bin nicht undankbar, aber: Internationale Hilfe kotzt mich an.

Sollte man nicht auch irgendwann die Schlußfolgerung ziehen und sagen: Ich bin nicht undankbar, aber: Die Geringachtung der demographischen und damit auch kulturellen Erhaltung gewachsener Völker und Kulturen auf der Nordhalbkugel, die mit internationaler Migration in Maßen in Einklang zu bringen wäre, die aber mit Massenmigration wie sie heute stattfindet, nicht mehr in Einklang zu bringen ist - - - kotzt mich an?

Veröffentlichungen und Aktivitäten seit 2022

Ergänzung 20.5.2025: Inzwischen ist Miriam Stein mit weiteren sehr interessanten Veröffentlichungen und Aktivitäten an die Öffentlichkeit getreten (7-10). Im Februar 2024 erschien ein Interview mit ihr in der Zeit, das hinter einer Zahl-Schranke verborgen ist, und von dem folgende Ausschnitte zugänglich sind (8):

Als Baby wurde unsere Autorin in Südkorea ausgesetzt und später in Deutschland adoptiert. Jahrzehntelang kannte sie keine Blutsverwandte. Dann machte sie sich auf die Suche. (...)
Miriam, welches Sternzeichen bist du?
Keine Ahnung.
Wieso das denn nicht?
Weil ich nicht weiß, wann und wo ich geboren wurde.
Waaas? Nicht mal den Tag?
Nope.
Aber ... wie kommt das?
Weil ich aus Südkorea adoptiert bin und weder meine biologischen Eltern noch meinen Geburtsort und Geburtstag, geschweige denn die Uhrzeit kenne.
Gespräche wie dieses führe ich ständig. Wenn es um Sternzeichen geht oder auch wenn mein Gegenüber meinen Namen nicht mit meinem asiatischen Gesicht übereinbringt. Wie eine Superheldin habe ich eine eigene "Origin-Story", die ich dann immer wieder erzähle: Als ich ein paar Wochen alt war, hat meine biologische Mutter mich in der südkoreanischen Stadt Daegu ausgesetzt. Laut den wenigen Papieren, die mit mir aus Südkorea nach Deutschland kamen, wurde ich von einem Polizisten gefunden und ins Waisenhaus gebracht. Offenbar habe ich danach ein paar Monate bei einer nicht näher bekannten Pflegemutter gelebt. Nur die paar nichtssagenden Dokumente sind mir aus diesem kurzen Leben geblieben, außerdem ein Babyfoto und der zweiteilige weiße Schlafanzug mit Bärchen, den ich trug, als ich gefunden wurde.

Auf Instagram kann man inzwischen ihre Vorträge und Veröffentlichungen verfolgen (Insta). Vielleicht kommen wir hier gelegentlich darauf zurück.

_____________________________
  1. Stein, Miriam Yung Min: Berlin - Seoul - Berlin. Fischer-Krüger, Frankfurt/Main 2008 (Amazon)
  2. Helgard Haug; Daniel Wetzel; Co-Author Miriam Yung Min Stein: Black Tie, Rimini Protokoll, Berlin, 12.3.2012; auch: BBAW, Januar 2012
  3. Interview mit Miriam Yung Min Stein. Auf: Berlin Audiovisuell, Januar 2009
  4. Stein, Miriam: Wie die Wilden. Modetrend Ethno-Muster. (Früher trugen sie nur Globetrotter: Kleidung, die aussieht, als hätte sie ein Naturvolk gefertigt. Jetzt ist eine wahre Ethno-Manie in der Mode ausgebrochen, auch Prominente sind dem Trend bereits verfallen. Doch was ist der Unterschied zwischen Ikat, Navajo, afrikanischem Wachsdruck und Aborigine-Print? Eine kleine Musterkunde.) In: Süddeutsche Zeitung, 23.4.2012
  5. Stein, Miriam: Girls am Rande des Zusammenbruchs. (Laut, bunt und niemals erwachsen: Nach den Erfolgen des Korea-Pop wollen nun asiatische Popbands wie Perfume den Westen erobern. Dazu gehören, neben Musik und viel Fashion, Disziplin und harte Arbeit.) In: Süddeutsche Zeitung, 09.08.2013
  6. Freedman, Daniel G.: Human Sociobiology - A Holistic Approach. Free Press 1979
  7. Stein, Miriam: Die gereizte Frau. Was unsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun hat. Goldmann Verlag 2022 (Amaz)
  8. Sawsan Chebli, Miriam Yung Min Stein: Laut. Warum Hate Speech echte Gewalt ist und wie wir sie stoppen können. Goldmann, Frankfurt 2023
  9. Stein, Miriam: Ist da jemand? Adoptivkind auf der Suche nach Blutsverwandten. In: Die Zeit, Nr. 7/2024, 8. Februar 2024 (Zeit2024)
  10. Stein, Miriam: Weise Frauen. Warum unsere Gesellschaft mehr weibliches Wissen braucht – eine Spurensuche. Goldmann Verlag 2024 (Amaz)

Mittwoch, 29. September 2010

Migranten: Rückkehrwilligkeit fördern!

Da man derzeit meint, in Deutschland so viel über die islamischen Migranten reden zu müssen (dieser Blog findet andere Themen sehr viel wichtiger - egal), will dieser Blog einmal auch zu dieser Frage seinen Standpunkt festlegen. Und hier möchte er, wie es scheint, doch noch etwas konkreter werden als sich dies Kirsten Heisig und Thilo Sarrazin "getraut" haben. Wichtiger noch als die Integration der Migranten, die zum Teil so schwierig zu sein scheint, könnte es doch sein, die Rückkehrwilligkeit der Migranten zu fördern. Denn eines ist doch sicher: In der Türkei und den umgebenden Ländern dürfte die "Integration" doch bei weitem nicht so schwer sein wie bei uns.

Sucht man unter entsprechenden Stichworten, findet man auch schon so allerhand Ideen: "Finanzielle Anreize für Rückkehrwillige" auf einer Seite benannt "Migranten-Info.de".

Übrigens, Nebengedanke: Dies könnten auch die Vertreiberstaaten Polen, Rußland, Tschechei gegenüber den Deutschen tun, nämlich die Rückkehrwilligkeit der Deutschen nach Ostpreußen, nach Pommern, Schlesien und dem Sudetenland fördern. Aber das sei nur ein Seitengedanke.

Dänemark, Irland und Spanien haben entsprechende Initiativen ergriffen. Und wir erfahren:
Die Oppositionsparteien übten Kritik an der Maßnahme. Zuwanderern in Dänemark würde signalisiert, sie seien nicht willkommen.
Was für ein Quark. Man kann den Migranten in aller Vernunft sagen, daß die Migrationspolitik der letzten Jahrzehnte deutliche Fehler enthielt, daß es nicht sinnvoll ist, große Bevölkerungsgruppen mit durchschnittlich deutlich niedrigerem Intelligenz-Quotient und einer ganz anderen Herkunft und Kultur in Gesellschaften "integrieren" zu wollen, die einen durchschnittlich deutlich höheren Intelligenz-Quotienten und ganz andere kulturelle Traditionen haben. Und damit Schluß. All das Gejammere und Gejaule der Politisch Korrekten sollte aufhören und ersetzt werden durch sachorientierte Politik Wissenschaftlich Korrekter.

Viel mehr hat dieser Blog zu diesem Thema gar nicht zu sagen. Humanität und wissenschaftliche Korrektheit sind keine sich gegenseitig ausschließende Prinzipien. Im Gegenteil. Als ob Humanität nur durch Politische Korrektheit sichergestellt werden könnte. Was für eine Idiotie. Was für ein Armutszeugnis.

Und wer noch Argumente braucht, der lese einfach "Bowling Alone" von Robert Putnam (Stud. gen., 17.6.2007 , s.a. --> Bücher).

Dienstag, 1. Dezember 2009

Arbeitslosigkeit - ein Grund zum Heulen?

Hartz IV - das Überbleibsel christlicher und materialistischer Wirtschaftsordnung

"Hartzen" ist zum Jugendwort des Jahres 2009 erklärt worden. (Welt) Heinz Buschkowsky, der inzwischen schon fast deutschlandweit bekannt gewordene Bürgermeister des "Berliner Problembezirkes" Neukölln, sagt:
Wenn man Jugendliche fragt, was wollt ihr werden, antworten sie: Ich werde Hartzer.
Unsere Gesellschaft hat - offenbar - ein Problem. Sie kann mit freier Zeit nicht sinnvoll umgehen. Sie hat - immer noch - richtiggehend ein schlechtes Gewissen bezüglich des Umstandes, daß Menschen freie Zeit haben. Insbesondere: "Zu viel" freie Zeit. Es sind - offenbar - die gleichen Probleme, die lebenslange Sklaven haben, wenn sie aus ihrer Sklaverei befreit werden. Mit ihrer Freiheit können sie nichts anfangen. Die äußeren Ketten haben sich längst in innere Ketten umgewandelt.

Warum freuen wir uns nicht darüber, daß wir - endlich - weniger arbeiten müssen und doch eine Wohnung haben und uns satt essen können und uns ausreichend kleiden können und uns vieler sonstiger Annehmlichkeiten einer fortgeschrittenen Gesellschaft erfreuen können? Warum flößen wir uns selbst und anderen dauernd so ein schlechtes Gewissen ein, wenn wir "nur" das sind: Mensch. Woher kommt dieses: "nur"?

Hier steht eine Gesellschaft auf dem Kopf. - Woher kommt das?

Könnte so das Ergebnis einer Jahrtausende langen sozialpsychologischen Dressur in christlicher - das heißt in mittelalterlicher, benediktinischer und in neuzeitlicher, protestantischer - Arbeitsethik aussehen?*) Und haben sich selbst jene von dieser Dressur innerlich noch nicht befreit, die inzwischen schon lange - aber eben vielleicht doch nur äußerlich - zu "Atheisten" geworden sind? Versteht sich: zu materialistischen Atheisten?

Warum freuen wir uns eigentlich nicht über Arbeitslosigkeit? Warum jubeln wir darüber nicht? Warum sehen wir in der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung von "Verdi" --> weinende Menschen, wie man sie bei der Insolvenz eines solchen Arbeitgebers wie "Quelle" fotografieren kann. Zumindest - offenbar - in Nürnberg? Was für eine Sklavensprache spricht aus derartig scheußlichem Weinen? Und aus einer solchen Gewerkschaftszeitung?

Warum diese "Mißtrauensgesellschaft"?

Dabei sind viele Berufe, die bei "Quelle" ausgeübt wurden, nach mehreren offiziellen Gutachten - wie sogar der gleichen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung zu entnehmen ist - gesundheitsschädlich und inhuman. 80 Prozent derjenigen, die sie bislang ausgeübt haben, wollen diese Tätigkeit deshalb auch nicht bis zur Rente fortsetzen. So etwa die Tätigkeit eines "Call Center Agenten" (s. S. 22 der aktuellen Verdi-Zeitung). Sollten es wirklich die vielen Call Center Agenten sein, die bei der Insolvenz von "Quelle" das große Heulen bekommen haben?

Was für eine phantasielose Gesellschaft, die bei der Arbeitslosigkeit anderer Menschen oder bei der eigenen ein schlechtes Gewissen bekommt. Für die Arbeitslosigkeit ein Grund zum Weinen ist. Eine Gesellschaft, die ein schlechtes Gewissen dabei hat, den Menschen ein ordentliches, auch von Bundespräsident Horst Köhler als erwägenswert erachtetes, bedingungsloses Grundeinkommen, ein Erziehungsgehalt - oder auch nur ein Betreuungsgeld - zu zahlen.

Eine Gesellschaft, die als die eigene Handlungsleitlinie und die anderer noch überall die biblische Lohn-Straf-Moral vorauszusetzen scheint: Man tue das Gute nur, wenn man dafür - ordentlich - bezahlt wird, bzw. wenn man ausreichend kontrolliert wird (im Diesseits oder im Jenseits). Und wenn man nicht bezahlt wird, nicht kontrolliert wird, tue man das Gute Bitteschön auch nicht. Man sei doch - Bitteschön - kein "Idiot". Oft "darf" man - nach regulärer Gesetzeslage - Gutes gar nicht tun, ohne sich dafür bezahlen zu lassen. Denn man könnte ja dann Menschen eine Arbeit wegnehmen, die diese nur leisten, wenn sie etwas dafür bekommen. Wie viele Dinge stehen hier denn eigentlich gleichzeitig Kopf? Wieviele menschliche Verbiegungen, Verkrüppelungen verbergen sich denn hinter derartigen Einstellungen?

Ist es vor allem das (altruistische?) Bestrafen, das unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrecht erhält?

Nirgends in der Gesellschaft gibt es Stellen, die andere, lebensfrohere, lebensfröhlichere Einstellung fördern als diese von so typisch christlichem Mißtrauen in die menschliche Natur geleiteten Menschenbilder. Selbst die von zumeist atheistischen Wissenschaftlern angebotene "Evolutionäre Ethik" hat da bislang nur wenig zu bieten. Muß man sich da wundern, daß Mißtrauen und schlechtes Gewissen hochkommen, wenn von Geldleistungen die Rede ist, die "bedingungslos" sind? Und wenn von guten Taten die Rede ist, die "bedingungslos" sind?

Wie soll Vertrauen in die eigene Menschlichkeit und in die anderer entstehen, wenn wir uns ständig gegenseitig weiter im Teufelskreis, im Hexenkessel des Mißtrauens und des Materialismus belauern? Wenn wir uns gegenseitig belagern, begaunern und ausbeuten, da auch der Mißtrauen-geleitete "Third-Party-Punishment"-"Altruismus" die Gesellschaft insgesamt nicht mehr zusammenzuhalten und funktionsfähig zu erhalten scheint? (Zu letzterem siehe frühere Beiträge auf St. gen..)

______________
*) Der römische Historiker des 1. Jahrhunderts n. Ztr., P. C. Tacitus, berichtet in seiner "Germania", daß die Germanen seiner Zeit kein schlechtes Gewissen hatten, wenn sie faulenzend auf ihren Bärenfellen lagen. Die Christianisierung bewirkte hier einen klaren Wertewandel. Aber soll dieser Wertewandel auf dem Gebiet der Arbeitsethik der letzte Wertewandel der Geschichte bleiben? Auch heute?

Freitag, 3. Juli 2009

Deutschland, repräsentiert auf einer Briefmarke

"2000 Jahre Varusschlacht". Eine neue Briefmarke, die das Bundesfinanzministerium herausgebracht hat im Gedenken an die Schlacht bei Kalkriese zwischen Wiehengebirge und "Großem Moor" im Jahre 9. n. Ztr. gegen die römischen Okkupanten.

Dienstag, 26. Mai 2009

Robin Dunbar und "theory of mind"

Man kann den britischen Anthropologen und Soziobiologen Robin Dunbar sehr verehren (oder sagen wir: bewundern). Das wird ja auch deutlich aus so manchen bedeutungsvolleren Beiträgen hier auf dem Blog.

Hier das Video eines Vortrages von ihm - das erste, das offenbar im Netz von ihm zugänglich wird (--->siehe hier, bzw. hier). Thema: "Was macht uns Menschen zu Menschen?"



Grob kann man sagen, daß Dunbar hier die neuesten Forschungen zur "theory of mind" in Beziehung setzt zu seinen bisherigen Forschungen zur "social brain"-Hypothese, also der These, daß das menschliche Gehirn mit der Gruppengröße evoluiert ist und zur Lösung von Problemen im Zusammenleben von immer komplexeren Gruppen.

Insbesondere ab der 20. Minute des Vortrages werden lauter Dinge erörtert, die für den Autor dieser Zeilen noch weitgehend neu sind. An Literatur-Angaben kann man von den Folien aufschnappen und muß man noch weiterverfolgen: Stiller & Dunbar 2007; Dunbar & Shultz in press; Hill & Dunbar 2003; Birch 2007.

Hier ist man dicht an der vordersten Front der Forschung dran. Das Video muß man sich mehrmals ansehen, anhören, wenn man alles verstanden haben will. "Theory of mind" (ToM) heißt (siehe Wikipedia), daß man den psychischen Zustand eines anderen Menschen versteht oder mißversteht (also eine falsche "Theorie" darüber hat).

Kinder müssen es erst nach und nach lernen, die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, daß man selbst oder andere falsche Theorien über den psychischen Zustand anderer Menschen oder über Sachverhalte in der Welt haben kann. Einerseits wäre das Leben sehr schön, andererseits aber vielleicht auch totlangweilig, wenn es diese Möglichkeit des Irrtums nicht gäbe.

Ein sehr spannendes Thema, nämlich daß menschliche Intelligenz mit menschlicher Gruppengröße und mit menschlicher Irrtumsfähigkeit zugleich evoluiert ist. Philosophisch, ja, politikwissenschaftlich voller Implikationen. Aber noch einmal so spannend, weil es Dunbar eben in Beziehung setzt zur Komplexität von menschlichen Sozialbeziehungen auf verschiedenen Ebenen und zum Schaffen menschlicher Kunstwerke (Dichtung, Theater, Religiosität, Wissenschaft), die zugleich als Werkzeuge dienen, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis unter Menschen in Gruppen zu vergrößern oder zu verringern.

Wenn ich glaube, daß Peter Anna falsch versteht, wenn er denkt, Anna hätte was mit Luis, obwohl Luis gar keine Ahnung davon hat, daß Peter solche offenbar falschen Vermutungen hegt, dann glaubt Inge wieder etwas ganz anderes über Anna, Peter und Luis und wir bewegen uns im tief miteinander verflochten Bereich sowohl sozialer Beziehungen, von Gruppenleben und Vertrauensbildung innerhalb der Gruppe, als auch im Bereich von Theorien "of mind", nämlich der dritten und vierten Ordnung. - Und weder Peter, noch Anna, noch Luis, noch Inge müssen recht haben mit dem, was sie über andere - und über sich selbst - denken.

Und da sind dann dem Menschen auch psychische Grenzen gesetzt, wie Dunbar erläutert. Und diese Grenzen strukturieren dann auch die Fähigkeiten des Menschen zum Zusammenleben in Gruppen wie Dunbar zu vermuten scheint. Wissenschaft selbst ist: "theory of mind". Und deshalb - oft - so schwer. Und anspruchsvoll. Und herausfordernd.

Donnerstag, 18. September 2008

"Exzellenz": Muttersprache und emotionale Reaktionen

An der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte, dem neu anvisierten "Harvard" oder "Oxford" der deutschen Wissenschaftsnation, gibt es ein neues "Exzellenz-Cluster", das ganz interessant klingt: "Languages of Emotion" (Hervorhebungen nicht im Original):
Gegenstand des Clusters sind die vielfältigen inneren Zusammenhänge von Sprache und Emotion. Die meistdiskutierten Emotionsmodelle der neueren Psychologie und Neurowissenschaft räumen der Sprache und anderen kulturellen Zeichensystemen keine theoretisch relevante Rolle ein. Umgekehrt sagen die Sprachmodelle der modernen Linguistik wenig oder gar nichts über emotionale Prozesse. Die Theoriebildung in der Folge von Chomskys „Generativer Grammatik“ ist eines von vielen Beispielen für den dominanten Trend, Sprach- und Affekttheorien zu entkoppeln. Ziel des Clusters ist es eben dies zu verändern. (...)
In diesem Cluster gibt es beispielsweise auch die Forschungsgruppe "Mehrsprachigkeit und emotionale Effekte beim Lesen in unterschiedlichen Sprachen". - Da sich menschliche Gruppen vor allem durch unterschiedliche Muttersprachen voneinander unterscheiden, haben wir dieses Thema auf "Studium generale" schon vielfältig angerissen und behandelt. Muttersprache prägt Wahrnehmung und emotionale Reaktionen vielfältig. (Stud. gen. 1, 2, 3, 4, 5) Man darf gespannt sein, was dieses Exzellenz-Cluster nun weiteres Neues darüber herausbringt.

Die "Vereinheitlichung" der emotionalen Reaktionen einer Menschengruppe durch eine gemeinsam gesprochene Sprache, noch dazu eine, auf die man in einer sensiblen Phase irreversibel schon im ersten Lebensjahr ("emotional") geprägt wurde, sollte die Kooperation zwischen den Angehörigen dieser Menschengruppe erleichtern, wodurch sicherlich auch die genetische Einheitlichkeit in der Gruppe herabgesetzt werden kann, ohne daß Altruismus-Potentiale gefährdet wären. Ob dieses Herabsetzen jedoch unbegrenzt möglich ist, darüber weiß man in der Wissenschaft wohl noch recht wenig.

Freitag, 12. September 2008

"FC Baumhopf o4"

"Fußball-Fan? - Was bist Du denn für ein schräger Vogel?"
oder: Gruppenauseinandersetzungen bei Vögeln

(Der Hauptartikel zu diesem Thema hier: Studium generale)

Ameisen und Bienen, Schimpansen, Bonobos, Paviane, Nacktmulle, die afrikanischen Zwergmungos und die israelischen Graudroßlinge - alles Tiere, die in zumeist größeren Gruppen leben, deshalb so mancherlei Ähnlichkeit mit menschlichem Sozialverhalten aufweisen und deren Erforschung deshalb auch schon so manche Neuerkenntnis bezüglich der evolutiven Wurzeln des menschlichen Sozialverhaltens erbracht haben, also das menschliche Selbstbild beeinflußt haben.

Zuletzt waren es die israelischen Graudroßlinge, eine Vogelart, erforscht durch das Ehepaar Amoz Zahavi und Frau, die Anlaß zu einer ganz neuen Theorie in der Verhaltensforschung gegeben haben, nämlich der sogenannten "Handicap-Theorie", auch Signal-Theorie genannt. (Siehe etwa Eckart Voland "Angeber haben mehr vom Leben".) Man kann diese Theorie auch die "Übermut-Theorie" oder die "Halbstarken-Theorie" nennen. Die Graudroßlinge, diese schrillen Vögel, konkurrieren nämlich innerhalb der Gruppe einmal anders herum nicht darum, anderen Gruppenmitgliedern die meiste Nahrung wegzunehmen, sondern darum, ihnen die meiste Nahrung geben zu dürfen. Womit deutlich wird: In der Natur läßt sich nicht leicht alles über einen Kamm scheren.

Die Baumhopfe in den südafrikanischen Wäldern

Nun gerät durch eine neue Studie (Presseerklärung) eine in Gruppen lebende Vogelart ins Blickfeld der Forschung, genannt die Baumhopfe (Phoeniculus purpureus), englisch "Green Woodhoopoe". Sie werden von Andrew Radford von der Universtität Bristol erforscht (siehe Hauptblog und die Abbildungen dieses Beitrages). Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Afrika südlich der Sahara. Sie sind entfernter mit den europäischen Wiedehopfen verwandt. Auf seiner Seite schreibt Andrew Radford, daß er erforscht:

1. wie in Vogelgruppen Entscheidungen getroffen werden (demokratisch oder despotisch),
2. wie Alarmrufe evoluiert sind,
3. welche Funktion Lautäußerungen während der Nahrungssuche haben,
4. soziale Gefiederpflege bei Vögeln entsprechend dem sozialen Fellausen bei Schimpansen, englisch "Allopreening".
Verbreitungsgebiet der Baumhopfe

Diese soziale Gefiederpflege bei Vögeln nun ist im Gegensatz zum Fellausen bei Säugetieren noch kaum erforscht, schreibt Radford:

Allopreening is a widespread phenomenon among birds but, unlike allogrooming in mammals, virtually no detailed studies have investigated its functions. In green woodhoopoes, a group-living African bird species, allopreening appears to serve a dual purpose: allopreening of the head and neck region (inaccessible to the recipient itself) seems to be primarily for hygienic purposes; in contrast, allopreening of the rest of the body may serve a primarily social function. Allopreening of these accessible body parts peaks at certain times of year, is more apparent in larger groups and dominants are the recipients far more than subordinates, which themselves conduct more of the active preening. This suggests that the allopreening acts to enhance social cohesion within the group, rather than to maintain dominance relationships.

Daß die soziale Gefiederpflege häufiger ist, um so größer die Gruppen sind und eher soziale als hygienische Bedeutung hat, erinnert alles sehr deutlich an die "Social Brain"-Thesen von Robin Dunbar, nach der das Fellpflegen die evolutive Wurzel des menschlichen Sprechens, des menschlichen "Klatsches und Tratsches" ist. In welchem Verhältnis die Häufigkeit von sozialer Gefiederpflege zu der Häufigkeit von Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen steht, war bisher noch nicht erforscht worden:

I am currently examining how intragroup allopreening is influenced by intergroup conflict. Although numerous studies have investigated the increase in affiliative behaviour following conflict between group members, virtually none have looked at the importance of conflict between groups, even though these are common in many social species. It appears that intragroup allopreening increases following intergroup conflicts, particularly those that are long in duration or lost, and those involving strange groups as opposed to neighbours. Moreover, not all group members increase their allopreening to the same extent: the postconflict increases are the result of more allopreening of subordinate helpers by the dominant pair. This may be because the dominant pair are trying to encourage the helpers to participate in future intergroup conflicts; they may be trading stress-reducing allopreening for assistance in intergroup conflict.

Die Süddeutsche erläutert das in deutscher Sprache:

Jeweils zwölf Baumhopfe leben in Gruppen zusammen - ein dominantes Brutpaar und mehrere nicht brütende, untergeordnete Vögel, die bei der Aufzucht des Nachwuchses behilflich sind. Während der Kämpfe mit den Rivalen tragen die untergeordneten Baumhopfe mehr zum Erfolg bei als die dominanten.

Daher vermutet der Autor der Studie, Dr. Andy Radford von der University of Bristol, die dominanten Vögel würden ihre untergeordneten Freunde so häufig putzen, um sie für den bevorstehenden Kampf fit zu machen.

Der britische Wissenschaftler zeigt in seiner Studie ebenfalls, dass Baumhopf-Gemeinschaften, die sehr oft mit ihren Nachbarn in Konflikt gerieten, sich öfter gegenseitig putzen würden als friedlichere Gruppen. "Das Putzen vermindert vermutlich den Stress und fördert den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Das ist besonders wichtig nach verlorenen Schlachten", begründet Dr. Andy Radford.

Es wird also deutlich, daß die sich fortpflanzenden Elterntiere der Gruppe ihre "Helfer am Nest" durch Gefiederpflege "bei der Stange halten" und damit den Gruppenzusammenhalt aufrecht erhalten und die Gruppengröße ermöglichen.

Fußball-Fans: "Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen!"

Da ihr Verhalten von Radford so deutlich mit dem von Fußballfans verglichen wurde (siehe Hauptblog) interessieren sich übrigens neuerdings auch diese für die Verhaltensforschung (11freunde.de, Bundesligablog.de). Und sie geben zugleich auch ein schönes Beispiel dafür, wie man mit Forschungsergebnissen umgehen kann, die man sich weder gewünscht hat, und auf die man zunächst auch nicht besonders erfreut reagieren kann:

Wissenschaftler der englischen Universität Bristol wollen herausgefunden haben, dass Baumhopfe einander nach Niederlagen trösten. »Genauso wie Fußballfans sich im Pub bemitleiden, wenn ihre Mannschaft verloren hat, unterstützen sich auch Vögel nach einem Wettkampf mit ihren Rivalen«, erklärte die Universität am Mittwoch. Sie liebkosten und putzten sich gegenseitig (...). Der Anteil der putzenden Baumhopfe sei in den Gruppen am größten, die das stürmischste und konfliktreichste Verhältnis zu ihren Nachbargruppen hätten.

(...) Viele Fans haben (...) nun also auch noch zu ertragen, dass sie sich nur aufgrund des fehlenden Gefieders und der Unfähigkeit zu fliegen von den bizarren Baumhopfen unterscheiden.

Wir wollten das nicht wissen. Beim besten Willen nicht. Aber Forschungsergebnisse flattern einem ja selten auf Bestellung ins Haus. Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen. Denn immerhin: Das Schicksal, einem Vogel ähnlich zu sein, trifft uns alle gleichermaßen. Es macht uns zu Brüdern.

Steh auf, wenn du ein Baumhopf bist!

schreibt Dirk Gieselmann "gefaßt". ;-)

Die Gruppenselektion in der Diskussion

Hier für Interessierte noch die theoretische Einleitung der Studie, die manche weiterführenden Literaturhinweise bietet bezüglich der derzeitigen Debatte um die Gruppenselektion, insbesondere auch die Arbeit von Kern Reeve und Bert Hölldobler von 2007 (pdf. frei verfügbar) über "Superorganismen". Zu dem Thema soll ja bald ein viel erwartetes Buch erscheinen:

In many social species, including humans, conflict between groups (intergroup conflict) is commonplace (Radford 2003; Choi & Bowles 2007; Kitchen & Beehner 2007). For example, group members often produce a combined display (McComb et al. 1994; Radford 2003) or fight alongside one another (Watts & Mitani 2001; Wilson et al. 2001) when defending their territory against rival groups.

Und dann heißt es:

Theoreticians have long suggested that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation or affiliation displayed by its members (Hamilton 1975; Alexander & Borgia 1978). Selection for cooperation should be reduced when intergroup conflict occurs at a low rate relative to conflict between group members (intragroup conflict), and this is true whether groups are composed of relatives (West et al. 2002) or non-relatives (West et al. 2006). Increased intergroup conflict should favour higher levels of cooperation, especially if cohesion between group members is important for success (Reeve & Hölldobler 2007). Despite these clear predictions, empirical investigations of the relationship between intergroup conflict and intragroup affiliative behaviour are rare in non-human animals (for exceptions, see Cheney 1992; Radford 2008).

Die hier unterstellte allgemeine Gültigkeit der theoretischen Grundannahmen wird auf dem Hauptblog von Studium generale etwas in Zweifel gezogen (Stg2018).

Das stellt aber nicht die neue Erkenntnis infrage, daß nicht nur Fußball-Fans so die eine oder andere Eigenschaft eines "schrägen Vogels" haben. Das "Wundenlecken" nach starkem sozialen Engagement ist ein sehr weit und allgemein verbreitetes Phänomen beim Menschen, diesem so durch und durch "sozialen" - oder mitunter auch asozialen - "Wesen".

Freitag, 5. September 2008

Durch Gesang sein Revier verteidigen (II)

(Aktualisierter Artikel, ursprünglich 13. 2. 2007, hier.)

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört.

Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


**********
Aktualisierung - 5.9.2008:

Neues zur Thematik:

"... Als die beiden Ornithologen ein besetztes Revier mit den Klängen eines fremden Pärchens beschallten, reagierten die eigentlichen Inhaber sehr heftig. Auf jeden Gesang der Konkurrenten folgten aufgeregte eigene Lieder: "Ihre Sangesrate schoss durch die Decke. Jede Einspielung wurde zornig beantwortet." Während die Zaunkönige in den 20 Minuten vor den Auftritten der vermeintlichen Invasoren nur durchschnittlich ein Duett anstimmten, schnellte deren Zahl in der gleichen Zeitspanne danach auf knapp sieben in die Höhe. ..."

So reagieren Menschen heute auf Zuwanderer in ihr eigenes Territorium (zumindest in Mitteleuropa) nicht mehr. Sie legen ihnen stattdessen - ganz prosaisch - - - Einbürgerungstests vor.

Nach:
[1] Mennill, D., Vehrencamp, S.: Context-Dependent Functions of Avian Duets Revealed by Microphone-Array Recordings and Multispeaker Playback. In: Current Biology 18, S. 1–6, 2008.
[2] Radford, A.: Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2008.0787, 2008.

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