Dienstag, 26. Januar 2010

Die Amischen - einige Filmdokumentationen

Was für uns Europäer die naturverbundenen Alpenbewohner sind, die traditionell lebenden Bergbauern (soweit es sie noch gibt) mitsamt den ihnen eigenen "Postkarten-Idyllen", das sind für die US-Amerikaner die "Amish-People", genauer die "Old-Order-Amish" mit ihrer naturverbundenen Lebensweise, mit ihrer Pferde- und Fußgänger-dominierten Lebens- und Wirtschaftsweise, mit ihren vielen Kindern, eben: diese heile Welt.

Aber auch wer sich mit der menschlichen Religiosität aus evolutionärer Perspektive befaßt, der wird ziemlich bald auf den Zusammenhang von Religiosität und Kinderzahl stoßen, wie er insbesondere von dem Religionswissenschaftler Michael Blume thematisiert worden ist. Und auch auf dem Blog "Studium generale" ist das Thema Religionsdemographie schon sehr häufig behandelt worden. Auch etwa anhand der "religiösen Gruppierung" der Anthroposophen kann die Auswirkung von Religiosität auf überdurchschnittliche Kinderzahlen erforscht werden.

Eines der klassischen Beispiele jedoch für den Zusammenhang zwischen Religiosität, Kinderzahl und die Gruppen-stabilisierende Funktion von Religiosität ist die religiös-ethnische Gruppierung der Amischen, bzw. "Amish-People" in Nordamerika. Nach den "Hutterern" sind sie mit durchschnittlich sieben bis acht Kindern pro Frau, bzw. Mann die kinderreichste und sich am schnellsten verdoppelnde Bevölkerungsgruppe weltweit.

Leben in Mehrgenerationenhäusern auf dem Land

Und das, so möchte man sagen, "obwohl" sie Deutsche sind. Denn die sogenannten "Old-Order"-Amischen sprechen noch heute Deutsch als Muttersprache. Sie leben in "Mehrgenerationenhäusern" auf dem Land als Landwirte. Langzeitarbeitslose gibt es bei ihnen nicht. Auf einem Bauernhof, der nicht durchgängig mit modernen Maschinen betrieben wird, werden viele Arme gebraucht.

Sicherlich lebt die Mehrheit der Amischen in Nordamerika sinnvoller als die Mehrheit der Langzeitarbeitslosen und der alleinerziehenden Mütter in Deutschland. Darüber könnte auch einmal etwas gründlicher nachgedacht werden.

Auf "Studium generale" sind ja die Amischen schon häufiger behandelt worden (a, b, c, d, e, f, g). Auch Wikipedia gibt ausführlich Auskunft über diese interessante religionssoziologische Erscheinung.

Im Weltnetz sind nun in den letzten Monaten einige Dokumentar-Filme über die Amischen frei zugänglich geworden (s. a. Wikip.), auf die mit diesem Beitrag hingewiesen werden soll (1 - 5). Dokumentarfilme können oft noch einen besseren Eindruck von vielen Lebenszügen einer solchen Kultur wie der der Amischen vermitteln, als bloß Bücher, Berichte oder Fotos. Auch dann noch, wenn sie das Filmverbot der Amischen berücksichtigen und nur aus der Ferne filmen.

Die besten zugänglichen Dokumentarfilme sind leider auf Englisch. Dazu gehört "The Amish - A People of Preservation", eine Dokumentation, die offenbar schon in den 1970er Jahren entstanden ist (1). Dies ist ein sehr berührender Film. Er ist auch unter der Beratung des Soziologie-Professors John A. Hostetler entstanden, der das Standard-Werk zur soziologischen Erforschung der Amischen verfaßt hat. Und dieser Film ist offenbar, wenn man es recht versteht, im Jahr 2000 überarbeitet und aktualisiert worden (a, b, c).

Ein weiterer, sehr schöner Film, in dessen Mittelteil über längere Strecken die Geschichte der Amischen vielleicht allzu trocken rekapituliert wird - was man auch überspringen kann -, entstand 1998 (2). Auch er ist auf Englisch. Im gleichen Jahr entstand jedoch auch ein sehenswerter deutschsprachiger Dokumentarfilm (3).

Wenn der religiöse Gruppenzusammenhalt verloren geht ...

2008 und 2009 sind nun außerdem noch eine deutschsprachige und ein englischsprachige Dokumentation entstanden (4, 5), die vor allem über Familien berichten, die im Umbruch stehen zwischen einem traditionellen, gemeinschaftsbetonten "Old-Order-Amischen" Lebensstil, den eine neue Generation innerhalb dieser Familien in Teilen kritisch sieht, und dem modernen Lebensstil. Zwischenstufen zwischen beiden gibt es interessanterweise immer weniger.

Es rühren einen die hier dargestellten Probleme unglaublich "modern" an. Mit einem Schlag ist die Welt nicht mehr "amisch", sondern anders.

Diese Filme vermitteln dann also nicht mehr nur jene rundum "heile Welt", den die älteren Dokumentationen vermittelt haben, und die man auch einmal in ihrer Wirkung für sich stehen lassen könnte. Denn die Zahl der Abtrünnigen bei den "Old-Order"-Amischen ist in den letzten Jahren eher zurückgegangen denn gestiegen (siehe ältere Beiträge). Insofern dürften diese beiden letzten Dokumentationen nicht repräsentativ für die Old-Order-Amischen von heute sein. Nur lassen sich eben noch heute "abtrünnige" Amische eher interviewen, als solche, die nicht abtrünnig sind. Schon dieser Umstand für sich selbst berührt einen schmerzhaft: So redselig wie diese Abtrünnigen sind wir ja alle.

Dazu mu3ß man nicht mehr "Amischer" sein ...


Film-Dokumentationen (1975 - 2009):

1. Ruth, John L.: The Amisch - A People of Preservation. Film, 56 Min., Heritage Productions 1975, 1991, 2000. Auf: Veoh.com, auch auf Folkstreams. [24.1.10]
2. Gattuso, James A. Jr.: Reflections of Amish Life. Film, 59 Min., E.I.V. Book & Video Productions, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
3. Berger, Eva-Maria: Die Amish. Ein Bauernhof für unsere Kinder. Film, 59 Min., ORF/3Sat, 1998. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
4. Wegner, Wolfgang: Gottes stille Rebellen. Die Amish in den Rocky Mountains. Film, 28 Min., DOC-Team-Productions (ARD/MDR) 2008. Auf: Veoh.com. [26.1.10]
5. Tait, Andrew: Trouble in Amish Paradise. Film, 60 Min., BBC 2, 2009. Auf: Veoh.com. Siehe auch eigene --> Netzseite zu diesem Film.

Kommentare:

Michael Blume hat gesagt…

Lieber Ingo, danke für den Blogpost und die schönen Bilder. Vielem (aber nicht allem ;-) ) im Text würde ich auch zustimmen. Derzeit befindet sich auch eine neuere Studie von mir zur Selbstorganisation der Amischen im Druck. Wenn Du magst, sende ich sie Dir nach Erscheinen zu.

Herzliche Grüße!

Michael

PS: Am Sonntag veröffentlichte der Tagesspiegel den Essay "Wenn Kinder ein Segen sind", der sogleich die üblichen, wütenden Reflexe auslöste. :-)

Ingo Bading hat gesagt…

Hallo Michael,

danke für Deinen Kommentar und auch für den Hinweis auf den "Tagesspiegel", hier der Verweis:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Demografie-Saekularisierung;art141,3029894

In den Kommentaren mißfällt mir der besserwisserische Ton. Jeder hat auf seine Weise recht (oder viele zumindest), bringt aber jeweils sein Argument so vor, als hätte niemand anderer recht.

Die entscheidende Frage ist für mich in der Tat: Wenn ich als Medienmensch, als Minsterialrat im Familienministerium etc. überzeugt bin, daß Religiosität wichtig ist für Kinderzahlen:

Was leite ich daraus für Schlußfolgerungen ab für konkretes Handeln in Deutschland?

Für EFFEKTIVE Geburtensteigerung müßte man sich zunächst an den Freikirchen orientieren oder an den aschkenasischen Juden. Bestimmt nicht an dem Durchschnittschristen.

Aber wer will den Freikirchler, wer will aschkenasischer Jude werden?

Es müßte mehr über konkrete Schlußfolgerungen, mehr über konkrete Ratschläge für Politik und Medien gesprochen werden!

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