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Donnerstag, 17. August 2017

"Die ordentlichsten Jugendlichen der Welt"

Jane Austen in Begegnung mit der modernen Welt

- Junge Erwachsene der "Amish-People" im Gespräch mit Gleichaltrigen aus der Welt, in der wir leben

-  "Klassiker" der Fernsehgeschichte: Fernseh-Dokumentationen aus den Jahren 2010 und 2011

Kloppt alle Wahlkampf-Video's der AfD in die Tonne

Schon in früheren Jahren wurden hier auf dem Blog gelegentlich die Amischen (Wiki, engl) behandelt (1), bäuerlich lebende, streng religiös-bibelgläubige deutschsprachigen Gruppen in den USA. Seit etwa 1994 bin ich fasziniert von ihnen, seit ich im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit auf sie gestoßen bin und dabei die wissenschaftliche Standardliteratur zu ihnen zur Kenntnis nehmen konnte. Die Amischen leben - als streng bibelgläubige Christen, die die Kindertaufe ablehnen - außerordentlich authentisch ein Leben so wie es unsere Vorfahren in vielerlei Hinsicht vor 500 oder noch vor 100 Jahren gelebt haben.

Worauf ich gerade jetzt mit großer Überraschung stoße, sind zwei britische, mehrstündige sogenannte "Dokusoap's" über die Amischen aus den Jahren 2010 und 2011 (2, 3). In diesen lassen die Amischen den Zuschauer über das Medium Film dichter an sich herankommen als das meines Wissens jemals zuvor geschehen ist. Zuvor hat man sie zwar schon über Literatur als menschlich sympathische Gemeinschaften kennen lernen können. Jetzt geht das aber noch besser über diese Fernseh-Dokumentationen. Weil noch wesentlich unmittelbarer.





Diese beiden Fernseh-Dokumentationen habendas Potential, zu "Klassikern" zu werden. Man sieht sie sich über viele Stunden hinweg ziemlich beweg an. Und doch merkt man ein paar Tage später, daß man sie sich noch ein zweites mal mit dem gleichen inneren Gewinn anschauen könnte, ohne daß es langweilig wird. Wann würde man eine solche Erfahrung mit dem Medium Film in unseren Tagen schon häufiger machen?

Und wie kommt die Wirkung zustande? Dafür wird es viele Ursachen geben. An einer Stelle im Film fragt sich Becky Shrock (die Blonde) selbst, was Gott wohl vorhabe, indem sie sie an dieser Dokumentation teilnehmen lassen würde. Das Besondere an der Dokumentation ist, daß die Annäherung an die Amischen hier einmal erfolgt - soweit übersehbar - nicht über dezidierte "Aussteiger" der Amischen. Solche Dokumentation hat es in früheren Jahrzehnten oft gegeben und gibt es auch heute noch oft. Hier jedoch erfolgt sie über "echte" und "ursprüngliche" Amische, also über solche, die auch weiter als Amische leben wollen. Im Film denken sie darüber nach, ob sie das wollen, kommen aber größtenteils zu dem Ergebnis: Ja, sie wollen das. Das ist - soweit mir bekannt - etwas ganz Neues. Und dadurch sind sehr berührende, nein, man muß sagen: aufwühlende Dokumentationen entstanden. Der Blick ist nicht von "außen" gewährt, sondern von innen.

Die erste Dokumentation handelt davon, wie fünf ganz traditionell aufgewachsene Amisch-Jugendliche verschiedenen Jugendgruppen in England begegnen und mit diesen mehrere Tage das Leben teilen, wie ihnen also das Leben Gleichaltriger in der "modernen" Welt in Großbritanniens vorgestellt wird (2). In den Gesprächen der jungen Erwachsenen untereinander werden immer wieder die Unterschiede zwischen beiden Lebensweisen recht offen besprochen. Und was einen fast noch am meisten packt, das ist, wie immer wieder die Rede darauf kommt, wie bei den Amischen das Kennenlernen und Zusammenkommen von Mann und Frau kulturell durchgestaltet ist, so daß es möglich ist, daß dabei Ehen entstehen können, die ein Leben lang auch wirklich halten. Das ist noch fast der berührendste Teil in diesen Gesprächen.

Wo hat man es das letzte mal erlebt, daß über ein solches Thema so ernsthaft und mit so viel innerem Gehalt und auch so verantwortungsbewußt gesprochen wurde? Ich glaube, in diesem Umstand vor allem liegt die große Bedeutung dieser Dokumentationen begründet. Hat man eine solche Ernsthaftigkeit überhaupt schon einmal erlebt? Ohne daß deshalb die jugendliche Fröhlichkeit darüber verloren gegangen wäre? (Der Autor dieser Zeilen glaubt, diesbezüglich in einer Ausnahmesituation zu sein, da es in seiner Verwandtschaft eine Person gab, die genauso von tiefem Ernst erfüllt darüber gesprochen hat. Aber es ist wohl ziemlich sicher, daß die Mehrheit der Leser das so nicht nicht erlebt hat.) Indem wir hier darauf zu sprechen kommen, knüpfen wir auch an einen Beitrag und einen Videoblog vom 1. Juni über die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen an (7). Im Verhältnis zu diesen Amisch-Jugendlichen kommt uns unser eigener Beitrag diesbezüglich ziemlich hilflos vor.

Ernsthaftigkeit in wesentlichen Lebensfragen, ohne Lebensfröhlichkeit zu verlieren


Gelebtes Leben ist eben überzeugender als alle "Theorie". Gelebtes Leben ist überzeugender als jede "Forderung", es solle oder könne doch so oder so gelebt werden. Gelebtes Leben ist überzeugender als jede "Utopie", es könne doch so oder so gelebt werden. Diese Dokumentationen sind schon vor fünf Jahren auch von dem Fernsehsender RTL in Deutschland ausgestrahlt worden. Und endlich einmal bekommt man mit ihnen eine Sendung eine solchen - sonst in der Regel ganz abartigen - Genres zu sehen, aus der man wirklich - und aus der jedermann und jederfrau - lernenund Gewinn ziehen kann, für die man sich richtig gehend begeistern kann.

Es kommt halt immer auf die Auswahl jener an, die man vor die Kamera holt ...

Man wundert sich geradezu, daß heute Filmemacher noch fähig sind, so verständnisvoll, so einfühlsam mit etwas so Ungewöhnlichem wie den Amischen umzugehen, so ohne allen Zynismus. Und dann auch gleich noch in einer Extremsituation wie derjenigen, in der fünf junge Erwachsene dieser Gruppierung wirklich krasse Auswüchse der modernen Welt kennen lernen. Die Amischen "sind zwar gelandet" - aber die Landung ist nicht sehr sanft, möchte man sagen.

Und mit allem drängt sich bald der Eindruck auf, daß diese Dokumentation auch viel gehaltvoller, überzeugender, begeisternder, hinreißender ist, als es jedes Video von Hagen Grell sein kann, als es jede noch so "gelungene" gefilmte "Aktion" der "Identitären Bewegung" oder beliebiger anderer Versuche, das gewachsene kulturelle Erbe in Deutschland und Europa zu bewahren sein können. Als es erst recht jedes Wahlplakat, jedes Wahlkampfvideo, jede Parlaments- oder sonstige Rede von Politikern sein können, stammen sie nun von einem Björn Höcke, einem Christoph Hörstel oder einem beliebigen anderen Politiker, sei er nun von der AfD, von der "Deutschen Mitte" oder einer anderen Partei, die sich - auch nur einigermaßen glaubhaft - für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes einsetzt.

Der Unterschied ist, daß nicht nur der Lebensstil selbst ein überzeugender ist, sondern daß letztlich immer spürbar wird, daß hinter ihm authentische religiöse Lebenshaltungen stehen. Und das ist der Kern, as ist der entscheidende Unterschied.

Die Erkenntnis, die anhand gerade dieser Dokumentation so klar wie selten nachvollzogen werden kann, ist schlicht: Es kommt nicht auf Politik an. Es kommt nicht auf Politiktreiben an für das Überleben eines Volkes, für das Überleben einer Gemeinschaft. Es kommt darauf an, daß der Gottglaube in den Mittelpunkt des persönlichen Lebens und der Gemeinschaft gestellt wird, daß er nicht zu einer Randerscheinung wird, daß sich insbesondere auch auf religiöser Ebene eine Selbstsicherheit ergibt und daß aus dieser heraus gelebt werden kann. Und zwar nicht nur als Einzelmensch, sondern eben als Gemeinschaft.




Wenn Politiker der AfD so leben würden, religiös authentisch wären, müßte es ihnen im Grunde leicht fallen, genauso - - - "cool" herüber zu kommen in einer beliebigen Rede oder in einem beliebigen Video wie diese fünf jungen Erwachsenen der Amischen, die in Großbritannien mit dem Leben gleichaltriger Jugendlicher konfrontiert werden. Sie dürften vor allem schon einmal: gar nicht laut werden. Schon daran allein ist ein Unterschied erkennbar.

Die fünf Jugendlichen dieser Dokumentation können einen lehren, daß es auf ganz andere Dinge ankommt. Es kommt darauf an, einen anderen, einen besseren, zukunftsträchtigeren, lebensoffenen, fröhlicheren Lebensstil zu leben - als Gemeinschaft - im Angesicht einer degenerierten, untergehenden, abartigen Gesellschaft rund um einen herum. Es kommt darauf an, aus einem Gottglauben heraus zu leben und zwar sicher, beständig. Es kommt darauf an, Gottvertrauen zu gewinnen und immer wieder abzusichern, insbesondere über Gemeinschaftsleben.

Aus der Dokumentation des Jahres 2010 (2)

Es scheint tatsächlich, als könne einem das heute niemand überzeugender zeigen als die Amischen und insbesondere solche mehrstündigen Filmdokumentationen und "Reality-Show's", die sich eben auch Zeit lassen, sich auf ein so fremd gewordenes Leben, Denken und Erleben wirklich einzulassen.

Bei den fünf Jugendlichen handelt es sich um etwas, das man früher einmal einfach "wohlgeratene Kinder" genannt hätte, "wohlerzogene". Um Jugendliche, um derentwillen die Eltern sich keine Sorgen machen müssen und deren Eltern sich sagen können: So ganz falsch kann unsere Erziehung nicht gewesen sein ... Und die amischen Eltern der Dokumentation sind tatsächlich auch ihrer Kinder so sicher, daß sie sie getrost auf Konfrontations-Kurs mit der modernen Welt gehen lassen können. Sie versichern ihnen lediglich, daß sie für sie beten werden. Im Grunde auch das eine Versicherung, die berührend ist. Womöglich sind die eigentlichen "Helden" dieser Dokumentation die selten gezeigten Eltern dieser Jugendlichen. Das würden sie auch selbst so sagen. Obwohl ja schon der Begriff "Held" kein Begriff ist, der zu ihrer Kultur, zu ihrer Art der Religiosität paßt.

Diese amischen Jugendlichen sind tief und fest in ihren Familien verwurzelt, in ihrem Leben verwurzelt, in ihrer Denkweise verwurzelt. Und sie durchschauen zu leicht aus dieser tiefen Verwurzelung heraus, wie lächerlich oberflächlich, seicht und abartig das Leben moderner Jugendlicher ist, bzw. sein kann und werden kann. Sie können sich an den guten Seiten dieses Lebens freuen, tief erfreuen. Das besonders sei hervor gehoben. - Wie schön etwa mitzuerleben, wie eine junge Frau der Amischen das erste mal das Meer erlebt und die berauschende Kraft brechender Wellen. - Sie können sich tief freuen: Und sie lehnen zugleich mit großer innerer Sicherheit, aus tiefstem Inneren und in tiefer innerer Bewegtheit die bösen und schlechten Seiten dieses Lebens ab. Sie empfinden authentische Trauer, wenn sie Menschen so leben sehen.


Aus der Dokumentation des Jahres 2010 (2)

Wann hätte man jemals eine solche Fernsehdokumentation gesehen? Jane Austen begegnet der modernen Welt.

Fünf Amisch-Jugendlichen, die da über viele Stunden hinweg mit der modernen, westlichen Jugendkultur konfrontiert werden und die dabei ganz und gar cool bleiben. Sie ruhen völlig in sich. Sie blicken mit dem Blick des Fremden, Befremdeten auf diese Welt. Man fühlt sich an Bücher wie den "Papalagi" erinnert (4).

Junge Menschen im Umfeld der Identitären Bewegung 

- Diese innere Sicherheit haben sie nicht


Wenn Jugendliche im Umfeld der "Identitären Bewegung" mit so viel innerer Sicherheit vor diese moderne Welt treten können und sagen können: So wollen wir nicht leben - dann sind sie glaubwürdig. Vorher nicht. Die meisten Jugendlichen und Familien auch im Umfeld der Identitären Bewegung sind insgesamt schon viel mehr seelisch aus dem Gleichgewicht geraten als diese Amischen. Die jedoch ruhen ganz und gar in sich, haben inneren Frieden. Vor allem können sie dadurch auch ganz offen einem Leben gegenüber stehen, dem sie selbst ansonsten ganz ablehnend gegenüber stehen. Gibt es ein solches Leben außerhalb der Old-Order-Amischen noch? Man hat große Zweifel.

Allein diesem Film zuzusehen, erhebt einen in eine bessere Sphäre. Und anders als mit solchen Lebenshaltungen ist das Überleben als ein großes Volk gar nicht möglich. Anders sind dauerhaft nicht jene kinderreichen Familien zu leben, die notwendig sind für das Überleben als ein Volk. Daran kann es eigentlich kaum einen Zweifel geben. Und um so leben zu können - das ist auch klar - braucht man eine ganz sichere, feste weltanschauliche Verwurzelung, Verankerung. Man darf auch nicht zu viel an einer solchen ständig herumkritteln, herumbohren und infrage stellen. Sondern man muß ruhig und sicher aus ihr heraus leben. Man muß in einer solchen seine Heimat haben.

Die Dokumentation aus dem Jahr 2011 (3)
Man darf sich innerlich nicht aufreiben an der Unterschiedlichkeit seines eigenen Lebensstiles im Vergleich zu dem, was um einen herum gelebt wird. Sonst findet man auch seinen eigenen inneren Frieden nicht. Man muß sich entscheiden.

Daß solche Dokumentationen überhaupt entstehen konnten, scheint daran zu liegen, daß zumindest einige Old-Order-Amische Gruppen offener geworden zu sein scheinen. Denn es gibt ja auch Gemeinden, die sogar Fotografieren und Filmen ganz ablehnen. Weshalb man sich bislang zumeist nur über Literatur oder über "Abtrünnige" von ihnen ein "Bild" machen konnte. Vielleicht weil der Unterschied zwischen ihrer Lebensweise und der Abartigkeit unserer Lebensweise inzwischen so krass und offensichtlich geworden ist und so leicht nachvollziehbar ist, fällt es ihnen leichter, offen auf diese Abartigkeit zuzugehen. Sie stellt vielleicht - und mit Recht - gar keine Versuchung mehr dar so wie oft noch in früheren Jahrzehnten, als die Abartigkeit noch nicht so krass war. Aber für wen stellt denn das Leben in der heutigen "modernen Welt" auch sonst noch wirklich eine Versuchung dar? Im Grunde leidet doch fast jeder darunter. Daß das die Amischen inzwischen so empfinden und deshalb diese Lebensweise kaum noch als Versuchung empfinden können, könnte man jedenfalls als nachvollziehbar empfinden.

Zunehmend mehr verliert das typische Leben in modernen Gesellschaften an Anziehungskraft. Wer will denn diesen ganzen Schrott noch? Die Gefahr ist aber, daß es modernen Menschen zunehmend schwerer fallen könnte, zu einem solchen "einfachen Leben" noch rechtzeitig zurück zu kehren. Denn dazu ist die erste Voraussetzung jene, die in den beiden Filmdokumentationen immer wieder ein Hauptthema ist: Wie lernen sich Mann und Frau kennen? Wie beginnen sie eine eheliche Gemeinschaft? Und das Aufregende ist, daß zumindest zwei der "gewöhnlichen" britischen Mädchen nachdem sie sechs Wochen bei Amisch-Familien gelebt haben, sagen, daß sie künftig anders leben wollen, daß sie sich nicht mehr von ihrer Umgebung unter Druck setzen lassen wollen, möglichst früh alle Erfahrungen auszuleben, die man diesbezüglich als Erwachsener ausleben kann (3).

"Die Amischen - Die ordentlichsten Jugendlichen der Welt" so lautet der englische Originaltitel der ersten Dokumentation auf Deutsch übersetzt ("Amish - World's Squarest Teenagers") (2). Zwischendurch ist in ihr immer wieder eingeblendet, wie der Vater der beiden jungen Erwachsenen Leah und Andrew Miller aus der Bibel vorliest zum jeweiligen erörterten Thema. Das ist im Grunde ganz gut gemacht. Es sei zum besseren Verständnis noch festgehalten: Bei den Jugendlichen der ersten Dokumentation handelt es sich um Leah Miller (die Erzählerin), um Leon Lehman, Andrew Miller, Jerry Miller und Becky Shrock. Letztere stammt aus den am konservativsten lebenden Gruppen der Old-Order-Amisch, nämlich den "Schwarzentrubers" (Wiki). Das wird an mehreren Stellen in beiden Dokumentationen erläutert. In der zweiten Dokumentation ist der Erzähler Jonathan Hershberger (3).

Zwischenzeitlich gab es auch eine US-amerikanische "Reality-Serie" einer solchen Machart: "Breaking Amish" (2012-2016) (Wiki). Dieser gegenüber gibt es aber laut Wikipedia Vorwürfe, daß keine echte Authentizität vorläge, da alle Hauptbeteiligten mit ihren Gemeinden schon vor Beginn der Dokumentation gebrochen hatten.

Zusammengefaßt jedenfalls: Menschen wie von einem anderen Stern, die eigentlich nur so leben wie unsere Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren. So weit haben wir uns heute von der Lebenswelt unserer Vorfahren schon entfernt. Und das betrifft insbesondere den Kernbereich jeder Kultur, nämlich den der Partnerfindung, der Begründung von haltbaren Ehen als Kernzelle des Volkes.

Man kann an ihnen ganz hervorragend erforschen, wie Gemeinschaftsleben in der Familie und auf Gemeinde-Ebene über Jahrhunderte hinweg erfolgreich und nachhaltig - das heißt insbesondere natürlich auch: demographisch nachhaltig - gestaltet werden kann.

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  1. Bading, Ingo: Die Amischen - Einige Filmdokumentationen. Auf: GA-!, 1.2010, http://studgenpol.blogspot.de/2010/01/die-amischen-einige-filmdokumentationen.html
  2. Die Amischen sind gelandet, Originaltitel: Meet the Amish bzw. Amish - World's Squarest Teenagers, Dokusoap GB 2010, KEO films und Channel 4 Television Corporation; Original-Erstausstrahlung: 25.07.2010; Deutsche Erstausstrahlung, RTL Living, 02.03.2012 (IMDb); Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=gApZNR-FcFE, https://www.youtube.com/watch?v=bJdxwzb59Ws, https://www.youtube.com/watch?v=wgDtEPLreXs, https://www.youtube.com/watch?v=Lqx0qiX6fTY; Englisch: https://www.youtube.com/watch?v=m64X1hMCJoE oder: https://www.youtube.com/watch?v=IZdxiN_WyjA
  3. Unter Amischen, Originaltitel: Living with the Amish, Dokusoap, GB November 2011, KEO films und Channel 4 Television Corporation (IMDb); 1. Teil (nur Englisch verfügbar) https://www.youtube.com/watch?v=eoXG3__vL8A, ab 2. Teil auch Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=JQyDUZgsdI8, 3. Teil https://www.youtube.com/watch?v=hE3C6uznL5Q&t=34s, 4. Teil https://www.youtube.com/watch?v=bQdfXa7sxfc&t=112s, 5. Teil https://www.youtube.com/watch?v=phh4XSAWDKU, 6. und letzter Teil https://www.youtube.com/watch?v=z0hB9Cg4C6I&t=20s
  4. Scheurmann, Erich: Der Papalagi. 1920, https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Papalagi
  5. Gee, Catherine: Amish teens: pious, prudish - yet remarkably tolerant - Members of the sect have come to the UK for a C4 series. In: The Telegraph, 23 Jul 2010, http://www.telegraph.co.uk/culture/tvandradio/7905385/Amish-teens-pious-prudish-yet-remarkably-tolerant.html
  6. Beck, Sally: From spoilt British teen to Amish girl. In: Dailymail, 21. November 2011, http://www.dailymail.co.uk/femail/article-2064064/Charlotte-Allison-From-spoilt-party-mad-British-teen-Amish-girl.html
  7. Bading, Ingo: Ehret die Frauen! Männer und Frauen - Ein viel erörtertes Thema. Auf. GA-j!, 1. Juni 2017, http://studgenpol.blogspot.de/2017/06/ehret-die-frauen.html

Mittwoch, 24. Februar 2010

Margot Käßmann: "Nur ein Glas getrunken"

K.O.-Tropfen für Margot Käßmann?

Die Medien und viele in den Medien sich äußernde Persönlichkeiten war zwischen dem dem 23.2. vormittags und der Bekanntgabe ihres Rücktritts auffallend schnell gewesen in der Verurteilung von Margot Käßmann, die schon über viele theologische Schatten gesprungen ist (siehe Fotos). Als hätten diese Verurteiler nur auf ein solches kompromittierendes Ereignis "gewartet". Als ob die Umstände und der Sachverhalt des Fahrens mit Alkohl am Steuer nicht erst einmal umfassender bekannt sein müßten, bevor man entschiedenere Urteile oder gar Verurteilungen hätte wagen dürfen.

Und in besonders auffallender Weise wurde und wird nur selten berichtet und erörtert, was in jenem ersten Bericht der Bild-Zeitung auch stand (Bild, 23.2.), also in jenem Bericht, auf den sich alle anderen Medien zunächst bezogen hatten:
Gegenüber der Polizei soll Käßmann ausgesagt haben, sie hätte doch nur ein Glas getrunken.
Es sind weitere Berichte abzuwarten.*)

Es wäre absolut naiv, bei einem Fall wie diesem nicht zu berücksichtigen, daß Geheimdienste mit K.O.-Tropfen arbeiten, um Personen Autounfälle unter Alkohleinfluß begehen zu lassen. Man denke an die Ermordung des Fußballspielers Lutz Eigendorf durch die DDR-Staatssicherheit mittels K.O.-Tropfen und "Ausblitzen" während des darauffolgenden Autofahrens. Man denke an den Tod von Prinzessin Diana, deren Fahrer ebenfalls volltrunken gewesen sein soll, obwohl er nicht als einer bekannt war, der viel Alkohol trinkt, und der kurz vor dem Unfall stark angestrahlt worden war. Man denke an Jörg Haider, der ebenfalls alkoholisiert in einem VW-Phaeton unterwegs war.

Das große Vorbild von Margot Käßmann, Martin Luther King, fiel einem Attentat zum Opfer. Die letzten bedingungslosen deutschen Kriegsgegner Petra Kelly und Gerd Bastian starben unter ungeklärten Umständen.

Die Naivität der Presse hinsichtlich von ungeklärten Todesumständen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist manifest. Es spricht nichts dagegen aber alles dafür, daß Uwe Barschel (und auch Olof Palme) vom Mossad ermordet wurden. Diese Naivität all solchen Umständen gegenüber ist hier auf dem Blog - wie anderwärts - schon ausführlich thematisiert worden. Und eine solche massiv vorgespielte Naivität mußte es einer Margot Käßmann ebenso schwer machen, wie einem Oskar Lafontaine vor einigen Wochen (- wir wiesen darauf hin).

Schon George Orwell wußte, daß Journalisten Stiefellecker des Totalitarismus sind. Und er sprach dabei von seinen westlichen Kollegen. Wann hört diese offenbar immer noch karrierefördernde Naivität endlich auf?

Übrigens nimmt mancher vielleicht erst jetzt zur Kenntnis, daß einer der vielen, sehr aufgebrachten und sehr scharfen Kritiker von Margot Käßmann der Folter und alttestamentarische Moral befürwortende deutsch-israelische Historiker Michael Wolfssohn gewesen ist. Seines Zeichens Professor an der Bundeswehrhochschule in München. Als massive Forderungen nach seinem Rücktritt oder seiner Entlassung laut wurden, klebte er weitaus zäher an seinem Posten als Margot Käßmann. Und als akademischer Lehrer von Bundeswehroffizieren Folter befürworten, wird (noch) ein wenig schwerwiegender sein, als das eigene Leben und das Leben anderer durch alkohlisiertes Autofahrer zu gefährden. Auf seinem Posten verblieben, legt Wolfssohn jedenfalls sehr vehement Wert darauf, daß die "Gerechtigkeit" des Zweiten Weltkrieges auch nicht im Leisesten infrage gestellt wird (Bild, 18.1.10).

Dabei war Margot Käßmann bestimmt nicht die erste, die auch hinsichtlich des Zweiten Weltkrieges die Verhältnismäßigkeit der Mittel infrage gestellt sah. Sie selbst verwies schon auf damalige Zeitgenossen im Westen wie den englischen Bischof Bell. Und es braucht ja nun wirklich nur an den Einsatz der Atombombe erinnert zu werden, um auf so manche Fragwürdigkeit bezüglich der angeblich 100%igen "Gerechtigkeit" des Zweiten Weltkrieges hinzuweisen.
_________

*) Sie hatte sogar einen Beifahrer, wie erst jetzt, am 24.2., gemeinsam mit ihrer Rücktrittserklärung bekannt wird. Ihr Rücktritt scheint die richtige Entscheidung zu sein. Denn wenn sie jetzt Vermutungen über K.O-.Tropfen (a, b) aussprechen würde, die der aktuelle UN-Drogenbericht als gefährlicher einstuft als alle sonstigen Drogen, würde man sie als "Verschwörungstheoretikerin" angreifen. Anders aber würde sie sich - aus eigenem Selbstverständnis heraus - nicht glaubwürdig verteidigen können. Im Deutschen Ärzteblatt (2009; 106[20]: 341-7) steht:
Gelingt bei dem begründeten Verdacht auf Beibringung von K.-o.-Mitteln in Urin und Blut kein Substanznachweis, bietet sich die Analyse einer Haarprobe circa vier Wochen nach dem Vorfall an, bei entsprechender Haarlänge kann auch eine längere Zeit zurückliegende Aufnahme erfolgreich nachgewiesen werden.
"Zufälligerweise" muß Margot Käßmann genau in dem Augenblick zurücktreten, als die Basis der Partei "Die Grünen", die sich Jahre lang von ihrem wegen Mordverdachts erpreßbaren Vorsitzenden Joschka Fischer um den Finger hat wickeln lassen, die Anregungen von Margot Käßmann ernsthafter aufnimmt (--> TAZ-Anzeige, Grüne Friedensinitiative, Blog).

Dienstag, 26. Januar 2010

Margot Käßmann - inquisitorisch befragt im Ersten Deutschen Fernsehen

Die inquisitorische Art und Weise, in der Reinhold Beckmann am 11. Januar 2010 im Ersten Deutschen Fernsehen Margot Käßmann wiederholtermaßen gefragt hat, ob sie zu dem stehen würde, was sie über Afghanistan gesagt hat, erinnert einen "irgendwie" an eine andere inquisitorische Befragung durch einen anderen TV-Moderator. Damals ging es um eine andere Frau. (Eva Herman, befragt durch Johannes B. Kerner.)

Und man gewinnt den Eindruck, daß die dahinter stehende "Regie" und Absicht nicht nur äußerlich eine ähnliche ist. Man gewinnt den Eindruck, daß TV-Moderatoren von bestimmten politischen Kräften dazu benutzt werden, sich dazu benutzen lassen, Meinungen und Personen vor der Öffentlichkeit zu diskreditieren, "an den Pranger zu stellen", anstatt sie einfach als eine Meinung unter vielen zur Diskussion zu stellen.

Deshalb wird dieser Beitrag unter der Rubrik "gelenkte Demokratie" eingeordnet. Die "Befragung" in größerer Vollständigkeit hier:

Beckmann: Margot Käßmann (1/3)
Beckmann:Margot Käßmann (2/3)
Beckmann: Margot Käßmann (3/3)

An anderen Stellen dieser Befragung übrigens fühlt man sich an Prinzessin Diana erinnert, die in ihrem Leben auch an einer Stelle stand, an der eine "Scheidung" etwas eher "Unmögliches" war für die Öffentlichkeit. - Und drittens sollte man es bemerkenswert finden, daß sozusagen, wie Käßmann selbst erzählt, ihre religiöse und politische Erweckung in den frühen 1970er Jahren stattfand, als sie damals anhand des Vorbildes von Martin Luther King feststellte, daß gesellschaftspolitisches Engagement für mehr Gerechtigkeit aus dem religiösen Glauben selbst mehr oder weniger zwangsläufig folgt.

Die Amischen - einige Filmdokumentationen

Was für uns Europäer die naturverbundenen Alpenbewohner sind, die traditionell lebenden Bergbauern (soweit es sie noch gibt) mitsamt den ihnen eigenen "Postkarten-Idyllen", das sind für die US-Amerikaner die "Amish-People", genauer die "Old-Order-Amish" mit ihrer naturverbundenen Lebensweise, mit ihrer Pferde- und Fußgänger-dominierten Lebens- und Wirtschaftsweise, mit ihren vielen Kindern, eben: diese heile Welt.

Aber auch wer sich mit der menschlichen Religiosität aus evolutionärer Perspektive befaßt, der wird ziemlich bald auf den Zusammenhang von Religiosität und Kinderzahl stoßen, wie er insbesondere von dem Religionswissenschaftler Michael Blume thematisiert worden ist. Und auch auf dem Blog "Studium generale" ist das Thema Religionsdemographie schon sehr häufig behandelt worden. Auch etwa anhand der "religiösen Gruppierung" der Anthroposophen kann die Auswirkung von Religiosität auf überdurchschnittliche Kinderzahlen erforscht werden.

Eines der klassischen Beispiele jedoch für den Zusammenhang zwischen Religiosität, Kinderzahl und die Gruppen-stabilisierende Funktion von Religiosität ist die religiös-ethnische Gruppierung der Amischen, bzw. "Amish-People" in Nordamerika. Nach den "Hutterern" sind sie mit durchschnittlich sieben bis acht Kindern pro Frau, bzw. Mann die kinderreichste und sich am schnellsten verdoppelnde Bevölkerungsgruppe weltweit.

Leben in Mehrgenerationenhäusern auf dem Land

Und das, so möchte man sagen, "obwohl" sie Deutsche sind. Denn die sogenannten "Old-Order"-Amischen sprechen noch heute Deutsch als Muttersprache. Sie leben in "Mehrgenerationenhäusern" auf dem Land als Landwirte. Langzeitarbeitslose gibt es bei ihnen nicht. Auf einem Bauernhof, der nicht durchgängig mit modernen Maschinen betrieben wird, werden viele Arme gebraucht.

Sicherlich lebt die Mehrheit der Amischen in Nordamerika sinnvoller als die Mehrheit der Langzeitarbeitslosen und der alleinerziehenden Mütter in Deutschland. Darüber könnte auch einmal etwas gründlicher nachgedacht werden.

Auf "Studium generale" sind ja die Amischen schon häufiger behandelt worden (a, b, c, d, e, f, g). Auch Wikipedia gibt ausführlich Auskunft über diese interessante religionssoziologische Erscheinung.

Im Weltnetz sind nun in den letzten Monaten einige Dokumentar-Filme über die Amischen frei zugänglich geworden (s. a. Wikip.), auf die mit diesem Beitrag hingewiesen werden soll (1 - 5). Dokumentarfilme können oft noch einen besseren Eindruck von vielen Lebenszügen einer solchen Kultur wie der der Amischen vermitteln, als bloß Bücher, Berichte oder Fotos. Auch dann noch, wenn sie das Filmverbot der Amischen berücksichtigen und nur aus der Ferne filmen.

Die besten zugänglichen Dokumentarfilme sind leider auf Englisch. Dazu gehört "The Amish - A People of Preservation", eine Dokumentation, die offenbar schon in den 1970er Jahren entstanden ist (1). Dies ist ein sehr berührender Film. Er ist auch unter der Beratung des Soziologie-Professors John A. Hostetler entstanden, der das Standard-Werk zur soziologischen Erforschung der Amischen verfaßt hat. Und dieser Film ist offenbar, wenn man es recht versteht, im Jahr 2000 überarbeitet und aktualisiert worden (a, b, c).

Ein weiterer, sehr schöner Film, in dessen Mittelteil über längere Strecken die Geschichte der Amischen vielleicht allzu trocken rekapituliert wird - was man auch überspringen kann -, entstand 1998 (2). Auch er ist auf Englisch. Im gleichen Jahr entstand jedoch auch ein sehenswerter deutschsprachiger Dokumentarfilm (3).

Wenn der religiöse Gruppenzusammenhalt verloren geht ...

2008 und 2009 sind nun außerdem noch eine deutschsprachige und ein englischsprachige Dokumentation entstanden (4, 5), die vor allem über Familien berichten, die im Umbruch stehen zwischen einem traditionellen, gemeinschaftsbetonten "Old-Order-Amischen" Lebensstil, den eine neue Generation innerhalb dieser Familien in Teilen kritisch sieht, und dem modernen Lebensstil. Zwischenstufen zwischen beiden gibt es interessanterweise immer weniger.

Es rühren einen die hier dargestellten Probleme unglaublich "modern" an. Mit einem Schlag ist die Welt nicht mehr "amisch", sondern anders.

Diese Filme vermitteln dann also nicht mehr nur jene rundum "heile Welt", den die älteren Dokumentationen vermittelt haben, und die man auch einmal in ihrer Wirkung für sich stehen lassen könnte. Denn die Zahl der Abtrünnigen bei den "Old-Order"-Amischen ist in den letzten Jahren eher zurückgegangen denn gestiegen (siehe ältere Beiträge). Insofern dürften diese beiden letzten Dokumentationen nicht repräsentativ für die Old-Order-Amischen von heute sein. Nur lassen sich eben noch heute "abtrünnige" Amische eher interviewen, als solche, die nicht abtrünnig sind. Schon dieser Umstand für sich selbst berührt einen schmerzhaft: So redselig wie diese Abtrünnigen sind wir ja alle.

Dazu mu3ß man nicht mehr "Amischer" sein ...


Film-Dokumentationen (1975 - 2009):

1. Ruth, John L.: The Amisch - A People of Preservation. Film, 56 Min., Heritage Productions 1975, 1991, 2000. Auf: Veoh.com, auch auf Folkstreams. [24.1.10]
2. Gattuso, James A. Jr.: Reflections of Amish Life. Film, 59 Min., E.I.V. Book & Video Productions, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
3. Berger, Eva-Maria: Die Amish. Ein Bauernhof für unsere Kinder. Film, 59 Min., ORF/3Sat, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
4. Wegner, Wolfgang: Gottes stille Rebellen. Die Amish in den Rocky Mountains. Film, 28 Min., DOC-Team-Productions (ARD/MDR) 2008. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
5. Tait, Andrew: Trouble in Amish Paradise. Film, 60 Min., BBC 2, 2009. Auf: Veoh.com. Siehe auch eigene --> Netzseite zu diesem Film.

Sonntag, 24. Januar 2010

Bravo, Frau Landesbischöfin!

"Mehr als fromme Wünsche"

Ein Mensch, der an repräsentativer Stelle wie ein ganz normaler Mensch denkt, redet und handelt. Sie meinen, ein solcher Mensch sei schwer zu finden? Der einfach nur "normal" ist, ohne Über-, aber auch ohne Untertreibungen? Ein Mensch an repräsentativer Stelle, der Jobcenter besucht, sich dort beraten läßt und dort nicht nur gedankenlos zuhört, der Kitas besucht, mit den Menschen dort redet, der Kontakt hat mit Langzeitarbeitslosen und über ihre Situation "etwas" "normaler" reden kann, "etwas" normaler, als mit all den hohlen Phrasen, mit denen man ständig aus Politiker- und "Experten"-Mund buchstäblich zusammen geschlagen wird?

Vielleicht liegt es einfach daran, daß hier ein Mensch zwar auch über Geld redet - aber eben nicht nur? Merkwürdig. Solche Menschen gibt es noch? Und der auch dann, wenn er einmal nicht über Geld redet, noch Glaubwürdiges zu sagen hat? Früher wollte man noch einen Horst Köhler zu dieser Menschengruppe zählen. Aber auch von ihm hört man immer weniger, was die sozialen und emotionalen Brennpunkte unserer Gesellschaft betrifft, und wobei dann einmal auch "mehr als" als bloß "fromme Wünsche" geäußert werden.

Zwischenschub: Ein solcher Mensch erzählte von einem in Afghanistan traumatisierten deutschen Soldaten, der miterlebte, wie zwei seiner Kameraden starben, und der sich fragt: Bei Robert Enke nahmen Zehntausende Anteil. - Und als die Zinksärge seiner Kameraden aus Afghanistan kamen? Oder wenn sie wieder kommen werden?

Ein Mensch also, der an den sozialen Brennpunkten vor Ort ist und der die sozialen Probleme, von denen er hier erfährt, auch in eine Sprache transformieren kann, in einen Diskurs übersetzen kann, den sich viele anhören - vielleicht nicht wollen - aber doch offenbar anhören: müssen? Sogar solche sich äußerlich so C-hristlich ("Partei-christlich") gebende Frauen wie Angela Merkel oder Ursula von der Leyen? Sogar sie? Die noch mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan senden möchten, diese Frauen einer Kriegsregierung? Bravo, Frau Angela Merkel? - ?

Von der fortwirkenden, geschichtlichen Kraft des deutschen Protestantismus

"Studium generale" möchte auch meinen, daß ein solcher Mensch schwer zu finden sein sollte - zumindest eben an repräsentativer Stelle. Immer seltener werden dort solche Menschen. Außerhalb dieser erlauchten, aber immer schablonenhafter, "abgezirkelter" redenden Personenkreise findet man solche Leute ja schon häufiger ...

Gestern abend nun jedoch hat auch "Studium generale" einmal wieder im Radio zufälligerweise ein Interview mit einem solchen seltenen Menschen an repräsentativer Stelle gehört. Und wie man sogleich dabei miterfahren konnte - und wie es sich für einen solchen Menschen an repräsentativer Stelle offenbar heute auch "gehört" - bekommt er derzeit die ganze Breitseite der Kritik der vielen, viel zu viel gewordenen Etablierten, Angepaßten und Opportunisten ab.

Wie heißt nun dieser Mensch? Der in solchen Kontroversen steht und doch "streitbar" bleibt? Nicht gleich "klein bei" gibt? Er ist eine "sie". Und sie heißt: Margot Käßmann. Geborene Schulze. Geboren 1958 in Marburg an der Lahn. (Siehe auch die vier Fotos dieses Beitrages.) Die Eltern dieser "sie" waren ein KFZ-Mechaniker und eine Krankenschwester.

Heute ist sie Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und sie hat das Ohr am Volk, nirgends sonst. - Und einmal erneut ist man erstaunt über die immer noch fortwirkende, historische Kraft des deutschen Protestantismus. Die historische Kraft eines Martin Luther und der "Freiheit eines Christenmenschen". Wäre das nicht einmal ein Anlaß, daß sich auch Peter Sloterdijk mit dieser historischen Kraft etwas genauer beschäftigt im Zusammenhang mit "Zorn und Zeit"? (s.a. St. gen. a, b)

Das gestrige, hörenswerte Interview führte - fast ein wenig zu unverbindlich - Ingo Kahle im "Info-Radio" des RBB. Man kann es sich dankbarerweise vollständig im Netz anhören. (Da sind die Rundfunkgebühren einmal gut angelegt.)


Man muß nicht alle ihre Meinungen in vollem Umfang teilen, z.B. zur Familienpolitik, um dennoch zu sagen, daß man es hier endlich einmal wieder mit einem Menschen zu tun hat, der nicht schablonenhaft redet, der mithin einfach nur "normal" ist, und der dem gesunden Menschenverstand eine Stimme verleiht.

Hören Sie selbst. Insbesondere auch ihre Meinungen über den Zweiten Weltkrieg. Sie sind nicht schablonenhaft. Sie wagt ein eigenes Urteil. Sie wagt, selbst zu denken! 60 Jahre nach Kriegsende. Ungeheuerlich! Aber zumindest über diese Frage will sie sich künftig nicht mehr öffentlich äußern, weil sie deshalb, auch deshalb angegriffen wurde, weil sie die Frage gestellt hat, warum der deutsche Widerstand gegen Adolf Hitler vom Ausland vor und nach 1939 so wenig unterstützt worden ist. Gute Frage! Nächste Frage!

Und natürlich ebenso ihre Meinungen über den Afghanistan-Krieg. Sie fragt, warum nicht versucht wird, den Drogen-Anbau in Afghanistan, über den sich die Taliban offenbar zu großen Teilen finanzieren (- ach ja?), warum da nicht Maßnahmen ergriffen werden.

Nachdem sich Oskar Lafontaine offenbar aus der Bundespolitik zurückzieht, seine Partei weiter davor warnend, ebenso "systemkonform" zu werden, wie es inzwischen die "Grünen" geworden sind, wird eine Margot Käßmann um so wichtiger. Ihre --> Bücher (s.a. rechts) dürften manche weitere lesenswerte Inhalte haben.

Samstag, 31. Oktober 2009

Wittenberg - eine der deutschesten deutschen Städte

Abb. 1: Lutherporträt im vormaligen Wohnhaus Luthers in Wittenberg
Welcher kultur- und geschichtsbewußte Deutsche wäre noch nicht in Berlin gewesen? Oder in Postdam? Tübingen besucht man, um Friedrich Hölderlin nahe zu sein. Jena, um Friedrich Schiller, Weimar, um Goethe nahe zu sein. Salzburg, um Mozart nahe zu sein. Und Wien sowieso. Alles Städte, die noch recht lebendig im deutschen Kulturbewußtsein weiterleben.

Daß man Königsberg besuchen müßte, um Immanuel Kant nahe zu kommen oder Thorn und Frauenburg um Nikolaus Kopernikus' willen, das ist heute den Menschen in Deutschland nicht mehr so bewußt wie vor 1945. Ähnliches wird von Breslau oder Prag zu sagen sein.

Es gibt aber noch so die eine oder andere weitere deutsche Stadt, an die man sich erst heftig erinnern muß, um sich geschichtlich längst in den Hintergrund Getretenes wieder bewußt zu machen. Dies gilt auch für die deutsche Stadt Wittenberg an der Elbe. Die Stadt der Reformation. Die Stadt Martin Luthers. Am Eingang dieses Beitrages ein Gemälde, das heute im Wohnhaus von Martin Luther im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg hängt.

"Für meine Deutschen bin ich geboren und diene ihnen auch."

Das sagte Martin Luther. Und eine Tagung versucht "Der Deutschen Luther" an diesem Wochenende - aus Anlaß des Reformationstages - auch in Wittenberg wieder einmal auf den Grund zu gehen. Abgesandte Vertreter der "christlichen Weltgemeinschaft" weltweit nehmen an dieser Tagung teil. Für sie bedeutet Wittenberg noch etwas. Aber für uns Deutsche selbst?

Wittenberg ist eine übersichtliche Stadt. Sie ist viel schneller zu durchwandern als etwa Rothenburg ob der Tauber. Aber an jeder Straßenecke wird man - im Gegensatz zu Rothenburg ob der Tauber - daran erinnert, daß man sich hier in einer Stadt befindet, in der Weltgeschichte gemacht worden ist. Von einem einfachen Augustinermönch. Hier einige, fast nur willkürliche Beispiele:



Der bedeutende italienische Philosoph Giordano Bruno kam nach Wittenberg und rühmte die deutsche Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Hier in Wittenberg würde also ein Giordano Bruno-Denkmal hingehören, nicht an den Potsdamer Platz in Berlin (s. St. gen.), wo Giordano Bruno nie gewesen ist, weil von einem "Gelehrtenruhm" der Stadt Berlin vor 1600 noch niemandem etwas bekannt war.

Der spanische Kaiser Karl V., der russische Zar und der französische Kaiser Napoleon waren in Wittenberg. Sie alle kamen, um Luthers Grab in der Schloßkirche zu besuchen - an dem einen Ende der Stadt - und Luthers Wohnhaus im großen, ehemaligen Augustinerkloster am anderen Ende. Beide eine Viertelstunde Gehweg durch die Hauptstraße der Stadt voneinander entfernt. Herzog Alba riet seinem Kaiser Karl während ihres Besuches (im Schmalkaldischen Krieg), die Gebeine Luthers auszugraben und sie wegen Ketzerei zu verbrennen. Karl V. ging - vielleicht ein wenig wehmütig gestimmt? - auf diesen Vorschlag nicht ein.

Doch zeigt dieser Vorschlag zum anderen, daß nicht alle Besucher Wittenbergs immer und jeder Zeit freundlichen Sinnes in diese Stadt gekommen sind. Wittenberg steht für "das Rom des Nordens", steht für Konkurrenz, steht für Ketzertum.

Und in der Tat: Wenn man heute vom Bahnhof kommt, stößt man schon vor dem Stadttor auf die Eiche, die an den Ort erinnert, an dem Martin Luther 1520 die Bannandrohungsbulle des römischen Papstes öffentlich verbrannte. Welch ein weltgeschichtlich bedeutsamer Ort! Was bedeutete es damals, eine Bulle des Papstes öffentlich zu verbrennen. Und was für weltgeschichtlich bedeutsame Ereignisse in einer äußerlich so unauffälligen deutschen Landstadt. Eine Stadt, die längst vergessen zu sein scheint im deutschen Kulturbewußtsein.

Abb. 2: Reformationstag in Wittenberg
Heute war Reformationstag. Die Straßen und Plätze in Wittenberg sind an diesem Tag traditionell überfüllt. Seit der "Wende" ist Wittenberg wieder eine schöne Stadt geworden. Eine sehenswerte. Und da Wittenberg mit dem "Intercity" für einen Berliner nur eine halbe Stunde "vor der Stadt" liegt, haben auch wir uns einmal dorthin aufgemacht, um uns umzusehen an jenem Ort, dem Menschen wie Giordano Bruno oder Friedrich Schiller so große Hochachtung entgegen gebracht haben.

Abb. 3: Der Marktplatz in Wittenberg


Abb. 4: An der Stadtkirche, in der Luther gepredigt hat


Abb. 5: Die originale Inneneinrichtung von Luthers Wohnzimmer
Der Tisch, an dem Martin Luther seine berühmten Tischreden geführt hat. Und an dem er seine Lieder gesungen hat. Der Tisch, an dem das kulturgeschichtlich so einflußreiche Phänomen des protestantischen Pfarrhauses begründet wurde. Wer hätte gedacht, daß das alles noch original erhalten ist im Lutherhaus in Wittenberg. Und so vieles andere mehr ist zu sehen in diesem ehemaligen Augustinerkloster und der dort eingerichteten Ausstellung "Martin Luther - Leben, Werk, Wirkung". Eigentlich hatte man sich das Wohnhaus von Luther auch viel kleiner, bescheidener vorgestellt.

Aber in den letzten Jahren ist dort die umfangreiche Wirtschaftsführung der Katharina von Bora museal in vorbildlicher Weise aufgearbeitet worden. Katharina von Bora, verheiratete Luther, kaufte sich nach und nach mit ihrer Wirtschaftsführung auf dem ehemaligen Augustinerkloster den größten Bauernhof Wittenbergs zusammen. Anhand der jüngst getätigten Ausgrabungen rund um das Arbeitszimmer Martin Luthers an der Stadtmauer und die dort ebenfalls befindliche Latrine hat man mancherlei neue Erkenntnisse gewinnen können auch über das häusliche Leben im Hause Martin Luthers.

Abb. 6: Die Totenmasken von Martin Luther; Schrift Mathilde Ludendorffs
Neben vielem anderen - etwa einer riesigen Bibliothek von Erstdrucken aller Schriften Martin Luthers - sind in der Ausstellung auch die Totenmasken von Martin Luther zu sehen. Zusammen mit einer Schrift der völkischen Hintergrundpolitik-Kritikerin Mathilde Ludendorff, die in den 1930er Jahren viel Wirbel verursacht hat: "Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller - Ein Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte" (1). (In diesem wurde die These vertreten, daß Martin Luther durch Okkultlogen, zum Beispiel dem Rosenkreuzer-Orden, ermordet worden ist.) Aber auch sonst werden viele Zeugnisse aus der 500-jährigen Geschichte des deutschen Luther-Gedenkens gezeigt. Diesen ist auch das eingangs gebrachte Luther-Porträt entnommen.

2017 ist der 500. Jahrestag des Anschlags der 99 Thesen an die Schloßkirche von Wittenberg, des Beginns der Reformation in Deutschland und Europa. Und damit des Beginns der Neuzeit. Auch Deutschland könnte sich seines großen Reformators häufiger erinnern, als das gewöhnlicherweise getan wird.

Protestantische Ethik

In den letzten Jahren ist ja auch plausibel nahegelegt worden, daß die reformatorische Grundeinsicht von Martin Luther und damit die weltgeschichtlich einflußreiche protestantische Ethik (s. St. gen.) gar nicht auf der Bibel selbst beruht, sondern auf einer Bibelinterpretation durch Martin Luther, die mit der eigentlichen Bibel wenig zu tun hat (St. gen.). Damit hat Martin Luther die Deutschen und die Welt der Sache nach und im Kern von der Bibel weggeführt - nicht zu ihr hin. Das heißt: die angebliche "Gnadenlehre des Paulus" im Sinne des Protestantismus stammt gar nicht von Paulus (der ganz im jüdischen, ethnozentrischen Denken befangen war, auch dann, wenn er von "Gnade" sprach), sondern von: Martin Luther. Daß die Stadt Wittenberg heute in der deutschen Erinnerung das träumerische Dasein eines wenig bekannten Landstädtchens schläft, ist auch ein Ausdruck der Tatsache, daß sich die Deutschen viel zu wenig mit der Bibel beschäftigen und mit den vielen - falschen - Bibelübersetzungen ihres großen Deutschen Martin Luther.

Aus einer solchen Beschäftigung würde nämlich deutlich: Aus einer Welt voll Irrwahn hat sich der neuzeitliche Geist emporgerungen, nach und nach. Friedrich Hölderlin ahnte, daß die in der Neuzeit gewonnenen neuen revolutionären, philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse und auch die daraus entspringenden neuzeitlichen Sprachschöpfungen "bald wie ein Hund umgehen werden in der Hitze auf den Gassen der Gärten", bevor die Menschen - "aus Zweifel und Ärgernis" - sich wieder zurück an die Gottheit wenden, an eine Gottheit, die immer schon anwesend war und immer anwesend sein wird, so nah auch immer sich die Menschen über Jahrhunderte hinweg am Abgrund des Irrwahns und der Gottleugnung entlang bewegen mögen:
Vom Abgrund nämlich
haben wir angefangen
und sind gegangen dem Leuen gleich,
in Zweifel und Ärgernis,
denn sinnlicher sind Menschen
im Brand der Wüste,
lichttrunken,
und der Tiergeist ruhet mit ihnen.
Bald aber wird, wie ein Hund,
umgehn in der Hitze meine Stimme
auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich ....
_______________________________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller. Ein Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte. Im Selbstverlag der Verfasserin (Fortschrittliche Buchhandlung), München 1928 (96 S.) (Scribd), 1929, Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1931, 1933 (156 S.), 1935, 1936 (212 S.) (52. - 55. Tsd.); Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1998, 2003

Sonntag, 14. Dezember 2008

Ein Stück Geschichte des deutschen Protestantismus

... und Berlin wuchs. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Dorf Tempelhof noch ein beliebter Ausflugsort der Berliner, zu dem sie mit einer Pferdebuslinie „auf’s Land“ hinaus fuhren. Um 1800 lebten auf diesem Dorf 241 Einwohner, 1858 849. 1871 1.417, 1875 2.205, 1890 5.423, 1900 9.991.

Da reichte nun die alte Dorfkirche nicht mehr aus. Aber erst im Jahr 1913 begannen die Bauarbeiten für die neue Kirche von Tempelhof, geplant von den gleichen Architekten, die einige Jahrzehnte zuvor gegenüber ein riesiges Gymnasium geplant hatten und auch in deutlichem architektonischen Bezug zu diesem Gymnasium.

Ein Stück Geschichte des deutschen Protestantismus. Inzwischen brach der Erste Weltkrieg aus. 1915 wurde die Kirche eingeweiht. Zunächst hatte der Gemeinderat die Kirche „Siegeskirche“ nennen wollen. Man einigte sich schießlich auf "Glaubenskirche". Wenn man in die Kirche heute eintritt, sieht man rechts folgendes:

Man tritt näher und liest:

Das interessierte mich, was in Kirchen, die solche Eingangssprüche aufweisen, für Gottesdienste stattfinden. Heute war ich in einem. Die Orgel spielte. Der Posaunenchor spielte, der Kirchenchor sang. Und die Gemeinde auch. Und die Pfarrerin las etwas vor.

Amen. War gar nicht so schlecht, sich wiedermal in einer Gemeinschaft Gläubiger zu befinden. Nun, ich fand, die gesprochenen Worte und Gebete suchten Gott zu oft außerhalb von sich selbst. Man wartete, daß "Gott" etwas tun solle, statt selbst etwas zu tun.

Draußen im Kirchhof, etwas abseits und doch zentral das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

"Sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach." (Inschrift auf dem Sockel)

Ein junger, nackter Mann mit einem mit Eichenlaub bekränzten Stahlhelm auf dem Schoß. Ihr Tod sollte nicht umsonst gewesen sein. Das wünschten sich jene, die dieses Denkmal errichteten.

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