Sonntag, 24. Januar 2010

Bravo, Frau Landesbischöfin!

"Mehr als fromme Wünsche"

Ein Mensch, der an repräsentativer Stelle wie ein ganz normaler Mensch denkt, redet und handelt. Sie meinen, ein solcher Mensch sei schwer zu finden? Der einfach nur "normal" ist, ohne Über-, aber auch ohne Untertreibungen? Ein Mensch an repräsentativer Stelle, der Jobcenter besucht, sich dort beraten läßt und dort nicht nur gedankenlos zuhört, der Kitas besucht, mit den Menschen dort redet, der Kontakt hat mit Langzeitarbeitslosen und über ihre Situation "etwas" "normaler" reden kann, "etwas" normaler, als mit all den hohlen Phrasen, mit denen man ständig aus Politiker- und "Experten"-Mund buchstäblich zusammen geschlagen wird?

Vielleicht liegt es einfach daran, daß hier ein Mensch zwar auch über Geld redet - aber eben nicht nur? Merkwürdig. Solche Menschen gibt es noch? Und der auch dann, wenn er einmal nicht über Geld redet, noch Glaubwürdiges zu sagen hat? Früher wollte man noch einen Horst Köhler zu dieser Menschengruppe zählen. Aber auch von ihm hört man immer weniger, was die sozialen und emotionalen Brennpunkte unserer Gesellschaft betrifft, und wobei dann einmal auch "mehr als" als bloß "fromme Wünsche" geäußert werden.

Zwischenschub: Ein solcher Mensch erzählte von einem in Afghanistan traumatisierten deutschen Soldaten, der miterlebte, wie zwei seiner Kameraden starben, und der sich fragt: Bei Robert Enke nahmen Zehntausende Anteil. - Und als die Zinksärge seiner Kameraden aus Afghanistan kamen? Oder wenn sie wieder kommen werden?

Ein Mensch also, der an den sozialen Brennpunkten vor Ort ist und der die sozialen Probleme, von denen er hier erfährt, auch in eine Sprache transformieren kann, in einen Diskurs übersetzen kann, den sich viele anhören - vielleicht nicht wollen - aber doch offenbar anhören: müssen? Sogar solche sich äußerlich so C-hristlich ("Partei-christlich") gebende Frauen wie Angela Merkel oder Ursula von der Leyen? Sogar sie? Die noch mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan senden möchten, diese Frauen einer Kriegsregierung? Bravo, Frau Angela Merkel? - ?

Von der fortwirkenden, geschichtlichen Kraft des deutschen Protestantismus

"Studium generale" möchte auch meinen, daß ein solcher Mensch schwer zu finden sein sollte - zumindest eben an repräsentativer Stelle. Immer seltener werden dort solche Menschen. Außerhalb dieser erlauchten, aber immer schablonenhafter, "abgezirkelter" redenden Personenkreise findet man solche Leute ja schon häufiger ...

Gestern abend nun jedoch hat auch "Studium generale" einmal wieder im Radio zufälligerweise ein Interview mit einem solchen seltenen Menschen an repräsentativer Stelle gehört. Und wie man sogleich dabei miterfahren konnte - und wie es sich für einen solchen Menschen an repräsentativer Stelle offenbar heute auch "gehört" - bekommt er derzeit die ganze Breitseite der Kritik der vielen, viel zu viel gewordenen Etablierten, Angepaßten und Opportunisten ab.

Wie heißt nun dieser Mensch? Der in solchen Kontroversen steht und doch "streitbar" bleibt? Nicht gleich "klein bei" gibt? Er ist eine "sie". Und sie heißt: Margot Käßmann. Geborene Schulze. Geboren 1958 in Marburg an der Lahn. (Siehe auch die vier Fotos dieses Beitrages.) Die Eltern dieser "sie" waren ein KFZ-Mechaniker und eine Krankenschwester.

Heute ist sie Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und sie hat das Ohr am Volk, nirgends sonst. - Und einmal erneut ist man erstaunt über die immer noch fortwirkende, historische Kraft des deutschen Protestantismus. Die historische Kraft eines Martin Luther und der "Freiheit eines Christenmenschen". Wäre das nicht einmal ein Anlaß, daß sich auch Peter Sloterdijk mit dieser historischen Kraft etwas genauer beschäftigt im Zusammenhang mit "Zorn und Zeit"? (s.a. St. gen. a, b)

Das gestrige, hörenswerte Interview führte - fast ein wenig zu unverbindlich - Ingo Kahle im "Info-Radio" des RBB. Man kann es sich dankbarerweise vollständig im Netz anhören. (Da sind die Rundfunkgebühren einmal gut angelegt.)


Man muß nicht alle ihre Meinungen in vollem Umfang teilen, z.B. zur Familienpolitik, um dennoch zu sagen, daß man es hier endlich einmal wieder mit einem Menschen zu tun hat, der nicht schablonenhaft redet, der mithin einfach nur "normal" ist, und der dem gesunden Menschenverstand eine Stimme verleiht.

Hören Sie selbst. Insbesondere auch ihre Meinungen über den Zweiten Weltkrieg. Sie sind nicht schablonenhaft. Sie wagt ein eigenes Urteil. Sie wagt, selbst zu denken! 60 Jahre nach Kriegsende. Ungeheuerlich! Aber zumindest über diese Frage will sie sich künftig nicht mehr öffentlich äußern, weil sie deshalb, auch deshalb angegriffen wurde, weil sie die Frage gestellt hat, warum der deutsche Widerstand gegen Adolf Hitler vom Ausland vor und nach 1939 so wenig unterstützt worden ist. Gute Frage! Nächste Frage!

Und natürlich ebenso ihre Meinungen über den Afghanistan-Krieg. Sie fragt, warum nicht versucht wird, den Drogen-Anbau in Afghanistan, über den sich die Taliban offenbar zu großen Teilen finanzieren (- ach ja?), warum da nicht Maßnahmen ergriffen werden.

Nachdem sich Oskar Lafontaine offenbar aus der Bundespolitik zurückzieht, seine Partei weiter davor warnend, ebenso "systemkonform" zu werden, wie es inzwischen die "Grünen" geworden sind, wird eine Margot Käßmann um so wichtiger. Ihre --> Bücher (s.a. rechts) dürften manche weitere lesenswerte Inhalte haben.

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