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Samstag, 12. Juni 2021

"Achtsamkeit" und Patriotismus - Als sie noch mühelos Hand in Hand gegangen sind ....

Der Deutschlandfunk zeigte diesen Umstand 2019 auf 
Anhand eines Hamburger Patrioten und Rechtsanwalts, der vor 200 Jahren lebte, ... 
... als "Achtsamkeit" noch nicht mühevoll und künstlich gesucht und erworben werden mußte ... 

Auf diesem Familienbild (Abb. 1) ist der Familienvater Ferdinand Beneke (1774-1848) (Wiki) im Kreise seiner Familie zu sehen. 

Abb. 1: Ferdinand Beneke, Hamburger Patriot und Rechtsanwalt, mit Frau und drei Kindern

Dieser Ferdinand Beneke war Anfang des 19. Jahrhunderts Rechtsanwalt und Patriot in Hamburg. Er hatte nicht geringen Einfluß auf die Politik der Hamburger Bürgerschaft. Und er nahm intensiv Anteil am gesellschaftlichen Leben seiner Zeit.

Vor allem aber hat er umfangreich Tagebücher über sein Leben hinterlassen. 2012 bis 2019 sind diese - als von der internationalen Historikerschaft sehr geschätzte historische Quelle - herausgegeben worden. In der deutschen Presselandschaft sind sie weitum überraschend wertschätzend behandelt worden. Beispielsweise der Artikel im Deutschlandfunk, über den man vermutlich am schnellsten einen Einblick bekommt in den Wert dieser historischen Quelle - sowie in die Begrenzungen des Wertes derselben. Der Artikel kann einen sehr begeistern (1). 

Mit ihm bekommt man manche Sympathie für diesen - auf der Abbildung so griesgrämig dreinschauenden - Familienpatriarchen. Man erfährt zum Beispiel: Es war eine Liebesheirat, die ihn mit seiner Ehefrau, die neben ihm sitzt, verbindet. Und das sieht man doch zumindest ihr auch klar an (Abb. 1).

Der Artikel des Deutschlandfunks hält zum Beispiel über diese Tagebücher fest (1):

Selbst wenn es ums Wetter geht, ist der Text nicht banal: "Häßlich schneidende, trockne OstLuft mit SandPuder, und SpottSonnenSchein."

Von solchen Beispielen werden noch allerhand weitere gegeben. So schön aber dann vor allem auch der folgende Satz von Sieglinde Geisel (2):

Die "Achtsamkeit", die wir heute neu zu entdecken meinen, scheint vor zweihundert Jahren selbstverständlich gewesen zu sein.

Dieser Umstand wird aufgezeigt anhand der Introspektion des Ferdinand Beneke in seinen Tagebüchern, und zwar im Zusammenhang mit der Anbahnung seiner Ehe. Es waren das damals - oft - kultivierte Menschen. Erst in jenen Zeiten der Unkultur von heute muß "Achtsamkeit" mühevoll und künstlich "gesucht" werden. In "Achtsamkeits-Seminaren". Oh, Graus! Oh höllischer Graus!

Beneke, das ist die Generation Hölderlins. Beneke ist nur vier Jahre jünger als Friedrich Hölderlin. Und damit ist eigentlich alles klar.

"Er ist nun für Deutschland gestorben"

Selbst als belesener Mensch wird man bislang gar nicht gewußt haben, daß der in den deutschen Schulen bis 1945 so selbstverständlich als Vorbild hingestellte Ferdinand von Schill (1776-1809) (Wiki), jener preußische Offizier, der 1809 den ersten Aufstand gegen Napoleon versucht hat, und der dabei versucht hat, das deutsche Volk und die deutschen Landesregierungen mitzureißen, schon gleich von seinen Zeitgenossen so außerordentlich hoch eingeschätzt worden ist (1):

Als überragend und von höchstem Symbolwert gilt ihm die Tat des preußischen Husarenoffiziers Ferdinand von Schill, der seinem König den Gehorsam aufkündigt und mit seinem Freikorps die Franzosen in Bedrängnis bringt. Seit seiner Hilfe bei der Verteidigung Kolbergs 1807 gilt Ferdinand von Schill ohnehin als Held. Ja, Beneke nennt ihn sogar "christusähnlich". Als die Nachricht von Schills Tod im Kampf Hamburg erreicht, trauert der Tagebuchschreiber um seinen Helden, doch sieht der nüchterne Politiker und Advokat im Tod des Patrioten zugleich die Möglichkeit einer großen Erzählung, die Deutschlands Befreiung und Einigung befördern könnte: "Eins freut mich: er hat groß geendet, er ist nun für Deutschland gestorben, der Erste; sein Name und sein Blut werden Dich wecken, Germania! und das Bruderband schlingen um alle Deutsche; und aus Schills Tode wird einst das Leben eines großen Volks erstehen." 

Was für Worte. Ganz ohne kritische Anmerkungen werden sie 2019 in einem Artikel des Deutschlandfunks gebracht. 1809 also durfte man so auch noch aus Sicht des Deutschlandfunks denken und schreiben, ohne daß das aus heutiger Sicht skeptisch kommentiert werden bräuchte. Aber 200 Jahre Abstand werden dazu dann offenbar doch notwendig sein.

Wir haben es hier also mit einer Zeit zu tun, in der Patriotismus und Achtsamkeit keine Gegensätze darstellten, sondern sich gegenseitig bedingten. Schon 1848 sollte Franz Grillparzer bezüglich dieser beiden Lebenstendenzen eher den Gegensatz wahrnehmen. Da prägte er das bekannte und prophetische Wort:

"Von Humanität / Durch Nationalität / Zur Bestialität."

Und mit diesem Wort hat er ja bis heute nur gar zu deutlich recht behalten. Sowohl mit Nationalität wie mit Globalisierungswünschen können heute alle Formen von Bestialität - alle Formen von Bestialität - Hand in Hand gehen. Denn alle echte, aus selbstverständlicher Kultivierung entsprungene Achtsamkeit ist schon lange, schon lange, lange, lange über Bord gegangen.

Kein Achtsamkeits-Seminar wird sie uns jemals zurück bringen.

_________

  1. Sieglinde Geisel, Klaus-Rüdiger Mai: Ein empfindsamer Patriarch und liberaler Patriot, 2019, https://www.deutschlandfunkkultur.de/ferdinand-benekes-tagebuecher-ein-empfindsamer-patriarch.1270.de.html

Montag, 28. September 2020

Wovon wollen wir uns erregen lassen? (Teil 1)

Bzw.: Worüber wollen wir uns erregen? 

0:00 - Es gibt zwei Arten von Lernen: 

1. Prägungsähnliches Lernen, 2. Lernen über Lust und Unlust (1). Zu 1. Gänseküken Martina, Nachfolgeprägung, Muttersprachen-Erwerb. Anstrengungslos, Lernfenster, irreversibel, Urvertrauen.

zu 2. Lust und Unlust als Lehrmeister des irrfähigen Verstandes. Dressur durch Verwöhnung, Dressur durch Strafe. Iwan Pawlow und seine Hunde (2). 

Pawlow'sche bedingte Reflexe. Erfahrungen britischer Heerespsychiater im Jahr 1944. Paradoxe und ultraparadoxe Phase des Erregungszustandes bei Soldaten (2). 

Erweckungs- und Bekehrungspredigten christlicher Kirchen (2).

Gehirnwäsche im kommunistischen Machtbereich (2) Jesuiten-Exerzitien (2).

Strategie der Spannung, Kalter Krieg, "Terrorjahre", Walter Jens, "Zornige junge Männer", Flakhelfer-Generation.

Gehirnwäsche, Umerziehung von 1945

Gehirnwäsche seit 1933

40:30 - Weltgeschichte als Geschichte von gesellschaftlichen Erregungszuständen. Womöglich macht es heute sehr viel Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, aus welchen (seelischen) Erregungszuständen heraus die Ilias des Homer um 750 v. Ztr. heraus geboren ist, von welchen sie getragen ist und welche sie kultiviert hat. Denn: Die "Ilias" ist das "Urwort Europas". Dieses Urwort Europas beginnt mit dem Zorn (3):

„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, 

Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte, 

Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs 

Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden ..." 

 Der Erregungszustand des "Sturm und Drang": 

"Oh, über dieses tintenklecksende Jahrhundert, 

wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Männern!"

(Friedrich Schiller) 

 Heute zu übersetzen mit: 

"Oh, über dieses sich über Social Media-Kanäle erregende Jahrhundert, 

wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Männern!" 

Wird fortgesetzt.

 _______________ 

  1. Konrad Lorenz: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. 1973
  2. William Sargant: The battle for the mind, 1957, deutsch: Der Kampf um die Seele. 1959 
  3. Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit 
  4. Plutarch: Große Griechen und Römer. Um 100 n. Ztr.

Donnerstag, 17. August 2017

"Die ordentlichsten Jugendlichen der Welt"

Jane Austen in Begegnung mit der modernen Welt

- Junge Erwachsene der "Amish-People" im Gespräch mit Gleichaltrigen aus der Welt, in der wir leben

-  "Klassiker" der Fernsehgeschichte: Fernseh-Dokumentationen aus den Jahren 2010 und 2011

Kloppt alle Wahlkampf-Video's der AfD in die Tonne

Schon in früheren Jahren wurden hier auf dem Blog gelegentlich die Amischen (Wiki, engl) behandelt (1), bäuerlich lebende, streng religiös-bibelgläubige deutschsprachigen Gruppen in den USA. Seit etwa 1994 bin ich fasziniert von ihnen, seit ich im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit auf sie gestoßen bin und dabei die wissenschaftliche Standardliteratur zu ihnen zur Kenntnis nehmen konnte. Die Amischen leben - als streng bibelgläubige Christen, die die Kindertaufe ablehnen - außerordentlich authentisch ein Leben so wie es unsere Vorfahren in vielerlei Hinsicht vor 500 oder noch vor 100 Jahren gelebt haben.

Worauf ich gerade jetzt mit großer Überraschung stoße, sind zwei britische, mehrstündige sogenannte "Dokusoap's" über die Amischen aus den Jahren 2010 und 2011 (2, 3). In diesen lassen die Amischen den Zuschauer über das Medium Film dichter an sich herankommen als das meines Wissens jemals zuvor geschehen ist. Zuvor hat man sie zwar schon über Literatur als menschlich sympathische Gemeinschaften kennen lernen können. Jetzt geht das aber noch besser über diese Fernseh-Dokumentationen. Weil noch wesentlich unmittelbarer.





Diese beiden Fernseh-Dokumentationen habendas Potential, zu "Klassikern" zu werden. Man sieht sie sich über viele Stunden hinweg ziemlich beweg an. Und doch merkt man ein paar Tage später, daß man sie sich noch ein zweites mal mit dem gleichen inneren Gewinn anschauen könnte, ohne daß es langweilig wird. Wann würde man eine solche Erfahrung mit dem Medium Film in unseren Tagen schon häufiger machen?

Und wie kommt die Wirkung zustande? Dafür wird es viele Ursachen geben. An einer Stelle im Film fragt sich Becky Shrock (die Blonde) selbst, was Gott wohl vorhabe, indem sie sie an dieser Dokumentation teilnehmen lassen würde. Das Besondere an der Dokumentation ist, daß die Annäherung an die Amischen hier einmal erfolgt - soweit übersehbar - nicht über dezidierte "Aussteiger" der Amischen. Solche Dokumentation hat es in früheren Jahrzehnten oft gegeben und gibt es auch heute noch oft. Hier jedoch erfolgt sie über "echte" und "ursprüngliche" Amische, also über solche, die auch weiter als Amische leben wollen. Im Film denken sie darüber nach, ob sie das wollen, kommen aber größtenteils zu dem Ergebnis: Ja, sie wollen das. Das ist - soweit mir bekannt - etwas ganz Neues. Und dadurch sind sehr berührende, nein, man muß sagen: aufwühlende Dokumentationen entstanden. Der Blick ist nicht von "außen" gewährt, sondern von innen.

Die erste Dokumentation handelt davon, wie fünf ganz traditionell aufgewachsene Amisch-Jugendliche verschiedenen Jugendgruppen in England begegnen und mit diesen mehrere Tage das Leben teilen, wie ihnen also das Leben Gleichaltriger in der "modernen" Welt in Großbritanniens vorgestellt wird (2). In den Gesprächen der jungen Erwachsenen untereinander werden immer wieder die Unterschiede zwischen beiden Lebensweisen recht offen besprochen. Und was einen fast noch am meisten packt, das ist, wie immer wieder die Rede darauf kommt, wie bei den Amischen das Kennenlernen und Zusammenkommen von Mann und Frau kulturell durchgestaltet ist, so daß es möglich ist, daß dabei Ehen entstehen können, die ein Leben lang auch wirklich halten. Das ist noch fast der berührendste Teil in diesen Gesprächen.

Wo hat man es das letzte mal erlebt, daß über ein solches Thema so ernsthaft und mit so viel innerem Gehalt und auch so verantwortungsbewußt gesprochen wurde? Ich glaube, in diesem Umstand vor allem liegt die große Bedeutung dieser Dokumentationen begründet. Hat man eine solche Ernsthaftigkeit überhaupt schon einmal erlebt? Ohne daß deshalb die jugendliche Fröhlichkeit darüber verloren gegangen wäre? (Der Autor dieser Zeilen glaubt, diesbezüglich in einer Ausnahmesituation zu sein, da es in seiner Verwandtschaft eine Person gab, die genauso von tiefem Ernst erfüllt darüber gesprochen hat. Aber es ist wohl ziemlich sicher, daß die Mehrheit der Leser das so nicht nicht erlebt hat.) Indem wir hier darauf zu sprechen kommen, knüpfen wir auch an einen Beitrag und einen Videoblog vom 1. Juni über die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen an (7). Im Verhältnis zu diesen Amisch-Jugendlichen kommt uns unser eigener Beitrag diesbezüglich ziemlich hilflos vor.

Ernsthaftigkeit in wesentlichen Lebensfragen, ohne Lebensfröhlichkeit zu verlieren


Gelebtes Leben ist eben überzeugender als alle "Theorie". Gelebtes Leben ist überzeugender als jede "Forderung", es solle oder könne doch so oder so gelebt werden. Gelebtes Leben ist überzeugender als jede "Utopie", es könne doch so oder so gelebt werden. Diese Dokumentationen sind schon vor fünf Jahren auch von dem Fernsehsender RTL in Deutschland ausgestrahlt worden. Und endlich einmal bekommt man mit ihnen eine Sendung eine solchen - sonst in der Regel ganz abartigen - Genres zu sehen, aus der man wirklich - und aus der jedermann und jederfrau - lernenund Gewinn ziehen kann, für die man sich richtig gehend begeistern kann.

Es kommt halt immer auf die Auswahl jener an, die man vor die Kamera holt ...

Man wundert sich geradezu, daß heute Filmemacher noch fähig sind, so verständnisvoll, so einfühlsam mit etwas so Ungewöhnlichem wie den Amischen umzugehen, so ohne allen Zynismus. Und dann auch gleich noch in einer Extremsituation wie derjenigen, in der fünf junge Erwachsene dieser Gruppierung wirklich krasse Auswüchse der modernen Welt kennen lernen. Die Amischen "sind zwar gelandet" - aber die Landung ist nicht sehr sanft, möchte man sagen.

Und mit allem drängt sich bald der Eindruck auf, daß diese Dokumentation auch viel gehaltvoller, überzeugender, begeisternder, hinreißender ist, als es jedes Video von Hagen Grell sein kann, als es jede noch so "gelungene" gefilmte "Aktion" der "Identitären Bewegung" oder beliebiger anderer Versuche, das gewachsene kulturelle Erbe in Deutschland und Europa zu bewahren sein können. Als es erst recht jedes Wahlplakat, jedes Wahlkampfvideo, jede Parlaments- oder sonstige Rede von Politikern sein können, stammen sie nun von einem Björn Höcke, einem Christoph Hörstel oder einem beliebigen anderen Politiker, sei er nun von der AfD, von der "Deutschen Mitte" oder einer anderen Partei, die sich - auch nur einigermaßen glaubhaft - für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes einsetzt.

Der Unterschied ist, daß nicht nur der Lebensstil selbst ein überzeugender ist, sondern daß letztlich immer spürbar wird, daß hinter ihm authentische religiöse Lebenshaltungen stehen. Und das ist der Kern, as ist der entscheidende Unterschied.

Die Erkenntnis, die anhand gerade dieser Dokumentation so klar wie selten nachvollzogen werden kann, ist schlicht: Es kommt nicht auf Politik an. Es kommt nicht auf Politiktreiben an für das Überleben eines Volkes, für das Überleben einer Gemeinschaft. Es kommt darauf an, daß der Gottglaube in den Mittelpunkt des persönlichen Lebens und der Gemeinschaft gestellt wird, daß er nicht zu einer Randerscheinung wird, daß sich insbesondere auch auf religiöser Ebene eine Selbstsicherheit ergibt und daß aus dieser heraus gelebt werden kann. Und zwar nicht nur als Einzelmensch, sondern eben als Gemeinschaft.




Wenn Politiker der AfD so leben würden, religiös authentisch wären, müßte es ihnen im Grunde leicht fallen, genauso - - - "cool" herüber zu kommen in einer beliebigen Rede oder in einem beliebigen Video wie diese fünf jungen Erwachsenen der Amischen, die in Großbritannien mit dem Leben gleichaltriger Jugendlicher konfrontiert werden. Sie dürften vor allem schon einmal: gar nicht laut werden. Schon daran allein ist ein Unterschied erkennbar.

Die fünf Jugendlichen dieser Dokumentation können einen lehren, daß es auf ganz andere Dinge ankommt. Es kommt darauf an, einen anderen, einen besseren, zukunftsträchtigeren, lebensoffenen, fröhlicheren Lebensstil zu leben - als Gemeinschaft - im Angesicht einer degenerierten, untergehenden, abartigen Gesellschaft rund um einen herum. Es kommt darauf an, aus einem Gottglauben heraus zu leben und zwar sicher, beständig. Es kommt darauf an, Gottvertrauen zu gewinnen und immer wieder abzusichern, insbesondere über Gemeinschaftsleben.

Aus der Dokumentation des Jahres 2010 (2)

Es scheint tatsächlich, als könne einem das heute niemand überzeugender zeigen als die Amischen und insbesondere solche mehrstündigen Filmdokumentationen und "Reality-Show's", die sich eben auch Zeit lassen, sich auf ein so fremd gewordenes Leben, Denken und Erleben wirklich einzulassen.

Bei den fünf Jugendlichen handelt es sich um etwas, das man früher einmal einfach "wohlgeratene Kinder" genannt hätte, "wohlerzogene". Um Jugendliche, um derentwillen die Eltern sich keine Sorgen machen müssen und deren Eltern sich sagen können: So ganz falsch kann unsere Erziehung nicht gewesen sein ... Und die amischen Eltern der Dokumentation sind tatsächlich auch ihrer Kinder so sicher, daß sie sie getrost auf Konfrontations-Kurs mit der modernen Welt gehen lassen können. Sie versichern ihnen lediglich, daß sie für sie beten werden. Im Grunde auch das eine Versicherung, die berührend ist. Womöglich sind die eigentlichen "Helden" dieser Dokumentation die selten gezeigten Eltern dieser Jugendlichen. Das würden sie auch selbst so sagen. Obwohl ja schon der Begriff "Held" kein Begriff ist, der zu ihrer Kultur, zu ihrer Art der Religiosität paßt.

Diese amischen Jugendlichen sind tief und fest in ihren Familien verwurzelt, in ihrem Leben verwurzelt, in ihrer Denkweise verwurzelt. Und sie durchschauen zu leicht aus dieser tiefen Verwurzelung heraus, wie lächerlich oberflächlich, seicht und abartig das Leben moderner Jugendlicher ist, bzw. sein kann und werden kann. Sie können sich an den guten Seiten dieses Lebens freuen, tief erfreuen. Das besonders sei hervor gehoben. - Wie schön etwa mitzuerleben, wie eine junge Frau der Amischen das erste mal das Meer erlebt und die berauschende Kraft brechender Wellen. - Sie können sich tief freuen: Und sie lehnen zugleich mit großer innerer Sicherheit, aus tiefstem Inneren und in tiefer innerer Bewegtheit die bösen und schlechten Seiten dieses Lebens ab. Sie empfinden authentische Trauer, wenn sie Menschen so leben sehen.


Aus der Dokumentation des Jahres 2010 (2)

Wann hätte man jemals eine solche Fernsehdokumentation gesehen? Jane Austen begegnet der modernen Welt.

Fünf Amisch-Jugendlichen, die da über viele Stunden hinweg mit der modernen, westlichen Jugendkultur konfrontiert werden und die dabei ganz und gar cool bleiben. Sie ruhen völlig in sich. Sie blicken mit dem Blick des Fremden, Befremdeten auf diese Welt. Man fühlt sich an Bücher wie den "Papalagi" erinnert (4).

Junge Menschen im Umfeld der Identitären Bewegung 

- Diese innere Sicherheit haben sie nicht


Wenn Jugendliche im Umfeld der "Identitären Bewegung" mit so viel innerer Sicherheit vor diese moderne Welt treten können und sagen können: So wollen wir nicht leben - dann sind sie glaubwürdig. Vorher nicht. Die meisten Jugendlichen und Familien auch im Umfeld der Identitären Bewegung sind insgesamt schon viel mehr seelisch aus dem Gleichgewicht geraten als diese Amischen. Die jedoch ruhen ganz und gar in sich, haben inneren Frieden. Vor allem können sie dadurch auch ganz offen einem Leben gegenüber stehen, dem sie selbst ansonsten ganz ablehnend gegenüber stehen. Gibt es ein solches Leben außerhalb der Old-Order-Amischen noch? Man hat große Zweifel.

Allein diesem Film zuzusehen, erhebt einen in eine bessere Sphäre. Und anders als mit solchen Lebenshaltungen ist das Überleben als ein großes Volk gar nicht möglich. Anders sind dauerhaft nicht jene kinderreichen Familien zu leben, die notwendig sind für das Überleben als ein Volk. Daran kann es eigentlich kaum einen Zweifel geben. Und um so leben zu können - das ist auch klar - braucht man eine ganz sichere, feste weltanschauliche Verwurzelung, Verankerung. Man darf auch nicht zu viel an einer solchen ständig herumkritteln, herumbohren und infrage stellen. Sondern man muß ruhig und sicher aus ihr heraus leben. Man muß in einer solchen seine Heimat haben.

Die Dokumentation aus dem Jahr 2011 (3)
Man darf sich innerlich nicht aufreiben an der Unterschiedlichkeit seines eigenen Lebensstiles im Vergleich zu dem, was um einen herum gelebt wird. Sonst findet man auch seinen eigenen inneren Frieden nicht. Man muß sich entscheiden.

Daß solche Dokumentationen überhaupt entstehen konnten, scheint daran zu liegen, daß zumindest einige Old-Order-Amische Gruppen offener geworden zu sein scheinen. Denn es gibt ja auch Gemeinden, die sogar Fotografieren und Filmen ganz ablehnen. Weshalb man sich bislang zumeist nur über Literatur oder über "Abtrünnige" von ihnen ein "Bild" machen konnte. Vielleicht weil der Unterschied zwischen ihrer Lebensweise und der Abartigkeit unserer Lebensweise inzwischen so krass und offensichtlich geworden ist und so leicht nachvollziehbar ist, fällt es ihnen leichter, offen auf diese Abartigkeit zuzugehen. Sie stellt vielleicht - und mit Recht - gar keine Versuchung mehr dar so wie oft noch in früheren Jahrzehnten, als die Abartigkeit noch nicht so krass war. Aber für wen stellt denn das Leben in der heutigen "modernen Welt" auch sonst noch wirklich eine Versuchung dar? Im Grunde leidet doch fast jeder darunter. Daß das die Amischen inzwischen so empfinden und deshalb diese Lebensweise kaum noch als Versuchung empfinden können, könnte man jedenfalls als nachvollziehbar empfinden.

Zunehmend mehr verliert das typische Leben in modernen Gesellschaften an Anziehungskraft. Wer will denn diesen ganzen Schrott noch? Die Gefahr ist aber, daß es modernen Menschen zunehmend schwerer fallen könnte, zu einem solchen "einfachen Leben" noch rechtzeitig zurück zu kehren. Denn dazu ist die erste Voraussetzung jene, die in den beiden Filmdokumentationen immer wieder ein Hauptthema ist: Wie lernen sich Mann und Frau kennen? Wie beginnen sie eine eheliche Gemeinschaft? Und das Aufregende ist, daß zumindest zwei der "gewöhnlichen" britischen Mädchen nachdem sie sechs Wochen bei Amisch-Familien gelebt haben, sagen, daß sie künftig anders leben wollen, daß sie sich nicht mehr von ihrer Umgebung unter Druck setzen lassen wollen, möglichst früh alle Erfahrungen auszuleben, die man diesbezüglich als Erwachsener ausleben kann (3).

"Die Amischen - Die ordentlichsten Jugendlichen der Welt" so lautet der englische Originaltitel der ersten Dokumentation auf Deutsch übersetzt ("Amish - World's Squarest Teenagers") (2). Zwischendurch ist in ihr immer wieder eingeblendet, wie der Vater der beiden jungen Erwachsenen Leah und Andrew Miller aus der Bibel vorliest zum jeweiligen erörterten Thema. Das ist im Grunde ganz gut gemacht. Es sei zum besseren Verständnis noch festgehalten: Bei den Jugendlichen der ersten Dokumentation handelt es sich um Leah Miller (die Erzählerin), um Leon Lehman, Andrew Miller, Jerry Miller und Becky Shrock. Letztere stammt aus den am konservativsten lebenden Gruppen der Old-Order-Amisch, nämlich den "Schwarzentrubers" (Wiki). Das wird an mehreren Stellen in beiden Dokumentationen erläutert. In der zweiten Dokumentation ist der Erzähler Jonathan Hershberger (3).

Zwischenzeitlich gab es auch eine US-amerikanische "Reality-Serie" einer solchen Machart: "Breaking Amish" (2012-2016) (Wiki). Dieser gegenüber gibt es aber laut Wikipedia Vorwürfe, daß keine echte Authentizität vorläge, da alle Hauptbeteiligten mit ihren Gemeinden schon vor Beginn der Dokumentation gebrochen hatten.

Zusammengefaßt jedenfalls: Menschen wie von einem anderen Stern, die eigentlich nur so leben wie unsere Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren. So weit haben wir uns heute von der Lebenswelt unserer Vorfahren schon entfernt. Und das betrifft insbesondere den Kernbereich jeder Kultur, nämlich den der Partnerfindung, der Begründung von haltbaren Ehen als Kernzelle des Volkes.

Man kann an ihnen ganz hervorragend erforschen, wie Gemeinschaftsleben in der Familie und auf Gemeinde-Ebene über Jahrhunderte hinweg erfolgreich und nachhaltig - das heißt insbesondere natürlich auch: demographisch nachhaltig - gestaltet werden kann.

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  1. Bading, Ingo: Die Amischen - Einige Filmdokumentationen. Auf: GA-!, 1.2010, http://studgenpol.blogspot.de/2010/01/die-amischen-einige-filmdokumentationen.html
  2. Die Amischen sind gelandet, Originaltitel: Meet the Amish bzw. Amish - World's Squarest Teenagers, Dokusoap GB 2010, KEO films und Channel 4 Television Corporation; Original-Erstausstrahlung: 25.07.2010; Deutsche Erstausstrahlung, RTL Living, 02.03.2012 (IMDb); Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=gApZNR-FcFEhttps://www.youtube.com/watch?v=bJdxwzb59Wshttps://www.youtube.com/watch?v=wgDtEPLreXshttps://www.youtube.com/watch?v=Lqx0qiX6fTY; Englisch: https://www.youtube.com/watch?v=m64X1hMCJoE oder: https://www.youtube.com/watch?v=IZdxiN_WyjA
  3. Unter Amischen, Originaltitel: Living with the Amish, Dokusoap, GB November 2011, KEO films und Channel 4 Television Corporation (IMDb); 1. Teil (nur Englisch verfügbar) https://www.youtube.com/watch?v=eoXG3__vL8A, ab 2. Teil auch Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=JQyDUZgsdI8, 3. Teil https://www.youtube.com/watch?v=hE3C6uznL5Q&t=34s, 4. Teil https://www.youtube.com/watch?v=bQdfXa7sxfc&t=112s, 5. Teil https://www.youtube.com/watch?v=phh4XSAWDKU, 6. und letzter Teil https://www.youtube.com/watch?v=z0hB9Cg4C6I&t=20s
  4. Scheurmann, Erich: Der Papalagi. 1920, https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Papalagi
  5. Gee, Catherine: Amish teens: pious, prudish - yet remarkably tolerant - Members of the sect have come to the UK for a C4 series. In: The Telegraph, 23 Jul 2010, http://www.telegraph.co.uk/culture/tvandradio/7905385/Amish-teens-pious-prudish-yet-remarkably-tolerant.html
  6. Beck, Sally: From spoilt British teen to Amish girl. In: Dailymail, 21. November 2011, http://www.dailymail.co.uk/femail/article-2064064/Charlotte-Allison-From-spoilt-party-mad-British-teen-Amish-girl.html
  7. Bading, Ingo: Ehret die Frauen! Männer und Frauen - Ein viel erörtertes Thema. Auf. GA-j!, 1. Juni 2017, http://studgenpol.blogspot.de/2017/06/ehret-die-frauen.html

Dienstag, 4. Juli 2017

Von der Weisheit einer deutschen Sage des Mittelalters

Zur Sage rund um den Landgrafen von Thüringen, Ludwig den Eisernen

Es gibt deutsche Sagen, deren Inhalt überzeitlichen Charakter hat, und die sehr direkt in die Seele von Menschen greifen können, die noch heute leben und zum Handeln aufgefordert sind. Zu diesen Sagen gehört jene vom "Hart geschmiedeten Landgraf". 

Abb. 1: Landgraf Ludwig II. der Eiserne (1128-1172)
Grabstein in Eisenach
Fotograf: Wolfgang Sauber (Wiki)

Diese Sage ist sehr kurz. Sie soll im folgenden vollständig wiedergegeben werden (1). Denn es mag ja durchaus viele geben, die das Wort "Landgraf, werde hart" schon einmal irgendwo gehört haben. Aber kennt man auch die Geschichte dazu? Die Sage handelt interessanterweise gar nicht einmal von einer Sagengestalt, sondern von einer historischen Gestalt der deutschen Geschichte, nämlich dem Landgrafen von Thüringen, Ludwig II., dem Eisernen (1128-1172) (Wiki). Dieser war mit der Schwester Jutta des deutschen Kaisers Friedrich Barbarossa verheiratet. So lautet sie:

Der hart geschmiedete Landgraf

Zu Ruhla im Thüringerwald liegt eine uralte Schmiede, und sprichwörtlich pflegte man von langen Zeiten her einen strengen, unbiegsamen Mann zu bezeichnen: er ist in der Ruhla hart geschmiedet worden.

Landgraf Ludwig zu Thüringen und Hessen war anfänglich ein gar milder und weicher Herr, demütig gegen jedermann; da huben seine Junkern und Edelinge an stolz zu werden, verschmähten ihn und seine Gebote; aber die Untertanen drückten und schatzten sie aller Enden. Es trug sich nun ein Mal zu, daß der Landgraf jagen ritt auf dem Walde, und traf ein Wild an; dem folgte er nach so lange, daß er sich verirrte, und ward benächtiget. Da gewahrte er eines Feuers durch die Bäume, richtete sich danach und kam in die Ruhla, zu einem Hammer oder Waldschmiede. Der Fürst war mit schlechten Kleidern angetan, hatte sein Jagdhorn umhängen. Der Schmied frug: wer er wäre? "Des Landgrafen Jäger." Da sprach der Schmied: "Pfui des Landgrafen! wer ihn nennet, sollte alle Mal das Maul wischen, des barmherzigen Herrn!" Ludwig schwieg, und der Schmied sagte zuletzt: "Herbergen will ich dich heut; in der Schuppen da findest du Heu, magst dich mit deinem Pferde behelfen; aber um deines Herrn willen will ich dich nicht beherbergen." Der Landgraf ging beiseit, konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht aber arbeitete der Schmied, und wenn er so mit dem großen Hammer das Eisen zusammen schlug, sprach er bei jedem Schlag: "Landgraf werde hart, Landgraf werde hart, wie dies Eisen!" und schalt ihn, und sprach weiter: "Du böser, unseliger Herr! was taugst du den armen Leuten zu leben? siehst du nicht, wie deine Räte das Volk plagen und mären dir im Munde?" Und erzählte also die liebe lange Nacht, was die Beamten für Untugend mit den armen Untertanen übeten. Klagten dann die Untertanen, so wäre niemand, der ihnen Hülf täte; denn der Herr nähme es nicht an, die Ritterschaft spottete seiner hinterrücks, nennten ihn Landgraf Metz, und hielten ihn gar unwert. Unser Fürst und seine Jäger treiben die Wölfe ins Garn, und die Amtleute die roten Füchse (die Goldmünzen) in ihre Beutel. Mit solchen und andern Worten redete der Schmied die ganze lange Nacht zu dem Schmiedegesellen; und wenn die Hammerschläge kamen, schalt er den Herrn, und hieß ihn hart werden wie das Eisen. Das trieb er an bis zum Morgen; aber der Landgraf fassete alles zu Ohren und Herzen, und ward seit der Zeit scharf und ernsthaftig in seinem Gemüt, begunnte die Widerspenstigen zwingen und zum Gehorsam bringen. Das wollten etliche nicht leiden, sondern bunden sich zusammen, und unterstunden sich gegen ihren Herrn zu wehren.

Diese Sage ist erstaunlicherweise schon 300 Jahre nach dem Tod des Landgrafen aufgeschrieben worden. Wir erfahren (Wiki):
Während Ludwigs Herrschaft wurde die Bevölkerung Thüringens vom Adel häufig tyrannisiert und drangsaliert. Daraufhin begann er gegen diese Zustände hart einzugreifen, was ihm schließlich auch seinen Beinamen einbrachte. Um diese Taten Ludwigs rankt sich auch eine Sage, die 1421 von Johannes Rothe aufgezeichnet wurde. Danach habe der Landgraf eines Abends unerkannt in einer Schmiede in Ruhla ein Nachtlager gefunden. Der Schmied habe auf seinen Landesherrn und die Zustände im Land heftig geflucht und schließlich gerufen: „Landgraf, werde hart!“ Diese Worte hätten den Landgrafen schließlich bewogen, gegen das Raubrittertum einzuschreiten. Der Sage nach soll er die Missetäter vor einen Pflug gespannt und einen Acker umgraben lassen haben.
Es ist das eine Sage, die eine Charakterschwächen der Deutschen aufs Korn nimmt, die gerade in heutigen Zeiten einmal wieder besonders stark ausgeprägt ist: ihre Gutmütigkeit. 

Abb. 2: Postkarte aus dem Jahr 1912

Im Grunde muß doch heute fast jeder Deutsche zum Schmied in Ruhla in die Schule gehen. Es ist dort eine Lehrzeit von nicht weniger als zehn Jahren zu veranschlagen. Man bringe sich eine gute Freundin mit - so wie Jutta, die Schwester des Kaisers -, um diese schwere Lehr- und Leidenszeit emotional gut durchzuhalten und um dabei Mensch zu bleiben (3).

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  1. Der hart geschmiedete Landgraf. In: Heinz Rölleke: Das große Deutsche Sagenbuch. Albatros-Verlag 2001, http://gutenberg.spiegel.de/buch/sagen-aus-th-58/26
  2. Jutta Assel; Georg Jäger: Sagenmotive auf Postkarten - Eine Dokumentation. Der Schmied von Ruhla oder: Landgraf werde hart! und Der Edelacker. Eingestellt: Januar 2015, http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/legenden-maerchen-und-sagenmotive/der-edelacker.html
  3. Ludendorff, Mathilde: Vom tiefen Leid gottnaher Menschenliebe. In: diess.: Von der Moral des Lebens. Verlag Hohe Warte, Pähl 1977, S. 108-115

Sonntag, 22. Mai 2016

Beseelungswissen (II) - Gerhard Roth - Wie das Gehirn die Seele macht

Hat nur der Mensch Seele - nach Gerhard Roth?

Das schon in einem früheren Beitrag (3/2016) beandelte Buch von Gerhard Roth "Wie das Gehirn die Seele macht" findet erfreulicherweise auch anderenorts manche Aufmerksamkeit. Dabei ist mitunter noch das Mißverständnis festzustellen, daß die von Roth behandelten Inhalte nur dem Menschen Seele zusprechen. Das ist natürlich nicht so, auch wenn Roth in seinem Buch keine ausgesprochene Tier- oder gar Pflanzenpsychologie betreibt. Ich schrieb diesbezüglich an einen Leser dieses Buches:

Ich habe das Gefühl, daß Du Gerhard Roth ein bisschen Unrecht tust, wenn Du sagst, Roth würde sagen, Seele würde NUR durch Gehirn, Nervenzellen hervorgebracht werden. Das ist zunächst nahe liegend, da er ja Hirnforscher ist und von der menschlichen Seele spricht. (...) Vor allem ist auch auf den mündlichen (Video-)Vortrag von Roth zum gleichen Thema zu verweisen, wo er manches vielleicht ein bisschen deutlicher und prägnanter sagt als im Buch. 

Es ist ja so erfreulich und hervorzuheben, daß Roth - gerade auch im Video-Vortrag - so oft von Seele im Sinne der von Dir zitierten Brockhaus-Definition spricht. So daß ich das Gefühl habe, daß man ihm schon von daher unterstellen darf, daß er die Frage nach der Seele von Lebewesen ohne Nervenzellen durchaus mit bedacht hat und mit bedenkt (wenn das auch nicht der Schwerpunkt dieses Buches und Vortrages ist - vielleicht ist das auch anderswo behandelt).

Ich bringe aber auch ein Zitat von Seite 370 des Buches, wo mir scheint, daß doch recht deutlich wird, daß Roth diese Sichtweise in seinem Buch insgesamt mit behandelt. Dort schreibt er:

"In diesem Buch haben wir mit 'Seele' die Gesamtheit der Vorgänge bezeichnet, die sich in unserem bewußten, vorbewußt-intuitiven und unbewußten Fühlen, Denken und Wollen ausdrücken. Hierfür gibt es im Deutschen kein besseres Wort, auch wenn 'Geist' und 'Psyche' wesentliche Teile davon abdecken."

Hier klingt doch auch eine Antwort auf diese Frage mit, insofern er ja von "vorbewußt-intuitivem und unbewußtem Fühlen, Denken und Wollen" spricht. Ein unbewußtes Wollen hat ja auch eine Pflanze oder ein Mehrzeller ohne Nervenzellen. Aber wenn man auch sonst das Buch genauer durchgeht, wird ja klar, welche immense Rolle nicht nur Nervenzellen für das (menschliche) Seelenleben haben, sondern eben auch Hormone, Streßhormone, Glückshormone, Bindungshormone und so weiter. Und zwar sowohl Produktionsorte wie auch Rezeptionsorte (Zahl der Rezeptoren im so wesentlichen "Belohnungszentrum" des Gehirns zum Beispiel). Und HORMONE haben ja auch Pflanzen (Phytohormone). Und es gibt gewiß mancherlei auch aktuellere Literatur, die aus dieser Sicht der Pflanzenwelt ebenfalls Seele zuspricht.

Das sollte sicher noch einmal überprüft werden. In diesem Bereich ist in der Naturwissenschaft allerdings weiterhin der Seelenbegriff sicher noch eine Minderheitenmeinung. Ich glaube aber, daß das Buch von Gerhard Roth mittelfristig auch in DIESE Richtung Schritt für Schritt Wirkung zeigen wird. Und zwar um so mehr, um so mehr auch das religiöse Erleben und das Erleben des Wahren, Guten und Schönen (siehe Manfred Spitzer) Thema der Hirnforschung wird.

Abb. 1: Zeichnung des hessischen Grafikers Otto Ubbelohde

Diesen Worten möchte ich hier noch hinzufügen: Wenn man das Buch von Gerhard Roth verstehen will, sollte man sich zunächst schon im Vorfeld klar machen, über welche Schritte die Evolution eigentlich das Seelische evoluiert haben kann. Wie kommt ein beliebiges, sich von seiner Umwelt abschließendes und gegenüber einer Umwelt seine eigene Identität behauptendes Einzelwesen überhaupt dazu, ein Einheitsgefühl mit seiner Umwelt, mit der Welt überhaupt zu entwickeln? Sollte ein solches Einzelwesen nicht in großer Gefahr stehen, für immer und dauerhaft ein Leben isoliert für sich zu leben? Genau das ist ja in der Evolution nicht geschehen.

Die Umwelt-Beziehungen der Einzelwesen wurden ja mit jedem Evolutionsschritt komplexer und komplexer. Und zwar nicht nur über Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung, nicht nur über Einatmen und Ausatmen, sondern auch durch Sinnesrezeptoren, die dem Einzelwesen Auskunft über die Außenwelt geben, über Nervenzentren, die diese Auskünfte verarbeiten und möglichst sinnvolle Handlungsantworten erarbeiten, wobei sie kontrolliert und gesteuert werden von Verhaltenshormonen, die die Verrechnungsprozesse mit Gefühlen begleiten, verstärken oder abschwächen, mit Gefühlen der Lust, der Unlust, mit dem Aufbau von Erwartungen, mit dem Gefühl von Befriedigung und Bestätigung, wenn die Erwartungen erfüllt werden, mit dem Gefühl von Enttäuschung und Unlust, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Was dann wieder in von Roth beschriebenen Rückkopplungen Lernprozesse in den Nervenzentren auslösen kann. 

Diese Verhaltenshormone bewirken aber noch mehr. Sie lassen das Einzelwesen insbesondere gegenüber Artgenossen, Paarungspartnern und Nachkommen Empathie und Einfühlsamkeit erleben, Mitleid und Mitfreude. Die US-amerikanische Primatologin Barbara King vertritt die These, dass diese Empathie und das damit einhergehende Gefühl der Zugehörigkeit zu den Eltern, zur Verwandtschaft oder zur sozialen Gruppe eine der stärksten Wurzeln war und ist für jenes seelische Erleben der Einheit des Einzelwesens mit seiner Umwelt, das der Mensch, der zur Sprache gefunden hat und bewusst über solche Dinge nachdenken kann, seit Jahrtausenden religiöses Erleben genannt hat.

Wenn wir aber nun von Gerhard Roth erfahren, daß und wie Oxytocin, Vasopressin, Serotonin, Dopamin, Cortisol und andere Verhaltens-, Vertrauens-, Misstrauens-, Glücks-, Bindungs-, Streß- und so weiter -hormone und ihre jeweiligen Rezeptoren in den Nervenzellen des Gehirns zusammenwirken, um das zustande zu bringen, was Gerhard Roth und mit ihm die moderne Hirnforschung das Seelische nennt, dann wissen wir damit auch, daß das so definierte Seelische nicht etwas ist, was sich auf den Menschen beschränkt.

Das geht ja schon daraus hervor, daß wesentlichste Erkenntnisse über alle hier vorliegenden Zusammenhänge an Tieren erforscht werden und auch werden können. Denn Tiere, insbesondere Säugetiere, zeigen alle grundlegenden, von Roth beschriebenen Zusammenhänge insbesondere des limibischen Systems -nach Roth der Sitz des Seelischen - beim Menschen auch schon. 

Ihnen fehlt nur das Bewußtsein und die Sprache, um sich mit uns über solches Erleben austauschen zu können. Also auch das Gehirn von Tieren macht natürlich Seele. 

Montag, 14. März 2016

"Sei beseelt" - Ein neuer Internetblog

Am 13. März 2016 ist ein neuer Internetblog gegründet worden.  

Otto Ubbelohde - Kiefern im Wind
Auf diesem neuen Blog werden zunächst einige ältere Artikel, die schon verstreut auf anderen Blogs erschienen sind (etwa auf "Studium generale", auf "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" und auf "Studiengruppe Naturalismus"), noch einmal zusammengestellt, um sie für das auf diesem neuen Blog im Mittelpunkt stehende Thema - Seele und Beseelungswissen - zu sammeln und zu bündeln. Und um diese Beiträge nicht mehr zwischen den bisherigen vielen politischen, naturwissenschaftlichen oder zeitgeschichtlichen Artikeln untergehen und dadurch nebensächlich erscheinen zu lassen. Denn sie waren noch nie die nebensächlichsten, sondern sie waren und sind die wichtigsten Artikel unserer ganzen Blogarbeit in den letzten Jahren. Diese älteren Blogartikel werden auf dem neuen Blog mit dem Datum ihres Ersterscheinens eingestellt, um auch dort die ursprüngliche Chronologie zu wahren.

Auf diesem Blog gibt es eine weitere Neuerung, die wir schon vor sechs Jahren begonnen hatten, ins Auge zu fassen (2, 3): Er ist der erste Blog, den wir in Frakturschrift erscheinen lassen. //Ist leider derzeit nur auf normalen Rechnern so zu sehen, nicht auf Tablets oder Mobiltelefonen.//

Zur technischen Seite dieser Tatsache lässt sich zunächst sagen, dass das in einem ersten Schritt vergleichsweise leicht umgesetzt werden kann. Denn dazu muss man nur die Anweisungen auf dem "Fraktur-Forum" (1) befolgen. Allerdings ist allen kenntnisreichen Fachleuten, "Schriftgelehrten" und Schriftsetzern klar, dass eine automatische Eins-zu-Eins-Umwandlung von Antiqua-Schrift zu Frakturschrift dem Charakter der überlieferten deutschen gebrochenen Schriften, bzw. Frakturschriften nicht gerecht wird. Die deutschen Frakturschriften kennen nämlich viele Typen, die es in der Antiquaschrift gar nicht gibt. So vor allem das lange s, einzelne Typen für sch, ch, ck und so weiter. Und diese Typen können bei einer schnellen Eins-zu-Ein-Umwandlung gar nicht in angemessener Weise umgewandelt werden. Dieses Problem kann also einstweilen hier auf dem Blog keineswegs als gelöst erachtet werden. Aber um so mehr man so fehlerhaft Frakturschrift verwendet, um so eher wird man selbst oder werden andere sich veranlasst sehen, angemessenere technische Umsetzungen zu finden oder bereitzustellen.

Frakturschrift ein Ausdruck deutschen seelischen Erlebens

Denn irgendein Anfang muss doch damit endlich einmal gemacht werden. Außerdem: Es macht auch so schon Freude, moderne, aktuelle Texte in einer solchen Frakturschrift lesen zu können. Das Einlesen ist gar nicht so schwer. Um so weniger, um so mehr man auch sonst gelegentlich einmal "alte Bücher" liest. Also jene Bücher in Deutschland, die bis 1941 in ihrer großen Mehrheit fast immer nur in Fraktur und in gebrochenen Schriften gesetzt worden sind.

Aber warum überhaupt noch heute einen Internetblog in Frakturschrift erscheinen lassen? Zuletzt hat sich wohl der israelische "Deutschland-Philosoph" Yoav Sapir auf den Scilogs (Wissenschaftsblogs) von "Spektrum der Wissenschaft" darüber Gedanken gemacht (2, 3).

In einer wenig beachteten Zeitschrift der "Ludendorff-Bewegung" ist zu dieser Frage zuletzt 1990 ein inhaltsreicher Aufsatz erschienen (4). In Ergänzung zu diesem wurde auch einmal erneut ein Aufsatz des deutschen Verlegers Eugen Diederichs zu dieser Frage aus dem Jahr 1912 zum Abdruck gebracht (5). In diesen beiden Aufsätzen sind viele gute Argumente zusammen getragen, auf die wir uns auch bei der Verwendung der Frakturschrift für den neuen Blog beziehen. In Kurzform laufen diese Argumente darauf hinaus, dass die deutsche Frakturschrift, die in der Dürer-Zeit in Deutschland geschaffen worden ist und die bis zum Verbot durch Adolf Hitler im Jahr 1941 immer benutzt worden ist, ein Ausdruck deutschen seelischen Erlebens ist und als solches seelisches Erleben auch immer wieder neu weckt und wecken kann - wenn wir denn Worte in dieser deutschen Schrift schreiben oder lesen.

Darum wollen wir dieses wichtige Kulturgut deutsche Schrift, in der fast alle unsere großen Dichter, Denker und Kulturschöpfer geschrieben und publiziert haben - und zumal wenn es uns um Seele geht und um seelische Ansprechbarkeit - keinesfalls der Vergessenheit anheim fallen lassen. So viel sei hier zunächst nur in Kurzform zu dieser Frage festgehalten. Ein ausführlicher Gedankengang und eausführlichere Begründungen werden - wenn Zeit dafür bleibt - nachgereicht werden.

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  1. http://unifraktur.blogspot.de/2010/09/unifraktur-blog-in-frakturchrift.html, http://unifraktur.sourceforge.net/unifraktur-forum/viewtopic.php?p=258#p258 [14.9.2010]
  2. Sapir, Yoav: Sprache und Schrift - nicht zu überschätzen. Auf: Internetblog "Un/zugehörig - ein israelischer Blick auf Deutschland", 10. August 2010, http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/sprache-und-schrift-nicht-zu-untersch-tzen/
  3. Sapir, Yoav: “Korrektes” Deutsch mit Antiquaschrift? Auf: Internetblog "Un/zugehörig - ein israelischer Blick auf Deutschland", 12. August 2010, http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/korrektes-deutsch-mit-antiquaschrift/
  4. Schäfler, Wilhelm: Schrift und Sprache. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 65, Januar 1990, S. 1-10
  5. Diederichs, Eugen: Sollen wir die Fraktur abschaffen? In: Jahrbuch des deutschen Werkbundes, 1912, http://www.digitalis.uni-koeln.de/Werkbund/werkbund65-75.pdf; erneut abgedruckt u.a. in: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 65, Januar 1990, S. 12-15

Sonntag, 6. März 2016

Beseelungswissen (I) - Gerhard Roth - "Wie das Gehirn die Seele macht"

Seinen Mitmenschen kann man immer gerne das neue Buch von Gerhard Roth empfehlen "Wie das Gehirn die Seele macht". So auch schon mehrmals hier auf dem Blog. Warum? Weil in diesem Buch ein führender deutscher Hirn- und Neuroforscher ganz ungezwungen und unkompliziert den Begriff "Seele" in die exakte Naturwissenschaft hineinbringt, bzw. aus dieser heraus mit diesem Begriff Seele ganz unkompliziert und selbstverständlich umgeht.

Die Verwendung des Begriffes Seele ist von Gerhard Roth - sozusagen - als eine Art Kampfansage gemeint in Richtung der letzten Bastionen der Freud'schen Psychoanalyse und aller Verhaltenstherapeuten, die heute immer noch das "Seelische" nicht hervorgerufen durch physiologische Gehirntätigkeit begreifen wollen, sondern in irgendeiner verschwurbelten Weise als eine "Parallelerscheinung" von Gehirntätigkeit.

Roth sagt in der Einleitung von "Wie das Gehirn die Seele macht", dass dieser "psychophysische Parallelismus" vor zehn Jahren, zur Zeit des damals Schlagzeilen machenden "Manifests der Hirnforscher" zur Not noch als letzte Rückzugsbastion hatte aufrecht erhalten werden können, dass aber die Forschungsfortschritte der letzten zehn Jahre auch dieser letzten Rückzugsbastion den Garaus gemacht haben. Und deshalb proklamiert er jetzt so herausfordernd und kühn, dass die Hirnforscher jetzt tatsächlich erklären könnten, "wie das Gehirn die Seele macht". Die Erkenntnisbasis für dieses Postulat ist nach Gerhard Roth hierfür inzwischen breit genug und er versucht, sie in seinem Buch darzustellen.

Es geht ihm also gar nicht etwa darum, den Seelen-Begriff überhaupt in die psychische Forschung einzuführen. Er war darin ja nie verschwunden. Sondern es geht ihm um das kühne Postulat, Seelisches auf der höchsten denkbaren Ebene vollständig naturwissenschaftlich beschreiben zu können. Dies und nichts anderes will er sowohl naturwissenschaftlich wie immer noch rein geisteswissenschaftlich orientierten Psychologen und Therapeuten, sowie der interessierten Öffentlichkeit bewusst machen. Und hierfür stellt er in seinem Buch ganz jenseits gar zu vieler rein theoretischer oder gar philosophischer Erörterungen einfach sehr breit den aktuellen Forschungsstand von der tiefsten Grundlagenforschung bis hin zur konkretesten Anwendung im Einzelfall dar.

Denn so werden heute auch zutiefst philosophische Bücher geschrieben: indem einfach auf der Grundlage umfangreichster Forschungsliteratur der aktuelle Forschungsstand dargestellt wird.

Man muß dazu aber sagen, daß es sich bei diesem Buch - abgesehen von Einleitung und Schlussteil - um zum Teil recht zäh zu lesende typisch naturwissenschaftliche Ausführungen handelt. Es ist deshalb auch ein Buch, das über weite Strecken recht "trocken" herüberkommen kann. 

Nun haben wir uns hier auf dem Blog überlegt, man sollte zur Heranführung lieber auf jenen gleichnamigen Videovortrag verweisen, über den man auch selbst erst auf dieses Buch und seine Thematik aufmerksam geworden ist. Dieser Vortrag dauert eine Stunde und enthält inhaltlich wohl die wesentlichen Aussagen des Buches. Und zwar zum Teil sogar prägnanter und deutlicher auf den Punkt gebracht als im Buch selbst. Deshalb reicht es sicher, zunächst sich einfach diesen Vortrag anzuhören. Man verschwendet dabei keinesfalls seine Zeit.

Auch Herr Roth ist nun auf den ersten Blick nicht gerade der lebhafteste Vortragende oder gar eine Identifikationsfigur, mit der man sich besonders leicht emotional identifizieren kann. Sehr ruhig und auch emotional zurück genommen spricht er. Aber das mag eben auch eine Stärke sein. Von Gerhard Roth gibt es mehrere Vorträge im Internet, offenbar auch denselben Vortrag bei einer anderen Gelegenheit gehalten (Yt). Man mag immer jene Stellen in seinem Vortrag am "lebendigsten" empfinden, in denen er Beispiele aus seiner eigenen Familie bringt. Wobei man ihn dann auch als einen Menschen kennen lernt, der in familiäre Zusammenhänge eingebunden ist und aus diesen heraus argumentiert. Und das ist ja auch einer der wesentlichste Aussagen seines Vortrages: Nämlich dass gelingende soziale Beziehungen schon die wesentlichste Grundlage bilden für eine gesunde seelische Entwicklung des Menschen.

Gelingende soziale Beziehungen - die Hauptgrundlage für Seele

Was ist die Leistung von Gerhard Roth? Die Hirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten eine Fülle von Detail-Erkenntnissen hervorgebracht. Und es ist nicht einfach, aus diesen vielen - zum Teil auch widersprüchlichen - Detail-Erkenntnissen nun ein zusammenhängendes Bild des Funktionierens unseres Gehirns zu erarbeiten. Und genau daran arbeitet Roth. Nämlich die vielen Detail-Erkenntnisse auf gemeinsame Nenner zu bringen, in ein Gesamtbild vom Funktionieren unserer Seele zu bringen. Und bei der Erarbeitung dieser Thematik kommt er eben darauf, den Begriff Seele wieder ganz selbstverständlich zu benutzen. Ein Umstand, der sicherlich nicht selbstverständlich ist, sondern eben ein Ausfluß ist des Erkenntnisstandes der modernsten naturwissenschaftlichen Hirnforschung.*)

Bemerkenswert ist auch, daß Gerhard Roth, wie erwähnt, einen Vortrag mit demselben Titel schon vor mehr als zehn Jahren auf den angesehenen Lindauer Psychotherapie-Wochen gehalten hat. In dem Zusammenhang sagt er im Videovortrag:

Der Titel stammt nicht von mir, sondern von einem bekannten Psychiater.
Im Vorwort seines Buches sagt er über die Zeit irgendwann nach 1997 genauer (1, S. 10):
Ein besonderes Ereignis war die Einladung an Gerhard Roth, als erster Neurobiologe auf den angesehenen Lindauer Psychotherapiewochen einen Vortrag zu halten, der dann den Titel trug "Wie das Gehirn die Seele macht". Dieser Titel stammte von Manfred Cierpka, und wir haben ihn auch für das vorliegende Buch gewählt.
Im Videovortrag weiter:
Aber so einen Titel, den hätte man vor 50 oder 100 Jahren so nicht anbieten können. Das ist aber, wenn man es geistesgeschichtlich sieht, ein bisschen unverständlich. Denn wenn man ganz weit zurück geht, meint Seele ursprünglich Lebensprinzip. Odem, Pneuma, Ruach im Hebräischen. Ein Stoff, der das ganze Universum ausfüllt - Äther würde man heute sagen - den die Lebewesen einatmen, und der sie lebendig macht.
Der hier erwähnte Begriff im Hebräischen lautet Ruach (Wiki). Roth knüpft dann an Platon und Aristoteles an und sagt, daß auch noch die moderne Physiologie gewissermaßen - wie jene damals - von vegetativer, animalischer und rationaler Seele spricht oder sprechen kann. Die letztere ist - nach Aristoteles und Platon - unsterblich. Roth:
Diese Unsterblichkeit der Seele stammt also gar nicht aus dem Judentum oder Christentum, sondern aus der Antike.

An dieser Stelle sei der Gedanke eingefügt: Es ist unwahrscheinlich begeisternd, solche wesentlichen Gedanken von einem führenden Hirnforscher weltweit zu hören. Denn wie viel Quatsch in modernen Diskussionen sinkt allein mit diesen schlichten Ausführungen in den Orkus allen Geistes-Blödsinns. Als müßten wir etwa den Gedanken der Unsterblichkeit der Seele ablehnen, nur weil wir die mosaischen Religionen ablehnen. Solche Dinge sollen uns ja dauernd - seit Jahrzehnten - eingeredet werden. Er ist aber schlicht Quatsch. Der Gedanke der Unsterblichkeit der Seele ist eine Tradition der klassischen abendländischen Philosophie. Punkt. 

Die Unsterblichkeit der Seele - Sie stammt aus der Antike, nicht aus Juden- oder Christentum

Und: Begeisternd:

Und so ist auch die heutige Konnotation Seele direkt verbunden mit der Vorstellung, Seele ist etwas, was irgendwie uns belebt, aber auch unsterblich ist. Aber seit dem Altertum gab es ein Lager, das sagte, die Seele ist sterblich, sie stirbt mit dem Menschen. Und es gibt ein großes Lager, das sagt, die Seele ist etwas Unsterbliches. Und beide Lager haben sich bis heute nicht einigen können.
Sein Buch und so viele seiner Ausführungen können einem einfach wichtig sein, weil sie alle zusammen genommen den Stand der Diskussion heute zwischen Anhängern der Hirnforschung, der Psychotherapie, der Freudschen Psychoanalyse und vieler weiterer "Seelenärzte" markieren. Psychotherapeuten nämlich sind Seelenärzte, sagt Gerhard Roth an einer Stelle. Im Buch selbst findet man die spannendsten und allgemeinsten Ausführungen vielleicht erst im letzten Kapitel, in der Zusammenfassung, wo es heißt (1, S. 370, Hervorhebung nicht im Original):
In diesem Buch haben wir mit "Seele" die Gesamtheit der Vorgänge bezeichnet, die sich in unserem bewußten, vorbewußt-intuitiven und unbewußten Fühlen, Denken und Wollen ausdrücken. Hierfür gibt es im Deutschen kein besseres Wort, auch wenn "Geist" und "Psyche" wesentliche Teile davon abdecken. Die religiösen Vorstellungen von "Seele", etwa Unsterblichkeit oder göttliche Abkunft, haben wir bewußt nicht berührt. Die in unserem Sinne definierte Seele ist nach aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnis untrennbar an Hirnfunktion gebunden. Ihre Eigenschaften und Leistungen formen sich mit der Entwicklung des Gehirns, und mit dem Tod des Gehirns enden diese "Seelenvermögen". Wenn man also nach einer möglichen Unsterblichkeit der Seele fragt, so muß sich dies auf gänzlich andere Zustände und Eigenschaften beziehen, als diejenigen, die einer wissenschaftlichen Behandlung zugänglich sind.
Hier klingt bei Gerhard Roth offenbar mehr Pessimismus durch als bei dem Mainzer Philosophen Thomas Metzinger, der sich diesbezüglich schon eher in der Nähe der Einschätzung des deutschen Theologen und Philosophen Schleiermachers bewegt, und an dessen Einigungsvorschlag zu den beiden oben von Roth vorgetragenen Meinungen zur Frage der Unsterblichkeit der Seele, als Schleiermacher nämlich sagte:
Mitten in der Endlichkeit eins zu sein mit dem Unendlichen und darin ewig zu sein in jedem Augenblick - das ist Unsterblichkeit.

Dies ist übrigens auch der Begriff der Unsterblichkeit der Seele bei der deutschen Philosophin und Evolutionären Psychologin Mathilde Ludendorff. Und wer möchte auch bestreiten, daß ein solcher, hier genannter Seelenzustand etwa in der Liebe erreicht werden kann? In der Liebe zweier seelisch und körperlich starker Menschen?

Abb. 1: Stephan Abel Sinding (1846-1922) - Ein Mann und eine Frau

Übrigens hat sich der Bischof Franz Kamphaus (geb. 1932) (Wiki) von Limburg (der Vorgänger seines unseligen Nachfolgers) unter anderem auch in diesem Sinne zum Begriff Unsterblichkeit ausgesprochen. Auch diesen Gedanken spricht man - von christlicher Seite - gerne einmal an, läßt ihn dann aber weiter für sich im geistigen Raum stehen, ohne daraus weitere, größere Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wer möchte bestreiten, daß etwa Ludwig van Beethoven über solche Seelenzustände gesprochen hat? (Und natürlich aus solchen heraus komponiert hat?) Also müssen solche Seelenzustände auch der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sein. Und da gibt es ja auch schon viele Ansätze, die einmal zusammen fassend zusammen getragen werden sollten. Die amerikanische Anthropologin Barbara King spricht etwa aus ihren Erfahrungen der Primaten-Verhaltensforschung heraus von dem Seelenzustand des "belonging", des "Sich zugehörig Fühlens zu" ... einem anderen Menschen, ... einer Familie, ... einer menschlichen Gemeinschaft, ... einer Kultur. Dieser könnte eine evolutionäre Wurzel sein für religiöse, bzw. höherwertige seelische Erfahrung des Menschen, auch für - so möchte man einschieben: Sloterdijk'sche "Vertikalspannung". Auch der Autor Dean Hamer macht in seinem Buch "Das Gottes-Gen" zu solchen Fragen wertvolle Ausführungen. 

Roth jedenfalls gibt dann eine Zusammenfassung der Aussagen seines Buches (1, S. 370, Hervorhebungen nicht im Original):

Wie im ersten Kapitel gezeigt, war die Einengung des Seelenbegriffs von einem Lebensprinzip, anima, Spiritus oder Odem genannt, auf empirisch erfaßbare perzeptive, emotionale und kognitive Vorgänge ein Prozeß der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, der sich über zweieinhalb Jahrtausende hinzog, und ebenso lange dauerte die Suche nach dem "Sitz" dieser Vorgänge. (...)
Das Seelische findet seinen spezifischen Ausdruck in unserer Persönlichkeit, und deshalb waren weite Teile dieses Buches der Darstellung der verschiedenen Ebenen des Gehirns gewidmet, auf denen sich diese Persönlichkeit entwickelt: der unteren, mittleren und oberen limbischen sowie der kognitiv-sprachlichen Ebene. Hierbei ist die untere limbische Ebene, zu der Strukturen wie der Hypothalamus, die zentrale Amygdala und vegetative Zentren des Hirnstamms gehören, für die Regulation lebenswichtiger vegetativer Funktionen zuständig und bildet unter dem Einfluss von Genen und vorgeburtlichen Erfahrungen die Grundlage für unser Temperament. Die individuelle Funktion dieser Ebene kann durch spätere Erfahrung oder Erziehung nur schwer verändert werden.
Die mittlere limbische Ebene (...) ist die Ebene der unbewußten emotionalen Konditionierung und des individuellen emotionalen Lernen: Elementare Emotionen (z.B. Furcht, Ekel, Freude, Glück) werden hierbei an individuelle Lebensumstände angebunden. Die charakteristische Funktion dieser Ebene entwickelt sich in den ersten Lebensjahren vor allem im Kontext frühkindlicher Bindungserfahrungen und bildet zusammen mit der unteren limbischen Ebene den Kern unserer Persönlichkeit. Sie kann im Jugend- oder Erwachsenenalter nur über starke emotionale oder lang anhaltende Einwirkungen verändert werden.

Hier ist also sicher unter anderem die Herausbildung oder das fehlende Herausbilden von "Urvertrauen" angesprochen. Gerhard Roth weiter:

Die obere limbische Ebene (...). Auf dieser Ebene findet das bewußte emotional-soziale Lernen statt. Hier werden die emotionalen Reaktionen der beiden unteren limbischen Systeme verstärkt oder abgeschwächt, je nachdem wie es die Sozialisation vorgibt. Bewertungen auf dieser Ebene bilden die Grundlage für Gewinn- und Erfolgsstreben, für Freundschaft, Liebe, Hilfsbereitschaft, Moral und Ethik. Diese Ebene entwickelt sich in der späteren Kindheit und Jugend aufgrund sozial-emotionaler Erfahrungen und ist entsprechend vornehmlich durch solche veränderbar.

In diesen wenigen Sätzen steckt unglaublich viel drin. Und sie wären sicherlich noch einmal genauer zu erläutern anhand der entsprechenden Kapitel im Buch. Die Manipulatoren wissen um diese Veränderbarkeit. Das Buch ist dann insbesondere damit beschäftigt, aufgrund welcher Therapien, seelenärztlicher Verfahren eigentlich sprichwörtlich "Beseelungswissen" umgesetzt werden kann in praktisches Handeln, wie man Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen helfen kann.

Es wird darauf abgehoben, daß die Erfolge aller heute bekannten Behandlungsmethoden im Wesentlichen nicht auf den Methoden selbst beruhen (ob Kartenlegen, Freud'sche Psychoanalyse oder andere Verfahren), sondern schlicht darauf, daß nach dem Gelingen einer guten Therapeuten-Klienten-Beziehung bei beiden das Vertrauenshormon Oxytocin ausgeschüttet wird und daß dadurch vor allem auch beim Klienten eine bei allen Verfahren aufzeigbare durchschnittliche, erste Verbesserung seines Zustandes auftritt.

Soweit einmal erste Hinführungen zu diesem Vortrag und zu diesem Buch. Womit keineswegs gesagt sein soll, daß damit schon eine ausreichende Auswertung beider erfolgt wäre.

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*) Ein Gedanke, der noch wesentlich prägnanter im Zusammenhang mit seinem Buch - oder im Vortrag - heraus gearbeitet werden könnte, ist übrigens der, daß den Ersterfahrungen auf dem Gebiet des Geschlechtlichen (der Sexualität) - und zwar jetzt nicht die extremen Formen kindlicher Gewalterfahrung, sondern in der normalen Entwicklung der Geschlechtlichkeit von jungen Erwachsenen - von einer großen Zahl sehr unterschiedlicher Kulturen weltweit seit vielen Jahrtausenden eine besondere Bedeutung zugesprochen worden ist für die gedeihliche Entwicklung des einzelnen Menschen und ganzer kultureller Gemeinschaften. Die "Hochzeit" galt bei unseren Vorfahren - wie der Name schon sagt - als: "Hohe Zeit". Und sie wurde kulturell eingebettet. Es wurde Anteil daran genommen.
Ob diese hohe Bedeutung, die viele Kulturen diesem Geschehen gaben, der Grund dafür ist, dass Medien-Manipulateure und Lügenäther schon seit vielen, vielen Jahrzehnten genau diese Zielgruppe der Menschen im Auge haben, die ihre Ersterfahrungen noch nicht erlebt haben, wobei sie das Erlebnis dieser Ersterfahrung ganz offensichtlich massiv zu beeinflussen bestrebt sind. Und wobei von - - - "hoher Zeit" schon ganz gewiss nicht mehr die Rede ist? ... Jugendzeitschriften wie "Bravo" und Konsorten seligen Angedenkens. - ? (Aus den Erfahrungen des Jahrgangs 1966 heraus gesprochen.) Heute wäre ja da noch ganz anderer Dinge selig zu gedenken, als bloß Jugendzeitschriften wie "Bravo". Auch hier wäre die dringende Frage, wie gegengesteuert werden kann. Was da überhaupt noch möglich ist.
Denn seit vielen Jahrzehnten ist bekannt - und Gerhard Roth spricht auch davon, daß im Zusammenhang menschlicher Geschlechtlichkeit - insbesondere auch bei Frauen - Bindungshormone ausgeschüttet werden, Oxytocin, das "Treue-Hormon". Daß also unsere Physiologie - und insbesondere die von Frauen - auf langfristige, gelingende monogame Paarbeziehungen ausgelegt ist. Und daß Mißlingen großes Unglück hervorruft bis hin zu Depression. Warum sagt man das den jungen Frauen von heute nicht? Warum gehen wir mit einem solchen Wissen nicht kulturell wertvoll um? Warum gestalten wir nicht mehr "hohe Zeit"? Damit solches Unglück möglichst nur noch in begrenztem Ausmaß auftritt, in einem solchen Ausmaß, das gesellschaftlich noch verkraftbar ist. Und nicht mehr wie heute, wo sich Millionen Deutsche Kinder wünschen, sie aber nicht bekommen, weil der geeignete Bindungspartner nicht da ist. - ? Wo also schlicht: Liebe nicht mehr gelingt.
Machen wir uns denn nicht von vornherein unglücklich, wenn wir uns allerwärts durch Medien-Manipulatoren dahingehend manipulieren lassen zu denken, die Wahl und Austauschbarkeit unserer Geschlechtspartner, der Reife-Zeitpunkt des Eintritt ins Geschlechtsleben, die Art des Eintritts ins Geschlechtsleben und alle diese so wesentlichen Dinge in Bezug auf "hohe Zeit" - all das wäre gar nicht mehr wichtig für ein gedeihliches und glückliches Zusammenleben von Menschen? Und für die Entwicklung von Seele? Bei uns selbst. Bei unseren Lebenspartnern. Bei unseren Kindern. - ?

Wie gestalten wir "hohe Zeiten", Hochzeiten?

Wobei nicht in Plattheiten zu verfallen wäre, aus christlichen Attitüden heraus etwa irgendwelche Formen des Lebens von Geschlechtlichkeit - gleichgeschlechtlich, polygam, polyamor und wie sie alle heißen mögen - per se zu verdammen. Sondern wobei nur herauszuarbeiten wäre, daß das kulturelle Hochziel - zumindest europäischer Kulturen - immer schon die zweigeschlechtliche, lebenslange Einehe ist. So kann man doch argumentieren, ohne andere Lebensformen auf diesem Gebiet per se als minderwertig zu bezeichnen. Wie das so beliebt ist aus typisch monotheistischem Ressentiment heraus. Wir wissen doch alle, daß es Menschen geben kann, die lebenslang in Einehe leben, und die wir als Menschen für sich genommen für außerordentlich moralisch minderwertig empfinden. Daß - zum Beispiel - Einehe auch als eine Art von Prostitution gelebt werden. Einfach aus Bequemlichkeit heraus.
Daß es andererseits Menschen geben kann, die andere Formen der Geschlechtlichkeit lebten, und die wir als wertvolle Menschen erachten, etwa weil sie Künstler waren, die Ungeheuerliches geleistet haben. Oder die auch sonst wertvoll gelebte Geschlechtlichkeit leben außerhalb zweigeschlechtlicher lebenslanger Einehe. (Wobei dann nur eben auch die Bedürfnisse von Kindern zu berücksichtigen sind, die bezüglich des Wunsches nach einer "heilen Ehe" der Eltern nicht gerade gering zu veranschlagen sind, und die um so eher zu beachten sind, weil Kinder jene Bevölkerungsgruppe sind, die ihre eigenen Interessen am wenigsten selbst durchsetzen können.)
Warum jedenfalls all diese (christlichen, monotheistischen) "Ressentiments" heute immer noch in all solchen Debatten? Welche Art von Medien-Manipulatoren stecken hinter all diesem Aufputschen und diesem Ressentiment-Gerede und -Geschreibsel, das uns überall umgibt, und von dem sich auch politische Entscheidungen - wieder einmal - leiten lassen?

/ Um einleitende Absätze ergänzt 31.5.16;
Leicht umgestellt und überarbeitet: 16.4.2024 /

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  1. Roth, Gerhard; Strüber, Nicole: Wie das Gehirn die Seele macht.  Klett-Cotta, Stuttgart 2014 (danach wird zitiert; inzwischen, im Januar 2016, ist das Buch schon in 6. Druckauflage erschienen)

Mittwoch, 17. Februar 2016

Der Absturz der Religionen vom Gotterleben

Und die Rückkehr zu demselben über Kunst, Wissenschaft und Philosophie

Eine kultur- und religionsgeschichtliche Einordnung der gegenwärtigen Situation moderner Wissens- und Dienstleistungsgesellschaften.

Das folgende Video - und vielleicht auch noch das eine oder andere künftige - versteht sich als der - fast hilflose - Versuch des Angangs gegen eine gegenwärtig sich erkennbar machende grenzenlose Sinn- und Niveaulosigkeit öffentlicher Debatten. Und zwar öffentlicher Debatten zu den aller existentiellsten Fragen des Fortbestehens menschlicher Hochkultur auf dieser Erde überhaupt.


In diesem Videoblog werden philosophische Grundgedanken Mathilde Ludendorffs (1877-1966) zu der historischen Einordnung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation benannt. Und sie werden in einer ersten Annäherung erläutert. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass einen derzeitige öffentliche Stellungnahmen bekannter deutscher Philosophen zu den Entwicklungen in den modernen Wissensgesellschaften auf der Nordhalbkugel völlig hilflos und ohnmächtig zurück lassen. 

Kann nicht endlich einmal vor einem weiteren geistigen Horizont argumentiert werden, als das beispielsweise Peter Sloterdijk in seinem jüngsten Cicero-Interview getan hat (Cicero, 2/2016)? Über das von der Presse ganz fälschlich aufputschend berichtet wurde - ? 

Es könnte sein, dass solche Video's inhaltlich fortgesetzt werden. Weil es wichtig erscheint, dass man etwas über jene Dinge hört oder hören kann, die in diesen Video's zur Sprache gebracht werden. Und da über solche dinge sonst scheinbar nirgendwo gesprochen wird, muss es halt hier geschehen. Das ist die Grundmotivation dieser Video's. Und das wird sie wohl auch zukünftig bleiben.

Wenn es keine Selbstverständigung der Menschen untereinander über derartige, hier angesprochene Themen mehr gibt - wozu dann überhaupt noch irgendetwas? Warum suchen wir uns dann nicht gleich - metaphorisch gesprochen - das nächste weltgeschichtliche "Schwarze Loch", um darin auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden?

Ist uns denn schon alles egal? Sind wir von dem grenzenlos oberflächlichen Politikergeschwätz unserer Tage - sowohl Pro wie Kontra - wirklich schon befriedigt? Soll es das gewesen sein?

Anmerkung: In der folgenden Literaturliste werden wichtige Quellen genannt, auf die sich die Ausführungen im Videoblog stützen. Erwähnt seien noch die Schriften von Marija Gimbutas (1921-1994), eine Forscherin, deren Thesen zu den Indogermanen heute als fast vollständig bestätigt gelten müssen.

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Literatur (Auswahl)

  1. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. Ludendorffs Verlag, München 1936
  2. Ruffing, Margit: Rudolf Malter: Chronologisches Verzeichnis wissenschaftlicher Arbeiten 1966-1995. pdf-Dokument, http://www.schopenhauer.philosophie.uni-mainz.de/Aufsaetze_Jahrbuch/77_1996/Margit%20Ruffing.pdf
  3. Assmann, Jan: Moses, der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur. Hanser, München 1998
  4. Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus. Hanser, München 2003
  5. Johannes Krause (Direktor, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena): Die genetische Herkunft der Europäer. Vortrag am 26. Januar 2016 im Rahmen der Vorlesungsreihe "Vom Selbstverständnis der Naturwissenschaften" am Einstein-Forum in Potsdam, Gesprächsleitung: Dr. Matthias Kroß, Potsdam, http://www.einsteinforum.de/index.php?id=1548&L=1%27%20and%20char%28124%29%2Buser%2Bchar%28124%29%3D0%20and%20%27%27%3D%27
  6. Reinhard Schmoeckel: Die Indoeuropäer. Aufbruch aus der Vorgeschichte. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1999
  7. https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Creation_myths (bei diesem und den weiteren vorgeschlagenen Wikipedia-Artikeln bitte deutsch- und englischsprachige immer parallel ansehen, mal ist der eine, mal der andere aktueller, ausführlicher oder differenzierter)
  8. https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6bekli_Tepe 
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanen
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanische_Religion
  11. Bading, Ingo: 1.400 - 800 v. Ztr. - Hochhütige Seher der europäischen Spätbronzezeit - Das Augurenlächeln - oder: Zunahme des Aberglaubens, Rückgang nüchterner Rationalität am Ende der Bronzezeit? Auf: Studium generale, 1. Mai 2011, http://studgendeutsch.blogspot.de/2011/05/1400-800-v-ztr-hochhutige.html 

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