Sonntag, 1. Juli 2012

Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler (Teil 4: 1941 - 1945)

Ab sofort gibt es diese Blogartikel-Serie ---> als Buch (430 Seiten für 15 Euro plus Versandkosten)Ende 2014 wird eine deutlich überarbeitete und erweiterte Version dieses Buches erscheinen.
Teil 4: 1941 - 1945

Aufsatz in fünf Teilen: Teil 1 (1908 - 1925); Teil 2 (1927 - 1933); Teil 3 (1934 - 1940); Teil 4 (1941 - 1945); Teil 5 (Schluß, Anhang, Literatur)
1939 - 1942 - Sergey Vronsky als Arzt und Astrologe in der Umgebung Hitlers

Über den schon in einem vorigen Teil erwähnten russisch-polnischen Astrologen Sergey Vronsky wird berichtet - und das folgende kann sich ja erst etwa ab Dezember 1939 abgespielt haben (lt. Eduard Kovalev Magazin "Top Secret", 2007)
Nach seinem Eindringen in die nahe Umgebung von Hitler lernte Vronsky natürlich seinen persönlichen Astrologen Karl Ernst Krafft kennen, was ihm die Möglichkeit gab, einen nötigen Einfluß sogar auf die astrologischen Prognosen, die für den Führer vorbereitet wurden, auszuüben. Und in Berlin wurde unser Held zu einer überaus modischen Persönlichkeit und erlangte seine weite Berühmtheit als Medizinwunderheiler und fast Hofastrologe. 
Auf der Suche nach Schambala 
Wie bekannt, betrieb Hitler den Okkultismus als Hobby. Deswegen funktionierten im Reich ungehindert viele wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Organisationen, die sich mit den mystischen Untersuchungen beschäftigten. Die bekanntesten waren die Gesellschaft „Vril“ und die Gruppe „Thule“. Für ihre Begründer hielten diese „wissenschaftliche Zirkel“ die Ritter des Templerordens (Templer). Es gibt Zeugnisse, daß viele deutsche Freunde von Vronsky gerade der Geheimgesellschaft „Vril“ beitraten. 
Hieraus zieht sich die Kette, die uns zum Verständnis über „das große Geheimnis“, über das er vielmals später während seines Lebens in der Sowjetunion gesprochen hat, führt. Rudolf Hess war in den 30er Jahren für Sergey der nahste Mensch, und der berühmte deutsche Mystiker-Wissenschaftler und Geopolitiker Karl Haushofer war mit ihm eingestandenermaßen von selbst Vronsky befreundet. Gerade diese zwei – Hess und Haushofer – flößten dem zukünftigen Führer Deutschlands die Ideen von der „großen Lehre“ von Dietrich Eckart, die sie beide teilten, ein. Eckart – der Mensch, der die Thule-Geheimgesellschaft aus der Taufe der hob, sagte seinen Freunden kurz vor dem Tod: „Folgen sie Hitler. Er wird den Tanz führen, aber die Musik für ihn ist von mir geschrieben“. 
Dieser Tanz könnte natürlich viel mit jenen öffentlich gegebenen Anregungen Karl Haushofers zu tun gehabt haben, jenen außenpolitischen "Tiger" zu reiten, von dem man "nicht absteigen kann" (siehe anderwärts). Weiter heißt es (Hervorhebung nicht im Original):
Vielleicht gerade diese Musik von deutschen Freimaurern hat das Schicksal des russischen Wunderheilers beeinflußt. Das kann wohl sein, daß Sergey, abgesehen vom allen anderen, noch Mitglied einer Geheimgesellschaft war, die die Entwicklung der menschlichen Zivilisation zu beeinflussen suchte, ohne das Leben der einzelnen Menschen und sogar der Völker zu achten. Schon an der Neige seines Lebens gestand er ein: „Ich bin nicht berechtigt, gründlich die Wahrheit zu geigen... Es gibt ein Prinzip: der Eingeweihte ins große Geheimnis soll es mitnehmen“. Es ist bekannt, daß er über seine Treffen sowohl mit den obersten Rängen des faschistischen Deutschlands, als auch mit den Leitern der sowjetischen Spezialdienste ziemlich detailliert erzählt hat. 
Folglich, nicht das war das „große Geheimnis“, daß das Schicksal des Eingeweihten Sergey Vronsky vorausbestimmt hat. Was hat er dann mit ins Grab genommen? Um zu verstehen, an welchen Geheimnissen Vronsky mutmaßlich beteiligt war, haben wir uns an den Anfang des XX. Jahrhunderts zu erinnern. Damals kamen in vielen Ländern, insbesondere in Deutschland, USA und Rußland, die Geheimgesellschaften der Freimaurerrichtung wieder. Aber so wie die Freimaurer sich früher auf Ägypten hin orientiert hatten, so versuchten sie jetzt, „das Urwort“ im magischen Land Schambala zu finden. Nach Tibet gingen die Expeditionen, die von ganz unverträglichen Anstalten ausgerüstet wurden, ab. Dort waren, zum Beispiel, einige Expeditionen des deutschen bioradiogenen Institutes (wo, wie wir es wissen, Sergey Vronsky studierte und später arbeitete), die Expedition des russischen Philosophen und Malers Nikolay Roerich, die gut von einigen amerikanischen Philanthropen finanziert wurde. Mehrere Male versuchten die sowjetischen Anhänger von Schambala dahin zu kommen … 
Ohne Sanktion von Moskau 
Während seiner Besuche bei seinen hoch stehenden Patienten leiht er ihren Gesprächen gründlich sein Ohr und gibt ihren Inhalt ausführlichen an einen der sowjetischen Nachrichtendienste in Deutschland weiter. Es ist klar, daß die von ihm bekommene Information von großer Bedeutung sein soll.
Außerdem erfüllt er in diesen Jahren auch die einzelnen konkreten Aufträge. Einmal wurde ihm zum Beispiel befohlen, in den Kreis der zum Führer nahen Menschen den ehemaligen russischen Boxer Igor Miklaschevskiy einzuführen. Vronsky stellte Igor Max Schmeling, dem Boxweltmeister, der oft zu Hitler eingeladen wurde, vor. Nach den Erinnerungen der sowjetischen Tschekisten bekam damals Miklaschevskiy eine sehr wichtige Aufgabe: in die nächste Umgebung von Hitler einzudringen und ihn bei passender Gelegenheit zu töten. Doch Pavel Sudoplatov schreibt in seinem Buch, daß Stalin gezwungen war, auf diesen Plan zu verzichten, weil er befürchtete, daß die Menschen, die Hitler ablösen, den Waffenstillstand mit England schließen würden … 
Vronsky half dem sowjetischen Nachrichtendienst ziemlich erfolgreich. Aber manchmal beging er unzulässige, „unsinnige“ Handlungen. Nach seiner möglichen Teilnahme (darüber wird nebenbei in einer Quelle erwähnt) am mißlungenen Anschlag auf Hitler hatte er in der Jugend heißes Blut, war tollkühn, mit der abenteuerlichen Charakterbeschaffenheit. Der Führer sollte am 08. November 1939 in der Münchener Kneipe „Bürgerbrau“ detoniert werden, aber er fuhr daher etwa eine halbe Stunde vor der Vorgabezeit weg, und die Explosion der mächtigen Bombe erreichte das gesetzte Ziel nicht. 
Die Repressalien, die dem misslungenen Anschlag folgten, konnten die Sicherheit selbst von Vronsky gefährden. Während der afrikanischen Kampagne 1941 wurde er nach Afrika als Wunderheiler-Arzt beim deutschen Expeditionskorps des Feldmarschalls Erwin Rommel, der in Libyen und Ägypten gekämpft hatte, geschickt. Rommel schenkte damals Vronsky die persönliche Waffe mit der Aufschrift „Für den ehrlichen und treuen Dienst dem deutschen Reich“. Wenn der Feldmarschall gewußt hätte, daß er seinen Kampf in Nordafrika gegen die Engländer verlor, weil der „dem Reich treue“ Wunderheiler-Arzt dem Gegner regelmäßig die wichtigen strategischen Angaben übergab. 
Nahe Verhältnisse von Vronsky mit den faschistischen Leitern konnten das Verdacht bei der Leitung des sowjetischen Nachrichtendienstes doch nicht erregen: für wen arbeitet er doch in der Wirklichkeit? Nicht zufällig im Jahre 1942 wurde ihm vorgeschlagen, sofort nach UdSSR anzukommen – angeblich in Zusammenhang mit der Überreichung einer Prämie. 
Später erzählte Vronsky, daß er nach dem Vergleich mit dem Horoskop äußerst ungünstige Aussichten für sich sah. Doch in Deutschland bleiben konnte er nicht – dieselben Sterne prophezeiten die schnelle Entlarvung und den unvermeidlichen Tod. Ei was Sterne! Nach der Flucht von Hess begannen für die deutschen Astrologen schwierige Zeiten. Viele geraten ins Gefängnis.
Diesseits der Front…
Nach der Ausfertigung des deutschen Diplomatenpasses fuhr Vronsky nach Heimatbaltikum. Dort – ist es kaum zu glauben, doch die Tatsache – zur Einnahme des ihm nötigen Flugzeug hypnotisierte er das Bedienungspersonal des deutschen Frontflugplatzes, nötigte es ein leichtes Flugzeug, mit dem er die Frontlinie überqueren wollte, zu tanken.
Vronsky schaffte es nach diesem Bericht tatsächlich über die russischen Linien, hatte aber dort ein schweres Schicksal mit einer Fast-Erschießung und Jahrzehnte langem Arbeitslager-Aufenthalt. Es gibt wohl noch viele Angaben im Internet, die diesen Bericht mit Details ergänzen, etwa ein Interview mit Vronsky selbst. Das muß nach und nach noch hier ergänzend ausgewertet werden.

23. Januar 1941: Hitler beachtet sein Horoskop für den Angriffstermin auf die Sowjetunion

Der österreichische General Edmund Glaise von Horstenau, Mitarbeiter im Oberkommando der Wehrmacht, schreibt am 23. Januar 1941 in sein Tagebuch, daß er erfahren habe, daß der Einmarsch in die Ukraine "bereits im Sommer" oder gar im "April" geschehen solle und fährt dann fort (lt. "Minister im Ständestaat und General im OKW", Bd. 2, 1983, S. 646f):
Der Führer hat kürzlich in einem ganz engen Kreise Äußerungen von sich gegeben. Die wirtschaftliche Lage zwinge zum Angriff auf Rußland. Man werde die Ukraine, die kaukasischen Ölvorkommen und auf der anderen Seite Petersburg besetzen. Der Winter 1941/42 werde für Deutschland noch sehr schwer sein, dann werde man aber im Überfluß schwimmen, dank der reichen Hilfsquellen Rußlands, die völlig dem deutschen Volke dienstbar gemacht werden würden. Die Landung in England ist bis auf weiteres zurückgestellt, dort habe lediglich die Luftwaffe und das U-Boot zu wirken.
Und Glaise von Horstenau fährt dann fort:
Der Termin April hängt auch mit dem Horoskop des Führers zusammen. Dieses steht für den Monat Mai besonders katastrophal und weist auch in den folgenden Monaten keine "Sterne" auf. Für jeden Horoskopgläubigen ist das ein bindendes Geheiß, den Schicksalsmächten noch in der vorangehenden Zeit die Gegenparade zu bieten: also April. Die Zeiten Wallensteins sind wiedergekehrt. Auch Hermann soll seinen Seni haben.
Aus diesen Worten ist klar abzuleiten, daß hier Adolf Hitler selbst sein Horoskop beachtet. Denn wer sollte sich hier sonst außer ihm und wie er Gedanken machen über den Angriffstermin? (Telefonischer Hinweis auf dieses Quellenzeugnis durch Buchautor Stephan Berndt am 27.4.2013. - Vielen Dank dafür!)

Der 11. Mai 1941, ein besonderer Tag in der internationalen Astrologie?

Der okkultismus- und hintergrundpolitikkritische Autor Hermann Rehwaldt schreibt in seinem Ende August Frühjahr 1939 erschienenen Buch "Weissagungen" (S. 114):
Im "Frankfurter Generalanzeiger" vom 3. 10. 38 finden wir unter der Überschrift: "Die Welt am 11. Mai 1941" folgende Notiz:
"Ein englischer Astrologe, Dr. H. Spencer-Jones, hat an alle Astrologen der Welt die Aufforderung gerichtet, Prognosen über das voraussichtliche Weltgeschehen am 11. Mai 1941 abzugeben, um auf diese Weise Material in die Hand zu bekommen, das eine strenge und unnachsichtige Überprüfung der angeblichen astrologischen Wissenschaft erlaubt. Bekanntlich wird die Astrologie, dieser 'Geheimdienst des Himmels', von den Astronomen bekämpft."
Harold Spencer-Jones (1890 - 1960) war ein britischer Astronom (womöglich ist also die Angabe "Astrologe" im Zitat falsch). Der schon häufiger angeführte indische Astrologe Bangalore Venekata Raman (1912 - 1998) berichtet in seinem Erinnerungen "My Experiences in Astrology" (- The Autobiography of a Vedic Astrologer. 1985; 1992; South Asia Books, 1995; UBS Publishers 2011) darüber (Hervorhebung nicht im Original):
It will be interesting to note that in June 1932 in the British press, Britain's Astronomer-Royal Dr. Harold Spencer Jones had written an article "challenging" astrologers to say in advance "What was going to happen" when "on 11th May 1941, Mercury will be in conjunction with Venus, Saturn and Uranus; Venus will be in conjunction with Jupiter and Uranus; it will be full Moon. Saturn will be in conjunction with Venus and Mercury and Jupiter will be in conjunction with Uranus a few days previously. Mercury, Venus, Jupiter, Saturn and Uranus will all be close to the Sun."

Like many astronomers of today his attitude towards Astrology was unscientific. Ignoring Uranus and Neptune which do not come within the purview of Hindu Astrology, the Sun and Saturn and Mercury, Jupiter and Venus were in conjunction respectively in Aries (ruling England) and Taurus; Rahu placed in Virgo and the combination in Taurus was subject to the powerful aspect of Mars from Aquarius. There was also the parivartana (interchange) between Mars and Saturn. The British astrologers referred to the planetary situations mentioned by the astronomer as "the constellation of the heavens the like of which the world has not seen very often." Of course, my approach based on the Nirayana zodiac enabled me to forecast the developments in Europe and the attack of Germany on Russia. It was evident that in about a month's time from the date of this configuration, the German aggression would become a fact. On 27th May the President of U.S.A. declared a state of emergency and American troops occupied Iceland.

The nearness of Saturn and Jupiter in Taurus plus the mutual aspects of Mars, Rahu and Ketu, coinciding with Hitler's invasion of Russia suddenly altered the values and relationships of the war. The Russians were taken by surprise and initial disaster fell upon them but the powerful horoscope of Stalin and the malefic directions in the chart of Hitler enabled the Russians to face the new struggle with confidence. While western astrologers speculated about the outcome, Indian Astrology indicated that Hitler would not succeed in his attempts to subjugate Russia. 
Wieder einmal eine astrologische Arroganz sondergleichen, die sehr an die Arroganz des Hamburger Astrologen Wilhelm Wulff erinnert, der ja - "zufälligerweise"! - Kernelemente seines astrologischen Wissens ebenfalls aus Indien und Asien bezogen haben will. Jedenfalls auch ein indischer Astrologe will den Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 vorausgesehen haben! Hier tut sich wieder einmal ein neues Forschungsfeld auf - nämlich die indische (und asiatische) Astrologie, die sonst in diesem Beitrag noch gar nicht berücksichtigt wurde. Es wäre nun einmal interessant, eine möglichst sachliche und umfassende Auswertung der Ergebnisse des Experimentes von Harold Spencer-Jones irgendwo zu lesen. Diese muß es doch sicherlich geben?! Jedenfalls deutet alles darauf hin, daß ausgerechnet der 11. Mai 1941 schon seit 1932 (!!!) im Blickfeld britischer und indischer Astrologen gewesen ist! Und Rudolf Heß sollte nun - "zufälligerweise" (!!!) - am 10. Mai 1941 kurz vor Mitternacht mit seinem Fallschirm auf schottischem Boden landen (siehe unten)! "Zufälle" über "Zufälle".

Der Englandflug von Rudolf Heß - eine astrologische Falle des britischen "Secret Service"

Daß "die Rudolf Heß nahestehenden okkultistischen Zirkel systematisch" vom britischen Geheimdienst infiltriert worden wären, ist erstmals in Richard Deacon's "A History of the Secret Service" (London 1969) veröffentlicht worden nach persönlichen Erinnerungen von Ian Fleming. Soweit übersehbar, sind niemals ernsthafte Einwände gegen die Stimmigkeit und Plausibilität dieser Behauptung erhoben worden. Und soweit übersehbar, gibt es keine Fakten, die dieser Behauptung klar widersprechen würden. Der Historiker Rainer F. Schmitt läßt es in seiner Untersuchung offen, ob diese Behauptung stimmt oder nicht, reiht aber zahllose Fakten aneinander, die recht gut zu dieser Behauptung passen. Er schreibt zunächst (Schmitt/Botengang, S. 21)
Richard Deacon beruft sich (...) auf die mündliche Mitteilung eines ehemaligen britischen Geheimdienstoffiziers. Bei Deacons Informant handelt es sich um keinen Geringeren als den damaligen persönlichen Assistenten des "Director of Naval Intelligence" und Chef des Planungsstabes der Geheimdienstsektion der britischen Marine, Ian Fleming (...). Laut den Erinnerungen Flemings habe man die Heß nahestehenden okkultistischen Zirkel systematisch infiltriert und dem Führerstellvertreter im Frühjahr 1941 über einen Kontaktmann des Secret Service in der Schweiz ein manipuliertes Horoskop zugespielt, um ihn zu seiner Friedensmission zu veranlassen. Dieses Horoskop habe den 10. Mai 1941 als erfolgversprechenden Tag für ‚eine Reise im Interesse des Friedens’ genannt, Schottland als die Region ausgewiesen, wo der Friede zu erlangen sei, und den Herzog von Hamilton, den Lord Steward des Königs, als geeigneten Kontaktmann bezeichnet, um den Frieden herbeizuführen.
Alles, was man nun über die vielen seltsam übereinstimmenden Einflüsse erfährt, die auf Heß zur Entscheidung für seinen Flug ausgeübt wurden, paßt mit nichts besser zusammen, als mit dieser Behauptung. Schon im Jahr 1972 konnte in einer okkultismus-kritischen Zeitschrift festgestellt werden (vgl. Trondheim):
Über die okkulten Hintergründe des Heß-Fluges von 1941 sind im Laufe der Jahrzehnte nun schon viele Schriften erschienen, die uns Aufschluß geben.
Leider wird dabei nicht gesagt, um welche Schriften es sich handelte. Aber wie man aus vielen Hinweisen entnehmen kann, wurde gerade in den 1950er Jahren, also in der bigotten, christkatholischen Adenauerzeit, in der Boulevardpresse - auch im "Spiegel" - viel häufiger über die astrologischen Hintergründe des Dritten Reiches gemutmaßt und angedeutet, als in späteren Jahren. Hierüber einmal einen Überblick zuzusammenzustellen oder zur Kenntnis nehmen zu können, wäre sicherlich sehr hilfreich und erkenntniserweiternd. Es scheint, als sei damals - auch mit dem Thema Drittes Reich - noch für die Astrologie richtiggehend "Propaganda" und Werbung in der "großen Presse" betrieben worden. Seit den 1970er Jahren hat das Thema Astrologie ja wohl in der breiten Öffentlichkeit ziemlich an Zugkraft verloren. Es war wohl eines der ersten "Opfer" der immer stärker voranschreitenden Naturalisierung unseres Weltbildes. So daß heute viel weniger darüber berichtet wird und manches an Vermutungen und Hintergrundpolitikwissen der 1950er Jahre schon wieder in Vergessenheit geraten sein mag.

Jedenfalls ist damals in der astrologischen Wochenzeitung mit 100.000 Exemplaren Auflage, genannt "Das Neue Zeitalter" (Herausgeber Huter) auch folgende Angabe veröffentlicht worden (nach Howe, S. 265):
Die Münchner Astrologin Maria Nagengast behauptete in "Das neue Zeitalter" vom 3. Dezember 1954, sie habe im März 1941 einen Brief von Heß erhalten. Er habe sie nach einem günstigen Tag für eine Auslandsreise gefragt. Sie haben den 10. Mai 1941 vorgeschlsagen und dafür 300,- RM Honorar erhalten.
Welches Honorar sie dafür vom britischen Geheimdienst erhalten hat, sagt sie natürlich nicht! Und offenbar hat sie niemand danach fragen können, weil die Aussagen Ian Flemings ja erst 15 Jahre später veröffentlicht wurden.

Anfang 1941: Krafft erarbeitet das Horoskop Churchills für Rudolf Heß


Anfang 1941 hatte Rudolf Heß auch bei dem Astrologen Krafft ein Horoskop zu Winston Churchill bestellt (1, S. 206). (Howe, S. 254):
Laut Dr. W. Schütt (Das Neue Zeitalter, 16.12.1949) hielt Krafft auch in seinem Hause in der Burggrafenstraße 16, wo er 1940-41 wohnte, Vorträge. Er erinnerte sich, daß Krafft Anfang 1941 kaum Geld hatte und auf ein weiteres Treffen mit Hans Frank hoffte. Krafft habe sich sehr gefreut, als er aus dem "Braunen Haus" (dem Partei-Hauptquartier) in München den Auftrag bekam, eine Studie über Churchills Horoskop zu erstellen.
Der Historiker Rainer F. Schmitt berichtet (S. 325, Anm. 150):
In einem für Karl Haushofer zurückgelassenen Schreiben sprach Heß davon, daß sie beide sich Horoskope hätten setzen lassen. Der Sterndeuter habe Heß erklärt, er müsse an einem bestimmten Tag nach England fliegen.
Und (S. 170):
Von der Schweizerin Grete Sutter erhielt er zu Weihnachten 1940 eine Weissagung, und Maria Nagengast aus München sowie sein persönlicher Vertrauter und Mitarbeiter Ernst Schulte-Strathaus, ein Schüler des Münchner Parapsychologen Schrenck-Notzing, erstellten ihm entsprechende astrologische Gutachten und Voraussagen. So bekam die Münchner Prominentenastrologin Nagengast im März 1941 ein Schreiben aus der Kanzlei des StdF (= Stellvertreter des Führers), in dem sie gebeten wurde, ein für eine Auslandsreise im Frühjahr günstiges Datum zu benennen. Ihre Prophezeiung wies den 10. Mai aus, und kurze Zeit später empfing sie dafür im Auftrag von Heß ein Honorar von 50 Reichsmark. Tatsächlich war dies nur die Bestätigung eines Termins, den Schulte-Strathaus dem Stellvertreter des Führers bereits im Januar in einem Horoskop genannt hatte. Strathaus hatte nämlich ebenfalls den 10. Mai 1941 als erfolgversprechenden Tag für eine Reise im Interesse des Friedens bezeichnet und als Begründung hierfür die an diesem Tage herrschende ungewöhnliche astrologische Konstellation angegeben, da sechs Planeten im Zeichen von Taurus stünden und dies mit dem Vollmond zusammenfallen würde.
Und dementsprechend bad Rudolf Heß auch am 6. Februar 1942 von England aus seine Frau brieflich (zit. n. Schmitt, S. 170),
1. Eine Notiz über den wichtigen Traum des Generals (gemeint: Karl Haushofer). 2. Das Horoskop, das Schulte-Strathaus erstellte. 3. die Prophezeiung, die mir Grete Sutter an Weihnachten vor einem Jahr zukommen ließ
unter notarieller Aufsicht in Verwahrung zu geben:
Solche Prophezeiungen und Horoskope sind die Beweise für die Existenz von natürlichen Kräften, die wir gegenwärtig nicht verstehen, aber die mit vielen Beispielen erklärt werden können, wenn die Zeit weiter voranschreitet.
Entsprechend schrieb Josef Goebbels schon am 14. Mai 1941 in sein Tagebuch über die zurückgelassenen Briefe von Rudolf Heß an Hitler (zit. n. 1, S. 126):
Seine Briefe strotzen von einem unausgegorenen Okkultismus.
Wer "unausgegorenen Okkultismus" kennt, unterstellt, schließt nicht per se aus, daß es auch "ausgegorenen" geben könnte. (Was ja auch aus anderen Äußerungen von Goebbels klar hervorgeht, etwa aus dem Jahr 1939 oder aus dem Jahr 1945.) Und Goebbels schrieb (zit. n. 1, S. 128):
Prof. Haushofer und seine Frau, die alte Heß, sind dabei die bösen Geister gewesen. Sie haben ihren "Großen" künstlich in diese Rolle hineingesteigert. Er hat auch Gesichte gehabt, sich Horoskope stellen lassen u. ä. Schwindel. Sowas regiert Deutschland.
Goebbels tut hier so, als hätte er das von Heß nicht gewußt und wüßte das auch nicht von Himmler. Ob diese "Ahnungslosigkeit" ehrlich ist, bleibe dahingestellt. Walter Schellenberg, ein damals schnell beförderter, enger Mitarbeiter von Reinhard Heydrich im Reichssicherheitshauptamt, schreibt über den Heß-Flug in seinen nach seinem Tod veröffentlichten Memoiren (zit. n. 1, S. 129) (Hervorhebung nicht im Original):
Die Berichte [des deutschen Inlandsnachrichtendienstes] ergaben weiterhin, daß Heß ständig Beziehungen zu Astrologen, Hellsehern, Magnetopathen sowie Naturheilkundigen gepflegt und seinen Flug aufgrund astrologischer Ratschläge berechnet habe. (...) Daß auch Hitler bis dahin der Astrologie einiges Interesse entgegengebracht hatte, wurde geflissentlich übersehen.
Dies ist übersehen worden eigentlich bis 2011, bis zu der Buchveröffentlichung von Stephan Berndt! Ein leitender Mann des Reichssicherheitshauptamtes wie Walter Schellenberg mußte das ja nun einmal wissen ...

5. Mai 1941: Krafft arbeitet täglich 14 Stunden

Die "psychologische Kriegsführung" in Vorbereitung auf den Englandflug von Rudolf Heß und den Rußlandkrieg war möglicherweise nicht nur durch die Erarbeitung eines Churchill-Horoskops für Rudolf Heß in jenen Monaten sehr aufreibend und arbeitsaufwendig für Krafft (Howe, S. 257):
Auf einer Postkarte vom 5. Mai schrieb er (Krafft) Ferriere, er habe kürzlich vierzehn Stunden am Stück gearbeitet. Er hoffe auf eine Erholungspause, man habe ihm drei Monate Urlaub garantiert, und zum Herbst wolle er ins friedliche, ruhige Urberg zurückkehren.
10. Mai 1941: Rudolf Heß fliegt nach England

Am 10. Mai 1941, etwa um 17.45 Uhr, startete Rudolf Heß in Augsburg-Haunstetten zu seinem Flug nach Schottland. Da er dort bei der Dunkelheit eine vorbereitete Landebahn nicht fand, sprang er um 23.09 Uhr mit dem Fallschirm ab und wurde noch vor Mitternacht von Angehörigen des schottischen "Heimatschutzes", die den Absturz seiner Maschine beobachtet hatten, und daraufhin den Piloten suchten, festgenommen (Rainer F. Schmidt, S. 175 - 177).

14. Mai 1941: Der "Völkische Beobachter" vermutet eine "englische Falle" für Heß

Am 14. Mai 1941 heißt es in einem Artikel des "Völkischen Beobachters" (zit. n. Howe, S. 259):
Rudolf Heß, der seit Jahren, wie es in der Partei bekannt war, körperlich schwer litt, nahm in letzter Zeit steigend seine Zuflucht zu den verschiedensten Hilfen, Magnetiseuren, Astrologen usw. Inwieweit auch diese Personen eine Schuld trifft in der Herbeiführung einer geistigen Verwirrung, die ihn zu diesem Schritt veranlaßte, wird zu klären versucht. Es wäre aber auch denkbar, daß Heß am Ende von englischer Seite bewußt in eine Falle gelockt wurde.
Mit diesen Worten kam der "Völkische Beobachter" dem heutigen zeitgeschichtlichen Kenntnisstand zu den Hintergründen des Heß-Fluges schon sehr nahe.

14. Mai 1941: "Times": Rudolf Heß war Hitlers Astrologe
 
Am gleichen 14. Mai 1941 schrieb die Londoner "Times" (zit. n. Howe, S. 260):
Gewisse Leute aus dem engsten Freundeskreis von Heß werfen ein bezeichnendes Licht auf die Affäre. Sie behaupten, Heß sei insgeheim Hitlers Astrologe gewesen. Er habe bis letzten März den Erfolg vorhergesagt und Recht behalten. Bis jetzt, denn nun ahbe er trotz der Siege, die Deutschland errungen hat, behauptet, Hitlers kometengleiche Karriere habe ihren Höhepunkt überschritten.
Man darf diese Worte als wertvollste Hinweise erachten. Denn in einer schon 1949 erschienenen Biographie über Albrecht Haushofer von Seiten eines Rainer Hildebrandt (Titel "Wir sind die letzten") werden ähnliche Gedankengänge ausgeführt (zit. n. Howe, S. 263f):
Heß' Neigung zur Astrologie bestärkte ihn in seiner Überzeugung, daß alles Erdenkliche unternommen und riskiert werden müsse, um die Feindseligkeiten unverzüglich zu beenden, denn für Ende April und Anfang Mai 1941 waren die astrologischen Aspekte Hitlers außerordentlich schlecht. Heß deutete dieses Aspekte so, daß er diese Gefahren, die den Führer bedrohten, auf seine eigenen Schultern nehmen müsse, um Hitler zu retten und Deutschland den Frieden zu bringen.
Das deckt sich sehr wohl mit der Äußerung von Krafft auf der Abendgesellschaft bei Arno Breker Anfang 1940 (siehe oben), daß der Krieg bis zum Winter 1942/43 beendet werden sollte! Und weiter:
Immer wieder hatten ihm seine astrologischen "Ratgeber" gesagt, die englisch-deutschen Beziehungen seien durch eine tiefsitzende Vertrauenskrise bedroht ... Tatsächlich gab es zu dieser Zeit gefährliche Oppositionen in Hitlers Horoskop. Haushofer, der sich viel mit Astrologie beschäftigte, ließ seinen Freund selten ohne Hinweis, was ihm in nächster Zeit "unerwartet" zustoßen könne.
22. Mai 1941: Deutsche Emigranten: "Astrologie in Hitlers Diensten"

Am 22. Mai 1941 erschien in der deutschen Emigranten-Zeitung "Die Zeitung" ein Artikel von Walter Tschuppik mit dem Titel "Astrologie in Hitlers Diensten". In diesem hieß es (zit. n. Howe, S. 273):
Man muß bedenken, daß der erfinderische Dr. Goebbels den propagandistischen Wert der Astrologie schnell erkannt hatte, denn in seinem Ministerium gibt es eine spezielle Abteilung namens AMO (Astrologie, Metapsychologie und Okkultismus).
Und laut Howe wurde weiter ausgeführt:
Heß glaube an Astrologie und folge in dieser Hinsicht dem Beispiel Hitlers, der in Berchtesgaden einen persönlichen Astrologen beschäftige. Dieser fragliche Astrologe sei bislang Krafft gewesen.
Nun, die Angaben waren auch sonst nur sehr ungenau. Krafft hatte, soweit übersehbar, in der Schweiz und im Schwarzwald gelebt, niemals in Berchtesgaden. Aber der persönliche Astrologe in Berchtesgaden wird ja Alois Irlmeier gewesen sein, wie wir schon im vorigen Teil ausgeführt haben.

1941: Reinhard Heydrich mißtrauisch gegenüber dem britischen "Secret Service" und den NS-Okkultisten an der Spitze

Vor allem auch Reinhard Heydrich vermutete, daß Heß in eine Falle des britischen Geheimdienstes hineingelockt wurde. Daß diese Falle auch mit Hilfe der Infiltration des okkulten Umfeldes von Heß gestellt worden ist, ist da eigentlich sowieso nur noch ein kleiner Schritt und wirklich mehr als naheliegend. Warum also sollte nicht auch diese Behauptung des Ian Fleming als gesichertes historisches Wissen gelten können? Walter Schellenberg berichtet über die Reaktion von Reinhard Heydrich auf den Englandflug von Rudolf Heß (zit. n. 1, S. 240f):
Heydrich (...) jedoch versteifte sich in erster Linie auf die Vermutung, daß der britische Secret Service seine Hand im Spiel habe und wir diese Spur weiterverfolgen müßten. Dann fügte er noch ein paar sonderbare Sätze hinzu, die ich wörtlich wiedergeben möchte: "Sollten diese Meldungen richtig sein, dann könnte uns seitens dieser Kreise auch noch an anderer Stelle empfindlicher Schaden zugefügt werden. Es sollte mich nicht wundern, wenn wir eines Tages weitere ähnliche Überraschungen erlebten. Ich bin überzeugt, daß der Secret Service so weit plant."
Welche Kreise meinte Heydrich hier wohl? Doch wohl keine anderen als die Haushofer-Clique, bzw. all die "Kreise", die ja auch seinen Chef Heinrich Himmler umgaben, wie kaum einer besser wissen konnte, als Reinhard Heydrich. Und in der Tat behielt der britische "Secret Service" nicht nur mit Seperatfriedens-Fühlern gegenüber dem von Wilhelm Wulff am Narrenseil der Astrologie entlang geführten Heinrich Himmler 1944 und 1945 offenbar noch einige Asse im Ärmel. Bemerkenswerter Weise versuchte Schellenberg nach eigenem Bericht diese Vermutungen Heydrich gegenüber zu zerstreuen. Aber wird er oder andere sie nicht nach England weiterberichtet haben, so daß der britische "Secret Service" schließlich Veranlassung gesehen haben mag, ausgerechnet auf den gar zu okkultismus-kritischen Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 ein Attentat ausüben zu lassen, dem er am 4. Juni 1942 erlag? Was sollte eigentlich näher liegen, als diese Motivation? So langsam wird doch aus vielen Puzzelteilen ein Bild, wenn man die psychologische Kriegsführung mit Hilfe der Astrologie voll in Rechnung stellt bei den damaligen Vorgängen.

Schellenberg berichtet in seinen Memoiren (1959, S. 160), daß Hitler Neigung zur Astrologie nach dem England-Flug von Rudolf Heß (zit.n. Howe, S. 315)
in eine kompromißlose Anitpathie umschlug.
Hitler und Heydrich könnten da durchaus ähnliche Reaktionen gezeigt haben. Und auf beider Reaktionen könnte die weitere Behandlung des Astrologen Krafft durch sie zurückzuführen sein. 

1941 - 1945: Rudolf Heß schreibt an seine Frau

Walter Schellenberg berichtet auch ganz allgemein über die Briefe, die Rudolf Heß als Internierter von England aus an seine Frau nach Deutschland schicken durfte, und die der deutsche Geheimdienst ebenso mitlas, wie natürlich der britische (zit. n. 1, S. 131):
Heß zitierte immer wieder alte Weissagungen und hellseherische Bilder. Dabei berief er sich auf frühere Horoskope, deren Voraussagen durch das bisherige Schicksal seiner selbst, seiner Familie, aber auch Deutschlands bestätigt worden seien.
So ähnlich dachten ja auch Hitler und Goebbels noch im April 1945. Wie kann man eigentlich noch Zweifel an der psychologischen Kriegführung des britischen "Secret Service" mit Hilfe des Okkultismus haben?

Rudolf Heß und der Astrologe Ernst Schulte-Stratthaus

Den Okkultisten Ernst Schulte-Stratthaus, neuerlich ein Schüler des Parapsychologen Albert Schrenck-Notzing, hatten wir ja schon in seinen Auseinandersetzungen mit den Anti-Okkultisten des Amtes Rosenberg im Jahr 1940 kennengelernt (siehe oben).  Die vormalige, "international bekannte" Sekretärin des Schrenck-Notzing Dr. Gerda Walther (also auch bekannt in okkulten britischen Kreisen) kannte natürlich auch Ernst Schulte-Stratthaus gut (lt. Howe, S. 262 mit Bezug auf Walter, 1960, S. 473):
Laut Dr. Gerda Walther, die ihn gut kannte, war er der Experte von Heß für "Okkultes" wie die Astrologie.
Den damals in der Öffentlichkeit erörterten Berichten über seine Rolle beim Heßflug versuchte sich Schulte-Stratthaus am 23. Dezember 1954 in einem Leserbrief mit einem Dementi (Howe, S. 262):
Er habe Heß seine astrologischen Anschauungen nie aufgedrängt, und er habe auch nie suggeriert, daß der 10. Mai ein passender Tag für seinen Abflug sei. Dennoch scheint Schulte-Stratthaus im Januar 1941 ein bestimmtes astrologisches Phänomen Heß gegenüber erwähnt zu haben. Er sprach mit ihm über Prophezeiungen der Vergangenheit zu den "großen Konjunktionen" von 1484 und 1504, d. h. die Ballung einer größeren Gruppe von Planeten in einem Sternzeichen, und auch über eine sehr weit zurückliegende große Konjunktion im "wässrigen" Zeichen Fische, die viele Leute eine Wiederholung der Sintflut erwarten ließ. Schulte-Stratthaus, so sein Brief, hatte Heß erzählt, am 10. Mai 1941 werde eine ungewöhnliche große Konjunktion mit sechs Planeten im Zeichen Stier bei gleichzeitigem Vollmond stattfinden. Scherzhaft habe er gesagt, so viele Planten an einer Stelle könnten die Erde aus der Bahn werfen. Die bevorstehende Konjunktion im Januar 1941 habe er nicht mit Heß' Horoskop in Zusammenhang gebracht, überhaupt sei alles nur nebenbei besprochen worden, und wenn man nach den Regeln astrologischer "Kochbücher" ginge, sei der 10. Mai auch kein besonders günstiger Tag für Heß. Heß habe diesen Tag sicher nicht aufgrund eines astrologischen Ratschlags von seiner Seite aus oder wem auch immer gewählt, und er persönlich habe von seinen Plänen keinerlei Kenntnis gehabt.
Ein fröhliches Dementi, das aber in vielerlei Hinsicht gar kein Dementi, sondern eine klare Bestätigung ist! Nunja, welcher deutsche Astrologe und enge Mitarbeiter von Rudolf Heß wollte sich auch 1954 - noch zu Lebzeiten von Rudolf Heß! - als vom britischen Geheimdienst "infiltriert" kennzeichnen? Wenn man die zielgerichtete Arbeit des Schulte-Stratthaus gegen das Amt Rosenberg und gegen das Verbot astrologischen Schrifttums (mit höchster Billigung durch Hitler) berücksichtigt, gewinnt man gewiß nicht den Eindruck, daß das solche "Scherze" "nebenbei" nicht zielgerichtet ausgestreut worden wären. Nein, diese Stellungnahme ist billige Augenwischerei.

- - - Es ist überhaupt auffällig: Der okkultismus-kritische Reinhard Heydrich wird 1942 vom britischen Geheimdienst ermordet. Vermutungen dahingehend, daß auch das Ehepaar Haushofer 1945 vom britischen Geheimdienst ermordet worden ist, sind nie abgerissen, eine ähnliche Mutmaßung gibt es gegenüber dem Tod von Heinrich Himmler (1945) - und gegenüber dem Tod von Rudolf Heß (1987)! Albrecht Haushofer hat man ja schon von der deutschen Gestapo ermorden lassen, von der so viele Mitarbeiter so schnell und reibungslos in westlichen Dienste übergetreten sind nach 1945. So viele Gemeinsamkeiten von Leuten, die über die okkulten Hintergründe des Dritten Reiches offenbar "zu viel wußten" und offenbar als nicht zuverlässig schweigsam genug eingeschätzt wurden von den Ian Fleming's in London. - - -

Rudolf Heß und der Astrologe und "Atemdoktor" Johannes Ludwig Schmitt

Dr. Ernst Ludwig Schmitt
In der "Aktion Heß" wurde am 9. Juni 1941 auch verhaftet Dr. med. Johannes Ludwig Schmitt (1896 - 1963) (Howe, S. 264f). Er wurde auch der "Atemdoktor" genannt, weil er einer der Begründer der Atemtherapie gewesen ist. Als solcher hat er noch nach dem Zweiten Weltkrieg großes Ansehen genossen, dabei jedoch nie über seine engen Beziehungen zu Heß und Himmler gesprochen. In einem Nachruf auf ihn aus dem Jahr 1963 stehen so vieldeutige Sätze wie:
Er haßte den Krieg, aber er liebte den Kampf.
Oder:
In dem Maße, wie er die Macht verachtete, gewann er sie, und in dem Maße, wie er den Ruhm verachtete, gewann er ihn. Ein tragisches Leben.
J. L. Schmitt und Rudolf Heß waren schon Kompagniekameraden während des Ersten Weltkrieges gewesen. Auf Wikipedia heißt es:
Im Krieg lernte Schmitt unter anderem den späteren nationalsozialistischen Politiker Rudolf Heß kennen, der sein Freund und später auch sein Patient wurde.
Schmitt war auch - wie Heß - Freikorpskämpfer. Er hatte sich allerdings der "Schwarzen Front" unter Otto Strasser angeschlossen, eine Richtung, der auch zahlreiche andere elitäre, okkultismusnahe Leute nahestanden, wie etwa Hans Zehrer, Ernst Jünger, Friedrich Hielscher und zahlreiche andere mehr. Er soll auch Otto Strasser zur Flucht in die Tschechoslowakei verholfen haben. Deshalb wurde Schmitt ab 1933 verfolgt und entging während des Röhm-Putsches nur aufgrund einer Verwechslung seiner Ermordung. Bis Oktober 1935 blieb er in Haft. Der Astrologe Wilhelm Wulff, Hofastrologe Himmlers 1944/45, will ihn auf "einigen Astrologie-Kongressen vor dem Krieg erlebt" haben (Howe, S. 265). Das kann dann eigentlich nur der Astrologie-Kongreß von 1936 in ... gewesen sein, denn am 3. bis 5. Juli 1935, als der Astrologen-Kongreß dieses Jahres stattfand, saß er ja noch in Haft und der Kongreß von 1937 ist verboten worden. Aber Wulff könnte gut auch Kongresse vor 1933 gemeint haben. Auf Wikipedia heißt es über die Zeit nach seiner Haftentlassung:
Schmitt praktizierte nach seiner Entlassung als Arzt in Berlin, wo der „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Heß, und angeblich auch Heinrich Himmler zu seinen Patienten gehörten. Im Mai 1941 wurde Schmitt erneut verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert - angeblich, weil er seinen früheren Kompaniekameraden Rudolf Heß zu dessen Englandflug animiert hatte. In Sachsenhausen schrieb Schmitt auch, trotz widriger Umstände, sein Werk Die Atemkunst.
Howe also schreibt über Schmitt (S. 265):
Schmitt war ein begeisterter Astrologe und Wulff hatte ihn auf einigen Astrologie-Kongressen vor dem Krieg erlebt. Dr. J. L. Schmitt (...) findet sich auch auf einer Liste von dreizehn Astrologie betreibenden deutschen Medizinern im "Zenit" (Mai 1931). Wulff traf ihn nach der "Aktion Heß" in einem Zellenblock des Konzentrationslagers Berlin-Sachsenhausen. Ob Heß Schmitt vor seinem Flug konsultierte, ist nicht bekannt.
Da ja auch Rudolf Heß auf Astrologie-Kongressen weilte, wird die Verbindung zwischen Schmitt und seinem Patienten Heß auch in dieser Zeit nicht abgerissen sein. In "Botengang eines Toren" schreibt der Historiker Rainer F. Schmitt über die "Aktion Heß" noch konkreter (S. 200):
Noch ungemein schlimmer erging es den persönlichen Mitarbeitern, Freunden und Adjutanten von Heß, die - wie seine Sekretärinnen, sein Fahrer Rudolf Lippert, Professor Gerl aus Hindelang sowie Dr. Ludwig Schmitt und Ernst Schulte-Stratthaus, die beide für Heß astrologische Vorhersagen gemacht hatten - verhaftet und durch die Mangel der Gestapo gedreht wurden, beziehungsweise im KZ verschwanden.
Ein enger Freund von Rudolf Heß bezieht seit 1935 die "Wirtschaftsberichte" von Krafft

Am 9. Juni 1941 wurde im Rahmen der "Aktion Heß" auch der Sekretär des Mannheimer Freundes von Karl E. Krafft und zeitweise auch von Krafft selbst, Gerhard zu Horst verhaftet (Howe, S. 270):
In seinem Besitz befanden sich noch einige Papiere Kraffts, und die Gestapo stellte viele Fragen dazu. Beim Verhör bemerkte er, daß Goerners Klientenkartei auf dem Tisch stand. Die Gestapo interessierte sich besonders für seine Beziehung zu Krafft und fragte, ob er etwas über die Kontakte zwischen Krafft und Heß' Freund Hofweber wisse, der Kraffts "Wirtschaftsberichte" abonniert hatte.
Für diese "Wirtschaftsberichte" Kraffts, die ab Dezember 1935 erschienen, hatte zu Horst viel Werbung gemacht (Howe, S. 205):
Einer der Abonnenten war ein Freund Goerners, Eduard Hofweber, der Leiter einer ortsansässigen Maschinenbaufirma. Hofweber war eng mit Rudolf Heß befreundet. Jedenfalls interessierte sich die Gestapo Jahre später für Hofwebers Verbindung zu Krafft.
Da die Gestapo ja selbst mit Krafft zusammenarbeitete, mutet es merkwürdig an, daß sie von Kraffts Arbeit für Rudolf Heß, ggfs. über Hofweber, im Mai/Juni 1941 erst noch vorgab, "recherchieren" zu müssen. Es ist doch schlecht denkbar, daß Krafft vor einem solchen Geheimdienst eine so wesentliche Verbindung verborgen gehalten haben sollte oder heruntergespielt haben sollte.

"Etwa 1941": "Mit Vergnügen" lesen Himmler und Heydrich ein negatives Horoskop für Adolf Hitler

Der Hamburger Astrologe Wilhelm Wulff, "eine der schillerndsten Gestalten der deutschen Astrologiegeschichte" (Schellinger 2010) mit seinen guten Kontakten zu Axel Springer und Rudolf Augstein nach 1945 (siehe unten), berichtet in seinem Buch "Tierkreis und Hakenkreuz" über sein schon behandeltes, im August 1923 erstelltes, äußerst negatives Horoskop über Adolf Hitler (1968, S. 51):
Meine Deutung zu Hitlers Horoskop vom August 1923 wurde später bei einer Haussuchung durch die Gestapo gefunden und beschlagnahmt. Ich wurde daraufhin verhaftet. Die unteren Gestapofunktionäre waren über diesen Fund besonders erbost. Jahre später, etwa 1941, fragte mich Heydrich einmal, ob ich bereit wäre, dieses Horoskop weiter und genauer auszuführen. Himmler sagte gar nichts und grinste. Er hatte meine Ausführungen mit Vergnügen gelesen.
Die Angabe "um 1941" ist für eine so brisante Mitteilung reichlich krude und ungenau. Vor seiner Verhaftung im Zuge der "Aktion Heß" am 9. Juni 1941 will Wulff mit der NS-Führung nichts zu tun gehabt haben, da er (der Ariosoph!) Gegner des Regimes gewesen sei. Für die Zeit danach schildert er bis zu "einem Winterabend 1942" einigermaßen lückenlos seinen Lebenslauf, in den allerdings ebenfalls nirgendwo eine so brisante Begegnung wie die mit Himmler und Heydrich hineinpaßt. Sie muß vor dem 27. Mai 1942 stattgefunden haben, denn an diesem Tag wurde das Attentat auf Heydrich verübt.

Konnte Wulff den Zeitpunkt einer so entscheidenden Begegnung vergessen haben? Und ob Wulff nun diese Bereitschaft hatte und es weiter ausgeführt hat, berichtet er ebenfalls nicht. Also wird es es wohl getan haben. Aber wann? Und was soll man sonst von diesen Ausführungen halten? Himmler soll dieses äußerst negative Horoskop für Hitler schon im Jahr 1941 "mit Vergnügen" gelesen und gegrinst haben? Es soll sozusagen ein unausgesprochenes Einverständnis zwischen Wulff und Heydrich darüber gegeben haben?

Eines wird mit einiger Sicherheit gesagt werden können: Da offenbar viele Astrologen Hitler ab den Jahren 1941 oder 1942/43 (Krafft) schlechtere Aussichten voraussagten als für die Jahre zuvor, könnten Himmler und Heydrich Wulff's Horoskop als damit im Einklang stehend empfunden haben und für überdenkenswert (Himmler), bzw. für aushorchenswert (Heydrich). Himmler hat ja in den Jahren 1944/45 laut dem Bericht von Wulff noch ganz andere Dinge - nämlich einen SS-Putsch gegen Hitler - für überdenkenswert gehalten.

Insgesamt aber passen diese Ausführungen - zumindest für das Jahr 1941 und zumindest für die Person von Heydrich - nicht zu dem, was aus anderen Zeugnissen aus dieser Zeit von Heydrich zu erfahren ist. Aber auch hier kann viel "Doppelbödigkeit" mit einberechnet werden. Beruht das hier angedeutete "wissende Einverständnis" zwischen Wulff, Himmler und Heydrich auf gemeinsamen, elitären, ariosophischen Anschauungen und auf gemeinsamen Zugehörigkeiten zu ariosophisch-freimaurerischen Geheimgesellschaften wie dem Thule-Orden? Darauf deutet auch das sonderbare - wohl typisch ariosophische - Reden von "Kulis" hin, ebenso wie das abschätzige Reden von "untergeordneten", sozusagen "tumben" Gestapobeamten. Im Reichssicherheitshauptamt haben ja viele elitäre Rechtskonservative - wie etwa Werner Best und viele andere mehr - von Anfang an in der Hitler-Bewegung nur eine "tumbe Massenbewegung" gesehen, die man - zu ihren eigenen Besten - "intelligent" führen müsse. Diese Anschauung herrschte sicherlich bei vielen innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes vor. Warum nicht auch - gut verborgen - bei Himmler und Heydrich selbst?

Anfang Juni 1941: Krafft sagt den Rußlandkrieg voraus

Krafft blieb weiterhin "wohlinformiert". Wir erfahren (Howe, S. 253):
Ende Juni 1941 erzählte Frau Krafft Georg Lucht, daß Krafft bei einem informellen Treffen zugegen war, kurz bevor die Deutschen Rußland überfielen. Er habe dort auf der Grundlage astrologischer Verfahren mitgeteilt, möglicherweise stünden "groß angelegte militärische Operationen im Osten" bevor, die sich nur gegen die Sowjetunion richten könnten. Irgendwer informierte die Gestapo. Für die roch es zwar nach "Hochverrat", doch dieses Mal unternahm sie nichts. Seine Begeisterung für die Astrologie, so Herr Lucht, verleitete Krafft dazu, allzu offen über seine vermeintlichen Entdeckungen zu plaudern.
"Dieses mal unternahm die Gestapo nichts" - ? Das kann also nur vor der Verhaftungs-"Aktion Heß" vom 9. Juni 1941 gewesen sein, bei der die Gestapo Krafft angeblich drei Tage nicht fand, da er gerade umgezogen war. Der Rußlandfeldzug begann am 20. Juni 1941, Krafft ist, wie wir gleich hören worden, am 12. Juni in Haft genommen worden. Dieses "informelle Treffen", bei dem die Gestapo nichts unternahm, wird also vor dem 9. Juni stattgefunden haben. Allerdings scheint die Voraussage Kraffts nichts besonders Außergewöhnliches gewesen zu sein (Pinning/Vor einem neuen Äon, S. 95f):
Dr. Rolf Reißmann, ein eingeweihter Astrologe, schrieb in der „Schwäbischen Illustrierten“ (…) (1951): „Fast alle Astrologen hatten den Kriegsbeginn für Ende Juni 1941 ausgerechnet."
Das wird wohl auf den "weiteren Erfolgen" beruhen, die Adolf Hitler 1935 in seinem Grußtelegramm an den Deutschen Astrologen-Kongreß denselben gewünscht hatte!

12. Juni 1941: Karl E. Krafft wird verhaftet - Hat er auf Weisung aus dem Ausland gehandelt?

Am 12. Juni 1941 ist Krafft schließlich verhaftet worden (Howe, S. 271). Am 16. August 1941 erhielt Kraffts vormaliger enger Mitarbeiter Goerner den "Schutzhaftbefehl", der von Heydrich selbst unterzeichnet gewesen sein soll (Howe, S. 294). Goerner wurde auch noch im September 1941 intensiv über seine Kontakte zu Krafft befragt, man vermutete, daß er etwas verheimlichen würde (Howe, S. 295). Krafft läßt über seine Frau an Hans Frank und Robert Ley um Hilfe schreiben (Howe, S. 296), doch beide können ihm nicht helfen, was weiterhin daraufhin deutet, daß das große Mißtrauen gegenüber Krafft von "ganz oben", von Hitler selbst ausging und auch insbesondere von dem okkultismuskritischen Heydrich fortgeführt wurde. Ab dem 16. Oktober 1941 läßt man Krafft und Goerner mehrmals sich unter der Dusche treffen (S. 296f). Der Ehefrau von Krafft, die sich immer wieder um seine Freilassung bemühte, wurde klar gemacht, warum man Krafft so mißtrauen würde (S. 298):
Zudem glaube man (...), daß Krafft von gewissen Medizinern aus der Schweiz möglicherweise ermutigt worden sei, in Deutschland asoziale Ideen zu verbreiten. Auch könne er, Erhard (der nun für Krafft Zuständige im RSHA), nicht verstehen, warum Krafft auf die Sicherheit der Schweiz verzichtet habe und sich in Deutschland mit einem bescheidenen Lebensstandard begnüge. Er müsse daraus schließen, daß er auf Weisung gehandelt habe.
So ungewöhnlich wäre das ja gewiß nicht, schließlich ließ sich auch der Astrologe Wulff 1944 von der Schweiz aus "bestimmen", in der Nähe Himmlers auszuharren!

Übrigens dämmert einem bei dieser Gelegenheit der Gedanke, daß die zahlreichen geplanten und ausgeführten Attentate auf Adolf Hitler auch dem Zweck gedient haben könnten, Hitler mit der Möglichkeit einzuschüchtern, daß er "von der Vorsehung" beiseite geräumt werden würde, wenn er jenen, die Einblick in die Vorsehung hatten, also seinen astrologischen und geopolitischen Ratgebern wesentlich kritischer gegenüberstehen und handeln würde, als etwa Heinrich Himmler oder Rudolf Heß das bis zu ihrem Lebensende getan haben. Und für diesen Fall war womöglich auch die astrologische und sonstige Beratung Himmlers bis Kriegsende so wesentlich. Nämlich um stets eine geeignete Alternative parat zu haben, falls Hitler gar zu okkultismuskritisch werden sollte, daß er "nicht mehr zu gebrauchen" war. Das vom britischen Geheimdienst inszenierte Attentat auf Heydrich zeigt womöglich, wie schnell man gegenüber "Secret Service-" und Okkultismuskritik an führender Stelle im Dritten Reich einzuschreiten gewillt gewesen ist. Und auch Louis de Wohl geht, wie wir hörten davon aus, daß Hitler "seit Dünkirchen" nach und nach immer weniger auf seine okkulten Ratgeber gehört hätte, weshalb seine Politik immer "unberechenbarer" geworden sei. Was übrigens zugleich heißt, daß sie aufgrund seiner okkulten Ratgeber bis Dünkirchen immer gut berechenbar gewesen ist!

Im Frühjahr 1942 hat dann der für Krafft Zuständige im RSHA offenbar bei seinen Vorgesetzten die Haftentlassung von Krafft angeregt, ist aber damit bis Mai 1942 nicht durchgedrungen (S. 298).

August 1941: de Wohl: Geopolitik und ihr Zeitgeber, die Astrologie

Im August 1941 hielt Louis de Wohl auf dem Astrologen-Kongreß der Vereinigten Staaten in Cleveland, Ohio einen Vortrag über einen Vergleich der Horoskope Hitlers und Napoleons. Über den Rußlandfeldzug sagte de Wohl in seinem Vortrag (zit. n. Howe, S. 284):
Dies ist meiner Meinung nach die erste größere Aktion Hitlers, die ihm sein Astrologe nicht empfohlen haben kann. Bis dahin hatte er immer alles zeitlich perfekt abgestimmt.
Howe weiter (S. 284):
Aber wer waren seine Ratgeber? De Wohl nannte keine Namen, bezeichnete sie jedoch als "die besten Astrologen Deutschlands". Außerdem habe Hitler "Karl E. Krafft, den neben Dr. Alfred Fankhauser besten Schweizer Experten, veranlaßt, seinen Wohnsitz (...) nach Berlin zu verlegen."
Alfred Fankhauser (1890 - 1973) war ebenso wie Krafft mit C. G. Jung zusammengetroffen (Astrowiki):
In Folge arbeitet er zudem mit C. G. Jung im Bereich der Astrologie zusammen und vertrat, ähnlich Jung, die Ansicht, daß die Astrologie und ihre Symbole wesentlich metaphysische Kräfte abbilden würde. 
Dieser Vortrag von de Wohl soll von dem Kongreß mit Begeisterung aufgenommen worden sein, derartige politische Astrologie stieß also bei der großen Mehrheit der amerikanischen Astrologen nicht auf Distanz oder Ablehnung. Was aber de Wohl dann ausführte, dürfte noch einen überraschend tieferen Blick in die Möglichkeiten der "Steuerung" der Politik und des Handelns von Adolf Hitler und Rudolf Heß durch Hintergrundmächte gewähren (zit. n. Howe, S. 284f):
Sogar die Zusammenarbeit von deutschen und Schweizer Astrologen reichte Hitler noch nicht ... er ließ ihre Ergebnisse von dem berühmten Institut für Geopolitik in München überprüfen. Was ist Geopolitik? Eine äußerst wirkungsvolle Kombination aus Geschichte, Geographie, Militärstrategie und Astrologie - wobei die letztere als Zeitgeber fungiert.
Der zentrale Satz noch einmal auf Englisch:
What is Geopolitics? It is an extremely clever combination of history, geography, military strategy and astrology — the latter science functioning as the time-keeper.
Man möchte auf den ersten Blick ausrufen: Genau so war es! Denn das ist ist der Tat eine äußerst wirkungsvolle, verführerische Kombination! Damit besteht jetzt Anlaß, sich auch noch einmal sehr intensiv mit Leben und Lehre von Haushofer Vater und Sohn zu beschäftigen! Der umfangreiche Mitarbeiterstab von Karl Haushofer würde laut de Wohl (zit. n. Howe, S. 285)
die von Heß' Spionen und anderen Agenten gewonnenen Erkenntnisse für Hitlers "strategischen Index" überprüfen.
Die Tatsache, daß Louis de Wohl hier ein nationalsozialistisches Bedrohungsszenarion aufbaute, das auch Amerika gefährlich werden könne, um so propagandistisch zum Kriegseintritt der USA beizutragen, muß diese Angaben noch nicht völlig entwerten - wovon Howe auszugehen scheint. Ob diese Behauptungen wahr waren oder nicht - sie konnten verführerisch wirken auch auf okkultgläubige Amerikaner.

In der Literatur wird immer wieder erwähnt, daß der Begründer der Geopolitik astrologische Interessen hatte. So schreibt etwa auch Eugene K. Bird ("The loneliest man in the world: the inside story of the 30-year imprisonment of Rudolf Hess", 1974) (Google Bücher) (S. 7):
Hess's geo-politics professor was Professor Karl Haushofer, a man with unusual political theories and a persuasive manner. (...) His lectures were often peppered with references to the influences of astrology and the supernatural on Germany's history.
Wenn er darüber sogar in seinen Vorlesungen sprach, wird an der Behauptung de Wohl's doch allerhand dran sein und müßten die diesbezüglichen Theorien von Haushofer eigentlich noch genauer eruiert werden können. Aber offenbar wird diesem verführerischen Zusammenhang selten - wenn überhaupt - genauer nachgegangen, diesem engen Aufeinander-Bezogen-Sein von Geopolitik und Astrologie. Dabei ist es sofort einleuchtend, daß das eine sehr verführerische Ideologie sein könnte. Und die vielen Äußerungen von Hitler oder von Astrologen (Krafft etwa und andere) - letztere auch gegenüber Rudolf Heß -, daß er (Hitler) nicht so viel Zeit hätte, um seine Pläne durchzuführen, ja, daß es ab Mai 1941 mit ihm "bergab" ginge, scheinen in die gleiche Richtung zu deuten.

Der Historiker Schmitt äußert darüber nur sein Unverständnis, ohne eine eigene, nur eben okklte "Logik" dahinter zu erkennen, was möglicherweise zeigt, wie gut diese Logik geheimgehalten worden ist (Botengang eines Toren, S. 44):
Zu dieser an wissenschaftlichen Kategorien orientierten Lehre der Geopolitik, wie sie Haushofer und Heß verband, will es nicht so recht passen, daß beide einer Leidenschaft frönen, die im Bereich der Halbwahrheiten, des Spekulativen und des Aberglaubens angesiedelt ist; der Vorhersehbarkeit der Zukunft durch Horoskope und allerlei okkultistischen Zauber.
Wenn man de Wohl's Behauptung zugrunde legt, passen beide sogar sehr gut zusammen!

Karl Haushofer: "Die dämonische Schönheit der Geopolitik"

Der Autor Dusty Sklar des Buches "The Nazis and the Occult" (1990) scheint diesem Zusammenhang gegenüber einige Sensibilität zu besitzen. Wie dieser Zusammenhang überhaupt spätestens seit de Wohl's begeistert aufgenommenem Vortrag von 1941 zumindest unter amerikanischen Astrologen bekannt sein sollte. Ob Sklar seine Aussagen besser mit Quellen belegt als de Wohl muß einstweilen dahinstehen. Offenbar bezieht er sich in wesentlichen Aussagen ebenfalls (nur?) auf Louis de Wohl. Google-Ausschnitt-Ansicht gewährt [mit verschiedenen Suchworten] folgende Einblicke (S. 69):
He (wohl Haushofer) had long believed that Germany would give birth to a leader who would rule the earth; and astrological predictions had convinced him that this leader would accomplish his mission in an alliance with Japan. He often had premonitions, upon which he acted. He convinced Hitler that the Institut must find out everything about its enemies: strenghts, weaknesses, ... impending famine, religious sensibilities, the personalities and tastes of officials, the morals of corruptibility of even minor bureaucrats, the views of opinion makers. To collate, sift through, and interpret all this material on every country in the world, Haushofer enlisted a staff of more then thousand students, historians, economists, statisticians, military ... The Nazis tried to keep foreign investigators from finding out how elaborate their new geopolitical machine was. They deliberately led outsiders to believe that they were not themselves taking it seriously, and the deception worked. Deprecatory remarks were made about Haushofer's use of such phrases as the “demoniac beauty of geopolitics,” the "Nordic ...
Und (S. 116):
Astrology is one aspect of the occult tradition with which the Nazis have been openly identified. It is an important part of that tradition. According to astrological theory, the harmony of nature expressed in the planetary movements is the same as that expressed in inidivduaal personalities and ...
Und William Stevenson schreibt in "The Bormann brotherhood" (1973) (Google Bücher) über Haushofers Ansichten (S. 53):
Haushofer believed in premonitions (Vorahnungen) and the influence of the soil upon a nation's character. The Germans were the destined master race thwarted by the Jews. Germany would control Europe from the Atlantic to the Urals. Astrology would bring Germany and Japan together. Much of this crept into "Mein Kampf".
1944 hieß es in "Harper's Magazine" (Bd. 188, S. 318) (Google Bücher):
His Heartland is almost exactly Russia and Siberia north of the Isothermal Zodiac. ... Haushofer and his school of German geopolitics took over these ideas whole and developed them into the theory of strategy in accordance with which the ...
Wenn man im Internet mit Suchwörtern wie "Astrologie" und "Geopolitik" sucht, wird man außerdem schnell finden, daß sich noch heute allerhand Astrologen - ausgerechnet - für "Geopolitik" interessieren. Hier scheint also tatsächlich ein tieferer Zusammenhang zu bestehen, über den jedoch selten klar genug gesprochen wird. Noch im vorletzten Jahrgang der (1924 begründeten) "Zeitschrift für Geopolitik", nämlich in dem Bd. 38/1967, ist von den Astrologen Hitlers die Rede (Google-Bücher gewährt darüber einstweilen nur die folgende "Snippet-Ansicht"):
Warum ist Hitlers Messianismus gescheitert? Fast jeder sagt heute: weil er zur Gewalt griff. Und es ist schon ein seltsames Zusammentreffen, wenn Hitlers Astrologen zu Beginn des "Tausendjährigen" Reiches ihm dringend rieten, in seiner Politik von Gewalt abzusehen (und als der "Führer" sich vorm bitteren Ende von der Astrologie abgewandt hatte, ...
Und das ist sogar eine sehr auffällige Äußerung. Schließlich weiß hier ein Autor davon, daß Astrologen im Jahr 1933 Adolf Hitlers Ohr hatten und daß Hitler sich vor 1945 von der Astrologie abgewandt hatte. Letzteres sagte ja auch Louis de Wohl. Von ersterem jedoch hört man hier zum ersten mal, auch nachdem man sehr viel der einschlägigen Literatur zum Thema studiert hat. Und auch im Band 26/1955 dieser von Karl Haushofer begründeten Zeitschrift ist laut "Google Bücher" von Astrologie die Rede ("Astrologen mögen sein Aufbrausen und Zuschlagen aus seiner Eigenschaft als Skorpion-Geborenem erklären. Ein Herrenmensch, Militarist, Skeptiker und Zyniker, für Literatur, Kunst und Religion unempfänglich, war er ein Autokrat, der noch ..." - Von wem hier die Rede ist, verrät die "Snippet-Ansicht" von Google-Bücher einstweilen nicht).

Und 1995 schreibt der Journalisten-Kritiker Otto Köhler in dem Buch "Unheimliche Publizisten" laut Snipett-Ansicht bei "Google Bücher":
Hier nun läßt sich - weil es der Erhellung all dessen dient, was dann folgte - ein längerer Exkurs über Karl Haushofer und seine Geopolitik nicht vermeiden. Die Geopolitik verhält sich zur Wissenschaft von der Politik wie die Astrologie zur ...
wohl gemeint: ... Astronomie. Und Rönn von Uexküll  schrieb 1976 in seinem Buch "Unser Mann in Berlin - Die Tätigkeit der deutschen und schweizerischen Geheimdienste 1933 - 1945" (Google Bücher):
Karl Haushofer (...) war ein wissenschaftlicher Scharlatan, der an Astrologie ...
1941: De Wohl macht astrologische Propaganda in den USA für den Kriegseintritt

Louis de Wohl's Kriegspropaganda in den USA
Auf dem englischen Wikipedia steht über Louis de Wohl:
In an audience with Pope Pius XII he was told to "write about the history and mission of the Church in the World."
Und:
He worked as an astrologer for the British intelligence agency MI5 during World War II. His MI5 file was released in early 2008. He was recruited initially as an informant because he was casting horoscopes for people of interest to MI5, and subsequently retained in that capacity because it was believed that Hitler was influenced strongly by astrology, and hence might be likely to choose 'lucky' astrological dates for major ventures. 
Auf dem deutschsprachigen Wikipedia steht über ihn:
Da er neben ungarischen auch jüdische Ahnen hatte, emigrierte er 1935 nach London. Bereits 1937 veröffentlichte er seine Autobiografie "I Follow My Stars", die ihn schließlich als Astrologen für die Psychologische Kriegführung empfahl. De Wohl stand auf der Gehaltsliste des Special Operations Executive (SOE). Ab September 1940 leitete er das „Büro für psychologische Forschung“ in London, in dem astrologische Prognosen und Nostradamus-Deutungen gegen Nazi-Deutschland hergestellt wurden. Damit konterte die britische Regierung den Einsatz von Astrologen auf deutscher Seite, deren bedeutendster der Schweizer Staatsbürger Karl Ernst Krafft war. 1941 übersiedelte er in die USA.
Nach dem Krieg waren de Wohl und seine zweite Frau Ritter bzw. Dame vom "Orden vom Heiligen Grab", einer Laienorganisation des Jesuitenordens. 1955 schrieb er einen Roman über jenen Longinus, mit dessen Speer Jesus (nach dem Märchenbuch Bibel) der Gnadenstoß gegeben worden war, und der im okkulten Denken von Satanisten - und möglicherweise auch in dem von Adolf Hitler (vgl. Ravenscroft) - eine so große Rolle spielt.

de Wohl's Propaganda in USA (Quelle)
Laut dem englischen Wikipedia schrieb er neben seiner Autobiographie "I Follow My Stars" (1937) 1938 das Buch "Secret Service of the Sky" und 1940 "Common-sense Astrology". "Die Welt" wußte 2008 über ihn zu berichten (Welt, 2008):
Mitte 1941 wurden de Wohl höchste Ehre zu Teil: Obwohl Premierminister Winston Churchill nicht an Astrologie glaubte, schickte er de Wohl als Teil einer Delegation in die USA, um die Regierung von Präsident Franklin Roosevelt zu überzeugen, in den Krieg gegen die Nazis einzutreten.
Und die FAZ sprach im gleichen Jahr von seinem (FAZ, 2008)
Astrologischer/n Krieg gegen Hitler.
Frühjahr 1942: Die Reichsmarineleitung läßt "Pendelortungsverfahren" erforschen

Im Frühjahr 1942 ist von der Reichsmarineleitung eine Abteilung "Pendelortungsverfahren" eingerichtet worden, um zu eruieren, ob das Pendeln zur Ortung feindlicher Geleitzüge benutzt werden kann. Darüber ist im Jahr 2010 eine - den derzeitigen Forschungsstand vorbildlich erschöpfende - Studie von Uwe Schellinger erschienen (Academia.edu). Entgegen anderer Vermutungen macht seine Studie plausibel, daß diese Abteilung allein aufgrund interner, militärischer Überlegungen eingerichtet wurde und daß sie auch schon im November 1942 wieder aufgelöst worden ist, nachdem sich die völlige Unbrauchbarkeit dieses Verfahrens herausgestellt hätte. Um so erstaunlicher, daß zum Suchen Mussolinis ein Jahr später wiederum eine solche Abteilung - nun durch Heinrich Himmler - eingerichtet worden ist. (Leider erwähnt Schellinger die Bezüge zu der Mussolini-Aktion gar nicht.)

19. Mai 1942: Neue okkultistische Auslandspropaganda im Propagandaministerium geplant

Am 19. Mai 1942 schreibt Joseph Goebbels in sein Tagebuch (zit. nach Howe, S. 302):
Berndt reicht mir eine Ausarbeitung über die von uns zu betreibende okkultistische Propaganda ein. Hier wird in der Tat einiges geleistet. Die Amerikaner und Engländer fallen ja vorzüglich auf eine solche Art von Propaganda herein. Wir nehmen alle irgendwie zur Verfügung stehenden Kronzeugen als Mithelfer in Anspruch. Nostradamus muß wieder einmal daran glauben.
Goebbels tut hier so, als habe er den Flug von Rudolf Heß und seine eigene Deutung deselben genau ein Jahr zuvor schon wieder völlig vergessen! Als wären es vor allem Amerikaner und Engländer, die auf eine solche Art von Propaganda hereinfallen würden. Er selbst sollte noch im April 1945 nicht frei davon sein, seine Hoffnungen auf die Erfüllung okkulter Wahrsagungen zu setzen (siehe unten). Und ausgerechnet am 5. Juni 1942, ausgerechnet einen Tag nach dem Tod von Reinhard Heydrich, wurde nun Krafft und Goerner mitgeteilt, daß sie für dieses neue Programm im Propagandaministerium arbeiten sollten, wenn auch unter strenger Aufsicht (Howe, S. 300). Ihre Arbeit wurde hier von einem der bedeutensten Okkultismuskritiker des Dritten Reiches überwacht, von Kurd Kisshauer, der uns oben schon begegnet war. Goerner berichtet (zit. n. Howe, S. 302):
Die Arbeit war sehr interessant. Wir waren überrascht, wieviel Material die Abteilung für psychologische Kriegführung uns liefern konnte: Geburtsdaten, Handschriftenproben, Photographien und so weiter. Wir bekamen die Daten des russischen Generals Timoschenko und vieler alliierter Staatsmänner, Generale und Admirale. Wir mußten die Horoskope führender britischer Generale begutachten und hatten schnell herausgefunden, daß die Briten in Nordafrika bereits drei verschiedene Kommandanten ausprobiert hatten. General Montgomery war fast am gleichen Tag wie General Rommel geboren. Krafft meinte: "Das Horoskop dieses Mannes ist gewiß stärker als das Rommels".
Na klar sollte er damit recht behalten! Na klar. Und auch damit bewies Krafft wieder, daß er an den "Niedergang" Hitlers und des Dritten Reiches glaubte, wenn bis 1942/43 der Krieg nicht beendet wäre, wie er ja schon Anfang 1940 gesagt hatte.

19. Juli 1942: Hitler im Tischgespräch

Am 19. Juli 1942 sagte Adolf Hitler in seinen Tischgesprächen in seinem Führerhauptquartier in der Ukraine (zit. n. Howe, S. 316) (s.a. Astrologix.de):
Den Aberglauben halte er für einen Faktor, mit dem man bei der Menschenführung durchaus rechnen müsse, auch wenn man selbst turmhoch darüber erhaben sei und über ihn lache. Er habe in einem Fall deshalb auch einmal dem Duce abgeraten, eine militärische Aktion - wie beabsichtigt - am 13. eines Monats zu beginnen. Auch der Schwindel mit den Horoskopen, an den besonders die Angelsachsen glaubten, sei in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Was habe es der englischen militärischen Führung geschadet, als von irgendeinem bekannten Engländer ein Horoskop über den Krieg gestellt worden sei, das den Sieg Deutschlands ergeben habe. Noch und noch hätten die englischen Zeitungen nicht eingetretene Horoskope dieses Mannes ausgraben und veröffentlichen müssen, um den stimmungsmäßigen Auswirkungen dieser Nachricht entgegen zu wirken.
Diese Äußerung entspricht in vielem dem Tagebucheintrag von Goebbels genau zwei Monate zuvor. Auch hier tut Hitler so, als hätte er die doch sehr persönliche Erfahrung mit Rudolf Heß niemals gemacht. Allmählich drängt sich der Eindruck auf, als sei es Hitler gewohnt gewesen, seiner Umgebung den Antiokkultisten vorzuspielen, der er selbst nie gewesen ist. Jenseits aller Rhethorik bleibt festzuhalten, daß Hitler nach eigenen Worten Mussolini empfohlen hat, bei militärischen Aktionen auf den Aberglauben Rücksicht zu nehmen, nicht weil er selbst daran glaube, sondern weil andere daran glauben!

Was sich nun zwischen Kisshauer und Krafft abspielte, ist offenbar bislang nicht überliefert. Die Arbeiten Kraffts konnten weiterhin sowohl für die Auslandspropaganda wie für die Beeinflussung der deutschen Führung benutzt werden. Aber der gut informierte Louis de Wohl ging davon aus, daß sich Hitler in dieser Zeit nur noch wenig von Astrologen beraten ließ.

Krafft jedenfalls soll allmählich ganz depressiv und teilnahmslos geworden sein und spätestens ab 7. November 1942 gar nicht mehr gearbeitet haben (S. 305). Am 12. Februar 1942 wurde er deshalb ins Konzentrationslager Oranienburg überwiesen, während Goerner, der viel besser kooperiert hatte, am 13. April 1943 entlassen wurde.

Hitler verhindert die KZ-Entlassung des Astrologen Krafft

Der "Nostradamus-Forscher" Alexander Centgraf (Centurio) schreibt in seinem "Die großen Weissagungen des Nostradamus" - wie auch sonst in den exakten Angaben der Daten und Umstände äußerst unzuverlässig - über den Astrologen und Nostradamus-Forscher Krafft (1977/1981, S. 215f):
Krafft (...) erhielt eine Stellung als Referent im Propagandaministerium.
Genauer: Er arbeitete im Auftrag des Propagandaministeriums im Deutschen Nachrichtenbüro, offiziell als Übersetzer.
Gleichzeitig wurde er zum astrologischen Berater Hitlers ernannt. 
Damit erklärt ein weiterer Zeitgenosse und Berufskollege Kraffts, daß Krafft der astrologische Berater Hitlers war. Diese Behauptung wird man nicht als unbedeutend einschätzen dürfen. Centgraf an anderer Stelle über die "Aktion Heß" im Mai/Juni 1941, als viele Astrologen, oft nur vorübergehend, in Haft genommen wurden oder unter Haftbedingungen gehalten wurden, bei denen sie ungestört weiter arbeiten konnten für die NS-Spitze (1977/1981, S. 210):
Nur der Schweizer Astrologe Krafft entging dieser Razzia und legte mitunter Prophezeiungen des Sehers (Nostradamus) zu Hitlers Gunsten aus.
Krafft wurde tatsächlich schon 1941 verhaftet, konnte aber weiterarbeiten, was auch Centgraf im Prinzip weiß (1977/1981, S. 215f):
Durch irrtümliche oder auch bewußt unklare Prognosen suchte er die Pläne Hitlers zu durchkreuzen. Er wurde 1944 (nein: 1941!) zusammen mit seinem Freund und Schüler Görner von der Gestapo wegen Sabotage verhaftet und zunächst in milder Haft in einem Büro in der Lützowstraße festgehalten.
Die genauen und richtigen Angaben über die Haftbedingungen Kraffts deuten darauf hin, daß Centgraf trotz einiger Irrtümer keineswegs nur "fabuliert", sondern ziemlich dicht an Ereignissen dran war, die zur damaligen Zeit nur wenigen bekannt waren. Das behauptet er ja dann auch:
Nachdem es mir gelungen war, 1941 den Astrologen Bernd Unglaub aus den Händen der Gestapo zu retten
- also einen weiteren Astrologen Hitlers (siehe unten)! -
versuchte ich das gleiche bei Krafft. Es war zu spät. Er wurde plötzlich aus Berlin abtransportiert und ist in einem KZ hingerichtet worden.
Wahrscheinlich hat Centgraf im Rahmen oder im Umfeld der "Deutschen Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus" ähnlich die astrologischen und Wahrsager-Aktivitäten rund um Hitler "koordiniert" wie dies von anderen Mitgliedern dieser Gesellschaft bekannt ist. Krafft erkrankte im Konzentrationslager an Typhus und siechte offenbar bis zu seinem Lebensende 1945 auf den Krankenstationen der Konzentrationslager dahin, noch mehrmals von seiner Frau besucht. Der Hamburger Astrologe und "langjährige" (!) KZ-Häftling Wilhelm Wulff berichtet über ihn (Tierkreis und Hakenkreuz, S. 109):
Meine eigenen Bemühungen, später für Krafft etwas zu tun, scheiterten daran, daß selbst Himmler ohne die Einwilligung seines Führers sich nicht traute, Krafft aus dem KZ zu entlassen oder ihm wenigstens Hafterleichterungen zu verschaffen.
Diese Zeilen erwecken den Eindruck, als ob Krafft geradezu einer der "persönlichen Gefangenen" Adolf Hitlers gewesen ist, zu deren Gunsten noch nicht einmal Heinrich Himmler etwas tun konnte. (Ebenso hatten ja auch schon Hans Frank, Robert Ley und Arno Breker nichts für Krafft ausrichten können - oder wollen.) Man kann diese Zeilen - mit Stephan Berndt (1, S. 208) - doch als einen sehr eindeutigen Beleg dafür empfinden, daß es eine persönliche Beziehung zwischen Krafft und Hitler gegeben haben muß.

Und wenn sich auch ein Centgraf für Krafft bemühte, dann muß sich wohl auch dieser Centgraf sehr sicher gewesen sein, daß er sich selbst dadurch nicht in Gefahr brachte - in der er ja als Nostradamus-Forscher selbst stand. In welche Netzwerke und Logen Centgraf eingebunden war, der nach 1945 nach seiner Heimatstadt Magdeburg zurückkehrte (in der er in den 1920er Jahren als Pfarrer entlassen worden war wegen der unehelichen Beziehung zu einer anderen Frau), gibt er natürlich ebensowenig an, wie Wilhelm Wulff und alle anderen. Fast niemand erwähnt die "Deutsche Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus", zu denen sicherlich alle in irgendeiner Weise in Kontakt standen, und die womöglich die meisten der im vorliegenden Beitrag behandelten Geschehnisse koordinierte (so macht es jedenfalls immer mehr den Eindruck). Die Kontakte zu ihr werden von den Beteiligten fast so behandelt, wie ganz allgemein Kontakte zu Geheimgesellschaften behandelt werden in Lebenserinnerungen: es wird über sie in den meisten Fällen geschwiegen.

Der ariosophische Astrologe Wilhelm Wulff und sein Buch "Tierkreis und Hakenkreuz" (1968)

Nachdem Wilhelm Wulff in den vorhergehenden Ausführungen schon so häufig zitiert und genannt worden ist, soll an dieser Stelle sein Buch insgesamt charakterisiert werden. - - - Soviel Hochstapelei und Scharlatanerie ist selten, möchte man beim Lesen des Erinnerungsbuches "Tierkreis und Hakenkreuz" des (Geheimdienst-)Astrologen Wilhelm Wulff (1893 - 1984) ausrufen, des Hofastrologen Heinrich Himmlers der Jahre 1943 bis 1945. Und diese und die folgenden Worte beziehen sich vor allem auf die "politische Astrologie", die Wulff betätigt haben will, nicht auf die politischen Rahmenbedingungen seines Handelns, die er im Wesentlichen korrekt schildern mag. Aber: Hat man jemals ein schmierigeres und verlogeneres Buch gelesen als dieses? Mit welchem Hochmut, mit welcher schrillen Wahrsager-Arroganz dieses Buch geschrieben ist. Fast alles, was dieser Wulff irgendwann einmal in seinem Leben vorausgesagt hat - aufgrund seiner fleißigen "Berechnungen" -, ist eingetreten. Aber hallo! Konnte die Hochstapelei und Scharlatanerie eines Hanussen noch übertroffen werden? Aber hallo! Man lese dieses Buch!

Ariosophischer Astrologe Issberner-Haldane
In dem Buch wird, soweit übersehbar, mit keinem Wort erwähnt, daß der Autor Wulff - wie so viele damalige Astrologen - ein Gefolgsmann des Ariosophen Lanz von Liebensfels gewesen ist, jenes katholisch-freimaurerischen Okkultlogen-Gründers, des "der Hitler die Ideen gab" (vgl. Daim). Und da der ebenfalls nirgends erwähnte Freund Wulffs, der Astrologe Issberner-Haldane, seit 1927 Mitglied des "Ordo Novi Templi" dieses Lanz von Liebenfels gewesen ist - warum sollte es nicht auch Wulff selbst gewesen sein? Von all dem aber natürlich kein Wort in seiner Autobiographie. Ein fleißiger Hitler-Gegner ist Wulff von Anfang an gewesen, seit er 1923 das Horoskop von Hitler erstellt hatte. Aber natürlich!

Die Astrologie-Gläubigkeit vieler Menschen verleitet offenbar auf Seiten von Astrologen - vor allem wenn ihre Tätigkeit in die von "allwissenden", vieles zu bewirken fähigen Männergeheimbünden und Geheimdiensten eingebettet ist - zu einer Scharlatanerie und Hochstapelei ohnegleichen. Natürlich, um so mehr sie hochstapeln, um so "überzeugender" und erfolgreicher werden sie sein, ohne Frage. 

Ein Geheimdienstchef, der die Arbeit solcher Astrologen "nutzt", wird das verständlich finden. Ob andere auch, nun ja: Geschmackssache.

Wenn man das Buch von Wulff liest, glaubt man besser zu verstehen, warum sich ein Eric Jan Hanussen in seiner Machtlüsternheit so verrennen konnte. Ein Astrologe, zu dem politisch einflußreiche Menschen wegen jedem "Pippifax" kommen, um sich "beraten" zu lassen, muß sich ja schon zwangsläufig "allmächtig" vorkommen. Kaum ein Beichtvater, kaum ein Psychotherapeut oder sonstiger "Lebensberater", nur wenige gute Freunde oder Ehepartner werden so viel Einfluß auf das Leben und die Lebensentscheidungen eines anderen Menschen nehmen können, als ein gerissener, hochstapelnder, in Okkultlogen und Geheimdienste eingebetteter Wahrsager und Sterndeuter auf das Leben ihm höriger Klienten. Eben so wie ein Astrologe Wilhelm Wulff gegenüber einem solchen Geheimdienst-Mitarbeiter wie Herbert Volck (1894 - 1944), oder gegenüber solchen Geheimdienstchefs, wie dem Canaris-Vorgänger Walter Lohmann (1878 - 1930), den Canaris-Konkurrenten Reinhard Heydrich, den Canaris-Nachfolger Walter Schellenberg oder eben Heinrich Himmler.

Den Flug von Rudolf Heß, das Handeln von Heinrich Himmler, die Beweggründe für das Glauben an die Wirksamkeit der Nostradamus-Propaganda durch Adolf Hitler und Joseph Goebbels, das sonstige Handeln eines Hitler, die okkult-psychologische Kriegsführung des "Secret Service", all das versteht man besser, wenn man das Buch von Wulff liest. Und man fragt sich: Was ist, wenn sich noch viel mehr einflußreiche Politiker und Geheimdienstleute in einer solchen Hörigkeit gegenüber Astrologen befinden, wie dies Wulff von dem Detektiv und Geheimdienstmann der Weimarer Republik und des Dritten Reiches Herbert Volck, von dem Canaris-Vorgänger Walter Lohmann, von dem Chef der Reichskriminalpolizei Arthur Nebe, von dem Canaris-Nachfolger Walter Schellenberg und dann eben auch von Heinrich Himmler berichtet?

Man kann auch sagen: "Mind control" durch Hörigkeit gegenüber Astrologen. Auf Deutsch: Bewußtseins- und Willenskontrolle. Wulff schreibt viel weniger über sich als über das Leben seiner einflußreicheren Klienten, sicherlich nicht zufällig gerade Geheimdienst- und Kriminalpolizei-Leute wie Volck, Lohmann, Himmler, Nebe und Schellenberg. Er muß bei seinen vielen Beratungen praktisch "mit ihnen" gelebt haben. Politiker und Geheimdienstchefs als Hörige von Astrologen? Wahrhaftig für viele sicherlich eine neue Vorstellung. Aber gerade darum sollte das Buch von Wilhelm Wulff von möglichst vielen Leuten einmal gelesen werden.

Unter den politisch einflußreichen Astrologen, die die sogenannte "politische Astrologie" betrieben haben, muß es ein Berufsgeheimnis sein, daß in diesem Bereich nur zweierlei zu nachhaltigem Erfolg führt:

1. Kooperation im Rahmen von einflußreichen Okkultlogen und Geheimdiensten,
2. Hochstapelei in möglichst hoher Potenzierung.

Öffentliche Kritik am Wirken des "politischen Astrologen"  Wilhelm Wulff (September 1929)

Das Wirken des "politischen Astrologen" Wilhelm Wulff stand schon Ende der 1920er Jahre in scharfer öffentlicher Kritik, so wie zur gleichen Zeit auch das Wirken des "politischen Astrologen" Jan Eric Hanussen. Über die Zeit, nachdem Herbert Volck als Bombenleger der Landvolk-Bewegung in Haft genommen worden war und ihm der Prozeß gemacht wurde, berichtet Wulff selbst (S. 61f):
Im Zusammenhang mit Volcks Verhaftung und dem Prozeß, der ihn und den anderen Bombenlegern gemacht wurde, wandte sich das Interesse der Presse auch mir zu, was mir überaus unangenehm war. Schon vor Volcks Verhaftung war ich für kurze Zeit festgenommen worden, da man bei Volcks Mutter Teile seiner Korrespondenz mit mir und Horoskopausführungen gefunden hatte. Außer Schriftmaterial fand sich auch meine Hamburger Adresse, so daß ich umgehend (am 29. September 1929) verhaftet wurde. In meinem Heim wurden mein Tagesjournal des Jahres 1929 beschlagnahmt, da sich Horoskopberechnungen für Volck darin befanden, außerdem Telefonnummern und Adressen verschiedener Angehöriger der Landvolkbewegung. Mein Protest, in dem ich für mich das gleiche Recht der Geheimhaltung vertraulicher Mitteilungen beanspruchte, das man jedem Arzt, Seelsorger oder Anwalt zubillig, wurde von den Kriminalbeamten ignoriert. (...) In der "Vossischen Zeitung" fand sich der Satz: "Es ist gar kein Zweifel, daß Volck unter dem Einfluß von Wulff gehandelt hat." Auch zur Zeit des Prozesses gegen Volck und Heim konnte man einige Angriffe gegen mich und die Astrologie in den Zeitungen lesen. So schrieb das "Echo": "Es wurde nachgewiesen, daß bei dem Attentat auf das Finanzamt in Winsen am 27. November 1928 die Idee zu idesem Anschlag von Herbert Volck ausging, der auf Grund seiner Beschäftigung mit der Sternkunde und anderen mystischen Dingen auf den Gedanken, Attentate zu verüben, gekommen war."

Schlagzeilen wie "Die Bombenleger beim Sterndeuter", "Das Horoskop der Attentate" oder "Die Bombenleger beim Wahrsager" füllten die Zeitungen. In der "Kieler Volkszeitung" und in der "Hannoverschen Zeitung" war zu lesen: "Es scheint festzustehen, daß die einzelnen Bombenattentate auf Grund von Horoskopen und astrologischen Darstellungen zustande gekommen sind." Material zu den einzelnen Berichten lieferten die Polizeiakten.
Und dann erzählt Wulff noch folgende, womöglich auch viele andere astrologische Beratungen seines Lebens erhellende Geschichte (S. 62f):
Während einer Pause meiner Vernehmung im Altonaer Polizeipräsidium erzählte mir ein Angehöriger der politischen Polizei die aufschlußreiche Geschichte eines Einbruchs, den er auf Anordnung von "oben" verübt hatte. Und zwar, wie mir im Laufe der Erzählung aufging, im Arbeitszimmer eines meiner Klienten, des Beamten eines Ministeriums, über dessen "Treiben" sich die Vorgesetzten des Polizeibeamten Gewißtheit verschaffen wollten. Er entwedete dort Schriftstücke und versiegelte Geheimverträge, die sich nach einiger Zeit ganz zufällig wieder am alten Platz einfanden.
Schon "interessant" was für Polizeigeheimnisse ein Vernehmer da einem Beschuldigten in einer Pause seiner Vernehmung erzählt! Man stand sich scheinbar doch letztlich ganz gut mit diesem Wulff im Altonaer Polizeipräsidium! Aber noch viel "interessanter" ist, was Wulff weiter schreibt:
Das Absurde an dieser Geschichte ist die Tatsache, daß ich meinem Klienten damals Herbert Volck als Privatdetektiv empfohlen hatte, um die Sache mit Hilfe meiner astrologischen Berechnungen aufzuklären.
Ob seine "astrologischen Berechnungen" - und damit Herbert Volck - hierbei erfolgreich waren, sagt Wulff an dieser Stelle wohlweislich nicht. Da er aber niemals in seinem Buch von Mißerfolgen seiner "Berechnungen" spricht, werden wir wohl davon ausgehen müssen, daß auch diese erfolgreich waren. Ja, wirklich reichlich "absurd" diese Geschichte. Daß freilich Volck sich auch sonst mit Vorgesetzten politischer Polizisten gut stand und von ihnen wichtige Auskünfte erlangte, erwähnt Volck in diesem Zusammenhang nicht. Für seine auch sonst so erfolgreichen astrologischen "Berechnungen" waren diese natürlich ganz und gar - - - unerheblich!!!

Insgesamt erhält das ganze Gebiet der damaligen Kriminaltelepathie (siehe Uwe Schellinger 2010) ein ganz anderes Aussehen, wenn man dieses Buch von Wilhelm Wulff mit in Rechnung stellt. Damit Kriminaltelepathie und -astrologie überhaupt an irgendeiner Stelle einmal "überraschende" Erfolge aufzeigen konnten und damit sich weiter in der Diskussion halten konnten, mußten dieselben einerseits über gute Quellen in den Ermittlungsbehörden (Kriminalpolizei, Jusitz) verfügen, zum anderen aber wohl auch über solche in den Kreisen des Verbrechens. All das ist ein bis heute kaum aufgearbeitetes Gebiet, das eine um so grellere Beleuchtung erfährt durch den Hinweis von Uwe Schellinger, daß ausgerechnet der erste Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), also in vielerlei recht konkreter Hinsicht der Nachfolger von Arthur Nebe, nämlich ein Max Hagemann (1883 - 1968), der mit Hilfe des CIA-Mannes Paul Dickopf und mit Hilfe von Wilhelm Wulff-Propaganda in Springer- und Augstein-Medien in sein Amt kam, in den 1920er Jahren ausgerechnet jene Stelle in der Berliner Kriminalpolizei leitete, die krimaltelepathische Hellseher-Fälle sammelte und analysierte (Schellinger 2010, S. 319)! Wahrhaftig ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wahrhaftig. Fast alles läßt die gleichen Muster, Zusammenhänge und Seilschaften erkennen. Zu vermuten, diese Zusammenhänge beruhen letztlich auf Mitgliedschaften in denselben internationalen, satanistischen Okkultlogen wäre ja wirklich ganz und gar absurd.

Die astrologische Beratung des Geheimdienstchefs Kapitän Walter Lohmann (1878 - 1930) (Bundesarchiv) durch Wilhelm Wulff begann um 1925/26 herum (Wulff, S. 78).  Und ob sie nicht mindestens ähnliche öffentliche Kritik verdient hätte, wie die astrologische Beratung des Herbert Volck stehe noch dahin. Schließlich endete auch sie mit einem Skandal, nämlich der "Lohmann-Affäre". In der Studie von Richard Bassett über "Hitlers Meisterspion" Canaris wird über die Zusammenarbeit zwischen Lohmann und Canaris berichtet (S. 81ff):
... Persönlichkeiten, die entschlossen waren, die Fesseln von Versailles abzuschütteln. Kapitän Walter Lohmann war einer von ihnen. Dieser nichtswürdige Nachfahre eines Bremer Kaufmanns, dessen Vater Direktor der mächtigen Reederei des Norddeutschen Lloyd gewesen war, war ein passionierter Intrigant mit einer Leidenschaft für Geheimniskrämerei und Schiebereien. Über ein Meer Zenkerscher Vorsicht hinweg fanden sich Lohmann und Canaris zu einer verschwörerischen Zusammenarbeit.

Geheime Gelder wurden in eine Reihe von Tarnfirmen geschleust, die sich nach außen hin mit Reederei oder Segelbootkonstruktion beschäftigten. 1923 wurde die Navis GmbH als ein Unternehmen gegründet, das vorgeblich für norddeutsche Segelklubs arbeitete. Andere, jeweils finanziell gut ausgestattete Firmen kamen hinzu. Der Trayag GmbH im gleichen Jahr folgten innerhalb von 18 Monaten ein halbes Dutzend weitere Unternehmen, wie die Berliner Öltransport GmbH, die Caspar-Werke und die Phoebus-Film-Aktiengesellschaft - für Lohmann eine wichtige Ergänzung, weil er hoffte, daß diese durch Propaganda einen Beitrag liefern würde, das Eindringen der USA in die deutsche Industrie zu bekämpfen.

In diesem Strudel von Geheimaktivitäten war möglicherweise unausweichlich, daß Lohmann, sobald Canaris U-Boote erwähnte, sofort eine weitere Alibifirma zur Förderung eines geheimen U-Boots-Programms gründete. (...) Es war nun an der Zeit, daß Canaris seine Kontakte zur spanische Marine reaktivierte. (...) Mit Hilfe seiner alten Freunde Ullmann und Echevarrieta überzeugte er Berlin rasch, daß es ein Fehler sei, mit der "drittklassigen" Banco de Cataluna zusammenzuarbeiten, und wies darauf hin, daß Echevarrietas Finanzinstitut der einzige in Frage kommende Partner sei. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß Echevarrieta, "der reichste Mann in Spanien", gerade knapp bei Kasse war. (...) Lohmann eröffnete ihm einen großzügigen Kreditrahmen bei der Deutschen Bank und der spanische König wurde "inspiriert", Echevarrieta aufzufordern, Torpedos für die spanische Marine zu bauen. (...) Dieser Schachzug spielte Canaris und Lohmann in Berln jedoch nur weiter in die Hände, um weitere Kredite von der Deutschen Bank zu bekommen. (...) Lohmann wurde nach Spanien eingeladen.
...

Januar 1942: Wulff über Hitlers Horoskop

An einem Winterabend des Jahres 1942, wie aus dem weiteren hervorgeht wohl im Januar oder Februar 1942, will Wilhelm Wulff das erste mal den Masseur von Heinrich Himmler, Felix Kersten in Berlin besucht haben und Kersten soll ihn gefragt haben (S. 119):
"Was meinen Sie eigentlich zu Hitlers Horoskop? Können Sie mir darüber etwas sagen?" Ich (...) wies auf sehr schlechte Konstellationen hin. Eine solche Persönlichkeit könne nicht auf die Dauer der erfolgreiche Führer einer Nation sein und ich bedauerte das deutsche Volk wegen der schweren Geschehnisse, die ich kommen sähe und die bestimmt eintreten würden, wenn nicht bald eine grundlegende politische Änderung einträte. Wir lebten in der Zeit der verlorenen Moskau- und Leningrad-Offensive. (...) Ich erklärte Kersten, daß Hitler die gleiche Saturn-Konstellation in seiner Geburtshimmelsfigur habe wie Napoleon und daß (...) sich daher gewisse Parallelen ergeben müßten (...). Und deshalb müsse (...) bald etwas geschehen. (...) Kersten verstand. Die Horoskope der ausländischen Politiker und Staaten, mit denen wir den Krieg begonnen hatten, wiesen zahlreiche günstige Konstellationen für die Zukunft auf.
Kersten bittet dann um Wulffs Horoskop für Hitler. Wulff will darüber erschrocken sein, obwohl er an anderer Stelle (S. 51) doch schon angegeben hatte (siehe oben), daß er Hitlers Horoskop "um 1941" mit Heydrich und dem grinsenden Himmler besprochen habe! Wulff setzte gegenüber Kersten fort (S. 121):
Meine Ausführungen über Hitlers schlechte Aussichten für die Zukunft könnte ich noch aus anderen Horoskopfiguren, die die Politik und Länder betrafen, ergänzen, insbesondere aus dem Deutschland-Horoskop und der Gestirnsfigur des 30. Januar 1933, der Gründungsfigur des Dritten Reiches (...), das in einigen Jahren in Agonie und unter Trümmern und in Bunkern sterben werde.
Und weiter (S. 122):
"Dann bitte ich Sie, mir ein ausführliches Horoskop zu berechnen, ebenfalls von Himmler", sagte Kersten. Himmlers Konstellationen interessierten mich als Wissenschaftler.
So habe seine Arbeit als "Hofastrologe" für Heinrich Himmler begonnen.

1944/45: Wulff, der "Seni" der etwaig vorgesehenen "Übergangsregierung Himmler"

"Hitler, Himmler und die Sterne" (1948), sowie Buchumschlag von "Tierkreis und Hakenkreuz" (1968)
Die ariosophischen Einstellungen des Wilhelm Wulff scheinen kein Hindernis dafür gewesen zu sein - wieso eigentlich Hindernis?, warum nicht gar ein Katalysator? - dafür, daß es zwischen dem Hamburger Springer-Konzern und dem Hamburger Astrologen Wilhelm Wulff bis heute zu auffällig engen Beziehungen gekommen ist. Machte doch der "Springer-Konzern" schon gleich nach seiner Gründung kräftig für Wilhelm Wulff Werbung. Schon die erste Ausgabe des "Hamburger Abendblattes" von Axel Springer vom 14. Oktober 1948 beschäftigte sich auf der Titelseite mit keinem Geringeren als eben Wulff (siehe Abb.). Und zwar in einem Artikel unter dem Titel "Himmler, Hitler und die Sterne". 1968 heißt es darüber in einer Geschichte des Springer-Konzerns:
Sterne und das Schicksal, dämonische Mächte und Mächte des Lichtes walteten in der Politik -- Hans Zehrers Schicksalprophetien in "Bild" und "Welt" zeichneten sich am journalistischen Horizont ab. 
Hans Zehrer
Mit dem in diesem Satz angesprochenen Hans Zehrer wäre sich ebenfalls noch einmal gründlich zu befassen, wozu gerade diese Sätze erneut besonders anregen. Hans Zehrer war ja kein einflußloser Mann. Er war Anfang der 1930er Jahre Chefredakteur der Zeitschrift "Die Tat" und Mitglied des "Tat-Kreises" gewesen, der 1932 für eine neue Querfront-Regierung unter General von Schleicher bereitstand (die bekanntlich durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler sozusagen "übersprungen" wurde, ebenso wie die bereitstehende "Übergangsregierung Himmler" 1945 "übersprungen" wurde).

Aber auch der "Spiegel" des Rudolf Augstein ließ es sich angelegen sein, genau ein Jahr später, am 29. September 1949, seine berühmt-berüchtigte, die Rolle der Kriminalpolizei im Dritten Reich verharmlosende, 30-teilige Serie "Das Spiel ist aus - Arthur Nebe - Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei" ausgerechnet mit einer astrologischen Zeichnung des ariosophischen Astrologen Wilhelm Wulff auf der Titelseite und der Schilderung der Arbeit dieses Astrologen für Arthur Nebe beginnen zu lassen (vgl. Abb.). Damit glaubte wohl auch der Spiegel diese Serie unter "gute Sterne" gestellt zu haben!

"Todesschatten am achten Feld - Wilhelm Wulff wußte" 
Bei dieser einflußreichen Spiegel-Serie war es Rudolf Augstein darum gegangen, die Rolle der Kriminalpolizei bei Kriegsverbrechen und bei der Judenverfolgung zu verharmlosen und die Wiedereinstellung angeblich durch die Nazizeit unbelasteter Kriminalisten, wie z.B. Walter Zirpins, zu fordern. Womöglich war das auch ein Anliegen von Wilhelm Wulff, der ja, wie wir gesehen haben, auch sonst über gute Kontakte zu Ministerien, Hamburger Polizeipräsidien und so weiter verfügte. Es geschah dies zu dem Zweck, um die 1933 aus dem Dienst ausgeschiedenen, der SPD nahestehenden Kriminalpolizei-Beamten, unter denen leitende Beamte vor 1933 im Auftrag der preußischen Innenministers Severing die Auslandsfinanzierung der NSDAP erforscht hatten (vor allem Wilhelm Abegg), unter denen vielleicht auch allzu viele okkultismus-kritisch waren (siehe Prozeß von 1929), nicht wieder einflußreich werden zu lassen in der deutschen Kriminalpolizei.

Offenbar erhoffte man sich auch für diese Absichten den Artikel unter "gute Sterne" zu stellen, wenn man anfangs den so "überraschend" richtig voraussagenden Promienten-Astrologen Wulff behandelte. Und Wulff gab sich besonders gerne dafür her, was zu allem paßt, was man von seinem "Wirken" aus der Zeit vor 1945 weiß.

1968 schrieb der "Spiegel" über Wilhelm Wulff:
Der Sterndeuter, der sich vom "Saturnring Hitlers umspannt" wähnte.
Dieses Zitat stammt aus der Autobiographie von Wulff. Mit "Saturnringen" umspannt ja die Leute offenbar auch die satanistische, freimaurerähnliche Okkultloge "Fraternitas Saturnis". Ob hier Zusammenhänge angedeutet werden sollen, kann natürlich nur vermutet werden. Besonders krasse Gegensätze wird es zwischen den Ariosophen und der "Fraternitas Saturnis" (und übrigens auch Hans Zehrer) nicht gegeben haben - im Gegenteil. Man sieht auch hier wieder, wie wenig Berührungsängste Springer und Augstein nach 1945 gegenüber allerhand sonderbarsten Leuten hatten, deren "Eliten-Kontinuität" sie sicherzustellen bemüht waren. Ja, mit deren Astrologie man sogar Zeitungen und Zeitschriften zu verkaufen suchte. Bei zahlreichen Ermittlungspannen der bundesdeutschen Kriminalpolizei mit ihren "braunen Wurzeln" seither, vor allem bei der Verfolgung von Links- und Rechtsterrorismus machte und macht sich das seither sehr verdient. 

Es sei noch einmal rekapituliert - auf Astrowiki ist über Wilhelm Wulff zu lesen:
Um 1920 wurde Wulff Mitglied des Swastika-Zirkels in Berlin, einer Okkultistenvereinigung mit ariosophischer Ausrichtung, der auch Ernst Issberner-Haldane angehörte. Die Mitglieder wie auch Wulff selbst finden sich ab 1925 als Mitarbeiter der rassentheoretischen und ariosophischen Zeitschrift für Menschenkenntnis und Menschenschicksal wieder.
Und über diesen genannten Ernst Issberner-Haldane heißt es auf Astrowiki:
Unter dem Namen "Fra Yvo" war er ab 1927 Mitglied im Ordo Novi Templi des Lanz von Liebenfels, 1920 gehörte er zu einer Berliner ariosophisch orientierten Okkultistengruppe, die sich "Svastika-Zirkel" nannte, neben Wilhelm Wulff und anderen. Viele seiner Werke enthielten daher lange vor der Machtergreifung Hitlers antisemitisch-rassistische Elemente und Anschauungen. Zusammen mit Reinhold Ebertin und anderen gründete er 1933 die Geistige Front, die explizit keine Juden oder "andere rassisch minderwertige Personen" [...] aufnahm.
Der dem Astrologen Wilhelm Wulff hörige Geheimdienstmann Herbert Volck (1894 - 1944) war ab 1933 ein Mitarbeiter der Gestapo, Gestapo:
Geheime Missionen für die SA. und SS., so Wulff, mit dem Ziel Polizeichef von Berlin wenn nicht Chef der Sicherheitspolizei zu werden. (...) Volck wurde, nach Wulffs Bericht im August 1944 im KZ Buchenwald hingerichtet.
Trevor-Roper berichtet über ihn (zit. n. 1, S. 244):
Er hatte vorausgesagt, daß Hitler am 20. Juli 1944 eine große Gefahr überstehen werde, daß er im November krank sein und noch vor dem 7. Mai 1945 eines geheimnisvollen Todes sterben werde.
Wilhelm Wulff, der einflußreichste "KZler" des Dritten Reiches?
 
Wie ist die Rolle des Astrologen Wilhelm Wulff 1943/44 bis 1945 nach seinen eigenen Erinnerungen zusammenfassend zu charakterisieren? Er selbst bezeichnet sich für die Zeit von Juni 1941 bis April 1945 als "KZler". Er hat aber nach eigenen Worten ab 9. Juni 1941 nur vier Wochen in einem Konzentrationslager verbracht und seine "Haftbedingungen" waren ansonsten nach eigenen Worten derart, daß er mit Luxuslimousinen und Sonderzügen herumgefahren wurde, von Gourmet-Küchen bekocht wurde und so vieles weitere mehr. Und auch in den vier Wochen "KZ" hat er eine nicht unbeträchtliche Zeit nach eigenen Worten mit den SS-Wachmannschaften unter den Büschen gelegen, um denselben auf deren Wunsch hin die persönlichen Horoskope zu stellen und zu deuten.

Wulff will über Himmlers einflußreichen Masseur Felix Kersten (1898 - 1960), über den Reichskriminalchef Arthur Nebe und über den Geheimdienstchef Walter Schellenberg (1910 - 1952) in den engsten Kreis um Himmler gekommen sein, den vor allem diese beiden repräsentierten. Natürlich immer letztlich gegen seinen Willen.


Nach der Darstellung Wulffs hat dieser engste Kreis um Himmler sehr früh - zum Teil mit, zum Teil ohne Wissen und Zustimmung Himmlers - ein Doppelspiel gespielt. Er hat nach dieser Darstellung von den Attentatsplänen gewußt, die vom Stauffenberg-Kreis ausgingen, und die am 20. Juli 1944 zur Verwirklichung kamen, und diese stillschweigend toleriert und damit wohl überhaupt erst ermöglicht. Ja, dieser Kreis hat sogar mit Himmler selbst schon seit spätestens Anfang 1944 nach Wulff über SS-Putschpläne gegen Hitler gesprochen. (In wieweit bei diesen - womöglich auch nur vagen - SS-Putsch-Plänen auch der SS-General Gottlob Berger [1896 - 1975] eine Rolle spielte, könnte noch einmal gesondert untersucht werden.)

August 1943: Okkulte Suche nach Mussonlini

Über die okkulte Suche nach Mussolini heißt es in den Memoiren von Schellenberg (S. 301f):
Noch aber hatten wir keine Anhaltspunkte dafür, wo sich Mussolini überhaupt befand. In dieser Situation praktizierte Himmler wieder einmal eine seiner okkulten Marotten - und nun sogar mit einem gewissen Erfolg. Er ließ einige der nach dem Englandflug von Rudolf Heß verhafteten "Vertreter der okkulten Wissenschaften" zusammenrufen und setzte sie in einer Villa am Wannsee in Klausur. Es waren dies Hellseher, Astrologen und Pendler, die den Aufenthaltsort des verschwundenen Duce ans Licht zu zaubern hatten. Diese Seancen kosteten uns eine ziemliche Stange Geld, da der Bedarf an gutem Essen, Trinken und Rauchen der "Wissenschaftler" ganz enorm war. Aber siehe da - ein "Meister" des siderischen Pendels stellte nach einiger Zeit fest, Mussolini müsse sich auf einer Insel westlich von Neapel befinden. Und tatsächlich war der Duce auch zuerst auf eine der von ihm bezeichneten kleinen Ponza-Inseln gebracht worden. Und um wiederum der Wahrheit die Ehre zu geben, muß gesagt werden, daß dieser Pendler im Augenblick des Experiments keinerlei Verbindung zur Außenwelt hatte.
Aber hallo! Aber natürlich! Hier wird mit den Memoiren von Schellenberg psychologisch wieder einmal ganz hervorragend gearbeitet. Einerseits scheint es, als ob Walter Schellenberg in ganz typischer Weise wieder einmal die okkulten Praktiken Himmlers verhöhnt. Obwohl Wilhelm Wulff berichtet, daß Walter Schellenberg sich ganz ernthaft die von ihm erstellten Horoskope auch über ihn, Schellenberg selbst, angesehen hätte und auf den astrologischen Rat Wulffs selbst ebenfalls gehört hätte. Und andererseits gibt Schellenberg - dementsprechend - dann auch doch "wieder einmal" - und ganz unkritisch - "der Wahrheit die Ehre", was Okkultismus betrifft. Wahrhaftig psychologisch sehr geschickt, was die 1950er und 1960er Jahre betrifft.

Januar 1944: Walter Schellenberg und der Astrologe Wulff

Im Januar 1944 will Wulff das erste mal mit Walter Schellenberg zusammengetroffen sein (S. 131). Auch Walter Schellenberg habe sich ab diesem Zeitpunkt bis Mai 1945 von ihm astrologisch beraten lassen. Schellenberg habe Querverbindungen zu Allen Dulles in der Schweiz gehabt (S. 166):
Schellenberg war in dieser Zeit, es war Mai 1944, besonders nervös. Täglich rechnete man mit der Invasion, und täglich mußte Schellenberg damals mit einem Attentat auf Hitler gerechnet haben; denn, wie wir heute wissen, und was ich damals nicht wußte Schellenberg war durch seinen Geheimdienst und seine Querverbindung zu den Amerikanern in der Schweiz über die Attentatspläne der Stauffenberg-Gruppe orientiert.
Das hier benutzte Wort "damals" ist reichlich irreführend, denn schließlich wußte Wulff es schon wenige Tage nach dem Attentat (siehe gleich). Vielleicht "wollte" er zu seiner Sicherheit davor davon nichts wissen und gewußt haben ... Weiter:
Er sah, wie Himmler immer wieder zögerte, Hitler zu beseitigen, und spürte Kaltenbrunner an seinen Fersen, der ihn mißtrauisch überwachte und nur auf die Gelegenheit wartete, einen Grund oder einen Vorwand zu finden, Schellenberg zu beseitigen.
So Wulff. Auch Wulff selbst will - zur gleichen Zeit! - astrologische Kontakte ausgerechnet in die Schweiz hinein gepflegt haben (S. 167):
Zu dieser Zeit kehrte Dr. G. aus der Schweiz zurück, der dort gewesen war, um die Möglichkeiten zur Gründung einer astrologischen Zeitschrift zu sondieren. Wir hatten eine Aussprache und ich machte aus meiner Enttäuschung kein Hehl, daß das Attentat mißlungen war, daß Himmler schwankte und daß das Verhängnis nicht aufzuhalten war. Auch meine ganze Arbeit war ja umsonst gewesen, und ich wollte mich, wenn irgendmöglich der SS entziehen.
Der "KZler" wollte sich der SS entziehen. So dachte man unter "KZlern" damals. Aber hallo! Und weiter:
Aber Dr. G. machte mir klar, daß es sehr wichtig sei, eine solche direkte Verbindung zu einem der Gewaltigsten des Dritten Reiches zu haben, und daß man um jeden Preis immer wieder versuchen müsse, Einfluß zu nehmen oder wenigstens wertvolle Informationen an Widerstandsgruppen weiterzuleiten. So wurde ich wieder bestimmt, das gefährliche Spiel des astrologischen Beraters Himmlers weiter zu spielen bis zum bitteren Ende.
Wulff wird nicht von den Sternen, sondern vom amerikanischen Geheimdienst "bestimmt"

An keiner Stelle sonst sagt Wulff, daß er Informationen über Widerstandgruppen "weitergeleitet" hätte. Also hat er es aber doch gemacht! Und an wen? Wohin? Doch wohl nicht in die Schweiz? Wulff sagt es also nicht klar, läßt es aber doch sehr wenig versteckt hindurchschimmern, daß er durch den amerikanischen Geheimdienst in der Schweiz "bestimmt" wurde, in der Nähe Himmlers zu bleiben. Was soll denn dieser "Dr. G." sonst gewesen sein, als ein Verbindungsmann zum amerikanischen Geheimdienst? Einen "Dr. G." hat Wulff sonst in seinem Buch - weder zuvor, noch danach - weiter erwähnt, aber gleich auf der nächsten Seite schreibt er den Namen eines "Dr. G.", der mit Dulles in der Schweiz in Verbindung steht, aus und gibt dazu noch weitere, recht konkrete Erläuterungen (S. 168) (Hervorhebung nicht im Original):
Nach dem mißglückten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 erhielt ich von Dr. Goverts, der mit Mr. Gero von Gaevernitz aus dem Stabe von Allen Dulles, O.S.S. Bern, in enger Verbindung stand, die Mitteilung, daß der polnische Nachrichtendienst am 10. Juli durch die Anfrage, wie sich die polnische und ukrainische Widerstandsbewegung im Falle eines politischen Umsturzes in Deutschland verhalten würde, von Stauffenbergs Plan gewußt habe und daß hierdurch die Möglichkeit gegeben war, daß Brigadeführer Schellenberg über weitere Verbindungen von diesem Plan erfahren habe. - Für die deutsche Opposition war damals eine diesbezügliche Klärung von großer Wichtigkeit. Das Ergebnis war, daß Brigadeführer Schellenberg und seine Stellen Nachrichten, die sich auf den Putsch bezogen, nicht weitergeleitet hatte. Schellenberg stand also auf der Seite der deutschen Opposition. Da Schellenberg aber Himmlers initmer Freund war, ist es ausgeschlossen, daß er mit ihm über diesen Vorgang nicht gesprochen haben soll.
Und Felix Kersten hat natürlich zur gleichen Zeit seine Kontakte nach Schweden gehabt und gepflegt, wie Schellenberg und Wulff ihre Kontakte nach der Schweiz gepflegt haben und von dort "bestimmt" worden sind.

Von westalliierter Seite hielt man solche Kontakte zum engsten Kreis um Himmler sicherlich, um etwaige "Übergangsregierungen nach Hitler" ebenso in der Hand zu haben, wie zuvor sicherlich die Hitler-Regierung selbst (etwa über Heß, Bormann und Leute wie Canaris und Schellenberg). Will heißen etwaige Übergangsregierung unter Himmlers "ordnender Hand" (wie Himmler in diesem Zusammenhang - nach Wulff - gesagt haben soll), also mit oder ohne öffentliches In-Erscheinung-Treten Himmlers. Sein Geheimdienst jedenfalls würde immer alle Fäden dabei ziehen.

Übergangsregierungen "nach Hitler" - Himmler, Bormann oder Dönitz?

Die von Hitler eingesetzte "Übergangsregierung" des Großadmirals Karl Dönitz (1891 - 1980) wurde von westalliierter Seite noch drei Wochen (30. April bis 23. Mai 1945) toleriert und im Amt belassen. Bezeichnenderweise war eine ihrer wenigen bedeutenderen Amtshandlungen die Entbindung Himmlers von allen seinen Ämtern. Himmler selbst war in Flensburg aufgetaucht. Auch hier tritt ausgerechnet Himmler noch einmal als ein Konkurrent oder gar als eine Art Alternative für eine solche mögliche "Übergangsregierung" auf. (Solche "Übergangsregierungen" kennt man ja auch aus der Zeiten nach 1989/90 recht viele.) Das von dem "Reichspräsidenten" Dönitz ernannte Kabinett wurde von Schwerin von Krosigk geleitet, der ebenso wie die diesem Kabinett angehörenden Albert Speer und Franz Seldte auch für eine Übergangsregierung unter Himmler vorgesehen waren. Dies berichtet der Astrologe Wulff, da er über diese noch in den letzten Tagen Horoskope für Himmler hatte ausarbeiten müssen.

Die Tatsache, daß die Regierung Dönitz noch drei Wochen lang im Amt belassen wurde, und daß von den westlichen Geheimdiensten nicht nur intensive Kontakte zu den Leuten vom 20. Juli 1944, sondern auch zum engsten Kreis um Himmler gepflegt wurden, deuten allesamt darauf hin, daß man sich in den westalliierten Planungen noch nicht definitiv dahingehend festgelegt hatte, ob es nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht noch eine deutsche Übergangsregierung geben solle oder nicht. Offenbar wollte man das davon abhängig machen, als wie einflußreich und mächtig sich etwaige, vielfach gefürchtete "Werwolf"-Bewegungen, etwaige "Alpenfestungen", etwaige erwartete "Skorzeny's" oder andere Strukturen und Persönlichkeiten auch noch nach der bedingungslosen Kapitulation erweisen sollten. Erst als klar war, daß es in Deutschland keine vergleichsweise selbständigen, machtvollen politischen oder militärischen zusammenhaltenden Strukturen und Bestrebungen mehr gab, denen gegenüber man es nötig gehabt hätte, ihnen in einer deutschen Zentralregierung Ausdruck zu verschaffen oder sie mit Hilfe einer solchen äußerlich selbständigen Zentralregierung manipulieren, beeinflussen oder diese repräsentieren zu lassen, wurde auch die Regierung Dönitz liquidiert.

Bis zu dem Zeitpunkt, als man westlicherseits - wohl recht bewußt noch vor dem Tod Hitlers - Himmlers schon viel länger aufrechterhaltende Separatfriedensbemühungen veröffentlichte, nahm in den Planungen der Westmächte und in den vermuteten Absichten Hitlers Himmler jene Rolle ein, die dann Dönitz von Hitler übertragen wurde. Und offenbar hat es diesbezüglich, wenn man Wulff folgen darf, längere Zeit Gegenbestrebungen von Seiten Bormanns gegeben, der womöglich selbst glaubte, diese Funktion übernehmen zu können oder der von anderen für diese vorgesehen war.

Alle von Wulff geschilderten Geschehnisse sprechen dafür, keines dagegen, daß Wulff vom britischen und amerikanischen Geheimdienst dazu benutzt worden ist, die Fäden Himmler gegenüber in der Hand zu behalten, den man als eines der Eisen im Feuer behielt für eine etwaige Nach-Hitler-, bzw. Übergangsregierung. Diese Übergangsregierung Himmler oder ein Putsch Himmlers konnten sicherlich jederzeit von westlicher Seite aus in Szene gesetzt werden - mit Hilfe von Leuten wie Kersten, Schellenberg, Wulff -, sofern dies benötigt werden sollte. Es wurde aber ganz augenscheinlich dann gar nicht mehr für nötig erachtet.

Wulff macht Himmlers Zögern und Zaudern dafür verantwortlich, daß Himmler nie die Initiative zum Putsch ergriffen hätte, die er und Schellenberg ihm immer wieder angeraten hätten. Hätten es die westlichen Geheimdienste aber für angeraten gehalten, hätte dieses Zögern und Zaudern Himmlers sicherlich jederzeit überwunden werden können. Etwa zusätzlich über solche SS-Generäle wie Gottlob Berger (der durch den Kriegsgefangenen-Austausch über Auslandskontakte verfügte), Karl Wolff (der über Dulles-Kontakte verfügte!) oder auch über Ernst Kaltenbrunner.

Die Aktivierung dieses auf lauwarmer Flamme bereit gehaltenen Projektes "Übergangsregierung Himmler" ist also nur nie "notwendig" geworden, ähnlich wie die vollständige Aktivierung der Querfront-Regierung unter Schleicher nie zustande kam.

Hatte auch die Übergangsregierung Dönitz ihren "Seni"?

Der Frage, ob auch die alternativ eingesetzte Regierung Dönitz ihren von westlichen Geheimdiensten gesteuerten "Seni" hatte, wäre noch weiter nachzugehen. Die Abteilung "Pendelortungsverfahren" in der Reichsmarineleitung hatte ja schon im November 1942 wieder ihre Arbeit eingestellt. Ob dennoch weiterhin einflußreiche Beziehungen zwischen Okkultisten und der Reichsmarineleitung weiterbestanden haben, wäre eine Frage, die zu klären wäre. Jedenfalls war hier sicherlich ebenfalls viel Potential vorhanden und könnte der "Secret Service" sicherlich ebenfalls seine Hand frühzeitig im Spiel gehabt haben. Der Hinweis jedenfalls, daß die Briten entsprechende Pendelverfahren einsetzen würden, der überhaupt erst zur Einrichtung dieser Abteilung führte, stammte angeblich " 'aus zuverlässiger Quelle' (angeblich von französischer Seite" (Schellinger 2010, S. 306).

Einer der wichtigeren Mitarbeiter dieser okkulten Abteilung "Siderisches Pendel" im Oberkommando der Marine war der Nürnberger Astrologe Dr. Wilhelm Hartmann. Wieder einmal ein persönlicher Freund von Wilhelm Wulff (S. 113) (siehe auch Edgar Wunder, 2002). Aber überhaupt wurde das Netzwerk der 1919 von einem Freimaurer gegründeten "Deutschen Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus" (DGWO), die sich Ende 1939 in "Deutsche metaphysische Gesellschaft" umbenannte auch zum Aufbau dieser okkulten Abteilung im Reichsmarineamt benutzt (Schellinger, S. 302 - 304). Und man wird doch davon ausgehen müssen, daß wenn westliche Geheimdienste okkulte Kreise um die NS-Führung infiltriert haben, sie ihren Fokus doch nicht zuletzt auch auf diese Gesellschaft gelegt haben werden.

Da gäbe es also auch noch mancherlei Ansatzpunkte für weitere Recherchen, um einen Überblick darüber zu gewinnen, was für einen breiten militär-politischen Ansatz die okkulten Abteilungen des britischen und amerikanischen Geheimdienstes verfolgten. Warum sollte Hartmann und andere wichtige Mitglieder dieser Gesellschaft nicht von den westalliierten Geheimdiensten vorgesehene "Seni's" der Regierung Dönitz gewesen sein?

Daß zumindest Axel Springer und Rudolf Augstein in den End-1940er Jahren der Meinung waren, daß der vormals ariosophische Astrologe Wilhelm Wulff kein Stein im Brett westlicher Geheimdienste hätte, diese Ansicht jedenfalls wird sicherlich ausgeschlossen werden können. Auch ohne diesen Verlegern das Horoskop zu stellen!!!

Übrigens sieht man an der von Wulff dargestellen politischen Bedeutung des Felix Kersten, wie politisch einflußreich auch  Physiotherapeuten - wie "Masseure" (Kersten) oder "Atemtherapeuten" (Schmitt) - sein konnten. Auf Amazon heißt es über das Buch "The Devil's Doctor - Felix Kersten and the Secret Plot to Turn Himmler Against Hitler" (2002):
Kersten found himself in a unique position from which to gather information to be passed on to the U.S. Office of Strategic Services (OSS).
Und:
In that position Kersten, with connections to OSS and British intelligence, was able to influence Himmler.
Also womöglich besaß auch Kersten direkte Verbindungen nach der Schweiz und nach London. Bei einem erfolgreichen Attentat am 20. Juli 1944 hätten also zahllose Verbindungsleute des amerikanischen und britischen Geheimdienstes bis hinauf in höchste deutsche Regierungsstellen noch wesentlich einfacher gehabt, über "Übergangsregierungen" sich in die deutsche Nachkriegszeit hinüberzuretten, als sie es dann im tatsächlichen Geschichtsablauf hatten. Wobei sie dann allzuoft - anstatt Übergangsregierungen" - "Rattenlinien" benutzen mußten. Aber auch mit diesen kriegten das ja "die Dienste" - mit publizistischer Flankenverteidigung der Augsteins und der Springers - im Großen und Ganzen ganz gut hin. Und "geregelt".

Und was geschieht im Jahr 2011? Da schreibt ein ehemaliger Chefredakteur der Springer'schen "Bild-Zeitung" einen Roman ("Der rote Reiter"), zu dem er auch Recherchen über Wilhelm Wulff und das "Horsokop-Archiv der SS" unternommen hat. Wie kommt gerade ein ehemaliger Chefredakteur der Bild-Zeitung zu solchen, eher abseitigen Themen? Oder war nicht umgekehrt eher die Vertrautheit mit diesen Themen eine der Voraussetzungen für seine berufliche Karriere im Springer-Konzern? Man wird ja doch mal fragen dürfen ...

Juli 1944: Nostradamus-Beratung für Goebbels über einen Friedensschluß mit dem Westen

Alexander Centgraf (Centurio) berichtet in seinem "Die großen Weissagungen des Nostradamus" (1977/1981, S. 208):
Als nun im Juli 1944 die Alliierten Nordfrankreich wiedererobert hatten, bat mich der Reichssendeleiter zu sich nach Berlin. Er eröffnete mir streng vertraulich, daß Minister Goebbels die Absicht habe, zu einer Verständigung  mit den Westmächten, vor allem mit England zu kommen: ob nicht Nostradamus auch hier Fingerzeige und Hilfestellungen geben könne? Da es sich um eine Möglichkeit handelte, den Frieden herbeizuführen, verwies ich den Reichssendeleiter auf 9,51 (...).

Der Vorstoß des Ministers Goebbels, mit den Westmächten zu einer Einigung zu kommen, scheiterte an dem Widerstand Himmlers, der in seinem Cäsarenwahn glaubte, ein Bündnis mit der Sowjetunion zu schließen.
Der Hamburger Astrologe Wilhelm Wulff berichtet allerdings über Himmler etwas "differenzierter". Es wären noch einmal Biographien von Joseph Goebbels zu konsultieren, um zu überprüfen, daß an dieser Angabe etwas dran ist. Wäre das tatsächlich der Fall, wäre auch das natürlich ein neuerlicher Beleg dafür, daß Goebbels gegenüber okkulten Wahrsagungen keineswegs immun gewesen ist. Natürlich ist es naheliegend, daß auch diese Konsultation im Zusammenhang steht mit den Ereignissen des 20. Juli (eine Nachwirkung derselben oder gar schon in Vorbereitung auf dieselben?).

13. April 1945: Hoffnung auf neue Deutungen alter Horoskope - "geheiligter Schriftstücke" - aus "Hitlers Forschungsabteilung"

Eines der vielen Abschlußkapitel der Astrologiegeschichte des Dritten Reiches ist ebenfalls noch einmal hochgradig bizzar. Es wird berichtet (Irving/Goebbels, S. 512):
Goebbels traf Hitler am 30. März wieder. Ein oder zwei Tage zuvor hatte er Himmlers Sicherheitsdienst ersucht, seine Akten nach den alten und verbotenen Horoskopen zu durchsuchen, die für den 9. November 1918, den Gründungstag der Weimarer Republik, und den 30. Januar 1933, die Geburtsstunde des Dritten Reiches, gestellt worden waren. Am 29. März lagen die Abhandlungen auf seinem Schreibtisch im Ministerium.
Und Goebbels schreibt darüber am 30. März 1945 in sein Tagebuch (zit. n. 1, S. 218):
Mir wird umfangreiches Material zur Einleitung einer astrologischen oder spiritistischen Propaganda vorgelegt, unter anderem auch das sogenannte Horoskop der deutschen Republik vom 9. November 1918, wie auch das Horoskop des Führers. Beide Horoskope stimmen in frappierender Weise überein. Ich kann verstehen, daß der Führer die Beschäftigung mit solchen unkontrollierbaren Dingen verboten hat.
- Natürlich nur für die große Masse, nicht für das Propagandaministerium, den Reichsführer SS, die Umgebung von Rudolf Heß und für seine eigenen "Forschungsabteilungen". Das hat übrigens Heinrich Himmler gegenüber Wilhelm Wulff ebenfalls noch einmal mit aller Eindringlichkeit ausgeführt, daß der öffentliche Kampf des Regimes gegen die Astrologie ein Scheinkampf gewesen ist. Und so sind auch hier die Ausführungen des Joseph Goebbels zu verstehen.

Der Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk (1887 - 1977) schildert in seinen Tagebüchern vom April 1945 die Eröterungen zwischen Goebbels und Hitler rund um diese Horoskope noch ein wenig konkreter, als Goebbels das in seinen tut. Berndt behandelt diese Tagebücher nach Hugh Trever-Roper's Darstellung "Hitlers letzte Tage" (erschienen 1947/48). Goebbels und Hitler lasen - nach diesen Tagebüchern - in jenen Tagen mit Tränen in den Augen die "Geschichte Friedrichs des Großen" von Thomas Carlyle und warteten auch ihrerseits auf ein "Mirakel", vergleichbar dem "Mirakel des Hauses Brandenburg", jenem "Wunder", durch das Friedrich der Große und sein Preußen 1757/1762 unversehrt aus dem Siebenjährigen Krieg hervorgegangen waren. Trevor-Roper (zit. n. 1, S. 214):
Sie besprachen die Sache hin und her und ließen sich im Verlaufe der Unterhaltung zwei Horoskope kommen, die in einer von Hitlers Forschungsabteilungen sorgfältig aufbewahrt wurden: das am 30. Januar 1933 gestellte Horoskop des Führers und das Horoskop der Republik, datiert 9. November 1918.
Man beachte den Begriff "Hitler's Forschungsabteilungen". Sollte nun an dem Horoskop vom 30. Januar 1933 nicht Eric Jan Hanussen ein wenig oder gar maßgeblich mitgearbeitet haben, es doch mit seinem "Geist" durchdrungen haben? Die im 2. Teil schon angeführten Teile des Hanussen-Epigrammes vom 1. Januar 1933, sowie die weiteren Andeutungen der "Baphometischen Gesellschaft" lassen das doch nicht gar zu fernliegend erscheinen. Doch weiter Trevor-Roper:
Diese geheiligten Schriftstücke wurden herbeigeholt und geprüft, und "dabei habe sich die erstaunliche Tatsache herausgestellt", deren frühere Beobachtung sich gelohnt hätte
- so hat Hitler schon 1923/24 über die Voraussagen der Elsbeth Ebertin und anderen gegenüber Heß argumentiert (siehe oben)! - 
, "daß beide Horoskope übereinstimmend den Kriegsausbruch 1939, die Siege bis 1941 und dann die Kette der Rückschläge mit den schwersten Schlägen in den ersten Monaten 1945, vor allem in der zweiten Hälfte April, ein Stagnieren bis zum August, in diesem Monat den Frieden, dann drei Jahre lang eine schwere Zeit für Deutschland, und von 1948 an wieder den Aufstieg vorausgesagt hätten. Er schickte mir am nächsten Tage die Horoskope; ich konnte alle die Dinge nicht herauslesen, nur in der beigefügten 'Deutung', die allerdings erst jetzt erfaßt ist, fand ich sie, und bin nun sehr gespannt auf die zweite Hälfte April."
Man beachte: "Geheiligte Schriftstücke"! Aus dem Horoskop selbst herauszulesen war diese Prognose für eine Laien wie Schwerin-Krosigk gar nicht. Von wann die beigefügte "Deutung" stammt, beziehungsweise "erfaßt" wurde, sagt Schwerin-Krosigk auch nicht. Daraus können zwei Möglichkeiten abgeleitet werden: Entweder das Horoskop war 1933 in einem solchen Kauderwelsch verfaßt, daß man daraus "alles und nichts" herauslesen konnte, eben auch eine spätere "beigefügte Deutung". Oder es war verfaßt wie das Hanussen-Horoskop in der Interpretation der "Baphometischen Gesellschaft", das heißt, soweit übersehbar, mit mindestens zwei Sinn-Ebenen. Man möchte sich eher für die zweite Möglichkeit entscheiden. Daß also in der schon 1933 gegebenen "Deutung" zwei Sinnebenen enthalten waren, so daß man erst 1945 die "eigentliche" Deutung "erfaßte" und "erfassen" konnte. Diese Möglichkeit zieht Berndt noch gar nicht in Betracht.

Sehr richtig stellt Berndt allerdings zahlreiche Fragen im Anschluß an dieses Horoskop. Insbesondere scheint auch hier erneut die Tatsache auf, daß alle drei oder vier Haupt-Astrologie-Gläubigen an der Spitze des Dritten Reiches jeweils isoliert für sich und in der jeweils eigenen Weise daran geglaubt zu haben scheinen, und daß die anderen von dem Umgang jedes einzelnen mit diesem Thema keineswegs alles mitbekommen haben müssen. So war Heß 1941 offenbar nicht restlos offen gegenüber Hitler, Hitler offenbar allzu oft nicht restlos offen gegenüber Heß (schon 1924) und Goebbels. So möglicherweise Goebbels auch nicht restlos offen gegenüber Hitler (er wollte ihm ja sogar seinen "Seni" vorenthalten!). Und Himmler lebte diesbezüglich ja sowieso auf seinem "eigenen Stern", den die anderen ihm scheinbar stillschweigend und wohlwollend überließen und einräumten. Eine solche astrologische "Einzelführung" und ein solches "Wissensgefälle" zwischen allen Beteiligten hätte natürlich für jene mit Autorität gegenüber der Macht Ausgestattete zahlreiche Vorteile. Mit Wissensgefälle zwischen allen Beteiligten arbeiten ja Geheimdienste und -gesellschaften besonders gern. Jeder soll nur das wissen, was er persönlich für die Erfüllung seiner Aufgabe zu wissen benötigt.

Eine der Sekretärinnen aus dem Propagandaministerium berichtet nun über die Reaktion von Joseph Goebbels am 13. April 1945, als er die unerwartete Nachricht vom Tod Roosevelts erhiel (zit. n. 1, S, 217):
Goebbels sprang aus seinem Wagen und stand für einen Augenblick wie angenagelt da. Ich werde den Ausdruck seines Gesichts im Feuerschein des brennenden Berlin nie vergessen. "Also", sagte er, "lassen wir den besten Champagner kommen und rufen wir den Führer an." (...) Goebbels rief Hitler über seine Privatlinie an und sagte: "Mein Führer, ich beglückwünsche Sie! Roosevelt ist tot. In den Sternen steht es geschrieben, daß die zweite Aprilhälfte für uns eine Wendung bringen wird. Heute ist Freitag, der 13. April. Es ist der Wendepunkt!" (...) Er war in Ekstase.
"Wie angenagelt" stand er da. Also geradezu so, als ob er eine "Vision" hätte. Ganz offensichtlich setzt er diese Nachricht sofort und unmittelbar in Bezug zu Horoskopen. Sieht so jene Gleichgültigkeit und "Immunität" gegenüber Astrologie und Horoskopen aus, die Goebbels laut seiner Tagebuch-Einträge gegenüber denselben besitzt? Man muß auf diesem Gebiet offenbar auch mit Selbsttäuschungen rechnen. In der Not klammern sich manche Menschen an jeden Strohhalm und sei es auch die von ihnen sonst verachtete Astrologie. Goebbels war katholischer Herkunft und daher manchem Aberglauben gegenüber sicherlich keineswegs ausreichend immunisiert. Und zumindest in dieser Stunde der Not bricht es geradezu mit Macht durch. Gegenüber Schwerin-Krosigk erklärte Goebbels (zit. n. 1, S. 217):
Goebbels meinte, daß diese Nachricht im ganzen deutschen Volk einen Stimmungsumschwung hervorrufen werde, denn man könne und müsse hierin das Walten der geschichtlichen Allmacht und Gerechtigkeit sehen.
Man "könne", sagt Goebbels hier ausdrücklich. Hier spricht nicht mehr nur der kühle Propagandaminister, dem jedes Mittel recht ist, um das Volk kaltblütig zu belügen. Hier spricht auch der persönlich Hoffende. Doch selbst von diesen klaren Bekundungen von Goebbels Astrologie-Gläubigkeit will sich Berndt nicht dahingehend überzeugen lassen, daß sie tatsächlich vorlag. Aber Berndt zitiert auch Trevor-Roper mit den Worten:
Uns erscheint es unfaßbar, daß die Führer des Dritten Reiches noch in diesen letzten Tagen seines Bestandes hätten glauben sollen, die Sterne oder ein schlauer Schachzug könnten sie retten; und doch geht aus allen Tatsachen klar hervor, daß sie nie begriffen, wie sicher und wirklich ihr Untergang war.
Sehen so die Auswirkungen der Droge Horoskop-Gläubigkeit aus? Damit ist doch auf jeden Fall noch einmal die "schlafwandlerische Sicherheit" angesprochen, die Adolf Hitler aus den früheren vorausgesagten "Errettungen" aus tiefen Enttäuschungen und Gefahren heraus (etwa 1923, 1932/33, 1939) womöglich gezogen hatte.

13. April 1945: Hitler und der Astrologe Bernd Unglaub

"Sternenwandel und Weltgeschehen"
Aber diese bizzare Geschichte ist immer noch nicht zu Ende. (Übrigens: Würde man sie als so "bizzar" erachten, wenn sie geendet hätte wie jene Geschichten von 1923 oder von 1932/33?) Stephan Berndt schreibt (1, S. 221):
In dem Büchlein "Sternenwandel und Weltgeschichte (sic!) von 1924 bis 1927" von Elsbeth Ebertin und Ludwig Hofmann findet man auf sechs Seiten mehrere kurze astrologische Abhandlungen von Bernd Unglaub; unter anderem auch Das Horoskop der deutschen Republik mit Datum 9. November 1918!
Aha, das "geheiligte Schriftdokument" könnte sogar aus einer kurzen astrologischen Abhandlung in einem Büchlein des Jahres 1928 bestehen. Ob nun das 1945 hervorgezogene "geheiligte Schriftdokument" dasselbe ist wie das hier genannte, muß natürlich dahinstehen, ist aber auch keineswegs ausgeschlossen. Dieser Astrologe Bernd Unglaub muß schon deshalb Vertrauen bei Adolf Hitler erweckt haben, weil er mit der von Hitler oftmals konsultierten Astrologin Elsbeth Ebertin zusammengearbeitet hat. Und sicherlich auch deshalb, weil er schon 1924 eine kleine Schrift herausgebracht hatte mit dem Titel "Die Kriegsschuldfrage im Lichte der Astrologie" (1, S. 222) Und merkwürdig!: Wie fast alle deutschen Astrologen jener Zeit hat auch Unglaub schon frühzeitig das nahende Ende des Dritten Reiches vorausgesehen. Was für ein Wunder! (Da könnte Stephan Berndt wohl erneut hübsche Statistiken aufstellen!)  Einer der Kollegen Unglaubs, der Astrologe Alexander Zentgraf (auch Alexander Centgraf geschrieben) jedenfalls, berichtete dem Buchautor Ellic Howe nun über Bernd Unglaub und den 13. April 1945 folgendes. - Und übrigens: auch dieser Centgraf hat für seine eigene Person eine Geschichte, auch diese wäre zu recherchieren ... - Aber nun nur Centgraf über Unglaub (siehe Howe/"Uranias Kinder", zit. n. 1, S. 220):
"In der Bülowstraße 27 in Berlin lebte in der Nachbarschaft meiner verstorbenen Mutter der Kosmologe Bernd Unglaub. 1929 schrieb er ein kleines Buch mit dem Titel 'Was ist, was wird sein?'.
Er prophezeite darin für 1933 Hitlers Machtergreifung und für 1939 den Großen Krieg, der viel Unglück über Deutschland bringen werde. Ich selbst habe das Buch gesehen und gelesen. Später (1941) wurden alle Exemplare von der Gestapo vernichtet. Unglaub stammte aus dem Allgäu. Schon 1922 hatte er Hitler reden gehört, doch schloß er sich ihm nicht an, 'denn ich kenne sein Ende!' sagte er mir 1940!! 'Wann wird sein Ende sein?' fragte ich. 'Mai 1945', sagte Unglaub."
Zentgraf sah Unglaub am Freitag, den 13. April 1945, zum letzten Mal: "Er kam aus der Reichskanzlei. Hitler hatte ihn kommen lassen, um zu erfahren, was er tun solle. Unglaub hatte sich geschickt herausgeredet." (...)
Unglaub überlebte nicht lange genug, um seine Geschichte (...) erzählen zu können. (...) Er starb am 21. Juli 1945 an Zungenkrebs - "als ob die Götter neidisch waren", sagte Zentgraf.
"Neidisch"? Dieser Zentgraf hat natürlich wieder einmal nicht alle Tassen im Schrank. Aber das nur am Rande. Man sieht auch hier: Die Astrologen umschwärmten Adolf Hitler wie die Geier das Aas. Und Adolf Hitler zog sie an wie das Aas die Geier. Auch Unglaub hatte sich schon 1922 Hitlers Reden angehört. Obwohl auch andere Astrologen - wie Unglaub - Hitlers Ende voraussahen, waren sie doch nicht so sehr auf Abstand zu Hitler gegangen, wie Unglaub. Letztlich kann man Bernd Unglaub - zumindest sinnbildlich - als jenen "Seni" erachten, der dann schließlich vor der Leiche Adolf Hitlers stand.

19. April 1945: Himmlers Fragen an seinen Astrologen Wulff

Doch nein, der Bizzarheiten ist immer noch kein Ende. Am 19. April 1945 stellte Heinrich Himmler wieder einmal seine typischerweise ganz konkreten Fragen an seinen Astrologen Wilhelm Wulff. Sie seien hier doch noch einmal als Beispiel gebracht (zit. n. 1, S. 258; Wulff, S. 209):
1. Das Ableben von Hitler. Wann wäre damit zu rechnen? 
2. Kann Himmler einen Waffenstillstand mit Briten und Amerikanern einleiten? 
3. Gefahren für Hartzwalde (die Stabsstelle Himmlers) durch Kriegsereignisse? 
4. Insassen von Hartzwalde abtransportieren lassen? 
5. - 9. Horoskope führender Nationalsozialisten, unter anderem Baldur von Schirach
Hartzwalde war das Gut von Felix Kersten des Masseurs von Heinrich Himmler, der bei einem chinesischen Masseur ausgebildet worden war. Es war in die Außenstelle eines Konzentrationslagers umgewandelt worden (wie sinnbildhaft!). Aber offenbar muß dieses "KZ" für Himmler wertvollste Personen enthalten haben, wenn er in dieser Stunde vor allem an "Hartzwalde" denkt. Noch bizzarer wird diese Geschichte, wenn man liest, daß Kersten von Himmler für Hartzwalde als Arbeitskräfte aus Konzentrationslagern gerade "Zeugen Jehovas" und "Bibelforscher" angefordert hatte (a, b). Sollten Himmler gerade diese so ans Herz gewachsen sein?

Aber insgesamt: Wie soll man davon ausgehen, daß Himmler jemals weniger astrologie- und wahrsagerhörig gehandelt hätte, als im April 1945? Schon im Jahr 1924/25 ist sein Interesse bezüglich von Horoskopen ähnlich gelagert. Und Heydrich äußerte nach Schellenberg seinen Unmut über das häufige Zögern von Himmler bei Entscheidungen, da dieser immer erst Horoskope erstellen mußte, bevor er sich entschieden konnte, ganz so wie es Wulff über die Zeit 1944/45 berichtet. Wieviel von der Geschichte des Reichssicherheitshauptamtes geht also eigentlich auf die Vorgänger von Wilhelm Wulff als den Leibastrologen Heinrich Himmlers zurück? Welche waren denn das nun eigentlich?

Es bleibt zu hoffen, daß zu diesen nicht auch jener "ranghohe SS-Offizier" E. P. H. Barth gehörte, führendes Mitglied der "Fraternitas Saturnis" als "Meister Amenophis" ... Natürlich wäre ein Astrologe aus dem Umkreis dieses E.P.H. Barth, und der in ähnlicher Gedankenwelt lebte wie dieser E.P.H. Barth sehr geeignet für diese Aufgabe gewesen. Schließlich arbeitete parallel in England Aleister Crowley für den britischen Geheimdienst, der gute Bekannte von Eugen Grosche. Und warum soll eigentlich nicht auch Wulff genau ein solcher Astrologe gewesen sein? Auch E.P.H. Barth lebte in Hamburg.

(Weiter zum: 5. Teil mit Anhang und Literaturverzeichnis.)

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