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Donnerstag, 24. November 2016

Gerwald Claus-Brunner - Starb er als ein Gegner der Berliner Freimaurerei?

Starb er als Gegner freimaurerischer "Raub- und Beutegemeinschaften"?

Gestern erhielten wir zu unserem vorletzten Blogbeitrag folgenden anonymen Kommentar:

Ich bin ein Mitarbeiter des im Zusammenhang mit Hr. Brunner genannten Betriebes. Schaue bitte auf die ehemaligen Eigentümer dieses Betriebes !! Diesen wurde das leistungslose Einkommen genommen. In der Zeit der Holding waren die BWB ein Tummelplatz gewisser Logenbrüder, die auf Kosten des Betriebes in einem extremen Luxus lebten. Teuerste Fahrzeuge und Partys wurden vom Berliner Wassergebührenzahler bezahlt. Sein inszenierter Tod ist als Zeichen zu sehen.

Die Rede ist von den Berliner Wasserbetrieben (Wiki). Und es ist die Rede von dem Konzern "Veolia Wasser" (Wiki), der derzeit unter der Leitung von Etienne Petit steht, sowie von dem deutschen RWE-Konzern (Wiki), der derzeit unter der Leitung von Rolf Martin Schmitz und Werner Brandt steht. Und mit diesen wenigen Worten werden Zusammenhänge benannt, auf die wir von selbst bestimmt nicht gekommen wären.

Abb. 1: Gerwald Claus-Brunner 2011 (Wiki)

Es stellt sich aufgrund dieses Kommentars für uns zum ersten mal die Frage: Welche Rolle spielen Freimaurerlogen in der Berliner Politik? Wir können schon lange nicht glauben, daß sie keine Rolle spielen würden. Aber in diesem Kommentar hört man zum ersten mal etwas sehr Konkretes darüber. Die Aussagen klingen auf den ersten Eindruck hin echt und plausibel. Sie decken sich zum Teil ja auch mit den Einschätzungen der Partei "Die Grünen" im Berliner Abgeordnetenhaus, die (siehe unten) in diesem Zusammenhang von "Raub- und Beutegemeinschaft" gesprochen hat.

Und lässt man diese neue eingangs zitierte Aussage länger auf sich wirken, fällt einem ein, daß uns schon vor Wochen gesagt wurde, daß ein Familienmitglied von Gerwald Claus-Brunner Freimaurer ist und deshalb unter gewissen Zwängen stünde. Da stellt sich dann die Frage: In welchem Verhältnis stand Gerwald Claus-Brunner zur Freimaurerei? Da er schon sehr gereizt und empört reagierte, als sich der Völklinger Kreis an ihn wandte und anzubiedern versuchte, wird man sich wohl so seinen eigenen Reim machen können, wie er auch zu Zusammenschlüssen wie der Freimaurerei stand. Aber gibt es dazu direkte Äußerungen?

Eine gewisse - zumindest ideologische - Nähe zur Freimaurerei könnte man in der Tatsache sehen, daß er - womöglich auch mit Verweis auf seine jüdische Großmutter - auf sein Twitter-Profil schrieb "Ich bin Jude" und sich einen Davidstern um den Hals hängte. Auch die Kernideologie der Freimaurerei - Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem - ist bekanntlich jüdisch, alttestamentarisch.

Und übrigens war Claus-Brunner ja an zahlreichen Großbauprojekten - auch in Israel selbst - tätig (Jüd. Allg. 11.11.2011). Er sagte zu seinem "Palästinensertuch" (Welt, 3.11.2011):

Er habe das Tuch 1995 von der Gastfamilie geschenkt bekommen, während er als Elektriker im Hafen von Haifa einen Kran repariert habe. (...) „Im Nahen Osten ist das Tuch ein praktisches Kleidungsstück. Es dient als Witterungs- und Sonnenschutz."

Beziehungsweise (TAZ, 5.5.2012):

Im Jahr 1995 hat ein Kollege ihm auf einer Baustelle in Israel, in der Nähe von Haifa, das Palästinensertuch geschenkt (...). „Auf dem Bau hat jeder dort so ein Tuch auf dem Kopf: Gegen die Sonne“, erklärt Claus-Brunner.

Er sagte das, nachdem er von Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland angegriffen worden war. Und er verhielt sich geradezu so, als würde er - als Widerspenstiger - wie in einem Familienstreit agieren mit der Aussage: Ich gehöre doch zu euch. Allerdings als ein Widerspenstiger, der zugleich weiß, wie weit er gehen kann und darf und daß er nicht zu weit gehen darf.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch erwähnenswert, daß Gerwald Claus-Brunner unter anderem am Bau des Gotthard-Basistunnels mitgearbeitet hat, der 2002 begonnen wurde (Wiki) und dessen Einweihungsfeier am 1. Juni 2016 unter Beteiligung der europäischen Regierungschefs ja dadurch von sich Reden machte (Blick, 2.6.2016),

daß es wie eine okkulte Sex-Orgie aussah,

weil sie zahlreiche krass-satanistische Elemente enthielt (SRF, 2.6.2016). So daß viele Anlass hatten, von einer "Illuminaten-Zeremonie" zu sprechen.

"Bauopfer" beim "Tempelbau Salomons"?

War die politische Arbeit von Gerwald Claus-Brunner auch als ein solches "Bauprojekt" konzipiert worden, bei dem es gerne auch einmal Bauopfer (Wiki) geben würde? Dürfen wir das heraushören, wenn wir erfahren: "Sein inszenierter Tod ist als Zeichen zu sehen" - ? Und daran schließt sich die Frage an: Welche Rolle spielte und spielt die Freimaurerei auch in der Piratenpartei Deutschlands, bzw. Berlins, bzw. in der Piraten-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses? Inzwischen ist ja dankenswerter Weise darauf hingewiesen worden, daß zahlreiche Fraktionsmitglieder das von den Piraten hoch gehaltene Transparenz-Prinzip selbst nicht eingehalten haben (siehe Blog: "Die verborgenen Geschichten hinter den Schlagzeilen", 4.10.2016).

Offenbar hat man sich ja in den letzten Jahren häufiger über viele "Verschwörungstheorien" von Gerwald Claus-Brunner lustig gemacht innerhalb - und außerhalb - seiner Fraktion. In vielen seiner "Kleinen Anfragen" spürt man, wenn man es nun so konkret anhand des Eingangszitates hört, heraus, daß er freimaurerähnlichen Filz in vielen Zusammenhängen der Berliner Politik vermutete und unterstellte. Noch in seiner letzten kurzen Rede im Berliner Abgeordnetenhaus vom 23. Juni 2016, in der er am Ende seinen baldigen Tod voraussagte, hatte Gerwald Claus-Brunner im Zusammenhang mit dem neuen Berliner Zeiss-Großplanetarium und seinem Leiter Tim Florian Horn gesagt:

Hier ist offensichtlich sehr viel im Schwarzen, was da auch bleiben soll, (spürbar) anhand der Macht und der Kraft, die investiert wird, um mich in diesem Zusammenhang ruhigzustellen und kleinzuhalten. Das find ich unerhört.

Tim Florian Horn ist Leiter des Zeiss-Großplanetariums geworden aufgrund von persönlichen Beziehungen zu Berliner Staatssekretären, wie man hört, ohne jedenfalls den dafür nötigen Studienabschluss zu besitzen. Hier hatte Gerwald Claus-Brunner in zahlreichen Anfragen "Licht ins Dunkle" bringen wollen, auch auf den merkwürdigen Umstand hingewiesen, daß das Zeiss-Großplanetarium, das einstmals von Erich Honecker eröffnet worden war, ausgerechnet am Geburtstag von Erich Honecker wieder eröffnet worden ist (siehe voriger Blogbeitrag).

Ich kann mich noch gut erinnern, wie im Jahr 2010 oder 2011 auf einem Parteitag der Piraten eine Zuhörerin jemanden öffentlich fragte, ob er für den Geheimdienst arbeite oder ähnlich. Sie wurde von den Zuhörern ausgelacht, was man schon damals sehr bezeichnend finden konnte, und wozu man sich damals schon sagte: Wenn man bei den Piraten für eine solche Frage ausgelacht werden kann, dann kann man von dieser Partei nicht viel erwarten. Diese Partei hat es also zwischenzeitlich bei ihren Mandatsträgern nicht durchgesetzt, daß sie alle Zugehörigkeiten zu Geheimdiensten und -gesellschaften offenlegen.

Im weiteren Blogartikel haben wir einmal begonnen, unser Wissen über den politischen Lebensweg von Gerwald Claus-Brunner chronologisch zusammen zu stellen. Diese Chronologie ist natürlich bislang sehr unvollständig. Sie soll künftig nach und nach durch weitere relevante Angaben vervollständigt werden.

Im Oktober 2009 wurde Gerwald Claus-Brunner Mitglied der Piratenpartei (Berl. Ztg., 22.9.2016).

Im Jahr 2010 gab es eine Auseinandersetzungen rund um die Teilnahme der Piraten am Christopher Street Day in Berlin, Christopher Lauer agierte schon damals, so wird von mehreren Seiten berichtet, als ein ausgesprochener Gegner von Gerwald Claus-Brunner (S. Lange, 19.9.16).

Im Jahr 2011 kommen die Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus.

Mai 2012: Gerwald Claus-Brunner reagiert äußerst gereizt auf eine anbiedernde Einladung an ihn von Seiten des Völklinger Kreises. Er verbittet sich von diesem "Kreis" jede weitere Kontaktaufnahme. Er zeigt klare Kante. Ein solches Verhalten ist bislang von kaum einem anderen deutschen Politiker bekannt geworden. Derzeitige AfD-Politiker zum Beispiel fühlen sich sehr geehrt und gebauchpinselt, wenn sie von diesem "Völklinger Kreis" eingeladen werden. Es ist für sie eine Art "Eintrittskarte" in das etablierte Establishment, ein Zeichen dafür, daß sie künftig Erfolg haben werden. Womit man dann sehr viel weiß. Wenn nicht alles ....

4. Dezember 2012: "Die Raub- und Beutegemeinschaft der (teil)privatisierten Berliner Wasserbetriebe"

Am 4. Dezember 2012 schreibt die Berliner Fraktion der Grünen als Pressemitteilung auf ihrer Internetseite zu den Erörterungen rund um die Berliner Wasserbetriebe (Bündnis 90/ Die Grünen „Sonderausschuss Wasserverträge ist gescheitert“ vom 14.12.2012; Hervorhebung nicht im Original):

Durch die von der großen Koalition im Jahr 1999 beschlossene Teilprivatisierung wurde eine Raub- und Beutegemeinschaft von privaten Investoren und dem Land Berlin vereinbart. Sie geht zu Lasten der Berliner Wasserkunden und wurde oft und lautstark kritisiert und gerichtlich beklagt. Die öffentliche Empörung über die Teilprivatisierung und die vereinbarten Gewinngarantien kulminierte in der erfolgreichen Volksabstimmung. Unzweifelhaft war die Intention des Wassertisch-Gesetzes und der abstimmenden Bevölkerung darauf gerichtet, die Nachteile der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe nicht weiter zu ertragen. Dazu hätten die Verträge der Teilprivatisierung aufgelöst werden müssen. Die SPD- und CDU-Fraktionen waren und sind offensichtlich nicht gewillt, die Raub- und Beutegemeinschaft aufzukündigen. Stattdessen wurden die Anteile eines der privaten Investoren übernommen, um das Land weiter im bestehenden Vertragsgefüge zu belassen. Gerade vor dem Hintergrund der Preissenkungsverfügung des Bundeskartellamts muß die politische Entscheidung von SPD und CDU als Entscheidung gegen die Interessen der Berlinerinnen und Berliner angesehen werden. 

Am 21. März 2013 schreibt Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil:

Leute die mir vorwerfen das ich mich Parteischädigend verhalte sollten mal dringend ihren Differenzierungsmonitor kalibrieren lassen. Dabei mal schauen was so in der Vergangenheit an Parteischaden angerichtet wurde und welche Vorgänge dabei eine Rolle spielten. Wer es trotzdem ggü meiner Person mit dieser Art von Vorwürfen weiterbetreibt darf damit rechnen das ich die entsprechende Person einfach nicht mehr ernstnehmen kann.

Und auf eine Zwischenrede einer Facebook-Freundin:

Wie gesagt bei "Parteischädigend" geht bei mir immer der gesamte film an der mit Bodo T anfängt usw usw.. 

Bodo T. hatte wegen "geschichtsrevisionistischer" Äußerungen innerhalb der Piratenpartei 2008 und 2012 Kontroversen ausgelöst (Wiki). Am 9. April 2013 tickt Christopher Lauer in einer Fraktionssitzung gegenüber Gerwald Claus-Brunner aus. Dies ist Anlass für einen TAZ-Artikel. In dieser Fraktionssitzung ging es erst um die Organklage der Piratenpartei Berlin beim Verfassungsgericht Berlin mit Unterstützung des Berliner Wassertisches, zum zweiten um den fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehr. Siehe Youtube: ab etwa der 5. Minute referiert Gerwald Claus-Brunner, ab 24'10 spricht Christopher Lauer, ab 54. Minute äußerst sich Lauer ungehalten über die Dauer der Debatte, ab der 60. Minute spricht Sigrun Franzen vom Wassertisch, ab 1 Std., 48 Min. ist plötzlich der Ton weg während Christopher Lauer zum nächsten Thema spricht, nämlich dem kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, zu dem Claus-Brunner ebenfalls sehr engagiert ist. Ab 1 Std. 50 Min. schlägt Christopher Lauer dabei mit den Fäusten auf den Tisch. Und die TAZ fragt mit recht, warum hier plötzlich der Ton weg ist.

April 2013: Organklage der Piratenpartei Berlin beim Verfassungsgericht Berlin

September 2013: Parteiordnungsverfahren gegen Sigrun Franzen

Oktober 2014, Gerwald Claus-Brunner twittert:

Es darf gelesen werden: sigrun-franzen.de Text spricht für sich alleine.

Ende 2014: Jan Mirko L. kündigt seine Stelle im Abgeordnetenbüro von Gerwald Claus-Brunner (Stern, 30.10.2016).

Am 16. Februar 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf sein Facebook-Profil:

Mit dem Wissen von heute würde ich mich 2009 an der Uni eingeschrieben haben anstatt in eine politische partei zu gehen. Wäre dann heute wohl am Maschinen konstruieren die den menschen scheißarbeit abnehmen.

Am 28. Februar 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil - so wie er auch kurz vor seinem Tod schreiben sollte:

Heute ist/war mal wieder ein Kacktag....

Am 21. März 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil:

Bedanke mich noch einmal bei allen die gestern die Courage und /oder die Zeit hatten zu meinem Ein Jahres Bürojubiläum erschienen sind! Bis zum Abend um ca 22 uhr haben wir schön gefeiert. Das zweijährige wird auch noch zelebriertwerden. dnach versagt leider meine Glaskugel.

Am 31. Mai 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil:

Was macht man eigentlich wenn der Herzmensch offensichtlich Opfer einer Sekte wurde und sich nix sagen lassen möchte? Und die Sekte sich sehr raffiniert tarnt,also von außen nicht als solche erkennbar ist. (Nein die scientologen sinds diesmal nicht ) - - - Ich möchte den mensch da gerne raus haben bevor sie den ganz umerzogen haben! Orrr! - - - Wird aber schwierig wenn $sekte ihm einredet das menschen wie ich ihn vom einzig wahren weg abbringen wollen und ihn inzwischen für zig Dinge einspannen so daß er kaum zeit über hat weil eben auch von natur aus noch den einen oder anderen Nachteil mitbekommen hat,... 

Und auf die Rückfrage, was das für eine Sekte sei:

Nennt sich AMMA 

Am 18. Juni 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil:

Verdammte sekte , sie hat den Wuschelkopf völlig gebrainwashed... wieß echt nicht mehr weiter....

Am 4. Juli 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil:

Leider wird man immer wieder mal verarscht, insbesondere von den Menschen die man eigentlich ganz nett findet und mit ihnen auch schon Dinge unternommen hat. Scheinbar bin ich wohl zu veraltet was das pflegen von sozialen kontakten angeht. Aber wenn man immer derjenige ist von dem die kommunikation ausgeht aber nicht von der anderen seite dann kann man das ganze wohl abschreiben oder wie seht ihr das ganze. irgendwie ist das in den letzten jahren immer der fall das ich wenn ich nix mach auch keiner mal sich bei mir meldet. Und der Herzmensch derzeit leider in eine sekte abrutscht so daß man ihn mit diesen dingen auch nicht unbedingt behelligen kann. :(

Am 21. August 2015 schreibt Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil:

Sorry aber wer sich bei der Mobberclique im LV Berlin anbiedert der braucht bei mir nicht mehr anzukommen, dazu ist mir meine Lebenszeit dann doch zu wertvoll!

3. Oktober 2015: Parteiordnungsverfahren gegen Sigrun Franzen wird zurückgenommen

15. Dezember 2015: Wahlkampfvorbereitungen für Berlin mit langen Redebeiträgen von Gerwald Claus-Brunner (s. Youtube), an denen erneut erkennbar wird, wie aktiv und engagiert er ist, und wie sehr er in der Partei anerkannt ist.

Januar 2016: Antrag auf Ausschluss von Gerwald Claus-Brunner aus der Fraktion. Als Grund wird auch sein Twitter-Verweis auf die Internetseite von Sigrun Franzen angeführt. Außerdem (Focus, 21.9.16):

Auf dem Aufstellungsparteitag für die Berliner Abgeordnetenhauswahl im Januar (2016) wurde Claus-Brunner schließlich abgestraft. Einen Platz zwischen 1 und 7 auf der Landesliste hatte er sich gewünscht. Er landete auf Listenplatz 26 von 29. „Damit hatte er nicht gerechnet. Die Partei hat einen großen Teil seines Lebens ausgemacht“, sagt ein Vertrauter. Die positive Bestätigung, die seine Partei dem 44-jährigen immer gegeben hatte, war weg. Daß er durch den tiefen Fall der Piratenpartei zudem sein Mandat und somit seine Einnahmequelle im September verlieren würde, war schon länger klar.

Am 21. Februar 2016 veröffentlicht Gerwald Claus-Brunner folgende Liste auf seinem Facebook-Profil:

Nicht darüber reden niemals vergessen!
Gerhard Anger, ehem. Landesvorsitzender Piratenpartei Berlin
Monika Belz, Mitglied BVV Treptow-Köpenick
Leonard Bellersen, Generalsekretär Junge Pirat*innen
Benjamin Biel, ehem. Pressesprecher Piratenpartei Berlin
Florian Bokor, ehem. Vorstand Piratenpartei Sachsen
Joachim Bokor, ehem. Justiziar Piratenpartei Deutschland
Frederik Bordfeld, Mitglied BVV Pankow
Marius J. Brey, ehem. Piratenpartei
Steffen Burger, Mitglied BVV Neukölln
Katja Dathe, ehem. Schatzmeisterin Piratenpartei Berlin
Martin Delius, Mitglied des Abgeordnetenhauses
Konstanze Dobberke, ehem. Piratenpartei
Cornelius Engelmann-Strauß, Mitglied BVV Treptow-Köpenick
Anisa Fliegner, Sprecherin BAG Netzpolitik die LINKE
Marcel Geppert, Mitglied BVV Marzahn-Hellersdorf
Björn Glienke, Bürgerdeputierter Marzahn-Hellersdorf
Anne Helm, Mitglied BVV Neukölln
Oliver Höfinghoff, Mitglied des Abgeordnetenhauses
Michael Karek, ehem. Vorstand Piratenpartei Berlin
Jan Kastner, ehem. Kandidat für die Piratenpartei Deutschland
Steven Kelz, Mitglied BVV Marzahn-Hellersdorf
Martin Kliehm, Fraktion DIE LINKE Römer Frankfurt a.M.
Fabian Koleckar, ehem. Vorstand Junge Pirat*innen Berlin
Lasse Kosiol, Mitglied BVV Spandau
Matthias Koster, ehem. Vorstand Piratenpartei Trier
Andreas Krämer, ehem. Vorstand Piratenpartei Bremen
Peter Laskowski, Bundeskoordinierungskreis der Ema.Li
Hartmut Liebs, ehem. Piratenpartei
Steffen Ostehr, Mitglied BVV Marzahn-Hellersdorf
Julia Schramm, ehem. Bundesvorstand Piratenpartei Deutschland
Volker Schröder, Mitglied BVV Treptow-Köpenick
Daniel Schwerd, Mitglied des Landtages NRW
Dr. Benedict Ugarte Chacón, ehem. Piratenpartei
Dr. Simon Weiß, Mitglied des Abgeordnetenhauses
Jan Zimmermann, ehem. Vorstand Piratenpartei

Was will er mit dieser Liste sagen? Julia Schramm und Dr. Benedict Ugarte Chacón stehen auf der Liste, zwei Personen, mit denen sich, soweit übersehbar Gerwald Claus-Brunner nicht so gut verstand.

23. April 2016 - Maßband

Am 23. April 2016 postet Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil unter den beiden Hashtags "agh16" und "maßband" dieses Foto:

Abb. 2: Das Maßband von Gerwald Claus-Brunner
Foto auf seinem Facebook-Profil am 23.4.2016

Eine Facebook-Freundin fragte dazu: "So schlimm?" und Gerwald Claus-Brunner antwortete: "Nee nur eben deutlich machen das es nicht mahr allzulange ist bis zum Wahltag". - "aber danach mußte auch noch bis ende Oktober durchhalten" - "nja die 5 wochen gibts ja nur 5x petausschuß und der macht ja auch spaß und hilft den Bürgern..." Die Freundin hat es also so aufgefasst, als ob Gerwald Claus-Brunner heilfroh wäre, nicht mehr Abgeordneter zu sein.

19. Mai 2016: Geburtstagsfeier von Gerwald Claus-Brunner, sein Freund, vormaliger Büromitarbeiter und zeitweiliger Lebenspartner Jan Mirko L. ("Wuschelkopf") ist anwesend (Stern, 30.10.2016).

1. Juni 2016 (Stern, 30.10.2016):

Am 1. Juni zeigte der Pirat (Gerwald Claus-Brunner) Jan Mirko L. wegen Verleumdung an. "Die Anzeige dient meinem Selbstschutz, um den falschen Verdächtigungen etwas entgegenzusetzen, weil damit meine Reputation und Leumund nachhaltig beschädigt wird", gab der Politiker bei der Berliner Polizei zu Protokoll. Claus behauptete, Jan Mirko L. würde herum erzählen, daß er "mehrfach" in dessen Wohnung eingebrochen sei und "dort Spionage/Videokameras installiert" habe. Er denunzierte Jan Mirko L. als Verrückten: "Herr Mirko L. sollte ob dieser paranoiden Wahnvorstellung einen Facharzt aufsuchen, da hier offensichtlich eine schwere Persönlichkeitsstörung vorliegt."

Den gleichen gehässigen "Ratschlag" - zum Arzt zu gehen - sollte Gerwald Claus-Brunner von Alexander Morland während seiner Rede im Abgeordnetenhaus bekommen. Die Fotos, die mit solchen Spionagekameras erstellt werden können, haben auch andere Mitarbeiter von Claus-Brunner auf dessen Computer gesehen. So wurde mir (I.B.) im persönlichen Gespräch von einem solchen ehemaligen Mitarbeiter bestätigt.

4. Juni 2016: Noch hundert Tage bis zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses. Gerwald Claus-Brunner trägt ein Meterband, an dem er täglich einen Tag abschneidet. Er rechnet mit seinem baldigen Lebensende, sagt, daß ihm sieben Ärzte bestätigt hätten, daß er an einer unheilbaren Krankheit litte. Wer wohl sinnbildlich mit diesen "sieben Ärzten" angesprochen sein soll? Ein wenig fühlt man sich an Shakespeare's hilfreichen Apotheker ("o wack'rer Apotheker! Dein Trank wirkt schnell" - aus "Romeo und Julia") erinnert. Es ist ja bekannt, daß sich manche Logen das Recht auf Geheimgerichtsbarkeit und Mordurteile zusprechen (s. z.B. Wiki). Im Nachhinein erscheint es auch vielen Nahestehenden so, als ob dieses Maßband zugleich die letzten Tage bis zu seinem "vorgesehenen" Lebensende beinhalteten.

Es drängt sich der Eindruck auf, daß ihm sein Tod angekündigt worden ist und zwar schon etwa zwei Jahre vor seinem Tod. Denn siehe oben seine Worte: "dnach versagt leider meine Glaskugel". Sollte Gerwald Claus-Brunner - widerspenstiges?, widerwilliges? - Mitglied einer regulären und/oder irregulären Freimaurerloge gewesen sein, dann konnte er wissen, daß sich solche Logen sehr gerne einmal das "Recht" herausnehmen und zusprechen, über Leben und Tod ihrer Mitbrüder mittels Geheimgerichtsbarkeit zu urteilen (s. z.B. Wiki). Womöglich nennen sich solchen Brüder dann auch ... die "sieben Ärzte". Ärzte, die "hilfreich" zur Seite stehen, wenn jemand vom Leben zum Tod befördert werden "soll" oder - angeblich - befördert werden "will".

23. Juni 2016 - "Es wird viel Kraft investiert, mich ruhig zu stellen und klein zu halten"

Am 23. Juni 2016 hält Gerwald Claus-Brunner im Berliner Abgeordnetenhaus seine letzte - kurze - Rede. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" wird nach seinem Tod darüber schreiben (FAS, 25.9.16):

Es wurde immer bizarrer. Claus-Brunner sah überall Verschwörungen und erhob haltlose Korruptionsvorwürfe, etwa bei der Stiftung der Berliner Planetarien und Sternwarten. Das war auch das Thema seiner letzten Rede im Parlament, in der er seinen Selbstmord andeutete.

Auffallenderweise wird diese Rede selten vollständig zitiert. Das soll deshalb im folgenden getan werden und dazu das Video der Rede selbst eingestellt sein:

Es ist schon hochgradig auffällig, was für eine hämische, höhnische Stimmung insgesamt in diesem Abgeordnetenhaus vorherrscht. Wer möchte sich einer solchen Stimmung eigentlich aussetzen? Wenn man sich die Reden anderer an diesem Tag ansieht, wird deutlich, daß sich diese respektlose, höhnische Stimmung nicht nur auf Gerwald Claus-Brunner bezog. Vielleicht sind Berliner Politiker vieler Parteien so. Der Zuruf "Geh mal zum Arzt" klingt jedenfalls - leider - nicht sehr besorgt. Er scheint aus Claus-Brunners eigener Fraktion zu stammen, womöglich von Alexander Morland. Jedenfalls sagt Gerwald Claus-Brunner laut des Sitzungsprotokolls (Parlament-Berlin) (leicht korrigiert entsprechend der Videoaufnahme) folgendes (Hervorhebung nicht im Original):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Senatoren beliebigen Geschlechts! Sehr geehrte Kollegen beliebigen Geschlechts! Sehr geehrte Gäste beliebigen Geschlechts!
[Zuruf von der CDU: Mein Geschlecht ist nicht beliebig!]
Es wird hier ein Gesetz beschlossen, bei dem ich schon seit zwei Jahren mit Schriftlichen Anfragen - 20 Stück an der Zahl - versucht habe, auch in diesem Bereich von Filz und Korruption Licht ins Dunkle zu bringen. Ich wurde dabei auch von der eigenen Fraktion, von den eigenen Kollegen angegriffen und diesbezüglich bezichtigt.
[Andreas Gram (CDU): Was?]
Das finde ich nicht in Ordnung. Und ich finde es auch nicht in Ordnung, daß über den Inhalt dieser Schriftlichen Anfragen hinweggesehen wird, daß der Senat die Schriftlichen Anfragen teilweise ungenügend beantwortet hat, sodaß mehrfach Nachfragen mehrfach notwendig waren und trotzdem hier kein Licht ins Dunkle gebracht werden konnte. Hier ist offensichtlich sehr viel im Schwarzen, was da auch bleiben soll anhand der Macht und der Kraft, die investiert wird, um mich in diesem Zusammenhang ruhigzustellen und kleinzuhalten. Das find ich unerhört. Und dementsprechend ...
[Zuruf von Alexander Morlang (PIRATEN)]
- Sei still, Alex! Das kannst du ein anderes Mal machen. Ich finde das nicht in Ordnung von dir. So.
[Unruhe]
Gerade du! So. Im Allgemeinen möchte ich mich noch einmal bei allen bedanken, die hier im Haus mit mir zusammengearbeitet haben. Ich werde ...
[Zuruf: Geh mal zum Arzt!]
- Ja, mach mal weiter so! Könnt ihr gerne alles machen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ihr werdet ab dem 18. 9. es noch bereuen, daß es diese Fraktion, der ich angehöre, nicht mehr geben wird.
[Dr. Manuel Heide (CDU): Da bin ich nicht so sicher!]

Doch, ich tue das, das heißt: ich bereue das, seitdem ich in den letzten Tagen zur Kenntnis nehmen konnte, welchen geraden politischen Lebensweg Gerwald Claus-Brunner bis zu seinen letzten Lebenstagen hinter sich brachte und wie viel Anerkennung dieser Umstand auch innerhalb seiner Partei fand, wenn auch nicht - offenbar - innerhalb seiner Fraktion. Weiter sagt er:

Das werde ich euch so sagen. Und ihr werdet auch in der laufenden Legislaturperiode für mich am Anfang irgendeiner Plenarsitzung mal aufstehen dürfen und eine Minute stillschweigen. - Vielen Dank, das war's!
[Beifall von Dr. Uwe Lehmann-Brauns (CDU)]
Vizepräsidentin Anja Schillhaneck: Vielen Dank, Herr Abgeordneter! - Eine kurze Anmerkung: Zwischenrufe wie „Geh mal zum Arzt!“ oder Ähnliches sind wirklich unangemessen!
[Beifall bei der SPD, der CDU und den GRÜNEN]
Das sollten Sie bitte unterlassen!

Auch über den Satz von Gerwald Claus-Brunner "Es wird viel Kraft investiert, mich ruhig zu stellen und klein zu halten," hat natürlich im Nachhinein niemand Anlaß, mit Flüchtigkeit hinweg zu gehen, auch nicht über die hier wahrnehmbare zutiefst hämische Stimmung im Berliner Abgeordnetenhaus im Allgemeinen und in der Piratenfraktion im Besonderen. - Wie kann eigentlich die Staatsanwaltschaft Berlin nach 48 Stunden die Ermittlungen zu den Umständen des Todes dieses Politikers einstellen, wenn ein solcher Satz Bestandteil seiner letzten Rede ist?

Wie ist im übrigen die Formulierung "in der laufenden Legislaturperiode" einzuordnen in Verbindung mit der Formulierung "irgendeine Plenarsitzung"? Grob finden zwei Vollversammlungen, also Plenarsitzungen, pro Monat statt. Allerdings stand am 23. Juni die Sommerpause bevor und am 18. September war Neuwahl, also konnten eigentlich nicht mehr gar so viele Plenarsitzungen "in der laufenden Legislaturperiode" erwartet werden. De facto hat in der damaligen laufenden Legislatur nach dieser Plenarsitzung vom 23. Juni nur noch eine Plenarsitzung stattgefunden, nämlich die 85. am 8. September 2016. Am 27. Oktober 2016 folgte dann die konstituierende Sitzung der nächsten Legislaturperiode (siehe als Übersicht etwa: RBB Abgeordnetenhaus). Darf man dieser Äußerung entnehmen, daß Gerwald Claus-Brunner - trotz des genannten Maßbandes - doch nicht ganz so konkrete Gedanken darüber hatte, wann genau er in den nächsten Monaten sterben würde?

23. Juni 2016: Am gleichen 23. Juni 2016 taucht ein gefälschtes Facebook-Profil von Jan Mirko L. auf (Stern, 30.10.2016), durch das sich dieser "verfolgt" ("gestalked") fühlt. Gibt es Beweise dafür, daß Gerwald Claus-Brunner selbst dieses Profil erstellt hat?

27. Juni 2016: Jan Mirko L. stellt Strafanzeige gegen Gerwald Claus-Brunner wegen Nachstellung. (Stern, 30.10.2016). Von dieser Anzeige hat Gerwald Claus-Brunner womöglich nie etwas erfahren.

7. Juli 2016: "Sie hatten die Pest an Bord"

Der Journalist Johannes Schneider schreibt über die eben zitierte Rede in einem Artikel mit dem zutiefst hämischen Titel "Sie hatten die Pest an Bord" (Tagesspiegel digital, 5.6.16 [sic!, wohl falsch datiert, wohl eher: 5.7.2016]):

Ein zitierfähiges Beispiel für verkommene Sitten: Da kommentiert Gerwald Claus-Brunner - das ist der mit dem Kopftuch und der Latzhose - im Abgeordnetenhaus ein Gesetz zur Zusammenführung der Planetarien und Sternwarten in eine Stiftung. Es ist Claus-Brunners letzte Wortmeldung im Parlamentsplenum vor der Sommerpause und mutmaßlich die letzte hier in seinem Leben. Im September wird gewählt, Claus-Brunner steht auf Platz 26 der Landesliste der Piraten, die in Meinungsumfragen zuletzt zwischen nicht meßbar und drei Prozent lagen. Er spricht von seinen Mühen, mit schriftlichen Anfragen - 20 an der Zahl - „in diesem Bereich von Filz und Korruption Licht ins Dunkle“ zu bringen. Leider seien die aber unzureichend beantwortet worden. So richtig verständlich machen, wo das Problem liegt, kann Claus-Brunner in dem kurzen Beitrag nicht. Auch nach fast fünf Jahren im Parlament wirkt er am Rednerpult seltsam deplatziert, wibbelt in der Hüfte, während er schematisch zwischen abgelesenen Phrasen und strengen Blicken ins Publikum wechselt.

Diesen Eindruck der Autor dieser Zeilen so nicht wahrnehmen. Man erlebt einfach einen Menschen, der - womöglich - nicht so stromlinienförmig agiert und spricht wie alle anderen. Aber sonst äußert er immer, wo man ihm auch zuhören kann, sehr klare, kluge, durchstrukturierte Gedanken. Weiter schreibt Johannes Schneider über die Blicke von Gerwald Claus-Brunner:

Die treffen auch die eigene Fraktion: Auch sie habe ihn nicht unterstützt, angegriffen gar. „Geh mal zum Arzt!“, ruft irgendwann Alexander Morlang, Sprecher für Forschung und Technologie mit langen Haaren und offenkundig kurzer Zündschnur, und bekommt daraufhin von Parlaments-Vizepräsidentin Anja Schillhaneck zu hören, daß „Geh mal zum Arzt!“ ja wohl „mal gar nicht“ gehe. Tage später wird Schillhaneck sagen, sie habe da eine Fraktion am Tiefpunkt erlebt. 

Johannes Schneider porträtiert am Ende seines Artikels 10 der 15 Mitglieder der Piratenfraktion, und zwar letztlich sogar recht wohlwollend. Gerwald Claus-Brunner allerdings ist nicht dabei.

17. August 2016: Jan Mirko L. lernt auf dem Elblichtfestival bei Magdeburg eine neue Freundin kennen: Anne W. (Stern, 30.10.2016). Am gleichen Tag vormittags postet Gerwald Claus-Brunner auf seinem Facebook-Profil ein Foto von sich mit einem Lichtschwert:

Abb. 3: "Die dunkle Seite der Macht"
Foto auf dem Facebook-Profil von Gerwald Clauss-Brunner vom 30.6.2013 und 17.8.2016

Er setzt dazu den Hashtag "ausgruenden". (Am 30. Juni 2013 hatte er das Foto übrigens schon einmal gepostet und damals dazu geschrieben: "Die dunkle Seite der Macht ...") Vier Stunden später postet er ein Musikvideo von "Seal" ("Crazy") und schreibt dazu:

widme ich jatzt auch dem lieben Wuschelkopf! hab dich lieb Jan Mirko!

Ende August soll Gerwald Claus-Brunner, was in der Boulevard-Presse ("Bild-Zeitung") genüßlich breit getreten worden ist (wozu aber der "Bildblog" sehr kritische Worte fand) ein Gerät bestellt haben, das im Geschlechtsleben manches Homosexuellen eine Rolle spielen mag, zudem aber in einer Größe, die sonst nicht hergestellt wird (Promiflash, 27.9.16):

Der Auftrag sollte so schnell wie möglich geliefert werden.

Man kann nur wenig konkrete Schlußfolgerungen aus dieser Angabe ziehen, jedenfalls muß man nicht zwangsläufig solche aus ihr ziehen, wie sie in der Boulevard-Presse nahegelegt werden. (Schließlich kann ein solches Gerät ja auch rein symbolischen Charakter haben.)

Donnerstag, den 15. September 2016

Über den Todestag von Jan Mirko L., Donnerstag, den 15. September 2016, wird berichtet (Stern, 30.10.2016):

Am Morgen des 15. September fuhr er zu der Flüchtlingsfamilie, paßte auf die afghanischen Kinder auf. Mittags kehrte er zurück, aß mit Anne. "Er war gut drauf", sagte sie später. Gegen 14 Uhr ging L. erneut aus dem Haus, er wollte zu einem Freund, Tischtennis spielen. Anne W. blieb allein zurück, verließ die Wohnung gegen 17 Uhr. Die beiden hatten sich für den späteren Abend lose verabredet. Noch war nicht klar, wer bei wem übernachten würde.

Nachmittags war Gerwald Claus-Brunner an seinem Wahlkampfstand. Seine große Kiste benutzte er schlicht für den Transport der Materialien seines Wahlkampfstandes. Kurz nach 18 Uhr kaufte er in einem Kiosk ein. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schreibt (FAS, 25.9.16):

Drei Stunden später stand er vor der Wohnungstür seines Opfers. Ein Nachbar gab an, erst einen erstaunten Ruf gehört zu haben und dann einen dumpfen Knall. Laut Staatsanwaltschaft starb Jan Mirko L. an stumpfer Gewalt gegen den Oberkörper. (...) Zwei Stunden später trug Claus-Brunner die Leiche in jenem schwarzen Kasten aus dem Haus und transportierte sie auf der Sackkarre in seine elf Kilometer entfernte Wohnung. 

Fotos von der Wohnung von Jan Mirko L. zeigen nicht auf, daß in dieser irgendwelche körperlichen Auseinandersetzungen stattgefunden haben. Das Bett sieht schlicht so aus, als ob da gerade jemand aufgestanden sei. Weiter wird berichtet (Stern, 30.10.2016):

Spätabends las eine Piraten-Mitarbeiterin einen Tweet von Gerwald Claus auf Twitter. "Mein Herzmensch wurde heute in Berlin totgeschlagen." Wenig später war der Tweet gelöscht.

Hier spricht Gerwald Claus-Brunner in der dritten Person: "wurde totgeschlagen". Der Wortlaut wäre auch vereinbar mit einem Tathergang, bei dem er von dem Mord Kenntnis hatte, vielleicht während desselben anwesend war, aber nicht selbst der Täter war. Gab es Zeugen, die beim Abtransport der Kiste durch das Treppenhaus eine zweite Menschenstimme hörten?

Freitag bis Sonntag, 16. bis 18. September 2016

Am Freitag, den 16. September 2016 veröffentlicht Gerwald Claus-Brunner die Twitter-Nachricht:

Echter Kacktag heute, übertrifft sämtliche schlechten Tage, die ich je erlebt hatte bisher. Hoffe, das Wochenende macht's besser. 

Dieser Nachricht ist die Erwartung des Weiterlebens zu entnehmen. Wenn er selbst nicht der Täter war, den Täter aber zugleich decken wollte, vielleicht mußte, würde es womöglich Sinn machen, so zu schreiben. Außerdem wird berichtet (Berl. Ztg., 22.9.2016):

Am selben Tag soll er Bekannten gesagt haben, daß er sich in die Psychiatrie einweisen wolle.

Auch wenn er nur Mitwisser eines Mordes war, hätte er dazu natürlich Grund sehen können. Vielleicht hätte die Psychiatrie dann auch ein Schutz für ihn sein können. Am Nachmittag veröffentlichte er auf Twitter ein Foto von Jan Mirko L. in der S-Bahn und schrieb dazu:

Meine Liebe, mein Leben, für dich lieber Wuschelkopf, für immer und ewig!

Spätestens am Samstag, den 17. September 2016, können der Abschiedsbrief und das Abschiedspaket bei der Post aufgegeben worden sein. Am Sonntag, den 18. September 2016, fand die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin statt. Es wird berichtet (Berl. Ztg., 22.9.2016):

Am Sonntag, dem Wahltag, setzte Claus-Brunner mit einem Stromschlag seinem eigenen Leben ein Ende. 

Montag, den 19. September 2016: "Was er zusagt, hat er sehr ernst genommen" 

Die weiteren Ereignisse am Montag, den 19. September 2016 (Tagesspiegel, 21.9.16):

Am Montagvormittag soll laut dem Vorsitzenden der Berliner Piraten, Bruno Kramm, ein Abschiedsbrief Claus-Brunners in einem Parteibüro angekommen sein. Ein Mitarbeiter habe den Brief geöffnet und die Polizei benachrichtigt.

Und (Stern, 30.10.2016):

Am 19. September ging gegen Mittag ein Brief im Büro der Berliner Piratenpartei ein. "Wenn Ihr das hier lest, bin ich tot. Bitte informiert die Polizei und gebt ihr den Wohnungsschlüssel, den ich beigelegt habe." Die Feuerwehr öffnete die Tür zu Claus' Wohnung und fand die Leichen von Gerwald Claus und Jan Mirko L. Im Flur stand ein Müllsack mit Kabelbindern, mit denen das Opfer offenbar für den Transport im Koffer gefesselt wurde. Bei der Obduktion stellten die Gerichtsmediziner fest, daß Jan Mirko L. neun gebrochene Rippen hatte. Sie gehen davon aus, daß Gerwald Claus auf dem Brustkorb seines Opfers kniete, als er es erwürgte.

Über die ersten Reaktionen innerhalb der Piratenpartei wird berichtet (Tagesspiegel, 21.9.16):

Noch vor Bekanntwerden der Mordvorwürfe hatte sich Kramm betroffen geäußert. Er stehe in Kontakt mit Brunners Bruder in den USA, um ein mögliches öffentliches Begräbnis vorzubereiten. „Parteimitglieder aus ganz Deutschland haben mich kontaktiert, weil sie sich persönlich von Faxe verabschieden wollten“, sagte Kramm. „Faxe“ war der Spitzname Claus-Brunners. Bereits am Montagabend hatten Claus-Brunners alte Parteifreunde zu einer Trauerfeier vor seinem Bürgerbüro in Steglitz aufgerufen. „Obwohl wir die Einladung spontan verschickt haben, sind viele Menschen gekommen, haben getrauert und sich an die gemeinsame Zeit mit Faxe erinnert“, sagte Kramm.

Auf Twitter meldeten sich zahlreiche Menschen zu Wort, die Gerwald Claus-Brunner kannten. Eine "Natalie" @Mermaid_ip schrieb über Gerwald Claus-Brunner, der auf Twitter den Namen @RealDeuterium hatte (Twitter):

Auf dem BPT11 vertraute mir @RealDeuterium an, der politische Kampf sei das einzige, was ihn am Leben hält - das klang ernst. #Faxe 

2011 fanden zwei Bundesparteitage statt, am 14./15. Mai in Heidenheim an der Brenz und am 3./4. Dezember 2011 in Offenbach am Main. Letzterer schon nach dem Einzug der Berliner Piraten ins Abgeordnetenhaus. Womöglich hatte Gerwald Claus-Brunner also schon 2011 mit dem Leben abgeschlossen und wollte nur noch so viel als möglich politisch aus diesem herausholen. Ein Buck Rogers schrieb (Twitter):

@piratenberlin -- Faxe hatte es schwer, seine Auffassung gegen 14 MdA. Echte Freunde hatte er wenige. Wir haben echten Piraten verloren.

Jessica Miriam Zinn ‏@JeZ_Zc (Twitter):

Auf #Faxe konnte man sich immer verlassen. Was er zusagt, hat er immer gemacht und das sehr ernst genommen. Er hat gute Arbeit abgeliefert. So viele Aktionen von #Faxe haben mich erfreut, soviel wo er einfach angepackt hat, anstatt lang zu diskutieren. Soviel was wir so schätzten.

Mittwoch, 21. September 2016: Claus-Brunner war "eine sehr schwer geführte Persönlichkeit"

Am 21. September 2016 wird ein schriftliches Geständnis von Gerwald Claus-Brunner bekannt (Stern, 30.10.2016):

Zwei Tage später überließ ein Exfreund von Gerwald Claus der Polizei ein ungeöffnetes Päckchen, das der Abgeordnete ihm vor seinem Tod geschickt hatte. In dem Päckchen fand die Kripo ein paar Geldbündel, das Testament des Politikers - und sein Geständnis: "Ich habe am 15. September um ca. 22 Uhr Mirko im Affekt getötet. Ich kann ohne ihn nicht leben und folge ihm."

Klingt der Wortlaut dieser beiden Sätze wirklich so als seien sie von Gerwald Clauss-Brunner? Klingen sie nicht sehr formell? Geradezu so als hätte sie ein Jurist formuliert? Warum zum Beispiel soll in einem solchen Schreiben kurz bevor man sich selbst das Leben nimmt noch eine so genaue Zeitangabe wichtig sein wie "um ca. 22 Uhr"? - ??? - - -

Kriminologe Prof. Lorenz Böllinger: "Eine sehr schwer geführte Persönlichkeit"

Am selben 21. September 2016 veröffentlicht die "Welt" ein kurzes Interview mit dem Kriminologen Prof. Lorenz Böllinger. Wirklich erstaunlich schnell hat er eine Deutung parat. Und dabei gebraucht er, wenn man möchte, doch ein wenig auffällige Formulierungen. Denn er sagt (Welt, 21.9.2016):

Es muß sich hier um eine sehr schwer geführte Persönlichkeit handeln mit einer Spaltung zwischen dem Leben in der Öffentlichkeit als Politiker einerseits und einem Privatleben, in dem's ihm ging wie vielen anderen Menschen auch, daß es nämlich ganz gravierende Beziehungsschwierigkeiten gibt.

Es fällt einerseits auf, daß der Sprecher die Betonung auf das Wort "Spaltung" legt. Ein weniger stark belegtes Wort hätte das Wort "Doppelleben" sein können. Denn als Kriminologe sollte man doch von einer psychischen "Persönlichkeitsspaltung" nur dann reden, wenn von eben dieser Krankheit selbst die Rede ist oder sein kann. Schon in unserem ersten Blogartikel zur Gerwald Claus-Brunner hatten wir davon berichtet, daß ein Mitglied der Berliner Piraten-Fraktion von eben dieser Krankheit mit Bezug auf Gerwald Claus-Brunner sprach. Eine Krankheit im übrigen, an der zahlreiche Menschen leiden, die zugleich berichten, daß sie in freimaurerischen Zusammenhängen entstanden ist durch die Folter- und Gewaltpraktiken des rituellen Satanismus.

Die ansonsten hier angesprochene Unterteilung zwischen Berufs- und Privatleben kennt jeder Mensch und es besteht bestimmt kein Anlaß, für eine solche Trennung gleich den Begriff "Spaltung" zu verwenden. Im übrigen machen insbesondere die hier auf dem Blog schon zitierten Erinnerungen von "Lily" Gabelmann deutlich, daß es eine so strikte Trennung zwischen Berufs- und Privatleben - oder gar eine "Spaltung" zwischen beiden - im Leben von Gerwald Claus-Brunner gar nicht gegeben hat. Menschen, denen er vertraute und die Verständnis zeigten, teilte er sehr offen und ehrlich auch sehr private Einzelheiten aus seinem persönlichen Leben mit.

Nicht zuletzt deshalb ist weiterhin auch die Formulierung "sehr schwer geführte Persönlichkeit" mehr als nur ein wenig auffallend. Es mag wohl gemeint sein: ein "sehr schwer geführtes" "Doppelleben". Aber warum nennt es der Kriminologe dann nicht so? Bei einer Formulierung wie "sehr schwer geführte Persönlichkeit" hört man eigentlich zunächst etwas ganz anderes heraus. In der Regel werden nämlich Mitarbeiter und Vertrauensleute von Geheimdiensten - - - "geführt". Ebenso werden auch Logenangehörige "geführt" - nämlich, natürlich!: durch "Nacht zum Licht". Aber es mag in der Tat manche Angehörige solcher Dienste oder Logen geben, die es im Nachhinein bereuen, sich auf eine solche "Führung" eingelassen zu haben, und die dann in der Tat zu "sehr schwer geführten Persönlichkeiten" mutieren können. Man möchte meinen, das politische Wirken von Gerwald Claus-Brunner könnte mit solchen Worten - aus Sicht von organisierten Hintergrundmächten - sehr gut gekennzeichnet sein.

In dem Artikel zu dem Video heißt es (Welt, 21.9.2016):

Der Polizei gilt das Geständnis als Beweis dafür, daß es keine weiteren Mittäter gibt. (...) Wie die „Welt“ zudem aus Ermittlerkreisen erfuhr, hat der Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner einem seiner Fraktionskollegen vor seinem Tod einen Brief geschrieben, in dem er die Tat komplett zugibt. Der Polizei gilt das Geständnis als Beweis dafür, daß es keine weiteren Mittäter gibt. Die Ermittlungen werden aufgrund des Briefes demnächst eingestellt werden. (...) Für weitere Tatbeteiligte soll es nach Informationen der „Welt“ bisher keine Anhaltspunkte geben.

Es ist hochgradig auffällig, wenn die Staatsanwaltschaft im Fall des Todes eines Politikers, der so viele Gegner in der Politik hatte und der mit so vielen brisanteren Fällen von Filz und Korruption befaßt war in seinem politischen Leben nach 48 Stunden die polizeilichen Ermittlungen nach den Hintergründen des Todes dieses Politikers einstellen läßt. Das wundert auch manchen engeren Mitarbeiter von Gerwald Claus-Brunner und mutet ihm komisch und merkwürdig an. Schließlich gäbe es doch gerade in einem solchen Fall noch allerhand zu ermitteln, bevor man wirklich Abschließendes sagen könnte.

Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, Oberstaatsanwalt Martin Steltner

Des weiteren gibt Oberstaatsanwalt Martin Steltner, der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, eine Erklärung ab. Hatte dieser sich nicht auch schon zum Fall Kirsten Heisig geäußert - - - ? Richtig, hier auf dem Blog waren wir mit ihm schon befaßt (GA-j!, 22.11.2010). Nachdem man den damaligen Blogartikel über Kirsten Heisig gerade noch einmal gelesen hat, kommt man zu dem Ergebnis, daß man der Berliner Staatsanwaltschaft bei "Selbstmorden" von guten Leuten im politischen Leben Berlins gar nichts glauben sollte. Gar nichts. (Wie sieht es eigentlich aus mit den Hintergründen zu dem Hubschrauberabsturz jenes mit der Berliner Immobilienbranche beschäftigten Menschen, von dem vor einigen Jahren berichtet wurde? Auch in diesem Fall sicher keine neuen Ergebnisse bislang, wie man vermuten darf ...)

Am selben 21. September 2016 lehnte sich Stephan Urbach, bis 2013 prominenteres Mitglied der Piratenpartei, danach fröhlicherer Gesprächspartner von Karl-Theodor zu Guttenberg und Sibylle Berg (Wiki), recht weit aus dem Fenster, als er über Gerwald Claus-Brunner schrieb:

Schuld sind übrigens die, die ihn seit Jahren gedeckt haben und noch immer decken.

Also die Idealisten in der Piratenpartei, wenn man es recht versteht, die Aufrechten und Geradlinigen sind schuld, so meint er. In der "Berliner Zeitung" vom Folgetag steht (Berl. Ztg., 22.9.2016):

In der Pressestelle der Fraktion will der Sprecher am Mittwoch nichts sagen. Auch nicht auf die Frage, warum Gerwald Claus-Brunner eigentlich seit Jahren keinen regulären Sitz in einem Parlamentsausschuß mehr hatte. Es sei zu schwierig, darauf eine Antwort zu geben, dafür bitte er um Verständnis. (...) Es gibt Leute, die bezeichnen den Umgang der Fraktion mit Claus-Brunner als Mobbing. Doch ... (...) Im Parlament muß man taktisch sein, zu Kompromissen bereit. Und das war Gerwald Claus-Brunner nur selten. Anfangs lief es gut, er saß in dem Sonderausschuß, der die Rekommunalisierung der Wasserbetriebe begleitete, ein Kernthema der Piraten. Auch im Finanzausschuß hatte er einen Sitz. Aber es funktionierte nicht auf Dauer. „Hinter harmlosen Fragen witterte er Verschwörungen“, sagt ein Fraktionskollege. Immer wieder stimmte Claus-Brunner gegen die Fraktion. Vertreter anderer Parteien beschwerten sich über sein Verhalten. Schließlich beriefen die Piraten ihn ab. Was ihm blieb, war ein Vertreterposten im Petitionsausschuß. Dort engagierte er sich mit Herzblut. „Die Fraktionszugehörigkeit spielt im Petitionsausschuß keine Rolle, es geht immer um die Sache“, sagt die Grünen-Abgeordnete Anja Kofbinger. „Ich denke, das hat ihm sehr gefallen.“

Es war früh von den Piraten - vielleicht von Claus-Brunner selbst - der Gedanken ins Gespräch gebracht worden, ob sich die Abgeordneten überhaupt getrennt nach Fraktionen im Parlament hinsetzen müßten. Wie man finden kann, ein schöner Gedanke. Er wurde freilich abgeschmettert. Es würde ja viel zu "unübersichtlich", säßen die Politiker nicht "in Formation". Na klar! Und interessant auch, daß sich vor allem "Vertreter anderer Parteien" über sein Verhalten beschwerten. Dann muß er ja wohl doch gute Piraten-Politik gemacht haben, wenn sich Nichtpiraten über ihn beschweren - ? Was, es gab Piraten-Politiker im Abgeordnetenhaus, über die sich Vertreter anderer Parteien nicht beschwert haben? - Was?!?!

Donnerstag, 22. September 2016: Der "korrupte, unehrliche Flügel der Piratenpartei"

Am 22. September 2016 schreibt Julia Schramm (geb. 1985), die inzwischen für die Amadeu Antonio-Stiftung arbeitet, und auf die viele Bürger deshalb ganz und gar nicht mehr gut zu sprechen sind, auf Facebook, worauf auch in "Die Welt" hingewiesen wurde:

In den Tagen nach der Wahl haben sich die Ereignisse bei den Piraten überschlagen. Nach der Wahlniederlage wurde bekannt, daß Claus Gerwald Brunner - Faxe - sich das Leben genommen hat. Schnell wurde eine Rede von ihm im Plenum öffentlich, wo er auf einen baldigen Tod anspielte. Diese Nachricht schockte mich und machte mich traurig. Faxe und ich waren nie Freunde, im Gegenteil, er beschimpfte mich gerne und regelmäßig, ich gehörte für ihn zum korrupten, unehrlichen Flügel, dem es nur um das eigene Wohl gehe. Ich habe die Partei irgendwann verlassen und sah Faxe seitdem auch nicht mehr. 

Aus diesem Anlaß redet sie nun das Gesamtanliegen der Piratenpartei schlecht. Man möchte meinen, daß das kritisiert werden darf und daß eine solche undifferenzierte Sichtweise im Sinne jener Kräfte ist, denen eine echte Oppositionspartei niemals recht war und sein konnte:

Die Reaktionen der verbliebenen Mitglieder der Piratenpartei betrübten mich ebenso - wie eh und je übertrafen sie sich in Schuldzuweisungen und Bösartigkeiten, in Verschwörungstheorien und genereller Hyperaktivität. Als dann herauskam, daß es neben dem Suizid noch ein Verbrechen gegeben hat, daß Faxe ("wahrscheinlich") einen Menschen ermordet hat (die schaurigen Details entnehmt ihr bitte der Boulevardpresse) wurde mir klar, was die Piratenpartei und die damit verbundenen Dynamiken in den Sozialen Medien eigentlich für eine vollkommen irre Dimension haben und hatten. Mir wurde klar, daß dieser Wahnsinn, der sich Partei nannte, der aber vielleicht auch nur ein Phänomen des Zeitgeistes war, Menschenleben zerstörte und zerstört. Daß das alles kein Spiel ist, nie war und daß, im Namen politischer Differenzen, menschliche Tragödien nicht nur hingenommen wurden, sondern pathologisches Verhalten glorifiziert wurde, ignoriert, hingenommen wurde, daß zu Gunsten einer Harmonie und Parteiräson, die sowieso niemals real war, Menschen geschützt wurden, die schwer entrückt waren, die Hilfe gebraucht hätten, denen Hilfe angeboten wurde, die sie aber verweigerten, bis sie einem anderen Menschen das Leben nahmen.  Die Piratenpartei war eine krasse, eine lehrreiche Zeit, eine Zeit, die Menschen eine Plattform gegeben hat, die sonst vielleicht nie eine bekommen hätten. Sie war so groß wie die Abgründe tief waren. Wir können dankbar dafür sein, wenn wir lebend und gesund aus diesem Wahnsinn rausgekommen sind. RIP

Sie äußert sich ähnlich unkritisch zu den Todesfällen Claus-Brunner/Miro L. wie Alice Schwartzer sich unkritisch äußerte zu den Todesfällen Petra Kelly/Gert Bastian. Am gleichen Tag wird berichtet (Welt, 22.9.2016):

Wie Sprecher Martin Steltner sagte, hat Claus-Brunner ein Paket mit persönlichen Gegenständen und einem Brief an seinen früheren Lebensgefährten geschickt. In dem Schreiben habe der 44-Jährige die Tötung eines 29-Jährigen eingeräumt. Wie Steltner auf Anfrage sagte, gibt es keine Hinweise auf eine Tatbeteiligung anderer. Deshalb werde die Staatsanwaltschaft den Fall nicht weiterverfolgen. Und: „Gegen Tote wird nicht ermittelt.“ Das Paket sei bei dem früheren Lebensgefährten nicht angekommen und schließlich am Mittwoch der Polizei übergeben worden. - Details aus dem Brief unbekannt (Zwischenüberschrift) - Ob in dem Brief stand, wann und wie das Opfer starb, sagte der Sprecher nicht.

Und es wird noch über "weitere Todesopfer" gemutmaßt, sowie über weitere von Claus-Brunner angemietete Wohnungen und Räume in Berlin berichtet (Welt, 25.9.2016):

Die Piraten müssen sich nun schwere Vorwürfe gefallen lassen. "Schuld sind übrigens die, die ihn seit Jahren gedeckt haben und noch immer decken," twitterte der ehemalige Piratenpolitiker Stephan Urbach. In seinem Abschiedsbrief soll Claus-Brunner den Mord gestanden haben, der möglicherweise nicht der einzige war. Die Polizei will nicht ausschließen, daß es weitere Todesopfer geben könnte, denn nach Informationen der B.Z. sollte Claus-Brunner mehrere Wohnungen und Räume in Berlin angemietet haben, die nun von der Polizei durchsucht würden.

In dem Artikel zum Video steht:

Noch steht der Name des Täters an seinem alten Büro. „Das mußten wir so machen, aus rechtlichen Gründen“, erklärt ein Abgeordneter und betont: „Seit drei Jahren war der politisch nicht mehr in der Fraktion tätig.“ Die Berliner Piraten geben sich im Fall Claus-Brunner einsilbig, wollen nur noch ihre Sachen packen.

"Einsilbig", schon klar. Und es wird über die Piraten allgemein gesagt:

Politisch haben sie in den fünf Jahren wenig erreicht.

Das stimmt aber doch offensichtlich nicht. Zumindest die vom Berliner Wassertisch sehen das ganz anders und sie loben insbesondere einen dafür: Gerwald Claus-Brunner. - Merkwürdig!

Am 27. September 2016 stellt "Bildblog" fest über die Berichterstattung der Boulevardpresse fest (Bildblog, 27.9.16):

Wir haben heute noch einmal bei der Berliner Staatsanwaltschaft nachgefragt, und ihr Sprecher Martin Steltner hat uns bestätigt: Es gibt weiterhin keinen Nachweis dafür, daß der frühere Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner den Mann, der tot in seiner Wohnung lag, vor dessen Tod sexuell missbraucht hat. An den bisherigen Erkenntnissen dürfte sich auch nichts mehr ändern: Da sich Claus-Brunner später selbst das Leben nahm und gegen Tote nicht ermittelt wird, sind die Ermittlungen inzwischen eingestellt.

Auch "Bildblog" benutzt die neutrale Formulierung "der tot in seiner Wohnung lag". Hört man hier auch eine Kritik durch an der unkritischen Haltung der Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft gegenüber dem "Bekennerbrief"?

Vorläufig abschließende Überlegungen: Die resignative Haltung von Gerwald Claus-Brunner

Ein neuer Fall "Aktenzeichen XY ungelöst". Neben so vielen anderen Fällen. Allerdings darf eines gesagt werden: Der Mordfall Uwe Barschel wird inzwischen als gelöst gelten dürfen. Nur redet niemand darüber. Aber jeder kann ja Wikipedia und die dort genannte Literatur nachlesen (Wiki). Und er kann dort auch nachlesen, daß offizielle Versionen zu Todesfällen von Politikern gerne einmal sehr - - - "umstritten" sein können ... Sprich, schlichtweg erstunken und erlogen sind.

Noch einige abschließende Überlegungen zu Gerwald Claus-Brunner. Es wird berichtet, daß er aus dem Kreis seiner Umgebung heraus dazu angeregt wurde, sich mehr auf die Hinterbeine zu stellen gegen seine Ausgrenzung aus der Fraktion, daß ihm dazu auch Unterstützung angeboten worden ist, daß Gerwald Claus-Brunner das aber wiederholt abgelehnt hat. Es wird hier ein gewisser Zug von Resignation erkennbar, den man ja auch sonst häufiger - etwa schon in den Jahren 2011 und 2012 - bei ihm heraus hört (etwa 2011: "der politische Kampf sei das einzige, was ihn am Leben hält - das klang ernst"). Einem Menschen, an dem in seiner Kindheit und Jugend versuchter Seelenmord begangen worden ist, wird man eine solche Haltung sicher nicht zum Vorwurf machen können.

Er hatte sich ein Stück weit auf die Hinterbeine gestellt - und das möglicherweise schon mehr als jeder andere heutige Abgeordnete in Deutschland (!). Und das auch mit einer gewissen Hartnäckigkeit, die manchem Bewunderung abnötigte. Und doch wollte er nicht weiter gehen, als er gegangen ist. Daran könnte sich die Überlegung anschließen: Kannte er so grob seine Spielräume? Und wußte er, daß er schon bei der bisherigen Art der Ausschöpfung seiner Spielräume für sich selbst zumindest nicht lebensverlängernd tätig war? War ihm das angedeutet worden? Oder hatte er schon bei Beginn seiner politischen Tätigkeit mit seinem Leben abgeschlossen, schon 2011 wie oben angedeutet?

Eine wenig beantwortete Frage ist diejenige, warum so viele Politiker, wenn sie Morddrohungen oder -ankündigungen erhalten haben, mit diesen nicht sofort an die Öffentlichkeit gegangen sind, nicht die "Flucht an die Öffentlichkeit" angetreten haben. Von Alfred Herrhausen ist dieser Umstand bekannt, von Uwe Barschel und von vielen anderen mehr. Mitunter hat man das Gefühl, daß sie hier geradezu resignativ ein Spiel mitspielen. Und würde dies nicht auch aus dem Verhalten von Claus-Brunner herausklingen? Falls er Mordankündigungen erhalten haben sollte, hätte er ja sehr deutlich einen etwaigen Täterkreis gedeckt, wenn er gegenüber Parteimitgliedern von einer - offenbar gar nicht vorliegenden - unheilbaren Erbkrankheit sprach und von "sieben Ärzten", die das bestätigt hätten. Aber vollständig gedeckt auch wieder nicht, denn er sagte ja seinen Tod in seiner letzten Rede voraus. Aber auch hier wieder ganz ohne auf etwaige Täterkreise konkreter hinzuweisen. Ist das ein allgemeineres Muster in den Äußerungen von Claus-Brunner? Daß er wußte, was für ein Spiel gespielt wird, aber immer nur die Symptome ansprach, nie die Wurzeln antastete? Im resignativen Tenor seiner Worte, die da lauteten:

Ja, mach mal weiter so! Könnt ihr gerne alles machen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Wobei er vielleicht meinte, daß diejenigen, die jetzt noch lachen, sich nach seinem Tod dafür würden rechtfertigen müssen dafür, daß er tot wäre und aufgrund welcher Umstände er in den Tod getrieben worden ist? Wobei er vielleicht noch nicht in Rechnung gestellt hatte, welche Version seines Selbstmordes der Öffentlichkeit dann präsentiert würde. Zugegeben, all das mag nach viel Spekulation klingen. Diese ist auch nur gerechtfertigt, wenn es Berechtigung gäbe, das Eingangszitat ernst zu nehmen, das da unter anderem lautete:

Sein inszenierter Tod ist als Zeichen zu sehen.


/ Dieser Beitrag wurde am 26.1.2017 ergänzt 
um die zitierten Facebook-Einträge von G. C.-B.
Leicht überarbeitet: 19.9.2018. /
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  1. Küppers, Kirsten; Bergt, Svenja: Politik in Latzhosen - Pirat Gerwald Claus-Brunner sitzt seit Oktober im Berliner Parlament. In: TAZ, 5.5.2012, http://www.taz.de/!595043/ 
  2. Claus-Brunner, Gerwald: Antworf auf eine Frage zum Thema Demokratie und Bürgerrechte. Abgeordnetenwatch, 2.9.2012, http://www.abgeordnetenwatch.de/gerwald_claus_brunner-652-47021.html#questions
  3. Geisler, Astrid: Berliner Piraten-Fraktion Lauer sehen statt hören Als in der Piratensitzung die Fetzen flogen, war Fraktionschef Lauer plötzlich stumm geschaltet. Nur eine „Tonpanne“, versichert die Landtagsfraktion. TAZ, 16.5.2013, http://www.taz.de/!5067294/
  4. Schwere Vorwürfe gegen Umarmerin Amma - Die indische Guru-Frau, die regelmässig in Winterthur auftritt, soll Mitarbeiter schlagen und ein Vermögen horten. Das Buch einer Ex-Mitarbeiterin hat es in sich. Tagesanzeiger, 03.02.2014, http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Schwere-Vorwuerfe-gegen-Umarmerin-Amma/story/27141074
  5. Franzen, Sigrun: Stellungnahme zum Parteiordnungsverfahren, das im September 2013 von dem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Dr. Benedict Ugarte Chacón gegen Sigrun Franzen in die Wege geleitet wurde. Vor Oktober 2014. Auf: Sigrun-Franzen.de, http://sigrun-franzen.de/gegenstand-des-ordnungsverfahrens/, http://sigrun-franzen.de/hintergrund/, http://sigrun-franzen.de/fazit/, http://sigrun-franzen.de/
  6. Schneider, Johannes: Sie hatten die Pest an Bord - Fünf Jahre Piraten im Abgeordnetenhaus. In: Tagesspiegel, 5.6.2016 [wohl falsch datiert, womöglich: 5.7.2016], http://digitalpresent.tagesspiegel.de/sie-hatten-die-pest-an-bord
  7. Gerwald Claus-Brunner - Piraten-Politiker tot aufgefunden. In: Handelsblatt, 19. September 2016, http://www.wiwo.de/politik/deutschland/gerwald-claus-brunner-piraten-politiker-tot-aufgefunden/14570578.html 
  8. Rebel, Wolfgang (vermutlich): Gerwald Claus-Brunner ist gestorben. Statt eines Nachrufes. Auf: Berliner Wassertisch - Wasser gehört in BürgerInnenhand, Berlin, 19.09.2016, http://berliner-wassertisch.info/statt-eines-nachrufs_gerwald_claus-brunner/
  9. Ute Elisabeth 'Lily' Gabelmann (Stadträtin für die Piraten in Leipzig): Seasons in the Sun (Ein persönlicher Nachruf), 19. September 2016, http://stadtraetin.piraten-leipzig.de/2016/09/19/seasons-in-the-sun-ein-persoenlicher-nachruf/, http://stadtraetin.piraten-leipzig.de/2016/09/21/programming-note/
  10. Jochen Schmidberger (Ulm): Faxe. 19. September 2016, https://piratlaser.wordpress.com/2016/09/19/faxe/
  11. Lange, Simon: Ciao Faxe! Auf: Simons Blog, 19. September 2016, http://simonlange.eu/2016/09/19/ciao-faxe/, http://simonlange.eu/2016/10/23/bribbelbrabbel/
  12. Behrendt, Michael: Gerwald Claus-Brunner gestand Tat in Brief an Fraktionskollegen. Welt, 21.9.2016, https://www.welt.de/politik/deutschland/article158297779/Gerwald-Claus-Brunner-gestand-Tat-in-Brief-an-Fraktionskollegen.html
  13. Joseph Hausner: Gerwald Claus-Brunner - Die dunklen Abgründe im Leben des Piraten-Politikers. In: Focus, 21.09.2016, http://www.focus.de/politik/deutschland/gerwald-claus-brunner-die-dunklen-abgruende-im-leben-des-piraten-politikers_id_5969822.html 
  14. Kneist, Sigrid; Beikler, Sabine; Hackenbruch, Felix: Ermittler - Opfer wurde wohl in Wedding getötet. In: Tagesspiegel, 21.9.2016, 13.45 Uhr, http://www.tagesspiegel.de/berlin/tod-von-piraten-politiker-gerwald-claus-brunner-ermittler-opfer-wurde-wohl-in-wedding-getoetet/14576296.html
  15. Rebel, Wolfgang (vermutlich): Offener Brief an den Tagesspiegel zur Berichterstattung im Fall Gerwald Claus-Brunner. Auf: Berliner Wassertisch, 22. September 2016, http://berliner-wassertisch.info/offener_brief_tagesspiegel_berichterstattung_claus-brunner/
  16. Andreas Kopietz, Frederik Bombosch: Gerwald Claus-Brunner - Die Anatomie eines Verbrechens. Berliner Zeitung, 22.09.16, 09:02 Uhr, http://www.berliner-zeitung.de/berlin/gerwald-claus-brunner-die-anatomie-eines-verbrechens-24783208
  17. Brunner verschickte Paket – Überraschung bei Obduktion. Welt, 22.9.2016, https://www.welt.de/vermischtes/article158314172/Brunner-verschickte-Paket-Ueberraschung-bei-Obduktion.html
  18. Michael Behrendt, Jan Lindenau: Gerwald Claus-Brunner, Menschenfreund und Mörder. Die Welt, 25.09.2016, https://www.welt.de/politik/deutschland/article158356014/Gerwald-Claus-Brunner-Menschenfreund-und-Moerder.html
  19. Rosenfelder, Lydia: Dann wurde „Pirat“ Claus-Brunner zum Mörder. FAS, 25.09.2016, http://www.faz.net/aktuell/politik/neue-details-zum-fall-claus-brunner-14451487.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
  20. Seine unheimlichen Vorlieben und Kontakte. Die Internet-Sex-Welt des Killer-Piraten. In: Bild, 25.9.2016, http://www.bild.de/bild-plus/news/inland/gerwald-claus-brunner/die-internet-sex-welt-des-killer-piraten-47993808,view=conversionToLogin.bild.html
  21. Kerstin Herrnkind, Dominik Stawski: Interview mit Claus-Brunner-Bruder: „Alarmsignale ziehen sich wie ein roter Faden durch Gerwalds Leben“. Stern 40/2016, 26. September 2016, online 30. September, abgerufen am 2. Oktober 2016, http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/claus-brunner-bruder---alarmsignale-ziehen-sich-wie-ein-roter-faden-durch-gerwalds-leben--7079216.html (Online am 26. September: http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/gerwald-claus-brunner--bruder-spricht-ueber-ihre-traumatische-nazi-kindheit-7077472.html)
  22. Juliane R.: Piraten-Politiker - Absurde Sextoy-Bestellung vor seinem Tod. Promiflash, 27. September 2016, https://www.promiflash.de/news/2016/09/27/absurde-sextoys-das-bestellte-claus-brunner-vor-seinem-tod.html
  23. Tschermak, Moritz: „Bild“ wühlt in Gerwald Claus-Brunners In­tim­sphä­re. Auf: Bildblog, 27.9.2016, http://www.bildblog.de/82218/bild-wuehlt-in-gerwald-claus-brunners-intimsphaere/
  24. kosmo168: Die Piratenpartei – Wolfszeit für die Piraten – Teil 1. Auf: Caro im Chaos ~ Die verborgenen Geschichten hinter den Schlagzeilen. 4.10.2016, https://caroimchaos.wordpress.com/2016/10/04/die-piratenpartei-wolfszeit-fuer-die-piraten-teil-1/
  25. Herrnkind, Kerstin: Gerwald Claus-Brunner Terror bis in den Tod. Stern, 30.10.2016, http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/gerwald-claus-brunner--terror-bis-in-den-tod-7121912.html
  26. Kompa, Markus: Halloween: Politgruselclown vs. Killerpirat. 31.10.2016, http://www.kanzleikompa.de/2016/10/31/halloween-politgruselclown-vs-killerpirat/

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Berlin, April 1945 - Verteidigung von Moltkebrücke und Reichstag

"Der Untergang" - nicht im Führerbunker, sondern rund um das ehemalige Generalstabsgebäude im Spreebogen
- Eine Zusammenstellung von Erlebnisberichten

Studiert man die Geschichte der Kämpfe innerhalb der Stadt Berlin Ende April 1945, tut sich eine Kluft auf. Jene Schilderungen, die sich vor allem an den sowjetischen kriegsgeschichtlichen Erinnerungen und Darstellungen orientieren - und das scheint die Mehrheit der Darstellungen derzeit zu tun - erwecken den Eindruck, als ob ungeheure Truppenmassen in diesen Kämpfen zum Einsatz gekommen seien. Als ob bei der Eroberung einzelner Brücken und einzelner Gebäude nicht nur mehrere Regimenter kurz nacheinander oder gleichzeitig zum Einsatz gekommen seien, sondern dabei auch einzelne Regimenter vollständig aufgerieben und vernichtet worden wären. (Ein Regiment umfaßte etwa 1000 bis 1500 Soldaten.)

Liest man dann jedoch Schilderungen dieser Kämpfe, die sich an den Erinnerungen von Soldaten orientieren, die auf deutscher Seite kämpften, glaubt man im ersten Augenblick "in einem völlig anderen Film" zu sitzen, von einem völlig anderen Geschehen zu lesen. Einzelne Gruppen, höchstens in Kompagniestärke, also zwischen 10 und 100 Mann, verteidigen nicht nur einzelne Gebäude und Brücken, sondern oft ganze Straßenzüge. Höchstens noch zeitweise und wirkungsvoll unterstützt von ständig im ganzen Stadtbereich hin- und herwechselnden einzelnen Tiger-Panzern und Sturmgeschützen, von weiter rückwärts positionierten einzelnen Panzer- und Fliegerabwehrkanonen und von dem sehr wirkungsvollen Feuer der weitreichenden Fliegerabwehrabwehrkanonen auf den vier großen Flakbunkern Berlins. Zum Beispiel am Bahnhof Zoo und im Humboldthain, die erst nach der Kapitulation Berlins von den sowjetischen Truppen eingenommen werden konnten. Und im ersten Augenblick denkt man, die deutschen Schilderungen seien zu "bruchstückhaft", zu sehr "ohne Zusammenhang", um sie als den sowjetischen gleichwertig gegenüberstellen zu können.

Bis einem dämmert: Nein, so wird es tatsächlich gewesen sein. Einzelne Gruppen von 10 bis 100 Soldaten haben ganze Regimenter, ja, Divisionen aufgehalten. Und die sowjetische Kriegsgeschichtsschreibung zählte zu den kämpfenden deutschen Einheiten in Berlin nach dem Krieg noch alle ebenfalls uniformierten Männer dazu - wie Angehörige der Feuerwehr oder der Post - , ebenso wie die oft lächerlich bewaffneten deutschen Volkssturmeinheiten, von denen sich viele noch vor oder bei Beginn der Kämpfe verliefen und von denen nur wenige wirkungsvoll Widerstand leisteten und leisten konnten. Denn nur so konnte offenbar der zahlenmäßige Eindruck, den die sowjetischen Truppen von ihrem Gegenüber hatten, auch in der Kriegsgeschichtsschreibung aufrecht erhalten werden.

Abb. 1: 28. bis 30. April 1945 - Vorstoß über die Moltkebrücke (s.a. b)

Dieser Umstand kann recht gut erläutert werden anhand der Verteidigung der Moltkebrücke und des deutschen Generalstabsgebäudes südlich dieser Brücke auf dem Weg zum Reichstag (1). Das deutsche Generalstabsgebäude befand sich exakt dort, wo sich heute das Bundeskanzleramt befindet (die "Bundeswaschmaschine"). Die Moltkebrücke gibt es heute noch und führt von dort zum heutigen Berliner Hauptbahnhof.

Dieses damalige Generalstabsgebäude ist - entgegen des Eindruckes, den die russischen Berichte (siehe: 1) erwecken - soweit übersehbar - vor Ort nur von 15 Soldaten auf deutscher Seite verteidigt worden. (Vorbehaltlich weiterer Erkenntnisse!) Zwar konnte auch von den deutschen Einheiten, die das Reichstagsgebäude verteidigten, auf die Moltkebrücke geschossen werden, außerdem wurden im Ernstfall noch zusätzlich einzelne Tiger-Panzer und Sturmgeschütze zu Hilfe gerufen. Aber im wesentlichen wurden die entscheidenden Stellen im nördlichen Tiergarten - Moltkebrücke, Generalstabsgebäude, Krolloper, Reichstag - nur jeweils von Kampfgruppen von 10 bis 15 Mann auf deutscher Seite verteidigt. Selbst nachdem man die folgenden Berichte zusammen gestellt hat, bleiben Zweifel, ob das überhaupt hat möglich sein können.

Befehlshaber Mohnke - er schwieg nach 1945

Einer der Gründe dafür, daß es von deutscher Seite keine gute und brauchbare, zusammenhängende Darstellung über die letzten Kämpfe in Berlin-Mitte zu geben scheint, ist der, daß der letzte militärische Befehlshaber des innersten Verteidigungsbereiches der Reichskanzlei und des Berliner Regierungsviertels Ende April 1945 der SS-Brigadeführer Wilhelm Mohnke (1911-2001) (Wiki, engl.) war (2-10). Und dieser scheint bis zu seinem Lebensende keine zusammenhängende Darstellung der von ihm befehligten Verteidigungsbemühungen gegeben zu haben. Ebensowenig andere Führungsoffiziere. 

Korrektur/Ergänzung 18.12.2021: Diese Angabe muß insofern korrigiert und ergänzt werden, als der "Reichsjugendführer" Artur Axmann (1913-1996) (Wiki) 1995 seine Erinnerungen in Buch und Interview veröffentlicht hat (15, 16). Im Buch berichtet er, daß er in sehr enger Verbindung zu Mohnke stand während der Endkämpfe um Berlin und das Regierungsviertel. Er selbst hatte an der Ostfront 1941 seinen rechten Arm verloren, konnte deshalb also nicht selbst an den Kämpfen teilnehmen.

In seinen Erinnerungen erhält man dennoch einen vergleichsweise detaillierten Eindruck von diesen Endkämpfen - aber auch von den Vorgängen im Führerbunker (15, 16).  Er berichtet auch von einem ähnlichen letzten Gespräch mit Hitler (15, S. 443f) wie es auch Mohnke geführt hat (siehe gleich).

Ende 2007 erschien über Wilhelm Mohnke ein Buch (8). Und aus diesem Anlaß berichtete ein Amazon-Rezensent mit dem Kürzel "Stubaf" (3.1.2012):

Der Verfasser dieser Rezension hat in den 1980er und 1990er Jahren mehrfach die Gelegenheit gehabt, mit dem Brigadeführer (Mohnke) fachliche Gespräche zu führen. Wilhelm Mohnke war eindeutig politischer Soldat (und das bis zu seinem Tode), der sich ganz bewußt schon lange vor der Machtergreifung zur Schutzstaffel gemeldet hatte. Niemals hatte Mohnke Distanzierungen oder kritische Äußerungen gegenüber ehemaligen Vorgesetzten oder Kameraden abgegeben. Fischer gibt als Kronzeugen für sein Elaborat auch noch Sturmbannführer Otto Günsche an. Jeder, der Otto Günsche kannte, weiß, daß man mit Günsche über alles sprechen konnte, nur nicht über die letzten Tage in der Reichskanzlei.

Daraus wird deutlich, daß Mohnke auch gegenüber Hitler selbst bis zu seinem eigenen Tod kein besonders kritisches Verhältnis scheint gewonnen zu haben. Ähnliches geht aus den Erinnerungen des zwei Jahre jüngeren Artur Axmann hervor, der im Jahr 1928 als 15-jähriger Schüler und Sohn einer alleinerziehenden Industriearbeiterin mitten im kommunistischen Wedding die dortige Hitler-Jugend gegründet hatte, und der in seiner Gefolgschaft Hitler-Jungen hatte, die in der "Kampfzeit" von Kommunisten ermordet worden waren (15, 16).

Letzte Gespräche mit Hitler

Mohnke war gar ebenfalls kein besonders unbedeutender Soldat und Nationalsozialist. Seit 1933 hatte er bei der SS gedient. Schon 1933 hatte er zur "Stabswache" in Berlin gehört. Entsprechend nahe sind ihm wohl deshalb auch - ähnlich wie Axmann - die letzten Kämpfe um das Regierungsviertel im April 1945 gegangen. In einem der letzten Gespräche, das Mohnke mit Hitler führte, äußerte Mohnke:

"Was wir 1933 wollten, haben wir nicht ganz geschafft, mein Führer."

Selbst für diese wenigen kritischen Worte wurde Mohnke wenig später von Martin Bormann kritisiert, mit dem er auch noch ein zweites mal zusammen stieß, als Mohnke keine Männer zur Verfügung stellen wollte, als Bormann eine Telefonleitung zu den Russen gelegt wissen wollte. Sehr kritische Worte findet auch Artur Axmann über Martin Bormann. Axmann gilt auch als Zeuge des Todes von Bormann.

Axmann selbst hat offenbar noch ein ausführlicheres letztes Zwiegespräch mit Hitler geführt. In diesem fragte Axmann (15, S. 444):

"Was wird aus unserem Volk? Wir haben doch in der Überzeugung gelebt, daß unsere Geschichte erst am Anfang steht. Bismarck hat das Zweite Reich geschaffen. Unter Ihnen wurde der Klassenkampf überwunden und die politische Einheit mit dem Inhalt der Volksgemeinschaft erfüllt. Sie brachten Ihre Heimat in das Reich zurück. Wir können doch jetzt nicht am Ende unserer Geschichte stehen, das kann doch nicht das Ende sein!"
Nach einem Augenblick der Stille äußerte sich Hitler dazu: "Mich packt das Grauen, wenn ich daran denke, wie unsere Feinde die Einheit zerschlagen und das Reich zerstückeln werden. Es geht jetzt um das nackte Überleben unseres Volkes, um das nackte Überleben. Das Volk hat so viel Leid erfahren müssen. Wenn es die Leiden, die jetzt noch folgen werden, als schicksalsverbundene Volksgemeinschaft erträgt, dann wird es auch wieder einen Aufstieg geben." Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: "Ideen leben nach ihren eigenen Gesetzen fort. Ich glaube, es wird etwas ganz Neues kommen."

Da man auch sonst nicht den Eindruck gewinnt, daß Axmann sich in seinen Erinnerungen irgend etwas "ausgedacht" hat, sondern daß er sehr sachlich berichtet, wird man auch von diesen Worten annehmen müssen, daß sie korrekt überliefert sind. Aus ihnen spricht weniger der sonst aus diesen Tagen von Hitler überlieferte "Nach mir die Sintflut"-Gedanke heraus. Hitler wollte auch nicht, daß Axmann aus "Treue" bei ihm blieb. Er hätte dazu gesagt:

"Was wollen Sie bei einem toten Mann? Ihr Platz ist bei den Lebenden."

Mohnke hatte auch von Anfang an am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, zumeist als Offizier unter dem SS-General Sepp Dietrich. Schon früh hatte sich Mohnke um die Aufstellung von reinen SS-Panzerdivisionen bemüht. 1944 hatte er im Rahmen der 12. SS-Panzerdivision "Hitlerjugend", die nach der Niederlage von Stalingrad auf Anregung von Artur Axmann als Freiwilligen-Division gegründet worden war, als Regimentsführer in der Normandie gekämpft, vor allem bei der Verteidigung von Caen. Er erhielt dabei das Ritterkreuz. Aufgrund dieser Umstände kannten sich Axmann und Mohnke auch persönlich. 

Im Internet finden sich viele Fotos von Wilhelm Mohnke aus diesen Jahren, oft bei dem Anlaß, wie er von seinem Vorgesetzten Sepp Dietrich mit einem neuen Orden ausgezeichnet wird. In der Ardennen-Offensive war Mohnke wiederum in einer führenden Position eingesetzt. 

Erst Mitte April 1945 ist Mohnke dann zur Reichskanzlei abkommandiert worden und von Hitler zum Befehlshaber über den Verteidigungsbereich Zitadelle (Regierungsviertel) ernannt worden. Die nach ihm benannte Kampfgruppe Mohnke bestand aus neun Bataillonen. Leider sind auch mit der neuen Buchveröffentlichung über ihn nicht allzu viele neue Erkenntnisse gewonnen worden über die Vorgänge in seinem Befehlsbereich.

Mohnke wurde in einer Zeitschrift wie dem "Spiegel" immer wieder einmal als Zeitzeuge angeführt, etwa über Details im Führerbunker rund um Hitlers letzte Tage und über Ereignisse daselbst nach dem Tod Hitlers. Mohnke spielte auch Anfang der 1980er Jahre eine Rolle, als es um die angeblichen "Hitler-Tagebücher" ging (vgl. Spiegel). Aber all das bezieht sich nicht auf detaillierte Erinnerungen an die Einsätze der Kampfgruppe Mohnke, wie sie auch die zitierten Amazon-Rezensenten vermissen.*)

Auf dem englischen Wikipedia heißt es zu Mohnke (unter Berufung auf Thomas Fischer) (Wiki):
Er bildete die Kampfgruppe Mohnke und diese bestand aus zwei schwachen Regimentern. Sie bestand aus der LSSAH Flak-Kompagnie, bestehend aus dem LSSAH Ausbildungs- und Ersatzbattalion aus Spreenhagen (unter SS-Standartenführer Anhalt), aus 600 Mann des Begleit-Bataillon's Reichsführer SS, der Führer-Begleit-Kompagnie, wobei die Kerngruppe sich aus 800 Männer der Leibstandarte (LSSAH) SS, dem Leibwache-Battalion bildete (das dazu bestimmt war, den Führer zu schützen).
He formed Kampfgruppe Mohnke (Battle Group Mohnke) and it was divided into two weak regiments. It was made up of the LSSAH Flak Company, replacements from LSSAH Ausbildungs-und Ersatz Battalion from Spreenhagen (under SS-Standartenfuhrer Anhalt), 600 men from the Begleit-Bataillon Reichsführer-SS, the Führer-Begleit-Kompanie and the core group being the 800 men of the Leibstandarte (LSSAH) SS Guard Battalion (that was assigned to guard the Führer).

Es gibt auch ein Foto, das Mohnke in russischer Kriegsgefangenschaft zeigt und eines, unmittelbar nach seiner Entlassung aus dieser im Jahr 1955 (beide male mit Bart). Und es gibt eines von ihm aus dem Jahr 1988, das im "Spiegel" veröffentlicht worden ist.

24. April - Verteidiger der Moltkebrücke werden abgezogen zur Verteidigung der Frankfurter Allee

Über die Erstürmung des Reichstages und die deutschen Verteidiger wird berichtet:

According to the book "With our backs to Berlin", the commander of the the defence of the Reichtag was SS-Lieutenant (SS-Oberstürmführer) Babick of the 2nd Regiment of the SS-Leibstandarte Adolf Hitler. With him was the "Potential leaders company" of Spreehagen, about 100 man strong. Also, about 250 sailors sent to Berlin by Dönitz to protect the fuhrer ended up defending the Reichtag, being called "The Dönitz contribution". Further, a company of paratroopers from the 9th Parachute Divison, plus appox 100 Volkssturm and stragglers defended the Reichstag. In all, no more than 550 combatants as opposed to the 5000 Russians attacking.

In einem früheren Beitrag (1) sind schon Darstellungen - entnommen vor allem von Wikipedia - gebracht worden, die sich an der sowjetischen Kriegsgeschichtsschreibung zu diesem Geschehen orientieren. Im vorliegenden Beitrag sollen diese durch die Berichte deutscher Überlebender ergänzt werden, vornehmlich zusammengestellt anhand einer sehr brauchbaren Dokumentation von Wolfgang Venghaus zu diesen Ereignissen (erschienen 1997/98) (11).

Der Ordonnanzoffizier und Untersturmführer Helmut Triebel hatte südlich Frankfurt/Oder zur "Kampfgruppe Becker" gehört, die sich aus Mitarbeitern des SS-Wirtschafts- und Vewaltungshauptamtes und seiner "Führerschule" in Arolsen zusammensetzte. Da er schon am 16. März verwundet worden war, gelangte er am 21. April als Genesender nach Berlin. Er berichtet (11, S. 351f):

Die Dienststellen der zuständigen Führer waren nicht mehr besetzt. Wir fanden allerdings dann sehr schnell, was wir suchten: eine Kampftruppe, die aus Angehörigen des Hauptamtes zusammengestellt war, und deren Führung ein alter Bekannter aus Arolsen, Hstuf. Mrgalla, übernommen hatte. Es war ein ziemlich gemischter Haufen in Batl.-Stärke, in dem alte und junge, ohne und mit Fronterfahrung versehene Dienstgrade vertreten waren, die für die nächsten Tage einen Teil der "Kampfgruppe Mohnke" bilden sollten. 
(Ein Bataillon sind in der Friedensstärke 500 bis 600 Mann.) Er fuhr zur Kaserne der SS-Leibstandarte Adolf Hitler in Lichterfelde (der früheren Kadettenschule), um schwere Waffen (MG und Granatwerfer) abzuholen. Dort wurde er aber von dem Standartenführer Anhalt als Ordonnanzoffizier übernommen:
Der Kommandeur, Staf. Anhalt, teilte seinen Bereich dann so auf: Rechts eingesetzt Batl. Mrugalla von Bahnhof Friedrichstraße entlang der Spree nach Westen, in einem auf Südwest schwenkenden Bogen um das Reichstagsgebäude bis zum Straßenkreuz Moltkestraße-Siegesallee. Dort Anschluß an das II. Bataillon (...), das im weiteren Verlauf der Moltkestraße (gemeint wohl Siegesallee?) einen Bogen durch den Tiergarten, südlich vom Potsdamer Platz und dem Luftfahrtministerium vorbei wieder bis zur Friedrichstraße beziehen sollte. 
Über den 24. April schreibt er, wobei zu bemerken ist, daß eine Kompagnie etwa aus 150 Soldaten besteht (11, 352f):
Bei den Bataillonen verlief das Beziehen der Stellungen zunächst planmäßig, doch schon in den Abendstunden kam der Befehl, das Btl. Mrugalla herauszuziehen und im Osten der Frankfurter Allee als Auffangreserve einzusetzen. (...) Nunmehr mußte sich das II. Btl. über den ganzen Regimentsbereich ausdehnen, was nur durch stützpunktartige Besetzung der Linie geschehen konnte. Zum Beispiel hatte eine Kompagnie den großen Bogen innerhalb des Tiergartens zu verteidigen, so daß nur alle 50 m ein Schützenloch besetzt werden konnte.

Andererseits hatten mehrere Batterien ihre Feuerstellung auf den freien Flächen des Tiergartens eingerichtet. (...) Ab 28.4. war dieser Teil unseres Verteidigungsabschnittes praktisch durch die weitmaschige Schützenlinie überhaupt nicht gesichert, so daß ein energischer russischer Stoßtrupp schon zu diesem Zeitpunkt nach Überwindung der Spree zwischen Reichstag und Krolloper in den Tiergarten hätten eindringen können. Aus diesem Grund hatte Staf. Anhalt einen Zug Grenadiere als Regimentsreserve im Bereich des Gef. Stands in Höhe Brandenburger Tor - Schweizer Botschaft angeordnet. Dies blieb die einzige Sicherung bis zur letzten Stunde vor dem Ausbruch; und es ist mir noch heute ein Rätsel, warum die Russen diese schwache Stelle nicht festgestellt und genutzt haben.
Es ist immer zu berücksichtigen, daß jeder einzelne Erlebnisbericht nicht den Gesamtüberblick hatte und nur Teilausschnitte aus dem Geschehen wiedergeben kann. Aber indem man viele solche einzelnen Erlebnisberichte zur Kenntnis nimmt, formt sich doch allmählich ein Eindruck vom Gesamtgeschehen auf deutscher Seite.

28. April - 15 Fallschirmjäger verteidigen das Generalstabsgebäude

Die eben genannte Lücke wurde unter anderem auch von einer Einheit gestopft, von der Helmut Triebel gar nichts scheint mitbekommen zuhaben, oder die er zwischenzeitlich wieder vergessen hatte. Sie stand unter dem Befehl eines Herbert Kuntze. Dieser war Chef der 1. Batterie Fallschirmjägerflakabteilung 11 in der im Dezember 1944 neu aufgestellten 9. Fallschirmjäger-Division. Diese Division war die erste, die unter dem massiven Trommelfeuer und Ansturm der Sowjets auf die Seelower Höhen zusammengebrochen ist - zum großen Zorn von Hermann Göring. Teile dieser Division konnten sich nun nach Berlin-Mitte retten. Zu ihnen zählte auch Herbert Kuntze und seine Einheit. Er berichtet über seine weiteren Erlebnisse (11, S. 206 - 208):

Ich erfuhr, daß der Abschnitt um das Reichstagsgebäude einschließlich des südlichen Spreeufers unter dem Befehl des Obersturmführers Babick stand. Babick hatte seinen Befehlsstand im Keller des Reichstags-Präsidialgebäudes. Ihm wurde ich einsatzmäßig unterstellt. (...)

Am 28. 4. teilte mir Ostuf. Babick mit: "Der Führer wünscht, daß Sie mit ihren Männern das Gebiet an der Moltkebrücke abriegeln."
Es wurden also am 28. April doch noch Soldaten in die Frontlücke geschickt. Und sogar Adolf Hitler selbst hat offenbar ihren Einsatz befohlen. Kuntze weiter:
Hier stand als Ruine das Gebäude des Kaiserlichen Generalstabes. (...) Mit etwa 15 Mann (Offz./Uff./Mannschaften) schlurfte ich durch den Tunnel (Tunnel für die Versorgungsleitungen) vom Reichstags-Präsidialgebäude in das Reichstagsgebäude.
/ Nebenbei: Offenbar - oder möglicherweise - handelt es sich um den gleichen Tunnel, durch den die Reichstagsbrandstifter 1933 in den Reichstag gelangt sind. (Siehe dazu andere Beiträge hier auf dem Blog.) / Kuntze weiter:
Im Reichstagsgebäude empfing mich mein Conschef Oblt. Franz (...) von der 5. Batterie. Er sagte mir, selbst im Reichstagsgebäude sei die Lage unübersichtlich. Von der oberen Etage (Bibliothek) wurden Handgranaten und andere Sprengkörper in die Luft- und Fahrstuhlschächte geworfen, also mußten schon einige Russen eingedrungen sein. Er machte sich daran, die Russen auszuräuchern. Ich sah riesige Ölgemälde brennen, die sich nach oben aufrollten. Plötzlich kam ein Parlamentär in deutscher Sanitätsoffiziersuniform eine Treppe herunter. Er wurde mit Schimpf und Schande weggejagt; so hatten sich die Verräter vom Komitee "Freies Deutschland" schon öfter bemerkbar gemacht. Ich werde nie vergessen, wie die Männer um Oblt. Franz in dem Inferno sangen: "Ho, ho, ho, wir sind die Männer von Navaho!" Die Angst war überwunden, es war ein Höllengesang.
(Im Netz findet sich ein "Navajolied" - das auch der Schlagersänger "Heino" gesungen hat. Dieses hat allerdings nicht jenen hier angegebenen Refrain. Möglicherweise hat Kuntze verschiedene Lieder jener Zeit durcheineinander gebracht.) Kuntze weiter:
Ich selber mußte vom Südausgang aus mit meinen Männern über den Königsplatz Richtung Moltkebrücke im Sprunglauf durch Artillerie- und Werferfeuer hindurch. Dabei schleppten wir unsere Sturmgewehre 44 und Panzerfäuste mit. (...) In den Trümmern des alten Generalstabsgebäudes richteten sich meine Männer zur Verteidigung ein. Wir sahen die Russen am anderen Spreeufer, wie sie an einer bestimmten Stelle in den Trümmern verschwanden, sicher war dort eine Befehlsstelle. Oberwachtmeister Hildebrand von der Berliner Polizei, der sich mir mit den Worten angeschlossen hatte: "De Russen in Berlin ..., nee det jeht nicht," stellte sich mit einem Karabiner an einen Baumstumpf. Er war ein ausgezeichneter Scharfschütze. Zu bemerken ist noch, daß hier, in unmittelbarer Nähe zu den Russen, kein Artilleriefeuer lag. Ich hörte sogar noch die Vögel in der Frühlingssonne tirilieren.
Die Moltkebrücke war nur halbseitig, am uns zugewandten Ende gesprengt. Später gelang es den Russen tatsächlich, über diesen Spreeübergang einzudringen. (...) Wir fanden keine weiteren Soldaten vor. Das sogenannte Himmlerhaus wurden also nicht von SS-Männern (wie später von den Russen berichtet), sondern von Fallschirmjägerartilleristen der 1./11 verteidigt. Nachdem ich meine Männer zu diesem Vorposten geführt hatte, mußte ich zu meinen im Innenministerium zurückgelassenen Leuten zurück. Diesmal scheute ich den Sprunglauf über den Königsplatz und wählte den Weg durch den Tiergarten zum Brandenburger Tor. Hierbei überholte ich einen russischen Trupp, der mit starr nach vorn gerichtetem Blick (Brandenburger Tor) im Rosengarten lag. (...).
Ich berichtete Ostuf. Babick über den ausgeführten Auftrag und bat gleichzeitig für den folgenden Tag (29.4.) um einen Panzer, mit dem ich Verpflegung für die Männer an der Moltkebrücker heranschaffen wollte. (...) Es kam ein Sturmgeschütz mit einer (7,5 cm) Langrohrkanone. Die Fahrt zu unserem Stützpunkt mit der in einer Kiste verpackten Verpflegung verlief völlig undramatisch. (...) Die Männer an der Moltkebrücke waren wohlauf und über die Verpflegung hocherfreut. Sie zeigten mir einen großen Stapel Panzerfäuste, den sie im Keller gefunden hatten. Die Russen auf dem anderen Spreeufer liefen weiter sichtbar herum. Das war das letzte Treffen mit meinem Vorposten. Der Geschützführer drängte auf Rückfahrt.

29. April - Verteidigung des Generalstabsgebäudes unter Alkohol-Einfluß?

Sollten also das Generalstabsgebäude und die Moltkebrücke allein von 15 Männer auf deutscher Seite verteidigt worden sein? Dieses "schwer einnehmbare", weil hartnäckig verteidigte Gebäude? Zumindest geht dies auch aus einem weiteren Bericht hervor, dem womöglich noch weitere Schicksale dieser Kampfgruppe im Generalstabsgebäude zu entnehmen sind. Laut Berichten deutscher Überlebender heißt es (nach Erich Kuby, 1965 im Spiegel):

Nicht nur sowjetische Chroniken, auch deutsche Zeugen erzählen vom Sturm auf den Reichstag. Der ehemalige Unteroffizier zbV der 3. Schweren Flakbatterie der Abteilung 211, Gerhard Zilch, heute Oberpostinspektor (...). Die Schilderung Gerhard Zilchs ist kennzeichnend für die Stimmung in einigen Truppenteilen während der allerletzten Tage:
"Der erste sowjetische Stoßtrupp, der in der Nacht zum 29. April in den Reichstag eindrang", so berichtet Gerhard Zilch, "wurde von SS-Pionieren mit Flammenwerfern erledigt." Am Morgen wird das eine von den zwei noch brauchbaren Flakgeschützen seiner Batterie so weit vorgezogen, daß es die gesprengte, aber nicht gänzlich zerstörte Moltkebrücke unter Feuer halten kann, über die Neustrojews Soldaten klettern.
Auch Panzer waren dort, und einige schießt der 45jährige Oldenburger Groter mit seiner Kanone kampfunfähig. Dann bekommt sie einen Volltreffer, Groter stirbt durch Kopfschuß. Gleich darauf fällt auch das dritte und letzte Geschütz der Batterie aus. Krieg zu Ende, dachten die noch übrigen Flaksoldaten von Zilchs Batterie, und das dachte er selbst auch. Zilch erinnert sich: "Aber nein, wir hatten wieder eine falsche Rechnung gemacht. Jetzt traten die Nahkampfspezialisten in Aktion. Ihr Führer war der SS-Obersturmführer Babick, Kampfkommandant des Reichstages. Ich diente als Verbindungsmann zwischen den verbliebenen Flaksoldaten und dieser SS-Kampfgruppe. Sie gehörte zur SS-Division Nordland, die ihr Hauptquartier im Europa-Haus am Anhalter Bahnhof hatte.
"Babick machte jetzt Krieg, wie er ihn sich vorstellte. Unsere beiden Batteriechefs, Radloff und Richter, hatten keine Befehlsgewalt mehr. Sie waren nur noch Befehlsempfänger. Der Gefechtsstand von Babick befand sich nicht im Reichstag, sondern im Keller des Hauses Dorotheen-, Ecke Hermann-Göring-Straße, und zwar auf der Seite, die der Spree zugewandt ist. Dort war er in einem zivilen Luftschutzkeller, einem etwa 25 Quadratmeter großen Raum.
"An der Wand stand ein altes Sofa, davor ein Wohnzimmertisch, auf dem ausgebreitet die Karte vom Stadtzentrum Berlin lag. Auf dem Sofa saß ein älterer Kapitänleutnant, ihm zur Seite zwei Marine-Unteroffiziere. Außerdem befanden sich in diesem Keller ein paar SS-Angehörige, und im Zentrum von allen, über die Karte gebeugt, SS-Obersturmführer Babick. "Er spielte den Feldherrn und ließ alle in diesem von Kerzen notdürftig erhellten Raum anwesenden Männer an seiner Kampfschulweisheit teilnehmen. Er sprach vom Endsieg, er verdammte die Feiglinge und Volksverräter und ließ niemanden darüber im Zweifel, daß er alle, die den Führer jetzt verlassen würden, standrechtlich erschießen werde.
"Dieser Gefechtsstand war für mich leicht durch einen Kellereingang zu erreichen, der vom Reichstag unter der Hermann-Göring-Straße hindurch in den Keller des Eckhauses der Dorotheenstraße führte. Durch diesen Gang lief auch ein dickes Heizungsrohr, das vermutlich im ehemaligen Herrenhaus des Preußischen Landtages endete. So ist es mir in Erinnerung. "Ich hatte die Aufgabe, von Babick Befehle über den Einsatz unserer Leute entgegenzunehmen. Das Trommelfeuer auf den Reichstag hielt unvermindert an. Bei meinen kurzen Aufenthalten im Stabe Babick erfuhr ich immer das letzte über die Lage und vernahm, es sei wieder ein russischer Stoßtrupp in die oberen Geschosse des Reichstages eingedrungen, aber vernichtet worden. Babick war ungeheuer stolz auf die Erfolge seiner Männer.
"Er hoffte auch auf Verstärkung. Von irgendwoher waren in der Nacht zum 29. April noch Marine-Infanteristen nach Berlin gekommen, an ihrer Spitze jener Kapitänleutnant, der im Keller saß und nichts zu sagen hatte. Babick stand vor der Karte und zeichnete ein, von wo er Truppenverstärkung erwartete. Er erzählte sogar, in Kürze würden Königstiger eintreffen. "Babick fühlte sich in dieser Stunde noch sehr zuversichtlich. Ihm konnte im Keller nichts passieren. Vor der Kellertür standen SS-Posten, vor dem Gang zum Reichstag standen wieder Posten, und nun sollten sogar noch Königstiger kommen, unsere feinste Waffe.
"Er hatte seine Leute in Gruppen von fünf bis zehn Mann rings um den Reichstag verteilt. Eine Gruppe wurde von dem SS-Untersturmführer Undermann (oder so ähnlich, genau verstand ich den Namen damals nicht) geführt, er saß südlich der Moltkebrücke im Innenministerium (in dem Gebäude, das die Sowjets 'Das Haus Himmlers' nannten), und zwar in einem Keller mit Schußfeld zur Brücke. "Von dort kam ein etwa 19jähriger SS-Junker und meldete Babick, Undermann und seine Männer hätten im Keller Alkohol gefunden und sich besoffen. Der Junker sagte, er hätte vorsichtshalber den Undermann gleich mitgebracht, er stünde draußen. "Babick tobte und sein Urteil stand fest: Erschießen! Der Junker, hackenknallend, lief hinaus, Sekunden später hörten wir einen Feuerstoß aus der MP, der Knabe erschien wieder und meldete: Befehl ausgeführt. Babick befahl ihm, den Trupp Undermann zu übernehmen."
Von einem solchen Gegenangriff innerhalb des Reichstages am 29. April berichtet auch der Ordonnanzoffizier Helmut Triebel (11, S. 356):
Schon am 29. April erhielten wir Meldung, daß ein russischer Stoßtrupp über die Spree bis an das Reichstagsgebäude vorgedrungen sei. Daraufhin wurde ich in der Nacht beauftragt, die Lage bei der dort eingesetzten Kompagnie zu erkunden und die Kampfgruppe (Mohnke) darüber zu informieren. 
Offenbar im Keller eines Hauses in der Nähe des Reichstags-Präsidialgebäudes
fand ich den Kompagniechef bei der Vorbereitung zu einem Gegenstoß, weil die Russen im oberen Stockwerk des Reichstagsgebäudes festsaßen und ihre rückwärtige Verbindung unterbrochen werden konnte. Die Kompagnie hatte schon erhebliche Ausfälle, war aber durch Versprengte und Freiwillige aufgefüllt und noch kampfkräftig. So hatte sich ein Marineoffizier mehrere Munitionsgurte um die Schultern gehängt und unterstützte, mit einem MG 42 bewaffnet, den angreifenden Stoßtrupp der Waffen-SS. Dieser hatte seine Ausgangsbasis im Keller und Erdgeschoß des Reichstagsgebäudes, die noch in eigener Hand waren und wohin auch ein Kellergang führte.
Die Russen hatten sich in den Räumen und Fluren verschanzt und waren nicht zu überwinden, obwohl sie vorläufig von draußen nicht verstärkt oder entsetzt werden konnten. Unsere Männer kamen über das Erdgeschoß hinaus nicht weiter, hielten aber auch ihre Stellungen. Darüberhinaus mußte noch die Spree nördlich des Reichstags abgesichert werden, damit die Russen keine weiteren Truppen übersetzen konnten. 

30. April - Russische Panzer dringen über die Moltkebrücke vor

Im Dezember 1944 ist auch die schwere Panzerabteilung 503 "Feldherrnhalle" aufgestellt worden mit den modernsten Tiger-Panzern. In dieser befehligte Georg Diers einen Tiger-Panzer, der am 21. April von Müncheberg nach Berlin kam und dort in verschiedensten Stadtteilen Einsätze fuhr, vor allem in Neukölln zusammen mit der Division Charlemagne (11, S. 114). Am 29. April verteidgt der Panzer am Potsdamer Platz. Georg Diers berichtet (11, S. 115):

30. April 1945 - Befehl zum Reichstag über Funk nachmittags. (...) Das Reichstagsgebäude war schon ziemlich zerbombt, ausgebrannter Plenarsaal. Auf der Eingangsseite sahen wir zur Krolloper herüber und rechts von uns stand eine große Anzahl T-34, wohl 30 Stück an der Zahl mit Rohr aufs Reichstagsgebäude, auf uns. Nach genauer Einweisung der Besatzung haben wir den Sprung um die Ecke gewagt und gegen diese große Zahl das Feuer mit Erfolg aufgenommen.
Man könnte sich vorstellen, daß dabei viele jener Panzer abgeschossen worden sind, die auf jenen Fotos vom Südausgang der Moltkebrücke zu sehen sind, die wohl bald nach Ende der Kämpfe aufgenommen worden sind.

Abb. 2: "Die JS II und SU 152 fahren von der Brücke in Richtung Reichstag"

Auch Hans Rave, Führer eines Sturmgeschützes mit 7,5 cm Langrohrkanone des Panzerregimentes "Hermann von Salza", berichtet (11, S. 271):

An der Kroll-Oper waren wir auch im Einsatz. Dort haben wir eine Fallschirmjäger-Einheit unterstützt.

(Auch dieses Sturmgeschütz nahm dann nach Hitlers Tod an dem viel diskutierte Ausbruchversuch der verbliebenen Truppen über die Weidendammer Brücke teil.)


Abb. 3: An der Moltkebrücke

1. Mai - Russische Panzer vor der Krolloper

Georg Diers berichtet weiter:

01. Mai 1945 - Einsatzraum Reichstagsgebäude, Brandenburger Tor bis zur Siegessäule. Auf der Achse Gegenstoß bei der Kroll Oper. Vor der Krolloper hatten sich russische Panzer aufgestellt, in der Kroll Oper waren noch deutsche Verwundete. Wir konnten den Vorplatz freihalten. Unser Funker, Alex Sommer, wurde durch Oberleitungskabel verletzt. Der Russe ist an diesem Tag mit einem Spähtrupp in das Reichstagsgebäude eingdrungen und konnte sich in der Mitte des Gebäudes festsetzen und schoß von oben in die einzelnen Luftschächte oder Wendeltreppen auf uns. Im Obergeschoß des Reichstages waren noch ein paar schießende sMG's von uns, die aber nach und nach verstummten. Unten ist ein deutscher Gefechtsstand. Ein Gegenstoß mit unserer Unterstütztung bringt auch nichts als nur weitere Löcher in den zugemauerten Fenstern. Gegen 19.00 Uhr kommt der Befehl zum Ausbruch.
(Gemeint ist der Ausbruch über die Weidendammer Brücke.) Auch Ordonnanzoffizier Helmut Triebel schreibt (11, S. 358):
In der Nacht zum 01. Mai mußte ich noch einmal raus in den Tiergarten zur Kontrolle unserer Posten, von denen gemeldet wurde, daß der "Iwan" nördlich der Ost-West-Achse mit schwächeren Kräften vorfühlte. Unsere Männer hatten das rechtzeitig bemerkt und mit einem kleinen Feuerzauber stärkere Kräfte vorgetäuscht. Die Russen blieben vorsichtig, versuchten aber immer wieder, in das Gelände des nördlichen Tiergartens "einzuwieseln". Sonst war es ziemlich ruhig in dieser Nacht, die an vielen Orten von Bränden erleuchtet wurde.

Ein wirklich zusammenhängendes Bild von den Geschehnissen aus deutscher Sicht läßt sich aus all diesen Berichten dennoch nicht so recht gewinnen. Aber man gewinnt doch allerhand Teileindrücke.

1. Mai - Uniform aus-, Zivilkleidung angezogen

Wie es jenen ergehen konnte, die nicht mit ausbrachen, wird auch berichtet (Kuby, Spiegel):

Zilch und seine Kameraden trafen am 1. Mai, als Babick und seine Leute plötzlich verschwunden waren, im Keller des Reichstages zwei belgische Arbeiter, die sich dort versteckt hatten. Der Keller war ein Labyrinth, es gab auch Ecken, wo nicht gekämpft wurde. Die Belgier zeigten den Flaksoldaten einen Garderobenraum, dort fanden sie Zivilsachen und zogen sich um. Sie verbrannten ihre Soldbücher und warfen Uniformen und Ausrüstung in den noch fünf Meter tiefer liegenden Heizungskeller. SS-Streifen kämmten den Keller durch, die Belgier versteckten die nun in Zivilisten verwandelten Flaksoldaten in einem Lüftungsschacht.
Sie hatten den Eindruck, der Kampf sei zu Ende und wagten, die Tür des Waschraumes zu öffnen, als jemand mit Schlägen gegen das Holz Einlaß begehrte. Drei uniformierte Männer erschienen, vorweg ein sowjetischer Soldat mit einer weißen Fahne, an zweiter Stelle ein älterer Offizier in einer unbekannten Uniform, zuletzt wieder ein Russe. Einer der Belgier sagte dem russischen Trupp in gebrochenem Deutsch, hier seien nur Belgier. Daraufhin zog die Gruppe mit der weißen Fahne weiter. "Wir dachten, nun kann nichts mehr schiefgehen", erzählte Oberpostinspektor Zilch. Er glaubt, später gehört zu haben, der deutsch sprechende Parlamentär in der unbekannten Uniform sei ein in sowjetische Gefangenschaft geratener deutscher Oberstabsarzt gewesen, den man gezwungen habe, dem Reichstagskommandanten die Übergabebedingungen zu verlesen.
Doch schon wenige Stunden später drangen Sowjetsoldaten in den Reichstagskeller. Sie trieben den verkleideten Zilch und seine Kameraden aus dem Keller quer über den Königsplatz in die Schweizer Botschaft. Dort wurde Zilch von einem gut deutsch sprechenden Sowjetoffizier verhört. Zilch: "Ich gab mich als Postbeamter aus, der auf dem Weg zur Arbeit von deutschen Soldaten kassiert worden sei. Ich weiß nicht, ob man mir glaubte. Ich wurde abgeführt. Als ich aus dem Haus trat, sah ich, daß sich auf dem Königsplatz zahlreiche Russen versammelten. "Wir marschierten zur Lüneburger Straße, Ecke Alt-Moabit. Dort wurde ich zum zweitenmal in einem Eckhaus -Keller verhört. Ich weiß auch den Namen dieses perfekt deutsch sprechenden Offiziers, mindestens den Vornamen: Walter. (...) "Auch Walter glaubte mir wohl nicht, daß ich kein Soldat sei. Es ging zur Strafanstalt Pötzensee. Dort strömten Tausende von Gefangenen zusammen." Zilch kam in ein Gefangenenlager, wurde abermals verhört und dann einem Gefangenentransport eingegliedert, der für die Sowjet-Union bestimmt war. Doch Zilch gelang, die Flucht. Bei einer Marschpause außerhalb Berlins konnte er sich beiseite schlagen und unerkannt, als Eisenbahner getarnt, nach Berlin zurückkehren.

Dieser Beitrag muß wenn neue Erlebnisberichte gefunden werden, noch weiter ergänzt werden. Hinweise auf solche werden gerne entgegengenommen.

Lothar Loewe als Hitlerjunge in den Kämpfen um Berlin

Ergänzung 19.4.2021. Auch der spätere ARD-Auslandskorrespondent Lothar Loewe (1929-2010)(Wiki) war als Hitlerjunge ebenfalls an den Endkämpfen von Berlin beteiligt (14) (1:17:15):

Wir bezogen unsere Gefechtsstellung am Flugplatz Tempelhof am 21. oder 20. April. Und ich habe dann die Kämpfe hier in Berlin miterlebt bis zum Ende, auch bis zum Ausbruch aus Berlin. Am 2. Mai wurde ja in Berlin kapituliert, nicht aber im Westen der Stadt, dort gab es ja einen großen Ausbruchversuch über Spandau, um die Wenck-Armee, die in Nauen stehen sollte, zu erreichen. Und daran habe ich teilgenommen. Und am 30. April ergab es sich, daß ich auch einen sowjetischen Panzer abgeschossen habe mit einer Panzerfaust. (...) Der Abschuß eines Panzers in den Straßen war gar nicht so schwierig. Meine Kameraden und ich haben die Gefahr, getroffen zu werden, verwundet zu werden oder gar umzukommen, eigentlich unterschätzt. Die Angst kam später. Nach dem Abschuß, als dieser Panzer auseinander flog, und die russische Infanterie in dieser Straße also vordrang, und wir uns sehr schnell durch Kellergänge und andere Straßen zurückziehen mußten, dann kam die Angst. Und die Angst, die eigentliche, große Angst vor dem Tode kam nach meiner Verwundung. Wenn Sie erst mal verwundet sind, dann sind Sie so geschockt und so schockiert .... (...) Ich war immer noch gehfähig und hatte immer noch den Wunsch, den Russen zu entgehen. Und das ist der Grund, weshalb ich mit meiner Einheit dann an diesem Ausbruch teilgenommen habe. Aber ich habe dann eigentlich keinen Schuß mehr abgefeuert und hatte jedesmal Angst, wenn irgend eine Granate einschlug. Ich hatte eine schreckliche Angst, nochmal getroffen zu werden.

Über die Zeit nach der Gefangennahme berichtet er (14) (1:22.28):

Wir marschierten quer durch Berlin. Wir kamen in Spandau an und marschierten die Heerstraße ... über die zerstörte Heerstraßen-Brücke balancierten wir über die Brückentrümmer, und dann in einer riesigen Kolonne, vielleicht zehn-, vielleicht fünfzehntausend Gefangene und marschierten dann den Kaiserdamm, also die Ost-West-Achse runter quer durch Berlin. Berlin sah aus wie Karthago. Die Brände waren erloschen, die Russen waren da, die Straßenschilder waren russisch, russische, weibliche Soldaten regelten den Verkehr. (...) Viehherden, Rinderherden wurden über den Kaiserdamm gen Osten getrieben. (...) Die Stadt machte eigentlich den Eindruck einer russischen Stadt. Ich habe nicht für möglich gehalten, daß Deutschland je wieder in irgendeiner Form gedeihen konnte.

/ Letzte Ergänzungen:
19.4.2021 [Lit.ang. 14];
18.12.2021 [Lit.ang. 15, 16] /

____________

*) Der Amazon-Rezensent F. Hammer schreibt (30.1.2012):

Nun muß ich ja wirklich mal Dampf ablassen! Ich hatte mir das Buch gekauft, da ich sehr an dem Gelände der Reichskanzlei und den Bauten im alten Berliner Regierungsviertel interessiert bin. Ein Bericht von Mohnke zu seinen Erlebnissen in dem Gebäude erschien mir spannend. Die meisten Zeitzeugenbücher dazu kenne ich schon. Von Mohnke kannte ich noch keine aufgeschriebenen Erlebnisse der Letzten Tage in der Reichskanzlei. (...)
Es schreibt aber nicht etwa Mohnke, sondern nur der Autor. Sachen, die aus anderen Büchern oder Berichten zusammengetragen wurden. Kaum etwas Authentisches und wenn dann nicht von Mohnke. Auf Seite 138 kommt dann endlich das Kapitel "Die Kampfgruppe Mohnke sichert das Regierungsviertel". Und wieder kein Mohnke zu lesen. Der Autor schwafelt bekanntes Zeug und ab und zu kommt mal für 4 oder 5 Zeilen ein unbekannter SS-Mann zu Wort, der von einem Kampfeinsatz irgendwo in Berlin (nicht das Regierungsviertel) berichtet.
Ich mache es kurz.
Das Buch hat 200 Seiten. Auf Seite 153 kommt das erste mal Mohnke zum Thema Reichskanzlei zu Wort und das für ganze 16 Zeilen und mit einem Bericht, der seit 1975 bereits vorliegt. Danach folgen noch, wenn man den auf mehrere Seiten zerstückelten Bericht Mohnkes einmal zusammenzählt, gerade einmal EINE SEITE Mohnkebericht. Dieser besteht dann noch hauptsächlich in der Beschreibung der Ereignisse im Führerbunker nach Hitlers Selbstmord. Eine weitere Seite ergibt sich, wenn man die Berichtfetzen von Mohnkes Ausbruch zusammen nimmt. Wir kommen also auf ganze 2 Seiten Bericht von Mohnke in diesem Buch. Das ist genau 1% des Gesamtinhaltes. Für mich ist das eine bewusste Täuschung des Kunden, indem man einen Titel wählt, der sich verkauft. 
Diese Worte und die sonstige geringe Überlieferung von Mohnke selbst bis heute legen nahe, daß man auch mit Mohnke selbst nur schwer über die letzten Kämpfe im Regierungsviertel sprechen konnte.


______________________
  1. Bading, Ingo: Von der "roten Bude" zum Bundeskanzleramt (II). Zur Geschichte des Regierungsviertels im Spreebogen (1871 bis heute). Teil 2: 1918 - 1947 / heute. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 22.3.2012
  2. Vom Wege ab. Hitler-Dokumente. In: Der Spiegel, 10.01.1966 (pdf
  3. Ein kleiner Sekretär - ein großer Intrigant Martin Bormann - die Karriere eines Schreibtischtäters. In: Der Spiegel, 03.10.1977
  4. Hitler-Tagebücher: Ha, ha, daß ich nicht lache. Der Spiegel, 02.05.1983 (pdf)
  5. Es war ein Alptraum. In: Der Spiegel, 28.03.1994 (pdf)
  6. Fest, Joachim: Das Ende. In: Der Spiegel, 18.03.2002
  7. Botting, Douglas & Sayer, Ian: Hitler's Last General. The Case Against Wilhelm Mohnke. Bantam Books, 1989 
  8. Fischer, Thomas: Die Verteidigung der Reichskanzlei 1945 - Kampfkommandant Mohnke berichtet. VDM Heinz Nickel; Schild-Verlag; 1. Aufl.; 5. November 2007, 2008
  9. Fischer, Thomas: Soldiers of the Leibstandarte. J.J. Fedorowicz Publishing, Inc. 2008
  10. Endkampf um Berlin - Reichskanzlei. Der Bericht eines Insiders. Rechtes Regensburg, 16.10.2009
  11. Venghaus, Wolfgang: Berlin 1945. Die Zeit vom 16. April bis 2. Mai (u.a. die Ausbruchsversucher an der Weidendammer Brücke). Eine Dokumentation in Berichten, Bildern und Bemerkungen. Ermittelt , zsgest. und hrsg. von Wolfgang Venghaus. Selbstverlag, Freudenberg 1997 (Amazon), 2. erw. Aufl. 1998 (677 S.)
  12. Kuby, Erich: Die Russen in Berlin 1945. Spiegel-Serie, 1. Fortsetzung, 12.05.1965
  13. Kuby, Erich: Die Russen in Berlin 1945. Scherz-Verlag, 1965 (426 S.), 1980, 1992, 1995
  14. Lothar Loewe (Journalist), Als Hitlerjunge im Kriegseinsatz in Berlin 1945. In: Irmgard von zur Mühlen: Ansichten vom Ende - Einsatz an der Ostfront 1945 (ohne Jahr, nach 1991), CHRONOS-MEDIA History, https://youtu.be/j7Ln9M5xvdI, 3:40,  1:17:15, 1:22.28 
  15. Axmann, Artur: Das kann doch nicht das Ende sein. Erinnerungen des letzten Reichsjugendführers, Siegfried Bublies Verlag, 1995, https://archive.org/details/AxmannArtur-Hitlerjugend-ErinnerungenDesLetztenReichsjugendfuehrers
  16. Artur Axmann - Einziges Interview mit dem Reichsjugendführer, 1995. Chronos-Media History, Teil 1, https://youtu.be/IbIaCd4PqR0, Teil 2, https://youtu.be/zBpcycxLKYM.

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