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Mittwoch, 24. November 2021

Religionsimperialistische Priesterkasten gegeneinander - Der "Exarch von Moskau" in Lemberg (1939 bis 1951)

Das Leben zweier katholisch-orthodoxer Bischöfe, die einer polonisierten ukrainischen Adelsfamilie entstammten, erläutert den Religionsimperialismus christlicher Kirchen gegeneinander, der auch heute die Politik mit bestimmt.

Vor knapp zwei Wochen wiesen wir hier auf dem Blog auf die religionsimperialistischen Bestrebungen und Spannungsverhältnisse zwischen Rußland und "dem Westen" hin, die darin bestehen, daß die ukranisch-orthodoxe Kirche sich der Oberherrschaft des Papstes in Rom unterstellt hat, daß dies aber der Patriarch in Moskau keineswegs getan hat (1).

Diese Machtverhältnisse sind den wenigsten Menschen bewußt. Wie diese aber in der Ukraine gelagert sind, kann auch noch einmal geschichtlich sehr gut an dem Metropoliten von Lemberg Andrej Scheptyzkyj (polnisch Andrzej Szeptycki; 1865-1944) (Wiki) erläutert werden. Scheptyzkyj stammte aus einem  nicht uninteressanten polonisierten ukrainischen Adelsgeschlecht. Sein Amtsbereich, traditionell "Galizien" genannt, gehörte bis 1918 zur österreichisch-ungarischen Monarchie, einem Kernland des Katholizismus. Sein Vater war Abgeordneter des österreichischen Reichsrates. Sein Großvater mütterlicherseits war - interessanterweise - einer der bedeutendsten Komödiendichter Polens.

Dieser Andrej Scheptyzkyj hatte noch zwei weitere Brüder. Das Leben dieser drei Brüder macht mit religionspolitischen, religions- und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen bekannt, deren sich sicherlich nur die wenigsten Menschen bewußt sein werden in der westlichen Welt, selbst wenn sie eine umfangreichere Allgemeinbildung in diesen Bereichen besitzen sollten. Zunächst also zu diesem Lemberger Metropoliten (Wiki):

"Am 22. August 1892 empfing Scheptyzkyj im griechisch-katholischen Ritus die Priesterweihe. Er studierte im Jesuitenseminar von Krakau und promovierte im Jahr 1894 zum Doktor der Theologie. (...) Papst Leo XIII. bestätigte die Ernennung am 19. Februar 1899. (...) Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Metropolit festgenommen und in mehreren Orten der Ukraine und Rußland inhaftiert."

Mehrere, sicherlich nicht uninteressante Angaben. 

1914 /15 - Besetzung Lembergs durch Rußland

Versuchen wir zunächst eine allgemeinere Einordnung: Ende August 1914, zu der Zeit als die Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen siegreich für Deutschland geschlagen wurde, war die österreichisch-ungarische Armee von Lemberg aus in mehreren blutigen Schlachten siegreich gegen Lublin vorgegangen. Auch der Großvater des Autors dieser Zeilen ist damals als 22-Jähriger mit vorgestürmt und hat hundert Kilometer nördlich von Lemberg eine Kriegsverletzung erhalten.*) Wenige Wochen später aber schon wendete sich das Blatt. Österreich erlitt in den Schlachten um Galizien (Wiki) verheerende Niederlagen und mußte den Rückzug antreten. Die Verluste auch unter den österreichischen Kaiserjägern waren verheerend und sollten sich auf den ganzen weiteren Kriegsverlauf für Österreich nachteilig auswirken.

Lemberg war am 2. September von der russischen Armee besetzt worden. Es blieb dann bis zu seiner Rückeroberung durch die Deutschen im Juni 1915 russisches Besatzungsgebiet. Die dann erfolgte Festnahme und Inhaftierung des Metropoliten von Lemberg zeigt womöglich, daß das Russische Kaiserreich schon damals voller Mißtrauen war gegenüber der ukranisch-orthodoxen Kirche und dem römischen Papst, der hinter ihr stand. Natürlich mag die Inhaftierung auch in Zusammenhang mit dem Wissen um die anderen Familienangehörigen des Metropoliten gestanden sein.

Sein zwei Jahre jüngere Bruder Stanislaw (Wiki) war Offizier der k.u.k.-Armee. Er sollte später der "Polnischen Legion" angehören. Nach dem Ersten Weltkrieg war er 1919 auch führender Offizier der polnischen Armee in ihrem Krieg gegen die Rote Armee in Minsk. In den frühen 1920er Jahren gehörte er in Polen der Partei des imperialistischen, deutschfeindlichen Roman Dmowski an.

Abb. 1: Er litt um der imperialistischen Machtgier des Papsts in Rom willen in sowjetischen Gefängnissen: Der Exarch von Rußland Klemens Scheptyzkyj (Wiki)

Als weiterer belastender Umstand für den Metropoliten von Lemberg wird gegolten haben, daß sein drei Jahre jüngerer Bruder Klemens (Klymentij) Scheptyzkyj (1869-1951) (Wiki) (Abb. 1) vor 1914 zweitweise Mönch der Benediktiner in Deutschland gewesen war. Er hat später in der Ukraine eine Funktion ausgeübt, die dem eines deutschen "Abtes" entspricht. 

1915 war Lemberg von den Deutschen wieder erobert worden. Ende 1918 wurde Lemberg von den deutschen Truppen geräumt. Es kam mit Galizien - als "Ostpolen" - an den neu gegründeten Staat Polen.

1939 - "Exarch von Rußland" - Religionspolitischer Ausgriff von Lemberg in Richtung Moskau

Zeitsprung: Im September 1939 wurden Lemberg und Galizien - gemäß den Vereinbarungen des Nichtangriffspaktes mit Deutschland - von der Sowjetunion besetzt. Wir hören nun von einem anderen bemerkenswerten Ereignis: Klemens Scheptyzkyj wurde von seinem Bruder Andrej nominell zum "Exarch von Rußland" (Wiki) ernannt. Ein mehr als auffallender Vorgang.

Ein solcher Exarch müßte seinen Sitz eigentlich in Moskau haben. Er würde dort in Konkurenz stehen zum dortigen russisch-orthodoxen Patriarchen, der sich - bekanntlich - der Oberhoheit des Papstes noch nie unterstellt hat. 

Aber es gab - und gibt - für dieses Amt bis heute keine Organisationstrukturen. Dafür fehlen in Rußland sowohl die Priester wie die ukrainisch-orthodoxen Gläubigen. Sicherlich gibt es weitere Gründe dafür, daß diese Stelle des "Exarchen von Moskau" nach 1951 auch nominell vakant geblieben ist (siehe unten). Sie dürften aber nicht darin liegen, daß die religionsimperialistischen Bestrebungen des Papstes von Rom und der katholischen Kirche etwa seither keine Ansprüche mehr erheben würde auf weltweite Unterordnung christlicher Gläubiger unter den Papst.

1941 - Das Patriarchat von Moskau stellt sich hinter Stalin

Im Juni 1941 wurde Lemberg von den Deutschen besetzt. Der Metropolit von Lemberg unterstützte in den Folgejahren einerseits die Aufstellung einer ukrainischen SS-Divsion, andererseits versuchte er, Judenmorde in der Ukraine zu verhindern. Insbesondere auch sein Bruder Klemens Scheptyzkyj soll in dieser Zeit ukrainischen Juden das Leben gerettet haben.

Als Zeichen seiner Unterstellung unter den Papst in Rom berichtete der Metropolit auch an diesen über die Lage in seinem Bistum und über die wechselnden Stimmungsverhältnisse unter der deutschen Bestatzung.**)

Zur gleichen Zeit stellte sich der damalige Moskauer Patriarch Sergius (gest. 1944) (Wiki) hinter die Kriegsanstrengungen Stalins (Wiki):

Zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 rief Sergius die Gläubigen auf, sich an der Verteidigung des Vaterlandes zu beteiligen. Er bekundete seine Überzeugung eines sowjetischen Sieges. (...) Ende Dezember 1942 rief er die orthodoxen Gläubigen dazu auf, für die Aufstellung einer Panzerkolonne Geld zu spenden. Anfang März 1944 wurde diese Panzerkolonne unter dem historisch beziehungsreichen Namen "Dmitri Donskoi" von Metropolit Nikolai der Roten Armee übergeben.

1943 - Das Patriachat von Moskau wird von Stalin wiederbelebt

Waren es diese Gesten allein, die Stalin am Vormittag des 5. September 1943 dazu veranlaßten, sich mit den drei obersten Metropoliten der russisch-orthodoxen Kirche zu treffen? Jedenfalls: Er (Wiki) ...

versprach einige Konzessionen, um ihre Loyalität und Unterstützung zu erlangen. Zu den Konzessionen gehörte die Wiedereröffnung der Moskauer Theologischen Akademie, die Befreiung von internierten Priestern, die Rückgabe von Kirchenbesitz, einschließlich des berühmten Troice-Sergiev-Klosters. Im Gegenzug stellte die Sowjetregierung die Kirche unter die Kontrolle ihres Geheimdienstes.
and promised some concessions to religion in exchange for their loyalty and assistance. Among the concessions were the permission to open the Moscow Theological Seminary and Academy, the release of imprisoned clerics, the return of some church property, including the famous Troitse-Sergiyeva Lavra. In return, the Soviet government put the Church under the control of its secret services. 

Auf dem englischen Wikipedai heißt es dazu außerdem (Wiki):

Am 4. September 1943 wurden die Metropoliten Sergius (Stragorodsky), Alexius (Simansky) and Nicholas (Yarushevich) von dem Sowjetführer Josef Stalin offiziell anerkannt. Sie erhielten die Erlaubnis, am 8. September 1943 eine Versammlung einzuberufen, die Sergius zum Patriarchen von Moskau und aller Russen wählte. Die Theologische Akademie und ihr Seminar in Moskau, die seit 1918 geschlossen waren, wurden wieder eröffnet.
On September 4, 1943, Metropolitans Sergius (Stragorodsky), Alexius (Simansky) and Nicholas (Yarushevich) were officially received by Soviet leader Joseph Stalin. They received permission to convene a council on September 8, 1943, that elected Sergius Patriarch of Moscow and all Rus'. The Moscow Theological Academy and Seminary which had been closed since 1918 was re-opened.

1944 - Das Patriarchat von Moskau fordert Unterordnung von Lemberg

Mit diesen Vorgängen wird etwas verständlicher, was sich dann anbahnt, nachdem Lemberg im Jahr 1944 von der Roten Armee zurück erobert worden ist. Nachdem der Metropolit selbst im November 1944 gestorben war, galten seinem Bruder Klemens Scheptyzkyj die Maßnahmen des sowjetischen Geheimdienstes (Wiki):

"Mit der Wiederkehr der Sowjets 1944 wurde eine koordinierte Aktion gestartet, um die Kirche (in der Ukraine) zu zerstören und in das Moskauer Patriarchat einzuverleiben. (...) 1947 wurde er (...) in Kiew nach seiner unerschütterlichen Verweigerung, seinen Glauben aufzugeben und dem Moskauer Patriarchat zu dienen, zu acht Jahren Gefängnis verurteilt."

Wiederum ein bemerkenswerter Vorgang. Stalin und sein Geheimdienst stellen sich wahrlich sehr stark auf die Seite des Patriarchen von Moskau. 

Und die Haltung der anderen Seite ist ebenso bemerkenswert: Sich der Oberhoheit des Patriarchen von Moskau zu unterstellen, der ebenso an Jesus Christus und die Bibel glaubt wie er selbst, hieß für Klemens Scheptyzkyj "seinen Glauben aufzugeben". Es werden hier doch überraschend scharfe Gegensätze greifbar, zu denen sich sogar der sowjetische Geheimdienst damals positionierte, und zwar sehr eindeutig. Im Wendejahr 1989 ist diese damalige Haltung des Sowjet-Staates in einem "Times"-Artikel einmal folgendermaßen erläutert worden (5):

Das Sowjetregime hat immer gefügige russisch-geführte orthodoxe und protestantische Kirchen dem Katholizismus gegenüber bevorzugt, die unabhängiger ist und durch einen temperamentvollen Papst in Rom geführt wird.
The Soviet regime has always preferred docile Russian-led Orthodox and Protestant churches to Catholicism, which is more independent and led by a feisty Pope in Rome.

Immer? Nun, man fühlt sich an dieser Stelle auch daran erinnert, daß es von Stalin das Wort gegeben haben soll "Wie viele Divisionen hat der Papst?" Es blieb immer nur ein Gerücht, daß Stalin diese Worte gesprochen haben soll (6, 7). Und zwar sogar eines, das möglicherweise schon vor dem Zweiten Weltkrieg unter westlichen Politikern die Runde gemacht hat, das von ihnen dann aber auch noch in alle möglichen Zusammenhänge gebracht wurde (Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam). Die Verfolgungen der orthodoxen ukrainischen Kirche ab 1944 gibt bezüglich eines solchen ausgesprochenen Satzes ein ganz anderes Bild. Stalin scheint sich des nicht ungefährlichen Einflusses der katholischen Kirche durchaus bewußt gewesen zu sein. Es hieß damals weiter (5):

Unter Stalin kamen alle ukrainisch-katholischen Bischöfe ins Gefängnis und eine verlogene Synode löste Unterordnung (unter den Papst), womit über 4.100 Kirchen an die russische Orthodoxie übergingen. Die Mehrheit der katholischen Priester widersetzten sich der Übernahmen und kamen entweder ins Gefängnis oder tauchten in den Untergrund.
Under Stalin, all Ukrainian Catholic bishops were imprisoned and a fraudulent 1946 synod dissolved their jurisdictions, handing over 4,100 churches to Russian Orthodoxy. The majority of the Catholic priests rejected the takeover and either were arrested or went into hiding.

Wir hören noch mehr darüber auf dem Wikipedia-Artikel zu dem Patriarchen Alexius (Wiki):

Am 2. Februar 1945 wurde Alexius mit Stalins Erlaubnis als gewählter Patriarch von Moskau und ganz Rußland inthronisiert. 1946 führte Alexius die Präsidentschaft über die kontrovers erörterte "Wiedervereinigung" der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, was von vielen als eine Übernahme angesehen wurde, die von der Stalin-Regierung erzwungen wurde. 1946 forderte Patriarch Alexius auch alle Katholiken in der Sowjetunion auf, alle Verbindungen mit dem Papst aufzugeben: "Befreit euch! Ihr müßt die Verbindungen mit dem Vatikan lösen, die euch in den Abgrund des Irrtums, der Dunkelheit und des geistigen Niedergangs schleudern. Beeilt euch, kehrt zu eurer wahren Mutter zurück, der russisch-orthodoxen Kirche!" Papst Pius XII. antwortete: "Wer weiß das nicht, daß der Patriarch Alexius I. jüngst von den dissidenten Bischöfen Rußlands gewählt worden ist und sich offen dazu erhebt und dien Abfall von der katholischen Kirche predigt. In einem Brief, den er jüngst an die Ruthenische Kirche gerichtet hat, einen Brief, der nicht wenig zur Verfolgung beiträgt?" (...) Nach Christopher Andrew und Vasili Mitrokhin waren sowohl der Patriarch Alexius wie der Metropolit Nikolas "vom KGB als Einflußagenten hoch geachtet".
On February 2, 1945, with Stalin's approval, Alexius I was elected Patriarch of Moscow and all of Russia and enthroned on February 4, 1945. In 1946 Alexius I presided over the controversial "re-unification" of the Ukrainian Greek Catholic Church with ROC seen by many as a takeover forced by the Stalinist government.  Also in 1946, Patriarch Alexius called on all Catholics in the Soviet Union to reject all allegiance to the Pope: "Liberate yourself! You must break the Vatican chains, which throw you into the abyss of error, darkness and spiritual decay. Hurry, return to your true mother, the Russian Orthodox Church!" Pope Pius XII replied: "Who does not know, that Patriarch Alexius I recently elected by the dissident bishops of Russia, openly exalts and preaches defection from the Catholic Church. In a letter lately addressed to the Ruthenian Church, a letter, which contributed not a little to the persecution?" (...) According to Christopher Andrew and Vasili Mitrokhin, both Patriarch Alexius and Metropolitan Nicholas "were highly valued by the KGB as agents of influence."

Klemens Scheptyzkyj jedenfalls starb 1951 im Gefängnis. Es ist an dieser Stelle zur Kenntnis zu nehmen, daß das Moskauer Patriarchat in Sowjetzeiten zwischen 1943 und 1959 mit Unterstützung des Staates religionsimperialistisch gegenüber der ukrainischen Kirche aufgetreten ist, dessen religionsimperialistische Ansprüche in Richtung Moskau spätestens seit 1939 bekannt waren (siehe oben). Über das oben erwähnte Troice-Sergiev-Kloster, 70 Kilometer nordöstlich von Moskau lesen wir noch (Wiki):

1946 konnte wieder eingeschränkt das religiöse Leben (...) aufgenommen werden, nachdem Teile der Klosteranlagen der russisch-orthodoxen Kirche zurückgegeben wurden. 1948 nahm die Geistliche Akademie auf dem Klostergelände wieder den Lehrbetrieb auf.

Und wir lesen weiter (Wiki):

Zwischen 1945 und 1959 erreichte die Zahl der wiedereröffneten Kirchen 25.000. Um 1957 waren 22.000 russisch-orthodoxe Kirchen wieder aktive geworden.
Between 1945 and 1959 the number of open churches reached 25,000. By 1957 about 22,000 Russian Orthodox churches had become active.

1959 bis 1989 - Erneute Unterdrückung der russisch-orthodoxen Kirche

Doch zwischen 1958 und 1964 war Nikita Chruschtschow an der Macht. Er hat sich 1959 auf seinem USA-Besuch in Camp David und anderwärts sehr gut mit den dortigen Kapitalisten verstanden, etwa mit Bernard Baruch. Und anläßlich seines Besuches kam es auch zu Absprachen zwischen westlichen und östlichen Geheimdiensten, unter anderem dahingehend, daß der sowjetische Geheimdienst durch Hakenkreuzschmiereien im Westen eine dortige erste Welle der "Vergangenheitsbewältigung" in Gang bringen sollte, um die Wiederbelebung eines deutschen Nationalismus zu verhindern. In seinem Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche sah die von ihm durchgeführte "Entstalinisierung" keineswegs besonders deutlich nach "Entstalinisierung" aus. Wiederum ein Umstand, der wenig bekannt sein dürfte (Wiki):

1959 initiierte Nikita Chruschtschow seine eigene Kampagne gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche und veranlaßte die Schließung von etwa 12.000 Kirchen. Um 1985 waren weniger als 7000 Kirchen aktiv geblieben. Es wird geschätzt, daß bis zum Ende der Chruschtschow-Äre 50.000 Priester exekutiert worden waren. Angehörige der Kirchenhierarchie kamen ins Gefängnis oder wurden ausgewiesen, ihre Stellungen wurden durch gefügigere Priester eingenommen, von denen viele in Beziehungen zum KGB standen.
1959 Nikita Khrushchev initiated his own campaign against the Russian Orthodox Church and forced the closure of about 12,000 churches. By 1985 fewer than 7,000 churches remained active. It is estimated that 50,000 clergy were executed by the end of the Khrushchev era. Members of the church hierarchy were jailed or forced out, their places taken by docile clergy, many of whom had ties with the KGB.

Wendejahr 1989. Die Hoffnungen der katholischen Kirche in Rom fliegen hoch auf, ihren Machtbereich in der Ukraine wieder zu gewinnen. In dem schon zitierten Time-Artikel heißt es (5):

Der Hauptgrund dafür, daß Gorbatschow noch nicht mehr für die ukranischen Katholiken getan hat, war der Druck der russischen Orthodoxie, die in einigen Regionen damit rechnen muß, die Hälfte ihrer Herde zu verlieren.
The major reason that Gorbachev has not done more for the Ukrainian Catholics has been pressure from the Russian Orthodoxy, which stands to lose half its flock in some regions.

Ja, sogar die Hoffnungen auf Wiedervereinigung er Ostkirche mit der Westkirche flogen damals hoch auf in Rom (5). Es wurde auch eine zweite Rechristianisierung in der vormaligen Sowjetunion vorausgesehen (5).

1989 - Der Jesuit Otto Messmer in Gottesdiensten bei den Rußlanddeutschen

In diesem Umbruchjahr 1989 entstand auch eine Fernsehdokumentation über jenen damals 28-jährigen Jesuiten Otto Messmer SJ, der dann 2008 in Moskau ermordet worden ist, ein Ereignis, auf das wir in einem älteren Blog ausführlich eingegangen waren (3). Einige Ausführungen, die wir als Aktulisierung in den früheren Blogartikel mit hinein genommen haben, können auch noch einmal in diesen aktuelleren Blogartikel aufgenommen werden.

Abb. 2: Szene aus der Dokumentation von 1989 mit Otto Messmer SJ während eines Gottesdienstes für Litauer (4)

Seit Jahrzehnten betreibt die katholische Kirche eine sogenannte "Ostpriesterhilfe". Bei dieser geht es letztlich um die eben schon erwähnte zweite Rekatholisierung Rußlands und anderer osteuropäischer Länder. Diese "Ostpriesterhilfe" betreibt neuerdings auch einen reich bestückten Youtube-Kanal. Und auf diesem findet sich seit 2020 eine Film-Dokumentation aus dem Jahr 1989, in der ab Minute 21'54 über die seelsorgerische Arbeit des im Jahr 1989 28-jährigen Jesuiten Otto Messmer in verschiedenen katholischen Gemeinden in Rußland berichtet wird. Einleitend heißt es dazu in ihr (4):

Es gibt wenige so glaubensstarke Familien wie die Messmers. Von den neun Kindern der Witwe sind fünf Söhne Priester geworden.

Von diesen fünf katholischen Priestern sind drei Jesuiten geworden. Otto Messmer nimmt in den Filmsequenzen die Beichte ab, er segnet, er verteilt Oblaten. Die unterwürfigen Blicke, mit denen die Gläubigen der von Messmer betreuten Gemeinden auf ihn blicken, sein "hoheitsvolles" Gebaren, sein arroganter, verachtender Blick, all das läßt einen mehr als befremdlichen, ja, beklemmenden Eindruck zurück (Abb. 2).

Solch ein beklemmendes kirchliches Leben hat es in Europa oft noch bis lange nach 1945 gegeben. Und wer weiß, ob das nicht auch heute noch vergleichsweise weit verbreitet ist. Trotz all der "Querelen", die die Öffentlichkeit der westlichen Welt mit dern Kirchen hat, insbesondere mit der katholischen. In einem Nachruf auf Nikolaus Messmer, einen der Brüder von Otto Messmer, wird 2016 aus dem Nachruf auf Otto Messmer in der Jesuiten-Zeitschrift "Weltweit - Das Magazin der Jesuitenmission" aus dem Jahr 2006 zitiert (pdf; sowie: Katholisches 7/2016):

Seine Eltern sind ein Zeugnis dafür, wie Rußlanddeutsche unter den Sowjets im Untergrund an ihrem Glauben festhielten und ihn an ihre Kinder weitergaben. Die Eltern stammen aus Speyer bzw. Kandel im Schwarzmeergebiet und wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem sogenannten Warthegau wieder in die Sowjetunion deportiert. Es gelang ihnen, sich bis nach Karaganda durchzuschlagen, dem Zentrum der katholischen Untergrundkirche. Dort wurden Otto und auch alle seine 5 Brüder und 3 Schwestern geboren. Geprägt wurde Otto durch den litauischen Jesuitenpater Albinas, der nach seiner Zeit im Gefängnis in Sibirien von 1975 an auch in Karaganda wirkte. Pater Albinas gründete das Noviziat im Untergrund, in das auch Otto eintrat.

Das sind also jene Katholiken, denen Klemens (Klymentij) Scheptyzkyj (1869-1951) (Wiki) seit 1939 "Exarch von Rußland" hätte sein können - wenn er denn hätte können und wenn die Übertritte von Priestern von der katholischen Kirche zur ukrainisch-orthodoxen Kirche ebenso leicht möglich gemacht worden wären wie sie in der Familie Scheptyzkyj gelebt worden sind.

Der hier erwähnte Pater Albinas äußert sich auf Youtube übrigens ebenfalls kurz über das Gemeindeleben in Karaganda (Yt). Sein Wirken wird auf Wikipedia herausgestellt (Wiki). Soweit dazu.

Bezeichnenderweise heißt der Kanal von "Kirche in Not / Ostpriesterhilfe" heute immer noch "Kirche in Not" statt "Kinder in Not" .... Man findet da ganz aktuelle Videos mit so bigotten und glaubenskämpferischen Titeln wie:

  • "Chinas Katholiken - Avantgarde des neuen China?"
  • "Die Ukraine, eine Hochburg der Ökumene" (in drei Teilen) ("Ökumene" also wie sie vom Papst immer schon relgionsimperialistisch verstanden wurde ....)
  • "Verfolgung zu erleiden, ist ein Privileg"
  • "Politischer Machtkampf oder religiöser Eifer" (keine Analyse von Katholizismus, sondern vom Islam)
  • "Weißrußland: Same unter den Dornen"
  • "Neue Wege der Evangelisierung" (sprich der Mission, Gegenreformation und Geistesknechtung)
  • "Kirchenkrise und kein Ende - Laufende Medienkampagnen gegen die Kirche"
  • "Der Zölibat, kein Joch, sondern ein Geschenk"

Allein diese wenigen Titel zeigen, auf was für eine fremdartige und befremdliche Geisteswelt man hier stößt. Sogar die alte Christa Meves kommt auf dem Kanal mehrfach zu Wort, der vormalige Geheimkatholik Klaus Berger, der Vorstreiter kinderreicher Familien Jürgen Liminski. All das kann man nur mit großer Beklemmung zur Kenntnis nehmen.

Klaus Mertes, dessen glaubenskämpferische Stellungnahme zum Mord an Otto Messmer im Jahr 2008 so bemerkenswert schien (3), ist im Jahr 2021 übrigens Superior des Ignatiushauses in Berlin geworden. Er kehrte also dorthin zurück, wo er schon vormals auf "Vorposten" stand im katholischen Kampf gegen russischen Atheismus und russische Orthodoxie in Osteuropa. Und ausgerechnet dort im Ignatiushaus ist der "Jesuiten-Flüchtlingsdienst" (Wiki) angesiedelt. Was einen auf den Gedanken bringen könnte, daß sogar ein wahrer Kern in den Behauptungen Rußlands und Weißrußlands stecken könnte, die Migrationskrise in Weißrußland wäre vom Westen aus eingefädelt worden.
 
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*) Dieser Großvater war ein Salzburger, der am 28. August 1914 hundert Kilometer nördlich von Lemberg in zu jenem Zeitpunkt für die k.u.k.-Armee noch siegreichen aber verlustreichen Kämpfen bei Tomaszow als 22-jähriger Gefreiter eine schwere Fußverletzung erlitt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er durch die Schwere der dortigen Kämpfe auch traumatisiert worden (St.Nat. 2014).
**) Noch weitere Einzelheiten: In der Ukraine wurde der Einmarsch der Deutschen und die Befreiung vom Kommunismus zunächst weithin als große Erleichterung empfunden. Vor allem auch angefeuert durch den Metropoliten von Lemberg gründeten die ukranisch-nationalistischen Kreise rund um Stefan Bandera (1909-1959) (Wiki) einen unabhängigen ukranischen Staat (2):

Der Segen und die Zustimmung des Metropoliten waren für die Befürworter und Drahtzieher der damaligen Ereignisse von "überragender politischer und moralischer Bedeutung". Sie galten für sie retrospektiv als eine Art Legitimation  ihrer  Handlungen  und  als  Bestätigung der Richtigkeit dieses Schrittes.

Diese Aussage wird von Historikern dahingehend eingeschränkt, als darauf hingewiesen wird, daß der Metropolit von Lemberg die heidnischen Tendenzen der Bandera-Bewegung zugleich auch kritisch gesehen hat (2). Also eine ähnliche Einstellung wie sie die katholische Kirche auch sonst gegenüber dem Dritten Reich zeigte. Die Staatsgründung durch die ukranischen Nationalisten wurde durch die deutsche Reichsregierung wieder aufgehoben. Über den Metropolit Andrej Scheptyzkyj ist dann zu erfahren (2):

Etwa  acht  Monate  nach  dem  Beginn  (...) der  deutschen  Besatzung  Galiziens  begann  sich  bei  Sheptytskyj  eine  Wende  in seiner Einstellung zum deutschen Regime und dessen Politik zu vollziehen. (...) Spätestens im Februar-März 1942 verschwindet in Sheptytskyjs Schreiben der anfängliche Optimismus allmählich. Exemplarisch für diese Stimmungs-Änderung ist die bittere Feststellung Sheptytskyjs im Brief an Pius XII. vom 28. März 1942: Als irreführend bezeichnete er in  dem Schreiben, daß die  Deutschen vorgetäuscht hätten, die Ukrainer seien ihre „Freunde“ und „Verbündete“. Er behauptete, bereits wenige Wochen nach dem Beginn der deutschen Besatzung erkannt zu haben und sich seitdem „hunderte Male“ überzeugt zu haben, daß alles gelogen wäre.

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  1. Bading, Ingo: Warum zündelt Weißrußland mit einer "Migrationskrise"? 15.11.2021, https://studgenpol.blogspot.com/2021/11/ruland-in-seinem-spannungsverhaltnis.html
  2. Andriy Mykhaleyko: Metropolit Andrey Graf Sheptytskyj und das NS-Regime. Zwischen christlichem Ideal und politischer Realität. Brill, Schöningh, 22 Nov 2019, https://www.schoeningh.de/view/title/55672
  3. Bading, Ingo: 2008 in Moskau brutal ermordet - Der oberste Jesuit Rußlands, 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/03/ermordet-im-kampf-fur-den-rechten.html  
  4. Gyöngyössiy, Imre u.a.: Katholiken in Sowjet-Mittelasien. Kirche in Not / Ostpriesterhilfe in Zusammenarbeit mit der Satellit-Film GmbH 1989 [auf Youtube seit 2020], https://youtu.be/e36jLnt3mKM.  
  5. Ostling, Richard N.: Cross Meets Kremlin Sunday. Gorbachev's historic visit to Pope John Paul II seals a truce after 72 years of bitter spiritual warfare, Time, 4.12.1989, http://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,959164,00.html, (auch: Archive) 
  6. Tréguer, Pascal: History of the phrase "How many divisions has the Pope?", https://wordhistories.net/2019/08/23/how-many-divisions-pope/
  7. Foreign Relations of the United States. The Conference of Berlin. (The Potsdam Conference) 1945. Volume II, Washington 1960, (G-Bücher), S. 252

Montag, 15. November 2021

Warum zündelt Weißrußland mit einer "Migrationskrise"?

Gas abstellen oder Migranten schicken, was ist besser?
- Weißrußland und Rußland in ihrem Spannungsverhältnis zum Westen

Seit Juli 2021 geschehen rund um Weißrußland merkwürdige Dinge. Sie werden mit dem Begriff "Migrationskrise" benannt (Wiki). Nachdem die Europäische Union durch Sanktionen politischen Druck auf Weißrußland aufgebaut hat, sammelt der weißrussische Diktator Aljaksandr Lukaschenka migrationswillige Menschen aus vielen muslimischen Ländern, läßt sie nach Minsk fliegen, läßt sie an die Grenzen von Lettland, Litauen und Polen fahren und läßt ihnen dort Anweisungen geben, wie sie illegal die Grenze nach Westen übertreten können, um nach Deutschland gelangen zu können.

Abb. 1: Typischer russischer Gefängnisbau wie solche Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet wurden und heute immer noch benutzt werden - Hier das Gefängnis in Daugavpils (/Dünaburg) in Estland (Wiki) - Ein ähnliches Gebäude befindet sich in Pskov (/Pleskau)

Anders als im Jahr 2015 reagiert die deutsche Regierung darauf bislang aber mit einer festen Haltung. Sie verbietet allen Fluggesellschaften, bei denen sie das kann, das Fliegen nach Weißrußland und stärkt Polen, Litauen und Lettland auch sonst den Rücken was ihre Grenzschutzmaßnahmen betrifft. Zu gleicher Zeit wird dem weißrussischen Diktator von Putin her der Rücken gestärkt.

In welche größeren politischen Zusammenhänge ordnet sich dieses Geschehen ein? Die politischen, militärischen und neuerdings "migrationspolitischen" Drohgebärden Rußlands und Weißrußlands gegen den Westen - wie umgekehrt Drohgebärden der NATO gegen Rußland und Weißrußland - können in vielen Aspekten auf einer tieferen Ebene beschrieben werden als Drohgebärden des Patriarchen von Moskau, dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, der sich weigert, sich der machtgierigen Oberherrschaft des Papstes in Rom zu unterwerfen (1).

Diese Unterwerfung unter den Papst in Rom hat der Patriarch von Kiew schon vor Jahrhunderten vollzogen. Wenn man deshalb die Presseberichterstattung über den Ukraine-Konflikt - und jetzt über den Weißrußland-Konflikt - aus katholischer (haha: "ökomenischer") Sicht mitverfolgt, wird man immer wieder sehen, daß man hier als einen der eigentlichen Gegenspieler den Patriarchen von Moskau ansieht, der sich weigert, sich der Oberherrschaft des Papstes zu unterwerfen, ja, der sogar allen Missionsbestrebungen des Jesuitenordens außerordentlich feindselig gegenüber steht, jenes uralten Missionsorsdens, der - merkwürdig genug - ausgerechnet in Weißrußland und Rußland neuerdings wieder auf "Seelenfang" geht (1).

Als Rußland die Krim besetzte, war eine der ersten und wichtigsten Handlungen, die vollzogen wurden, daß alle orthodoxen Kirchen auf der Krim dem Patriarchen von Moskau unterstellt wurden, nicht mehr dem Patriarchen von Kiew. Das, was wir hier vor uns sehen, ist auf tieferer Ebene eine Fortsetzung von 2000 Jahren Religionskrieg zwischen christlichen Sekten.

Brutaler Mord in Moskau (2008)

Ein Schlüsselereignis zum Verstehen dieser Zusammenhänge war die brutale Ermordung des obersten Jesuiten Rußlands im Jahr 2008 in Moskau, nachdem er von einem Deutschlandbesuch nach Hause gekommen war (1). Die Stellungnahmen des Jesuitenordens zu diesem Geschehen waren damals eindeutig und scharf kämpferisch (1). Selbst von Seiten solcher Jesuiten, die sich zu gleicher Zeit im Zusammenhang mit der Aufklärung der Pädokriminalität in dieser Sekte so außerordentlich "verständnisvoll" und als "Versöhner" präsentierten.

Einen anderen Zusammenhang, den es hierbei zu verstehen gilt, ist das rechtskonservative sogenannte "Dugin-Netzwerk", das russische Okkultgläubige, die in sehr gutem Verhältnis zum Patriarchen von Moskau stehen, mit Hilfe von Rechtskonservativen in ganz Europa gespannt haben (2). Sein Wirken kann in vielen Bereichen beobachtet werden. Es wird von Seiten des russischen Staates aus gefördert. (Um hier nur einige Namen zu nennen: Alain de Benoist, Jürgen Elsässer, RussiaToday uvam..)

Die Rivalität, die hier zwischen zwei oder drei okkulten, monotheistischen "Großmächten" im Hintergrund besteht, wirkt sich dahin gehend aus, daß sich Rußland und Weißrußland von der NATO und von inneren Oppositionsbewegungen aufs Schärfste bedroht fühlen, daß sich aber andererseits die unabhängig gewordenen Nachbarländer Rußlands - oder jene, die einstmals versuchten, unabhängig zu werden (insbesondere Tschetschenien) - in umfangreichstem Maße von Rußland bedroht fühlen. Ebenso natürlich die innereren Oppositionsbewegungen in Rußland und Weißrußland. Es sind das sehr, sehr viele Völker und Staaten im Randbereich des heutigen Rußland, allen voran einstmals die Tschetschenen, an denen ein abschreckendes Beispiel vollzogen wurde, die Ukraine, schließlich aber auch Litauen, Lettland und Estland.

Alle diese Länder und Völker - Weißrußland und Rußland eingeschlossen - sind Spielbälle der genannten monotheistischen Mächte im Hintergrund. Um die Interessen der Völker geht es dabei schon lange nicht mehr. Weder im Westen noch in Rußland.

Ein versöhnungswilliger Metropolit in Minsk tritt zurück (2020)

In diese Zusammenhänge ordnen sich nun auch nahtlos die Vorgänge in der Russisch-Orthodoxen Kirche von Weißrußland ein. Dem Patriarchen von Moskau ist ja auch der Metropolit von Minsk (in Weißrußland) unterstellt. Der dortige Metrolpolit Pawel Ponomarjow (Wiki) hat im August 2020 - nach neunjähriger Amtszeit - sehr überraschend seinen Rücktritt erklärt. Ihm wurde ein Amtsbereich im Osten Rußlands - am Kuban - angewiesen. Das dürfte weit weg sein von allzu tagesaktuellen politischen Spannungszonen. Als sein Nachfolger wurde der Metropolit Veniamin (Tupeko), der erste Metropolit, der selbst aus Weißrußland stammte, ernannt. Veniamin, so wird berichtet (G2W 9/2020),

verfüge über ein strikt kanonisches Kirchenbewußtsein und sei ein klarer Gegner autokephaler Strömungen.

Mit "autokephale Strömungen" sind Strömungen gemeint, die von einer klaren Unterordnung unter den Patriarchen von Moskau hinweg gravitieren. Das heißt also, der neue Metropolit verfügt über ein klares Bewußtsein darüber, daß er dem Patriarchen von Moskau restlosen Gehorsam und restlose Unterordnung schuldigt ist. Dieses Bewußtsein scheint sein Amtsvorgänger nicht wirklich verinnerlicht gehabt zu haben, so hört man es aus diesen Zeilen heraus.

Womöglich bestand Sorge, daß Weißrußland aus dem Machtbereich des Patriarchen von Moskau heraus gebrochen werden könnte so wie das mit der Ukraine schon vor Jahrhunderten geschehen ist. 

Im Briefwechsel mit einem weißrussischen, sich als sehr russisch-orthodox-gläubig darstellenden Oppositions-Politiker stellte sich der Metropolit Veniamin dementsprechend im Mai 2021 auch konsequent auf die Seite der derzeitigen weißrussischen Regierung (Noek 5/2021). Diese Vorgänge machen deutlich, daß der Patriarch von Moskau nicht gewillt ist, den imperialistischen Machtbestrebungen der Jesuiten, nämlich mit Weißrußland - über die dortige Oppositionsbewegung - eine wichtige Machtbastion aus dem Machtbereich des Patriarchen von Moskau heraus zu brechen, auch nur einen Fußbreit Raum zu geben.

Wir werden nicht falsch gehen mit der Annahme, daß mit solchen Hintergründen die skurilen Drohgebärden der heutigen weißrussischen Regierung gegenüber dem Westen am besten erklärt sind. Natürlich könnte man dazu in der katholischen und (sogenannten "ökomenischen") Presse noch sehr viel mehr Anhaltspunkte sammeln. (Wenn das Prinzip verstanden ist, werden die Dinge ja selbsterklärend und ordnen sich nahtlos zu. Monotheistische Priesterkasten funktionieren leicht durchschaubar.)

Wie also schon einleitend gesagt, zündelt die weißrussische Regierung an ihrer Grenze zu Polen (Wiki) und an ihrer Grenze zu Lettland (Wiki) mit einer außerordentlich skurilen "Migrationskrise", die vielleicht wieder einmal zeigt, wie hilftlos sie sich gegenüber den Sanktionen des Westens und gegenüber der Oppositionsbewegung im eigenen Land fühlt (Wiki).

"Grenzsicherheitszonen"

Daß die Länder Rußland und Weißrußland und ihre Nachbarländer Lettland, Litauen und Polen schon seit vielen Jahren viel weniger leichtfertig mit unerlaubten Grenzübertritten umgehen als Deutschland oder andere europäische Staaten (insbesondere 2015 und danach), ist bei den geschilderten Spannungsverhältnissen nachvollziehbar. Rußland fühlt sich von der NATO bedroht und glaubt deshalb, in vielen Grenzregionen erhöhte Alarmbereitschaft aufrecht erhalten zu müssen. Zur Russischen Föderation steht deshalb derzeit in den Reise- und Sicherheitshinweisen des deutschen Auswärtigen Amtes, daß von Reisen in die Grenzgebiete zur Ukraine, auf die Halbinsel Krim und in die Nordkaukasus-Gebiete ganz abgeraten wird. Zu den "übrigen Landesteilen" heißt es weiter (3):

Es gibt insbesondere in grenznahen Gebieten weiterhin Zonen, die nur mit Zutrittserlaubnis bereist werden dürfen. Sowohl zu Belarus, Polen als auch Litauen gibt es viele Bereiche der "grünen" Grenze, an denen Grenzübertritte einfach, aber illegal sind.

Das ist vermutlich zu harmlos ausgedrückt. Ein Grenzübertritt ist in diesen Bereichen nicht nur "einfach", sondern kann auch mit sechs Monaten bis sechs Jahren Haft in einem russischen Gefängnis bestraft werden (zumindest wenn man nicht von einem weißrussischen Diktator zuvor für einen solchen Grenzübertritt eingeflogen worden ist). Deshalb gilt zum Beispiel: Die Grenze zwischen Lettland und Rußland (Wiki, engl) ...

... darf nur an ausgewählten Grenzübergangsstationen überschritten werden. Für das Betreten grenznaher Bereiche des dortigen russischen Staatsterritoriums bedarf es einer Sondergenehmigung des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Zudem hat Rußland schon in früheren Jahren versucht, mit Grenzzwischenfällen an den Grenzen zu seinen Nachbarn seine Nachbarn einzuschüchtern. Solche Grenzzwischenfälle werden von der NATO als Drohgesten verstanden. Die jetzige Migrationskrise rund um Weißrußland dürfte da nur der letzte Höhepunkt sein.

Grenzzwischenfall 2014

Als Beispiel sei ein Zwischenfall genannt an der estnisch-russischen Grenze im Jahr 2014 und eine darauf folgende Gerichtsverhandlung in Pskov (Pleskau) gegen einen darin involvierten Mitarbeiter des estnischen Geheimdienstes. Sein Name: Eston Kohver (geb. 1971) (Wiki) (4, 5). Dazu ist zu lesen (Alamy):

Ein Standbild aus einem Videomaterial zeigt den estnischen Polizeibeamten Eston Kohver in einem Käfig der Angeklagten während einer Gerichtsverhandlung in Pskov, Rußland, am 2. Juni 2015. Der estnische Polizist Kohver, der (...) von Rußland bei einer grenzüberschreitenden Razzia entführt wurde, wurde am 19. August 2015 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, was die Spannungen zwischen Moskau und der ehemaligen Sowjetrepublik weiter schürte.

Lettland grenzt über seine gesamte gemeinsame Landesgrenze mit Rußland hinweg an den Oblast Pskov (Pleskau) (Wiki). Auf dem englischen Wikipedia steht zu diesem Oblast Pskov (Wiki):

Es gibt Gebiete nahe der estonisch-russischen und lettisch-russischen Grenze, die in eine Grenzsicherheitszone eingeschlossen sind, die dazu dienen soll, die Grenzen der Russischen Föderation vor unerwünschten Aktivitäten zu schützen. Keine der Städte oder stadtähnlichen Siedlungen sind gegenwärtig in diese Grenzsicherheitszone mit eingeschlossen. Um diese Zone zu besuchen, ist eine Erlaubnis der örtlichen FSB-Abteilung notwendig.
The areas close to Estonian-Russian and Latvian-Russian border are included into the border security zone, intended to protect the borders of Russian Federation from unwanted activity. None of towns or urban-type settlements is currently included in the border security zone. In order to visit the zone, a permit issued by the local FSB department is required.

Soweit die Rechtslage, die man um so genauer in Rechenschaft ziehen sollte, wenn man zusätzlich noch einen Blick in die Verhältnisse des russischen Justiz- und Haftsystems wirft.

Justizsystem und Gefängnisse in Rußland

Über das Justizsystem Rußlands wird weltweit immer wieder negativ berichtet (6-8). Man liest etwa (6):

Nur selten endet ein Verfahren mit einem Freispruch. Im Jahr 2019 gab es insgesamt 2.256 Freisprüche (0,36 Prozent), 2018 waren es 2.083 (0,3 Prozent), 2017 2.233 (0,3 Prozent), in den Jahren davor war die Zahl der Freisprüche nicht beachtenswert höher. Seither sinkt nicht nur die Zahl der Freisprüche konstant, auch das Vertrauen in die Gerichte geht zurück: Richter:innen seien parteiisch, Behörden legen das Gesetz zu ihren Gunsten aus, die Eliten stellen sich über das Gesetz.

Oder (7):

Was sich in den letzten 20 Jahren allerdings nur wenig verändert hat, sind die Haftbedingungen. Heute gibt der russische Staat täglich nur etwas mehr als umgerechnet zwei Euro pro Gefangenen aus. Ein Haftplatz in Deutschland kostet rund das 60-fache. Abgesehen von oft katastrophalen Haftbedingungen müssen sich die Gefangenen in Russland auch besonderen Knast-Gesetzmäßigkeiten unterwerfen: Erniedrigungen und Folter seitens der Justizmitarbeiter oder Mitinsassen gehören dort faktisch zur Tagesordnung. Zwar gibt es bestimmte Ausnahmen, wie sie die Leiterin der Gefangenen-Hilfsorganisation Rus Sidjaschtschaja Olga Romanowa beschreibt, insgesamt sei das russische Gefängniswesen aber systematisch darauf ausgerichtet, Menschen zu brechen.

Wortereich forderte der Staatspräsident Putin in Ansprachen Reformen des Jusitzsystems, scheint aber bislang nicht sonderlich viel damit erreicht zu haben. So wurde 2014 in der russischen Presse berichtet (übersetzt mit Google Übersetzer):

In den Gefängnissen der Region Pskow wurden die Rechte der Gefangenen verletzt. Wie "AiF-Pskov" im Pressedienst der regionalen Staatsanwaltschaft berichtet, wurde nach den Ergebnissen der Inspektion festgestellt, daß in allen Justizvollzugsanstalten der Region nicht immer die notwendigen materiellen und Lebensbedingungen für Sträflinge geschaffen sind. Insbesondere Bürger, die zur Verbüßung ihrer Strafe eingereist sind, erhalten nicht die volle Kleiderzulage. Gleichzeitig kauft die Verwaltung der Kolonien nicht die notwendigen Dinge. Die Staatsanwaltschaft hat Anträge an die Leitung der Justizvollzugsanstalten eingereicht, die geprüft werden.

Bevor man Länder wie Rußland oder Weißrußland bereist, sollte man sich deshalb kundig machen über die Gesetzeslage in diesen Ländern und tunlichst nicht gegen die Gesetze dieser Länder verstoßen.

Ausländische Beobachter unerwünscht

Vielleicht besucht man zum Beispiel den Sebescher Nationalpark (Wiki), der im Dreiländereck von Lettland, Rußland und Weißrußland liegt, besser in anderen Jahren als ausgerechnet in diesem spannungsvollen Jahr 2021 (Wiki):

Die Regierung von Lettland rief am 10. August 2021 einen dreimonatigen Notstand aus, nachdem immer mehr Migranten über Belarus versucht haben, die Grenze zu passieren. Bis zum 8. September 2021 wurden 1.005 Fälle von versuchten illegalen Grenzübertritten registriert.

Man sollte auch beachten, daß die Inlandsgeheimdienste Rußlands und Weißrußlands bestimmt nicht besonders gerne die Anwesenheit ausländischer Beobachter tolerieren, wenn sie - in ihren "Grenzsicherheitszonen" - mit Migrationskrisen zündeln.

Wie übrigens der gewitzte Putin sich bei dieser Sache heraus redet, kann man auf Russia Today nachlesen (9). Er, der seit 2015 den Westen verhöhnt darüber wie dieser mit der damaligen Migrationskrise umgegangen ist, zeigt nun vor allem Mitgefühl für die Migranten in Weißrußland. Und als Schleuser wäre ja ganz gewiß nicht der weißrussische Präsident auszumachen, sondern die kämen aus dem Westen. Na klar. Noch zynischer der russische Außenminister (10):

Sergei Lawrow formulierte einen Ausweg für die Europäische Union: Wie im Flüchtlingspakt mit der Türkei von 2016 könnte Brüssel doch auch Minsk Geld dafür zahlen, daß es sich um die Migranten in Weißrußland kümmert und diese davon abhält, weiter nach Westen zu wandern. Der weißrussische Außenminister Wladimir Makei wollte gar bereits von der EU den Willen zu Gesprächen gehört haben.

Wenn der bummelwitzige, russische Bär so seine grobmaschig gestrickten Witzelchen macht ...

 

/ Zuerst erschienen 12.11.21
neu veröffentlicht, ergänzt 
mit Ausführungen zu Weißrußland:
15.11.21 /

__________________

  1. Bading, Ingo: 2008 in Moskau brutal ermordet - Der oberste Jesuit Rußlands, 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/03/ermordet-im-kampf-fur-den-rechten.html 
  2. Bading, Ingo: "Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke" (2007), 2018, https://studgenpol.blogspot.com/2018/06/alexander-dugin-und-die-rechtsextremen.html
  3. Russische Föderation: Reise- und Sicherheitshinweise (COVID-19-bedingte Reisewarnung) Russische Föderation Stand - 04.11.2021 (Unverändert gültig seit: 27.10.2021), https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/russischefoederation-node/russischefoederationsicherheit/201536
  4. https://pskov.aif.ru/incidents/criminal/1106991  
  5. https://www.deutschlandfunk.de/russland-und-estland-angst-vor-dem-unberechenbaren-nachbarn.795.de.html?dram:article_id=298220
  6. Alexander Dubowy, Ilona Luzyanina: Das Strafvollzugssystem der Russischen Föderation. Bestrafung statt Resozialisierung? 28.4.2021, https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/analysen/332184/analyse-das-strafvollzugssystem-der-russischen-foederation
  7. Senzow. Oleg: Operation Entmenschlichung, 25.12.2019, https://www.dekoder.org/de/article/senzow-gefaengnis-alltag-labytnangi
  8. Loshkin, Pavel: Putins Justiz, 3.8.21, https://www.welt.de/politik/ausland/article227758995/Russland-Putins-Justiz-Strafen-ohne-Verbrechen.html
  9. Wladimir Putin zur Migrationskrise in Osteuropa: "Wir haben damit absolut nichts zu tun", 13.11.2021, https://de.rt.com/europa/127079-wladimir-putin-zur-migrationskrise-in-osteuropa/
  10. Ackeret, Markus: Russland schlachtet die Migrationskrise propagandistisch aus – ist Moskau mehr als ein Trittbrettfahrer?, 11.11.21, https://www.nzz.ch/international/russland-nutzt-migrationskrise-an-der-eu-ostgrenze-aus-ld.1654643 

Donnerstag, 7. Juni 2018

"Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke" (2007)

Vorbemerkung: Am 1. Mai 2014 war der folgenden Aufsatz-Entwurf entstanden und abgespeichert worden, der seither aber niemals abschließend bearbeitet worden ist. Gerade wird uns aber bewußt, daß in diesem Aufsatz-Entwurf unsere erste Begegnung mit Alexander Dugin festgehalten ist, und daß uns dabei - sofort - alle Zusammenhänge, die wir bis heute bezüglich Dugin glauben sehen zu können, schon mit einem mal gesehen haben. Wir möchten diesen Aufsatz-Entwurf darum unverändert veröffentlichen. Wesentlich und neu sind eigentlich nur seine beiden letzten Abschnitte ab "Die Dan Brown-Industrie".

Der Satanismusroman "Das Foucault'sche Pendel" von Dan Brown

Die "Holocaust-Industrie"
Alexander Dugin Netzwerke

Bis mindestens in die 1980er Jahre hinein mußte die "Holocaust-Industrie" (Noam Finkelstein) alle paar Jahre, mindestens alle drei bis fünf Jahre eine neue Sau durch's Dorf treiben. Wir erkennen heute, aus dem historischen Abstand und mit dem Wissen um die Involviertheit der Geheimdienste aller Länder in all dieses "Sautreiben" besser die Systematik, die dahinter stand. Dieses Sautreiben nannte sich ganz offiziell "Vergangenheitsbewältigung". Es war nichts als Propaganda. Der Holocaust als Public Relation-Aktion. Denn wenn es um die Warnung vor Menschheitsverbrechen an sich gegangen wäre, hätten ja im gleichen Zuge oder in ähnlich öffentlichkeitswirksamer Weise immer auch mindestens die zeitgleichen (vorhergehenden und nachherigen) kommunistischen Verbrechen oder viele andere Verbrechen behandelt werden müssen. Sind sie aber nicht. Also nichts weiter als Propaganda. 

Ein paar Einzelheiten dazu: Weihnachten 1959 die von östlichen Geheimdiensten inszenierten Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge und von da ab dann in der ganzen westlichen Hemisphäre bis nach Australien hinunter. Und da es zuvor von den Diensten aller Länder - vermutlich in Camp David zwischen Eisenhower und Chruschtschow - abgesprochen war (so vermutet es Armin Mohler in "Vergangenheitsbewältigung"), drückten die westlichen Medien nicht nur beide Augen, sondern auch noch alle Hühneraugen zusätzlich zu und gerieten in Empörung über den "Neonazismus" in Deutschland, der da wieder sein gräuliches Haupt erheben würde, anstatt die Drahtzieher dieser Hakenkreuzschmierereien zu benennen, zu denen es gleich von Anfang an viele Verdachtsmomente gab.

Gerne ließ man die Truppe von Armin Mohler rund um Franz Josef Strauß da auf die wahren Drahtzieher schon gleich zu Anfang in aller Öffentlichkeit hinweisen. Wenn diese Hinweise aus dieser Ecke kamen, mußte das damals als ein Hinweis darauf gelten, daß die breite Öffentlichkeit sie nicht beachten brauchte! So einfach war und ist das. 10 Punkte für die Drahtzieher!

Nun, 1960 dann die Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien - was schon viel früher hätte geschehen können, aber offenbar nicht in den Zeitplan der PR-Aktion gepaßt hätte - und der Prozeß gegen ihn in Jerusalem. Legendäre Bücher entstanden. "Eichmann in Jerusalem" etc. pp..

1965 dann der große Auschwitz-Prozeß in Frankfurt am Main. Es gab dort einen regelrechten Zeugentourismus. Reihenweise wurden Zeugen aus Polen nach Frankfurt eingeladen. Niemand kam auf den Gedanken, daß man zeitgleich auch einen Prozeß hätte machen können etwa gegen die Täter in den polnischen und tschechischen Konzentrationslagern nach 1945. Es wäre ein Sakrileg gewesen, damals darauf hinzuweisen. Womöglich ist es das heute noch. Dabei ist es absurd hoch Zehn. Das ein Sakrileg zu nennen. Verbrechen sind Verbrechen. Aber wo Propaganda wirksam ist, gerät das normale menschliche Denken und Urteilen aus den Fugen.

Es sollen nicht alle Stationen dieses "Sautreibens" aufgeführt werden. Erinnert sei hier nur noch: Anfang der 1980er Jahre der sechsteilige Fernsehfilm "Holocaust". Einer der Filme, die eine ganze Generation prägte, imprägnierte.

Dann 1985 der durch Jürgen Habermas zur Einschüchterung der deutschen Historiker und Publizisten ausgelöste und in seiner Einschüchterung bis heute außerordentlich wirksame "Historikerstreit".

Dann noch Mitte der 1990er Jahre die breite öffentliche Diskussion um das Holocaust-Mahnmal. Spätestens aber ab dem Jahr 2005 wurde es um solches Sautreiben ruhiger. Es war das Jahr, in dem der Aufsatz "Natural History of Ashkenazy Intelligence" erschien und in der "New York Times" und im "Economist" an prominenter Stelle behandelt wurden, der vom Leiter der ADL Teddy Foxman grünes Licht erhielt, womit antizipiert war, daß künftig ein Denken auf der Linie von Kevin MacDonald - Judentum und Antisemitismus als gruppenevolutionäre Strategien - möglich wäre, und daß man das nicht noch zusätzlich beschleunigen dürfe durch weiteres unbedachtes Sautreiben. Seitdem tritt die Israellobby auffallend zurückhaltender auf. (Nun, so ganz kann sie sich an diese Zurückhaltung noch nicht immer und überall gewöhnen - Henrik Broder und Co. seligen Angedenkens.)

Die "Dan Brown-Industrie"

Indem man aber nun gerade "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco liest und sich Gedanken macht, mit welcher Zielrichtung dieser Roman wohl veröffentlicht worden ist, geht einem durch den Kopf, daß man parallel zu dem "Sautreiben" der Holocaust-Industrie wohl auch ein "Sautreiben" der, nennen wir sie einmal die "Dan Brown-Industrie" nachzeichnen könnte. Oder besser gesagt, der "östlichen Esoterik-" oder "Tibet-Industrie". Man könnte auch sagen, der "Erik von Däniken"- oder Kopp-Verlag-Industrie. Denn um nichts anderes geht es dabei. Eine Fülle von prominent veröffentlichten "Verschwörungs-Romanen" und von "Verschwörungs-Literatur" treibt seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit immer wieder neu die gleiche Sau durch's Dorf. Wobei es - selbstredend - wie auch bei der Holocaust-Industrie eine wunderschöne Gemengelage gibt von "Fact and Fiction", von bewußt eingeblendeten und bewußt ausgeblendeten Tatsachen. Sprich: Propaganda. Es seien auch hier wieder nur einige wenige "Glanz- und Höhepunkte" dieser Jahrzehnte langen PR-Aktion genannt:

1968 - "Erinnerungen an die Zukunft" von Erich von Däniken
1972 - "Der Speer des Schicksals" von Trevor Ravenscroft
1988 - "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco
1994 - "Das schwarze Reich" von E. R. Carmin (eigentlich keine Sau, sondern ein echtes Sachbuch)
2000 - "Illuminati" von Dan Brown (OA.: "Angels & Demons")
2003 - "Sakrileg" von Dan Brown (OA.: "The da Vinci Code")

Diese Liste ist sicherlich leicht auf die doppelte oder dreifache Länge zu erweitern. Auf Amazon gibt es derzeit 176 deutschsprachige Kundenrezensionen zu dem Roman "Das Foucaultsche Pendel" (1988) von Umberto Eco.

Man müßte sie einmal alle gründlich durchsehen, ob hier schon einmal irgendwo das geäußert wird, was andeutungsweise in "Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke" (2007) erörtert wird. Bis auf weiteres scheint es das erste und einzige Buch überhaupt zu sein, das wenigstens andeutungsweise unterstellt, daß Umberto Eco nicht eine ironische Parodie auf Verschwörungstheorien geschrieben hat, sondern schlicht eine reale Verschwörung schildert, die Umberto Eco selbst deshalb natürlich auch sehr gut bekannt ist, und die er unter einer der "tausend Masken des Meisters", hier unter der Maske der nur leicht angedeuteten überlegen-ironischen Infragestellung quasi zu lesen wie ein Sachbuch darstellt.

Umberto Eco - Parodist von Verschwörungstheorien oder Logenpropagandist?

Das also unterstellt, daß Umberto Eco selbst ein Teil der Verschwörung ist, die er schildert und daß er mit seinem Roman Werbung für diese Verschwörung macht. Die Nagelprobe darauf ist eigentlich leicht gemacht: Liest man zeitgleiche echte Sachbücher über dieselben Themen, die Eco behandelt, weisen sie niemals diese thematische Breite auf, die Eco aufweist. Sie haben jeweils immer nur Einblick in einen viel beschränkteren Sektor der Gesamtthematik. Etwa nur die Templer, etwa nur die Synarchie oder nur der Satanismus usw.. Eco aber greift aus dem Vollen. Und das mit unglaublich instinktsicherem Griff. Alles "sitzt", kein Griff erfolgt in "dümmliche" Spekulationen, die gar nicht zum Thema gehören würden. Nein, immer bewegt sich Eco mit seinen Themen im Hauptstrom der Mythen und Legenden der Dan Brown-Industrie.

Wozu wäre das eigentlich nötig, wenn man nur einen Roman schreiben wollte? Da hätte man doch freie Wahl, könnte seiner Phantasie und Spekulation die Zügel schießen lassen. Das aber tut Eco keineswegs. Derjenige, der sich mit den Themen seines Buches nur annähernd auskennt, sieht sofort, daß dieser Roman von seinem sachlichen Gehalt her wie ein Sachbuch gelesen werden könnte. Daß er vom sachlichen Gehalt her die Grenzen eines solchen Sachbuches jedenfalls nie überschreitet.

In dem genannten Buch über die "rechtsextremen Netzwerke" heißt es (1, S. 84f):

Eco konnte die für seinen Roman dokumentierten Hintergrundkenntnisse auch deshalb erwerben, weil zur Entstehungszeit des Buchs ein enger Austausch zwischen französischen und italienischen Esoterikern stattfand, geleitet von den Wertvorstellungen des "faschistischen Guru" (Eco) Julius Evola.
Es ist bemerkenswert, daß Eco aus der Fülle des esoterischen Angebots, das Italien in jenen Jahren überflutete, jene Beispiele wählte, die auch für die Parvulesco-Dugin-Bewegung charakteristisch sind. (...) Die Templer, um die es in Ecos Buch vor allem geht, spielen auch in der Parvulesco-Dugin-Bewegung eine Rolle. (...)
Daß es wirklich geheime Verbindungen in der Nachfolge d'Alveydres gibt - das ist die Pointe von Ecos Buch. Dugin hat z.B. (...) ein Kapitel Saint-Yves d'Alveydre gewidmet. (...) Gibt es die Synarchen wirklich?
Das Buch bejaht diese Frage dann, die natürlich auch noch aus vielerlei anderer Hinsicht bejaht werden kann. Darüber gibt es ja eine umfangreiche, wenngleich zumeist nur in französischer Sprache erschienene Literatur. Auch beispielsweise Heinrich Mann beschäftigt sich in einem Spätwerk mit dieser Synarchie.
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  1. Ivanov, Vladimir: Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke. Fakten und Hypothesen zu den internationalen Verflechtungen der russischen Neuen Rechten. Mit einem Vorwort von Andreas Umland. ibidem, 2007

Sonntag, 8. März 2015

Satanistische Okkultlogen in der Weltpolitik - Ergänzungen

Abb. 1: Satanistische Okkultlogen (2013)

Seitdem die im Beitragstitel genannte Dokumentation historischer Quellentexte fertig gestellt worden ist (s. Lulu), wird man natürlich immer einmal wieder auf Ergänzungen aufmerksam, die in Neuauflagen einzuarbeiten sind. Ergänzungen einerseits bezüglich irgendwelcher Detailfragen, aber auch Ergänzungen zum Teil sehr grundsätzlicher Art. Diese sollen hier zunächst in einem Blog-Beitrag zugänglich gemacht werden in rein chronologischer Form, also ohne inhaltliche Gewichtung.

Gegebenenfalls auch als Anregung für andere, Ergänzungen zu dieser Dokumentation einzureichen.

Im Zeitalter der "Todesnot des Gottesbewußtseins auf Erden" (1920)

Wer sich mit dem Leben, mit dem hintergrundpolitikkritischen, aber auch mit dem philosophischen Werk von Mathilde Ludendorff (1877-1966) beschäftigt, wird nach und nach feststellen, daß sie nicht nur eine sehr frühe und sehr grundsätzliche Kritikerin von Okkultismus an sich gewesen ist (ab 1913), von Pädokriminalität in der damaligen Lebensreform-Bewegung (in der von Gusto Gräser inspirierten, von Hermann Hesse glorifizierten "Neuen Schar" des Friedrich Muck-Lamberty)(ab 1921), von Männerbünden wie der Freimaurerei (ab 1927) und des Jesuitenordens (ab 1929), sowie der Ideologie und Praxis von Satanismus in satanistischen Okkultlogen (ab 1934).

Nein, der stößt auch früher oder später auf die Einsicht, daß ihre Bemühungen als Philosophin selbst der erlebnishaft ("inuitiv") gewonnenen Erkenntnis entsprungen sind, daß wir seit der Verbreitung der Evolutionstheorie von Charles Darwin (1859) nicht nur in ein materialistisches Zeitalter eingetreten sind, sondern in ein Zeitalter größtmöglicher Gottferne unter den Menschen. Schon in ihrem ersten philosophischen Werk "Triumph des Unsterblichkeitwillens" (1921) äußert sie den Gedanken, daß es das Auseinanderfallen von Religion und Naturerkenntnis sind, die diese Gottferne unter den Menschen vor allem bewirken. Also zunächst einmal gar nicht als Folge bewußten Handelns von Menschen oder Menschengruppen, sondern daß es sich hierbei um eine epochale Zeiterscheinung an sie handelt. Sie spricht deshalb von einem Zeitalter der "Todesnot des Gottesbewußstseins" auf unserem Planeten. Es ist das Entsetzen über Berichte von Rußlanddeutschen aus der Zeit der russischen Revolution des Jahres 1919 gewesen, das diese Einsicht bei ihr auslöst hat (wie sie in ihren Lebenserinnerungen berichtet). Natürlich vorbereitet durch das Schicksal des deutschen Volkes und der anderen europäischen Völker in der gleichen Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Während Adolf Hitler 1924 in Landsberg im Gefängnis saß, hatten sich die süddeutsche NSDAP und die norddeutsche "Deutschvölkische Freiheitspartei" unter Erich Ludendorff für die Reichstagswahl vom März 1924 zur "Nationalsozialistischen Freiheitspartei" zusammen geschlossen und auch viele Reichstagsmandate errungen, ebenso viele Mandate in Landtagswahlen. Im August 1924 veranstaltete diese "Nationalsozialistische Freiheitsbewegung" eine große Tagung in Weimar, über die sich auch Josef Goebbels, der damals das erste mal an einer solchen Tagung teilnahm, sehr begeistert in seinen überlieferten Tagebüchern äußerte. Erich Ludendorff hatte damals Mathilde von Kemnitz, seine spätere Frau, gebeten, auf dieser Tagung im Weimarer Nationaltheater einen Vortrag zur religiösen Frage zu halten. Sie gab ihm den Titel "Die Allmacht der reinen Idee". Dieser Vortrag enthielt Gedanken, die, soweit übersehbar, in der weiteren Entwicklung innerhalb der NSDAP überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurden und dort keine Rolle mehr spielten, die aber sehr charakteristisch für ihr Denken sind. Sie sagte:

Zum ersten mal, seit Menschheit auf unserem Stern erwachte, gefährdet die Todesnot des Gotterlebens nun die göttliche Idee des Weltalls. Denn da sie in allem das Entgegengesetzte des Göttlichen erstrebt, so bedeutet ihre Herrschaft über das Gemeinschaftsleben der Völker ein Verdrängen des göttlichen Wollens aus der Seele des Einzelnen und dem öffentlichen Leben. Hierdurch breitet die Seelenlosigkeit ihre dunklen Fittiche über das Leben der Völker. Die göttliche, die reine Idee wird mehr und mehr bekämpft. Drohender Erstickungstod des göttlichen Lebens wird Kennzeichen ihrer Herrschaft. Dieser Zustand aber läßt die seltenen Vollkommenen aus ihrer Gottversenktheit jäh erwachen. Sie erkennen die Todesnot des Gottesbewußtseins in der ganzen Menschheit und fühlen die übergewaltige Verantwortung, die Menschheit aus dieser unerhörten Gefahr zu retten. Der Allgewalt der Verantwortung entspricht die Allgewalt der Gottoffenbarung in den Gottwachsten der lebenden Menschen.

In ihrem Buch zur "Anthropotechnik" mit dem Titel "Selbstschöpfung" aus dem Jahr 1927 (s. GAj2015) hat sie dann sehr genau den seelischen Wandel des Menschen nicht nur näher hin zur Beseeltheit beschrieben, sondern auch zum seelisch abgestorbenen Menschen und zum "Gottfeind", zum "Teufel". Beides muß nach ihrer philosophischen Deutung als Ausdruck der Willensfreiheit des Menschen möglich sein. Und der letztere seelische Wandel ermöglicht erst das "Zeitalter der Todesnot des Gottesbewußtseins auf Erden", in dem dieser seelische Wandel die größte Wahrscheinlichkeit bei allen Menschen hat. In ihrem 1930 erschienenen Buch "Des Kindes Seele und der Eltern Amt" erörtert sie auch schon die Tatsache, daß ein solcher seelischer Wandel durch sexuelle Gewalt in der Kindheit auch geradezu erzwungen werden kann. Schon in diesem Buch wird dieses Verbrechen also - so wie heute in der Psychologie üblich - als fast zwangsläufiger Seelenmord charakterisiert. 

All das hatte Mathilde Ludendorff also schon geschrieben, bevor sie genaueres erfuhr über die Existenz der Ideologie des Satanismus (also der Ideologie bewußter Teufelei) und über die Existenz satanistischer Okkultlogen, in der diese bewußte Teufelei in systematisches, methodisch organisiertes, politisches, wirtschaftliches und (anti-)kulturelles Handeln umgesetzt wird. In ein Handeln also, das im vollen Umfang das wissenschaftliche Wissen und Herrschaftswissen der Gegenwart nutzt, ein Wissen, das ständig weiter ausgebaut und vertieft wird etwa in umfangreichen Studien und Doktorarbeiten, die im Rahmen von Geheimdienstarbeit und von Thinktanks ("Gedankenschmieden") erarbeitet werden.

Tibet, „Bewahrer der alten Mysterien“ (E.L., Oktober 1936)

Über das erstmals 1928 erschienene Buch "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren" heißt es in einer Anzeige in der Quell-Folge vom 20. Oktober 1936 (S. 553):

In einer erweiterten Neuauflage erschienen. Ein ganzer Abschnitt „Nachkriegsringen: Dem Jahwehjahr 1941 entgegen“ betitelt, ist angefügt worden. Endete das Werk früher mit dem Ausgang des Weltkrieges, so ist jetzt jene Zeit geschildert, welche auch die Jüngeren unter uns durchlebt haben. Somit reicht es bis in die Gegenwart hinein.
Und in diesem neuen Kapitel schreibt Erich Ludendorff fast gegen Ende (1939, S. 213f):
Aber noch eine dritte okkulte Macht, die mit Suggestivbearbeitung der Menschen wirkt, ist in dem politischen Wirrwarr der letzten Jahre und namentlich nach dem Weltkriege in Europa hervorgetreten: der Buddhismus. Die völlig okkulten Führer des Lamaismus auf dem Hochlande von Tibet, der Panschen Lama und der Dalai Lama, fühlen sich als Vertreter der Priesterkasten des Altertums und als „Bewahrer der alten Mysterien“. Sie beanspruchen die Herrschaft über die jüngeren jüdischen, christlichen und mohammedanischen Priesterkasten, die sich zum Teil der „jungen“ Mysterien bedienen. Sie wirken ebenfalls durch Geheimorden, die oft äußerlich im rassischen Gewande auftreten. Das Eingreifen des Buddhismus, der in Ost- und Mittelasien, auch in russisch Asien fest verankert ist, macht durch seine „neubuddhistischen“ Bewegungen aller Art von der Theosophie an bis zur Glaubensbewegung in Deutschland den Kampf des Juden und Roms noch unübersichtlicher, als er bisher schon war. Beide Mächte haben sich in die buddhistischen Geheimorganisationen eingeschoben, wie der Buddhismus in ihre Organisationen, und jeder mit dem Ziele, den anderen für sich auszunutzen. Das erhöht die Gefahren, in denen die Völker stehen.

Im Jahr 1934 war im Ludendorffs-Verlag von einem J. Strunk eine 40-seitige Schrift erschienen mit dem Titel "Vatikan und Kreml". Erich Ludendorff hatte ein Vorwort für sie geschrieben. 

Dezember 1936 - J. Strunk

Diese Schrift hatte weitere Auflagen in den Jahren 1935, 1936 und 1937 und erreichte dabei eine Auflagenhöhe von 21. Tausend Stück. Im Jahr 1937 erschien eine weitere 50-seitige Schrift von J. Strunk unter dem Titel "Zu Juda und Rom - Tibet. Ihr Ringen um Weltherrschaft". Das Vorwort ist datiert auf "In den Tagen der Schlacht von Tannenberg 1937". In dieser Schrift heißt es (S. 17):

Anschaulich, wenn auch in seinem freimaurerischen Bestreben, die Nachfolgeschaft der Logen von dem ägyptischen Priestertum nachzuweisen, stark übertreibend, beschreibt uns das altägyptische "Weistum" Br. Fuchs in seiner Schrift "Die Aufnahme in den alt-ägyptischen Tempeln" (Bauhütte 57. Jahrgang 1914). Unter anderem berichtet er:
"Die Eingeweihten der alt-ägyptischen Tempel waren die größten, mächtigsten und geschicktesten Maurer der ganzen Welt und bis zum heutigen Tage (...). Sie haben die wunderbaren ewigen Pläne entworfen, nach denen sich alle Kultur und Wissenschaft und alle Religionen der ganzen Welt eingerichtet und ausgearbeitet haben."

Das gebrachte Zitat ist noch länger, soll hier aber abgekürzt sein. Es ist entnommen der Freimaurer-Zeitschrift "Die Bauhütte" (s. Freimaurer-Wiki, Dig. Bibl.). Offenbar zu diesem Zitat schreibt Erich Ludendorff am 12. Dezember 1936 an J. Strunk (2, S. 1119):

Sie sprechen in Ihrer Schrift von einem Buch des Herrn Fuchs. Dieser Fuchs ist der Hochgradfreimaurer Sebottendorf, der die alten Mysterien wieder herstellen, d.h. also auch an den Lamaismus anknüpfen wollte.

Dieser östliche Okkultismus ist eine gefährliche Macht, er will auch die Deutschen, die aus der Christenlehre austreten, an sich ziehen. Darum ist es wichtig, daß die Deutschen, die aus der Christenlehre austreten, den festen Boden deutscher Gotterkenntnis gewinnen, sonst schafft der Okkultismus nur Unheil, man ist ja jetzt schon dran, eine völlig okkulte Hierarchie zu schaffen. Ich sehe darum unsere Lage für gewaltig ernst an.

Daß diese Schrift von Rudolf von Sebottendorf (Wiki) stammt, findet sich sonst offenbar noch nirgendwo erwähnt im Internet. Woher Erich Ludendorff diese Angabe hat, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Man wird sie aber auch nicht als allzu unplausibel ansehen müssen. Offenbar im Austausch von solchen Gedanken mit Erich Ludendorff entstand die Schrift von J. Strunk "Zu Juda und Rom - Tibet", deren Abschnitte lauten "Die Entstehung des ältesten Männerbundes und sein Wirken in Vorderasien", "Der jüdisch-christliche Männerbund", "Der Nibelungenkampf Juda-Rom" und "Fäden vom 'Dach der Welt' in alle Welt, insbesondere in Rußland".

Natürlich wäre es sinnvoll, den Briefwechsel zwischen Ludendorff und Strunk vollständig zu kennen. Wo liegt er vor?

1937 - Rückblick auf das Jahr 1932 und das Entstehen des Buches "Induziertes Irresein ..."

1937 schrieb Mathilde Ludendorff an den letzten beiden Bänden ihrer Lebenserinnerungen, dessen letzter, der sechste, nach ihrem Willen erst nach ihrem Tod im Jahr 1967 erschien. Darin berichtete sie, wie sie im Jahr 1932 dazu kam, ihr Buch "Induziertes Irresein durch Okkultlehren" zu schreiben. Von diesem sechsseitigen Bericht seien hier einige Auszüge gebracht (VI, S. 242):

Als recht unerquickliche Hauptaufgabe, vor allem auch zwecks Entlastung meines Mannes in kommenden Jahren, habe ich ferner in diesem Jahr vor allem den Schwachsinn einer Fülle von Occultbüchern durchgearbeitet, so der "Tatchristen", des "Ordens der Ordnung" von Br. Köthner, Neugeistbücher, Mazdaznanbücher u.a. Es war eine entsetzliche Welt künstlicher Verblödung, in die ich da als Nervenarzt blickte, und schon während der Arbeit nahm ich mir vor, hierüber auch noch als Arzt zu schreiben. (...)
Diese Mazdaznan-Bewegung verbreitete sich damals so sehr, wie die Neugeistbewegung und andere neubuddhistische Ausstrahlungen der asiatischen Geheimorden des "Panschen Lama", die in allen Ländern unter dem Etikett der seelischen Stärkung, der Lebensmittelreform, der "Einheit von Körper und Seele" und in Deutschland vor allem als "Arische Ringe" die Menschen dem Occultwahn zuführten. Wir hielten es noch für verfrüht, dem Volke die letzten Hintermänner, die Konkurrenten der jüdischen und römischen Priester mit ihren Weltherrschaftsansprüchen zu zeigen. Wir nannten den "Herren der Welt", den "vollendeten Buddha", den Panschen Lama, und seinen Stellvertreter, den "werdenden Buddha", den Dalai Lama in Tibet, auf dem "Dach der Welt", noch nicht. Wir zeigten die hohe Schule der eingeweihten europäischen und amerikanischen Neubuddhisten, das Kloster von Ceylon, genannt das "Tor der Welt", noch nicht; wohl aber belichteten wir die Occult-Ausstrahlungen dieser dritten priesterlichen Konkurrenz in der Weltherrschaft und enthüllten sie als planmäßige Occultverblödung, ihnen derart einen gefährlichen Schlag versetzend. (...)
Am Ende dieses Jahres verfaßte ich das Buch über den Occultwahn und was er anrichtet: "Induziertes Irresein durch Occultlehren".

Die Tatsache, daß die hier erwähnten asiatischen Hintermänner erstmals in der Schrift des führenden Berliner Anthroposophen, Theosophen, Okkultgläubigen und Satanisten S. Ipares / Harry Dörfel "Geheime Weltmächte" genannt wurden, die 1936 im Ludendorffs Verlag erschien, ist in einem eigenen Beitrag auf diesem Blog schon breit ausgeführt worden und nach vielen Richtungen hin ausgelotet worden (GA-j!, 11/2012).

1939 - "Die Frau, die Sklavin der Priester"

Anfang 1939 erscheint die Schrift von Ilse Wentzel "Die Frau, die Sklavin der Priester". Entgegen vielleicht gehegter Erwartungen behandelt diese Schrift keineswegs mehr nur die mitteleuropäischen christlichen Priesterkasten, sondern gleichwertig auch alle Geheimpriesterkasten und auch den östlichen Okkultismus. Auch an dieser Schrift wird deutlich, wie sehr sich bis zum Jahr 1939 der männerorden-kritische Ansatz innerhalb der Ludendorff-Bewegung verbreitert und verallgemeinert hatte. Sie ist deshalb auch heute noch fast zur Gänze aktuell und deshalb lesens- und bedenkenswert. Im folgenden nur einige wenige Auszüge. Schon in der Vorbetrachtung heißt es (S. 3f):

Es wurde Klarheit über das unheilvolle Treiben von öffentlichen und verkappten Priesterkasten, die unter Berufung auf ihre Wahnvorstellungen über das Göttliche und unter Anwendung von Seelenmißbrauch die Unterwerfung der Völker unter Priesterherrschaft im Namen der Gottheit forderten und durchführten. Aus dem reichen, schönen Leben stolzer, freier Menschen wurde das würdelose und elende Dasein versklavter Menschenherden. (...) Die düstere Gestalt des Priesters wirft ihren Schatten über viele Geschlechterreihen unseres Volkes und seiner Frauen.
Und es heißt dann weiter über die Frauenfrage (S. 5):
Diese Frage wird, das darf mit Recht gesagt werden, die letzte aller völkischen Fragen sein, der sich das Deutsche Volk bei dem Aufbau eines Lebens aus seiner Wesensart zuwendet, weil sie auf die am tiefsten eingewurzelten Widerstände stößt.
Das schreibt Ilse Wentzel im Jahr 1939 und das mit deutlicher Kritik an den Zeitverhältnissen im damaligen Deutschland und an dem unter den Nationalsozialisten vorherrschenden Frauenbild. Weiter schreibt sie auf dieser Linie etwas, worüber auch heute wieder viel nachgedacht wird (S. 5):
Wenn Geburtenreichtum allein schon letzte Erfüllung genannt wird, dann wäre ja das Frauenleben in katholisch gläubigen Völkern und Zeiten durchaus erfüllt gewesen, als der Priester mit der Peitsche der Höllenverängstigung die Geburtenzahl auf der Höhe hielt.
Die von ihr im Anschluß daran aufgezeigten Alternativen sollen hier nicht erörtert werden. Sie schreibt außerdem (S. 17f):
Als die düsteren Gestalten der Priester die Oberhand gewannen über die Deutsche Seele, entstanden unnatürliche Spannungen im ganzen Deutschen Leben. Das freie, lichte Leben der Edelgesinnten erlosch, und mit ihm verkümmerte die Volkskultur. (...) Tief sanken die Menschen, in denen unter dem Druck von Priesterreligionen das über jeden Zwang erhabene Göttliche abstarb.
Nun gibt es in dieser Schrift wie gesagt auch ein Kapitel "Der östliche Okkultismus" (S. 48-55). Es beginnt mit den Worten:
Dem westlichen, vom Judentum und Christentum einschließlich aller ihrer Abarten bestimmten Okkultismus, stehen die östlich okkulten Lehren gegenüber, die ihrem Ursprunge nach ebenfalls in früheste Zeiten zurückreichen, z. T. mancherlei Verwandtschaft mit ägyptischen und vorderasiatischen Geheimlehren haben und zugunsten der Machtstellung der asiatischen Priesterkasten verbreitet werden. (...) Der Kampf um die Vormacht zwischen den westlichen und östlichen Priesterkasten reicht bis in die Zeit der Auspaltung in diese zwei verschiedenen Richtungen zurück. Bereits zur Zeit der Ausbreitung des Christentums und seines Ringens um staatliche Anerkennung im Reiche Constantins im 4. Jahrhundert ist dieser Kampf im vollen Gange. Als die Juden
- eingeschoben sei: die durch ihr antikes "Proselytenmachen" ja erst den Boden für das Christentum bereitet hatten -
begannen, mit Hilfe des Christentums um die Vorherrschaft zu kämpfen, mußten sie in Osteuropa auf den Widerstand östlicher Geheimorden und ihrer Bestrebungen stoßen. Apollonius von Tyana war der Magus aus dem Osten, der als Asket zur Zeit des christlichen Religionsstifers seine Rolle als östlicher Widerpart spielte, und es war lange Zeit hindurch zweifelhaft, welche der beiden Richtungen, unterstützt von zahlreichen Anhängern und geführt von ihren Priestern, obsiegen würden. A. v. Tyana versuchte bereits eine arische Weltreligion zu begründen, um durch sie zunächst alle Völker arischen Ursprungs zusammen zu schließen. Für mehr als eineinhalbjahrtausend errangen die Christen den Sieg und ihre Lehre wurde Staatsreligion. Doch gab es immer wieder Einflüsse, z.B. durch die Kreuzzüge, vermittels derer "die alte Weisheit" in die westliche Welt geleitet wurde. So berichtet das ariosophische Schrifttum von Zusammenhängen zwischen den Mysterien des Isiskultes und mittelalterlichen Ritterorden, die auf den Gedanken einer Menschenzüchtung abzielten und ihren Ausdruck in einer Lehre suchten, die Religion und Rassenpflege vereinte.
Es wird dann die Ariosophie des Jörg Lanz von Liebenfels behandelt (S. 49):
Die Ariosophie ist in ihrer Ablehnung sittlicher und geistiger Eigenwerte des weiblichen Geschlechtes wohl die schärfste der hervortretenden Richtungen und daher auch in ihren asiatischen Forderungen des Ausschlusses von der Öffentlichkeit und jeglichem entscheidenden Einfluß. Einige Beispiele mögen das beweisen. Sie sind der Schriftfolge "Die Ostara - das Reich der Blonden", Herausgeber Lanz von Liebenfels, entnommen.
Es folgen dann drei Seiten von bekanntlich sehr krassen Aussagen dieser Okkultloge zu diesen Themen. Dann heißt es weiter (S. 52):
In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, daß in der Zeitschrift "Deutsches Volkstum" (Januar 1933) in einem Aufsatz "Mädchen und Männerstaat" von Dr. Wilhelm Stapel Lösungen für die Gegenwart gesucht wurden, die an bekannte Priesterlehren inhaltlich und sprachlich anklingen. (...) Da im Männerstaat die Formationen neben der Familie eine große Rolle spielen als Kriegsheer des Staates,
ergäbe sich - nach Stapel - noch ein zweiter Weg für das Mädchen neben der Familie. Nämlich als "Beute" des "Kriegers" zu leben. Sie stünde hierfür zwischen der Alternative "Ehefrau oder Beutemädchen". Wentzel weiter (S. 53):
Diese leider unvermeidlichen Kostproben zeigen, was alles unter dem Deckmantel arischen Heldentums in dessen Verzerrung gebracht werden soll. Es regt zweifellos zum Nachdenken an, wenn wir von Eherechtsvorschlägen hören, die solchen Zielen, selbst ungewollt, Vorschub leisten könnten; wenn Wissenschaftler auftreten, die von kultischen Männerbünden im alten Germanien sprechen wollen und bereits in einem Ärzteblatt kein anderer Beruf für Frauen mehr erkannt wird als der Mutter- und Pflegeberuf.
Und (S. 54f):
Es sei abschließend noch einer magischen Geheimlehre gedacht, die auf dem Christentum aufbaut. Das ist der Satanismus. Im Handbuch der Okkulten Praxis, 7. Brief: Satanische Magie Seite 89/90 steht: "(...) Für den Chela (Schüler, d. V.) gilt in allen eingeweihten Logen die geistige Befreiung vom Weib als Hauptträger lunarer Einflüsse als Erstrebenswert und als Grundbedingung für das Studium der höheren Geheimwissenschaften. Nur der Magus exemptus darf bewußt und geschützt die magischen Mondkräfte und damit auch das Weib seelisch und körperlich benutzen für magische Zwecke. Die Sexualmagie ruht auf diesem geheimen und uralten Wissen."

1939 - Missionare aus Asien

Hermann Rehwaldt schreibt in seinem Buch "Weissagungen" (1939, S. 14 - 17):

Zur Zeit befindet sich Europa in einer Periode des Vordringens der dritten, bisher wenig bekannten und erst vom Feldherrn in ihrer ganzen Furchtbarkeit gezeigten überstaatlichen Macht - "Tibet". Namentlich in meiner Schrift "Vom Dach der Welt" habe ich den Nachweis dafür geführt, aber auch in einigen Aufsätzen des 8. und 9. Jahrgangs der Halbmonatsschrift "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" (Folgen 16, 17, 20 u. 21 des 8. Jahrg., 4, 5, 7, 21, 22, u. 23 des 9. Jahrgangs). Hier seien nur einige bestätigende Stellen aus dem Buch des japanischen Archäologen und Kunstgeschichtsforschers, im übrigens eines der hervorrangendsten Vertreter und Verfechter asiatischer "Religionsynthese", Kakuzo Okakura, "Die Ideale des Ostens" angeführt, die mit den von mir in der genannten Schrift zitierten Quellen einen einwandfreien Beweis meiner Feststellung erbringen. In der Einleitung zu dem erwähnten, 1922 erschienen, Buch schreibt ein Herr Nivedita vom Ramakrischna-Vivekananda-Orden, Kalkutta:

"In den letzten sechs bis sieben Jahren sind indische Missionare fortgesetzt nach Europa und Amerika hinübergewandert, um dort eine allgemeine religiöse Bewegung vorzubereiten, welche die intellektuelle Freiheit des in den Naturwissenschaften gipfelnden Protestantismus mit der Fülle katholischen Spiritualismus vereinigen will. Fast möchte man es für das Los der siegreichen Völker halten, ihrerseits wieder von den religiösen Ideen der Besiegten unterworfen zu werden. 'So wie die Lehre des geknechteten Juden' - ich zitiere den vorhin erwähnten großen indischen Denker" (Swami Vivekananda) - "achtzehn Jahrhunderte die halbe Erde in ihrem Bann hielt, wird auch die des verachteten Hindus in Zukunft vielleicht die Welt beherrschen'. Hierauf ruht die Hoffnung Nordasiens. Der gleiche Vorgang, der zu Beginn unserer Zeitrechnung ein Jahrtausend dauerte, kann sich mit Hilfe von Dampfkraft und Elektrizität heute in wenigen Jahrzehnten abspielen. Vielleicht wird die Zeit ein zweites Mal Zeuge von Indisierung des Ostens sein."

Hierzu sei erläuternd gesagt, daß mit der Lehre des "geknechteten Juden" die Christianisierung des Westens und mit der "Indisierung" des Ostens die buddhistische Mission im Osten, mit der zweiten aber natürlich die kommende "Synthese aller Geistkulturen" gemeint sind, die Swami Yatiswarananda vom gleichen Orden auf der Eranos-Tagung in der Schweiz 1934 verkündete. Das Ergebnis der indischen Missionsarbeit in Europa und Asien steht heute viel greifbarer vor uns als 1922. Wir gehen nicht fehl, wenn wir es z.B. in der bekannten Oxfordbewegung und in der Oekumene des verstorbenen schwedischen Bischofs Söderblom, sowie in der Neugeistbewegung, die sich "modernes Rosenkreuzertum" nennt und sich zu einer Art Urchristentum bekennt, erblicken. Wir sehen es aber auch in der "lebendigen Kirche" in Rußland und in ähnlichen kirchlichen Bestrebungen und Bewegungen des Westens, die in dem Zeichen des völkischen Erwachens entstanden. Von den ausgesprochen okkulten Richtungen wie die Theosophie, Anthroposophie, Ariosophie, Rosenkreuzertum usw. wollen wir hier gar nicht reden.

Kakuzo Okakuro selbst schreibt am Schluß seines Buches:

"Wir warten auf das funkelnde Schwert, das wie ein Blitz die Finsternis zerspalten wird. Die furchtbar brütende Stille muß gebrochen werden; mit verjüngender Kraft müssen sich die Regentropfen auf die Erde niedersenken, ehe ein neuer Blütenflor" (der asiatischen Synthese-Kultur) "sie bedecken kann. Die große Stimme jedoch, die dieses Wunder heraufbeschwören soll, muß aus Asien selbst ertönen und von den uralten Heerstraßen, die das Volk gewandert ist, zu uns herüberdringen. Sieg von innen oder ein gewaltiger Tod von außen?"

Welche Hoffnungen Asien an dieses "Wunder" knüpft, verrät W. K. Nohara in "Die 'gelbe' Gefahr":
"Der Asiate hält es durchaus nicht 

Ihrer Schrift "Ein Blick in die Werkstatt der Naturwissenschaft unserer Tage" stellt Mathilde Ludendorff 1941 das Kapitel "Presse und Naturwissenschaften" voran, in dem sie Beispiele dafür anführt, wie die Presse nicht über Naturwissenschaft berichten sollte und welche versteckten, nichtwissenschaftlichen Absichten oft hinter solchen Presseartikeln stehen können. 

1941 - Herbert Fritsche preist Sigmund Rascher an

Sie kommt dann auf Herbert Fritsche zu sprechen, heute bekannt als ein satanismusnahes hochrangiges Mitglied von Okkultlogen (siehe Wikipedia), das nach 1945 auch für "Die Zeit" und für den Verleger Axel Springer gearbeitet hat. Mathilde Ludendorff schrieb schon damals über einen seiner Aufsätze:

Etwas schwierigerer für den Leser ist eine andere Gruppe von Abhandlungen, die es peinlich vermeidet, gleich von vorneherein ehrlich zu sagen, aus welchem Lager sie kommt, nein, die sich im Gegenteil darauf verläßt, daß die Namen derer, die in Vergangenheit und Gegenwart zu den wissenden Brrn. okkulter Geheimorden gehören, den Lesern der Presse eben nicht bekannt sind. So führen sie denn eine Reihe wissender Hochgradbrüder als Zeugen ihrer Behauptungen auf und bringen sogar Wiedergaben mikroskopischer Abbildungen. Wie sollte der Leser da zweifeln, hier wird ihm doch sicher Naturwissenschaft geboten und nichts anderes! Als Beispiel hierfür wähle ich einen Artikel, der sanft zu wichtigen Okkultvorstellungen der eingeweihten Scharen des "Herrn der Welt" hinüberzuführen geeignet ist. Es ist der Aufsatz "Das Geheimnis der Eisblumen. Kristalle antworten auf letzte Fragen über Leben und Tod" (Folge 40 der "Woche" vom 2. 10. 1940). Der Verfasser Dr. Herbert Fritsche ist den meisten Menschen ein Doktor wie jeder andere auch, der sie nun im folgenden über interessante naturwissenschaftliche Fragen belehren will. Derjenige allerdings, der es weiß, daß das Buch "Kleines Lehrbuch der weißen Magie", 1934 in Prag erschienen, zum Verfasser auch einen Dr. Herbert Fritsche hat, der weiß etwas mehr; aber wie klein ist die Zahl derer, die, schon etwas kritisch gestimmt, die Abhandlung lesen! Es wird ihnen nun erzählt, wie der schwedische Dichter und Forscher August Strindberg an einer Fensterscheibe Eisblumen sah und welche Forschungen er im Anschluß daran voller Eifer betrieb. Wie sollte der Leser zu dem Dichter Strindberg kein Zutrauen haben, er hat doch nie gehört, daß dieser Mann zu den Wissenden der Geheimorganisationen östlicher Herkunft gehörte und würde auch aus seinen Schriften den Wissenden kaum erkennen, obwohl er in der Schrift "Der bewußte Wille in der Weltgeschichte" aus dem Jahre 1903 eine Überfülle von Belegen hierfür finden könnte. Die "Wissenden" der Geheimorganisationen wissen vor allem, daß der Plan der Weltgeschichte von einem "Gotte" gemacht und bis ins Einzelne ausgeführt wird, der nur für die Unwissenden im Himmel thront, der aber, wie sie wissen, der oberste Leiter der Geheimorganisationen ist. Deshalb kann Strindberg u. a. sagen: "Das ist ja wie die kolossale Schachpartie eines einsamen Spielers, der sowohl weiß wie schwarz leitet, vollständig unparteiisch ist, nimmt, wenn genommen werden soll, Pläne für beide Lager macht, mit sich selbst und gegen sich selbst ist, alles im voraus ausdenkt."

Ja, er könnte auch in diesem Strindberg-Buch lesen, wie nah seine Seele dem Dach der Welt, Tibet, stand:

"Zwischen Sibirien und China, wo eine geheimnisvolle Erzeugung von Völkern stattzufinden scheint, in einer unbestimmten Ferne, die mit einem schwankenden Namen Tartarei genannt wird, wurde ein gewaltiger Mann der Vorsehung geboren, den wir unter dem Namen Dschingis Khan kennen."

Das alles weiß der Leser nicht und hört nun arglos, daß die Eisblumen, die die Formen von Algen, Flechten und Farnen an der Glasscheibe annahmen, Strindberg, der "kein blasser Spekulierer, sondern ein genialer Entdecker von Neuland" war, zu experimentellen Forschungen anregte. Er muß durch die folgende Darstellung davon überzeugt werden, daß schon bewiesen sei, wie das Wasser "in seinem unablässigen Kreislauf auch durch die Leiber der Pflanzen geführt wird und hierbei die Formungskräfte dieser Pflanzen aufgeprägt bekommt" und daher auch in diesen Formen auf der Glasscheibe anfriert. Er liest dann weiter:

"Strindberg spricht von einer Wiederauferstehung der Pflanze aus Asche nach Lösung und Kristallisierung."

Ein Erinnerungsbildung der Pflanze werde so sichtbar! Immer weiter wird nun der Leser unmerklich in solche Okkultvorstellungen hineingeführt und es wird ihm erzählt, daß heute die Medizin sich solcher Kristallisationsbilder schon zur Diagnose der Krankheiten bediene.

Ähnlichkeiten mit heutigen Publikationen - etwa des Kopp-Verlages - sind natürlich rein zufälliger Natur! :) Mathilde Ludendorff führt noch weiteres aus dem Aufsatz an (darüber, daß sich hier auch neue Forschungsmöglichkeiten in Bezug auf die Möglichkeit des im Mittelalter viel erforschten "Homunkulus" andeuten würden). Dieser Aufsatz von Herbert Fritsche löste nun in der "Woche" selbst viele Leserbriefe aus, auch empörte, die ihn zu einem "Aprilscherz" erklärten. Mathilde Ludendorff zitiert dann vollständig die Antwort von Herbert Fritsche auf diese Leserbriefe, "ohne aber mein eigenes Urteil hinzuzufügen". Sie wolle sich nun ganz auf das kritische Urteil des Lesers verlassen, daß dieser nun prüfen könne. Aus dieser Antwort von Herbert Fritsche nun sei hier nur eine Passagen zitiert, die auch gleich sehr deutlich macht, warum Mathilde Ludendorff die kritische Beurteilung dem Leser selbst überläßt - im Jahr 1941. Herbert Fritsche schrieb da nämlich im Herbst 1940 unter anderem als Antwort auf jenen Naturwissenschaftler, der von "Aprilscherz" geschrieben hatte:

"Auch ist diesem strengen Grenzhüter der Naturwissenschaft, der da in seinem Brief einen Einbruch okkulter Düsternisse ins blanke Licht der Laboratorien befürchtet, offenkundig unbekannt, daß z. B. im Jahre 1938 der Arzt Sigmund Rascher von der Münchener Medizinischen Fakultät den Doktorgrad verliehen bekam für eine Promotionsarbeit über die Pfeiffersche Kristallisations-Diagnose, und daß der gleiche Dr. Rascher heute als Oberarzt und auf Befehl des Reichsführers SS diese Forschungen in einem großen Münchener Krankenhaus fortsetzt. Er ist dort - zugleich als Abteilungsleiter des 'Ahnenerbe' - zu Ergebnissen gekommen, die ihm die Veröffentlichung 'Versuch einer kristallographischen Karzinomdiagnose' in der 'Münchener Medizinischen Wochenschrift' 1939, Nr. 14, ermöglichten - eine Arbeit, die den Wert dieses Diagnoseverfahrens mit empfindlichen Kristallisationen eindeutig darlegt."
Exkurs: Sigmund Rascher und der Satanist Herbert Fritsche

Der Hinweis auf diesen Sigmund Rascher  birgt nun allerdings allerhand Implikationen. Diese werden erst heute voll übersehbar. Rascher hatte seine Arzt-Ausbildung auch bei einem bekannten anthroposophischen Arzt absolviert (Ehrenfred Pfeiffer), wenn er sich nicht sogar selbst als einen Anthroposophen ansah. Rascher galt nach 1945 als die Inkarnation eines verbrecherischen SS- und KZ-Arztes. Weniger beachtet worden ist aber bisher der Umstand, daß das Verhalten des Ehepaares Rascher manche Gemeinsamkeiten zeigt mit dem Verhalten von Ehepaaren, das man aus den Zusammenhängen von elitärer ritueller Gewalt an Kindern bis in die Gegenwart hinein kennt. Nämlich in Zusammenhang mit adoptierten Kindern. Auf Wikipedia [25.3.15] heißt es darüber:

Im März 1944 wurden Rascher und seine Frau verhaftet. Frau Rascher hatte die vierte Schwangerschaft vorgetäuscht und am Münchener Hauptbahnhof einen Säugling entführt. Die Polizei ermittelte rasch die Entführerin. Auch bei den anderen drei Kindern bestand nun der Verdacht, sie könnten keine leiblichen Kinder sein. 1943 war Julie Muschler bei einem gemeinsamen Bergausflug mit dem Ehepaar Rascher „verschwunden“. Als 1944 Muschlers Leiche aufgefunden wurde, gerieten beide Raschers, mit denen sie einst in der gemeinsamen Wohnung gelebt hatte, unter Mordverdacht. Rascher wurde nicht geglaubt, er könne als Arzt die vorgetäuschte Schwangerschaft seiner Frau nicht bemerkt haben. Seine Ehefrau wurde ins KZ Ravensbrück verbracht, wo sie nach einem mißglückten Fluchtversuch gehängt wurde. Rascher selbst kam zunächst ins KZ Buchenwald. Himmler sorgte für die Entlassung seines Günstlings; wegen erdrückender Beweise mußte dieser jedoch wieder inhaftiert werden. Zum Ende des Krieges wurde er ins KZ Dachau verlegt und kam dort in den Bunker. Am 26. April, drei Tage vor der Befreiung des Lagers, exekutierte die SS Rascher durch einen Genickschuss.

Wenn man also konkreten okkult-satanistischen Hintergründen der SS und ihrer Verbrechen weiter hinterher forschen möchte, könnte es sinnvoll sein, dieses Ehepaar Rascher im Auge zu behalten. Über die Ehefrau Raschers heißt es noch weiter:

Karoline Diehl, geborene Wiedemann, eine ehemalige Schlagersängerin und Witwe des Theaterregisseurs Oskar Diehl, bot ihrem Gefährten Rascher aufgrund ihrer guten Kontakte zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler Aufstiegsmöglichkeiten im NS-Staat. Karoline Diehl soll Himmler in der Frühphase der NSDAP Unterschlupf gewährt haben, der persönliche Kontakt blieb erhalten. Auf ihre Empfehlung empfing ihn Himmler am 23. April 1939 zum ersten Mal persönlich. Kurz darauf wurde dem 30-jährigen Rascher von Professor Walther Wüst die Forschungsaufgabe Frühdiagnose bei Krebserkrankung übertragen. Aufgrund des Altersunterschieds von 16 Jahren war Himmler anfangs gegen eine Heirat der beiden. Eine Ehe mit zahlreichem Kindersegen war nicht zu erwarten. Himmlers Einwilligung zur Ehe war notwendig aufgrund von Raschers SS-Zugehörigkeit.  Nach dem zweiten unehelichen Kind genehmigte Himmler schließlich die Ehe. Er unterstützte das Paar und überwies beispielsweise nach dem zweiten Kind monatlich 165 RM. Auch schickte er Pakete mit Obst, Schokolade und anderen Raritäten an die wachsende Familie. Frau Rascher revanchierte sich mit Familienfotos und bat um eine dienstliche Besserstellung Raschers. Eines dieser Familienfotos gefiel Himmler so gut, dass es als Titelblatt für NS-Schulungsmaterial verwendet wurde. Als Familie Rascher 1941 zum dritten Mal Familienzuwachs bekam, bat Himmler zwei andere SS-Ärzte, Ernst-Robert Grawitz und Gregor Ebner, um ihre Meinung, ob es möglich sei, dass eine Frau im Alter von 49 bis 50 Jahren noch Kinder gebären könne. (...)

Seine Verlobte Karoline Diehl lebte im selben Haushalt, ebenso deren Freundin Julie Muschler, die als Laborassistentin und Haushälterin fungierte.

Eine Frage, die sich im Anschluß stellt, wäre: Woher hatte das Ehepaar diese Adoptiv-Säuglinge bekommen? Wie gestaltete sich ihr weiteres Schicksal?

1952 - Hitlers Astrologe Karl Ernst Krafft

In "Der Quell - Zeitschrift für Geistesfreiheit" erscheint in der Folge vom 9. Februar 1952 der Aufsatz von Heinrich Fechter (d.i. Walter Löhde) "Die Sterne lügen nicht". In ihm werden Inhalte des 1951 erschienenen Astrologie-kritischen Buches von Ludwig Reiners "Steht es in den Sternen?" wiedergegeben. Der oberschlesische Textilindustrielle und Sonntagsschriftsteller Ludwig Reiners (1896-1957) ist ein vielseitiger Autor gewesen (s.a. Titelgeschichte in "Der Spiegel" 22.8.1956, S. 32-37 [pdf]). Auf ihn geht die berühmte Sammlung deutscher Gedichte "Der ewige Brunnen" zurück (zuerst 1955, zuletzt 2005). In dem hier behandelten Aufsatz nach seinem Buch geht es um Kepler, Wallenstein, Karl Ernst Krafft und Hitler:

Ein anderer Vorzug des Buches ist die Klarstellung der Meinungen Keplers über die von ihm selbst erstellten Horoskope. (...) Der große Astronom schreibt: "Die Astrologie ist wohl ein närrisches Töchterlein; aber du lieber Gott, wo wollte ihre Mutter, die hochvernünftige Astronomia, bleiben, wenn sie diese ihre närrische Tochter nicht hätte? Ist doch die Welt noch viel närrischer und so närrisch, daß deroselben zu ihrem Frommen diese alte verständige Mutter durch der Tochter Narrenspiel eingeschwatzt und eingelogen werden muß. Und seind der Astronomen Gehälter so gering, daß die Mutter gewisslich Hunger leiden müßte, wenn die Tochter nichts erwürbe." In einem weiteren Briefe sagt er noch deutlicher: "Wer Not leidet, ist ein Sklave, aber niemand wird freiwillig ein Sklave sein wollen. Wenn ich zeitweilig Horoskope und Kalender verfertige, so ist mir das eine unerträgliche Sklaverei, aber sie ist notwendig. Um meinen Jahresgehalt, meinen Titel und meinen Wohnsitz behalten zu können, muß ich der unwissenden Neugier zu Willen sein."
Das Horoskop Keplers für Wallenstein erwies sich dann auch, wie weiter ausgeführt wird, in allen Einzelheiten als falsch. Und es heißt weiter:
Nach jener Erstellung des Horoskops hat Kepler Wallenstein indessen - nach seinem besseren Wissen - vor den astrologischen Prophezeiungen gewarnt. Er hat geschrieben, er müsse ihn von "seinem irrigen Wahn abmahnen". (...) Wallenstein wandte ein (...), einige Prophezeiungen seien, wenn auch zu falscher Zeit, dennoch eingetroffen. (...) Kepler macht sich nun humorvoll über diese Meinung seines Kunden lustig, indem er sagt, eine von Wallenstein in diesem Zusammenhang genannte Krankheit sei wohl mehr "durch den Planeten Bacchus" oder "durch die irdische Venus" hervorgerufen, wie die zweite Heirat und der große Besitz durch den "irdischen Pluto" - der Planet Pluto war damals noch nicht entdeckt - und den gewinnreichen Krieg zustande gekommen sei. (...) In allerneuester Zeit erst konnte der ehemalige Direktor des Wallensteinarchivs zu Friedland, Prof. Dr. Josef Bergel, archivalisch einwandfrei nachweisen, was Dr. Reiners richtig vermutet, daß nämlich Wallensteins Astrologe, Giovanni Baptista Seni, ein gelehrter Betrüger war. Er war dem sternenwahnbesessenen Wallenstein von dessen heimlichen Gegner, Oktavio Piccolomini, zugeführt, um den Feldherrn auszukundschaften und mittels der von ihm gestellten Aspekte ins Verderben zu führen. (Vergl. den Vortrag des Herrn Prof. Dr. Bergel, "Neue Augsburger Zeitung" vom 14. 12. 1950, Nr. 154.)
Weiter heißt es:
Interessant ist es zu hören, wie die Astrologie im zweiten Weltkriege arbeitete. Hitlers Astrologe war der Genfer Karl Ernst Krafft. Der englische Kriegsastrologe war der aus Ungarn stammende de Wohl. Der Verfasser schreibt nach de Wohls eigenen Ausführungen: "Nun habe er, Wohl, Kraffts System genau gekannt und daher voraussehen können, was Krafft Hitler raten werde; die Sterne hätten "Hitlers Karten aufgedeckt". Er habe Hitler jahrelang so über die Schulter gesehen, daß er Hitlers Reden im voraus hätte schreiben können. Der Krieg sei ein Duell zwischen Krafft und Wohl geworden ... In seinen Erinnerungen schreibt er (Wohl) - wie ein anscheinend von ihm inspirierter Zeitungsartikel mitteilt -: 'Jedes Mittel mußte recht sein, um den Tyrannen Hitler zum Schweigen zu bringen. In erster Linie mußte er seiner Stützen beraubt werden. Seine wichtigste Stütze war aber sein Chef-Astrologe Krafft.' Er (Wohl) veröffentlichte daher, um seinen Gegner Krafft zu vernichten, in der New Yorker Sunday News einen pessimistischen Brief Kraffts an den rumänischen Gesandten Tilea, der in seine Hände gelangt war, und fügte laut diesem Artikel die erfundenen Sätze ein: 'Es ist sicher, daß Hitler diesen Krieg verliert. Man darf es aber nicht sagen, da man sich sonst sein eigenes Todesurteil gesprochen hätte.' Diesen Brief ließ Wohl der Gestapo zuspielen. Krafft wurde verhaftet und starb im Konzentrationslager." (S. 93/94.)

Dezember 1954 - Der Moskauer Patriarch

In einem politischen Aufsatz ("Festgefahren") vermutet Mathilde Ludendorff in der Zeitschrift "Quell" vom 23.12.1954, daß die damaligen Wasserstoffbomben-Explosionen auf beiden Seiten des Kalten Krieges der westlichen Freimaurerei und dem Jesuitenorden gezeigt hätten, daß die von ihnen bis dahin verfolgten Weltkriegspläne vorerst nicht weiter verfolgt werden könnten (S. 1105ff):

So muß denn der Weltkriegsplan verschoben werden, und das ist umso schmerzlicher für die Weltmachtfreudigen, weil der orthodoxe Patriarch ganz bescheiden wieder damit begonnen hat, in Moskau seine Herrschaft neu zu errichten.

Sie erklärt das Agieren der drei nach Weltmacht strebenden Priesterkasten (Freimaurerei, Rom, Tibet) für "festgefahren", aufgrund der gegenseitigen Überspitzelung durch zahllose "Doppelagenten", die gerade in jenen Jahren - und auch noch später - sehr häufig und unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit aufgedeckt und enttarnt wurden.

1956 - Die Schrift "Satansspiel Politik"

Abb. 2: Satansspiel (1956)

Ein Herbert Runge veröffentlicht im Jahr 1956 die Schrift "Satansspiel Politik". Über sie wird in einem antiquarischen Angebot berichtet (Ebay 9/2015):

Sehr seltene Schrift des ehemaligen persönlichen Ludendorff-Mitarbeiters Herbert Runge. Eine verschwörungstheoretische Betrachtung der jungen Bundesrepublik anläßlich der deutschen Wiederbewaffnung.
Die Schrift beginnt mit den Worten:
Liebe Leserin, lieber Leser! Wieder ist es so weit! Eine neue Wehrmacht wird aufgestellt. Man hat mit seiner Einberufung zu rechnen. (...) Daß unsere Presse bewußt oder unbewußt lügt, wissen wir längst. Darum sagen wir ja: "jemand lügt wie gedruckt!"

Im weiteren Verlauf wird unter anderem der NS-nahe Skaldenorden und sein Wirken vor 1933 behandelt. Das Wirken des Autors Herbert Runge - im auffälligen Zusammenwirken mit dem jüdischen Ludendorff-Anhänger seit 1927 Abraham Gurewitz (dem Führer der Kna'anim-Bewegung in Israel) und mit Wilhelm Landig - muß noch einmal gründlicher behandelt werden, als es an dieser Stelle möglich ist.

1965 - "Kreml und Vatikan" von Walter Löhde

1965 erscheint das Buch "Kreml und Vatikan" von Walter Löhde (unter einem Pseudonym). Anregung zu diesem Buch gegeben hat sicherlich das Buch von Eduard Winter "Rußland und das Papsttum", erschienen 1960 in Ostberlin. Denn es wird am durchgängigsten von Löhde zitiert. Wahrscheinlich handelt es sich bei seinem Buch um die Erkenntnisse des Winter-Buches ergänzten sechsteiligen Aufsatz in der Zeitschrift "Quell" "Die Spaltung der Ost- und Westkirche" vom August bis bis Oktober 1959. Eduard Winter seinerseits nun war - s. Wikip. - Österreicher, Weltkriegsteilnehmer und wurde nach dem Ersten Krieg Professor für Kirchengeschichte in Prag. Ab 1940 wurde er zu einem scharfen Kirchenkritiker und arbeitete für die SS und den SD. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er als Kirchenkritiker Anstellungen an den Universitäten Halle/Saale und Berlin.

In dem 378 Seiten langen Buch von Löhde fällt nicht ein einziges mal der Name Ludendorff. Obwohl doch nun Walter Löhde bis dahin länger als jeder andere engster Mitarbeiter der Zeitschriften der Ludendorff-Bewegung gewesen war. Aber mit und nach dem Verbot der Ludendorff-Bewegung 1961 war es auch zu einem erneuten- teils in Persönlichem, teils in der Sache liegenden - Zwist zwischen dem Verleger Franz von Bebenburg und seinem vormaligen Schriftleiter Walter Löhde gekommen, den auch ein Vermittlungsversuch Mathilde Ludendorffs 1962 nicht lösen konnte.

Was nun besonders auffallen muß an diesem letzten Buch von Walter Löhde, ist der Umstand, daß die russisch-orthodoxe Priesterkaste und der sie repräsentierende Patriarch von Moskau nicht wirklich eine eigenständige Bedeutung zugesprochen werden und eine eigenständige Behandlung erfahren. Daß ihr Wesen und Wirken im Grunde gar nicht zur Darstellung kommen, jedenfalls nicht durchgängig. Vielmehr bleiben sie sehr schemenhaft. Und das obwohl doch Mathilde Ludendorff - und auch etwa Hermann Rehwaldt und Ilse Wentzel - zuvor in vielen Aufsätzen gerade die Bedeutung dieser Priesterkaste - und ihre unterstellten Beziehungen zu Tibet - hervorgehoben hatten. All das sind Dinge, die man heute mit dem Wissen um den Einfluß des Roerich-Instituts in St. Petersburg und um die okkulten Hintergründe eines Alexander Dugin viel besser einzuschätzen gelernt hat, als dies vielleicht noch zu Löhdes Zeiten möglich gewesen ist.

Jedenfalls kann man das Buch von Löhde nicht als eine Fortsetzung der Forschungen der anderen genannten ansehen, obwohl sich das doch gerade bei seiner Themenstellung mehr als aufdrängen hätte müssen. Den okkulten Hintergrundmächten in Rußland geht Löhde in seinem Buch aber überhaupt nicht nach.

Interessanterweise hat er das auch schon 1959 - soweit übersehbar - nicht getan in seinem damals erschienenen sechsteiligen Aufsatz "Die Spaltung der Ost- und Westkirche".

Die Stärke sowohl des sechsteiligen Aufsatzes wie des Buches liegt einmal erneut darin, daß sie scharf antikatholisch und antipäpstlich sind auf der gewohnt geistreichen und belesenen, schlagfertigen Linie des Walter Löhde. (Und wie es das nach seinem Tod auffälligerweise innerhalb der Ludendorff-Bewegung nicht mehr gegeben hat.) Es werden die unentwegten Versuche von katholischer Seite, die russisch-orthodoxe Kirche unter den Machtbereich des Papstes zu bekommen, geschildert. Beginnend mit dem "falschen Demetrius" im 17. Jahrhundert bis Mitte der 1960er Jahre. Seit der oberste Jesuit Rußlands 2008 in Moskau brutal ermordet worden ist, was hier auf dem Blog gründlich behandelt worden ist, wird man für diese Vorgänge wieder eine erhöhte Sensibilität bekommen. Seit dem "falschen Demetrius" hat sich in den Bestrebungen der katholischen gegenüber der orthodoxen Kirche und umgekehrt offenbar überhaupt nichts geändert! Man kann das eigentlich nur mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, weil aus dieser Erkenntnis heraus auch viel Licht fällt auf die Hintergründe des russisch-ukrainischen Krieges der Gegenwart (der Moskauer Patriarch steht hinter Putin, der Jesuitenorden und der Vatikan stehen hinter dem Kiewer Patriarchen und der dortigen Regierung).

1973 - Neue Literatur über freimaurerische Geheimbünde wird ausgewertet

Ein Wolfgang Brett beschreibt in dem Aufsatz "Esoterische Glaubenskrise" (MuM, Folge 8, 23.4.1973, S. 341 - 358) eine Einweihungszeremonie des Martinistenordens nach dem Buch "Sectes and Rites" von Pierre Geyraud (Paris 1954).

Dann schreibt er außerdem:

An dieser Stelle mögen zwei Zitate Aufschluß geben, die ich dem Buch "Logen - Rituale - Hochgrade" von Alec Mellor entnehme, einem Nichtfreimaurer, der aber von allen Großlogen hochgelobt wird. Er selbst ist katholischer Rechtsanwalt und Tertiär der S. J., und ihm wurde ein recht weitgehender Einblick in die Freimaurerei gewährt. Mellor führt Oswald Wirth an, der einmal die "Verkörperung der Freimaurerei" genannt wurde.
Wer "Einblick" in die Freimaurerei erhält, erhält sie natürlich nicht, ohne selbst Freimaurer zu werden. Brett bringt dann eine Schilderung der zumeist bekannten Aufnahmezeremonie in die Freimaurerei nach dem Autor Dr. Thöhötöm Nagy:
Nagy ist Jesuit, verließ mit päpstlicher Sondergenehmigung den Orden und trat der Freimaurerei Argentiniens bei, wo er höchste Grade erlangte. Sein Buch "Jesuiten und Freimaurer" (Wien 1969) darf also als beste Quelle angesehen werden.
Hier wird wieder einmal womöglich fast vergessene Literatur genannt, die es sinnvoll sein könnte, einmal erneut zu konsultieren.

/ Dieser Blogartikel wurde in den ersten Teilen erstmals veröffentlicht am 8.3.2015.
Er wurde dann nach und nach ergänzt. /
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  1. Heiber, Helmut (Hg.): Reichsführer! Heinrich Himmler. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1970 (dtv-Dokumente) (397 S.) (Google Bücher)
  2. Wächter, Dieter (d.i. Gunther Duda): Ludendorffiana 1917 - 1937. Im Gedenken an den 20.12.1937. In: Mensch & Maß, Folge 23 und 24, 9. und 23.12.1987, S. 1063 - 1070 und 1111 - 1120 
  3. Strunk, R. u. M. Rikli: Titel Achtung! Asien marschiert! Ein Tatsachenbericht. Drei Masken Verlag, Berlin 1934 (222 S.)
  4. Strunk, J[ohann?es?].: Vatikan und Kreml. Ludendorff-Verlag, München 1934 (40 S.) (mit einem Vorwort von Erich Ludendorff) (9.-11. Tsd.), 1935 (12.-15. Tsd.) (Scribd), 1936, 1937 (19.-21. Tsd.)
  5. Strunk, J.: Zu Juda und Rom - Tibet. Ihr Ringen um Weltherrschaft. Ludendorff München 1937 (70 S.), 1938 (51 S.), 1940 (70 S.), 1941 (16.-24. Tsd.) Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1999 (Faksimile der im 18.-24. Tsd. im Jahre 1941 erschienenen Ausgabe, 69 S.)
  6. Wentzel, Ilse: Die Frau, die Sklavin der Priester. Ludendorffs Verlag, München 1939 (Laufender Schriftbezug 7, Heft 2) (71 S.)
  7. Ludendorff, Mathilde: Presse und Naturwissenschaften. In: Ein Blick in die Werkstatt der Naturwissenschaft unserer Tage. Laufender Schriftenbezug 11/Heft 4,Ludendorffs Verlag, München 1941, S. 12 - 24
  8. Schreckenbach, Kurt (Hg.): Einführung in das Schrifttum zur Abwehr des Okkultismus. Erläutert anhand einer Arbeit von H. Strunk. Ludendorff-Buchhandlung Leipzig C1, Katharinenstr. 5. Im Kriegsjahr 1941
  9. Reiners, Ludwig: Steht es in den Sternen? Eine wissenschaftliche Untersuchung über Wahrheit und Irrtum der Astrologie. Paul-List-Verlag, München 1951, 1953
  10. Winter, Eduard: Rußland und das Papsttum. Akademie-Verlag, Berlin 1960
  11. Leonhard, Wilhelm (d.i. Walter Löhde): Kreml und Vatikan. Ein Kampf um die Macht durch fünf Jahrhunderte. Hans Pfeiffer Verlag, Hannover 1965
  12. Brett, Wolfgang: Esoterische Glaubenskrise. In: MuM, Folge 8, 23.4.1973, S. 341 - 358
  13. Runge, Herbert: Satansspiel Politik - Riesengeschäft Krieg. Geheime Drahtzieher auf der Drehscheibe. Vor der Einberufung lesen! Eigenverlag, Hamburg 1956 (128 S.)

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