Mittwoch, 17. Februar 2010

Als "Parasit" wie Cioran leben?

Merkwürdige anonyme Zuschriften ...

Als Blogger erhält man manchmal merkwürdige Zuschriften, bestehend aus einem merkwürdigen Gemisch von geistreichem Inhalt und Nonsens. (Wahrscheinlich will man damit den Inhalt dieses Blogs karrikieren ;-) .) So wurde dieser Blog in einer Zuschrift auf ein Zitat von Friedrich Nietzsche hingewiesen.

Im Jahr 1882, ein Jahr vor dem Buch "Also sprach Zarathustra" brachte Friedrich Nietzsche sein Buch "Fröhliche Wissenschaft" heraus. In diesem Buch finden sich Ausführungen über das Verhältnis zwischen Arbeit und Langeweile (1). Der anonyme Zusender hat dieses Zitat in den Zusammenhang der Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen gestellt. Daß ein bedingungsloses Grundeinkommen die Möglichkeit gibt, die Jahrhunderte alte christliche - benediktinische und protestantische - Arbeitsethik neu zu überdenken, Arbeitsethiken, die unsere moderne Gesellschaft erst hervorgebracht haben, wird niemand in Abrede stellen. Und daß Friedrich Nietzsche bei diesem Überdenken mit zu Rate gezogen werden kann, ebensowenig.

Arbeitsethik - des Mittelalters, der Neuzeit, der Zukunft ...

Allerdings soll betont werden, daß hier auf dem Blog der Schwerpunkt der Argumentation ein anderer ist. Dieser Blog geht davon aus, daß durch die Rationalisierungs-Prozesse in der modernen Wirtschaft unglaubliche Rationalisierungs-Gewinne von einer Schicht weniger Menschen eingefahren werden (besonders kraß in Rußland - aber auch anderwärts).

Rationalisierungsgewinne allerdings, die gar nicht den wenigen zustehen, die sie einfahren, sondern allen, weil alle und nicht wenige die Stabilität jener Gesellschaft erst garantieren, in der solche Rationalisierungs-Gewinne möglich sind. Insbesondere garantieren sie die Stabilität schon dadurch, daß die Menschen in ihrer großen Mehrheit Familien gründen und verantwortungsbewußt leben. - Oder daß sie beides doch zumindest in ihrer großen Mehrheit gerne möchten. Es geht also bei den Themen bedingungsloses Grundeinkommen, Erziehungsgehalt und Umverteilung vor allem um soziale Gerechtigkeit. (Das ist in früheren Beiträgen - auch zur Mehrwert-Theorie von Karl Marx - klar genug ausgeführt worden.)

Doch zunächst einmal das zugesandte Nietzsche-Zitat, um aufzuzeigen, auf was sich manche Leute heute stützen bei ihrer Argumentation:
Arbeit und Langeweile. – Sich Arbeit suchen um des Lohnes willen – darin sind sich in den Ländern der Zivilisation jetzt fast alle Menschen gleich; ihnen allen ist Arbeit ein Mittel, und nicht selber das Ziel; weshalb sie in der Wahl der Arbeit wenig fein sind, vorausgesetzt daß sie einen reichlichen Gewinn abwirft. Nun gibt es seltnere Menschen, welche lieber zugrunde gehen wollen, als ohne Lust an der Arbeit arbeiten: jene Wählerischen, schwer zu Befriedigenden, denen mit einem reichlichen Gewinn nicht gedient wird, wenn die Arbeit nicht selber der Gewinn aller Gewinne ist. Zu dieser seltenen Gattung von Menschen gehören die Künstler und Kontemplativen aller Art, aber auch schon jene Müßiggänger, die ihr Leben auf der Jagd, auf Reisen oder in Liebeshändeln und Abenteuern zubringen. Alle diese wollen Arbeit und Not, sofern sie mit Lust verbunden ist, und die schwerste, härteste Arbeit, wenn es sein muß.
Sonst aber sind sie von einer entschlossenen Trägheit, sei es selbst, daß Verarmung, Unehre, Gefahr der Gesundheit und des Lebens an diese Trägheit geknüpft sein sollte. Sie fürchten die Langeweile nicht so sehr als die Arbeit ohne Lust: ja sie haben viel Langeweile nötig, wenn ihnen ihre Arbeit gelingen soll.
Für den Denker und für alle empfindsamen Geister ist Langeweile jene unangenehme »Windstille« der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht; er muß sie ertragen, muß ihre Wirkung bei sich abwarten – das gerade ist es, was die geringeren Naturen durchaus nicht von sich erlangen können! Langeweile auf jede Weise von sich scheuchen ist gemein: wie arbeiten ohne Lust gemein ist. Es zeichnet vielleicht die Asiaten vor den Europäern aus, daß sie einer längeren, tieferen Ruhe fähig sind als diese; selbst ihre Narcotica wirken langsam und verlangen Geduld, im Gegensatz zu der widrigen Plötzlichkeit des europäischen Giftes, des Alkohols.
Ob diese sicherlich wertvollen Worte so einfach auf Inhalte heutiger Debatten anzuwenden sind, stehe dahin. Der anonyme Zusender glaubt sich selbst als Geisteswissenschaftler und Künstler als jemanden ansehen zu können, der zu diesen "wenigen" im Sinne des eben gebrachten Nietzsche-Zitates gehört, und der sich deshalb offenbar selbst in der Wahl der Arbeit als "fein" und "wählerisch" im Sinne von Nietzsche ansieht. Wäre es in heutigen Debatten angebracht, so zu argumentieren? Kann das nicht auch sehr arrogant und schnöselig herüber kommen? Insbesondere für jene, die nicht Geisteswissenschaftler und Künstler sind? In der etwas merkwürdigen, anonymen Zuschriften heißt es etwa:
Vielleicht sollte ich über eine Auswanderung nach Dänermark nachdenken, um menschenwürdiger leben zu können -- auf der ARGE wird man ja für dumm verkauft. Nun halte ich ja nicht viel von meinem Magister („Diplom: Amtlicher Ausweis für Studienabschluss. Beweist gar nichts.“ – Gustave Flaubert), aber daß ich Gabelstapler fahren oder die Straße fegen soll, da man nehmen soll, was man bekommt und flexibel sein muß, das ist die Höhe.
Ist es empörend, wenn ein Künstler Gabelstapler fahren muß?

Ja: Das ist ja wirklich die Höhe! Das ist wahrhaftig ein Grund, nach Dänemark auszuwandern. Menschenunwürdig und sicherlich empörend, wenn ein Geisteswissenschaftler und Künstler Gabelstapler fahren muß. Was ist das denn für eine Grundeinstellung? Sollte es wirklich Leser dieses Blogs geben, die glauben, daß die Äußerung derartiger Einstellungen willkommene Diskussionsbeiträge für diesen Blog wären?

Es gibt einfach viele Arbeiten in unserer Gesellschaft, die getan werden müssen, und die niemals "fein" sein werden. Daß sich auch Geisteswissenschaftler und Künstler daran gewöhnen, ab und an - sicherlich nicht nur - "in die Produktion gesteckt zu werden" - was sollte eigentlich dagegen sprechen? Grundlegende "philosophische" Erwägungen - soweit übersehbar - jedenfalls nicht.

Gabelstaplerfahren würde sicherlich so manchen Schnösel einmal herunter auf den Boden der Tatsachen bringen.

Mersch, Sloterdijk und Kutschera - wenige sehen hier schon zukunftsweisende Zusammenhänge

Die Zuschrift meint hingegen, daß ein "Grundeinkommen" dringend nötig ist, "um der Lohnsklaverei zu entkommen". Der - - - "Lohnsklaverei"? Dieser Blog meint, wie schon oben ausgeführt, daß das nicht das eigentliche Thema ist beim Thema "Grundeinkommen". Sondern das Thema ist schlicht und einfach soziale Gerechtigkeit für alle, nicht - wieder - nur für wenige (Künstler, Geisteswissenschaftler! ...). Die anonyme Zuschrift geht aber sogar noch weiter und schreibt:
Schlau ist es eher, die Lohnsklaverei nicht zu unterstützen, und als „Parasit“ wie Cioran zu leben (siehe Cioran, der ebenfalls nicht arbeiten wollte und sich als Parasit im Sinne von Sartres Baudelaire-Interpretation sah), oder in die Fußstapfen Diogenes von Sinopes zu treten.
Ja, sehr schlau! Mein lieber Diogenes! Der Zusender will also nicht zu den Gedankenlosen gehören. Seine Zuschriften sind hier deshalb behandelt worden, weil sie sich auch sonst mit spannenden Themen auseinandersetzen: Mit Peter Mersch und den Diskussionen rund um ihn bei den Amazon-Leserrezensionen. Mit Peter Sloterdijk und Ulrich Kutschera. Und auch dem, was zu ihnen hier auf dem Blog gesagt worden ist. Andererseits scheinen das manchmal merkwürdige Leute zu sein, die ähnliche Zusammenhängen zwischen Mersch, Sloterdijk und Kutschera sehen wie dieser Blog. Irgendwie mitunter offenbar auch sehr gehässige Leute, wenn man den Tonfall dieser Zuschriften in ihrer Gesamtheit auf sich wirken läßt, worum es aber in diesem Beitrag gar nicht weiter gehen soll. (Der Zusender ärgert sich über viele wesentliche Standpunkte, die Mersch, Sloterdijk und Kutschera vertreten. Das war der Anlaß seiner Meinungsäußerung.)

Jedenfalls: Reichlich merkwürdige, anonyme Zuschriften erhält man manchmal ...

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Ergänzung. Vielleicht lernt man noch viel über die ideologischen Hintergründe derartiger anonymer Zuschriften, wenn man sich erst einmal mit Emil Cioran beschäftigt (Wikip.)? Auch unter Rechtskonservativen wird er als bekannt vorausgesetzt (Sezes.), wie so viele ähnlich gelagerte rechtskonservative bis faschistische Existentialisten und Nihilisten. Z.B. zu den Röhm-Morden von 1934 hat dieser Cioran so ekelhafte Ansichten geäußert (siehe Wikip.), daß man sich weitere Auseinandersetzungen mit diesem Herren eigentlich ganz sparen will. Elitär, schnöselig, einen einseitig geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt betonend, sich auf Cioran beziehend. Sich verärgert zeigend über Mersch, Sloterdijk und Kutschera. - Wo das wohl alles herkommen wird ...

Vielleicht wieder nur eine neue Äußerungsart der "Wache gegen den Traum vom neuen Menschen"? ...
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1. Nietzsche, Friedrich: Fröhliche Wissenschaft. Erstes Buch, 42. Abschnitt. Ersterscheinen 1882.

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