Sonntag, 31. Januar 2010

Wie rekrutieren Jesuiten "Gruppenleiter für Jugendliche"?

Der katholische Priester und die Jugend (Filmszene, siehe: Tagesspiegel)

- Und woher kommt die Vorliebe für Männerbünde in rechtskonservativen Kreisen?

In seiner berühmten "Secret-Society"-Rede vom 27. April 1967 hat sich John F. Kennedy zwei Jahre vor seiner Ermordung ganz grundsätzlich gegen Geheimdienste, gegen geheime Gesellschaften, gegen geheime Eide und gegen geheime Vorgehensweisen in der Politik ausgesprochen (1). Menschen, die sich in der Nachfolge des großen Demokraten John F. Kennedy mit den Themen Geheimdienste, Geheimpolitik, gelenkte Demokratie, politischer Mord und mit den Thesen der 9/11-Wahrheitsbewegung beschäftigen, haben ihre Aufmerksamkeit bisher nur sehr selten auf das Wirken des politischen Katholizismus gerichtet. Dabei wird bei diesen Themen immer wieder auch das Hineinspielen von "vatikanischer Politik" deutlich, etwa beim Thema "P2-Loge" in Italien.

Der Mann hinter Adenauer

Und umgekehrt erfahren Katholiken ihre Institution immer wieder als eine, in der so gehandelt wird, als wäre das Erringen von Macht über Menschen von großer Bedeutung für wahrhafte Religiosität. Allerdings scheinen die Methoden dabei - zumal in der Jugenderziehung - oft immer noch sehr "eigene" zu sein.

Auch "Studium generale" ist erst durch eine neue zeitgeschichtliche Dokumentation über Hans Maria Globke, den "Mann hinter Adenauer", der Einfluß wieder voll bewußt geworden, den der politische Katholizismus nicht erst seit der Gründung der westdeutschen Demokratie in Deutschland, sondern letztlich seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges auf den Geschichtsverlauf ausgeübt hat (2). Und eine der wesentlichsten Speerspitzen dieses politischen Katholizismus war seit jeher, das wird einem durch die derzeitige Berichterstatttung über drei "Elite"-Gymnasien in Berlin, in St. Blasien und in Hamburg wieder bewußt gemacht (s.u.): der Jesuitenorden. (Wikip.)

Die Männer hinter Kaiser Ferdinand II.

Ein anschauliches Beispiel für das Wirken des politischen Katholizismus allgemein und des Jesuitenordens im Besonderen ist die Regierungszeit des Kaisers Ferdinand II. (1578 - 1637), des deutschen, Habsburgischen Kaisers während des Dreißigjährigen Krieges. Dieser war es, von dem überliefert ist, daß er lieber eine Wüste, als ein Land mit Ketzern beherrschen wollte. Er war durch Jesuiten erzogen worden und Jesuiten waren Zeit seines Lebens seine Beichtväter. In seiner Regierungszeit wurde nicht nur Österreich rekatholisiert und unter Wallensteins Armeen Böhmen. Nein, Wallensteins Armeen drangen schließlich bis zur Ostsee vor. Erst da wachte der "Löwe aus dem Norden", König Gustav Adolf von Schweden, auf und wurde zum Verteidiger des Protestantismus in Europa - freilich mit Armeen, die dann wiederum vor allem Deutschland verwüsteten.

Als schließlich deshalb sogar so ein brutaler katholischer General wie Wallenstein zum Frieden neigte, wurde er ohne Widerspruch des Kaisers in Eger ermordet (siehe zeitgenössische Grafik rechts). Von dem Kaiser, in dessen Regierungszeit dieser Tiefpunkt der deutschen Geschichte fiel, heißt es dann auf Wikipedia:
Er war (...) unselbständig in seinen Meinungen und ganz abhängig von seinen Räten und Beichtvätern, von denen insbesondere der Jesuitenpater Wilhelm Lamormaini großen Einfluss auf den streng gläubigen Kaiser hatte - Ferdinand II. soll ihm "bis zum blinden Gehorsam" vertraut haben. Dies ist nicht verwunderlich, da Ferdinand II. der Kirche und ihren Dienern mit Fanatismus ergeben war und der Sieg der katholischen Religion über die Ketzer sein höchstes Ziel gewesen ist.
Der Dreißigjährige Krieg, so mag mancher sagen, ist lange her. Man weiß aber auch von der tiefen Feindschaft des politischen Liberalismus im 19. Jahrhundert gegen den Jesuitenorden. Man denke etwa an das Gedicht "Jesuitenzug" von Gottfried Keller aus dem Jahr 1843.

Und man weiß auch von der tiefen Feindschaft eines antiliberalen, konservativen Katholizismus gegen das Reich Otto von Bismarcks und von dem dadurch ausgelösten Kulturkampf. Man weiß, wie es insbesondere der Jesuitenorden war, der das in weiten Teilen protestantisch gewordene Polen zurück in den Schoß der römisch-katholischen Kirche führte und damit insbesondere in Frontstellung zum protestantisch gebliebenen, preußischen Nachbarreich brachte.

Der Geist der Gegenreformation nach 1945

Wer sich über das Wirken des Geistes der Gegenreformation auch noch lange nach 1945 kundig machen möchte, kann auch das Buch "Nicht nur die Steine sprechen Deutsch" des Journalistenehepaares Elisabeth und Peter Ruge aus dem Jahr 1985 lesen (3). Die Ruges haben mehrere Jahre in Warschau gelebt und haben in ihrem Buch sehr genau den Geist der Gegenreformation geschildert, auf den sie damals noch in Ostpreußen oder Schlesien gestoßen waren, wo die vormals deutschen, protestantischen Kirchen in einem triumphalen Gestus wiederum in katholische umgewandelt worden waren oder zu jener Zeit immer noch wurden.

Ein ausgesprochener Vertreter des politischen Katholizismus mußte das Jahr 1945 ganz allgemein als ein Jahr des größten Triumphes der Geschichte der Gegenreformation erleben: Ein Kernland des Protestantismus, Preußen, war zerschlagen worden, die preußischen Kernländer des Protestantismus waren rekatholisiert worden. Dazu paßt, daß die Adenauer-Zeit eine Zeit rheinisch-katholischer, anti-preußischer Restauration in Deutschland genannt werden muß. Heute ist es auch in der Zeitgeschichtsforschung allgemein anerkannt: Konrad Adenauer war gegen die Wiedervereinigung, weil er katholisch und damit anti-preußisch und anti-protestantisch war. Immer noch galt - vielleicht in leichten Abwandlungen - das Wort: Lieber eine Wüste beherrschen, als ein Land mit Ketzern. Noch heute ist Ostpreußen im Vergleich zu der Zeit vor 1945 in weiten Teilen verwildertes, wüstes Land. Trauer oder Entsetzen wird darüber selten bis nie geäußert.

Nicht nur die osteuropäischen Juden haben bis 1945 beim Vatikan nicht ausreichende Fürsprecher gefunden. Desselbe gilt auch für die deutschen Vertriebenen, die ebenfalls Opfer in Millionenhöhe zu beklagen hatten. Ebenfalls neben dem Heimatverlust selbst.

Auffällig ist bei der Beschäftigung mit dem Thema Hans Maria Globke auch besonders (2), daß Konrad Adenauer, obwohl er dadurch für politische Gegner so deutlich erpreßbar geworden war, so eisern an dem so stark durch seine NS-Aktivitäten diskreditierten Hans Maria Globke festgehalten hat. Das scheint noch unbekannte Ursachen zu haben. Globke könnte trotz seines unauffälligen Auftretens als ein viel bedeutenderer Mann angesehen worden sein von Adenauer und von Kräften im Vatikan, als das nach außen hin deutlich gemacht worden ist und deutlich geworden ist bis heute. Wer weiß, in welchen bislang geheim gebliebenen "Bindungen" er stand.

Reaktion auf Priestermangel: Zusammenarbeit mit Laien

Was ist eigentlich alles über das Wirken des politischen Katholizismus unbekannt geblieben angesichts der "Proteuskünste", die der Jesuitenorden schon seit Jahrhunderten ausübt in vielen Ländern der Erde (siehe unten)? - Über den Jesuitenorden von heute lesen wir auf Wikipedia (Wikip.):
Mit knapp 19.000 Mitgliedern, Brüdern und Priestern, ist der Jesuitenorden zahlenmäßig der größte der katholischen Kirche. (...) Der Orden verlor seit den 1970er Jahren etwa ein Drittel seiner Mitglieder und ist derzeit von akuter Sorge um seine zahlenmäßige Vorrangstellung unter den Orden und im kirchlichen Einflussbereich gekennzeichnet. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit mit Laien wichtig geworden. Der Orden versucht deshalb, verschiedene Gruppierungen zu fördern, die in seinen Werken mitarbeiten oder auch andere inhaltliche Schwerpunkte des Ordens teilen. Zu diesen Mitarbeitern gehört die "Gemeinschaft christlichen Lebens", die ignatianischen Assoziierten, die Volunteers, sowohl die Jugendlichen, als auch die Senioren und andere.
Gerade diese "Gemeinschaft christlichen Lebens" rückt gegenwärtig in den Mittelpunkt der Presse-Berichterstattung über das Canisius-Gymnasium der Jesuiten in Berlin. Zeitgeschichtlich Belesene werden aufmerken, wenn ihnen mitgeteilt wird, daß die Vorgänger-Organisation dieser "Gemeinschaft christlichen Lebens" die "Marianischen Kongregationen" gewesen sind. Diese haben in den 1920er und 1930er Jahren im politischen Katholizismus eine große Rolle gespielt, eine Rolle, die sie nach 1945 auch so verrufen gemacht haben dürfte, daß man es für geraten ansah, den Namen zu ändern.

Reaktion auf Priestermangel: "Marianische Kongregationen"

Aber nun die entscheidende Frage: Wie rekrutieren die "Marianischen Kongregationen", bzw. heute die "Gemeinschaft christlichen Lebens" eigentlich ihre leitenden Mitglieder?

Dies ist einer Durchsicht von Presseberichten zu den derzeit bekannt werdenden Vorfällen in einem Elite-Gymnasium der Jesuiten in Berlin noch nicht sehr genau zu entnehmen. Zahlreiche Details sind aber schon bekannt geworden (BZ, 29.1., Bild, 29.1., St. Ztg., 29.1., Tagessp., 30.1., Stern, 30.1., BZ, 30.1., s.a. Video's beim RBB) und Umrisse zeichnen sich ab. Der eigentliche Hintergrund all dieser Mißbrauchsfälle scheint besonders den Berichten ehemaliger Schüler dieser Schule auf dem Internetblog "Spreeblick" (28.1.ff) entnommen werden zu können. Dort liest man nämlich im gestrigen 28. Leser-Kommentar:
Ich war in der betreffenden Zeit am Canisius-Kolleg und (...) ging auch zu den sogenannten “Gruppenstunden”.

Gemeint sind freiwillige, nachmittägliche "Gruppenstunden" der vormals "Marianischen Kongregation", heute der "Gemeinschaft christlichen Lebens", die von Jesuitenpatern angeleitet wurden. Also jener Organisation, die unter katholischen Laien den fehlenden Priesternachwuchs der katholischen Kirche allgemein und des Jesuitenordens im Besonderen kompensieren sollte.

Auswahlkriterium für "Elite": Bereitschaft, über Geschlechtliches zu sprechen

In diesen "Gruppenstunden" wurde zu "Einzelgesprächen" über das Geschlechtsleben der jugendlichen Schüler eingeladen und "individuelle Hilfe angeboten", so berichtet der ehemalige Schüler. Nahm man dieses Angebot aber nicht an, war das mit dem Nachteil verbunden, als "Gruppenleiter" nicht weiter infrage zu kommen.

Jesuitenpater erhalten in St. Blasien die Priesterweihe (2009) (Südkurier)

Der ehemalige Schüler schreibt, daß er diesen Einladungen dennoch nicht nachgekommen sei, weil er schon damals der Meinung gewesen ist, daß die Schule sein Geschlechtsleben nichts anginge. Er war auch evangelisch und gehörte wohl schon von daher nicht gerade zum Kern-Rekrutierungspotential der Jesuitenpater. Er schreibt jedoch über die Konsequenz seiner Entscheidung:

Damit waren meine Aussichten, zum Gruppenleiter für die Jüngeren zu werden, erledigt und ich verließ die Gruppe und dann nach zwei Jahren die Schule.
Man muß sich das einmal vorstellen. "Gruppenleiter für die Jüngeren" konnte nur werden, wer bereit war, mit den Jesuitenpatern offen über sein Geschlechtsleben zu sprechen. Weitere Einzelheiten kann man den Presseberichten entnehmen. Sie sind dem Autor dieser Zeilen zu blöde, als sie hier auszuwälzen. Aber was für ein Auswahlkriterium! Ganz und gar unglaublich. Und unter "PS" wird von dem ehemaligen Schüler weiter erläutert:

Ich wurde von meinem Gruppenleiter (älterer Mitschüler) sozusagen gewarnt, was da kommen würde, wenn ich denn selbst einmal eine Gruppe leiten wolle, dann müsse ich auch zu den Einzelberatungen gehen, sonst wird das wohl nichts.

Das heißt: Gruppenleiter bei der jesuitischen "Marianischen Kongregation", respektive bei der jesuitischen "Gemeinschaft christlichen Lebens" konnte nur werden, wer bereit war, in Einzelgesprächen über sein Geschlechtsleben zu sprechen. Da ist es schon sehr naheligend - was die Presseberichterstattung gerade beginnt wahrzunehmen (Berl. Mrgpst.) -, daß dieses Auswahlkriterium und auch die Methodik ("Einzelgespräche") auch von den Ordensoberen so festgelegt worden sind. Was dann die Benutzung der in diesem Zusammenhang schon oft verwendeten Vokabel "systematisch" erklären würde, die bislang unerklärt blieb:

Der Jesuitenorden verlangte von seinen Patern, die Jugendlichen über ihr Geschlechtsleben zu befragen. Wer weiß, was es da noch alles an Anweisungen gegeben hat.

Man bekommt angesichts dieser Tatsachen das Gefühl, daß man über den Jesuitenorden und seine Methoden, also seine spezielle "jesuitische Moral" und die Art der Sündenvergebung nach der Beichte noch viel zu wenig weiß - oder wieder vergessen hat -, um all diese Mitteilungen richtig in einen längerfristigen, historischen Zusammenhang einzuordnen. Dazu wird vielleicht noch einmal an späterer Stelle ein Beitrag hier auf dem Blog erscheinen. (Inzwischen weiteres zu diesem Thema: Spreeblick, Komm. 467, bzw. Berliner Ztg, 10.2.10: “Es war eine Gehirnwäsche wie in einer Sekte”.)

Die Fähigkeit zur "Proteuswandlung" der Jesuitenpater

Hier soll abschließend zunächst einmal nur noch der Kulturhistoriker Johannes Scherr (1817 - 1886) (Bild links) zitiert werden, ein liberaler Revolutionär von 1848, der sich intensiv mit der Auswirkung des Jesuitenordens auf die deutsche Kultur- und Sittengeschichte beschäftigt hat. Dies ist ja nicht das erste mal, daß dieser Orden außerordentlich harsche Kritik in der Öffentlichkeit erfährt.

In seinem Buch "Letzte Gänge", 1887 posthum ein Jahr nach seinem Tod erschienen (1, Google Books), schrieb Johannes Scherr auf den Seiten XII bis XVII über die "Proteuswandlungen" der Jesuitenpater. Vielleicht auch über solche, wie sie angesichts der gegenwärtigen Vorwürfe wieder zu gewärtigen sind. Und darin schrieb er unter anderem auch über "eine Moraltheologie, welche durch ihre Klauseln und Vorbehalte leicht in ein Lehrbuch des Lasters sich verwandelte":
Der Jesuitismus wollte die ganze Erde zu einer Art Gottesstaat im Sinne des Katholizismus machen, dessen Verfassung das römisch-katholische Dogma war, zu einer Domäne des Papsttums, welche aber nur ein Werkzeug in den Händen des Ordens sein sollte und gewöhnlich auch war. Jedem zweifelnden und rebellischen Gedanken nicht nur, nein, dem Gedanken überhaupt auf den Kopf zu treten, an die Stelle des Denkens ein verschwommenes Fühlen zu setzen, mit unerhörtester Systematik und eiserner Folgerichtigkeit die Verdumpfung und Verknechtung der Massen durchzuführen, die gescheiten Köpfe, wie die Reichen und Mächtigen, die einflußreichen Leute jeder Art durch blendende Vorteile an sich zu fesseln, die vornehme Gesellschaft zu gewinnen mittels einer Moraltheologie, welche durch ihre Klauseln und Vorbehalte leicht in ein Lehrbuch des Lasters sich verwandelte, die Armen durch Beachtung ihrer materiellen Bedürfnisse zum Danke zu verpflichten, hier der Sinnlichkeit, dort der Habsucht, heute der Gemeinheit, morgen dem Ehrgeize zu schmeicheln, alles zu verwirren, um alles zu beherrschen, die Zivilisation mählich herabzudrücken zu einer bloßen Vegetation und die Menschheit schließlich umzuformen zu einer Schafherde: darauf ging die Gesellschaft Jesu aus. (...)

In vielfältiger Proteuswandlung und dennoch stets dieselbe, so führte sie nimmerrastenden Krieg gegen den neuzeitlichen Geist. Alles wurde auf diesen Zweck bezogen, und alles mußte demselben dienen. Der Jesuit war Gelehrter, Staatsmann, Krieger, Künstler, Erzieher, Beichtiger, Arzt, Jurist, Missionar, Krankenpfleger, Kaufmann, je nach den Umständen und dem Gutfinden seiner Oberen, aber allzeit blieb er Jesuit. Er verband sich heute mit den Fürsten gegen die Völker, um vielleicht morgen schon, wenn bei veränderter Konstellation der Vorteil seines Ordens es heischte, mit den Völkern wider den Fürsten zu stehen und zu gehen. (...) Die äußere Verwandlungsfähigkeit und das Anbequemungstalent des Jesuitismus waren in Anbetracht der Starrheit seines Prinzips doppelt erstaunlich. (...)

Er beruhigte das Gewissen des vornehmen Herrn, welcher seine Stieftochter verführt hatte, wie das der großen Dame, welche mit ihren Lakaien Ehebruch trieb. Für alles wußte er Rat oder Trost, für alles Mittel und Wege. Er entwarf mit gleicher Geschicklichkeit Staatsverfassungen, Feldzugspläne und riesige Handelskombinationen. Er war ebenso gewandt im Beichtstuhl, Lehrzimmer und Ratsaal, wie auf der Kanzel und auf dem Disputierkatheder. Er konnte die Nächte hinter Aktenfaszikeln verwachen, mit unbefangener Sicherheit auf dem glatten Parkett der Paläste sich bewegen und mit ruhiger Fassung die Pestluft der Lazarette einatmen. (...) Er vermochte abwechselnd als Zelot oder Freigeist, als Kuppler oder Moralist, sich aufzuspielen. (...) Überall war er daheim, denn er hatte kein Vaterland, keine Familie, keine Freunde, denn ihm mußte das alles der Orden sein, für welchen er mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung und Tatkraft lebte und starb. Nie, fürwahr, hat der Menschengeist ein ihm gefährlicheres Institut geschaffen, als den Jesuitismus, und nie hat ein Kind mit so rücksichtsloser Entschlossenheit seinem Vater nach dem Leben gestrebt wie dieses.
Jesuiten sind ein klassischer Fall von "geheimer Gesellschaft", das soll durch dieses Zitat vor allem bewußt gemacht werden. Denn sie waren noch nie verpflichtet, Ordenstracht zu tragen. Wenn sie in einem Land verboten waren - oder in bestimmten Kreisen "wieder einmal" einen schlechten Ruf weg hatten -, hielten sie ihre Mitgliedschaft zu ihrem Orden einfach geheim, übten einen weltlichen Beruf aus, waren oft sogar verheiratet und Familienväter. Und wirkten dennoch fanatisch für die Ziele ihres Ordens und für die gegenreformatorischen Ziele der katholischen Kirche. So ähnlich handelte ja auch Hans Globke, wie er später vorgab, unter den Nationalsozialisten. Er wäre gar nicht Nationalsozialist der Gesinnung nach gewesen, sondern habe nur als Kontaktmann für den Vatikan bei den Nationalsozialisten mitgearbeitet und um dort "Schlimmeres zu verhüten", wie es dann immer so schön heißt. Und warum sollte diese "Schutzbehauptung" nicht stimmen? Sie würde dann aber auch viel darüber aussagen, zu welcher Verstellung politisch engagierte Katholiken, insbesondere auch Jesuiten fähig sein könnten. Besonders schwer jedenfalls scheint es ihm nicht gefallen zu sein.

Vorliebe für das Thema "Männerorden"

Wenn ein Orden unbedingten Gehorsam von seinen Mitgliedern fordern kann ("Kadavergehorsam"), dann kann er natürlich von seinen fanatischen Angehörigen viel verlangen, was andere Organisationen von ihren Mitarbeiten und Angehörigen weder fordern können, noch vielleicht auch fordern wollen. All das will berücksichtigt sein bei der Beurteilung des Gebildes Jesuitenorden - auch heute.

So wie der politische Katholizismus immer schon in rechtskonservativen Kreisen einen Schwerpunkt seiner Anhängerschaft hatte, so kann das natürlich auch heute noch beobachtet werden. In diesen Kreisen wird immer auch mit besonderer Vorliebe über "Männerbünde" philosophiert - und zwar in der Beurteilung häufig wohlwollend-neutral, selten empört oder ausgesprochen kritisch und in aufklärerischem Geist. Man fühlt sich da sehr gerne noch dem Geist des Mittelalters stärker verbunden als dem Geist der Aufklärung.

Solche Dinge gelten auch für einen Autor wie Ernst Jünger, der über geheime Hintergründe in der Politik gerne "munkelte" und "raunte" oder schwülstig philosophierte, aber selten oder nie eine einfache und klare, deutliche Aufklärung gegeben hätte. So ähnlich handeln auch heute noch die große Mehrzahl seiner Anhänger.

Durch solche Umstände und weiterhin durch eine oft sehr "besondere" Einstellung gegenüber dem Weiblichen ganz allgemein ist die innere Ausrichtung solcher rechtskonservativer Kreise und ihrer "männerbündlerischen" Hintergründe wohl am ehesten gekennzeichnet. Und gerade um solcher Umstände willen geht von diesen Kreisen auch oft eine ungeheure Lähmung eines gesellschaftlichen Aufbruchwillens aus, von dem sie selbst behaupten, sie würden ihn - zumindest in Teilen - sogar verkörpern.

Diese Lähmung geschieht beispielsweise auch durch ein Herabspielen der Bedeutung der modernen naturalistischen Weltsicht oder durch Mißdeutungen derselben. Denn eine naturalistische Weltsicht ist natürlich mit Monotheismus nicht mehr zu vereinbaren. Sie gibt aber Anlaß, viele Dinge viel grundlegender zu durchdenken, als das bislang zumeist geschehen ist. All solche Umstände darf man nicht nur als unbedeutende gesellschaftliche Randerscheinungen abtun. An solchen Umständen können Gesellschaften auch zugrunde gehen. Mangelnde "Mindestproduktion von innovativem Wandel" ist das von dem amerikanischen Anthropologen Joseph A. Tainter schon im Jahr 1990 genannt worden (5).

Literatur

1. Bading, Ingo: "Schon das WORT Geheimhaltung ist abstoßend ...". John F. Kennedy wollte geheime Gesellschaften und Geheimdienste zerschlagen. Studium generale, 22.10.2009
2. Bading, Ingo: Hans Globke, der politische Katholizismus und Israel. Studium generale, 13.12.2009
3. Ruge, Elisabeth; Ruge, Peter: Nicht nur die Steine sprechen Deutsch. Polens deutsche Ostgebiete. Langen Müller, München 1985, 1993 (Bücher).
4. Scherr, Johannes: Letzte Gänge. W. Spemann, Berlin, Stuttgart 1887 (Faksimile 2006, frei zugänglich auf --> Google Books; s.a. Bücher)
5. Tainter, Joseph A.: The Collaps of Complex Societies. Cambridge University Press, 1990 (Bücher)

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