Freitag, 26. Februar 2010

Die Frage nach einer zweigleisigen gruppenevolutionären Strategie der katholischen Kirche

Woher kommt der postpubertäre "Sacro pop" in den Medien? Und was soll er?
- Teil 2: Josef Ackermann, Matthias Matussek und Daniel Kehlmann
Ich bin katholisch aufgewachsen, war Messdiener und später – wie alle meine Brüder – auf dem Jesuiteninternat. Ich habe also einen sehr katholischen Background. (...) Heute bin ich ein ganz normaler Katholik, der sonntags in die Kirche geht. (Tagespost, 17.4.07)

Zu Ostern sind wir mit dem Weihwasser-Becken hinter meinem Vater hergelaufen und haben die Wohnung eingesegnet, so katholisch waren wir! Und als ich noch zu jung fürs Messdieneramt war, haben meine Brüder und ich sonntags die Messe zu Hause nachgespielt. (Cicero, Jan. 09)
In dem eingangs gebrachten Zitat war wieder einmal die Rede vom Aloisius-Jesuiten-Internat in Bonn-Bad Godesberg. Das Zitat stammt weder von Johannes B. Kerner, noch von Stefan Raab (siehe --> Teil 1), sondern von Matthias Mattusek, dem mehrjährigen Leiter der Kulturredaktion des "Spiegel". Auch er also war - wie Heiner Geißler und die beiden anderen genannten "Entertainer" - Schüler am Jesuiten-Internat in Bonn-Bad Godesberg.

Der jüngste Spiegel-Titel zum Thema "Sünde" stammt von Matthias Matussek (Spiegel, 7/2010) (siehe links). Er erscheint - befremdlicherweise - nur eine Folge nach dem kirchenkritischen "Spiegel"-Titel über die katholische Kirche (Spiegel, 6/2010). Und das wirft dann doch irgendwann einmal die Frage auf, in wessen Interessen eigentlich Spiegel-Redakteure tätig sind.

Matussek-Fan-Blog war früher

Von Matthias Matussek und von seinen modischen, mitunter kulturkonservativen Haltungen kann sich mancher leicht um den Finger wickeln lassen (St. gen., 2.4.6.07, 4.7.07, 5.7.07, 9.7.07, 27.7.07). Aber viel kann einen auch stutzig werden lassen. (6.10.07) Dieser Blog war im schon Dezember 2007 zu folgender Beurteilung von Matthias Mattusek gekommen (8.12.07):
So mancher mag sich eine Zeit lang für den Video-Blog von Matthias Matussek begeistern. (...) Größtenteils treibt er da kindlichen, kindischen Klamauk. Das mag zur Abwechslung ja einmal ganz gut sein - wenn es aber geradezu zur Regel wird?
Der Video-Blog von Matussek hat inzwischen weithin seinen Ruf weg und braucht man stellt inhaltlich gar nichts Neues mehr fest, wenn man denselben unter die Rubrik "Sacro pop" einordnet. Nur daß der Autor eben aus katholischem Hintergrund heraus so handelt, das war einem bislang gar nicht bewußt. Warum eigentlich nicht?

Im Jahr 2008 war Matussek, wie Netzrecherchen zeigen, auf einem Kongreß "Freude am Glauben" im Zentrum deutscher Katholiken, in Fulda (Katholisch.de, 15.9.08) ...
im Fuldaer Kongreßzentrum Esperanto. "Wir versichern Eure Heiligkeit unserer unverbrüchlichen Treue zum katholischen Glauben, zur Kirche und zum Papstamt als dem Garanten der Einheit und Universalität der Weltkirche" ...
ließ der Vorsitzende des dort tagenden Forums Deutscher Katholiken in einer Grußadresse an Benedikt XVI. verlauten:
... Nur die Lehre der Kirche mit ihrer Botschaft könne echte Hilfe und Orientierung für einen Neuaufbruch im Glauben und für das Gedeihen der Gesellschaft geben. ...
"Unverbrüchliche Treue zum katholischen Glauben ..."

Matthias Matussek auf einer solchen Veranstaltung? Und ein Jahr später läßt Matussek in einem Interview verlauten (Kath.net, 19.10.09):
Kath.Net: Herr Matussek, würden Sie sich selbst als „gläubig“ bezeichnen? Falls ja, was für einen Glauben haben Sie?

Matussek: Den "Glauben meiner Väter", wir sind eine durch und durch katholische Familie, seit Generationen. Der Kalender meiner Jugendzeit war der Kirchenkalender. Messe, Gebet, Beichte waren Selbstverständlichkeiten. Eigentlich sind sie es immer noch.

Kath.Net: Sie sind selbst Vater. Was im Glauben wollen Sie unbedingt weitergeben?

Matussek: Den Glauben, der Trost und Zuversicht und Halt geben kann, was für einen Jungen in der Pubertät besonders wichtig ist.
Kath.Net: Sie gehörten der 68er-Bewegung an. Haben die Kirchen versäumt, diesen im Grunde genommen doch idealistischen Menschen Antworten zu geben?

Matussek: Haben sie, ja. Der Katholikentag in Essen 1968 war dem Vernehmen nach sehr stürmisch, da hat sich die „Kirche von unten“ zum ersten Mal vehement gemeldet. Allerdings habe ich das nicht mitgekriegt - ich war einfach zu bekifft.
Sacro pop: Bekifft auf dem katholischen Kirchentag ...
Kath.Net: Nicht wenige Menschen auch heute sagen „Jesus ja, Kirche nein!“ Können Sie das verstehen? Was halten Sie davon?

Matussek: Mein Pfarrer in New York, Father O'Connor, hat einmal gesagt: "Ritual ohne Glaube ist leer, aber Glaube ohne Ritual ist gestaltlos". Nein, ich glaube, beides gehört zusammen. (...)

Kath.Net: Ihr Videoblog gehörte zu den ersten etablierten Medienbeiträgen dieser Art. Spielt das Fernsehen bei der Glaubensvermittlung über die Medien eine größere Rolle als das bloße Wort der Presse?

Matussek: Ich spreche in meinen Blogs so gut wie nie über den Glauben. Aber es schadet mir auch nicht, öffentlich zu bekennen, dass ich Katholik bin. Selbst der Spiegel ist da mittlerweile tolerant.
Kommentar erübrigt sich.
Kath.Net: Was ist Ihres Erachtens derzeit das größte Problem der katholischen Kirche?

Matussek: Der Nachwuchs, nicht nur auf Gemeindeebene. Es fehlt an Priestern, aber auch an neuen Gesichtern in der Leitungsebene. Ich würde mir wünschen, dass es auch in der Deutschen Bischofskonferenz ein paar Stürmer und Dränger gäbe.

Kath.Net: Was stellt für Sie Papst Benedikt XVI. dar?

Matussek: Die Güte in Person.
Ob bekifft oder nicht: "Der Papst ist die Güte in Person"

Man versteht es natürlich schon, warum Herr Matussek so deutlich im "Spiegel" nicht spricht. Da wäre es mit seiner Popularität bei seiner Leserschaft wohl sehr schnell vorbei. Offenbar hat Mattusek auch schon etwas über seine Internats-Erfahrungen publiziert (Glaubeaktuell, 19.12.08, Bücher):
... Der Sohn eines katholischen CDU-Bürgermeisters besuchte damals ein Jesuiten-Internat, musste morgens um sechs in die Frühmesse und abends sündige Gedanken mit kalten Duschen bekämpfen.
- Sacro pop. Im Gespräch mit dem Schriftsteller Martin Walser, der, was Gewissensprüfung betrifft, offenbar doch noch etwas protestantischer ist, sagt Matussek auf "Sacro pop"-Art zum Thema Sünden und Beichten (Cicero, Jan. 09):
…nee, nee, nee, da haben Sie etwas falsch verstanden! Man muss es nur richtig bereuen, dann ist die Sünde vergeben!
So einfach ist das also, was der Herr Matussek da aus seiner katholischen Lebenspraxis zu berichten weiß: Bloß nicht zu viel das Gewissen überprüfen. Dabei können nur viel zu viele, ganz falsche Dinge herauskommen. An diesem Punkt kommt wohl schon sehr deutlich eine nicht gerade hochstehende Moral, wie sie mit "Sacro pop" verbunden sein kann, zum Vorschein. Und bei dem nächsten Zitat möchte man am liebsten entsetzt wegschauen, denn Herr Matussek gibt Einblicke in sein katholisches Familienleben - es fehlen einem die Worte zur Charaterisierung:
In unserer Familie war es immer das ganze Paket – Samstagnachmittag kamen wir in die Badewanne, und nach dem Baden gingen wir zur Beichte. Man war also sauber, innen und außen (Gelächter) und hat sich gefühlt wie ein neugeborenes Lämmchen. Es war ein schönes Gefühl, völlig sündenfrei zu sein, zumindest für fünf Minuten. Bei uns gab es nur die kleine Komplikation, dass mein Vater mit uns zusammen den Beichtzettel machte: Big Brother was watching! (lacht) Das war eine kleine List von ihm, und ich vermute, dass wir damals angefangen haben, die Bilanzen zu schönen. Doch an das tolle Gefühl, die Sündenlast abzuwerfen, kann ich mich heute noch erinnern.
Nur so viel: Ein solcher Vater möge einem weit vom Leibe bleiben. Es fehlen einem die Worte. Wie soll da das folgende Lachen des Herrn Matussek noch groß ins Gewicht fallen:
Die Kirche und das Eigentum haben sich eigentlich immer ganz gut vertragen. (Lachen)
Die katholische Kirche und das Eigentum - Josef Ackermann hat auch was davon

Aber passen wird dazu, daß auch Josef Ackermann Jesuiten-Schüler sein soll, wie man neuerdings erfährt (3Sat, 5.2.10). Josef Ackermann, einer der reichsten Männer Deutschlands, der unsere Gesellschaft nicht zu einer großzügigen, sozial gerechten Umverteilung auffordert? Wohl ebenfalls deshalb, weil sich Eigentum und Kirche - oder soll man sagen: Ausbeutung und Kirche - "eigentlich immer ganz gut vertragen" haben und er deshalb von Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit während seiner Schulzeit wenig gehört hat? Weil er noch heute, wenn er auf katholischen Akademien referiert, keine andersartigen Ratschläge - oder gar Vorwürfe - von dieser Seite erhält?

- Reichen bei all solchen Feststellungen eigentlich die bisherigen, zurückhaltend-kritischen Stimmen zum Zusammenhang von Kirche und Medien, zum Zusammenhang von Kirche und Großkapital überhaupt aus (NDR, 2.5.07)?

Auch Daniel Kehlmann, Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen, katholisch getauften Vaters (Cic., 12/09), besuchte, wie man neuerdings erfährt (3Sat, 5.2.10), in Wien das Jesuiten-Gymnasium Kalksburg. Und dem "Deutschlandradio" sagte er in der Tat schon vor einem Jahr (Dradio, 16.1.09):
Ja, die Jesuiten: (...) Voltaire, der größte Feind, den die katholische Kirche je hatte, unterhielt Zeit seines Lebens die freundlichsten Beziehungen zu seinen ehemaligen jesuitischen Lehrern. Das hat eine schöne Tradition.
Daniel Kehlmann's Naturwissenschafts-feindlicher Roman

Natürlich werden das Jesuiten als eine "schöne Tradition" erachten, wenn Kirchenkritiker freundschaftliche Beziehungen zu ehemaligen jesuitschen Lehrern behalten. Selbst den größten Feind, den die katholische Kirche je hatte (- ob es nach Voltaire wirklich keine größeren mehr gegeben hat?), könnte man theoretisch noch in die katholische Kirche zurückführen (!).

Der Roman "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann über Carl Friedrich Gauss und Alexander von Humboldt hat eine sehr großes Aufsehen in der Medienwelt erregt. Er ist - umstritten. Trotzdem wird er inzwischen sogar schon an deutschen Schulen als Unterrichtsmaterial eingesetzt. Ob einer guten Popularisierung der Naturwissenschaft mit diesem Roman wirklich ein Dienst geleistet worden ist, wird mit allzu viel Recht von sehr vielen Lesern bezweifelt. Der Roman ist ganz und gar ehrfurchtslos geschrieben. (Der Eindruck des Biologen Emanuel Heitlinger deckt sich völlig mit dem des Schreibers dieser Zeilen: a, b)

Unter der Voraussetzung, daß dieser Roman von einem Jesuiten-Schüler verfaßt worden ist, was bislang der Öffentlichkeit ja gar nicht bekannt war, bekommt man sicher noch eine ganz neue und andere Sichtweise auf diesen Roman. Ganz offensichtlich läßt er sich auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen mit so vielen anderen katholischen Kulturerscheinungen unserer Zeit. Ob dieser gemeinsame Nenner wohl schlicht heißt: Sacro pop?

Ehrfurchtsloses Schreiben über große Naturwissenschaftler

Ob dieser gemeinsame Nenner heißt "Wache gegen den Traum vom neuen Menschen", den naturalistisch denkende Menschen in der Tradition von Gauß und Humboldt seit mehreren hundert Jahren hegen? Und zwar gewiß nicht zur Freude der Kirche? Ja, man sollte die Kirche nicht unterschätzen. Auch sie kann innovativ sein in der Abwehr solcher "Träume". Unter den 392 (!) Kundenrezensionen auf Amazon hat sich offenbar bisher kein einziger über den katholischen Hintergrund des Autors Daniel Kehlmann Gedanken gemacht (--> Amaz.). Wie soll man sich auch darüber Gedanken machen, wenn man auf diesen Hintergrund erst lange nach Erscheinen des Romans hingewiesen wird, so wie dies derzeit allein durch eine Meldung von 3Sat geschieht (3Sat, 5.2.10)?

Zweigleisige Strategie?

Allmählich erscheint es einem immer sinnvoller, derartige Zusammenhänge einmal aus dem Blickfeld von katholischen "gruppenevolutionären Strategien" heraus zu analysieren - im Sinne von Kevin MacDonald, David Sloan Wilson, Richard Sosis und vielen anderen. Auch die katholische Kirche gebraucht "intelligente" Strategien, um sich langfristig das Überleben zu sichern. Vielleicht manchmal "intereligentere" und zweigleisigere als viele ahnen: "Sacro pop" für die Massen und wo immer es möglich ist, Beibehaltung der, bzw. Rückkehr zur absoluten kirchlichen Monarchie des Mittelalters - gerne auch in Kooperation mit politisch Linksstehenden (Tagesschau, 27.2.10).

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