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Sonntag, 11. Oktober 2020

Deutschlands Zukunft: Lenzen an der Elbe - Verfall und Leerstand

Eine Stadtbesichtigung

Ich war in Lenzen an der Elbe, einem schönen, stolzen, alten deutschen Bürgerstädtchen in der Prignitz im Norden des Landes Brandenburg. Ein Bekannter, der dort eine Radtour gemacht hatte (also genauer gesagt: mein Zahnarzt), hatte mir schon erzählt, was für einen heruntergekommenen, ausgestorbenen Eindruck Lenzen auf ihn machte, wie in seiner Absteige die Tapeten herunter hingen, wie es dort nach 18 Uhr keine Möglichkeit mehr gibt, irgendwo außerhalb der Wohnung unter Menschen zu kommen, wie es nur einen Supermarkt im Ort gibt.

 


 

Aber diese Erzählung hatte mich nicht vorbereitet auf das, was ich sah, als ich plötzlich selbst mitten auf dem Marktplatz von Lenzen stand. Auf Schildern zuvor war immer auf die Altstadt von Lenzen als einer Sehenswürdigkeit hingewiesen worden. Nun stand ich auf diesem uralten deutschen Marktplatz. Und was sah ich? Verfallene Häuser. Leerstand. Fast die Hälfte der Häuser stand leer, waren dem Verfall preisgegeben. Das war so etwas von schockierend, daß ich es erst gar nicht verarbeiten konnte.

Ich machte dann ein paar Videoaufnahmen davon. Aber in ihnen läßt sich der Eindruck dieser verlassenen Stadt nicht wirklich einfangen. Oder das müßte noch einmal gründlicher bildlich aufgearbeitet werden. Auf den ersten Blick finde ich niemanden, der das auf Youtube schon einmal getan hat, von den öffentlich-rechtlichen Medien zu schweigen. 

2008 priesen sie einmal die kostenaufwendige Restaurierung eines der Fachwerkhäuser in der Altstadt an (1). Aber nur dezent im Hintergrund sieht man dabei die Leerstände und den Verfall ringsherum. Sie waren damals nicht zum Thema gemacht worden - und scheinbar auch bis heute nicht. Immerhin, eine schriftliche Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2019 findet sich (2):

"Lenzen war eine blühende Stadt. Da vorne war ein Friseur, hier eine Kneipe, da hinten ein Gemischtwarenladen. Klamottengeschäfte, Schuhläden, hier gab es alles." (...) Einzelhandel eben. Und heute? Auch Einzelhandel, aber im wahrsten Sinne des Wortes: Deutschs Laden ist als Einziger in der Straße übrig geblieben, hier bekommt man mittlerweile notgedrungen fast alles. "Seit im vergangenen Jahr der Spirituosenladen zumachen mußte, sind wir auch eine Lotto-Annahmestelle, und die Post sowieso."

Machen wir uns es einfach klar: Das ist die Zukunft Deutschlands. Wie soll sie sonst aussehen bei der jetzigen Geburtenrate der Deutschen, bei der sich die einheimische Bevölkerung Deutschlands pro Generation halbiert? Das sind nach einer Generation die Hälfte, nach zwei Generationen ein Viertel, nach drei Generationen ein Achtel und am Ende dieses Jahrhunderts ist von einem Deutschland wie wir es heute noch kennen, nichts mehr übrig. Nur Städte wie heute schon Lenzen an der Elbe. 

Immerhin scheinbar ein guter Ort, für ... (2) ...

ältere Menschen, die ihren Lebensabend hier in der idyllischen Elbtalaue verbringen wollen, wo die Lebenshaltungskosten unschlagbar niedrig sind.

Ja, mit einer HartzIV-Rente halt. Deutschland, stirb mit HartzIV-Rente. - Immerhin wird in Lenzen an der Elbe im Barockgarten des dortigen Barockschlosses an einige schöne deutsche Barockgedichte erinnert (3).

________________

  1. Lenzen. RBB aktuell, 2008, https://youtu.be/xmvec6eqyN0.
  2. Julian Vetten, Lenzen (Elbe): Lenzen, wie es leibt und stirbt - Porträt, Wahlreise durch Brandenburg, NTV, 18. August 2019, https://www.n-tv.de/politik/Lenzen-wie-es-leibt-und-stirbt-article21206624.html.
  3. Bading, Ingo: Gedichte - In Lenzen an der Elbe, 2020, https://youtu.be/G0Etd53z4bA.

Montag, 3. Mai 2010

Facharbeiter-Mangel in Deutschland und seine Folgen

"Natürlich geht es auch ohne Handwerk"

- Eine aussagekräftige Werbekampagne des deutschen Handwerks zu seiner Zukunft und der Zukunft Deutschlands?




"Unser Leben ohne das Handwerk ..."



Den künftigen Facharbeitermangel in Deutschland und auf der Nordhalbkugel aufgrund der Kinderarmut wird man aber durch solche Werbekampagnen allein auch nicht beheben. Die Komplexität einer Gesellschaft (ihr materieller Reichtum) ist - unter anderem - abhängig vom durchschnittlichen angeborenen Intelligenz-Quotienten derselben.

Mittwoch, 3. Februar 2010

"Religiöser werden für mehr Kinder?", fragt die "Zeit"

Am 23.1. wurden in der "Zeit" kurz die Thesen von Religionswissenschaftler Michael Blume angeführt (1). Ausgangspunkt ist übrigens, daß sich der Optimismus von Michael bezüglich der neuen Familienpolitik von Ursula von der Leyen bis heute nicht bestätigt hat. Die Berechtigung für diesen Optimismus wurde von "Studium generale" schon vor zwei Jahren angezweifelt, woraufhin Michael eine Wette abschließen wollte darüber, wer Recht behalten würde (- hoffentlich erinnert er sich noch daran!). Im Grunde stand dieser Optimismus ja auch im Widerspruch zu Michaels eigenen Kernthesen. Will heißen: Mit finanzieller Förderung allein kann man die Geburtenrate um keinen Deut heben derzeit in Deutschland. Zumal wenn sie so ungenügend bleibt und so ungleich, halbherzig, knauserig verteilt wird, wie man sich das spätestens seit den Zeiten Konrad Adenauers angewöhnt hat in Deutschland.

Aber der Schlußsatz des genannten neuen "Zeit"-Artikels lautet ebenso wenig optimistisch:
Wer den Glauben an die Familienpolitik verloren hat, aber zum Glauben an Gott nicht zurückkehren will, kann auch für eine massive Einwanderung plädieren und für eine rasche Aufnahme der Türkei in die EU.
Nicht berücksichtigt wird bei den bisherigen Erörterungen, daß auch eine "Rückkehr" zum Namenschristentum wie es konfessionell gebundene Menschen heute im Durchschnitt leben, die Geburtenrate allenfalls nur um 0,1 Kinder pro Frau oder Mann erhöhen würden. Es müßte sich schon mindestens um eine Rückkehr zu einer Religiosität wie die der Freikirchen handeln, wenn man zu halbwegs bestandserhaltenden Geburtenraten zurückkehren will.

Im Widerspruch zu der "Zeit"-Stellungnahme von Seiten der Schriftstellerin Tanja Dückers (2) muß an dieser Stelle insbesondere betont werden, daß laut einer Studie von "Studium generale" (3) der Zusammenhang zwischen Religiosität und Kinderzahl auch anhand von überdurchschnittlich konfessionslosen Gruppierungen aufgezeigt werden kann, etwa anhand von Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben.

Beschäftigt Euch mit den Anthroposophen!

Es gibt also auch noch andere Gradmesser für solche Zusammenhänge als Gottesdienstbesuch oder Häufigkeit des regelmäßigen Betens.

Und das heißt, daß man auch auf einem solchen Weg wie dem der Anthroposophen oder auf ähnlich strukturierten Wegen "Neuer Religiosität" "religiöser werden kann für mehr Kinder". Wichtig scheint allerdings für einen solchen Weg zu sein - wiederum im Widerspruch zu Frau Dückers, für die moderne Religiosität offenbar nur als individuelle Religiosität vorstellbar ist -, daß bei solchen Wegen alle Faktoren, die zu positiver "Gemeindebildung" beitragen, berücksichtigt werden. Diese ist ja bei den Anthroposophen deutlich genug gegeben, ohne daß der Freiraum des einzelnen gar zu sehr eingeengt wäre, soweit man sieht.

Es geht also um den Faktor soziales Engagement ganz allgemein, der in einem Zusammenhang mit Religiosität steht - ebenso wie die Liebe ("belonging" in der Begrifflichkeit der amerikanischen Anthropologin Barbara King). Der Staat hat ein Interesse daran, daß über all diese Dinge sehr gründlich und intensiv nachgedacht wird. Und daß eben nicht nur über Geld nachgedacht wird.

Monotheistische Kreise lähmen dieses Nachdenken spätestens seit Konrad Adenauer stärker als daß sie es fördern würden, so "familienfreundlich" sie sich auch heute noch nach außen darstellen. Gerade auch deshalb sind die derzeitigen, kritischen, gesellschaftlichen Debatten rund um solche einflußreichen, elitären katholischen Organisationen wie den Jesuitenorden so wichtig.

Die oft sehr stark nachwirkenden, polarisierten Einstellungen innerhalb solcher Organisationen spielen innerhalb "gesellschaftlicher Eliten" eine viel größere Rolle, als nach außen hin sichtbar wird. Es sollte einmal deutlich nachgefragt werden, ob auf Seiten fanatisch überzeugter Katholiken überhaupt ein Interesse daran bestehen "kann", daß die Geburtenrate von so lauen Katholiken und Nichtkatholiken, wie sie heute in Deutschland und vielen Teilen der Nordhalbkugel leben, und wo die Menschen zudem allzu oft so papstkritisch sind, gehoben werden? Soll man denn die Hebung der Geburtenraten von ausgesprochenen "Ketzern" auch noch fördern?

Es seien hier noch einmal die abschließenden Sätze aus dem Beitrag vom 31. Januar zitiert:
Diese Lähmung gesellschaftlichen Aufbruchwillens geschieht beispielsweise auch durch ein Herabspielen der Bedeutung der modernen naturalistischen Weltsicht oder durch Mißdeutungen derselben. Denn eine naturalistische Weltsicht ist mit Monotheismus nicht mehr zu vereinbaren. Eine konsequent naturalistische Weltsicht gibt aber Anlaß, viele Dinge viel grundlegender neu zu durchdenken, als das bislang zumeist geschehen ist. Der amerikanische Anthropologe Joseph A. Tainter sprach schon im Jahr 1990 von mangelnder "Mindestproduktion von innovativem Wandel" als Ursache des "Zusammenbruchs komplexer Gesellschaften" (3).

Literatur:

1. Malte Lehming: Familienpolitik - Religiöser werden für mehr Kinder? In: Die Zeit, 23.1.2010
2. Tanja Dückers: Geburtenrate in Deutschland - Religiosität hilft nicht. In: Die Zeit, 1.2.2010
3. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Studium generale, 26.2.2008
4. Tainter, Joseph A.: The Collaps of Complex Societies. Cambridge University Press, 1990 (Bücher)

Sonntag, 24. August 2008

Demographischer Wandel nicht alarmierend?

Ein Artikel in der "Zeit" macht eine 360-seitige, neue Studie des Berlin-Instituts über "Die demographische Zukunft von Europa" schlecht. Wenn eine Studie zu einem solchen Thema mit so schlechten Argumenten schlecht gemacht wird - Tenor: "Zum Glück ist es in den Medien inzwischen ruhiger geworden um den demografischen Wandel" - dann gewinnt man doch den Eindruck, daß diese Studie gut ist, weil sie offenbar Leute ärgert. Und man schaut sich noch einmal genauer den Newsletter an, den man zuvor schon dazu vom Berlin-Institut selbst erhalten hatte.

Was schreibt das Berlin-Institut selbst?
Wenig Nachwuchs, alternde Bevölkerungen und eine zunehmende Zahl von Menschen aus anderen Ländern und Weltregionen werden Europa in den nächsten Jahrzehnten nachhaltig verändern. (...) Wo zeigt der demografische Wandel am meisten Folgen? Weshalb ist die Jugendarbeitslosigkeit in bestimmten Regionen besonders hoch? Wo ist das Angebot an Arbeitsplätzen so schlecht, dass die Menschen abwandern? Das Berlin-Institut hat die Zukunftsfähigkeit von 285 europäischen Regionen anhand von 24 Indikatoren analysiert und bewertet. Eine Karte bildet die Ergebnisse farbig ab. Grün bedeutet gute Aussichten, je roterrötlicher die Farbe, desto problematischer wird es für die Gebiete. Schon auf den ersten Blick wird eine deutliches Ost-West-, aber auch ein Nord-Süd-Gefälle deutlich.


Wirklich stichhaltige Einwände gegen diese Studie bringt die "Zeit" nicht. Man muß vom heutigen Wissen ausgehen. Und daß sich irgendwo die Geburtenrate heben würde, künftig, etwa in Osteuropa, ist noch mehr Spekulation als dieser Studie selbst an zu weitgehender Spekulation unterstellt wird.

Soll sich Nordwest-Europa nun mit Selbstzufriedenheit zurücklehnen dafür, daß es - offenbar - europäische Regionen gibt, denen es zukünftig noch schlechter gehen wird als der eigenen? Eine solche Mentalität ist sehr weit verbreitet und auch sehr egoistisch. Auch das Berlin-Institut, so gewinnt man mitunter den Eindruck, redet die Lage oft noch "schön".

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