Mittwoch, 3. Februar 2010

"Religiöser werden für mehr Kinder?", fragt die "Zeit"

Am 23.1. wurden in der "Zeit" kurz die Thesen von Religionswissenschaftler Michael Blume angeführt (1). Ausgangspunkt ist übrigens, daß sich der Optimismus von Michael bezüglich der neuen Familienpolitik von Ursula von der Leyen bis heute nicht bestätigt hat. Die Berechtigung für diesen Optimismus wurde von "Studium generale" schon vor zwei Jahren angezweifelt, woraufhin Michael eine Wette abschließen wollte darüber, wer Recht behalten würde (- hoffentlich erinnert er sich noch daran!). Im Grunde stand dieser Optimismus ja auch im Widerspruch zu Michaels eigenen Kernthesen. Will heißen: Mit finanzieller Förderung allein kann man die Geburtenrate um keinen Deut heben derzeit in Deutschland. Zumal wenn sie so ungenügend bleibt und so ungleich, halbherzig, knauserig verteilt wird, wie man sich das spätestens seit den Zeiten Konrad Adenauers angewöhnt hat in Deutschland.

Aber der Schlußsatz des genannten neuen "Zeit"-Artikels lautet ebenso wenig optimistisch:
Wer den Glauben an die Familienpolitik verloren hat, aber zum Glauben an Gott nicht zurückkehren will, kann auch für eine massive Einwanderung plädieren und für eine rasche Aufnahme der Türkei in die EU.
Nicht berücksichtigt wird bei den bisherigen Erörterungen, daß auch eine "Rückkehr" zum Namenschristentum wie es konfessionell gebundene Menschen heute im Durchschnitt leben, die Geburtenrate allenfalls nur um 0,1 Kinder pro Frau oder Mann erhöhen würden. Es müßte sich schon mindestens um eine Rückkehr zu einer Religiosität wie die der Freikirchen handeln, wenn man zu halbwegs bestandserhaltenden Geburtenraten zurückkehren will.

Im Widerspruch zu der "Zeit"-Stellungnahme von Seiten der Schriftstellerin Tanja Dückers (2) muß an dieser Stelle insbesondere betont werden, daß laut einer Studie von "Studium generale" (3) der Zusammenhang zwischen Religiosität und Kinderzahl auch anhand von überdurchschnittlich konfessionslosen Gruppierungen aufgezeigt werden kann, etwa anhand von Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben.

Beschäftigt Euch mit den Anthroposophen!

Es gibt also auch noch andere Gradmesser für solche Zusammenhänge als Gottesdienstbesuch oder Häufigkeit des regelmäßigen Betens.

Und das heißt, daß man auch auf einem solchen Weg wie dem der Anthroposophen oder auf ähnlich strukturierten Wegen "Neuer Religiosität" "religiöser werden kann für mehr Kinder". Wichtig scheint allerdings für einen solchen Weg zu sein - wiederum im Widerspruch zu Frau Dückers, für die moderne Religiosität offenbar nur als individuelle Religiosität vorstellbar ist -, daß bei solchen Wegen alle Faktoren, die zu positiver "Gemeindebildung" beitragen, berücksichtigt werden. Diese ist ja bei den Anthroposophen deutlich genug gegeben, ohne daß der Freiraum des einzelnen gar zu sehr eingeengt wäre, soweit man sieht.

Es geht also um den Faktor soziales Engagement ganz allgemein, der in einem Zusammenhang mit Religiosität steht - ebenso wie die Liebe ("belonging" in der Begrifflichkeit der amerikanischen Anthropologin Barbara King). Der Staat hat ein Interesse daran, daß über all diese Dinge sehr gründlich und intensiv nachgedacht wird. Und daß eben nicht nur über Geld nachgedacht wird.

Monotheistische Kreise lähmen dieses Nachdenken spätestens seit Konrad Adenauer stärker als daß sie es fördern würden, so "familienfreundlich" sie sich auch heute noch nach außen darstellen. Gerade auch deshalb sind die derzeitigen, kritischen, gesellschaftlichen Debatten rund um solche einflußreichen, elitären katholischen Organisationen wie den Jesuitenorden so wichtig.

Die oft sehr stark nachwirkenden, polarisierten Einstellungen innerhalb solcher Organisationen spielen innerhalb "gesellschaftlicher Eliten" eine viel größere Rolle, als nach außen hin sichtbar wird. Es sollte einmal deutlich nachgefragt werden, ob auf Seiten fanatisch überzeugter Katholiken überhaupt ein Interesse daran bestehen "kann", daß die Geburtenrate von so lauen Katholiken und Nichtkatholiken, wie sie heute in Deutschland und vielen Teilen der Nordhalbkugel leben, und wo die Menschen zudem allzu oft so papstkritisch sind, gehoben werden? Soll man denn die Hebung der Geburtenraten von ausgesprochenen "Ketzern" auch noch fördern?

Es seien hier noch einmal die abschließenden Sätze aus dem Beitrag vom 31. Januar zitiert:
Diese Lähmung gesellschaftlichen Aufbruchwillens geschieht beispielsweise auch durch ein Herabspielen der Bedeutung der modernen naturalistischen Weltsicht oder durch Mißdeutungen derselben. Denn eine naturalistische Weltsicht ist mit Monotheismus nicht mehr zu vereinbaren. Eine konsequent naturalistische Weltsicht gibt aber Anlaß, viele Dinge viel grundlegender neu zu durchdenken, als das bislang zumeist geschehen ist. Der amerikanische Anthropologe Joseph A. Tainter sprach schon im Jahr 1990 von mangelnder "Mindestproduktion von innovativem Wandel" als Ursache des "Zusammenbruchs komplexer Gesellschaften" (3).

Literatur:

1. Malte Lehming: Familienpolitik - Religiöser werden für mehr Kinder? In: Die Zeit, 23.1.2010
2. Tanja Dückers: Geburtenrate in Deutschland - Religiosität hilft nicht. In: Die Zeit, 1.2.2010
3. Bading, Ingo: Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor. Studium generale, 26.2.2008
4. Tainter, Joseph A.: The Collaps of Complex Societies. Cambridge University Press, 1990 (Bücher)

1 Kommentar:

Ger hat gesagt…

Michael Blume unterscheidet zu wenig zwischen Religiosität als Teil des Gemüts einerseits und Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft andererseits. Ich kann einer Religion zugehören, ohne religiös zu sein.

Wenn eine Frau ihren Wunsch, Kindern das Leben zu schenken, verwirklichen will, so steht sie vor der Frage ihrer Lebens-Sicherheit. Sie braucht mit Kindern Beistand in einer Gemeinschaft, sei es die Familie, sei es das "Dorf", sei es eine Gemeinschaft irgendeiner andern Form, wenn sie ihr nur als zuverlässig erscheint und damit Geborgenheit verleiht.

In unserer heutigen unzuverlässigen arbeitsteiligen Wirtschaftswelt kann eine Mutter mit ihren Kindern unglaublich alleingelassen sein.

Hier setzte Ursula von der Leyen an. Sie erstrebte eine Solidarität des Staates, sprich: des Volkes mit den Müttern und Vätern, sozusagen das "Dorf", das sich mit um die Betreuung und Erziehung der Kinder kümmert.

Und damit gerade auch die Intelligenzschicht ihre Gene an die nachfolgende Generation weiterzugeben bereit und in der Lage ist, wurde das Elterngeld an das Einkommen der Eltern angepaßt.

Die Kinderzahl je Frau in gebärfähigem Alter ist in Deutschland bereits etwas angestiegen.

Daß aber das Vorhaben v.d.Leyens noch nicht zu Ende ausgeführt worden ist, liegt an der Finanzmisere des Staates. Jetzt mußten erst die Banken und Konzerne mit Geld versorgt werden. Da müssen Eltern mit ihren Kindern wie auch die Alten in den Heimen halt zurückstehen.

So kommt es, wenn man sein Haus nicht selbst in Ordnung halten kann, weil man an das internationale Finanzsystem angeschlossen ist. Das ist das Gegenteil von Gemeinschaft.

Selbstverständlich ist die Liebe, somit auch die Elternliebe ein Teil von Religiosität.

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