Montag, 1. Februar 2010

Jesuiten - haben die staatlichen Kontrollorgane versagt?

Inzwischen scheint anläßlich der Mißbrauchsfälle an Jesuiten-Gymnasien eine innerkirchliche Debatte in Gang zu kommen. Aus dieser sollen im folgenden einige Ausschnitte gegeben werden. Allerdings scheint eine andere Frage noch so gut wie gar nicht erörtert zu werden: Hat es nicht schon in den 1970er und 1980er Jahren Warnungen vor Sekten gegeben? Hat man sich in diesem Zusammenhang den Jesuitenorden und seine Jugend- und Bildungsarbeit gar nicht kritischer angesehen?

Offenbar verläßt man sich da ganz auf die "Selbstheilungskräfte" der katholischen Kirche. Ist das eigentlich richtig? Ein emeritierter Theologieprofessor jedenfalls, Hermann Häring, fragt inzwischen wirklich schon etwas deutlicher nach den "geistig-moralischen" Hintergründen der Kindesmißbrauchsfälle an durch Jesuiten geleiteten deutschen "Elite"-Gymnasien (Tagesspiegel, 2.2.10). Er fragt:
Wie ordnen wir diese Affäre in die vielen Missbrauchsfälle ein, die im vergangenen Jahrzehnt die katholische Kirche weltweit erschüttern? Wir haben das Schauspiel des ehemaligen Wiener Kardinals und Kinderschänders Groher nicht vergessen, der zu seinen Untaten kein Wort über die Lippen brachte. Man erinnert sich an die Verurteilung der Diözese Chicago zu enormen Geldbeträgen an die Opfer. Man liest von der Bereitschaft der Diözese Fairbanks (USA), die sich wegen des Missbrauchs von fast 300 Opfern zur Zahlung von 10 Millionen Dollar bereit erklärte. Wir sind Zeugen einer neuen Skandalwelle, in der zwischen 1914 und 2000 in ganz Irland insgesamt 320 000 Kinder zu Opfern des Missbrauchs und der Gewalt wurden.
Und Häring weiter über das Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin:
Innerhalb der Schule hatte sich die „Gemeinschaft des christlichen Lebens“ etabliert, die inzwischen wohl in die „Ignatianische Schülergemeinschaft“ (ISG) übergegangen ist. Solche Organisationen bieten den Jugendlichen über die schulische Arbeit hinaus seelsorgerliche Betreuung an, die noch intensiver die existenziellen, emotionalen und religiösen Tiefenschichten Jugendlicher aktivieren. Ein Eingriff in diese Bereiche verlangt noch drastischere Schutzmechanismen: unbedingte Professionalisierung der Betreuer, Klärung und Festigung ihrer eigenen psychischen Situation, ein System von konsequenter Transparenz, Kontrolle und Supervision.
Adolfo Nicolás, der gegenwärtige "Jesuitengeneral", hat so manche Probleme ...

Vor allem verlangen sie Kontrolle durch außerschulische, außerkirchliche Instanzen. Merkwürdig, daß diese sich über Jahrzehnte diesbezüglich so zurückgehalten haben sollten. Gibt es nicht überall Sektenschutzbeauftragte im Bereich des staatlichen Jugendschutzes? Aber immerhin werden dann doch schon einige konkretere Forderungen gestellt:
Dennoch hält diese Kirche an Randbedingungen fest, die pädophile Handlungen begünstigen und eine wirksame Prävention schwächen. Deshalb ist das katholische klerikale Selbstverständnis einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Erstens ist über die Sakralisierung der priesterlichen Kernfunktionen nachzudenken. Sie ist vormodern und vom Neuen Testament nicht gedeckt. Um das Priesteramt schwebt eine Sphäre des Heiligen und Unberührbaren. Der Papst bestärkt diese Haltung massiv. Dadurch wird – zumal bei jungen Menschen – die Abhängigkeit vom Seelsorger gefördert.

Zweitens ist der katholische Klerus von einem intensiven Corpsgeist geprägt. Das fördert die Mechanismen der Geheimhaltung. Der katholische Klerus muss endlich die urdemokratischen Tugenden der Transparenz und Partizipation lernen.

Drittens sagen Psychoanalytiker, dass pädophile Neigungen oft mit Ichschwäche, Anlehnungsbedürfnis und dem Willen zur Einordnung einhergehen. Aber stärker als in vergangenen Jahrzehnten fordern die katholischen Seminare und Studienhäuser wieder Unterordnung. Die Braven werden privilegiert und die Rebellen weggeschickt. So kann sich kein eigenständiger Lebensstil entwickeln. (...)

Viertens ist über den Zölibat zu reden. ...
Das ist zumindest einmal eine erste Analyse. Daß sie schon umfassend genug angelegt wäre und tief genug greifen würde, soll damit gar nicht gesagt werden.

... Noch mehr Probleme hat Stefan Dartmann, der gegenwärtige Chef der deutschen Jesuiten:
Zu viele deutsche Jesuiten-Schüler haben "schlechte Erinnerungen"

Noch 2002 war Kardinal Ratzinger für Vertuschung

Wie der "Tagesspiegel" machen auch andere Zeitungen auf konservative Strömungen in der katholischen Kirche aufmerksam, die selbst den eben genannten Forderungen blockierend gegenüber stehen (Welt, 1.2.10):
1962 verschickte der damalige Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Alfredo Ottaviani, einen bis heute umstrittenen Brief an die Bischofskonferenzen. Missbrauchsfälle sollten geheim gehalten und lediglich dem zuständigen Bischof gemeldet werden. Auf die Opfer wurde eingewirkt, Stillschweigen zu bewahren – unter Androhung der Exkommunikation. 2002 hat Kardinal Joseph Ratzinger erklärt, das Dokument sei noch gültig.
Im Grunde unglaublich, was sich in modernen, säkularisierten Staaten die katholische Kirche noch alles glaubt, herausnehmen zu dürfen.

Unterdessen gehen auf dem Netzblog "Spreeblick" die Diskussionen der Opfer untereinander weiter. Mit Recht weist der Blogbetreiber darauf hin, daß das Medium Internetblog dem traditionellen Kommunikationswegen des Journalismus viele Dinge voraus hat. Und er wundert sich, daß dort so wenig Journalisten mitreden.

Schutzpflicht des Staates - warum versagte sie?

Einige Eindrücke aus den dortigen Kommentaren. Kommentar 129:
... Daß der Orden nach 1991 nicht die geringsten Anstrengungen gemacht hat, der Sache nachzugehen und sich auch 2004 hinter “zugesicherter Diskretion” versteckt, macht mich fassungslos. Was glaubt Pater Mertes eigentlich, welchen “hochkomplexen Ermessensspielraum” der Gesetzgeber einer Privatschule zubilligt, wo es um ein Offizialdelikt geht?
Das sind in der Tat schwerwiegende Fragen. Aber was ist eigentlich von einem Staat zu halten, der auf solche Dinge über so lange Zeiträume so wenig kritische Blicke geworfen haben soll? Kommentar 131:
... Mich wundert, daß es noch so viele Fürsprecher für die vorsichtig gesprochen seltsame katholische Welt gibt.
Kommentar 133:
Ich würde gern einmal erklärt bekommen, warum die Kirche, wenn sie doch weiß, daß ihre Angestellten sexuelle Straftäter sind, diese nicht ausschließt und den zuständigen weltlichen Behörden übergibt? Statt dessen versetzt diese nur die betroffenen Kriminellen in eine andere Gegend und dann noch weiterhin in die Jugendarbeit. Klingt für mich nach Billigung des Geschehenen. Das CK ist ja nun wahrlich kein Einzelfall. Ohne den Schutz der kirchlichen Verantwortungsträger wäre auch die Verjährungsfrist nicht abgelaufen.

Ich dachte immer, es wäre strafbar, ein Verbrechen zu decken, denn man macht sich mitschuldig.
Wiederum: Wo kommt unser Staat seiner Schutzpflicht nach? Warum kam er dieser nicht nach? Auch so mancher Elternteil wäre zu fragen. Darf man eigentlich gar so naiv seine Kinder auf eine Schule schicken, über deren Lehrer diverse Gerüchte im Umlauf sind? In Kommentar 142 schreibt eine "betroffene weibliche Ehemalige":
... Für mich ist es heute besonders erschreckend, dass so viele etwas geahnt oder gewusst haben. Aber scheinbar niemand auf die Idee gekommen ist, dass es sich um eine Straftat handeln könne, die auch entsprechend zur Anzeige gebracht hätte werden müssen. ......

Entsetzlich ist doch, dass anzunehmen ist, irgendjemand von der Seite der Verantwortlichen der Schule oder des Ordens hat gewusst, was vorgefallen ist, und hat daraus dann ein Beichtgeheimnis gemacht.

Gruselig. (und immer noch schwer zu fassen)
Ich bin gespannt, ob mit der von Pater Mertes ebenfalls gestellten Frage nach der Struktur der katholischen Kirche nun endlich eine Diskussion zwischen der Institution Kirche und denen, die ihre eigentlichen Werte tragen, zum Thema Machterhalt stattfinden wird.
Offenbar hat auch diese Kommentatorin den Eindruck, daß die Geschehnisse etwas mit dem Thema Machterhalt zu tun haben. An Gymnasien, auf denen noch heute die politisch einflußreichen Eliten eines Landes erzogen werden. Und in der Tat macht sie mit Recht darauf aufmerksam, daß hier ganz sicherlich durch das Beichtgeheimnis Straftaten gedeckt wurden und möglicherweise werden. Aber natürlich nicht nur durch dieses.

"Es hatte etwas Sektenartiges"

Kommentar 143:
Können Sie sich rückblickend vorstellen, dass ein Junge, der erst mit Vertrauensbeweisen und Zuneigung geködert wird, um dann in ritualisierten Sitzungen stundenlang auf das nackte Gesäss geschlagen zu werden, bis er nicht mehr sitzen kann, nicht ausgerechnet zu seinem gleichaltrigen Klassenkameraden rennt, um Hilfe zu suchen?

Ich verstehe, dass es für diejenigen, die in der Nähe waren, aber es nicht bemerkt haben, heute verstörend sein muss, wenn sie erkennen, wie sie getäuscht wurden. Aber machen Sie das bitte nicht den Opfern zum Vorwurf. Wir sprechen von 12- bis 14-jährigen Kindern. (...)

Ich hatte mit beiden Tätern über Jahre mehr Kontakt als gut für mich war. Die „Schadensereignisse“ beschränken sich in meiner Erinnerung bei mir auf drei oder vier Situationen. Doch die psychologischen Wunden sind tiefer als die körperlichen. Nach einer stundenlangen Sitzung mit Pater S. musste ich drei Nächte auf dem Bauch schlafen, bevor ich wieder sitzen konnte. Doch nach dreißig Jahren habe ich immer noch Schwierigkeiten NEIN zu sagen, wenn mir jemand einen Vorschlag macht, den ich eigentlich ablehnen möchte. Oder zehn Jahre mit dem falschen Partner zusammenzubleiben, statt sich abzugrenzen und sich zu trennen, was ist das im Vergleich zu übergriffigen Beichtgesprächen und Streicheleinheiten, die man nicht bestellt hatte und an Stellen, wo man sie nicht haben wollte. (...)

Doch die Folgen bleiben für die Überlebenden auch nach Jahrzehnten in ihrem Leben gegenwärtig. Sie äußern sich in Verunsicherung, mangelndem Selbstbewußtsein, Depressionen, Suchtmittelmißbrauch, Fluchtverhalten. Sie lassen eine geordnete berufliche Entwicklung kaum zu und belasten Partnerschaft und Sexualität.

Ich will damit nicht sagen, dass jeder jedes Symptom bei sich finden wird. Es gibt stärkere und schwächere Seelen. Viel hängt wohl auch von der Dauer der ganzen Situation ab.

Wie hier schon angedeutet, herrschte im CK der 70er eine Art innerer Belagerungszustand. Schließlich war das ja „das letzte Kolleg vor Moskau“. Also waren harte Jungs gefragt, die nicht gleich heulen, wenn's mal weh tut. Wieviel Hilfe konnte man da erwarten?

Und diese Abschottung wurde in der MC/GCL noch auf die Spitze getrieben. Es hatte etwas Sektenartiges, wie sich die Eingeweihten, die die „Prüfung“ durch den Pater Peter überstanden hatten, danach verhielten. Denn die Hauptaufgabe für den Guru ist, alle und alles unter Kontrolle zu halten und zu verhindern, dass Außenstehende hinein gucken. Viele, die bis zum Abitur dabei geblieben sind, schämen sich seit langem dafür. Auch ich.

Wie stark diese psychische Abhängigkeit wirkt, sieht man daran, dass es vielen Betroffenen bis heute schwerfällt, negative Gefühle wie Wut und Zorn gegen die Täter bei sich zuzulassen. Doch dass es jetzt so explodiert, zeigt jedoch, wie groß der Druck für die Betroffenen ist. Ich habe die Titelseiten der Boulevardpresse genossen. Und die Beiträge von Leidensgenossen aufgesogen wie der Verdurstende in der Wüste das Wasser.

Danke, dass dieser Blog zum richtigen Moment am richtigen Ort war. (...)

S. und R. sind oder waren gestörte Menschen, Sadisten vielleicht. Aber sie sind beide nicht schwul. Einige ihrer Opfer waren es aber.

Der Zusammenhang ist klar: schwule Jungs waren (sind?) mit Eintritt in die Pubertät in einer absolut schwulenfeindlichen Umgebung wie dem CK völlig wehrlos ihren Gefühlen ausgesetzt: unglaublich schwer irgendwo Hilfe oder Unterstützung zu finden. Deshalb waren sie auch so empfänglich für scheinbar aufrichtiges Interesse und Zuneigung von Erwachsenen. Und wurden so zu einfachen Opfern.
- Daß manche der Opfer durch die Mißhandlung überhaupt erst in eine homosexuelle Richtung gedrängt worden sein könnten, scheint noch niemand zu thematisieren. Würde aber im Zusammenhang mit der Homosexuellen-Feindlichkeit der katholischen Kirche noch einmal eine Schiziphrenie darstellen. Man würde sich die Probleme erst schaffen, die man dann mit so großem Haß und so viel Verachtung "bekämpft".

Und: Merkwürdig noch einmal. Es gibt doch, wie schon oben gesagt, Sektenschutzbeauftragte im Bereich des staatlichen Jugendschutzes, wohl in allen Bundesländern. Sollten solche Institutionen noch nie auf die Idee gekommen sein, sich mit - - - derartigen ... "elitären" Attitüden auf deutschen Privatschulen zu beschäftigen? Was ist eigentlich mit der ganz schlicht normalen Schulbehörde. - Fallen Jesuiten und sonstige katholische Orden nicht unter den Beobachtungsbereich von Ämtern, die die Jugend vor dem Mißbrauch durch Sekten und vor seelischer Vergewaltigung schützen müssen?

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