Der Schweizer freiwirtschaftliche Demokrat
Salzmann erlebt persönlich die partei-internen Richtungskämpfe zwischen "Fundis" und "Realos" rund um die Machtergreifung Adolf Hitlers
- Sein Bericht ist ein bislang wenig beachtetes, sehr authentisches zeitgeschichtliches Dokument
Mit diesem Beitrag und einem parallelen auf dem Blog "Studiengruppe Naturalismus" erscheinen im folgenden zwei Beiträge zur
Rolle der Freiwirtschaftsbewegung (Silvio Gesell) 1. im Umfeld der NSDAP und 2. im Umfeld der
Ludendorff-Bewegung. Der
hier vorliegende allgemeinere erste behandelt das Agieren der Freiwirtschaftsbewegung im Umfeld der NSDAP (1931 bis 1934). Der genannte zweite parallele das Agieren derselben im Umfeld der Ludendorff-Bewegung (1936 bis 1942, sowie 1953 bis 1956). Beide Beiträge werfen vergleichsweise
unbeachtete Aspekte zur Geschichte des Nationalsozialismus und zur Geschichte des Ludendorff-Bewegung auf. In beiden geht es um nicht gänzlich unrealistische Alternativen zum Ablauf der Geschichte des Dritten Reiches zwischen den Jahren 1933 und 1945.
Zusammenfassender Überblick des folgenden
Schon in den 1920er Jahren
herrschten jene abstrusen, ja, verbrecherischen, ausbeuterischen wirtschaftliche
Verhältnisse vor in den Gesellschaften der westlichen Welt, die uns auch heute noch in Atem halten. Oder die heute sogar noch schlimmer geworden sind. Schon damals wurde der übermächtige Einfluß von Banken und Großindustrie von
einer großen Zahl von Menschen kritisch gesehen. Zu ihnen gerhörten nicht zum geringsten auch viele Mitglieder und Wähler der NSDAP. Sicherlich ist es heute
noch einfacher als damals zu übersehen, daß eines der tieferen
Grundübel der zu kritisierenden wirtschaftlichen Verhältnisse besteht in einer ganz
unverhältnismäßigen "Mehrwert-Abschöpfung" von Rationalisierungsgewinnen
durch einen verschwindend kleinen Bevölkerungsanteil gegenüber der
großen Masse der Bevölkerung (1).
Die sich daraus ergebenden Forderungen
lauten heute "Umverteilung" und "Verteilungsgerechtigkeit". Im Grunde
ist die Analyse der Mehrwert-Abschöpfung einst von Karl Marx populär gemacht worden (1). Und man fragt
sich, warum sie nicht schon in den 1920er Jahren auch außerhalb der
Kreise des Marxismus intensiver erörtert worden ist. Womöglich weil
damals Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und die
sozialpsychologische, demographische und gesamtwirtschaftliche Bedeutung der
Betreuung der Kinder durch ihre eigenen Eltern noch nicht
so
stark im Vordergrund standen wie sie es heute stehen im Zeitalter
der Gleichberechtigung der Frau und nachdem das - angebliche - "Jahrhundert des Kindes" schon wieder vorbei ist. Spätestens seit dem "Fünften
Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" aus dem Jahr 1994 steht jedenfalls der Sache nach die Forderung nach einem (schon von Gerhard Mackenroth in den 1950er Jahren geforderten) verteilungsgerechten Erziehungsgehalt für Eltern auf dem Stundenplan der Geschichte.
In den 1920er Jahren war aber die allgemeine Aufmerksamkeit noch auf zahlreiche andere wirtschaftliche Probleme gerichtet, die heute nicht mehr so
sehr im Vordergrund stehen (Inflation, Reparationen usw.), und die von der Grundproblematik fortgeschrittener Gesellschaften eher ablenkten.
Ein
Hauptgrund für die Nichtbeachtung der Analyse von Karl Marx wird aber
gewesen sein, daß Marx als Lösungsvorschlag die vollständige
Enteignung und Verstaatlichung allen Privateigentums in die Diskussion brachte (1). Dieser Vorschlag war nur mit unglaublicher Brutalität und mit Terror schärfster Art nach der Russischen Revolution von 1917 umzusetzen. Schon dieser Umstand konnte die Menschen in ihrer Gesamtheit nicht überzeugen. Im übrigen ist der Lösungsvorschlag von Karl Marx mit dem Jahr 1989 auch von der rein wirtschaftlichen Seite her gründlichst von der Geschichte widerlegt worden.
Mit dem Lösungsvorschlag und den dabei angewandten Methoden wurde aber offenbar
sogleich auch die ursprüngliche Analyse von Karl Marx verworfen. Und es scheint sich
damals außerhalb der Kreise des Marxismus kaum jemand über diese
grundlegende Analyse Gedanken gemacht zu haben und sie in jeweils aktualisierter Form zu Ende gedacht zu haben.
Stattdessen
gab es da als Alternativvorschlag etwa einen Gottfried Feder, dessen
Forderung nach "Brechung der Zinsknechtschaft" in das Parteiprogramm der
NSDAP übernommen worden war. Es gab als Alternativvorschlag den
Silvio Gesell (1862 - 1930),
der ein neues Geldsystem einführen wollte, das ein "Raffen",
"Hamstern", Horten von Geld und Reichtum quasi "automatisch" verhindern
sollte (
Freiwirtschafts-Bewegung). Ein Vorschlag, der 1936 selbst von einem John Maynard Keynes respektvoll behandelt werden sollte (siehe paralleler Beitrag).
Das sonstige politische System war diesen Anhängern des Silvio Gesell dabei
zunächst nicht so wichtig. Gesell selbst arbeitete 1919 bei der Räteregierung für Bayern in München mit. Andere Gesell-Anhänger versuchten, die Gedanken
Gesell's in der SPD durchzusetzen (etwa Hans Schumann zwischen 1927 und 1931). Und wiederum
andere in der NSDAP. Die keineswegs unbeträchtliche Zahl der Anhänger
von Silvio Gesell innerhalb der NSDAP kritisierten - mit ihrem
Wortführer
Wilhelm Radecke (1898 - 1978)
- spätesten ab 1931 parteiintern Gottfried Feder sehr stark.
Nach der Machtübernahme von 1933 setzten sich aber beide Richtungen nicht durch, sondern der typische Vertreter jenes traditionellen, ausbeuterischen Wirtschaftens und
jener internationalen Bankenmacht, die die NSDAP nach außen vorgab zu bekämpfen, von der sie aber selbst erst an die
Macht gebracht worden war durch Hintergrundfinanzierung, und nachdem und indem ihrer "antikapitalistischen Sehnsucht" das Rückgrat gebrochen wurde: Hjalmar Schacht.
Und es ist
durchaus naheliegend, daß die Ermordung
Ernst Röhms (1887 - 1934) unter anderem auch
deshalb im Interesse dieser traditionellen Mächte lag, weil Ernst Röhm offenbar für die
Anhänger Silvio Gesells ein sehr offenes Ohr hatte. Wie im vorliegenden Beitrag dargestellt werden soll.
Interessanterweise
wandten sich mehrere Anhänger Silvio Gesell's nach der Ermordung Ernst Röhms
verstärkt der Ludendorff-Bewegung zu, wo sie auch bei Erich und
Mathilde Ludendorff durchaus auf offene Ohren für ihre Anliegen stießen. Wenn
sich auch das Ehepaar Ludendorff niemals in umfangreichere Erörterungen einließ und
sich niemals definitiv auf die Lehre von Silvio Gesell als "den"
Lösungsvorschlag für wirtschaftliche Fragen schlechthin festlegte.
Nachdem das offizielle Feiern
des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs am 9. April 1935 durch das Dritte
Reich den Anschein erweckte, als ob der politische Einfluß Erich
Ludendorffs gegenüber seinem vormaligen "Mitkämpfer" Adolf Hitler wieder
im Steigen begriffen sei, wandte sich die Aufmerksamkeit zahlreicher Anhänger
der Lehre von Silvio Gesell jedenfalls recht deutlich der
Ludendorff-Bewegung zu. Ein Fritz Faßhauer (gest. 1937) und ein Hans Schumann
(geb. 1902) publizierten zwischen 1936 und 1942 regelmäßig in der Ludendorff-Bewegung. Und
nach der offiziellen persönlichen Aussprache zwischen Erich Ludendorff
und Adolf Hitler am 30. März 1937 glaubte der schon genannte Wilhelm Radecke sogar, mit
Erich Ludendorff zusammenarbeiten zu können, um Hjalmar Schacht zu
stürzen und an dessen Stelle Carl Friedrich Goerdeler einsetzen zu
können (siehe paralleler Beitrag). Solche Pläne konnten ja auch im Falle eines zwischen Ludendorff
und der Wehrmachtführung in jenen Jahren erörterten Staatsstreiches gegen Hitler zum
Tragen kommen.
Zwar wurden diese Pläne einer
Zusammenarbeit mit Erich Ludendorff durch dessen Tod im Dezember 1937
beendet. Aber noch im Jahr 1939 konnte sich Mathilde Ludendorff in einem Sammelband der antisemitischen Aufsätze ihrer selbst und Erich Ludendorffs nur allzu deutlich selbst als
eine Anhängerin der Analysen von Silvio Gesell darstellen. Wobei sie
sich aber auch dort keineswegs darauf festlegte, daß nun ihrer Meinung nach etwa die
Lösungsvorschläge von Silvio Gesell "die" Lösung schlechthin für die
wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit wären.
Wie übrigens Adolf
Hitler die Bedeutung des 1945 hingerichteten Carl Friedrich Goerdeler
einschätzte, geht auch aus einer Eintragung des erst jüngst wiederentdeckten Hitler'schen Kassenbuches hervor (
EinesTages 2011):
Die höchste im Kassenbuch verzeichnete Summe, die an eine Einzelperson ausgezahlt wurde, bekam die Buchhalterin Helene Schwärzel aus Elbing in Ostpreußen – für eine fragwürdige Tat: Schwärzel verriet den ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig und Widerstandskämpfer Carl Goerdeler, als der sich nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf der Flucht befand. Hitler empfing sie dafür im Führerhauptquartier "Wolfschanze", wo er ihr als Belohnung einen Scheck über eine Million Reichsmark aushändigte.
(Zu weiteren nicht unbedeutenden Erkenntnissen, die diesem Kassenbuch entnommen werden können s.a.
Stud. Natur. 2011.) Den Umstand, daß sich Erich und
Mathilde Ludendorff selbst niemals explizit auf die Lösungsvorschläge
von Silvio Gesell festlegten, übersahen seine Anhänger nach 1945. Da
wunderten sich nämlich Wilhelm Radecke als Vorsitzender der
neugegründeten Partei "Freisoziale Union" und Hans Schumann als
wichtiger Mitarbeiter derselben darüber, daß es nun in der
Ludendorff-Bewegung nicht mehr die frühere Offenheit für ihre Ideen
geben würde.
Verlor die Ludendorff-Bewegung etwa in dem Maße ihr
Interesse für die Gesell-Anhänger, in dem es spürbar war, daß sie nicht
mehr in dem Umfang wie zuvor das Ohr der Mächtigen hatten? Oder lag
es womöglich vor allem auch daran, daß Wilhelm Radecke gar zu plump
versucht hatte, die Ludendorff-Bewegung für seine eigenen Ideen zu
vereinnahmen? Worauf dann nämlich Franz von Bebenburg 1953 sehr ablehnend reagierte?
Insbesondere
war es dann jedenfalls der Ludendorff-Anhänger Eberhard Beißwenger (1889 - 1984), der
sich bis zu seinem Lebensende ausführlicher und sehr ablehnend sowohl zur Analyse wie zu den
Lösungsvorschlägen von Silvio Gesell äußerte. Daß er dies ab 1954, nach seiner Pensionierung, sozusagen im Auftrag von Mathilde Ludendorff tat, wobei er ihr bezüglich der Analyse von Silvio Gesell sogar inhaltlich widersprach, ohne daß davon sein offenbar sehr gutes persönliches Verhältnis zu Mathilde Ludendorff beeinträcht worden ist, zeigt, wie wenig Mathilde Ludendorff in diesen Fragen letztlich inhaltlich festgelegt gewesen ist. Und daß sie von der damaligen Gegenwart und weiteren Zukunft erst die eigentliche Lösung dieser grundlegenden wirtschaftspolitischen Probleme erwartete. Womöglich ließ aber auch das "Wirtschaftswunder" der 1950er Jahre die
Dringlichkeit in all diesen Fragen, die heute wieder stärker empfunden wird, eher in den Hintergrund treten. (Es ließ ja auch nur vergleichweise wenige Menschen damals auf die Bedeutung der zeitgleichen demographiepolitischen Vorschläge Gerhard Mackenroths aufmerksam werden.)
 |
| Abb. 2: Gegner Nr. 1: Freimaurer Schacht (1931) |
Noch
bis vor wenigen Jahrzehnten waren die Anhänger der Lehre Silvio Gesells
jedoch recht aktiv. Auch im Umfeld der Ludendorff-Bewegung. (Namen wie etwa Friedrich Lohmann oder Reiner Bischoff werden in der Literatur genannt.)
Da sich aber die
einstige "Freisoziale Union" Wilhelm Radeckes von ihrer vormaligen Nähe
zu völkisch-rechten Kreisen distanzieren wollte, benannte sie sich im Jahr
2001 um in "
Humanwirtschaftspartei". Aus diesem Anlaß wurden die völkischen Bestrebungen in ihrer Geschichte zum Teil aufgearbeitet (siehe etwa: 2 - 6, 17, 18).
Wobei allerdings die Nähe Wilhelm Radeckes und Salzmanns zu führenden Köpfen des Dritten Reiches in der
offiziellen Geschichte der Partei (auf ihrer heutigen Internetseite) gar nicht
erwähnt wird. Und wobei auch in anderen Darstellungen darauf nicht in der Prägnanz
hingewiesen wird, wie es wohl der Sache angemessen wäre. (Offenbar wird dies noch heute von dieser Partei als diskreditierender empfunden, als die Mitarbeit
von Silvio Gesell bei der terroristischen Räteregierung Bayerns, die auch auf der Internetseite keineswegs verschwiegen wird.)
Was
jedenfalls bis heute fast völlig unbeachtet geblieben zu sein scheint,
bzw. von den Anhängern Silvio Gesell's selten mit Prägnanz
herausgestellt wird, ist die Tatsache, daß auch die Anhänger der Lehren
von Silvio Gesell niemals mehr zuvor oder danach so viel Offenheit auf
Seiten der potentiell Mächtigen für ihre Ideen gefunden hatten, als bei führenden
Repräsentanten der NSDAP vor und unmittelbar nach der Machtergreifung Adolf Hitlers. Also etwa zwischen 1931 und 1934.
Dies wird nun insbesondere verdeutlicht durch einen im
Jahr 1944 veröffentlichten Bericht des Schweizer Kaufmanns Salzmann (7 - 13),
eines Anhängers der Lehren Silvio Gesell's und Freundes von Wilhelm
Radecke. Im Gegensatz zu Radecke oder Hans Schumann scheint dieser Kaufmann Salzmann
allerdings schon in
jenen Zeiten überzeugter Demokrat gewesen und auch geblieben zu sein. Was
seinem Bericht
(7 - 13) womöglich erst jene besondere Note gibt, die ihn zu einem so außerordentlich
authentischen historischen Dokument werden läßt. Der
Bloginhaber freut sich immer, wenn er klischeehaften, schablonenhaften
Geschichtsbildern authentischere, stimmigere, präzisere Sichtweisen gegenüberstellen kann. Und es ist nun erstaunlich, daß dies
mit Hilfe dieser Schrift Salzmanns auch geschehen kann gegenüber Personen wie: Joseph
Goebbels, Heinrich Himmler oder Ernst Röhm.
Ein Tagebuch-Eintrag von Joseph Goebbels (August 1931)
Im Tagebuch von Josef
Goebbels findet sich zu einem Tag im August 1931 der folgende Eintrag
(14, S. 87):
Mit
Graf Helldorf nach Karlshorst zu einem Pgn. Radecke. Dort sind alle
Stafs (Stabsführer) versammelt. Und ein Herr Salzmann, der zusammen mit
Radecke einen neuen Währungsplan entworfen hat. Die Index- oder
[Festwährung]. Danach ist eine In ...
(Leider
nur Google-Bücher-Ausschnitt, das Zitat muß noch ergänzt werden.) Mit
"Pgn. Radecke" war also der schon genannte damalige Direktor der
Reichskreditanstalt, Parteigenosse Wilhelm Radecke gemeint. Adolf Hitler selbst nun war auf Gesell gar nicht gut zu sprechen. Und dieses
Treffen sollte - trotz des Widerstandes von Adolf Hitler - dazu
verhelfen, dem freiwirtschaftlichen Gedanken in der NS-Bewegung und
in einer künftigen NS-Regierung den Weg zu bahnen.
Bei den Teilnehmern handelte es sich in der Mehrheit um die führenden Angehörigen der bis zum 30. Juni 1934 sehr einflußreichen, aktiven und parteiintern als "forsch" geltenden, besser gesagt brutalen, verbrecherischen SA-Gruppe Berlin-Brandenburg (
Wiki, s.a. Abb. 3). Diese Gruppe spielte aber in den parteiinternen Auseinandersetzungen vor der Machtergreifung zwischen den "Fundis" und den "Realos" der
damaligen Zeit auch gegenüber der eigenen Parteiführung eine große Rolle. Was insbesondere hervortrat in den Zusammenhängen rund um die sogenannte "Stennes-Revolte" im April 1931 (
Wiki). Auch damals ging es darum, daß die "Fundis" parteiintern von der Parteiführung erst zurückgedrängt werden mußten, bevor man dieser Partei die Macht wirklich geben konnte.
Welcher
"Herr Salzmann" nun gemeint war, ob sein Vorname Heinrich, Walter oder
Ernst gelautet hat, ist uns bislang noch nicht recht zu klären möglich
gewesen. Im
Register (S. 418)
zu Goebbels Tagebüchern wird für Seite 87 ein "Heinrich Salzmann"
aufgeführt. In der Literatur (5, 7 - 13) finden sich aber auch die
anderen genannten Vornamen. Ob eine 1904 erschienen Disseration oder ein Schweizer Textilunternehmen Salzmann (15, 16) mit dem Autor dieser Schrift etwas zu tun hatten, muß einstweilen ebenfalls offen bleiben.
Ein solcher Schweizer Kaufmann Salzmann hat jedenfalls im Jahr 1944 in der Schweiz anonym eine
Schrift herausgebracht (7 - 13), in der er einen atmosphärisch sehr genauen
Bericht über die Vorgeschichte und den Verlauf dieses Gespräches und
weiterer mit Himmler und Röhm gibt. In diesem wird das persönliche und
politische Umfeld von Goebbels, Röhm und Himmler aus der Sicht eines
überzeugten Demokraten sehr einfühlsam, genau und
authentisch in seiner Atmosphäre, in seinem Stimmungsgehalt, auch in
seiner Offenheit für neue, gerne sogar revolutionäre sozialpolitische
oder wirtschaftliche Ideen geschildert. Salzmann gibt diesen Bericht
zugleich als seinen Blickwinkel zur Klärung der Motive für die
Röhm-Morde des Jahres 1934. Motive, die sicherlich nicht ganz außer acht
gelassen werden können, insbesondere auch, was ihren atmosophärischen
Gehalt betrifft.
Es
sieht nicht so aus, als ob dieser Bericht in der Geschichtswissenschaft
bislang schon ausreichende Würdigung und Berücksichtigung gefunden hätte. Es fällt überhaupt auf, daß es zu Ernst Röhm bis heute keine umfassende wissenschaftliche Biographie gibt. Der Salzmann-Bericht taugte womöglich sogar als ein guter Zugang in das "Herz" der Persönlichkeit von Ernst Röhm überhaupt. Auch bei der Beurteilung all jener "linken Nationalsozialisten"
und jener "Schwarzen Front" Otto Strassers, die zwischen 1931 und 1934
in einer sogenannten "Querfront" - gegebenenfalls auch unter Ausschluß
Hitlers - in eine Regierung Schleicher hatten eingebunden werden sollen, dürfte sich der Salzmann-Bericht als dienlich erweisen.
Deshalb
soll im folgenden dieser Salzmann-Bericht in einigen seiner wesentlichsten Teile referiert, bzw. zitiert werden. Durch ihn bekommt man sowohl von dem
Berliner Kreis um Joseph Goebbels im Jahr 1931, mehr aber noch von der
Person Ernst Röhms einen atmosphärisch sehr authentischen Eindruck. Der
gerade durch den kritischen und zugleich auch "menschlichen" Blick eines Demokraten auf diese Szenerie
besticht. Salzmann gewinnt trotz der bei ihm vorliegenden inneren
Reserve eines Demokraten insbesondere der Person Ernst Röhm manchen
positiven Zug ab. Aus einer solchen Perspektive wie der seinen hat man
jedenfalls Leute wie Goebbels oder Röhm bislang noch eher
selten zu sehen bekommen.
Ein
Friedrich
Salzmann und auch der schon genannte Wilhelm Radecke spielten nach 1945
in der freiwirtschaftlichen Bewegung und auch in der aus dieser
hervorgegangenen Partei "Frei-soziale Union" eine Rolle (
Bartsch 1994).
Womöglich war dies der Hauptgrund dafür, daß diese genannte Schrift des
Herrn Salzmann aus dem Jahr 1944 (7 - 13), deren Autor schon in den 1950er
Jahren nach dem Vorwort für diesen Bericht verstorben sein soll (13), offenbar unter verschiedenen Autorschaften
neu aufgelegt worden ist, und daß in dem Bericht auch die Rolle der
Person Wilhelm Radeckes unter dem als solchem gekennzeichneten
Pseudonym "Direktor Spreng" behandelt wird (7 - 13). (Von den unter [7 - 13] zitierten Ausgaben konnte nur in [13] bislang eigener Einblick genommen werden.)
Es ist naheliegend,
daß sowohl Friedrich Salzmann wie Wilhelm Radecke die Offenheit führender revolutionärer Kreise unter den
Nationalsozialisten für freiwirtschaftliche Ideen nach 1945 behandelt wissen
wollten. Daß sie aber ihre eigene Mitbeteiligung oder die eines
nahestehenden Verwandten bei diesen Ereignissen nicht allzu sehr in den Vordergrund
gestellt wissen wollten.
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| Abb. 3: Karl Ernst, Helldorf, Goebbels, Karl Hank, hinten Albert Speer am 30. 1. 1933 |
August 1931 - Salzmanns Treffen mit Joseph Goebbels
In
der seit den 1990er Jahren erschienenen Literatur zur Geschichte der
freiwirtschaftlichen Bewegung wird jedenfalls über den Nationalsozialismus berichtet (5, S. 70):
Prominente Freiwirte wie Wilhelm Radecke und Fritz Schwarz
nahmen Gespräche mit ihm auf, erkunden
wollend, ob die NSDAP wenigstens das Freigeld einführen werde, sobald
sie an der Macht sei. Goebbels, Himmler und Röhm waren sehr
interessiert.
Dies wird bezüglich des schon oben genannten Gespräches noch etwas genauer beschrieben (5, S. 20):
...
arrangierte Radecke in seiner Privatwohnung in Berlin-Karlshorst ein
Treffen, an dem Daluege, Graf Helldorf, Josef Goebbels und ein Dutzend
weitere höhere Funktionäre teilnahmen. In diesem Kreis hielt der um
diese Zeit in Berlin lebende schweizerische Exportkaufmann Walter
Salzmann einen Vortrag über eine Stabilisierung der Konjunktur mit den
von Gesell entwickelten Mitteln. Später berichtete Salzmann, sein
Vortrag sei positiv aufgenommen worden, obwohl die Sache für ...
(Leider bislang nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitierbar.) Hier also hat der referierende Schweizer Kaufmann Salzmann den Vornamen Walter.
In
seinem Bericht, auf den auch im eben gerade gebrachten Zitat Bezug
genommen wird, heißt es nun wörtlich, daß ihn sein Freund Wilhelm
Radecke angerufen habe (13, S. 2):
Sie
müssen heute abend ein Referat über "Währungspolitische Aufgaben im
Dritten Reich" übernehmen. Daluege hat für das Zustandekommen gesorgt.
Dr. Goebbels, Graf Helldorf, Ernst und noch ein Dutzend andere
Prominente werden kommen.
Salzmann
habe Einwendungen gemacht, wie er berichtet, da er dem
Nationalsozialismus viel zu kritisch gegenüberstehen würde. Radecke habe
aber auf die "unabsehbare Tragweite" der Möglichkeiten von Einflußnahme
verwiesen, die man nicht ungenützt vorüber gehen lassen dürfe. Und
diesen habe sich Salzmann dann trotz aller seiner Bedenken nicht
verschließen können. Deshalb habe er zugesagt (13, S. 3):
Ich kannte bis dahin keinen der von Spreng (gemeint ist Wilhelm Radecke) aufgezählten Männer persönlich.
Und
dann nach der Schilderung vieler interessanter Einzelbeobachtungen zur
Ankunft der Teilnehmer seines Vortrages und des vorausgehenden Essen (13, S.
5f):
Graf
Helldorf in Breeches und Reitstiefeln warf sich neben Daluege in einen
bequemen Sessel, die anderen folgten dem Beispiel. (...) Mein Vortrag
dauerte über zwei Stunden. (...) Ich war in meinen Ausführungen nicht
ein einziges Mal unterbrochen worden. Lediglich Dr. Goebbels erhob sich
ab und zu aus seinem tiefen Klubsessel, machte einige Schritte auf und
ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn und das zurückgeglättete
dunkle Haar. Er gab sich den Eindruck tiefen Nachdenkens, eilte, wie ich
an seinem Mienenspiel wahrzunehmen glaubte, meinen Äußerungen oft
voraus, indem er Perspektiven sah, die nicht erörtert wurden, aber
logisch sich aus dem Gesagten ergaben.
Lebhaften
Diskussionen und zahlreiche Fragen folgten. Sehr aufschlußreich schien
mir, daß Fragen hinsichtlich der passiven und offenen Sabotage seitens
der Großindustrie und Banken, Möglichkeiten der Kapitalverschiebungen
und dergleichen besonders interessierten. Da die Herren im Zivilleben
ganz verschiedenen Berufen angehört hatten, waren auch die gestellten
Fragen entsprechend vielseitig. Nur Sturmführer Knüttel hatte immer
persönliche Sorgen. Er wollte sein Häuschen verkaufen, aber nur gegen
Gold. Ich konnte ihn, nach längerem Rededuell und zum Vergnügen der
andern, überzeugen. Der letzte Rest seiner Geldsorgen wurde dann mit ihm
am 30. Juni 1934 begraben. Davon später.
Es
fielen eigentlich weiter keine naiven Fragen oder kleinliche Bedenken.
Im Gegenteil herrschte eine draufgängerische positive Einstellung,
trotzdem die Sache für die meisten Zuhörer völlig neu war.
Im weiteren ging es dann um Fragen der politischen Durchsetzung dieser Ideen:
Wobei
sich Graf Helldorf, als Antwort auf gefallene Bedenken über das
Mitmachen Hitlers bei dieser doch so ganz außerhalb des Parteiprogramms
liegenden Währungsreform zu dem Ausspruch hinreißen ließ: "Und wenn
München nicht will, dann marschieren wir gegen München."
Dieses
Wort fand allgemeine, offensichtliche Zustimmung. Dabei muß ich
allerdings erwähnen, daß Dr. Goebbels nur selten etwas sagte. Es war aus
ihm lange Zeit weder Zustimmung noch Ablehnung zu lesen.
Dieses Wort hatte ja erst wenige Monate zuvor im Zusammenhang mit der "Stennes-Revolte" eine recht beträchtliche Rolle gespielt (
Wiki). In einem nachfolgenden Einzelgespräch mit Goebbels und Sturmführer Knüttel habe letzterer erklärt,
seit
den Fronterlebnissen keinen so schönen Abend mitgemacht zu haben: erst
jetzt wisse er wirklich, für was er kämpfe und was er seinen Jungens -
gemeint war seine SA-Staffel - sagen müsse, wenn sie ihn fragen.
In einem Gespräch einer nebenstehenden Personengruppe wurde erörtert:
"Standartenführer
Ernst hörte eben, daß Sie bald endgültig ins Ausland gehen und machte
deshalb in allem Ernst den Vorschlag, Sie in Schutzhaft zu nehmen, um
über Sie zu verfügen für die spätere Übernahme der 'Finanz-Tscheka',
nach seiner Meinung sind Sie der einzige, der den Schlichen dieser
Gesellschaft gewachsen wäre." Ich mußte über die ausgefallene Idee
lachen. Ich ahnte nicht, daß diese Leute zu derlei Schritten imstande
waren.
Es war lange nach Mitternacht, als man aufbrach.
Jeder sprach zum Abschied ein kurzes, verbindliches Wort zu mir, und
man hoffte, sich bei den geplanten volkswirtschaftlichen
Schulungsabenden bald wieder zu treffen. Nach dem sphinxhaften Verhalten
von Dr. Goebbels während des langen Abends überraschte es mich sehr,
als er beim Abschied meine beiden Hände ergriff und, sie den langen
Korridor vor der Haustüre nicht loslassend, sagte: "Ich erwarte, nein,
ich fordere von Ihnen, daß Sie den Führer ebenso hundertprozentig
überzeugen werden, wie Sie mich überzeugt haben." Ich gab ihm ein
Kompliment zurück und bemerkte mit einer Spur von Bosheit, daß ich von
ihm "enttäuscht" sei, weil ich ihn für einen viel schlechteren Zuhörer
gehalten hätte. Damit schloß die Türe.
Auch nach diesem Abend habe nicht bei Radecke, aber bei ihm, Salzmann, weiterhin Skepsis und Pessimismus vorgeherrscht:
Denn
wem sei, so fragte ich, damit gedient, wenn die Nazi die technisch
richtige Lenkung der Wirtschaft in den Dienst eines totalitären
Militärstaates stellen? Spreng (also Radecke) hielt solche Abwege für
ausgeschlossen.
Salzmann berichtet dann weiter:
Ende
1931 rechnete die Partei bestimmt mit einer baldigen
Regierungsbeteiligung, und entsprechend bemühten sich meine Freunde, die
Probleme der Wirtschaft und Währung bei der Führerschaft zur Abklärung
zu bringen. Die Kunst war eigentlich immer nur, an den Mann zu kommen.
Die Bereitwilligkeit, neue Wege, die nicht vom Marxismus her, oder zu
ihm führten, zu prüfen, war erfreulich offen. Nur Charaktere wie Göring
erwiesen sich von Grund aus feindlich.
Göring habe ihn in einem persönlichen Gespräch abgewimmelt mit Worten wie "Was wollen Sie eigentlich gegen eine Autorität wie Schacht?"
Dezember 1931 - Salzmanns Treffen mit Heinrich Himmler und Ernst Röhm
Weiter lautet der Bericht (13, S. 8f):
In
den letzten Dezembertagen erreichte mich am Genfersee, wo ich zur
Erholung weilte, ein Handschreiben Himmlers mit der Mitteilung, daß
Stabschef Röhm und er nach Zürich kommen würden, zu einer Besprechung
mit mir. Ich wurde von Berlin aus orientiert, daß die Gewinnung beider
für die Gesellsche Währungsreform auf gutem Wege sei, daß aber für das
weitere Vorgehen viel davon abhänge, welchen Eindruck ich auf Röhm
mache, da nur er persönlich in der Lage sei, Hitler zu einer Besprechung
mit mir, bzw. zum Anhören meiner Vorschläge zu bewegen.
So
fuhr ich also nach Zürich. Skepsis und Bedenken einmal mehr
überwindend. Mit Recht durfte ich mir dabei sagen: Eine Partei, die ihre
Prominentesten entsendet, um sich über ein antikapitalistisches
Währungsprogramm belehren zu lassen, ist jedenfalls bedeutend
hoffnungsvoller als die bürgerlichen Parteigebilde, die jede Kritik an
ihrer Politik als Anmaßung empfanden und zur Diskussion durchgreifender
Reformen prinzipiell keine Zeit hatten.
Man merkt
also an solchen Ausführungen, wie auch noch Ende 1931 eine solche
gesellschaftliche Aufbruchsbewegung wie die NSDAP - das war sie ohne
Frage - für viele Entwicklungen offen war. Ähnliches kann ja für
ähnliche Entwicklungsphasen in den Geschichten anderer
Aufbruchsbewegungen und daraus hervorgegangener Parteien gesagt werden,
etwa der "Grünen". Um so mehr sich dann die jeweiligen "Realpolitiker"
durchsetzen, um so mehr breitet sich Phantasie- und Alternativlosigkeit
aus. Was aber besonders frappiert, ist, daß im Jahr 1931 sogar so
führende Persönlichkeiten wie Goebbels, Röhm und Himmler für eine solche
Offenheit standen. Sie konnten sich das womöglich erlauben, da das
Hauptaugenmerk jener, die die NSDAP an die Macht bringen wollten,
1931/32 auf ganz andere Bereiche gerichtet war.
Aber
womöglich macht es gerade in diesem Zusammenhang Sinn, daß der einzige
prominentere jüdische Anhänger Erich Ludendorffs, nämlich Abraham
Gurewitz, zugleich auch Anhänger von Silvio Gesell gewesen ist (mehr dazu im 2. Teil). Hat man
womöglich auch von Seiten einer irgendwie gearteten "Israel-Lobby" und irgendwie von dieser beeinflußter freimaurernaher völkischer Okkultlogen schon frühzeitig bestimmte Kräfte
bereit gestellt, sozusagen auf "Beobachtungsposten" gestellt, um frühzeitig auch zu
richtigen Einschätzungen zu gelangen, was die politischen
Einflußmöglichkeiten der freiwirtschaftlichen Bewegung betrifft? Wäre,
wenn die Freiwirtschaftler politisch noch ein wenig erfolgreicher
gewesen wären, auch ihnen gegenüber von Seiten einer solchen "Israel-Lobby" aus der
Versuch gemacht worden, den damit angerichteten "Schaden" (aus der
Sicht dieser Lobby) wennmöglich zu begrenzen oder auch - die andere Methode: so zu
übertreiben, daß er dann später auch wieder "korrigiert" werden müßte?
Lobbykräfte müssen ja bekanntlich viele Eisen im Feuer haben, müssen
allseitig informiert sein und allseitig reagieren. Das Wirken des
Abraham Gurewitz jedenfalls könnte sich auch in diese Zusammenhänge
letztlich einordnen.
"Die Bereitwilligkeit, neue Wege zu prüfen, war erfreulich offen"
Weiter im Bericht des Schweizers Salzmann. Er schildert
sehr genau das vertrauliche Verhältnis zwischen Himmler und Röhm schon
am Vorabend der offiziellen Besprechung (13, S. 9f). Über die offizielle
Besprechung am nächsten Morgen um 9 Uhr berichtet er (13, S. 11):
Röhm
hatte während meines Referates wiederholt kurze Fragen gestellt oder
selbst zustimmende und ergänzende Bemerkungen gemacht. Es war für mich
überraschend, wie schnell und sicher er auf den Kern der Dinge ging und
oft scharf präzisierte, wo ich eine Maßnahme absichtlich zu wenig
betonte.
Röhm war überhaupt ein anderer Mensch als am
Abend zuvor. Seine massiv wirkende, untersetzte Figur war gestrafft,
Schritt, Bewegung und Wort kurz und fest, der ganze Mann im "Dienst".
Diese Haltung gab der Konferenz gleich von Anfang an einen gewichtigen,
ernsten Charakter.
Es war bei Röhm kein stolperndes
Nachhinken hinter neuen Gedankengängen, wie ich es je und je bei Bank-
und Kaufleuten zur eigenen Berufsblamage feststellen mußte, sondern ein
Mitmarschieren, bei dem man den festen Schritt auf harter Straße
förmlich hörte. Wir wurden restlos einig. Ich gewann von ihm die
Überzeugung, daß er den Willen besaß, marschieren zu lassen, wenn die
Aufrichtung eines sozialen, den Marxismus und Kapitalismus überwindenden
Deutschland nicht anders als durch den Aufmarsch der wartenden
SA-Massen zu erreichen ist.
Um 10.30 Uhr fand die Besprechung ihren Abschluß.
Röhm stand auf, beide Hände auf den Tisch gestemmt und immer noch ganz Stabschef:
"Ich
muß Sie nun verlassen, notwendiger Besuch. Ich werde dafür sorgen, daß
der Führer Sie anhört. Merken Sie sich aber: Mehr als 10 Minuten hört er
nicht zu. In dieser Zeit müssen Sie ihn packen. Und Vorsicht, auf den
Namen Gesell darf er nicht kommen, sonst (seine Mimik sagte deutlich:
Wutanfall und Schluß) ... Halten Sie sich reisefertig, Sie werden innert
14 Tagen ein Telegramm erhalten."
In der Rückfahrt im Zug läßt Salzmann seine Eindrücke Revue passieren (13, S. 12):
Von
Himmler hatte ich nicht die Gewißtheit, daß er von sich aus an der
Verwirklichung des sozialen Neubaues mit dem Gewicht seiner Person und
seiner SS tätigen Anteil nehmen oder gar initiativ vorgehen würde. Mir
schien es (...), daß er sich wie ein Gymnasiallehrer mit einer kleinen
Zahl von Eliteschülern erhaben fühlt neben dem Drillmeister der
überfüllten Volksschule.
Aber bei Röhm lag der Fall
ganz anders. Etwas als richtig erkennen, ohne es dann auch zu tun, wäre
ihm wesensfremd gewesen. "Ich betrachte die Welt von meinem soldatischen
Standpunkt aus. Bewußt einseitig." (...) Statt "einseitig" hätte er
aber auch mit einiger Berechtigung sagen dürfen: "selbständig".
Ein wirklich schöner Satz: "Etwas als richtig erkennen, ohne es dann auch zu tun, wäre
ihm wesensfremd gewesen." Wenn dies den Charakter von Ernst Röhm wirklich treffen würde, könnte es wirklich interessant sein, sich mit ihm noch einmal genauer zu beschäftigen. So möchte man meinen. Salzmann bekam dann Mitteilung aus Berlin (13, S. 13):
Es
wurde auf die völlige Absorbierung des Führers auf dem politischen
Kampffeld verwiesen, der ganze Apparat laufe auf Hochtouren, und es sei
mit dem besten Willen nicht möglich, auch nur vier Tage zum voraus eine
bestimmte Zeit festzusetzen. Da Hitler jetzt mehr in Berlin sei als in
München, soll ich dorthin kommen.
Schließlich sagt
Salzmann aber diesen Plänen ab. Seine Überlegungen und Begründungen für
diese Absage sollen hier nicht vollständig wiedergegeben werden, er sagt
dazu unter anderem:
Mit Röhm war zu
rechnen, mit Goebbels und Himmler nur vielleicht, nie aber gegen Hitler.
(...) Die Aussicht, in Berlin auf diese Entscheidung zu warten, wenn
auch auf gutbezahltem "Warteposten", lockte mich nicht, und der Gedanke,
die Entscheidung beeinflussen zu können, schien mir absurd im Hinweis
auf die 10 Minuten Gehör!
Salzmann berichtet aber
dann, wie Wilhelm Radecke weiterhin in Berlin tätig war, insbesondere in
Kontakt mit Gregor Strasser und Heinrich Himmler. Und wie zu diesem
Zweck schließlich der "Roland-Bund" gegründet wurde. Bei diesem Bericht handelt es
sich nicht mehr um persönliche Eindrücke. Er soll hier deshalb nicht mehr so
ausführlich wiedergegeben werden.
1934 - Auslöser zum Mord an Röhm
Zur
allgemeineren Kennzeichnung der Entwicklungen der Jahre 1933 und 1934
schreibt Salzmann als Beobachter aus der Schweiz und als Freund von Wilhelm
Radecke (13, S. 18f):
Die
politischen Intrigen, besonders die Spannungen zwischen SA und
Reichwehr (...) trugen viel zur Verschärfung der Lage bei; sie werden
aber zu gerne aus dem tieferen Zusammenhang mit der Wirtschaft und der
durch ihre Kräfte geformten Gesellschaftsordnung gelöst und damit
verzerrt. Diese Gesellschaftsordnung war in allen wesentlichen Dingen
beherrscht von den Trägern des Großkapitals, verfilzt mit der
Rüstungsindustrie.
Diese Kreise haben frühzeitig in
Männern wie Gregor Straßer und Röhm die aufkommende Gefahr erkannt und
trieben, geschickt aus langgeübter Tradition zum divide et impera.
Die
Ausbootung (Gregor) Straßers hatte meinen Freunden zwar wenig
geschadet. Denn Straßer gehörte nicht zu den Führern, die persönliche
Gefolgschaft hatten oder beanspruchten. (...) Sammelpunkt jener
Opposition, die auch nach der Machtübernahme in grundsätzlichen Fragen
keine Konzessionen machte, war aber ohne Zweifel Hauptmann Röhm.
Womöglich
war ja die persönliche Gefolgschaft gegenüber Röhm tatsächlich schon durch
vielfach vorliegende gemeinsame homosexuelle Neigungen eine stärkere, als sie gegenüber Straßer je sein konnte.
Zeugnisse dafür, daß Röhm selbst
nicht nur homosexuell, sondern auch astrologiegläubig war, haben wir erst jüngst in unsere Artikelserie hier auf dem Blog über die Astrologiegläubigkeit der NS-Spitze eingearbeitet. Röhm ließ sich nach einer eigenen brieflichen Äußerungen von einem homosexuellen Astrologen "wie ein Kind beeinflussen", der - nach Aussage von Ernst Jünger - "wie Hanussen" "voll von gefährlichen Geheimnissen" war. Auch dieser Astrologe wurde wahrscheinlich im Zuge der Röhm-Morde ermordet. Aber dies sei nur am Rande erwähnt. Vor
allem schreibt nun Salzmann auch (13, S. 20):
Wie
der Führer über die angeblichen "Machenschaften" Röhms informiert
wurde, können wir nur vermuten. Aber glücklicherweise besitzen wir ein
überaus aufschlußreiches Dokument in der Biographie Barthous, die
Wilhelm Herzog geschrieben hat. Dort wird, für orientierte Beobachter
durchaus glaubhaft, ausgeführt, wie die von Göring schon lange gegen
Röhm gelegte Zeitbombe zur Explosion gebracht wurde.
Herzog:
"Sie haben Anfang Juni in Genf (...) geantwortet (...): 'Ja, weiß ich
denn überhaupt, wie lange die jetzigen Machthaber noch am Ruder sein
werden?' "
Die Nationalsozialisten bezichtigten den General Schleicher einer gegen sie gerichteten Verschwörung mit Barthou, wobei der General
Ferdinand von Bredow
als Verbindungsoffizier gedient habe. Als ein Zeichen dafür, daß diese wirklich bestehe, wurde auch diese angeführte öffentliche Äußerung Barthou's gewertet. In dem Interview warnte Herzog
Barthou auch vor einem Attentat. Und tatsächlich ist der französische
Außenminister
Louis Barthou (1862 - 1934) nur wenig später, am 9. Oktober 1934, vor laufender Kamera erschossen worden (
Yt). An all dem merkt man, daß hier im Hintergrund noch viel geschehen sein muß, was bis heute nicht so recht bekannt geworden ist. Salzmann schreibt jedenfalls dazu weiter, was auch sehr gut zu der von uns zitierten
Behauptung von Gisevius paßt, daß Hitler in die Aktion der Röhm-Morde "hineingestoßen" worden sei (13, S. 21):
Die
von Herzog gegebene Version findet nur der unglaubhaft, der von der
mimosenhaften Empfindlichkeit Hitlers nichts weiß. (...) Barthou wurde
in der Angelegenheit Röhm so "eingesetzt" wie vier Jahre später jene
Depeschen aus dem Sudetenland bei den Verhandlungen mit Chamberlain.
(...) Die Depeschen aus der Tschechoslowakei trafen 1938 so wenig
zufällig ein wie am 29. Juni 1934 der Bericht über Barthous Äußerung,
die von den Beherrschern der Kulissen kunstvoll in unmittelbaren
Zusammenhang mit Röhms unvorsichtiger Rede gebracht wurde. (...) Es wäre
nebenbei gesagt verlockend, aufzuzeigen, wie bei der zweiten großen
Säuberungsaktion im Juli 1944 nach dem Attentat auf Hitler die gleichen
Methoden und teilweise wörtlich übereinstimmende Begründungen verwendet
wurden.
So schreibt Salzmann noch im Jahr 1944. Und er scheint dabei fast so kenntnisreich zu sein, wie nachmals Bernd Gisevius. Allerdings möglicherweise nur fast so kenntnisreich. Vielleicht war er klüger als Gisevius und hat die Zusammenhänge auch ohne Mitgliedschaft in satanismusnahen Okkultlogen erahnt, eine Mitgliedschaft, die wir auf Seiten von Gisevius als sehr bestimmt gegeben annehmen. Daß
Joseph Goebbels nun während der Röhm-Morde so zuverlässig auf Seiten Adolf Hitlers stand,
war für Salzmann und seine Freunde überraschend, da dieser "die
Bestrebungen des Stabschefs der SA doch sehr stark gefördert hatte" (13, S.
24). Aber schon oben hatte Salzmann ja von dem "sphinxhaften" Verhalten des Goebbels gesprochen. Salzmann schreibt abschließend (13, S. 25):
Unter
den Toten des 30. Juni zählte ich manchen Bekannten. (...) Ihr
persönliches Schicksal berührte mich nicht. Dagegen blieb mir als
nachhaltigster Eindruck das unheimlich feingefädelte Zusammenspiel von
Personen, die als Exponenten von Kräften auftraten, die über den
einzelnen und seine Zeit hinauswirken.
Nachdem also die freiwirtschaftlichen Bestrebungen in den Jahren zwischen 1931 und 1934 auf so hoher politischer Ebene angesiedelt waren, fällt auch ein neuer Blick auf die Bedeutung der freiwirtschaftlichen Bestrebungen gegenüber und im Zusammenspiel mit Erich Ludendorff und der Ludendorff-Bewegung in den Jahren zwischen 1936 und 1941. Darüber soll
im zweiten Teil dieses Beitrages auf dem Parallelblog berichtet werden.
(Mit Dank für die Bücherspende [13] einer jüngst verstorbenen Blogleserin, durch die dieser Blogbeitrag angeregt wurde.)
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- Bading, Ingo: Karl Marx, die Ausbeutung und die Familien Argumentiert die Partei "Die Linke" auf der Höhe unserer Zeit? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 21. Juni 2009
- Noebe, Will: Geheime Mächte. Geheimbünde und Untergrundbewegungen in Geschichte und Gegenwart. Telos, Berlin 1965 (144 S.) (Google Bücher)
- Die Geschichte der Humanwirtschaftspartei. 2007. Beruhend auf einer Darstellung von Richard Stöss, 1984 (pdf)
- Bartsch, Günter: Die NWO-Bewegung. Geschichtlicher Grundriß 1891 - 1992/93. Gauke, Lütjenburg 1994 (Internet)
- Onken, Werner; Bartsch, Günter: Natürliche Wirtschaftsordnung unter
dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. Fachverlag für Sozialökonomie
1997 (97 S.) (Google Bücher)
- Onken, Werner: Silvio Gesell und die natürliche Wirtschaftsordnung.
Eine Einführung in Leben und Werk. Verl. für Sozialökonomie, Lütjenburg :
Gauke 1999 (freies pdf)
- Anonym: Hintergründe der Blutnacht vom 30 Juni 1934. Aufzeichnung eines Eingeweihten. Verlag Freies Volk, Bern 1944 (47 S.) [Ergänzter Sonderabdruck aus 'Freies Volk']
- Salzmann, Ernst: Hintergründe der Affäre Röhm. Freiwirtschaftliche Buchgemeinschaft "Der neue Weg" 1947, 1948 (28 S.) (Google Bücher)
- Radecke, Wilhelm (Hg.!?): Hintergründe der Affaire Röhm. Solingen 1950 (hier zitiert)
- Der Fall Röhm. Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Hintergründe der Röhm-Affäre. Koenig, Berlin o.J. (24 S.)
- Anonym: Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Hintergründe der Röhm-Affäre. Freisoziale Union, Hamburg 1964
- Anonym: Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Hintergründe der Röhm-Affäre.
(Wohl) Nachdruck der Ausgabe von 1964. Faksimile-Verlag .·. Wieland Körner, Bremen 1982
- Strasser, Otto: Die deutsche Bartholomäusnacht. Außerdem u.a.:
Anonym: Die Blutnacht vom 30. Juni 1934. Verlag für ganzheitliche
Forschung, Viöl 1996
- Fröhlich, Elke (Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil I: Aufzeichnungen 1923-1941. Bd. 2/II. de Gruyter, 2000 (Google Bücher)
- Alfred Louis Walter Salzmann: Ursprung und Ziel der modernen
Bankentwickelung. Inaugural-Dissertation. Druck von C. Engelmann, 1904
(103 S.) (Google Bücher)
- Heinrich Salzmann AG (Textilunternehmen) - Zürich:
Dokumentensammlung. 1918 Gründungsstatut, Geschäftsordnung (1918)
[Textilindustrie/Spinnerei/Weberei Schweiz (Zürich/Kanton)]. (Google Bücher)
- Onken, Werner: Das Verhältnis der Geld- und Bodenreform zum Judentum und zum Antisemitismus. o.J. Auf: Silvio-Gesell.de
- Werner, Hans-Joachim: Gutachten zum angemessenen Umgang mit den Vorwürfen des Rechtsextremismus gegen die FSU. Warendorf, 21.3.1999