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Sonntag, 8. Dezember 2013

"Ein Mann kauft eine Stadt"

Marburg und die Milliardärsfamilie Pohl

Abb. 1: Marburg, Dominikanerkloster/Alte Universität
Ergänzend zu unserem Artikel "Pädokriminalität und Stadtverwaltung in Marburg" vor zwei Wochen, wollen wir noch einen Blick in die Marburger Lokalpolitik werfen und auf "einflußreiche" Leute dort hinweisen.

Ausgerechnet in Marburg nämlich ist eine international agierende Milliardärsfamilie ansässig, die zu den reichsten Familien Deutschlands gehört. Nun, irgendwo müssen ja auch solche Leute leben. Und von dieser Familie, so wird uns mitgeteilt, sollte man sicherlich wissen, wenn man die Stadtpolitik in Marburg verstehen will.

Über diesen Reinfried Pohl sind Bücher erschienen mit Titeln wie "Reinfried Pohl - Der letzte Patriarch", "Reinfried Pohl - Ich habe Finanzgeschichte geschrieben", "Reinfried Pohl - Der Doktor, der Kämpfer, der Sieger". Also lauter Elogen (= Ruhmesreden) der Extraklasse. Nun, als Milliardär kann man sich solche Bücher ja schreiben lassen, nicht wahr?

Mache ich dann auch, wenn ich mal so weit bin. ;-)

Verfaßt sind alle diese Bücher, die statt Bibel in den Hotelzimmern der von der Pohl-Familie betriebenen Hotelkette ausliegen sollen, von dem katholischen Journalisten Hugo Müller-Vogg (geb. 1947). Also sagen wir mal so: um einen "investigativen Journalisten" wird es sich bei diesem katholischen Journalisten Hugo Müller-Vogg nicht handeln. Investigative Journalisten haben unseres Wissens nach allesamt noch keine Milliardäre als Sponsoren erhalten. Auch wir noch nicht ...

"Abteilung Mülleimer" - die Rubrik des Pohl-Schreiberlings Müller-Vogg

Indem man sich mit dem Wirken dieses katholischen Journalisten Hugo Müller-Vogg befaßt, bekommt man noch einige Eindrücke von jenen regierungsnahen, christ-katholischen Kreisen, in denen sich dieser Schreiberling selbst und sein Sponsor so bewegen. Müller-Vogg war ein vormaliger Mitherausgeber der FAZ. Als solchem wurde ihm 2001 überraschend von Frank Schirrmacher und den anderen Mitherausgebern gekündigt. Die Gründe dafür sind bis heute nicht bekannt geworden. Aber einmal erneut bekommt man zunächst einen positiven Eindruck von - - - Frank Schirrmacher!!

Der katholische Journalist Hugo Müller-Vogg schreibt heute stattdessen für den Springer-Verlag und die Bildzeitung. (Nun, das konnte Schirrmacher vielleicht nicht so recht ahnen, daß solche Schreiberlinge immer nur nach oben fallen können, nie nach unten.) Der katholische Journalist Hugo Müller-Vogg tat sich in den letzten Jahren hervor mit Buchtiteln wie "Besser die Wahrheit". Dieses Buch enthält ein Gespräch mit dem Vorzeigekatholiken a.D. Christian Wulff. 23 von 27 Amazon-Rezensenten haben diesem Propaganda-Buch die schlechtest mögliche Bewertung verpaßt. 81 Amazon-Kunden bewerteten dabei als hilfreichste Rezension eine kurze vom 19. Januar 2012:
Bibel für Heuchler
Man mache es wie unser derzeitiger, bekennend römisch-katholischer Bundespräsident Christian Wulff:
Predige allen anderen gestrauchelten Schafen großmäulig, was sie besser tun oder lassen sollten, lasse ein Buch von einem Autoren verfassen mit dem tugendhaften Titel "Besser die Wahrheit" - und halte sich selbst aber überhaupt nicht daran. Ein Pharisäerstück der Extraklasse! Abteilung Mülleimer.
Amazon kann auch wirklich manchmal etwas gemein sein. Zugegeben. Wenn so jemand also der Lieblingsautor des Marburger Mäzens und Milliardärs Reinfried Pohl ist, sollte man sich wohl noch auf manches gefaßt machen, auf was man stoßen könnte, wenn man sich mit dem Umfeld dieser Leute genauer befassen würde. Denn andere Bücher dieses Journalisten beinhalten offenbar ähnlich gestrickte Elogen auf den Vorzeigekatholiken a.D. Roland Koch, die Vorzeigechristin Angela Merkel, Horst Köhler und Hartmut Mehldorn. "Darunter" macht es der katholische Journalist Hugo Müller-Vogg offenbar nur selten. Und nur als Schamblatt. Schamblätter braucht jeder. Das ist klar.

Abb. 2: Milliardär kauft Buch, erschienen 2008
Der Marburger Milliardär Reinfried Pohl ist nun schon seit Jahrzehnten auf Regierungsebene (Bundes- und Landesregierungen) bestens vernetzt. Seine gute Vernetzung erkennt man etwa an der Zusammensetzung seines Aufsichtsrates und an den ehemaligen Politikern, die nach dem Ende ihrer Karriere in seinem Unternehmen untergekommen sind (Wirtschaftswoche 2012):
Beiratsvorsitzender der DVAG: Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU, 1982 bis 1998) ist ein enger Freund von Reinfried Pohl. Die heutige Bundeskanzlerin (CDU) ist häufig und nach eigenen Worten „gerne“ Rednerin auf den Vertriebstreffen des Finanzvertriebs. Im November 2008 wünschte sie den Beratern, „daß Sie das Vertrauen, das Sie bei den Menschen haben, auch wirklich nutzen können“. Außerdem lobte sie den DVAG-Chef: „Herr Pohl, Sie haben ein tolles Konzept.“ Damit hinterließ sie bei Reinfried Pohl wohl einen guten Eindruck. Zwischen 2008 und Juli 2010 spendete die DVAG der CDU insgesamt 520.000 Euro. Bis zu seiner Ernennung als Vizekanzler und Außenminister saß Westerwelle im Beirat des Finanzvertriebs. Als Bundesvorsitzender der FDP darf auch er sich über großzügige Spenden vom Finanzvertrieb freuen. Zwischen 2008 und Juli 2010 bedachte die DVAG die FDP mit insgesamt 425.000 Euro. Der ehemalige Bundesfinanzminister (CSU, 1989 bis 1998) sitzt im Aufsichtsrat. Er ist eng mit dem Altkanzler und Pohl-Freund Helmut Kohl befreundet. Der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (CDU, 1976 bis 1988) und Thüringen (1992 bis 2003) hat einen Posten im Beirat der DVAG. Von 1983 bis 1990 arbeitete Horst Teltschik als Vizekanzleramtschef (CDU). Er galt als einer der engsten Mitarbeiter Kohls. Heute sitzt auch er im DVAG-Beirat. Corts war von 2003 bis 2008 hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst (CDU). Im Mai 2007 verlieh er DVAG-Chef Pohl den Professorentitel ehrenhalber für dessen Spenden an die Wissenschaft. Im April 2008 holte Pohl den Politiker Corts dann in den Vorstand der DVAG.
Dementsprechend war Pohl wohl auch schon immer in der Lage, sich Gesetze zu kaufen (Spiegel 2000). Und diese Familie Pohl nun steckt derzeit "ganz Marburg in die Tasche", wie Vertreter der "Humanistischen Union" kritisieren (vgl.: TAZ 2012: "Ein Mann kauft eine Stadt"). Was einen hinwiederum die "Humanistische Union" sympathisch macht.

Ist legal erworbener Reichtum dieser Höhe eigentlich wirklich möglich? Und wenn ja: warum legitim?

Die Familie stellt neben einem Pharmaproduzenten und der Leiterin des Marburger Kinderheimes Getrudisheim den dritten lebenden  Ehrenbürger der Stadt Marburg. Warum wohl: Die Marburger CDU erhielt von ihm offiziell sehr viele Spendengelder, die Marburger SPD sehr viel weniger. Aber seit zwei Jahren gibt es Gerüchte über angebliche versteckte Spenden von Pohl an die Marburger SPD. Sogar Lobbycontrol hat sich damit schon beschäftigt (Lobbycontrol 2012).

Letzte Fragen für heute: Braucht unsere Gesellschaft Milliardäre? Bleibt sie nur mit solchartiger Umverteilung "leistungsfähig"? Ist "Umverteilung" nicht ein beschönigendes Wort, das abgeschafft werden sollte? Ist "ehrlich erworbener" Reichtum in dieser Höhe prinzipiell möglich, sprich legal möglich? Nächste Frage: Ist er legitim? Und wenn nein, warum ergreift die Politik keine Gegenmaßnahmen, sondern kungelt stattdessen mit Milliardären? Wir wählen um solcher Fragen willen für diesen Blogbeitrag das gleiche Titelbild wie für unseren Beitrag "Pädokriminalität und Stadtverwaltung in Marburg" (Abb. 1). 

Sonntag, 23. Juni 2013

"Das unheimlich feingefädelte Zusammenspiel von Personen" innerhalb der Führung der NSDAP (1931 bis 1934)

Der Schweizer freiwirtschaftliche Demokrat Salzmann erlebt persönlich die partei-internen Richtungskämpfe zwischen "Fundis" und "Realos" rund um die Machtergreifung Adolf Hitlers
- Sein Bericht ist ein bislang wenig beachtetes, sehr authentisches zeitgeschichtliches Dokument

Mit diesem Beitrag und einem parallelen auf dem Blog "Studiengruppe Naturalismus" erscheinen im folgenden zwei Beiträge zur Rolle der Freiwirtschaftsbewegung (Silvio Gesell) 1. im Umfeld der NSDAP und 2. im Umfeld der Ludendorff-Bewegung. Der hier vorliegende allgemeinere erste behandelt das Agieren der Freiwirtschaftsbewegung im Umfeld der NSDAP (1931 bis 1934). Der genannte zweite parallele das Agieren derselben im Umfeld der Ludendorff-Bewegung (1936 bis 1942, sowie 1953 bis 1956). Beide Beiträge werfen vergleichsweise unbeachtete Aspekte zur Geschichte des Nationalsozialismus und zur Geschichte des Ludendorff-Bewegung auf. In beiden geht es um nicht gänzlich unrealistische Alternativen zum Ablauf der Geschichte des Dritten Reiches zwischen den Jahren 1933 und 1945.

Zusammenfassender Überblick des folgenden

Schon in den 1920er Jahren herrschten jene abstrusen, ja, verbrecherischen, ausbeuterischen wirtschaftliche Verhältnisse vor in den Gesellschaften der westlichen Welt, die uns auch heute noch in Atem halten. Oder die heute sogar noch schlimmer geworden sind. Schon damals wurde der übermächtige Einfluß von Banken und Großindustrie von einer großen Zahl von Menschen kritisch gesehen. Zu ihnen gerhörten nicht zum geringsten auch viele Mitglieder und Wähler der NSDAP. Sicherlich ist es heute noch einfacher als damals zu übersehen, daß eines der tieferen Grundübel der zu kritisierenden wirtschaftlichen Verhältnisse besteht in einer ganz unverhältnismäßigen "Mehrwert-Abschöpfung" von Rationalisierungsgewinnen durch einen verschwindend kleinen Bevölkerungsanteil gegenüber der großen Masse der Bevölkerung (1).

Die sich daraus ergebenden Forderungen lauten heute "Umverteilung" und "Verteilungsgerechtigkeit". Im Grunde ist die Analyse der Mehrwert-Abschöpfung einst von Karl Marx populär gemacht worden (1). Und man fragt sich, warum sie nicht schon in den 1920er Jahren auch außerhalb der Kreise des Marxismus intensiver erörtert worden ist. Womöglich weil damals Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und die sozialpsychologische, demographische und gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Betreuung der Kinder durch ihre eigenen Eltern noch nicht so stark im Vordergrund standen wie sie es heute stehen im Zeitalter der Gleichberechtigung der Frau und nachdem das - angebliche - "Jahrhundert des Kindes" schon wieder vorbei ist. Spätestens seit dem "Fünften Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" aus dem Jahr 1994 steht jedenfalls der Sache nach die Forderung nach einem (schon von Gerhard Mackenroth in den 1950er Jahren geforderten) verteilungsgerechten Erziehungsgehalt für Eltern auf dem Stundenplan der Geschichte.

In den 1920er Jahren war aber die allgemeine Aufmerksamkeit noch auf zahlreiche andere wirtschaftliche Probleme gerichtet, die heute nicht mehr so sehr im Vordergrund stehen (Inflation, Reparationen usw.), und die von der Grundproblematik fortgeschrittener Gesellschaften eher ablenkten.

Ein Hauptgrund für die Nichtbeachtung der Analyse von Karl Marx wird aber gewesen sein, daß Marx als Lösungsvorschlag die vollständige Enteignung und Verstaatlichung allen Privateigentums in die Diskussion brachte (1). Dieser Vorschlag war nur mit unglaublicher Brutalität und mit Terror schärfster Art nach der Russischen Revolution von 1917 umzusetzen. Schon dieser Umstand konnte die Menschen in ihrer Gesamtheit nicht überzeugen. Im übrigen ist der Lösungsvorschlag von Karl Marx mit dem Jahr 1989 auch von der rein wirtschaftlichen Seite her gründlichst von der Geschichte widerlegt worden.

Mit dem Lösungsvorschlag und den dabei angewandten Methoden wurde aber offenbar sogleich auch die ursprüngliche Analyse von Karl Marx verworfen. Und es scheint sich damals außerhalb der Kreise des Marxismus kaum jemand über diese grundlegende Analyse Gedanken gemacht zu haben und sie in jeweils aktualisierter Form zu Ende gedacht zu haben.

Stattdessen gab es da als Alternativvorschlag etwa einen Gottfried Feder, dessen Forderung nach "Brechung der Zinsknechtschaft" in das Parteiprogramm der NSDAP übernommen worden war. Es gab als Alternativvorschlag den Silvio Gesell (1862 - 1930), der ein neues Geldsystem einführen wollte, das ein "Raffen", "Hamstern", Horten von Geld und Reichtum quasi "automatisch" verhindern sollte (Freiwirtschafts-Bewegung). Ein Vorschlag, der 1936 selbst von einem John Maynard Keynes respektvoll behandelt werden sollte (siehe paralleler Beitrag).

Das sonstige politische System war diesen Anhängern des Silvio Gesell dabei zunächst nicht so wichtig. Gesell selbst arbeitete 1919 bei der Räteregierung für Bayern in München mit. Andere Gesell-Anhänger versuchten, die Gedanken Gesell's in der SPD durchzusetzen (etwa Hans Schumann zwischen 1927 und 1931). Und wiederum andere in der NSDAP. Die keineswegs unbeträchtliche Zahl der Anhänger von Silvio Gesell innerhalb der NSDAP kritisierten - mit ihrem Wortführer Wilhelm Radecke (1898 - 1978) - spätesten ab 1931 parteiintern Gottfried Feder sehr stark.

Nach der Machtübernahme von 1933 setzten sich aber beide Richtungen nicht durch, sondern der typische Vertreter jenes traditionellen, ausbeuterischen Wirtschaftens und jener internationalen Bankenmacht, die die NSDAP nach außen vorgab zu bekämpfen, von der sie aber selbst erst an die Macht gebracht worden war durch Hintergrundfinanzierung, und nachdem und indem ihrer "antikapitalistischen Sehnsucht" das Rückgrat gebrochen wurde: Hjalmar Schacht.

Abb. 1: Für Gesell-Ideen offen: Ernst Röhm (1933)
Und es ist durchaus naheliegend, daß die Ermordung Ernst Röhms (1887 - 1934) unter anderem auch deshalb im Interesse dieser traditionellen Mächte lag, weil Ernst Röhm offenbar für die Anhänger Silvio Gesells ein sehr offenes Ohr hatte. Wie im vorliegenden Beitrag dargestellt werden soll.

Interessanterweise wandten sich mehrere Anhänger Silvio Gesell's nach der Ermordung Ernst Röhms verstärkt der Ludendorff-Bewegung zu, wo sie auch bei Erich und Mathilde Ludendorff durchaus auf offene Ohren für ihre Anliegen stießen. Wenn sich auch das Ehepaar Ludendorff niemals in umfangreichere Erörterungen einließ und sich niemals definitiv auf die Lehre von Silvio Gesell als "den" Lösungsvorschlag für wirtschaftliche Fragen schlechthin festlegte.

Nachdem das offizielle Feiern des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs am 9. April 1935 durch das Dritte Reich den Anschein erweckte, als ob der politische Einfluß Erich Ludendorffs gegenüber seinem vormaligen "Mitkämpfer" Adolf Hitler wieder im Steigen begriffen sei, wandte sich die Aufmerksamkeit zahlreicher Anhänger der Lehre von Silvio Gesell jedenfalls recht deutlich der Ludendorff-Bewegung zu. Ein Fritz Faßhauer (gest. 1937) und ein Hans Schumann (geb. 1902) publizierten zwischen 1936 und 1942 regelmäßig in der Ludendorff-Bewegung. Und nach der offiziellen persönlichen Aussprache zwischen Erich Ludendorff und Adolf Hitler am 30. März 1937 glaubte der schon genannte Wilhelm Radecke sogar, mit Erich Ludendorff zusammenarbeiten zu können, um Hjalmar Schacht zu stürzen und an dessen Stelle Carl Friedrich Goerdeler einsetzen zu können (siehe paralleler Beitrag). Solche Pläne konnten ja auch im Falle eines zwischen Ludendorff und der Wehrmachtführung in jenen Jahren erörterten Staatsstreiches gegen Hitler zum Tragen kommen.

Zwar wurden diese Pläne einer Zusammenarbeit mit Erich Ludendorff durch dessen Tod im Dezember 1937 beendet. Aber noch im Jahr 1939 konnte sich Mathilde Ludendorff in einem Sammelband der antisemitischen Aufsätze ihrer selbst und Erich Ludendorffs nur allzu deutlich selbst als eine Anhängerin der Analysen von Silvio Gesell darstellen. Wobei sie sich aber auch dort keineswegs darauf festlegte, daß nun ihrer Meinung nach etwa die Lösungsvorschläge von Silvio Gesell "die" Lösung schlechthin für die wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit wären.

Wie übrigens Adolf Hitler die Bedeutung des 1945 hingerichteten Carl Friedrich Goerdeler einschätzte, geht auch aus einer Eintragung des erst jüngst wiederentdeckten Hitler'schen Kassenbuches hervor (EinesTages 2011):
Die höchste im Kassenbuch verzeichnete Summe, die an eine Einzelperson ausgezahlt wurde, bekam die Buchhalterin Helene Schwärzel aus Elbing in Ostpreußen – für eine fragwürdige Tat: Schwärzel verriet den ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig und Widerstandskämpfer Carl Goerdeler, als der sich nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf der Flucht befand. Hitler empfing sie dafür im Führerhauptquartier "Wolfschanze", wo er ihr als Belohnung einen Scheck über eine Million Reichsmark aushändigte.
(Zu weiteren nicht unbedeutenden Erkenntnissen, die diesem Kassenbuch entnommen werden können s.a. Stud. Natur. 2011.) Den Umstand, daß sich Erich und Mathilde Ludendorff selbst niemals explizit auf die Lösungsvorschläge von Silvio Gesell festlegten, übersahen seine Anhänger nach 1945. Da wunderten sich nämlich Wilhelm Radecke als Vorsitzender der neugegründeten Partei "Freisoziale Union" und Hans Schumann als wichtiger Mitarbeiter derselben darüber, daß es nun in der Ludendorff-Bewegung nicht mehr die frühere Offenheit für ihre Ideen geben würde.

Verlor die Ludendorff-Bewegung etwa in dem Maße ihr Interesse für die Gesell-Anhänger, in dem es spürbar war, daß sie nicht mehr in dem Umfang wie zuvor das Ohr der Mächtigen hatten? Oder lag es womöglich vor allem auch daran, daß Wilhelm Radecke gar zu plump versucht hatte, die Ludendorff-Bewegung für seine eigenen Ideen zu vereinnahmen? Worauf dann nämlich Franz von Bebenburg 1953 sehr ablehnend reagierte?

Insbesondere war es dann jedenfalls der Ludendorff-Anhänger Eberhard Beißwenger (1889 - 1984), der sich bis zu seinem Lebensende ausführlicher und sehr ablehnend sowohl zur Analyse wie zu den Lösungsvorschlägen von Silvio Gesell äußerte. Daß er dies ab 1954, nach seiner Pensionierung, sozusagen im Auftrag von Mathilde Ludendorff tat, wobei er ihr bezüglich der Analyse von Silvio Gesell sogar inhaltlich widersprach, ohne daß davon sein offenbar sehr gutes persönliches Verhältnis zu Mathilde Ludendorff beeinträcht worden ist, zeigt, wie wenig Mathilde Ludendorff in diesen Fragen letztlich inhaltlich festgelegt gewesen ist. Und daß sie von der damaligen Gegenwart und weiteren Zukunft erst die eigentliche Lösung dieser grundlegenden wirtschaftspolitischen Probleme erwartete. Womöglich ließ aber auch das "Wirtschaftswunder" der 1950er Jahre die Dringlichkeit in all diesen Fragen, die heute wieder stärker empfunden wird, eher in den Hintergrund treten. (Es ließ ja auch nur vergleichweise wenige Menschen damals auf die Bedeutung der zeitgleichen demographiepolitischen Vorschläge Gerhard Mackenroths aufmerksam werden.)

Abb. 2: Gegner Nr. 1: Freimaurer Schacht (1931) 
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten waren die Anhänger der Lehre Silvio Gesells jedoch recht aktiv. Auch im Umfeld der Ludendorff-Bewegung. (Namen wie etwa Friedrich Lohmann oder Reiner Bischoff werden in der Literatur genannt.)

Da sich aber die einstige "Freisoziale Union" Wilhelm Radeckes von ihrer vormaligen Nähe zu völkisch-rechten Kreisen distanzieren wollte, benannte sie sich im Jahr 2001 um in "Humanwirtschaftspartei". Aus diesem Anlaß wurden die völkischen Bestrebungen in ihrer Geschichte zum Teil aufgearbeitet (siehe etwa: 2 - 6, 17, 18). Wobei allerdings die Nähe Wilhelm Radeckes und Salzmanns zu führenden Köpfen des Dritten Reiches in der offiziellen Geschichte der Partei (auf ihrer heutigen Internetseite) gar nicht erwähnt wird. Und wobei auch in anderen Darstellungen darauf nicht in der Prägnanz hingewiesen wird, wie es wohl der Sache angemessen wäre. (Offenbar wird dies noch heute von dieser Partei als diskreditierender empfunden, als die Mitarbeit von Silvio Gesell bei der terroristischen Räteregierung Bayerns, die auch auf der Internetseite keineswegs verschwiegen wird.)

Was jedenfalls bis heute fast völlig unbeachtet geblieben zu sein scheint, bzw. von den Anhängern Silvio Gesell's selten mit Prägnanz herausgestellt wird, ist die Tatsache, daß auch die Anhänger der Lehren von Silvio Gesell niemals mehr zuvor oder danach so viel Offenheit auf Seiten der potentiell Mächtigen für ihre Ideen gefunden hatten, als bei führenden Repräsentanten der NSDAP vor und unmittelbar nach der Machtergreifung Adolf Hitlers. Also etwa zwischen 1931 und 1934.

Dies wird nun insbesondere verdeutlicht durch einen im Jahr 1944 veröffentlichten Bericht des Schweizer Kaufmanns Salzmann (7 - 13), eines Anhängers der Lehren Silvio Gesell's und Freundes von Wilhelm Radecke. Im Gegensatz zu Radecke oder Hans Schumann scheint dieser Kaufmann Salzmann allerdings schon in jenen Zeiten überzeugter Demokrat gewesen und auch geblieben zu sein. Was seinem Bericht (7 - 13) womöglich erst jene besondere Note gibt, die ihn zu einem so außerordentlich authentischen historischen Dokument werden läßt. Der Bloginhaber freut sich immer, wenn er klischeehaften, schablonenhaften Geschichtsbildern authentischere, stimmigere, präzisere Sichtweisen gegenüberstellen kann. Und es ist nun erstaunlich, daß dies mit Hilfe dieser Schrift Salzmanns auch geschehen kann gegenüber Personen wie: Joseph Goebbels, Heinrich Himmler oder Ernst Röhm.

Ein Tagebuch-Eintrag von Joseph Goebbels (August 1931)

Im Tagebuch von Josef Goebbels findet sich zu einem Tag im August 1931 der folgende Eintrag (14, S. 87):
Mit Graf Helldorf nach Karlshorst zu einem Pgn. Radecke. Dort sind alle Stafs (Stabsführer) versammelt. Und ein Herr Salzmann, der zusammen mit Radecke einen neuen Währungsplan entworfen hat. Die Index- oder [Festwährung]. Danach ist eine In ...
(Leider nur Google-Bücher-Ausschnitt, das Zitat muß noch ergänzt werden.) Mit "Pgn. Radecke" war also der schon genannte damalige Direktor der Reichskreditanstalt, Parteigenosse Wilhelm Radecke gemeint. Adolf Hitler selbst nun war auf Gesell gar nicht gut zu sprechen. Und dieses Treffen sollte - trotz des Widerstandes von Adolf Hitler - dazu verhelfen, dem freiwirtschaftlichen Gedanken in der NS-Bewegung und in einer künftigen NS-Regierung den Weg zu bahnen.

Bei den Teilnehmern handelte es sich in der Mehrheit um die führenden Angehörigen der bis zum 30. Juni 1934 sehr einflußreichen, aktiven und parteiintern als "forsch" geltenden, besser gesagt brutalen, verbrecherischen SA-Gruppe Berlin-Brandenburg (Wiki, s.a. Abb. 3). Diese Gruppe spielte aber in den parteiinternen Auseinandersetzungen vor der Machtergreifung zwischen den "Fundis" und den "Realos" der damaligen Zeit auch gegenüber der eigenen Parteiführung eine große Rolle. Was insbesondere hervortrat in den Zusammenhängen rund um die sogenannte "Stennes-Revolte" im April 1931 (Wiki). Auch damals ging es darum, daß die "Fundis" parteiintern von der Parteiführung erst zurückgedrängt werden mußten, bevor man dieser Partei die Macht wirklich geben konnte.

Welcher "Herr Salzmann" nun gemeint war, ob sein Vorname Heinrich, Walter oder Ernst gelautet hat, ist uns bislang noch nicht recht zu klären möglich gewesen. Im Register (S. 418) zu Goebbels Tagebüchern wird für Seite 87 ein "Heinrich Salzmann" aufgeführt. In der Literatur (5, 7 - 13) finden sich aber auch die anderen genannten Vornamen. Ob eine 1904 erschienen Disseration oder ein Schweizer Textilunternehmen Salzmann (15, 16) mit dem Autor dieser Schrift etwas zu tun hatten, muß einstweilen ebenfalls offen bleiben.

Ein solcher Schweizer Kaufmann Salzmann hat jedenfalls im Jahr 1944 in der Schweiz anonym eine Schrift herausgebracht (7 - 13), in der er einen atmosphärisch sehr genauen Bericht über die Vorgeschichte und den Verlauf dieses Gespräches und weiterer mit Himmler und Röhm gibt. In diesem wird das persönliche und politische Umfeld von Goebbels, Röhm und Himmler aus der Sicht eines überzeugten Demokraten sehr einfühlsam, genau und authentisch in seiner Atmosphäre, in seinem Stimmungsgehalt, auch in seiner Offenheit für neue, gerne sogar revolutionäre sozialpolitische oder wirtschaftliche Ideen geschildert. Salzmann gibt diesen Bericht zugleich als seinen Blickwinkel zur Klärung der Motive für die Röhm-Morde des Jahres 1934. Motive, die sicherlich nicht ganz außer acht gelassen werden können, insbesondere auch, was ihren atmosophärischen Gehalt betrifft.

Es sieht nicht so aus, als ob dieser Bericht in der Geschichtswissenschaft bislang schon ausreichende Würdigung und Berücksichtigung gefunden hätte. Es fällt überhaupt auf, daß es zu Ernst Röhm bis heute keine umfassende wissenschaftliche Biographie gibt. Der Salzmann-Bericht taugte womöglich sogar als ein guter Zugang in das "Herz" der Persönlichkeit von Ernst Röhm überhaupt. Auch bei der Beurteilung all jener "linken Nationalsozialisten" und jener "Schwarzen Front" Otto Strassers, die zwischen 1931 und 1934 in einer sogenannten "Querfront" - gegebenenfalls auch unter Ausschluß Hitlers - in eine Regierung Schleicher hatten eingebunden werden sollen, dürfte sich der Salzmann-Bericht als dienlich erweisen.

Deshalb soll im folgenden dieser Salzmann-Bericht in einigen seiner wesentlichsten Teile referiert, bzw. zitiert werden. Durch ihn bekommt man sowohl von dem Berliner Kreis um Joseph Goebbels im Jahr 1931, mehr aber noch von der Person Ernst Röhms einen atmosphärisch sehr authentischen Eindruck. Der gerade durch den kritischen und zugleich auch "menschlichen" Blick eines Demokraten auf diese Szenerie besticht. Salzmann gewinnt trotz der bei ihm vorliegenden inneren Reserve eines Demokraten insbesondere der Person Ernst Röhm manchen positiven Zug ab. Aus einer solchen Perspektive wie der seinen hat man jedenfalls Leute wie Goebbels oder Röhm bislang noch eher selten zu sehen bekommen.

Ein Friedrich Salzmann und auch der schon genannte Wilhelm Radecke spielten nach 1945 in der freiwirtschaftlichen Bewegung und auch in der aus dieser hervorgegangenen Partei "Frei-soziale Union" eine Rolle (Bartsch 1994). Womöglich war dies der Hauptgrund dafür, daß diese genannte Schrift des Herrn Salzmann aus dem Jahr 1944 (7 - 13), deren Autor schon in den 1950er Jahren nach dem Vorwort für diesen Bericht verstorben sein soll (13), offenbar unter verschiedenen Autorschaften neu aufgelegt worden ist, und daß in dem Bericht auch die Rolle der Person Wilhelm Radeckes unter dem als solchem gekennzeichneten Pseudonym "Direktor Spreng" behandelt wird (7 - 13). (Von den unter [7 - 13] zitierten Ausgaben konnte nur in [13] bislang eigener Einblick genommen werden.)

Es ist naheliegend, daß sowohl Friedrich Salzmann wie Wilhelm Radecke die Offenheit führender revolutionärer Kreise unter den Nationalsozialisten für freiwirtschaftliche Ideen nach 1945 behandelt wissen wollten. Daß sie aber ihre eigene Mitbeteiligung oder die eines nahestehenden Verwandten bei diesen Ereignissen nicht allzu sehr in den Vordergrund gestellt wissen wollten.

Abb. 3: Karl Ernst, Helldorf, Goebbels, Karl Hank, hinten Albert Speer am 30. 1. 1933
August 1931 - Salzmanns Treffen mit Joseph Goebbels

In der seit den 1990er Jahren erschienenen Literatur zur Geschichte der freiwirtschaftlichen Bewegung wird jedenfalls über den Nationalsozialismus berichtet (5, S. 70):
Prominente Freiwirte wie Wilhelm Radecke und Fritz Schwarz nahmen Gespräche mit ihm auf, erkunden wollend, ob die NSDAP wenigstens das Freigeld einführen werde, sobald sie an der Macht sei. Goebbels, Himmler und Röhm waren sehr interessiert.
Dies wird bezüglich des schon oben genannten Gespräches noch etwas genauer beschrieben (5, S. 20):
... arrangierte Radecke in seiner Privatwohnung in Berlin-Karlshorst ein Treffen, an dem Daluege, Graf Helldorf, Josef Goebbels und ein Dutzend weitere höhere Funktionäre teilnahmen. In diesem Kreis hielt der um diese Zeit in Berlin lebende schweizerische Exportkaufmann Walter Salzmann einen Vortrag über eine Stabilisierung der Konjunktur mit den von Gesell entwickelten Mitteln. Später berichtete Salzmann, sein Vortrag sei positiv aufgenommen worden, obwohl die Sache für ...
(Leider bislang nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitierbar.) Hier also hat der referierende Schweizer Kaufmann Salzmann den Vornamen Walter. 

In seinem Bericht, auf den auch im eben gerade gebrachten Zitat Bezug genommen wird, heißt es nun wörtlich, daß ihn sein Freund Wilhelm Radecke angerufen habe (13, S. 2):
Sie müssen heute abend ein Referat über "Währungspolitische Aufgaben im Dritten Reich" übernehmen. Daluege hat für das Zustandekommen gesorgt. Dr. Goebbels, Graf Helldorf, Ernst und noch ein Dutzend andere Prominente werden kommen.
Salzmann habe Einwendungen gemacht, wie er berichtet, da er dem Nationalsozialismus viel zu kritisch gegenüberstehen würde. Radecke habe aber auf die "unabsehbare Tragweite" der Möglichkeiten von Einflußnahme verwiesen, die man nicht ungenützt vorüber gehen lassen dürfe. Und diesen habe sich Salzmann dann trotz aller seiner Bedenken nicht verschließen können. Deshalb habe er zugesagt (13, S. 3):
Ich kannte bis dahin keinen der von Spreng (gemeint ist Wilhelm Radecke) aufgezählten Männer persönlich.
Und dann nach der Schilderung vieler interessanter Einzelbeobachtungen zur Ankunft der Teilnehmer seines Vortrages und des vorausgehenden Essen (13, S. 5f):
Graf Helldorf in Breeches und Reitstiefeln warf sich neben Daluege in einen bequemen Sessel, die anderen folgten dem Beispiel. (...) Mein Vortrag dauerte über zwei Stunden. (...) Ich war in meinen Ausführungen nicht ein einziges Mal unterbrochen worden. Lediglich Dr. Goebbels erhob sich ab und zu aus seinem tiefen Klubsessel, machte einige Schritte auf und ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn und das zurückgeglättete dunkle Haar. Er gab sich den Eindruck tiefen Nachdenkens, eilte, wie ich an seinem Mienenspiel wahrzunehmen glaubte, meinen Äußerungen oft voraus, indem er Perspektiven sah, die nicht erörtert wurden, aber logisch sich aus dem Gesagten ergaben.

Lebhaften Diskussionen und zahlreiche Fragen folgten. Sehr aufschlußreich schien mir, daß Fragen hinsichtlich der passiven und offenen Sabotage seitens der Großindustrie und Banken, Möglichkeiten der Kapitalverschiebungen und dergleichen besonders interessierten. Da die Herren im Zivilleben ganz verschiedenen Berufen angehört hatten, waren auch die gestellten Fragen entsprechend vielseitig. Nur Sturmführer Knüttel hatte immer persönliche Sorgen. Er wollte sein Häuschen verkaufen, aber nur gegen Gold. Ich konnte ihn, nach längerem Rededuell und zum Vergnügen der andern, überzeugen. Der letzte Rest seiner Geldsorgen wurde dann mit ihm am 30. Juni 1934 begraben. Davon später.

Es fielen eigentlich weiter keine naiven Fragen oder kleinliche Bedenken. Im Gegenteil herrschte eine draufgängerische positive Einstellung, trotzdem die Sache für die meisten Zuhörer völlig neu war.
Im weiteren ging es dann um Fragen der politischen Durchsetzung dieser Ideen:
Wobei sich Graf Helldorf, als Antwort auf gefallene Bedenken über das Mitmachen Hitlers bei dieser doch so ganz außerhalb des Parteiprogramms liegenden Währungsreform zu dem Ausspruch hinreißen ließ: "Und wenn München nicht will, dann marschieren wir gegen München."

Dieses Wort fand allgemeine, offensichtliche Zustimmung. Dabei muß ich allerdings erwähnen, daß Dr. Goebbels nur selten etwas sagte. Es war aus ihm lange Zeit weder Zustimmung noch Ablehnung zu lesen.
Dieses Wort hatte ja erst wenige Monate zuvor im Zusammenhang mit der "Stennes-Revolte" eine recht beträchtliche Rolle gespielt (Wiki). In einem nachfolgenden Einzelgespräch mit Goebbels und Sturmführer Knüttel habe letzterer erklärt,
seit den Fronterlebnissen keinen so schönen Abend mitgemacht zu haben: erst jetzt wisse er wirklich, für was er kämpfe und was er seinen Jungens - gemeint war seine SA-Staffel - sagen müsse, wenn sie ihn fragen.
In einem Gespräch einer nebenstehenden Personengruppe wurde erörtert:
"Standartenführer Ernst hörte eben, daß Sie bald endgültig ins Ausland gehen und machte deshalb in allem Ernst den Vorschlag, Sie in Schutzhaft zu nehmen, um über Sie zu verfügen für die spätere Übernahme der 'Finanz-Tscheka', nach seiner Meinung sind Sie der einzige, der den Schlichen dieser Gesellschaft gewachsen wäre." Ich mußte über die ausgefallene Idee lachen. Ich ahnte nicht, daß diese Leute zu derlei Schritten imstande waren.

Es war lange nach Mitternacht, als man aufbrach. Jeder sprach zum Abschied ein kurzes, verbindliches Wort zu mir, und man hoffte, sich bei den geplanten volkswirtschaftlichen Schulungsabenden bald wieder zu treffen. Nach dem sphinxhaften Verhalten von Dr. Goebbels während des langen Abends überraschte es mich sehr, als er beim Abschied meine beiden Hände ergriff und, sie den langen Korridor vor der Haustüre nicht loslassend, sagte: "Ich erwarte, nein, ich fordere von Ihnen, daß Sie den Führer ebenso hundertprozentig überzeugen werden, wie Sie mich überzeugt haben." Ich gab ihm ein Kompliment zurück und bemerkte mit einer Spur von Bosheit, daß ich von ihm "enttäuscht" sei, weil ich ihn für einen viel schlechteren Zuhörer gehalten hätte. Damit schloß die Türe.
Auch nach diesem Abend habe nicht bei Radecke, aber bei ihm, Salzmann, weiterhin Skepsis und Pessimismus vorgeherrscht:
Denn wem sei, so fragte ich, damit gedient, wenn die Nazi die technisch richtige Lenkung der Wirtschaft in den Dienst eines totalitären Militärstaates stellen? Spreng (also Radecke) hielt solche Abwege für ausgeschlossen.
Salzmann berichtet dann weiter:
Ende 1931 rechnete die Partei bestimmt mit einer baldigen Regierungsbeteiligung, und entsprechend bemühten sich meine Freunde, die Probleme der Wirtschaft und Währung bei der Führerschaft zur Abklärung zu bringen. Die Kunst war eigentlich immer nur, an den Mann zu kommen. Die Bereitwilligkeit, neue Wege, die nicht vom Marxismus her, oder zu ihm führten, zu prüfen, war erfreulich offen. Nur Charaktere wie Göring erwiesen sich von Grund aus feindlich.
Göring habe ihn in einem persönlichen Gespräch abgewimmelt mit Worten wie "Was wollen Sie eigentlich gegen eine Autorität wie Schacht?"

Dezember 1931 - Salzmanns Treffen mit Heinrich Himmler und Ernst Röhm

Weiter lautet der Bericht (13, S. 8f):
In den letzten Dezembertagen erreichte mich am Genfersee, wo ich zur Erholung weilte, ein Handschreiben Himmlers mit der Mitteilung, daß Stabschef Röhm und er nach Zürich kommen würden, zu einer Besprechung mit mir. Ich wurde von Berlin aus orientiert, daß die Gewinnung beider für die Gesellsche Währungsreform auf gutem Wege sei, daß aber für das weitere Vorgehen viel davon abhänge, welchen Eindruck ich auf Röhm mache, da nur er persönlich in der Lage sei, Hitler zu einer Besprechung mit mir, bzw. zum Anhören meiner Vorschläge zu bewegen.

So fuhr ich also nach Zürich. Skepsis und Bedenken einmal mehr überwindend. Mit Recht durfte ich mir dabei sagen: Eine Partei, die ihre Prominentesten entsendet, um sich über ein antikapitalistisches Währungsprogramm belehren zu lassen, ist jedenfalls bedeutend hoffnungsvoller als die bürgerlichen Parteigebilde, die jede Kritik an ihrer Politik als Anmaßung empfanden und zur Diskussion durchgreifender Reformen prinzipiell keine Zeit hatten.
Man merkt also an solchen Ausführungen, wie auch noch Ende 1931 eine solche gesellschaftliche Aufbruchsbewegung wie die NSDAP - das war sie ohne Frage - für viele Entwicklungen offen war. Ähnliches kann ja für ähnliche Entwicklungsphasen in den Geschichten anderer Aufbruchsbewegungen und daraus hervorgegangener Parteien gesagt werden, etwa der "Grünen". Um so mehr sich dann die jeweiligen "Realpolitiker" durchsetzen, um so mehr breitet sich Phantasie- und Alternativlosigkeit aus. Was aber besonders frappiert, ist, daß im Jahr 1931 sogar so führende Persönlichkeiten wie Goebbels, Röhm und Himmler für eine solche Offenheit standen. Sie konnten sich das womöglich erlauben, da das Hauptaugenmerk jener, die die NSDAP an die Macht bringen wollten, 1931/32 auf ganz andere Bereiche gerichtet war.

Aber womöglich macht es gerade in diesem Zusammenhang Sinn, daß der einzige prominentere jüdische Anhänger Erich Ludendorffs, nämlich Abraham Gurewitz, zugleich auch Anhänger von Silvio Gesell gewesen ist (mehr dazu im 2. Teil). Hat man womöglich auch von Seiten einer irgendwie gearteten "Israel-Lobby" und irgendwie von dieser beeinflußter freimaurernaher völkischer Okkultlogen schon frühzeitig bestimmte Kräfte bereit gestellt, sozusagen auf "Beobachtungsposten" gestellt, um frühzeitig auch zu richtigen Einschätzungen zu gelangen, was die politischen Einflußmöglichkeiten der freiwirtschaftlichen Bewegung betrifft? Wäre, wenn die Freiwirtschaftler politisch noch ein wenig erfolgreicher gewesen wären, auch ihnen gegenüber von Seiten einer solchen "Israel-Lobby" aus der Versuch gemacht worden, den damit angerichteten "Schaden" (aus der Sicht dieser Lobby) wennmöglich zu begrenzen oder auch - die andere Methode: so zu übertreiben, daß er dann später auch wieder "korrigiert" werden müßte? Lobbykräfte müssen ja bekanntlich viele Eisen im Feuer haben, müssen allseitig informiert sein und allseitig reagieren. Das Wirken des Abraham Gurewitz jedenfalls könnte sich auch in diese Zusammenhänge letztlich einordnen.

"Die Bereitwilligkeit, neue Wege zu prüfen, war erfreulich offen"

Weiter im Bericht des Schweizers Salzmann. Er schildert sehr genau das vertrauliche Verhältnis zwischen Himmler und Röhm schon am Vorabend der offiziellen Besprechung (13, S. 9f). Über die offizielle Besprechung am nächsten Morgen um 9 Uhr berichtet er (13, S. 11):
Röhm hatte während meines Referates wiederholt kurze Fragen gestellt oder selbst zustimmende und ergänzende Bemerkungen gemacht. Es war für mich überraschend, wie schnell und sicher er auf den Kern der Dinge ging und oft scharf präzisierte, wo ich eine Maßnahme absichtlich zu wenig betonte.

Röhm war überhaupt ein anderer Mensch als am Abend zuvor. Seine massiv wirkende, untersetzte Figur war gestrafft, Schritt, Bewegung und Wort kurz und fest, der ganze Mann im "Dienst". Diese Haltung gab der Konferenz gleich von Anfang an einen gewichtigen, ernsten Charakter.

Es war bei Röhm kein stolperndes Nachhinken hinter neuen Gedankengängen, wie ich es je und je bei Bank- und Kaufleuten zur eigenen Berufsblamage feststellen mußte, sondern ein Mitmarschieren, bei dem man den festen Schritt auf harter Straße förmlich hörte. Wir wurden restlos einig. Ich gewann von ihm die Überzeugung, daß er den Willen besaß, marschieren zu lassen, wenn die Aufrichtung eines sozialen, den Marxismus und Kapitalismus überwindenden Deutschland nicht anders als durch den Aufmarsch der wartenden SA-Massen zu erreichen ist.

Um 10.30 Uhr fand die Besprechung ihren Abschluß.

Röhm stand auf, beide Hände auf den Tisch gestemmt und immer noch ganz Stabschef:

"Ich muß Sie nun verlassen, notwendiger Besuch. Ich werde dafür sorgen, daß der Führer Sie anhört. Merken Sie sich aber: Mehr als 10 Minuten hört er nicht zu. In dieser Zeit müssen Sie ihn packen. Und Vorsicht, auf den Namen Gesell darf er nicht kommen, sonst (seine Mimik sagte deutlich: Wutanfall und Schluß) ... Halten Sie sich reisefertig, Sie werden innert 14 Tagen ein Telegramm erhalten."
In der Rückfahrt im Zug läßt Salzmann seine Eindrücke Revue passieren (13, S. 12):
Von Himmler hatte ich nicht die Gewißtheit, daß er von sich aus an der Verwirklichung des sozialen Neubaues mit dem Gewicht seiner Person und seiner SS tätigen Anteil nehmen oder gar initiativ vorgehen würde. Mir schien es (...), daß er sich wie ein Gymnasiallehrer mit einer kleinen Zahl von Eliteschülern erhaben fühlt neben dem Drillmeister der überfüllten Volksschule.

Aber bei Röhm lag der Fall ganz anders. Etwas als richtig erkennen, ohne es dann auch zu tun, wäre ihm wesensfremd gewesen. "Ich betrachte die Welt von meinem soldatischen Standpunkt aus. Bewußt einseitig." (...) Statt "einseitig" hätte er aber auch mit einiger Berechtigung sagen dürfen: "selbständig".
Ein wirklich schöner Satz: "Etwas als richtig erkennen, ohne es dann auch zu tun, wäre ihm wesensfremd gewesen." Wenn dies den Charakter von Ernst Röhm wirklich treffen würde, könnte es wirklich interessant sein, sich mit ihm noch einmal genauer zu beschäftigen. So möchte man meinen. Salzmann bekam dann Mitteilung aus Berlin (13, S. 13):
Es wurde auf die völlige Absorbierung des Führers auf dem politischen Kampffeld verwiesen, der ganze Apparat laufe auf Hochtouren, und es sei mit dem besten Willen nicht möglich, auch nur vier Tage zum voraus eine bestimmte Zeit festzusetzen. Da Hitler jetzt mehr in Berlin sei als in München, soll ich dorthin kommen.
Schließlich sagt Salzmann aber diesen Plänen ab. Seine Überlegungen und Begründungen für diese Absage sollen hier nicht vollständig wiedergegeben werden, er sagt dazu unter anderem:
Mit Röhm war zu rechnen, mit Goebbels und Himmler nur vielleicht, nie aber gegen Hitler. (...) Die Aussicht, in Berlin auf diese Entscheidung zu warten, wenn auch auf gutbezahltem "Warteposten", lockte mich nicht, und der Gedanke, die Entscheidung beeinflussen zu können, schien mir absurd im Hinweis auf die 10 Minuten Gehör!
Salzmann berichtet aber dann, wie Wilhelm Radecke weiterhin in Berlin tätig war, insbesondere in Kontakt mit Gregor Strasser und Heinrich Himmler. Und wie zu diesem Zweck schließlich der "Roland-Bund" gegründet wurde. Bei diesem Bericht handelt es sich nicht mehr um persönliche Eindrücke. Er soll hier deshalb nicht mehr so ausführlich wiedergegeben werden.

1934 - Auslöser zum Mord an Röhm

Zur allgemeineren Kennzeichnung der Entwicklungen der Jahre 1933 und 1934 schreibt Salzmann als Beobachter aus der Schweiz und als Freund von Wilhelm Radecke (13, S. 18f):
Die politischen Intrigen, besonders die Spannungen zwischen SA und Reichwehr (...) trugen viel zur Verschärfung der Lage bei; sie werden aber zu gerne aus dem tieferen Zusammenhang mit der Wirtschaft und der durch ihre Kräfte geformten Gesellschaftsordnung gelöst und damit verzerrt. Diese Gesellschaftsordnung war in allen wesentlichen Dingen beherrscht von den Trägern des Großkapitals, verfilzt mit der Rüstungsindustrie.

Diese Kreise haben frühzeitig in Männern wie Gregor Straßer und Röhm die aufkommende Gefahr erkannt und trieben, geschickt aus langgeübter Tradition zum divide et impera.
Die Ausbootung (Gregor) Straßers hatte meinen Freunden zwar wenig geschadet. Denn Straßer gehörte nicht zu den Führern, die persönliche Gefolgschaft hatten oder beanspruchten.  (...) Sammelpunkt jener Opposition, die auch nach der Machtübernahme in grundsätzlichen Fragen keine Konzessionen machte, war aber ohne Zweifel Hauptmann Röhm.
Abb. 4: Eines der vielen Symbole für "falsches Leben" - Die B.I.Z. in Basel
Womöglich war ja die persönliche Gefolgschaft gegenüber Röhm tatsächlich schon durch vielfach vorliegende gemeinsame homosexuelle Neigungen eine stärkere, als sie gegenüber Straßer je sein konnte.

Zeugnisse dafür, daß Röhm selbst nicht nur homosexuell, sondern auch astrologiegläubig war, haben wir erst jüngst in unsere Artikelserie hier auf dem Blog über die Astrologiegläubigkeit der NS-Spitze eingearbeitet. Röhm ließ sich nach einer eigenen brieflichen Äußerungen von einem homosexuellen Astrologen "wie ein Kind beeinflussen", der - nach Aussage von Ernst Jünger - "wie Hanussen" "voll von gefährlichen Geheimnissen" war. Auch dieser Astrologe wurde wahrscheinlich im Zuge der Röhm-Morde ermordet. Aber dies sei nur am Rande erwähnt. Vor allem schreibt nun Salzmann auch (13, S. 20):
Wie der Führer über die angeblichen "Machenschaften" Röhms informiert wurde, können wir nur vermuten. Aber glücklicherweise besitzen wir ein überaus aufschlußreiches Dokument in der Biographie Barthous, die Wilhelm Herzog geschrieben hat. Dort wird, für orientierte Beobachter durchaus glaubhaft, ausgeführt, wie die von Göring schon lange gegen Röhm gelegte Zeitbombe zur Explosion gebracht wurde.

Herzog: "Sie haben Anfang Juni in Genf (...) geantwortet (...): 'Ja, weiß ich denn überhaupt, wie lange die jetzigen Machthaber noch am Ruder sein werden?' "
Die Nationalsozialisten bezichtigten den General Schleicher einer gegen sie gerichteten Verschwörung mit Barthou, wobei der General Ferdinand von Bredow als Verbindungsoffizier gedient habe. Als ein Zeichen dafür, daß diese wirklich bestehe, wurde auch diese angeführte öffentliche Äußerung Barthou's gewertet. In dem Interview warnte Herzog Barthou auch vor einem Attentat. Und tatsächlich ist der französische Außenminister Louis Barthou (1862 - 1934) nur wenig später, am 9. Oktober 1934, vor laufender Kamera erschossen worden (Yt). An all dem merkt man, daß hier im Hintergrund noch viel geschehen sein muß, was bis heute nicht so recht bekannt geworden ist. Salzmann schreibt jedenfalls dazu weiter, was auch sehr gut zu der von uns zitierten Behauptung von Gisevius paßt, daß Hitler in die Aktion der Röhm-Morde "hineingestoßen" worden sei (13, S. 21):
Die von Herzog gegebene Version findet nur der unglaubhaft, der von der mimosenhaften Empfindlichkeit Hitlers nichts weiß. (...) Barthou wurde in der Angelegenheit Röhm so "eingesetzt" wie vier Jahre später jene Depeschen aus dem Sudetenland bei den Verhandlungen mit Chamberlain. (...) Die Depeschen aus der Tschechoslowakei trafen 1938 so wenig zufällig ein wie am 29. Juni 1934 der Bericht über Barthous Äußerung, die von den Beherrschern der Kulissen kunstvoll in unmittelbaren Zusammenhang mit Röhms unvorsichtiger Rede gebracht wurde. (...) Es wäre nebenbei gesagt verlockend, aufzuzeigen, wie bei der zweiten großen Säuberungsaktion im Juli 1944 nach dem Attentat auf Hitler die gleichen Methoden und teilweise wörtlich übereinstimmende Begründungen verwendet wurden.
So schreibt Salzmann noch im Jahr 1944. Und er scheint dabei fast so kenntnisreich zu sein, wie nachmals Bernd Gisevius. Allerdings möglicherweise nur fast so kenntnisreich. Vielleicht war er klüger als Gisevius und hat die Zusammenhänge auch ohne Mitgliedschaft in satanismusnahen Okkultlogen erahnt, eine Mitgliedschaft, die wir auf Seiten von Gisevius als sehr bestimmt gegeben annehmen. Daß Joseph Goebbels nun während der Röhm-Morde so zuverlässig auf Seiten Adolf Hitlers stand, war für Salzmann und seine Freunde überraschend, da dieser "die Bestrebungen des Stabschefs der SA doch sehr stark gefördert hatte" (13, S. 24). Aber schon oben hatte Salzmann ja von dem "sphinxhaften" Verhalten des Goebbels gesprochen. Salzmann schreibt abschließend (13, S. 25):
Unter den Toten des 30. Juni zählte ich manchen Bekannten. (...) Ihr persönliches Schicksal berührte mich nicht. Dagegen blieb mir als nachhaltigster Eindruck das unheimlich feingefädelte Zusammenspiel von Personen, die als Exponenten von Kräften auftraten, die über den einzelnen und seine Zeit hinauswirken.
Nachdem also die freiwirtschaftlichen Bestrebungen in den Jahren zwischen 1931 und 1934 auf so hoher politischer Ebene angesiedelt waren, fällt auch ein neuer Blick auf die Bedeutung der freiwirtschaftlichen Bestrebungen gegenüber und im Zusammenspiel mit Erich Ludendorff und der Ludendorff-Bewegung in den Jahren zwischen 1936 und 1941. Darüber soll im zweiten Teil dieses Beitrages auf dem Parallelblog berichtet werden.


(Mit Dank für die Bücherspende [13] einer jüngst verstorbenen Blogleserin, durch die dieser Blogbeitrag angeregt wurde.)
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  1. Bading, Ingo: Karl Marx, die Ausbeutung und die Familien Argumentiert die Partei "Die Linke" auf der Höhe unserer Zeit? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 21. Juni 2009
  2. Noebe, Will: Geheime Mächte. Geheimbünde und Untergrundbewegungen in Geschichte und Gegenwart. Telos, Berlin 1965 (144 S.) (Google Bücher)
  3. Die Geschichte der Humanwirtschaftspartei. 2007. Beruhend auf einer Darstellung von Richard Stöss, 1984 (pdf)
  4. Bartsch, Günter: Die NWO-Bewegung. Geschichtlicher Grundriß 1891 - 1992/93. Gauke, Lütjenburg 1994 (Internet)
  5. Onken, Werner; Bartsch, Günter: Natürliche Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. Fachverlag für Sozialökonomie 1997 (97 S.) (Google Bücher)
  6. Onken, Werner: Silvio Gesell und die natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Verl. für Sozialökonomie, Lütjenburg : Gauke 1999 (freies pdf)
  7. Anonym: Hintergründe der Blutnacht vom 30 Juni 1934. Aufzeichnung eines Eingeweihten. Verlag Freies Volk, Bern 1944 (47 S.) [Ergänzter Sonderabdruck aus 'Freies Volk']
  8. Salzmann, Ernst: Hintergründe der Affäre Röhm. Freiwirtschaftliche Buchgemeinschaft "Der neue Weg" 1947, 1948 (28 S.) (Google Bücher)
  9. Radecke, Wilhelm (Hg.!?): Hintergründe der Affaire Röhm. Solingen 1950 (hier zitiert)
  10. Der Fall Röhm. Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Hintergründe der Röhm-Affäre. Koenig, Berlin o.J. (24 S.) 
  11. Anonym: Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Hintergründe der Röhm-Affäre. Freisoziale Union, Hamburg 1964
  12. Anonym: Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Hintergründe der Röhm-Affäre. (Wohl) Nachdruck der Ausgabe von 1964. Faksimile-Verlag .·. Wieland Körner, Bremen 1982
  13. Strasser, Otto: Die deutsche Bartholomäusnacht. Außerdem u.a.: Anonym: Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1996
  14. Fröhlich, Elke (Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil I: Aufzeichnungen 1923-1941. Bd. 2/II. de Gruyter, 2000 (Google Bücher)  
  15. Alfred Louis Walter Salzmann: Ursprung und Ziel der modernen Bankentwickelung. Inaugural-Dissertation. Druck von C. Engelmann, 1904 (103 S.) (Google Bücher)
  16. Heinrich Salzmann AG (Textilunternehmen) - Zürich: Dokumentensammlung. 1918 Gründungsstatut, Geschäftsordnung (1918) [Textilindustrie/Spinnerei/Weberei Schweiz (Zürich/Kanton)]. (Google Bücher)
  17. Onken, Werner: Das Verhältnis der Geld- und Bodenreform zum Judentum und zum Antisemitismus. o.J. Auf: Silvio-Gesell.de 
  18. Werner, Hans-Joachim: Gutachten zum angemessenen Umgang mit den Vorwürfen des Rechtsextremismus gegen die FSU. Warendorf, 21.3.1999

Sonntag, 1. August 2010

Die "Killer von Volkswirtschaften"

Die "Economic Hit Man" im Dienst der überstaatlichen Bankenherrschaft

Ein "Hitman" bezeichnet im Amerikanischen und Englischen einen "Schläger", "Berufskiller", bzw. "Auftragskiller". Oft sind solche Leute im Dienst der Mafia oder im Dienst von staatlichen Geheimdiensten wie CIA, Mossad, dem russischen Geheimdienst und anderen unterwegs. Hier auf dem Blog ist - etwa unter der Rubrik "politischer Mord" - schon oft von solchen Auftragsmördern die Rede gewesen. Schon das Drohen mit ihnen kann weitreichende Einflüsse auf die Politikgestaltung national und international haben. Diese Auftragskiller werden in Finanzkreisen auch "Schakale" genannt.

Ein "Economic Hit Man" ist nun dementsprechend ein Mann, also ein "Schakal", der nicht nur einzelne Menschen, bzw. einzelne Repräsentanten des Volkswillens eines Landes seines Lebens beraubt, sondern der ganze Volkswirtschaften selbst zerstört. Der sie durch seine vorgeblichen "Experten-Ratschläge" im Dienste der internationalen Finanzmächte aus dem inneren Gleichgewicht stößt, der sie durch übertriebene Kreditvergaben der Weltbank oder anderer einflußreicher ausländlischer Investoren, bzw. durch ausländische Geldwäsche der inländischen Geldanhäufungen künstlich aufbläht (als Beispiel für letzteres: Saudi-Arabien). Eine solche, durch übertriebene Kredite oder Investitionen und damit durch übertriebene Verschuldung aufgeblähte Volkswirtschaft soll die ihr zugrundeliegende Kultur, die kulturelle Gemeinschaft oder zumindest die kulturtragenden Schichten, Eliten "fat but impotent" machen, "fett und abwehrlos", das heißt allen Erpressungen übergeordneter, überstaatlicher Finanzmächte abwehrlos ausliefern.

Elitenbildung weltweit: "Fett", verschuldet und "impotent"

Das ist der Inhalt des brisanten Buches "Bekenntnisse eines Economic Hit Man" (1), das schon 2004 und 2005 in den USA und in Deutschland erschienen ist, auf das aber erst im Mai dieses Jahres eine Dokumentarsendung im ORF (2), produziert von einem griechischen Filmemacher, ein größeres und wacheres Publikum aufmerksam gemacht hat. Es geht also um das Phänomen des "Killers von Volkswirtschaften", des Killers von ökologischer und kultureller Vielfalt und Mannigfaltigkeit weltweit, des Killers gleichmäßiger, natürlicher Wohlstandsverteilung weltweit zugunsten der globalisierten, proletarisierten Einheitskultur von MacDonalds und Coca Cola, von Hartz IV und Loveparade, von BP, Aral und Shell, von Euro, Multikulti und kultur- und naturzerstörender Migrationsströme und aus dem Gleichgewicht geratener Geburtenraten in allen Teilen der Welt.


Es wird so seine eigene Bedeutung haben, daß die genannte Fernsehdokumentation von einem Griechen produziert worden ist, also dem Angehörigen eines der ersten europäischen Länder, das die volle Wucht des Erpressungspotentiales durch das Ausland erfahren hat, das in der übertriebenen Verschuldung seines Staates liegt. Aber Griechenland ist "überall". Island ist "überall". Wer wüßte das heute nicht? Vom Staatsbankrott kann heute fast jedes Land der Erde betroffen sein. Und es waren Leute im Geiste des "Economic Hit Man", des Zerstörers eigenständiger, bis dato von seiten des Auslandes vergleichsweise wenig erpreßbarer Volkswirtschaften, die die Grundlagen dazu gelegt haben in den Staaten weltweit.

Völker aus dem finanziellen, demographischen, kulturellen und sittlichen Gleichgewicht bringen

Durch die übertriebene Kreditvergabe an Staaten und ihre Eliten - möglicherweise schon mit dem Marschall-Plan des Jahres 1948, der das deutsche und westeuropäische "Wirtschaftswunder" hervorbrachte - werden ganze Volkswirtschaften und Kulturen noch mehr als das bis dahin geschehen war, auf den bloßen, glatten, kalten Materialismus hin ausgerichtet, auf den Mammon, auf das Schulden-Machen, auf Produzieren und Konsumieren. Aber zugleich werden Volkswirtschaften nach und nach - in den Ländern der Dritten Welt früher als in den Ländern der Ersten Welt - darauf ausgerichtet, daß sich die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker öffnet, daß immer kleinere Eliten über immer größeren Reichtum verfügen, während immer größere verelendete Massen kulturlos, instinktlos, abwehrlos, "proletarisiert" der Verarmung, der Verelendung, ja, der (... Hartz IV- und sonstigen)Sklaverei überlassen werden.

Ein gigantischer Raubzug der "Economic Hit Man", der "Killer von Volkswirtschaften" über alle Länder der Erde. Die parasitäre Existenz der globalisierten "Korporatokratie" mit ihrem weltweiten Machtzentrum in New York und Washington. Kapitalismus und Ausbeutung, Mehrwert-Abschöpfung weltweit, Zerstörung von Regenwäldern, Meeren, Naturräumen und menschlichen Kulturen auf die aller äußerste Spitze getrieben.

Mit Bibel und Ölförderung Kulturen zerstören

Während also Leser eines Autors wie William Engdahl immer noch mittels eines Blickes von außen - beispielsweise - auf die Zusammenhänge zwischen Öl, Weltmacht und überstaatlicher Finanzwelt aufmerksam gemacht werden, erhält man mit dieser neuen Dokumentation von Stelios Kouloglou (2) und der dazugehörigen Buchveröffentlichung des reuigen, früheren "Economic Hit Man" John Perkins (1) einen "Insider"-Bericht an die Hand mit oft noch viel weitgehenderen Implikationen, als diese wohl fast alle bisherigen Buchveröffentlichungen sonst zu diesem Thema nahegelegt worden wären. Dem Autor dieser Zeilen ist jedenfalls kein zweites Buch dieser Art bekannt.

Daß beispielsweise das vielgenannte "Summer Institute of Linguistics" (SIL) von dem 1981 vom CIA ermordeten Staatspräsidenten von Ecuador, Jaime Roldos, als der Kungelei mit der überstaatlichen Finanzmafia verdächtigt wurde und deshalb in Ecuador verboten wurde, weil mit Ölförderung und Bibel hier weitere, zurückgezogen lebende Indianerkulturen kaputt gemacht werden sollten (1, S. 238ff), erfährt man in diesem Buch ebenso wie viele andere Einzelheiten zu der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung von Ländern in Südostasien und Südamerika.

Alfred Herrhausen, einer der wenigen Anti-"Economic Hit Man"

Die Parallelen zu den zeitgleichen Vorgängen in Europa sind da nur unschwer zu ziehen. Schnell erinnert man sich, daß der Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, insbesondere deshalb Morddrohungen aus der amerikanischen Finanzwelt erhalten hatte (s. G. Wisnewsksi/"Das RAF-Syndrom"), weil er schon 1989 eine umfassende Entschuldung der Länder der Dritten Welt gefordert hatte. Wie konnte das die überstaatliche Finanzwelt zulassen, wo sie doch diese Schulden aufgebaut hatte, wie John Perkins berichtet, um weltweit sich die Staaten und Kulturen erpreßbar zu machen und erpreßbar zu halten?

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1. Perkins, John: Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia. Engl. 2004, Dt. 2005, 2008
2. Stelios Kouloglou: Im Dienst der Wirtschaftsmafia - Ein Geheimagent packt aus. (Orig.: "Apology of an Economic Hit Man".) Griechenland, Ecuador, Venezuela, UK, USA 2007. ORF 2, 16.5.2010. 1 1/2 Std.. Auf: Nuoviso.tv oder Youtube (in 9 Teilen).

Donnerstag, 3. Dezember 2009

"Aufbruch der Leistungsträger"

Aber mit welcher Moral?

Peter Sloterdijk ist einer der wenigen selbständigeren, geistreicheren Denker, Kultur- und Gesellschaftskritiker im heutigen Deutschland. Immer wieder einmal ist es lohnend, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen. Im November-Heft des "Cicero" ist sein neuester Aufsatz unter dem Titel "Aufbruch der Leistungsträger" veröffentlicht. - War es Sloterdijk selbst oder war es die "Cicero"-Redaktion, die diesen Aufsatz im Untertitel aufgepäppelt hat zu einem "bürgerliche(n) Manifest" (siehe Bild rechts)?

Und gibt das dieser Text her?

Einer der wesentlichsten Kritikpunkt an diesem Text ist sicherlich die inkonsequente, ja, fast gedankenlose Verwendung des Begriffes "Leistungsträger" durch Peter Sloterdijk. Sloterdijk unterscheidet - wie die meisten Denkenden heute - zu wenig zwischen gesellschaftsstabilisierenden und -weiterführenden Leistungen, die in einer Gesellschaft erbracht werden und "Leistungen" des Opportunismus, die den Fortbestand und die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft existentiell gefährden. Er scheint sich noch davor zu scheuen - wie so viele andere ebenfalls - sich einmal selbst und anderen zu verdeutlichen, wie hoch eigentlich der Anteil der bloßen Opportunisten unter der von ihm definierten Gruppe der "Leistungsträger" ist. Jedenfalls findet man zu diesem Thema auch nicht ansatzweise Abschätzungen in seinem Text.

Daß Sloterdijk durchaus ein ganz klares Gefühl für die gesellschaftsschädigende Wirkung der Opportunisten unter den Leistungsträgern hat, wird ja schon gleich im ersten, aufsehenerregendsten Abschnitt seines Textes deutlich. Da spricht er doch ebenfalls von jenen "Leistungsträgern", die er in den hinteren Abschnitten so herausstellt. Oder etwa nicht? Aber im vorderen Teil in einem ganz anderen Tonfall, als im hinteren. Macht sich Sloterdijk das denn nicht ausreichend klar? Warum bezieht er die im ersten Abschnitt gewonnenen Erkenntnisse über die vorherrschende Feigheit unter den heutigen "Leistungsträgern" nicht mit ein in sein Raisonement in den späteren Abschnitten?

"Leistungsträger" Axel Weber

Im ersten Abschnitt zeigt er anhand des Beispiels eines nicht unwichtigen "Leistungsträgers" in unserer Gesellschaft, nämlich anhand von Axel Weber, des Chefs der Deutschen Bundesbank, und anhand seines Verhaltens gegenüber seinem Kollegen Thilo Sarrazin:

... Auch die Leitung der Deutschen Bundesbank erweist sich gegen die Epidemie des Opportunismus als nicht immun. (...) Statt sich gelassen vor seinen Kollegen zu stellen (...), statt irgendetwas Souveränes, Aufheiterndes, gut Ventiliertes zu sagen, spricht Axel Weber (...) die allgemein erwartete Sklavensprache (...). Er kommt nicht auf den Gedanken, seine eigene entkernte Haltung, sein serviles Vorwegnehmen von eingebildeten Nachteilen, sein Floaten mit dem Tageskurs der Empörerei könnten die wirkliche Gefahr für das Ansehen seines Unternehmens bedeuten.

(Hervorhebungen nicht im Original.) Hier spricht Sloterdijk nicht nur von einer Gefahr für die Deutsche Bundesbank, sondern von Gefahren für die deutsche Gesellschaft überhaupt. Und ausgerechnet solche gefährlich-opportunistischen "Leistungsträger" soll man bei einer allgemeinen Beurteilung von "Leistungsträgern" in die gleiche Kategorie stecken wie jene - wenigen? - anderen "Leistungsträger", die nicht opportunistisch sind, nicht lethargisch sind und darum - nach Meinung von Sloterdijk - nicht die "Zukunft blockieren"?

Erst wenn man "Leistungsträger" nicht mit "Besserverdienenden" gleichsetzt und wenn man aus der Gruppe der Besserverdienenden (ebenso wie aus der Gruppe der weniger gut Verdienenden) jeweils den Anteil der Nicht-Opportunisten als einen speziellen Fall betrachtet, wird es doch sinnvoll, von einem "Aufbruch der Leistungsträger" überhaupt zu sprechen. Wollen wir denn einen Aufbruch in Bezug auf die "Leistungen" auf dem Gebiet des Opportunismus? Auf dem Gebiet der Feigheit? Auf dem Gebiet der (altchinesischen) Lethargie? Die entscheidende Frage ist doch: Wer sind denn die eigentlichen Leistungsträger in einer Gesellschaft?

Wo werden gesellschaftsstabilisierende Leistungen erbracht?

Erkennt man sie etwa - wie plump! - an dem Gehalt, das sie aufgrund ihrer "Leistungen" - etwa gar auf dem Gebiet des Opportunismus (?) - auf ihr Bankkonto überwiesen bekommen?

Nein. Die wichtigste gesellschaftsstabilisierende und -weiterführende Leistung ist es heute - "Studium generale" machte schon häufiger darauf aufmerksam -, wenn Eltern Kinder groß ziehen. Das kann doch nicht so schwer zu verstehen sein. Sollte das einem so klugen Kopf wie Peter Sloterdijk nicht endlich auch irgendwann einmal zugänglich sein? Daß zu aller Motivation, zu aller Fähigkeit für Leistung ein heiles Elternhaus die beste Grundlage ist?

Wer wenn nicht Eltern würden - zumindest doch ihrem eigenen Ideal nach - sogar jene "thymotischen Tugenden" des großzügigen Gebens alltäglich leisten, die Peter Sloterdijk so ganz richtig in unserer Gesellschaft - ansonsten - so sehr vermißt? Eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft ist doch, daß wir noch nicht einmal mehr großzügig genug sind, um überhaupt genügend Kindern das Leben zu schenken. - Oder sollte man diese thymotischen Tugenden wiederum ausgerechnet bei den vielen Opportunisten unter den "Besserverdienenden" suchen? Wie viele unter den Besserverdienenden gehören nur deshalb zu ihnen, weil sie insbesondere einer einzigen "Tugend" folgen, nämlich dem Opportunismus und dem eigenen Vorteil?

Auch Peter Sloterdijk läßt - wieder einmal - die entscheidendste, gesellschaftsstabilisierende Leistung außen vor. Obwohl er andererseits - wie Thilo Sarrazin - herrlich davon reden kann, wie schwierig es ist, die Kinder von Menschen anderer Kulturen zu integrieren. Also die Kinder jener, die zu den aus dem Ausland eingeführten "Streikbrechern" gezählt werden müssen, die den deutschen Geburtenstreik brechen. Aufgrund dieser ständigen Nachfuhr von Streikbrechern muß der offenbar so notwendige, schon Jahrzehnte lang anhaltende "Geburtenstreik" unter den Deutschen in Wirkungs- und Folgenlosigkeit verpuffen. Womit kein ausreichender Veränderungsdruck wirksam werden kann in Richtung einer Verbesserung der Lebensbedingung von Eltern, von in Lebenspartnerschaft lebenden Menschen und von Single's, die sich Kinder wünschen. Also insgesamt von grob sechs bis acht Millionen Menschen, die sich derzeit ihren vorhandenen Kinderwunsch - aufgrund von erforschbaren Ursachen - nicht erfüllen. (siehe St. gen.)

Wenn man dieser Gruppe von Leistungswilligen und Leistungsträgern nach jeder Richtung hin gerecht geworden ist, dann darf man sich - gerne - auch auf andere Gruppen, etwa auf die besondere Gruppe der Leistungsträger unter den Besserverdienenden konzentrieren.

Welcher Moral entspringen gesellschaftsstabilisierende und -weiterführende Leistungen?

Aber hat sich eigentlich Sloterdijk ausreichend klar gemacht, wie Leistungen auch im beruflichen Bereich überhaupt zustande kommen? Wie eigentlich die menschlichen Motivationssysteme beschaffen sind, die - auf die eine oder andere Weise - gesellschaftsstabilisierende und gesellschaftsweiterführende Leistungen hervorbringen? Oder konkreter: Woher stammt die Motivation, kein Opportunist zu sein, nicht in der einen oder anderen Weise nur angepaßt zu sein, mitzuschwimmen im Strom? Das ist doch die entscheidende Frage.

Und: Kann diese Motivation überhaupt mit Geld bezahlt werden? Mit Steuervergünstigungen? Mit dem Abbremsen von Steuererhöhungen? Was für eine Trivialmoral wird hier wiederum vertreten?

Über die menschlichen Motivationssysteme kann man sich informieren bei Joachim Bauer oder bei Konrad Lorenz. Auch ein Nachdenken über die protestantische Ethik und ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln (Rechtfertigungslehre von Martin Luther) könnte viel zu Tage bringen: Ist es allein die auch von Peter Sloterdijk umsonnene, schon im Alten Testament und im Mittelalter favorisierte "tit-for-tat"-Moral und ihr möglichst reibungsloses Funktionieren, die unsere Gesellschaft voranbringen wird?

Herr Peter Sloterdijk! Hören Sie, womit Sie mit Ihren "thymotischen Energien" noch hinkommen, wenn Sie diese einmal konsequent zu Ende denken? Sie rufen nach einer neuen "Reformation". Also nach einem neuen Martin Luther. Welcher Art waren die "thymotischen Energien", die Martin Luther zur Entfaltung brachte? Entsprangen sie im tiefsten Kern der "tit-for-tat"-Moral?

Wie kam nach Martin Luther der Mensch mit sich selbst ins Reine? Indem er Gutes tat, um in den Himmel zu kommen? Nein, indem er das Gute um seiner selbst willen tat. Allein um des Guten selbst willen. Um keines anderen Grundes willen. Und das ist doch die große, "thymotische Großzügigkeit" im guten Handeln, nach der Sie suchen. Muß man bibelgläubig sein, um eine solche Moral leben und allgemeingültiger formulieren zu können?

Dienstag, 1. Dezember 2009

Arbeitslosigkeit - ein Grund zum Heulen?

Hartz IV - das Überbleibsel christlicher und materialistischer Wirtschaftsordnung

"Hartzen" ist zum Jugendwort des Jahres 2009 erklärt worden. (Welt) Heinz Buschkowsky, der inzwischen schon fast deutschlandweit bekannt gewordene Bürgermeister des "Berliner Problembezirkes" Neukölln, sagt:
Wenn man Jugendliche fragt, was wollt ihr werden, antworten sie: Ich werde Hartzer.
Unsere Gesellschaft hat - offenbar - ein Problem. Sie kann mit freier Zeit nicht sinnvoll umgehen. Sie hat - immer noch - richtiggehend ein schlechtes Gewissen bezüglich des Umstandes, daß Menschen freie Zeit haben. Insbesondere: "Zu viel" freie Zeit. Es sind - offenbar - die gleichen Probleme, die lebenslange Sklaven haben, wenn sie aus ihrer Sklaverei befreit werden. Mit ihrer Freiheit können sie nichts anfangen. Die äußeren Ketten haben sich längst in innere Ketten umgewandelt.

Warum freuen wir uns nicht darüber, daß wir - endlich - weniger arbeiten müssen und doch eine Wohnung haben und uns satt essen können und uns ausreichend kleiden können und uns vieler sonstiger Annehmlichkeiten einer fortgeschrittenen Gesellschaft erfreuen können? Warum flößen wir uns selbst und anderen dauernd so ein schlechtes Gewissen ein, wenn wir "nur" das sind: Mensch. Woher kommt dieses: "nur"?

Hier steht eine Gesellschaft auf dem Kopf. - Woher kommt das?

Könnte so das Ergebnis einer Jahrtausende langen sozialpsychologischen Dressur in christlicher - das heißt in mittelalterlicher, benediktinischer und in neuzeitlicher, protestantischer - Arbeitsethik aussehen?*) Und haben sich selbst jene von dieser Dressur innerlich noch nicht befreit, die inzwischen schon lange - aber eben vielleicht doch nur äußerlich - zu "Atheisten" geworden sind? Versteht sich: zu materialistischen Atheisten?

Warum freuen wir uns eigentlich nicht über Arbeitslosigkeit? Warum jubeln wir darüber nicht? Warum sehen wir in der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung von "Verdi" --> weinende Menschen, wie man sie bei der Insolvenz eines solchen Arbeitgebers wie "Quelle" fotografieren kann. Zumindest - offenbar - in Nürnberg? Was für eine Sklavensprache spricht aus derartig scheußlichem Weinen? Und aus einer solchen Gewerkschaftszeitung?

Warum diese "Mißtrauensgesellschaft"?

Dabei sind viele Berufe, die bei "Quelle" ausgeübt wurden, nach mehreren offiziellen Gutachten - wie sogar der gleichen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung zu entnehmen ist - gesundheitsschädlich und inhuman. 80 Prozent derjenigen, die sie bislang ausgeübt haben, wollen diese Tätigkeit deshalb auch nicht bis zur Rente fortsetzen. So etwa die Tätigkeit eines "Call Center Agenten" (s. S. 22 der aktuellen Verdi-Zeitung). Sollten es wirklich die vielen Call Center Agenten sein, die bei der Insolvenz von "Quelle" das große Heulen bekommen haben?

Was für eine phantasielose Gesellschaft, die bei der Arbeitslosigkeit anderer Menschen oder bei der eigenen ein schlechtes Gewissen bekommt. Für die Arbeitslosigkeit ein Grund zum Weinen ist. Eine Gesellschaft, die ein schlechtes Gewissen dabei hat, den Menschen ein ordentliches, auch von Bundespräsident Horst Köhler als erwägenswert erachtetes, bedingungsloses Grundeinkommen, ein Erziehungsgehalt - oder auch nur ein Betreuungsgeld - zu zahlen.

Eine Gesellschaft, die als die eigene Handlungsleitlinie und die anderer noch überall die biblische Lohn-Straf-Moral vorauszusetzen scheint: Man tue das Gute nur, wenn man dafür - ordentlich - bezahlt wird, bzw. wenn man ausreichend kontrolliert wird (im Diesseits oder im Jenseits). Und wenn man nicht bezahlt wird, nicht kontrolliert wird, tue man das Gute Bitteschön auch nicht. Man sei doch - Bitteschön - kein "Idiot". Oft "darf" man - nach regulärer Gesetzeslage - Gutes gar nicht tun, ohne sich dafür bezahlen zu lassen. Denn man könnte ja dann Menschen eine Arbeit wegnehmen, die diese nur leisten, wenn sie etwas dafür bekommen. Wie viele Dinge stehen hier denn eigentlich gleichzeitig Kopf? Wieviele menschliche Verbiegungen, Verkrüppelungen verbergen sich denn hinter derartigen Einstellungen?

Ist es vor allem das (altruistische?) Bestrafen, das unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrecht erhält?

Nirgends in der Gesellschaft gibt es Stellen, die andere, lebensfrohere, lebensfröhlichere Einstellung fördern als diese von so typisch christlichem Mißtrauen in die menschliche Natur geleiteten Menschenbilder. Selbst die von zumeist atheistischen Wissenschaftlern angebotene "Evolutionäre Ethik" hat da bislang nur wenig zu bieten. Muß man sich da wundern, daß Mißtrauen und schlechtes Gewissen hochkommen, wenn von Geldleistungen die Rede ist, die "bedingungslos" sind? Und wenn von guten Taten die Rede ist, die "bedingungslos" sind?

Wie soll Vertrauen in die eigene Menschlichkeit und in die anderer entstehen, wenn wir uns ständig gegenseitig weiter im Teufelskreis, im Hexenkessel des Mißtrauens und des Materialismus belauern? Wenn wir uns gegenseitig belagern, begaunern und ausbeuten, da auch der Mißtrauen-geleitete "Third-Party-Punishment"-"Altruismus" die Gesellschaft insgesamt nicht mehr zusammenzuhalten und funktionsfähig zu erhalten scheint? (Zu letzterem siehe frühere Beiträge auf St. gen..)

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*) Der römische Historiker des 1. Jahrhunderts n. Ztr., P. C. Tacitus, berichtet in seiner "Germania", daß die Germanen seiner Zeit kein schlechtes Gewissen hatten, wenn sie faulenzend auf ihren Bärenfellen lagen. Die Christianisierung bewirkte hier einen klaren Wertewandel. Aber soll dieser Wertewandel auf dem Gebiet der Arbeitsethik der letzte Wertewandel der Geschichte bleiben? Auch heute?

Mittwoch, 28. Mai 2008

"Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus" - Oskar Lafontaine in Cottbus

"Die Linke", eine abscheuliche Partei mit guten Ansätzen

Den hinteren Teil und damit den wichtigsten Teil der Rede von Oskar Lafontaine auf dem Parteitag der "Linken" in Cottbus sah ich zufällig im Fernsehen. Und diese Ausführungen fand ich so eindrucksvoll, daß ich sie hier einstellen möchte. Die Rede ist im Netz zu finden (Die Linke), auch als 54-minütiges Video, in das es sich lohnt hineinzuschauen. Lafontaine, so schrieb die Presse, "rockte" den Saal. Das bloße Lesen des Textes gibt da den Eindruck noch nicht richtig wieder.

Ich kann mit fast allem übereinstimmen, was Lafontaine da inhaltlich im hinteren Teil seiner Rede sagt. Vor allem auch mit dem von ihm zum Ausdruck gebrachten Veränderungswillen. Und auch, was er einige Tage zuvor in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" (19.5.08) sagte:

"Die Nato war ein Verteidigungsbündnis und hatte vor dem Fall des Eisernen Vorhangs eine richtige Zielsetzung. Doch inzwischen ist die Nato zu einem Interventionsbündnis unter Führung der USA geworden. Diese gewandelte Nato lehnen wir ab."

"Wir freuen uns, wenn nun sogar der Bundespräsident fordert, die internationalen Finanzmärkte zu regulieren. Als ich das vor zehn Jahren als Finanzminister verlangt habe, bin ich von der britischen Sun zum gefährlichsten Mann Europas gekürt worden."

"Es ist ein Irrtum zu glauben, die Bedrohung käme in erster Linie von den Muslimen. Ich verweise auf ein kürzlich gegebenes Interview von Michail Gorbatschow. Er sagte im Daily Telegraph: "Die USA können kein anderes Land dulden, das unabhängig handelt. Jeder US-Präsident braucht seinen Krieg." Er habe manchmal das Gefühl, "dass die USA beabsichtigen, einen Krieg gegen die ganze Welt zu führen". Die Linke will keine Außenpolitik, die auf die militärische Eroberung von Rohstoffquellen und Absatzmärkten setzt."

Gegenfrage "Die US-Regierung ist aggressiver als der islamistische Terrorismus?"

Lafontaine: "Ich zitiere den Mann, der die deutsche Einheit ermöglichte."

Frage: "Die Zweifel an der Regierungsfähigkeit der Linken hängen auch mit Ihrem plötzlichen Rücktritt vom SPD-Vorsitz zusammen. Sie gelten seitdem als Verantwortungsflüchtling, auf den man sich nicht verlassen kann."

Lafontaine: "Ich konnte es nicht vor den Wählerinnen und Wählern verantworten, dass unsere Wahlversprechen auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wurden. Der Jugoslawienkrieg und der Sozialabbau standen im krassen Widerspruch zu unserem Wahlprogramm. Für mich ist es verantwortungslos, nach der Wahl das komplette Gegenteil von dem zu machen, was man vor der Wahl versprochen hat."

Frage: "Im März 1999 hätten Sie als Finanzminister die Machtmittel gehabt, sich für die Regulierung der Finanzmärkte einzusetzen."

Lafontaine: "Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann den, dass ich zugelassen habe, dass Schröder Kanzler wurde. Mit diesem Makel werde ich leben müssen. Ich konnte die Regulierung der Finanzmärkte nicht voranbringen, weil der eigene Kanzler das im Verein mit Blair hintertrieben hat."

Frage: "Wäre es damals nicht produktiver gewesen, Ihre Gründe öffentlich zu machen und der SPD zu erklären?"

Lafontaine: "Ja, es war ein Fehler, aus falscher Rücksichtnahme auf die SPD zu lange geschwiegen zu haben."

Gregor Gysi - Stasi-Spitzel

Aber heute könnte er - um vordergründiger politischer Erfolge willen - wieder zu lange aus Rücksichtnahme für die "Linke" schweigen! - Was für eine widersprüchliche Partei: Gregor Gysi war nicht nur einfacher Stasi-Spitzel, sondern kungelte mit seiner Familie mit Erich Honecker persönlich, wie immer deutlicher wird und er erhielt von Erich Honecker persönlich Lob für die juristische Verteidigung eines DDR-Regime-Gegners. (- Wahnsinn!) Aber von seiner Partei und auch von Oskar Lafontaine wird er immer noch gedeckt.

Der Politiker Lafontaine „taktiert“


Sollte das Wort „taktieren“ in der Politik nicht endlich einmal zu einem Schimpfwort werden? Wie passt denn das zusammen, wenn Oskar Lafontaine einerseits Friedrich Ebert in seiner Rede den Vorwurf macht, die kommunistische Revolution zusammen mit den alten Eliten 1919/20 in Deutschland niedergeschlagen zu haben und in der gleichen Rede den Unrechts-Charakter der DDR geißelt? Deutschland hätte exakt einen solchen Unrechtsstaat, wie er 1919 schon in Russland verwirklicht wurde und nach 1945 schließlich in der DDR verwirklicht wurde, schon 1920 kennen gelernt, wenn eben Friedrich Ebert nicht so gehandelt hätte, wie er es getan hat.

Da beruft sich Lafontaine also kräftig auf Karl Marx, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - aber wenigstens die beiden letzteren waren doch Leninisten. Rosa Luxemburg hätte – genauso wie Lenin und Stalin - jederzeit Gewalt zur Unterdrückung Andersdenkender benutzt, wie man heute aus ihren eigenen Äußerungen weiß (etwa gegenüber dem Sozialdemokraten August Winnig). Dennoch beruft sich Lafontaine auf sie!

Und zu Herrn Gysi heißt es in der "Welt" unter anderem:

"Der DDR-Experte Hubertus Knabe forderte Gysi auf, seine Zulassung zurückgeben. Ein Anwalt, der in einem Rechtsstreit der gegnerischen Partei diene, werde in Deutschland mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft: "Den Unterlagen zufolge hat Gysi vermutlich genau das getan." Es werde Zeit, dass er das unwürdige Versteckspiel um seine Vergangenheit beende. Wenn die Unterlagen früher gefunden worden wären, erklärte der Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen weiter, hätte die Staatsanwaltschaft gegen Gysi höchstwahrscheinlich ein Ermittlungsverfahren wegen Parteiverrat eingeleitet. Auch die Bundesrechtsanwaltsordnung sehe vor, Personen die Zulassung zu versagen, wenn sie sich eines Verhaltens schuldig gemacht hätten, das sie unwürdig erscheinen ließe, den Beruf eines Rechtsanwalts auszuüben. "Was in einer Demokratie eine schwere Straftat ist, ist in einer Diktatur noch viel verwerflicher: einen Mandanten an die Behörden zu verraten", so der Stasi-Experte. Die jetzt gefundenen Unterlagen legten den dringenden Verdacht nahe, dass Gysi eben dies getan habe. (...)

Konsequenzen fordert die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Thüringen, Hildigund Neubert: "Gregor Gysi soll sich am 11. Juni ins Goldene Buch der Stadt Erfurt eintragen dürfen. Angesichts der erheblichen Zweifel an der Vorbildhaftigkeit seiner Persönlichkeit halte ich das für eine Beschmutzung des goldenen Glanzes." (...)

Unmittelbar vor dem heute beginnenden ersten Bundesparteitag der Linkspartei in Cottbus attackierte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla Gysi. Er stehe "exemplarisch für die Weigerung der SED-Nachfolgepartei, sich intensiv mit der dunklen Seite ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dieses Verhalten ist und bleibt unerträglich"."

Wie sehr Herr Gysi nicht nur Robert Havemann bespitzelt hat, sondern auch einen gegenüber dem Staat "negativ" eingestellten Abiturienten und wie sehr in der Familie Gysi mit Honecker persönlich "geklüngelt" wurde, geht aus einem neuen "Spiegel"-Bericht hervor.

In was für einem merkwürdigen Staat leben wir? Und was für eine merkwürdige Partei ist das, "Die Linke"???

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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