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Sonntag, 13. September 2015

Zur Gestaltung von Feierstunden innerhalb der Familie und darüber hinaus

Einiges Grundsätzliche aus Anlass der Beerdigung meines Vaters

Viele Menschen trauen es sich nicht zu - und damit dann auch anderen nicht -, am Grab nächster Angehöriger die Grabrede zu halten.

Das kommt natürlich daher, daß man sich in den christlichen Völkern in den vielen letzten Jahrhunderten daran gewöhnt hat, Pfarrer und christliche Rituale für einen solchen Anlaß zu haben, und daß viele Menschen es sich noch heute nicht so recht vorstellen können, daß eine so ernste Feier wie die Totenfeier vornehmlich von engsten Familienangehörigen gestaltet werden könnte oder gar sollte.

Finden sie denn dazu überhaupt die Kraft? Sollten sie an sich den Anspruch haben, mit der Ruhe und Gelassenheit von dem Tod ihres nächsten Angehörigen zu sprechen, wie sie doch für einen solchen Anlaß überhaupt nur angemessen wären?

Wenige stellen sich eine solche Frage schon vor dem Tod eines nahen Angehörigen ausreichend ernst genug, um dann, wenn ein solcher Fall eintritt, auch ausreichend darauf vorbereitet zu sein. Viele sind es aber auch schlichtweg nicht geübt und gewohnt, vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen, die über den engsten Rahmen der Familienangehörigen hinaus geht.

Ich selbst würde zu dieser Frage zunächst sagen, daß es einen Unterschied macht, ob es sich um einen erwartbaren Alterstod im höheren Alter handelt oder ob ich es von mir hätte erwarten können, in jungen Jahren zum Tod des anderen am meisten geliebten jüngeren Menschen im eigenen Leben zu sprechen. Da ich letzteres - zum Glück - nicht erlebt habe, kann ich darüber auch nur wenig sagen. Wenn man aber bedenkt, wie wenig man schon endgültige Trennungen (Scheidungen und ähnliches) unter Lebenden mitunter verkraftet, so möchte man doch in der bejahenden Beantwortung einer solchen Frage sehr zurückhaltend sein.

"Regeln"?

Ich damit jedenfalls gesagt sein soll, ist, daß es natürlich überhaupt nichts dagegen zu sagen gibt, wenn es nicht gerade engste Familienangehörige sind, die die Grabrede für einen Verstorbenen halten. Falls denn überhaupt eine solche gehalten werden soll. Es muß halt einfach dem echtesten Gefühl der betroffenen Menschen selbst entsprechen. Warum sollten da Regeln aufgestellt werden?

Die hier geäußerte Einstellung hat sich heute ja auch schon sehr weitgehend in unserer Gesellschaft durchgesetzt, so daß sie hier nicht noch länger erläutert werden muß. Wir sind damit weit hinaus gekommen über die Einstellungen, die bis in die 1950er Jahre hinein in den christlichen Völkern der Nordhalbkugel vorherrschend waren. Erinnert mag auch werden daran, daß schon vor acht Jahren auf unserem Blog Begeisterung darüber zum Ausdruck gebracht worden war, wie souverän und so durch und durch vorbildlich der Atlantik-Überquerer Charles Lindbergh sich auf seinen Tod und seine Beerdigung vorbereitet hat (Studium generale, 05/2007).

Auch die Philosophin Mathilde Ludendorff (1877-1966), auf die wir in verschiedenen Zusammenhängen hier auf dem Blog schon zu sprechen gekommen sind, war bezüglich solcher Einstellungen ihrer Zeit weit voraus. Es sind das ja auch alles Fragen, über die man sich im Umkreis der heutigen Kirchenfreien, der Humanisten und Evolutionären Humanisten, die in der Tradition von Giordano Bruno, Charles Darwin, August Weißmann und Ernst Haeckel stehen - so wie Mathilde Ludendorff -, mancherlei Gedanken macht (GA-j! 07/2015).

Da mein Vater Mathilde Ludendorff sehr verehrte, habe ich in den letzten Tagen mitunter noch einmal ein wenig gelesen, was sie und was der von ihr gegründete "Bund für Gotterkenntnis" über das Thema der Gestaltung von Feierstunden innerhalb der Familie und darüber hinaus so geschrieben haben (1, 2). Neben manchem, was aus einem ganz anderen Geist der Zeit heraus da so geschrieben steht, findet sich doch auch vieles, das man noch heute für sich übernehmen kann.

Mathilde Ludendorff spricht den Stolz, die Kraft und die Stärke jener Menschen an, die sich vom Christentum frei gemacht haben, und die sich auf dem Weg befinden, zu der freien und auch in religiösen Dingen sehr selbständigen Lebenshaltung unserer heidnischen, germanischen Vorfahren zurück zu kehren, bzw. an diese anzuknüpfen. Das ist nachvollziehbar. Ich möchte hier nur, um einen Eindruck zu geben, weniges von dem zitieren, was sie darüber schreibt, wie sie sich das Leben unserer heidnisch-germanischen Vorfahren in dieser Hinsicht vorstellte und es damit auch als vorbildlich für moderne Zeiten hinstellte (1, S. 9-11):

Ganz herzerfrischend natürlich und selbstverständlich war ihr Feiern und Freuen und erschütternd gemütstief und innerlich war ihr Bedürfnis, über das Gotterleben auch an dem Feiertag zu schweigen. (...) Wenn in der feierlichen Versammlung der Sippengenossen der Vater dem neugeborenen Kinde den Namen eines von allen geehrten Ahnen gab, so bedurfte es hierbei keiner langen Reden, der Klang des Namens allein in dieser feierlichen Versammlung brachte den Elten den Ernst ihres Amtes voll zum Bewusstsein. Das Kind, das nun in die Sippenfolge der Geschlechter durch diese Namengebung aufgenommen war, zu einem dieses Namens würdigen Menschen zu erziehen, war ihnen selbstverständlich. Mit Predigten und langen Gebeten und Ritualen (...) hätten sie nichts anzufangen gewusst. (...)
Wenn am Tage der Eheschließung die Eltern in der feierlichen Versammlung der Sippe schlicht und innig dem jungen Paar die Mahnung mit auf den gemeinsamen Lebensweg gaben:
"Haltet heilig euer Heim!"
so bedurfte es zum seelentiefen Erleben dieses hohen Tages keiner weiteren Worte und keines Priestersegens. Noch viel weniger bedurfte es feierlicher Treuegelübde, um der freiwilligen Gemeinschaft für das ganze Leben Dauer und Halt zu verleihen. Nein, solche Gelübde wären eine Entweihung der freiwilligen Treue gewesen.
Wenn endlich Verwandte und Freunde die Totenbahre umstanden und der Sippenälteste vortretend die Worte durch die Halle rief:
"Helge, der Tapfere, ist tot."
So war kein Wunsch nach weiteren Worten oder Priestersegen, auch nicht nach Freundespreisen, um die Feier zu erhöhen. Schweigend, wussten sie, erlebt sich Schmerz und Totenehrung tiefer und weit innerlicher.

"Anerzogene Unmündigkeit in der Feiergestaltung"

Edmund Reinhard, der zweite Vorsitzende des "Bundes für Gotterkenntnis", schrieb zu Weihnachten 1958 als Vorwort zu dem damals herausgegebenen Band über "Sippenfeiern" (2, S. 9f):

Gotterkenntnis wird erst dann als ein Volksgut Segen wirken können, wenn Deutsche mehr und mehr eigene Wege in ihren Feiern gehen. Bei weitem nicht alle Sippen, in denen unser Geistesgut lebendig ist, gehen eigene Wege, und sehr viele Menschen, welche innerlich dem Christentum und der Kirche entfremdet sind, wagen nicht, aus der Kirche auszutreten, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, ihren Feiern selbst die Weihe zu geben. Es gehört Mut dazu, aus der anerzogenen Unmündigkeit herauszufinden; Selbstvertrauen muss wachsen, um hier mündig zu werden. (...)
Wenn sich auch die Worte nicht zu einer wohlgeformten Festrede formen wollen, so können ein paar einfache, schlichte Worte Gleiches bewirken. Nur eines ist nötig: Aus dem Herzen müssen sie kommen, dann werden sie auch zu Herzen gehen.

Das ist doch ermutigend ausgedrückt. Ja, es bedarf auch heute noch, über 50 Jahre nachdem diese Worte niedergeschrieben worden sind, solcher Ermutigung, solchen Wachsens von Selbstvertrauen, solcher Sehnsucht nach Mündigkeit. Als wir unserem Vater vor zwei Tagen die Feierstunde gehalten haben zu seiner Beerdigung, glauben wir auch, hierbei wieder ein wenig mündiger geworden zu sein, mehr Selbstvertrauen gewonnen zu haben, gewachsen zu sein - und damit auch aufgeklärter geworden zu sein im Sinne der schönen Worte Immanuel Kants ("Was ist Aufklärung?"). Denn die Aufklärung ist - obwohl das viele gerne so hätten und viele andere dementsprechend gar nicht merken und sehen - noch lange nicht zu Ende!

Wie in dem Blogartikel von vor drei Tagen schon angeklungen war, haben sich Menschen im Umkreis von Alfred Mechtersheimer und des "Ostpreußenblattes" schon vor 20 Jahren Gedanken gemacht zu der Frage "Wie ruiniert man einen Staat?" Und sie haben als Antwort auf ein solches besorgniserregendes Geschehen geäußert:

Zur Abwehr dieser Gefahren forderte der Redner eine gewaltfreie deutsche Volksbewegung, die ein neues Bewusstsein und ein geistiges Kraftfeld schaffen könne. Impulse dazu müssten von einer intellektuellen Minderheit ausgehen. Entscheidend für den Erfolg sei eine gemeinsame Synthese aus Religion und Nationalbewusstsein.

Mein Vater hätte zu diesen Worten gesagt, wenn er sie denn damals oder später gelesen hätte: Was fragt ihr denn noch, was sucht ihr denn noch? Diese "Synthese aus Religion und Nationalbewusstsein" liegt doch schon lange vor. Sie trägt den Namen des bedeutendsten Hintergrundpolitikkritikers der Geschichte weltweit. Seht sie Euch doch an, die Philosophie von Mathilde Ludendorff. Nun, noch heute mögen solche Worte fremd hineinklingen in eine materialistische und volksvergessene Zeit, in der eine Lügenpresse auch rund um eine deutsche, naturwissenschaftsnahe Philosophin wie Mathilde Ludendorff eine unendlich hohe Mauer des Schweigens gezogen hat.

Wenn jedenfalls eine solche "Synthese", deren Notwendigkeit ja auch an so vielen anderen Orten gesehen wird, endlich einmal Sinn machen soll, dann muss sie von den einzelnen Menschen nicht nur gefordert, sondern auch in allen Abschnitten ihres Lebens mit Inhalt gefüllt werden. Und wann, wenn nicht dann, wenn die großen Feierstunden ihres Lebens statthaben? - - -

Synthese zwischen Religion und Nationalbewusstsein muss gelebt werden

Die Stunden der seelischen Wachheit, die durch den Tod eines Menschen ausgelöst werden innerhalb einer Gemeinschaft, sei es der Familie, sei es einer Dorfgemeinschaft, sei es eines Freundeskreises - wäre es nicht schade, wenn diese nur in der Einsamkeit jedes einzelnen erlebt werden? Wenn man sich - gerade in solchen Stunden - nicht der gegenseitigen Anteilnahme versichert innerhalb einer Gemeinschaft? Wenn das Erlebnis des Zusammenhalts in solchen Stunden nicht die Gemeinschaften auch als solche anginge und bestärken würde?

Unser Vater traute es jedenfalls unserer Familie zu, dass wir seine Grabfeier selbständig und aus eigener Kraft würden feiern können. Und auf seinen Wunsch hin haben denn auch meine Schwester und ich ihm dementsprechend vorgestern die Grabrede gehalten, haben die Enkelkinder ihm Musikstücke gespielt, haben ihm alle Anwesenden Volkslieder gesungen wie "Im schönsten Wiesengrunde" und erklang die Trompete eines Freundes, als sein Sarg in die Erde hinab gelassen wurde. Es erklang die Melodie jenes Liedes, das auch 1949 aus Anlass der Verabschiedung des Grundgesetzes von den Mitgliedern des Parlamentarischen Rates - anstelle einer Nationalhymne - gesungen wurde (Wiki). Sein Text lautet:

Ich hab mich ergeben
Mit Herz und mit Hand,
Dir Land voll Lieb’ und Leben
Mein deutsches Vaterland!
Mein Herz ist entglommen,
Dir treu zugewandt,
Du Land der Frei’n und Frommen,
Du herrlich Hermannsland!
Lass Kraft mich erwerben
in Herz und in Hand,
zu leben und zu sterben
fürs deutsche Vaterland!
            Ferdinand Maßmann 
___________________________________________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Sippenfeiern - Sippenleben. Eine Sammlung von Aufsätzen. Ludendorffs Verlag, München 1939 (11.-13. Tsd.) (6.-10. Tsd.: 1937) (Archive.org)
  2. Deutsche Sippenfeiern. Wege zu ihrer Selbstgestaltung. Hrsg. vom Bund für Gotterkenntnis (L) e.V.. Bearbeitet von Dirk Hansen, Krista Lutz und Irmgard Keller. Verlag Hohe Warte, Pähl 1959 

Samstag, 12. September 2015

Dem Andenken meines Vaters

Zwei Gedichte zum Andenken an einen der treuesten Leser und Unterstützer dieses Blogs

In diesem Blogbeitrag sollen einmal zwei wenig bekannte und sicherlich auch bis heute wenig beachtete Gedichte, die einem in den letzten Tagen als bemerkenswert aufgefallen sind, veröffentlicht werden. Zwei Gedichte zu sehr unterschiedlichen Themen.

Abb.: Als Landwirtschaftsgehilfe, etwa 1953
Sie sollen dem Andenken an meinen Vater gelten, der, wie berichtet, am 2. September 2015 mit 81 Jahren gestorben ist, und den wir gestern unter Anteilnahme vieler Menschen begraben haben.

Das erste Gedicht passt womöglich ganz gut auch auf die heutige Lage unseres Volkes, dem die Anteilnahme meines Vaters gehörte.
Der neue Weg
Du bist - mein Volk - durch manche Not geschritten,
Und warst im Unglück immer wahrhaft groß,
Du hast gekämpft, gehungert und gelitten,
Der Drang nach Freiheit war dein Schicksalslos.
Doch selten nur hast du im Sieg gefunden,
Worum du Blut und Opfer dargebracht,
Und tausendfach ward dir der Lohn entwunden
Von seelenlosen Hörigen der Nacht.
Heut weißt du - Volk - um jene dunklen Mächte,
Die deine Seele fesselten ans Leid -
Nun hol dir wieder deine heil'gen Rechte
Und schreite frei in eine neue Zeit.
                                                  Erich Limpach
Über die "seelenlosen Hörigen der Nacht" ist gerade auch hier auf diesem Blog in den letzten Jahren viel geschrieben worden, was auch mein Vater mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis nahm. Dabei ist insbesondere auch auf das Wirken Erich und Mathilde Ludendorffs als frühe Kritiker satanistischer, völkischer Okkultlogen hingewiesen worden. Der Dichter Erich Limpach war einer der frühen Anhänger und "Mitkämpfer" dieser beiden Satanismus-Kritiker.

Auch das zweite Gedicht, das hier eingestellt werden soll, stammt von einem solchen frühen Anhänger und langjährigen engen Mitarbeiter Erich und Mathilde Ludendorffs. Es stammt von dem Schriftleiter ihrer Wochenzeitung, bzw. ihrer Halbmonatsschriften: Karl von Unruh. Dies ist der ältere Bruder seiner jüngeren und bekannteren Schriftsteller-Brüder Fritz von Unruh und Friedrich Franz von Unruh. Auch dieses Gedicht ist in den 1930er Jahren entstanden.

Und in diesem Gedicht findet sich viel, was man auch beim Tod meines Vaters erleben konnte.
Nun kam der Tod ...
Mein alter Freund -
Nun kam der Tod mit starken gütigen Händen
und schloss zu ewigem Schlummer deine Augen.
Im Raum, den eben noch qualvollen Atems Laut erfüllte,
herrscht Totenstille.
Bleich, reglos liegst du auf den weißen Kissen.
Und während ich in heilger Ehrfurcht
der Majestät des Todes tief ins Antlitz schaue,
vollendet er sein Werk. Mit zarter Hand
entfernt er alle Spuren deines Kampfes
und glättet deine Züge,
legt dir ein leises Lächeln um die Lippen
und gibt dem Antlitz stolze Kraft zurück.
Straff reckt sich deine aufrechte Gestalt -
und als der Künstler scheidet,
liegst du vor mir stark, gütig, schön -
ein Bild unendlicher Erhabenheit.

Mittwoch, 9. September 2015

Mein Vater

(1934 bis 2015)

Mein Vater ist vor einer Woche, am 2. September  2015, gestorben. Wie vielleicht sonst nur wenige hat er inneren Anteil genommen an den Anliegen, die hier auf den Blogs vertreten werden. Deshalb soll ihm, seinem Leben und seinen Anliegen ruhig einmal ein Beitrag hier auf dem Blog gewidmet werden. Oder auch mehrere.

Abb. 2: Mit seiner Mutter, etwa 1941

Er wird übermorgen begraben. In Vorbereitung auf die Beerdigung kommen einem viele Gedanken. Man findet Gedichte, die man früher nie beachtet hat. Vielleicht wird hier nach und nach einiges, was einem wertvoll erscheint, noch eingestellt werden.

Abb. 2: Als Landwirtschaftsgehilfe, etwa 1953

Wir leben aus den Menschen, denen wir unsere Existenz verdanken. Wenn solche Menschen sterben, wird einem das wesentlich bewußter, als es einem das war, solange sie noch lebten.

Abb. 3: Unterwegs mit einer Jugendgruppe, 1960

Was wir sind, verdanken wir unseren Eltern. 

Abb. 4: Das erste Auto, 1964

Und wenn es Dinge gibt, die wir bejahen können unter all dem, was man ist, ist das Sterben eines Elternteils fast eine Art vorweggenommenes eigenes Sterben. Jedenfalls kommt man dem eigenen Tod wesentlich näher als noch beim Tod der Großeltern.

Abb. 5: um 1964

Ein Teil der aufgewühlten Gefühle, die man aus einem solchen Anlaß hat, sollen in diesem Blogbeitrag verarbeitet werden, indem zunächst einfach ein paar Fotos aus seinem Leben zusammengestellt werden.

Abb. 6: Die Feier der Verlobung meiner Eltern, Anfang 1965 in Salzburg

Wie Goethe möchte ich sagen "Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt." Über seinen Vater zu erzählen, heißt zugleich viel über sich selbst zu erzählen. Ich stelle hier einige Bilder ein, die ich schon seit längerer Zeit, in der mein Vater dement geworden war, allmählich zusammen gesammelt habe aus alten Familienalben.

Abb. 7: Auslieferungsfahrer für Vorlo in Hannover, um 1965

Mein Vater wurde 1934 in Brandenburg an der Havel geboren und ist auf einem Bauernhof in der dortigen Gegend aufgewachsen. Er hat bis 1958 in der Landwirtschaft gearbeitet. Danach war er als Milchkontroll-Assistent weiterhin in der Landwirtschaft tätig und hat Bauernhöfe in Westfalen abgefahren. Schließlich hat er bis 1961 als Büromensch in der Landwirtschaftskammer in Bonn gearbeitet.

Abb. 8: Mit dem ersten Kind im Georgengarten in Hannover, Mai 1966 

Infolge der Kriegs- und Nachkriegszeit hatte er nur eine ganz ungenügende Schulbildung, sich aber zeitlebens für eine weite Spanne von geistigen Themenbereichen interessiert. Sein Leben bestand aus einem lebenslangen Lernen, aus einem bis ins hohe Alter fortgesetzten geistigen Austausch mit Menschen, die ihm diesbezüglich wichtig waren. Und von diesen gab es sehr viele. Er interessierte sich insbesondere für Politik, für Vorgeschichte, Geschichte, Zeitgeschichte und weltanschauliche Fragen. Also für ganz ähnliche Themen wie sie auf meinen Blogs behandelt werden. Daran ist schon erkennbar, wie sehr ich durch meinen eigenen Vater geprägt worden bin und wie viel von seinem Erbgut in mir fortexistiert.

Abb. 9: Mit dem ersten Kind, August 1966 in Salzburg

Einer seiner Lieblingsschriftsteller in seinen Altersjahren war der Sozialdemokrat August Winnig (1878-1956) (Wiki). Von diesem hat er wohl in seinen Altersjahren fast alle Bücher nach und nach antiquarisch erworben. Und er hat gerne auch eine interessierte Zuhörerschaft an seinen Lesefrüchten Anteil nehmen lassen. Auf Abbildung 3 lauscht er schon 1960 den Worten eines alten Lehrers, der einer Jugendgruppe auf einer Wanderung wohl gerade etwas über Vorgeschichte erzählt. (So stelle ich es mir zumindest vor nach dem, was er über jene Zeit so erzählt hat.)

Abb. 10: Mit dem ersten Kind, August 1966 in Salzburg

Meine Mutter lernte mein Vater, obwohl er Norddeutscher war, in den Bergen, in den Alpen kennen. Sie war Österreicherin und kam aus Zell am See. Er holte sie 1965 zu sich nach Hannover, wo sie anfangs mit ihrem österreichischen Dialekt manche Heiterkeit hervorrief.

Abb. 11: Der LKW meines Vaters mit Werbung für Eden-Margarine, 1979

Noch heute sind wir amüsiert, wenn sie mit einer ihrer Schwestern telefoniert und dabei ganz selbstverständlich in den österreichischen Dialekt verfällt. In unserer Familie heißen Pfannkuchen deshalb auch Palatschinken. Seit 1961 arbeitete mein Vater als Verkaufsfahrer, zunächst im Blumengroßhandel in Bonn, Köln und Hannover, danach für die Getränkefirma Vorlo in Hannover und in Barbis im Harz.

Schließlich leitete er ab 1972 ein Auslieferungslager für die Belieferung von Reformhäusern in ganz Nordhessen mit Margarine, Rote-Beete-Saft, Sauerkraut, Tee und Müsliriegeln.

Abb. 12: Mit unserem Haflingerfohlen Lilofee, unserem Bullenkälbchen und unserem Hund Astor, 1981

Als Auslieferungsfahrer mit einem eigenen Lager (vor dem er auf Abb. 12 steht), das er selbständig führte und in dem er Frau Rhode, unsere Sekretärin, seinen Schwager Jochen und noch einen weiteren Lagerarbeiter beschäftigte, hat er viel arbeiten müssen, sein ganzes Leben. Gerne hat er einen Spruch gesagt - aber noch viel mehr gelebt, von dem ich gerade nur die letzten Zeilen in Erinnerung habe, der da aber lautete:

Arbeitsfreude ist von Nöten
die ist göttlich - nicht das Beten!

Oft war ich mir im Zweifel, ob er wirklich nur arbeitete, um zu leben, oder ob er lebte, um zu arbeiten. Ich habe ihn dafür oft kritisiert, natürlich ohne Erfolg. Er lebte die Arbeitsmoral der Generation des Wirtschaftswunders.

Abb. 13: Einer der beiden 7,5-Tonner meines Vaters auf unserem Hof (ein Fiat), etwa 1981

In den Jahren des Wirtschaftswunders und bis zur Aufgabe seines Betriebes 1990 hat er allerdings als Auslieferungsfahrer keineswegs im Niedriglohnbereich gearbeitet wie das heute wahrscheinlich der Fall wäre. Nein, er hat gut verdient. So daß unsere Eltern uns vier Kindern eine großzügige Kindheit auf dem Dorf in einem alten Fachwerkpfarrhaus mit großem Garten, Scheune und vielen Tieren (s. Abb. 6) ermöglichen konnten.

Viele Jahre prangten auf den 7,5-Tonnern meines Vater anstelle der Werbung für Eden Margarine in gleicher Größe Aufkleber wie "Atomkraft? - Nein danke!". Denn meine Eltern waren auf Regionalebene Mitbegründer der grünen Bewegung in Nordhessen und der Partei die Grünen in Hessen (anfangs der GLU, der Grünen Liste Umweltschutz). Freilich sind sie aus der Partei "Die Grünen" bald ausgetreten, nachdem darin Leute wie Joschka Fischer darin das Sagen bekommen haben und Leute wie Gerd Bastian, Petra Kelly oder Rudi Dutschke plötzlich tot waren.

Abb. 14: Aufbau von Verkaufsständen in den neuen Bundesländern, etwa 1991 oder 1992

Nach der Wiedervereinigung gab mein Vater sein Auslieferungslager auf und wurde Vertreter für die Firma Eden in den neuen Bundesländern. Er half dort, die Reformhäuser wieder aufzubauen und auf "Westniveau" zu bringen. Der "Besserwessi" also.

Manche Reformhaus-Inhaber waren ihm aber auch dankbar, wenn er ihnen Ware zurück nahm, die sie aus ihrer großen Unerfahrenheit anfangs in viel zu großen Mengen bestellt hatten, und auf der sie sonst sitzen geblieben wären.

Abb. 15: An einem Verkaufsstand in denen neuen Bundesländern, etwa 1991 oder 1992, vielleicht in Zwickau

Von den politischen Anliegen und Absichten her war mein Vater ein Revolutionär wie Rudi Dutschke. Das kann vielleicht in weiteren Blogbeiträgen noch genauer erläutert werden. Hier zunächst nur einmal so viel: Die Größe eines Menschen ergibt sich nicht daraus, wie viel Erfolg ein Mensch in seinem Leben hatte, wie viele Menschen ihn kennen. Oder gar: Wie viele Fernsehauftritte er hatte. Und was es da an Maßstäben sonst noch so geben möge.

Die Größe eines Menschen ergibt sich aus dem, für was dieses Menschenleben stand oder für was es steht. Und das Leben meines Vaters stand für viel. Es stand für das Überleben und fruchtbare Gedeihen gewachsener Volkskulturen weltweit. Es stand für eine Weltanschauung und Hintergrundpolitikkritik, die diesem Überleben und Gedeihen neuen Freiraum geben möchte. Ebenso wie das in ähnlicher Weise auch für seinen einstigen Parteifreund Rudi Dutschke gegolten haben mag.

Abb. 16: Im Rentenalter auf dem Bauernhof der Vorfahren ... (um 1995)

Gerade auch aus diesem Grund könnte über meinen Vater noch viel gesagt werden. Es kann sein, daß die Leserschaft dieses Blogs davon nicht verschont werden wird. - - - Aber für heute sei abgebrochen. Nur noch ein Gedicht zum Abschluß.

Saat
Aber dies alles wird Saat,
und es ist nicht wahr,
daß nur der rasende Tod
über die Erde kam.
Einst, an einem Morgen,
wenn das schneeige Leichentuch
hinschmolz im Frühling,
stehn wohl Kreuze im Feld,
und über schmerzlichen Hügeln
dampfen schweigende Nebel.
Aber dies alles ist Saat.
Und eine erste Lerche
singt wie einst sich zur Sonne,
lobt das heilige Leben
und preist die Wonne der jungen Welt.
Alles ist Saat.
Alles, das hinsinkt in Nacht,
schickt seine Kraft ins All.
Über die Kreuze
wuchern noch Rosen,
über den Hügeln
weichen die Nebel aus Menschentränen.
Dann kommt ein großes Wissen:
wofür dies alles war,
und ein weinend, lachend Gebet
wagt zu danken:
Denn dies ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit.
                             Hans Schmidt-Kestner (1892-1915)
                                                        (Wiki)

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