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Montag, 9. Oktober 2017

Charles Lindbergh - Auf der Suche nach einer Philosophie, die das Überleben der westlichen Kultur ermöglicht

Lindbergh's Bekenntnisschrift "Of Flight and Life" aus dem Jahr 1948

"Während ich die Ruinenfelder der deutschen Städte 
des Jahres 1945 überflog, wurde mir bewußt, 
daß der moderne Mensch, wenn diese Zivilisation 
fortdauern soll, die materielle Macht 
seiner Wissenschaft den spirituellen Wahrheiten 
seines Gottglaubens unterwerfen muß." (1948)

Mit der Person, mit dem Leben, Denken und Handeln des ersten Überquerers des Atlantiks in der Luft Charles Lindbergh (1902-1974) (Wiki) haben wir uns in den letzten zehn Jahren immer einmal wieder beschäftigt, also seit Beginn unserer Blog-Arbeit (1-8).

Für einen historisch denkenden Menschen, für einen Menschen, den wagemutige Taten begeistern, kann es immer Gründe geben, sich mit Charles Lindbergh zu beschäftigen. Aus solchen Interessen heraus hatten wir auch irgendwann die damals neueste "autorisierte" Lindbergh-Biographie von A. Scott Berg in die Hand bekommen (9). Aber auch diese Biographie hatte für sich selbst genommen noch nicht jene Jahre lange Beschäftigung mit Charles Lindbergh von unserer Seite aus auslösen können. Nur ein einziger Umstand war es, der für uns aus dieser Biographie hervorgegangen war. Es war der Umstand, der im Titel unseres ersten Blogartikels zu ihm benannt worden war: "Charles Lindbergh ist souverän gestorben" (1). 

Abb. 1: Charles Lindbergh
Nachträglich colorierte Aufnahme

Charles Lindbergh ist wie ein König gestorben. Er ist außerordentlich gelassen - aber zugleich mit innerer Stärke gestorben. Und das ganze Geschehen rund um sein Sterben, sein Handeln diesbezüglich, seine geäußerten Gedanken dabei ließen uns mit einem Schlag tiefer in Charles Lindbergh's Inneres schauen. Mit einem Schlag ließen sie ihn uns als einen sehr, sehr weisen, lebensstarken und lebensstolzen Menschen erkennen. Wer so sterben kann wie Charles Lindbergh, so wurde uns insbesondere beim Lesen jener Seiten bewußt, der muß auch in seinem übrigen Leben ein sehr beachtenswerter, außerordentlicher Mensch gewesen sein. Und zwar als Mensch selbst. Gar nicht einmal in erster Linie als Vollbringer irgendwelcher äußerlich angesehener Taten.

Indem wir danach fragten, ob es noch mehr Hinweise darauf gibt, daß Charles Lindbergh als Mensch etwas Besonderes war, fiel uns als erstes auf, daß er unmoralische Angebote von Seiten der Sensationspresse seiner Zeit schon als junger Mann - gleich nach dem Atlantik-Flug - ausschlagen konnte so wie es nur seltene, sehr souveräne Menschen werden tun können (2). Lindbergh war schon als junger Mensch - sozusagen - erhaben über die gelebten moralischen Werte und Normen seiner Mitwelt. Er stand ihnen innerlich frei und unberührt gegenüber. Geld für sich genommen konnte ihn nicht locken.

Jetzt im Nachhinein, wenn man Filmaufnahmen gerade auch des jungen Charles Lindbergh sieht (14, 16), dann fällt einem das ins Auge: in ihm lebte ein starker Stolz, eine innere Ruhe, ein In-sich-Ruhen dabei, aber ein unausgesprochenes Bewußtsein gegenüber allen Menschen, ein Bewußtsein, das schon in seinen Augen, in seinem Blick zu lesen ist, und das in etwa sagt: "Seid ihr so wie ihr seid - ich bin anders." Es ist das ein herrisches Bewußtsein, ein Bewußtsein, das einen über andere Menschen erhebt, ohne daß man dabei seine äußere Jovialität und Umgänglichkeit verlieren muß, ohne daß man dabei - notwendigerweise - Verachtung gegenüber den Menschen empfinden muß oder gar verbittert sein muß ihnen gegenüber. Und dennoch: ein herrische Stolz. Er wird das meiste im Leben und in den Lebensentscheidungen von Charles Lindbergh erklären können.*)

Auch mag das in nachträglich colorierten Aufnahmen deutlicher hervortreten als in den üblichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Und indem wir im Jahr 2007 weiter fragten nach dem bestimmenden Kern, der Lindbergh leitete im Leben und im Sterben, fiel uns als nächstes ins Auge, daß Charles Lindbergh in seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten mit drei deutschen Frauen drei Familien in Deutschland gegründet hatte, aus denen insgesamt sieben Kinder hervorgingen (3). Diese Tatsache war der Öffentlichkeit erst wenige Jahre zuvor bekannt geworden (10). Und bis heute ringt die Öffentlichkeit und ringen Menschen, die mit diesen Lebensinhalten Lindbergh's konfrontiert werden, mit der angemessenen moralischen Einordnung dieses Geschehens. Wir glaubten schon mit unserem ersten Blogartikel (1) den wertvollen seelischen Gehalt des Lebens von Charles Lindbergh begriffen zu haben und aus diesem Begreifen heraus fiel es nicht schwer, große Achtung und großen Respekt zu gewinnen gegenüber der Gründung dieser drei Familien durch Charles Lindbergh (3). Und wir arbeiteten ja deutlich genug heraus, welche zutiefst wertvollen seelischen Inhalte mit diesen drei "Ehen" verbunden gewesen sind (3). (Leider fällt es Filmdokumentationen und Zeitungsartikeln oft noch schwer, zu diesem Geschehen ein angemessenes Verhältnis zu entwickeln [16].)

Dann beschäftigten wir uns natürlich auch mit der politischen Seite des Lebens von Lindbergh (4, 6). Zu diesem sind inzwischen weitere Reden und Ansprachen Lindbergh's bekannt geworden (18, 19). Diese Seite einzuordnen fiel uns am wenigsten schwer. Denn wir selbst sind diesbezüglich sowieso immer schon ähnliche Querdenker gewesen wie Charles Lindbergh. Wir sind nicht der Meinung, daß die Politik der USA und ihrer Regierung unschuldig sind am Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Und wir stehen deshalb völlig auf der Seite von Charles Lindbergh, wenn er diese Politik als damals prominentester, inneramerikanischer Kritiker scharf geißelte und angriff. Aber es war uns das eigentlich nur ein weiteres Zeugnis für seine innere Stärke, sich völlig unabhängig von seiner Mitwelt sein Urteil zu bilden und aus diesen Urteilen heraus auch seine Lebensentscheidungen zu treffen, und sei es auch, wenn er sich dabei gegen die gesamte gesellschaftliche "Klasse" stellte, in der er und seine Frau damals beheimatet waren.

Auch in den Tagebüchern seiner ersten Ehefrau und Flugbegleiterin Anne Morrow Lindbergh suchten wir nach Hinweisen, die uns die Lebenshaltung von Charles Lindbergh begreiflicher machen sollten (5). Seit er als junger Mensch Flieger geworden war, seit er Postflieger war, war er durch seinen Beruf ständig mit dem Tod konfrontiert. Immer wieder kamen in jenen Jahren Flieger durch Flugunfälle ums Leben. Wer so fortlaufend mit dem Tod konfrontiert ist, kann an diesem Umstand ernster werden, er kann daran menschlich reifen. Dieser Umstand scheint uns bei Charles Lindbergh vorzuliegen. Dann haben wir 2011 endlich die Lebenserinnerungen von Charles Lindbergh ausgewertet (7). Und wir haben ein schon 2007 erschienenes Buch von David M. Friedman über die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Charles Lindbergh und dem weltbekannten Chirurgen und Alternsforscher, dem Nobelreisträger Alexis Carrel (11) ausgewertet (7), eine Zusammenarbeit, in der ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem Tod im Mittelpunkt stand.

1948 - Charles Lindbergh's Bekenntnisschrift: Die Suche nach einer neuen Philosophie

Vor zwei Jahren nun stießen wir bei der Arbeit an einem noch nicht veröffentlichten Buchprojekt (8) darauf, daß schon 1955 eine Veröffentlichung von Charles Lindbergh sehr offene Aufnahmebereitschaft fand bei einem naturwissenschaftlich interessierten Mitarbeiter der deutschen Ludendorff-Bewegung, die ja auch sonst eine Philosophie vertritt, die in Fragen und Antworten sehr viele Überschneidungen aufweist mit den Lebensinteressen und der Lebensphilosophie von Charles Lindbergh. In der damaligen Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung mit dem Titel "Der Quell - Zeitschrift für Geistesfreiheit" erschien (in den Folgen vom 23. Juni und 9. Juli 1955) ein zweiteiliger Aufsatz1 des in populärwissenschaftlicher Literatur sehr belesenen und diese korrekt wiedergebenden Wilhelm Knake (1900-1979)2. Es handelte sich um den ersten Aufsatz, den dieser überhaupt veröffentlichte. Und in diesem wies er darauf hin, daß mehrere naturwissenschaftliche Entdeckungen des 20. Jahrhunderts von der Philosophie Mathilde Ludendorffs intuitiv vorweggenommen worden waren. Er bringt schöne Zitate von Bertrand Russel, Werner Heisenberg und Pascual Jordan über die Verantwortung der Wissenschaft, ihre Forschungsergebnisse in einer Weise zu deuten, daß dadurch das materialistische Zeitalter eher überwunden als vertieft wird. Im zweiten Teil seinen Aufsatzes setzt Wilhelm Knake dann fort:

Wie sehr dieses Problem der Gegenwart ernst denkende Menschen bewegt, können uns die Worte eines Mannes mit weltbekanntem Namen bezeugen, die aus seiner Erschütterung nach dem Besuch der Ruinenfelder deutscher Städte am Ende des zweiten Weltkrieges niedergeschrieben sind. Der erste Atlantiküberquerer mit dem Flugzeug Charles Lindbergh, faßt seine Eindrücke und Erkenntnisse in folgende schwerwiegende Worte zusammen:
„… Ich erkenne jetzt, wenn Gott auch nicht so wirklich erfaßt werden kann, wie ich als Kind mir das wünschte, daß seine Allgegenwärtigkeit doch bei jedem Blick in jeder Handlung, bei jedem Ereignis verspürt werden kann. Ich verstehe nun, daß die geistige Wahrheit für eine Nation wesentlicher ist als die Standfestigkeit ihrer Stadtmauern. Wenn die Handlungen eines Volkes nicht mehr von dieser Wahrheit geleitet werden, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, daß ihre Mauern brechen, wie es in Berlin, München und Nürnberg geschah.
Unsere Rettung, unsere einzige Rettung beruht darin, die Waffen der westlichen Wissenschaft durch den Geist einer westlichen Philosophie, geleitet von den göttlichen Wahrheiten zu kontrollieren. Sie beruht in der Ausgeglichenheit der Seele, Geist und Körper unserer Menschen. Ohne diese Kontrolle und ohne diese Ausgeglichenheit können auch unsere militärischen Siege keinen dauerhaften Frieden, unsere Gesetze keine wirkliche Gerechtigkeit, unsere Wissenschaft keinen wahren Fortschritt erzielen.“

Diese wenigen hier zitierten Worte faszinierten auch uns wieder einmal so sehr, daß wir der Frage nachgegangen sind, wo sie eigentlich herstammen (denn der Autor Wilhelm Knake nannte seine Quelle für dieses Zitat nicht). Und es stellte sich heraus, daß es sich um zwei Absätze von verschiedenen Seiten des 1948 auf Englisch erschienen Büchleins „Of Flight and Life“ von Charles Lindbergh handelte. Es handelte sich um ein Büchlein, das erst vier Jahre später - 1952 - auf Deutsch erschienen ist3. Es handelte sich quasi um eine sehr bedeutende Bekenntnisschrift von Charles Lindbergh. Sie ist im gleichen Jahr erschienen wie der Roman „1984“ von George Orwell. Daß der Lebensweg, das Denken und Handeln von Charles Lindbergh aufgrund seiner Naturwissenschafts-Nähe in vielen Punkten sich berührt mit der Philosophie von Mathilde Ludendorff, darauf ist in unseren Blogbeiträgen seit 2007 in verschiedenen Aufsätzen hingewiesen worden. Und dieser Umstand kann nun noch durch den Hinweis auf die genannte Schrift von Charles Lindbergh aus dem Jahr 1948 ergänzt werden.

Im Jahr 1948 hatten viele Menschen in den USA, Großbritannien und in Frankreich nicht nur begonnen zu erkennen, sondern auch öffentlich darüber zu sprechen, daß der Sieg über „Nazideutschland“ eigentlich gar kein Sieg gewesen war. Und Charles Lindbergh, der 1941 der prominenteste und auch verhaßteste Gegner des Eintritts der USA in diesen europäischen Krieg gewesen war, war nun - neben George F. Kennan und anderen - einer der ersten, der dieser Erkenntnis mit der genannten Schrift Ausdruck verliehen hat. Er fragte darin (eig. Übersetzung)5:

Haben wir in einem tieferen Sinne gewonnen? (…) Die meisten der Angelegenheiten, für die wir kämpften, sind nicht gelöst. Unsere zugrunde liegenden Ziele sind nicht erreicht worden. Unser Sieg hat der Welt keinen Frieden gebracht. Er hat weder demokratische Ideale verwirklicht noch die Sicherheit der Nationen. (…) Stalin hält nun in Besitz das meiste von dem, um das wir kämpften, damit es Hitler nicht erhalten würde.

Man sieht gleich, daß solche Worte nicht von einem höher Eingeweihten der Freimaurerei geschrieben worden sein können oder von einem höheren Beamten der CIA, die beide mit dem Zweiten Weltkrieg genau das erreicht hatten, was sie erreichen wollten, und die nun die Welt auf "Kalten Krieg" "umstellen" wollten. Und dafür waren ihnen Leute wie Kennan oder Lindbergh "nützlich". Aber um solcher mehr politischer Einsichten willen ist diese Bekenntnis-Schrift von Lindbergh gar nicht einmal geschrieben worden. Sondern es geht ihm inzwischen schon um viel grundlegendere Dinge. Deshalb hätte Knake aus dieser Schrift auch noch viel umfangreicher zitieren können als er es mit dem vergleichsweise kurzen Zitat tat. Und das wollen wir quasi im folgenden nachholen.

Der wissenschaftliche Materialismus muß durch Philosophie gebändigt werden

Worüber Lindbergh in seiner Schrift gar nicht spricht, was nur auf dem Umschlag der englischsprachigen Ausgabe erwähnt wird, ist seine langjährige wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem französischen Nobelpreisträger, dem Zellphysiologen Alexis Carell bei der Erforschung der Frage, ob die Organe eines Menschen - und damit längerfristig auch der Mensch selbst - durch die Wissenschaft biologisch „unsterblich“ gemacht werden kann. Lindbergh interessierte sich für diese Forschungen, weil er schon seit seiner Kindheit über ähnliche Fragen nachdachte, über Fragen also, die spannender Weise auch die Ausgangsfrage der Philosophie Mathilde Ludendorffs war (in Auseinandersetzung mit den Lehren von August Weismann über die "Unsterblichkeit des Einzellers").

Und als Erfinder einer Perfusionspumpe, die aus dem lebenden Körper entnommene Organe funktionsfährig erhalten konnte, wußte Lindbergh durchaus allein um die sehr schwierigen rein "technischen", bzw. "medizinischen" Probleme eines solchen Unsterblich-Machens. Aber für ihn wie für seinen hochgeschätzten Freund Alexis Carrel handelte es sich um Grundlagenforschung, nicht um angewandte Forschung. (Das wird gleich aus seinen Worten deutlich werden.) Es ging auch ihm um die Frage, warum der Mensch von der Evolution eigentlich nicht als ein biologisch unsterbliches Wesen erschaffen worden ist. Warum müssen wir sterben? Warum ist es so schwierig, mehrzelliges Leben körperlich unsterblich zu machen?

Das Rätsel des Todes hatte Lindbergh schon als Junge im Angesicht des Kadavers einer toten Kuh ergriffen, auf den er weit drin im abgelegenen, einsamen Wald bei seinen Streifzügen stieß. Lindbergh's Freund Carrel war schon 1944 gestorben. Lindbergh ist zwar auch mit den wissenschaftlichen Nachfolgern von Carrel in Verbindung geblieben, die auch Lindbergh's Erfindung weiter nutzten und weiter entwickelten, nämlich die genannte Perfusionspumpe. Aber Lindbergh war inzwischen - offenbar - bewußt geworden, daß auch diese Art der Forschung seine Fragen nach dem Rätsel des Todes und damit nach dem Sinn des Lebens nicht beantworten konnte, jedenfalls nicht sehr bald beantworten konnte.

Vermutlich hatte ihn an der Zusammenarbeit mit Carrel doch noch mehr der faszinierende Wissenschaftler Carrel - oder Wissenschaft überhaupt - interessiert als nun genau das spezielle Thema, mit dem er selbst dabei befaßt gewesen war, und das er ja nun auch gar nicht weiter fortführte mit wissenschaftlicher Arbeit wie er es sicher gekonnt hätte. Und genau in diesem Zusammenhang ist seine Schrift von 1948 zu sehen. Und genau auch zu den Gründen für diese Lebensentscheidung Lindbergh's - nicht mehr weiter in der Forschung arbeiten zu wollen - gibt sie auch schon den einen oder anderen Anhaltspunkt. - Da der englische Originaltext von Lindbergh von einer Eindeutigkeit und Präzision in der Aussage bestimmt ist und zugleich ein Fluidum atmet, die allesamt bei jeder Übersetzung verloren zu gehen scheinen, wird im folgenden größtenteils auch zunächst der Originaltext zitiert. Es sei all denen, denen es leicht fällt, empfohlen, sich auf den englischen Originaltext zu konzentrieren. Lindbergh schreibt schon im Vorwort (ebd., S. vi)6:

In attacking scientific materialism, I fully realize that science has become the victim of its technologists, as religion has become the victim of its fanatics.
Also:
Wenn ich den wissenschaftlichen Materialsimus angreife, dann erkenne ich in vollstem Umfang, daß die Wissenschaft ebenso ein Opfer der Technologen geworden ist wie die Religion (schon lange) ein Opfer ihrer Fanatiker ist.
Und:
Just as the spiritual truths of Christ and Laotzu were perverted by the temporal exploration of Christian and Taoist creeds, the intellectual truths of great scientists are being perverted by the material exploitation of industry and war.
Übersetzt:
So wie die spirituellen Wahrheiten von Jesus Christus und Laotse pervertiert wurden durch die zeitgebundene Ausbeutung in Form des christlichen oder taoistischen Glaubens, so werden heute die intellektuellen Wahrheiten der großen Wissenschaftler pervertiert durch ihre materielle Ausbeutung in der Industrie und im Krieg.
Lindbergh:
Hiroshima was as far from the intention of the pure scientist as the Inquisition was from the Sermon on the Mount.
Übersetzt:
Hiroshima lag ebenso weit außerhalb der Absichten der reinen Wissenschaftler wie die Inquisition außerhalb der Absichten der Bergpredigt lag.
An diesen Aussagen wird erkennbar, daß Lindbergh auch bezüglich seiner wissenschaftlichen Arbeit mit Carrel den Mißbrauch der Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Arbeit mitbedacht hat. Im übrigen mag der Vergleich natürlich für jene hinken, die die Bibel etwas genauer lesen als Lindbergh das getan haben mag. Aber es soll damit nur wiedergegeben werden, von welchen Grundgedanken und von welchem Grundtenor diese Schrift von Charles Lindbergh erfüllt ist. Lindbergh hatte unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mehrmals Deutschland besucht und unter anderem auch mit Hermann Göring und führenden Luftwaffen-Generälen das Gespräch gesucht. Das Ehepaar Lindbergh hatte damals sogar überlegt, ganz nach Deutschland zu ziehen, zumindest für einige Jahre. Und Anne Morrow Lindbergh veröffentlichte damals auch eine Schrift, die in den USA als dem Dritten Reich gegenüber zu verständnisvoll empfunden wurde. Nun, 1948, schrieb Charles Lindbergh über das persönliche Erlebnis der deutschen zerbombten Städte unmittelbar bei Ende des Zweiten Weltkrieges (ebd., S. 21):
In Germany, I learned that if this civilization is to continue, modern man must direct the material power of his science by the spiritual truths of his God.
Also:
In Deutschland wurde mir bewußt, daß der moderne Mensch, wenn diese Zivilisation fortdauern soll, die materielle Macht seiner Wissenschaft den spirituellen Wahrheiten seines Gottglaubens unterwerfen muß.

Der Schrift merkt man an, daß Lindbergh nicht besonders viel von den innerdeutschen religiösen Auseinandersetzungen während des Dritten Reiches mitbekommen hat, von der Suche nach einer neuen Religion. Und deshalb wird er auch nie etwas gehört haben von der Philosophie der schon mehrmals genannten Mathilde Ludendorff, die womöglich gerade für jemanden wie ihn zu jenen philosophischen Anliegen, die im folgenden deutlich werden, und die ihm auf den Nägeln brannten, bedenkenswerte Antworten gegeben hatte.

Jahrhunderte formten den europäischen Menschen

Lindbergh schreibt vielmehr aus einem weitgehend US-amerikanischen Erfahrungshintergrund heraus:

The quality of a civilization depends on a balance of body, mind, and spirit, measured on a scale less human than divine.
Übersetzt:
Der Wert einer Zivilisation hängt ab von einem Gleichgewicht zwischen Körperlichkeit, Denken und Spiritualität, gemessen mit einem weniger menschlichen als vielmehr heilig-göttlichen Maßstab.
Wir werden gleich sehen, daß mit der schlichten Verwendung allein eines solchen Wortes wie „body“ bei Lindbergh sehr viele Implikationen verbunden sind, daß diese Verwendung gesehen werden muß vor dem Hintergrund seiner langjährigen intensiven Zusammenarbeit mit Alexis Carrel in der Erforschung von Körpergewebe und Organen. Es wird sehr bald deutlich, daß man diese Worte Lindbergh's sehr genau lesen muß, um zu erkennen, welches Gewicht ihnen zukommt. Zumal wenn man eine deutsche Übersetzung derselben liest, liest man allzu leicht und schnell über sie hinweg. Lindbergh weiter (ebd., S. 40f):
Our western civilization represents a balance achieved by our forebears through thousands of years of struggle. We are the children of marriages influenced by the culture of Greece, guided by the sermons of Christ, inspired by the death of martyrs, instructed by western knowledge, protected by western arms. (…) We have in our very tissues qualities it has taken millions of lifetimes and scores of generations to achieve.
Übersetzt:
Unsere westliche Zivilisation repräsentiert ein Gleichgewicht, daß unsere Vorfahren erlangten in tausendjährigen Kämpfen. Wir sind die Kinder von Heiraten, die beeinflußt wurden durch die Kultur Griechenlands, die geleitet wurden durch die Lehren von Christus, die inspiriert wurden durch den Tod der Märtyrer, die belehrt wurden durch westliches Wissen, die beschützt wurden von westlichen Waffen. (…) In unserem eigenen Körpergewebe tragen wir Eigenschaften, die zu gewinnen Millionen von Leben und zahllose Generationen nötig waren.
Mit „tissue“, also Körpergewebe, hatte sich Lindbergh in der Zusammenarbeit mit Carrel intensiv beschäftigt. Um so interessanter, daß er diesen Begriff hier in erheblich erweiterter Bedeutung benutzte. Wobei in Erinnerung behalten werden sollte, daß diese Worte niedergeschrieben wurden lange vor der Entdeckung der molekularen Struktur unserer Erbsubstanz und der sich darauf aufbauenden Erkenntnisse:
We are surrounded by a culture it has taken centuries to create. (…) From the spirit of Christ, from the mind of science, from the bodily inheritance of farmers and pioneers, from such elements, western man has achieved a balance unequalled by any civilization in the past.
Lindbergh will es seinen Lesern wirklich eindringlich klar machen, was übersetzt heißt:
Wir sind umgeben von einer Kultur, für die es Jahrhunderte brauchte, um geschaffen zu werden. (…) Aus dem Geist von Christus, aus dem Denken der Wissenschaft, aus dem körperlichem Erbe von Bauern und Pionieren, aus solchen Elementen hat der westliche Mensch ein Gleichgewicht erreicht, das unerreicht ist von jeder anderen Zivilisation der Vergangenheit.

Charles Lindbergh macht nicht viele Worte. Seine Schrift umfaßt in der englischsprachigen Ausgabe nur 56 großbedruckte Seiten. Dennoch bringt er in Worten wie den eben zitierten den ganzen Stolz seiner Gegenwart, den ganzen Stolz unserer Kultur vor der Weltgeschichte zum Ausdruck. Es wird deutlich, wie viel Gewicht in jedem einzelnen seiner Worte liegt. Um so mehr muß man deshalb auch jeden einzelnen Satz auf sich wirken lassen.

Er argumentiert vor dem Hintergrund nicht nur einer mindestens dreitausendjährigen europäischen Kulturgeschichte, sondern - mehr noch - vor dem Hintergrund des Wissens um jene Jahrtausende langen genetischen Selektionsvorgänge, die erst jenen Menschenschlag hervorbrachten, der dann wiederum unsere Kultur hervor bringen konnte, einen Menschenschlag, auf den Lindbergh - offensichtlich - stolz ist.

Wie muß eine Philosophie beschaffen sein, um den wissenschaftlichen Materialismus in Schach zu halten?

Und schon nach diesem nur sehr kurzen Rückblick in die Vergangenheit blickt er in die Zukunft:

To survive, we must keep this balance. To progress, wie must improve it. Science is upsetting it with an overemphasis of mind and a neglect of spirit and body.
Also:
Um nun zu überleben, müssen wir uns in diesem Gleichgewicht halten. Um voranzuschreiten, müssen wir dieses Gleichgewicht weiter entwickeln. Die Wissenschaft zerstört dieses Gleichgewicht durch eine Überbetonung des Denkens und eine Verneinung der Spiritualität und der Körperlichkeit.
Er schreibt:
We are becoming the slaves of science, slaves of its war-machines, its mines, its factories, its offices and balance-sheets, its bureaucracy and regulations. Living in rented apartments, jamming roads and subways, punching time-clocks, sitting paunchily (dt.: dickwanstig) at desks, cramming the minds of his children with technical knowledge (…) modern man sacrifices health of body and freedom to the scientific idol of his time. Onto its altar go the smell of earth, the feel of weather, sound of wind and cricket (Wildtiere), vision of fields and rivers, warmth of friendship, understanding of children, even the contemplation of God; all these are given over to a metallic, intellectual existence. (…) Scientific man has enthroned knowledge as his idol, and turned his back on God. He has begun a ceremonial dance to which there is no end.
Übersetzt:
Wir werden zu Sklaven der Wissenschaft, zu Sklaven ihrer Kriegsmaschinen, ihrer Bomben, ihrer Fabriken, ihrer Büros und Buchhaltungs-Tabellen, ihrer Bürokratie und ihrer Regulierungen. Wir leben in gemieteten Wohnungen, pfropfen Straßen und Untergrundbahnen voll, drücken auf Stoppuhren, sitzen dickwanstig an Schreibtischen, verstopfen die Köpfe unserer Kinder mit technischen Details. (...) Der Mensch der Moderne opfert die Gesundheit seines Körpers und die Freiheit dem wissenschaftlichen Popanz seiner Zeit. Auf dem Altar liegen der Geruch der Erde, das Fühlen des Wetters, das Geraune des Windes und der Wildtiere, der Anblick der Felder und Flüsse, die Wärme der Freundschaft, das Verständnis der Kinder, sogar das Erleben Gottes; all das opfern wir einer metallischen, intellektuellen Existenz. (...) Der wissenschaftliche Mensch hat als sein Idol das Wissen gesetzt, er hat dem Göttlichen den Rücken gekehrt. Er hat einen kultischen Tanz begonnen, bei dem kein Ende vorgesehen ist.
Er sagt dann, daß die Wissenschaft durch eine größere moralische Kraft kontrolliert werden muß („... unless science is controlled by a greater moral force”):
We must control it by a philosophy reaching beyond materialism, a philosophy rooted in the character of man and nourished by the eternal truths of God. A philosophy, like human life itself, cannot be imprisoned in a formula of words. It too must be living, growing, changing.
Übesetzt:
Wir müssen die Wissenschaft durch eine Philosophie kontrollieren, die den Materialismus überwindet, eine Philosophie, die die Natur des Menschen berücksichtigt und die genährt wird durch die ewigen Wahrheiten über das Göttliche. Ebenso wie das menschliche Leben darf auch eine Philosophie nicht in die Kerkermauern der Worte gefangen gesetzt werden. Sie muß ebenso leben, sie muß mitwachsen, sich muß sich ändern.
Lindbergh weiter:
It must combine the logic of the mind with the wisdom of the heart and merge both with the spirit's intuition. It must be strong enough to make science the servant of man, not his master. (…) It must hold the respect and warrant the cooperation of every people. Upon its truths, we must build a faith that can withstand the materialism of these times.
Also:
Eine solche Philosophie sollte die Logik des Verstandes und die Weisheit des Herzens miteinander verbinden und sie sollte beide verschmelzen mit dem intuitiven Erleben des menschlichen Geistes. Sie sollte stark genug sein, die Wissenschaft zur Dienerin des Menschen zu machen, nicht zum Tyrannen des Menschen. (…) Sie sollte sich Respekt verschaffen können und jedes Volkes Zusammenhalt gewährleisten. Auf ihren Wahrheiten sollten wir einen Glauben errichten, der dem Materialismus unserer Zeit Widerstand leistet.
Lindbergh weiter:
How can such a philosophy be created, be transformed into action? (…) The answer lies in that quality with which man only, of all earthly life, is gifted. In each man ist a spark (Funke) able to kindle new fires of human progress, new light for the human spirit. This ember (Glut) may lie dormant through centuries of darkness or it may be fanned to flames by the winds of a crisis, sweeping over the earth, bringing others to life with its light and warmth. When enough of these fires are burning, they create a new dawn of spiritual understanding; the flame of a great people is formed. (…) It is from man, the individual, not from governments or churches that these sparks must come. They precede the flame of civilization, the light of religion, and they must be forever rekindled. (…)
We must search our own souls. If we truely believe in values above material things, all that is material must, sooner or later, adapt itself to them – our customs, our marriages, our laws, our taxes, our methods of thinking an living, our relationships with others, even the outcome of our wars.
Also:
Wie kann eine solche Philosophie erschaffen werden, wie umgesetzt werden ins Handeln? (…) Die Antwort liegt in jener Eigenschaft, die unter allen Lebewesen der Erde allein dem Menschen verliehen ist. In jedem Menschen glimmt ein Funke, der ein neues Feuer des menschlichen Fortschritts entzünden kann, ein neues Licht des menschlichen Geistes. Diese Glut mag ruhen durch Jahrhunderte der Dunkelheit oder sie mag zu Flammen entzündet werden durch den Wind einer Krise, mag sich über die Erde ausbreiten, mag andere mit ihrem Licht und ihrer Wärme lebendiger machen. Wenn genügende dieser Feuer brennen, werden sie die Morgenröte eines neuen religiösen Verstehens mit sich bringen; die Flamme eines großen Volkes ist dann empor gewachsen. (…) Diese Funken sollten vom individuellen Menschen selbst ausgehen, nicht von Regierungen, nicht von Kirchen. Diese Funken gehen der Flamme der Zivilisation voran, dem Licht der Religion und es ist notwendig, sie immer wieder neu zu entzünden. (…)
Es ist notwendig, unsere eigenen Seelen zu finden. Wenn wir wirklich an Werte glauben, die über materielle Dinge hinausgehen, dann sollte alles, was materiell ist, früher oder später sich selbst an diese Werte anpassen - unsere Gewohnheiten, unsere Ehen, unsere Gesetze, unsere Steuern, unsere Methoden des Denkens und Lebens, unsere Beziehungen mit anderen, sogar der Ausgang unserer Kriege.
Was für edle und anspruchsvolle Ziele hier formuliert werden. Lindbergh wußte darum. Er wußte, daß er seinen Mitmenschen hier ein Ziel zeigte, zu dessen Erreichung - oft - weite Wege notwendig wären. Und womöglich auch deshalb kommt er dann zunächst auf sich selbst zu sprechen, auf seine eigenen Irrtümer und auf seinen eigenen Weg der „Umkehr“7:
Ich bin als ein Schüler der Wissenschaft aufgewachsen. Ich kenne ihre Faszination. Ich fühlte die gottgleiche Macht, die dem Menschen durch die Wissenschaft verliehen ist, die Kraft von tausend Pferden unter den Fingerspitzen, die Eroberung des Raumes durch merkurische Geschwindigkeiten, die unsterbliche Perspektive der höheren Sphären/Luftschichten. (…) In meiner Jugend war mir die Wissenschaft wichtiger als der Mensch, wichtiger als Gott. (…) Die allgegenwärtigen Wahrheiten Gottes waren durch Dogma und Tradition verschleiert. Die Wissenschaft allein war greifbar und klar. (…) Wie die meisten jungen Menschen betete ich die Wissenschaft an. Ich war beeindruckt von ihrem Wissen. Ihre Fortschritte gingen über die wildesten Träume des Menschen hinaus. (…) Im Erlernen derselben schien der Schlüssel zu liegen für alle Mysterien des Lebens.
Um das "Mysterium des Lebens" also war es ihm womöglich gerade auch in der Zusammenarbeit mit Alexis Carrel gegangen. Mit ihm zusammen hatte er die Wissenschaft angebetet. Ob Lindbergh die weiteren Gedanken auch schon mit Carrel erörtert hatte? Er schreibt weiter:
Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, daß die Wissenschaft mit all ihrem Glanz nur eine mittlere Zone der Schöpfung erhellt, die mit ihrem Anfang und ihrem Ende an die Ewigkeit grenzt. (...) 
Ich habe gesehen, daß die Wissenschaft, die ich anbetete und die Luftfahrt, die ich liebte, die Kultur zerstörte, der sie, wie ich erwartet hatte, dienen sollte. (…) Wie kann jemand für das Idol der Wissenschaft arbeiten, wenn sie das Opfern von Städten voller Kinder fordert, wenn sie aus Menschen Roboter macht und wenn sie ihre Augen blind macht für das Göttliche?
Womöglich hatte er Sorge, daß auch die Ergebnisse seiner Zusammenarbeit mit Alexis Carrel den Menschen zu Robotern machen könnte. Er schreibt:
When we worship God and live by His spiritual values, the knowledge and infinite complexity of science are channeled by a wisdom beyond human capability. Then, instead of making us the slaves of its industries, science sharpens the higher senses by removing the drudgery (Plackerei) from life. Then, instead of smothering (ersticken) religion with its masses of data and logic, it intensifies religious truth by cleansing it of ignorance and superstition. (…) Then the tempo of life adjusts itself to the tempo of the spirit, and to the development of intellect is added the boundless freedom of the soul.
Übersetzt:
Wenn wir Gott verehren und im Sinne Seiner spirituellen Werte leben, dann wird das Wissen und die unendliche Komplexität der Wissenschaft geleitet durch eine Weisheit jenseits des menschlichen Vermögens. Dann wird die Wissenschaft anstatt uns zu Sklaven der Industrie zu machen, die höheren Seelenfähigkeiten schärfen, in dem sie vom Leben die Mühsahl nimmt. Dann wird sie - anstatt die Religion mit den Unmengen ihrer Daten und ihrer Logik zu ersticken - die religiösen Wahrheiten intensivieren, indem sie sie von Unwissenheit und Aberglauben reinigt. (…) Dann wird sich das Tempo des Lebens an die Geschwindigkeit des seelischen Lebens anpassen. Und die Entwicklung des Wissens wird ergänzt durch die endlose Freiheit der Seele.
Es steht ja außer Frage, daß sich Lindbergh auch über solche Themen - beispielsweise - mit seinen drei deutschen Frauen unterhalten hat. Schließlich war eine der dreien ja die Übersetzerin seiner Schriften ins Deutsche. Auch das wird man also berücksichtigen dürfen, wenn man diese drei Ehen betrachtet. Lindbergh schreibt:
Der Mensch, der im Irdischen endgültige Ziele anstrebt, (…) erkennt, daß diese sich wie der irdische Horizont ständig weiter zurückziehen, ohne daß er jemals erreicht wird. (…)
Das ist womöglich auch leicht und direkt auf seine gemeinsamen Forschungen mit Carrel zu beziehen. Er schreibt weiter:
So entdecken wir, daß die Ziele von gestern nichts anderes sind als die Ausgangspunkte von heute. Unserer Väter „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ brachte unserer Generation einen neuen Krieg. Wir wiederum haben Hitler-Deutschland besiegt nur, um erkennen zu müssen, daß ein Krieg mit Sowjetrußland unseren Horizont verdüstert.
Im selben Jahr hat George Orwell ganz genauso gedacht als er "1984" schrieb. Lindbergh sagt weiter, wir müssen nach dem Weg der Seele ebenso suchen, wie wir nach den Entdeckungen der Wissenschaft gesucht haben. Und ergänzt:
We must consider the problems that face us until the desire for their solution takes on the strength of a prayer.
Also:
Wir müssen über die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, so lange nachdenken, bis der Wunsch nach ihrer Lösung die Kraft eines Gebetes annimmt.
Auch hier sei ergänzt: Wer solche Dinge schreibt, geht Ehen anders ein als ein seelenloser Materialist. Lindbergh sagt8:
Es ist notwendig, aus den Predigten von Jesus zu lernen, aus der Weisheit des Laotse, aus den Lehren Buddhas. In diesen, in der Bibel der Hebräer, in der Philosophie Griechenlands, in den indischen Veden und in den Schriften der Heiligen und Mystiker besitzen wir einen Schatz der großen religiösen Wahrheiten, die der Mensch durch die Jahrtausende in Augenblicken höchster Erleuchtung gefunden hat.
Unsere Aufgabe ist es, diese Wahrheiten zu verstehen, sie von den Dogmen zu trennen, die sie umgeben, und sie auf unser modernes Leben anzuwenden. Es ist notwendig, Kraft zu ziehen aus den vergessenen Tugenden der Einfachheit, der Bescheidenheit, der Kontemplation und des Gebets.

Sieht man sich das Buch „Triumph des Unsterblichkeitwillens“ von Mathilde Ludendorff an, so beginnt auch dieses Buch mit einer Kritik der rein materialistischen Deutung der Ursachen der Evolution durch den wissenschaftlichen Materialismus des Charles Darwin. Man hat das Gefühl, daß Lindbergh nicht nur aufgrund dieses Umstandes in dieser Philosophie sehr viel von dem gefunden hätte, was er in dieser Schrift von 1948 suchte. Beide - Mathilde Ludendorff und Charles Lindbergh - suchten auf ähnlichen Wegen und mit ähnlichen Ergebnissen, um die Gefahren im Zeitalter des wissenschaftlichen Materialismus zu bannen. Und so ist die Begeisterung des Autors Wilhelm Knake schon über die wenigen von ihm angeführten Worte Charles Lindbergh's nachvollziehbar. Bei vollständiger Kenntnis der Schrift, aus der er zitierte und des Lebens dessen, der sie herausbrachte, ist sie noch viel deutlicher nachvollziehbar. An späterer Stelle kommt Knake auf diese Schrift zurück:

Klar liegt der einzige Rettungsweg, von dem auch der Flieger Charles Lindbergh gesprochen hat, vor den Augen all derer, die das Schöpfungswunder aus den philosophischen Werken Mathilde Ludendorffs in sich aufgenommen haben.

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1Knake, Wilhelm: Die Verantwortung der heutigen Wissenschaft. In: Der Quell, Folge 12, 23.6.1955, S. 554-560
2Bading, Ingo: Wilhelm Knake - Ein Autodidakt als naturwissenschaftlicher Autor. Ein Autor naturwissenschaftlicher Aufsätze der Jahre 1955 bis 1961 in der Zeitschrift "Quell". Auf: Studiengruppe Naturalismus, 18. September 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/09/wilhelm-knake-ein-autodidakt-als.html
3Lindbergh, Charles A.: Vom Fliegen und vom Leben. Holle-Verlag, Darmstadt 1952 (80 S.) (OA: Of Flight and Life, 1948)
4.....
5Lindbergh, Charles A.: Of Flight and Life. Charles Scribner's Sons, New York 1948, S. 25
6
7Original: “I grew up as a disciple of science. I know its fascination. I have felt the godlike power man derives from his machines – the strength of a thousand horses at one's fingertips; the conquest of distance through mercurial speed; the immortal viewpoint of the higher air. (…) To me in youth, science was more important than either man or God.”

8Original: „We must learn from the sermons of Christ, the wisdom of Laotzu, the teaching of Buddha. In these, in the Bible of the Hebrews, in the philosophy of Greece, in the Indian Vedas, in the writings of saints and mystics, we have a record of the great religious and moral truths discovered by man throughout the ages at his moments of highest inspiration. Our mission ist to understand this truths, to separate them from the dogma which surrounds them, and to apply them to our way of modern life. We must draw strength from the forgotten virtues of simplicity, humility, contemplation, prayer.”

Unternahm Charles Lindbergh "symbolische Flüge" im Auftrag des CIA?

Soweit unsere bisherigen Veröffentlichungen und Abhandlungen über Charles Lindbergh. Soweit eine jüngste Internetrecherche erkennen läßt, sind vorerst keine weiteren grundlegenden Neuerkenntnisse über das Leben von Charles Lindbergh bekannt geworden oder zu erwarten, zumindest nicht so grundlegende wie jene, die schon in den eingangs genannten früheren Blogartikeln referiert worden sind. In einer Filmdokumentation des Jahres 2006 kann man auch Filmaufnahmen von Charles Lindbergh aus seinen Altersjahren sehen (21)(im Teil 3). 2010 wurde eine Auswertung der Briefe von Charles Lindbergh an Brigitte Hesshaimer veröffentlicht (12). Insbesondere sind aber in den letzten Jahren mehrere Film- und Radio-Dokumentationen zugänglich geworden (13-17, 21), in denen nicht nur die neueren Biographen von Charles Lindbergh persönlich zu Wort kommen und zu sehen sind (Schröck, Friedman), sondern - kurzzeitig - auch einige seiner deutschen Kinder (21). Und in ihnen kann man insbesondere den jungen Charles Lindberg auch im bewegten Bild sehen, wobei - wie oben schon gesagt - sein ruhiger, stolzer Blick auffällt. (Der Tonfall all dieser neueren Dokumentationen muß einem nicht durchgängig stimmig erscheinen - aber das ist man ja heutzutage eh gewohnt, zumal gegenüber Menschen, die nicht dazu neigen, sich stromlinienförmig zu verhalten.)

Charles Lindbergh ist schon im Jahr 1926 Freimaurer geworden. Daß sein Nachdenken, Schreiben und Handeln allerdings davon stärker beeinflußt worden wäre, daß sich in all diesem etwa irgendwo deutlichere Elemente irgendeiner "Freimaurer-Ideologie" finden würden, das ist bislang nirgendwo zu erkennen. Dazu war Lindbergh ein viel zu selbständiger Charakter. Seine politische Gegnerschaft gegen den Kriegseintritt der USA zwischen 1939 und 1941 spricht ja genau die gegenteilige Sprache. Neuerdings machen wir uns aber mehr bewußt als vielleicht zuvor, daß ja vermutet wird, daß Charles Lindbergh nach 1945 weltweit für den US-amerikanischen Geheimdienst, den CIA, gearbeitet habe (16) (Aussage von Herbert Schröck in 18'41):

Überall, wo es Weltkrisen gab - ob in Persien, ob in Südostasien, Vietnam - überall war Lindbergh vorher anwesend. Deswegen bin ich mir sicher, daß er sehr eng mit der CIA verbandelt war.

Doch auch diesbezüglich muß man nicht anfangen, in Lindbergh einen besonders "tief" Eingeweihten finden zu wollen. Sollte er wirklich im Dienste der damaligen verbrecherischen, kriegstreiberischen Ziele des CIA gearbeitet haben, kann das höchstens darauf beruhen, daß ihm in diesen Zeiten noch nicht in vollem Umfang klar war, für welche Ziele und Methoden letztlich die Arbeit des CIA steht. Wir wollten diesen Hinweis jedenfalls nicht verschweigen. Ein "geschöntes" Bild von Lindbergh, das nicht auf vollständiger Wahrheit beruht, liegt bestimmt nicht in unserem Interesse. Warum er also all diese Reisen in Krisengebiete unternahm, oft, bevor sie zu Krisengebieten wurden, muß einstweilen als ungeklärt erachtet werden. Vielleicht wurde Lindbergh mit dem subjektiven Gefühl dort hingeschickt, er könne durch seine Beratung dort "Schlimmeres" verhüten. Geheimdienste arbeiten ja gerne mit dem sogenannten "Wissensgefälle" zwischen den Vorgesetzten und den Ausführern von Arbeitsaufträgen.

[Ergänzung 6.11.17] Übrigens war Lindbergh ja in genau diesem Sinne auch schon 1938 und 1939 nach Deutschland geschickt worden. Womöglich hat er - so kommt einem der Gedanke - bei all diesen seinen Reisen - sich selbst unbewußt - "symbolische Reisen" unternommen im Sinne seiner okkultverblödeten Vorgesetzten innerhalb des CIA. In privaten Zuschriften wurde uns etwa einmal geschrieben, daß auch die Landung des Mathias Rust 1987 auf dem Roten Platz in Moskau (Wiki) in einem solchen Zusammenhang gesehen werden könne und müsse, auch wenn sich Rust selbst dieses Zusammenhanges gar nicht bewußt wäre. Die Freimaurerei hat auch bei der Einweihung des Völkerschlachtdenkmales von Leipzig viele uneingeweihte Menschen symbolische Handlungen begehen lassen, ohne daß diese Menschen wußten, daß es sich dabei um symbolische Handlungen im Sinne der Freimaurerei handelte. Und noch heute erklären okkultverblödete Freimaurer ihren Lesern dann im Brustton der Überzeugung, daß dieser Umstand den symbolischen Wert der Handlung an sich nicht schmälere (siehe andere Beiträge hier auf dem Blog).

Immer wieder wird gemunkelt, daß das Luftschiff Hindenburg und sein Verbrennen in solche symbolischen Handlungen eingeordnet werden könnte. Und so vielleicht auch noch viele Luftfahrt-Missionen, die gar nichts mit Lindbergh zu tun hatten. Von viel okkult-symbolischer Bedeutung wird auch hinsichtlich der Raktenforschung geraunt (GA-j! 10/2016). [Ergänzung Ende.]

Lindbergh's Kinder und Enkel

In einem Video auf Youtube (14) erzählt Reeve Lindbergh, die jüngste amerikanische Tochter Lindberg's, 2008 wie sie ihre neuen deutschen Verwandten wenige Jahre zuvor auf einer Europareise nacheinander kennen gelernt hat. Und man spürt ihre - "gemischten" - Gefühle dabei sehr gut durch. Auch spricht sie davon, daß nicht alle der drei deutschen Frauen von Lindbergh begeistert waren darüber, daß seine drei deutschen Familien öffentlich bekannt wurden, ja, daß sich eine derselben wirklich geschämt habe deshalb.

Wir entdecken außerdem, daß in der Folge 14 vom 15. September 1996 auf S. 24 der "Siebenbürgischen Zeitung" sich offenbar die Todesanzeige - womöglich - für eine Schwägerin von zwei der deutschen Frauen von Charles Lindbergh findet, also der beiden Hesshaimer-Schwestern, die ja aus der deutschen Volksgruppe in Siebenbürgen stammten. Es ist da angeführt:

Edith Copony verwitwete Hesshaimer, geborene Clompe * am (...) in Kronstadt/Siebenbürgen + (...) in Bad Heilbrunn.
In Liebe und Dankbarkeit:
  • Edith von Stein-Lausnitz, geb. Hesshaimer 
  • Verena Gräfin von Moy, geb. von Stein-Lausnitz und Guy Graf von Moy mit Theresa, Assunta, Yvonne und Clemens 
  • Alexander von Stein-Lausnitz
  • Albert von Stein-Lausnitz
  • Marietta Hesshaimer, Vago Hesshaimer, Christoph Hesshaimer
  • Brigitte Hesshaimer, Dirk Hesshaimer, Astrid Lemoine, geb. Hesshaimer mit Isabelle und Charles-Eduard, David Hesshaimer, 
  • Adolf Hesshaimer und Daga Hesshaimer, geb. Folberth 
  • Margrit Drotleff, geb. Hesshaimer und Hans-Gert Drotleff mit Isabelle, Van ....

Es sind die beiden Hesshaimer-Schwestern Marietta und Brigitte angeführt, mit denen Lindbergh seine Familien gegründet hatte und es sind die jeweiligen gemeinsamen Kinder angeführt. Von diesen starb schon 2015 Dyrk Hessheimer (Süddt. Ztg.). Er hinterließ keine Kinder.

Insgesamt bleibt weiterhin der Eindruck vorherrschend, daß weder die deutsche noch die US-amerikanische "veröffentlichte" Meinung dem Leben und Denken von Charles Lindbergh volle Gerechtigkeit wiederfahren lassen können oder wollen. Das schmälert die eigentliche, innere Bedeutung des Lebens von Charles Lindbergh aber in keiner Weise.

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*) Eine deutsche Philosophin, deren philosophische Fragen und Antworten den philosophischen Fragen und Antworten von Charles Lindbergh am nächsten kommen - Mathilde Ludendorff (1877-1966) benannte diesen ihr wesentlichen und wertvollen menschlichen Stolz mit dem Begriff "Gottesstolz" (20).

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  1. Bading, Ingo: Charles Lindbergh ist souverän gestorben. Auf: Studium generale, 31.5.2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/05/charles-lindbergh-ist-souvern-gestorben.html
  2. Bading, Ingo: Ein dritter Weg zwischen Atheismus und Monotheismus?. Auf: Studium generale, 2.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/06/ein-dritter-weg-zwischen-atheismus-und.html
  3. Bading, Ingo: Ein "absolut einzigartig" Liebender - Charles Lindbergh. Auf: Studium generale, 9.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/ein-absolut-einzigartig-liebender.html
  4. Bading, Ingo: Charles Lindebergh - Hätten die USA 1941 seiner Politik folgen sollen?. Auf: Studium generale, 11.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/charles-lindebergh-htten-die-usa-1941.html
  5. Bading, Ingo: "Der Tod ist gleich hier, neben dir." - Aus dem Leben des Flugpioniers Charles Lindbergh. Auf: Studium generale, 24.6.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/06/der-tod-ist-gleich-hier-neben-dir-aus.html
  6. Bading, Ingo: Charles Lindbergh's berühmteste Rede in De Moines am 11. September 1941 - Originalaufnahme. Auf: Studium generale, 10.7.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/07/charles-lindbergh-berhmteste-rede-in-de.html
  7. Bading, Ingo: "Ein Flieger war ich und schlürfte den Wein der Götter" Charles Lindbergh - Warum müssen Menschen sterben? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 10. November 2011, http://studgenpol.blogspot.de/2011/11/ein-flieger-war-ich-und-ich-schlurfte.html
  8. Bading, Ingo: Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung 1941 bis 1961. Unveröffentlichtes Buchmanuskript, 147 Seiten, erarbeitet 2015
  9. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh - Ein Idol des 20. Jahrhunderts. 1999 (engl. Original: Lindbergh. G.P. Putnam's Sons, New York 1998)
  10. Schröck, Rudolf: Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh. Der berühmteste Flugpionier aller Zeiten; seine wahre Geschichte. Heyne, München 2005
  11. Friedman, David M.: The Immortalists. Charles Lindbergh, Dr. Alexis Carrel, and Their Quest to Live Forever. HarperCollins Publishers, New York 2007
  12. Kröncke, Gerd: Charles Lindbergh - Der Amerikaner und die Hutmacherin. Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2010, http://www.sueddeutsche.de/panorama/charles-lindbergh-der-amerikaner-und-die-hutmacherin-1.661513http://www.sueddeutsche.de/panorama/charles-lindbergh-so-einsam-war-der-adler-nicht-1.668436
  13. Danuta Harrich-Zandberg (Drehbuch und Produktion), Harrich, Walter (Regisseur): Charles Lindbergh. The True Story. DIWA Film GmbH, 2005 (mit A. Scott Berg, Astrid Bouteuil, David Hesshaimer, Dyrk Hesshaimer) [nicht auf Youtube]
  14. Costelle, Daniel; Clarke, Isabelle: Charles Lindbergh in Color. 2007, https://www.youtube.com/watch?v=RyqL6IUr0DA
  15. Lindbergh, Reeve: Reflects on her Father, Charles Lindbergh. Mai 2008, https://www.youtube.com/watch?v=nK1C1rb_4EM
  16. Nolan, Clare: Secret Lives of Charles Lindbergh. National Geographic Television, USA 2009. Deutsch: Das Doppelleben des Charles Lindbergh. [Reihe: Geheimnisse der Geschichte], Dokumentation, 45 Minuten, zdf info 2011, https://www.youtube.com/watch?v=6Q_Tc07zLUQ oder hier https://www.youtube.com/watch?v=yXu9Zbk3cSM oder https://www.youtube.com/watch?v=oitcrqFpD_A
  17. Becker, Herbert: Charles Lindbergh - Nationalheld mit Doppelleben. Radio Wissen, Bayerischer Rundfunk/ARD, 15.05.2017 (22 Min.), http://www.ardmediathek.de/radio/radioWissen/Charles-Lindbergh-Nationalheld-mit-Dop/Bayern-2/Audio-Podcast?bcastId=5945518&documentId=42833898http://www.br.de/themen/wissen/lindbergh-charles-flugzeug-100.html
  18. Lindberg, Charles: Neutrality and War. (Speaks on a United European Race.) Radioansprache vom 13. Oktober 1939, https://www.youtube.com/watch?v=sAlCDMp-Y3c
  19. Lindbergh, Charles: Pleads for independence. Anfang 1940, https://www.youtube.com/watch?v=5IIq-NYItYMhttps://www.youtube.com/watch?v=CZTAWKv4VWY
  20. Bading, Ingo: Zur Evolution des menschlichen Verantwortungsbewußtseins - Eine Mitschrift von Vorträgen Gerold Adams aus dem Jahr 1993. Die Deutsche Volkshochschule, 11. Mai 2017, http://fuerkultur.blogspot.de/2017/05/zur-evolution-des-menschlichen.html
  21. Charles Lindbergh Declassifield. USA 2006 (ImdD) Zugänglich auf Spanisch. Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=WO9CAQpbLDE, Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=df6so_frU8k, Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=19bUnWVck78

Freitag, 13. Mai 2016

Mein Genom: Begabungen, Neigungen, Körperreaktionen, Erbkrankheiten

Die Gene, die Begabungen, Neigungen, Körperreaktionen und Erbkrankheiten bestimmen, kann inzwischen jeder für sich ablesen lassen
- Hier als Beispiel ein Ausschnitt meiner eigenen

Vor zwei Wochen war er endlich da, der "Ancestry Report", mein Vorfahren-Bericht von der Firma 23andMe, bei der ich mein Genom hatte sequenzieren lassen (GA-j!, 27.4.2016). Aber es hatte zunächst eine Enttäuschung gegeben: Der "Health Report", der Gesundheits-Bericht der Firma 23andMe, wird in Deutschland nicht zur Verfügung gestellt. Warum auch immer.

Aber nicht so schlimm! Auf dem Nutzer-Forum von 23andMe habe ich nun zwischenzeitlich den wertvollen Hinweis erhalten, dass man diesen "Health Report" auch bei "Promethase" bekommen kann (SNPedia, bzw. Promethease.com). Das kostet nur 5 Dollar (zu bezahlen per Kreditkarte oder über Bitcoin). Und nur fünf Minuten nach der Bezahlung bekommt man von dort den Bericht. Nämlich nachdem man die Rohdaten, die man von 23andMe erhalten hat, Promethase zur Verfügung gestellt hat.

Und nun lese ich die ersten Auszüge aus diesem Gesundheitsbericht von Promethase und schreibe hier gleich mit. Es soll im folgenden nur ein erster Ein- und Überblick gegeben werden. Es wird bald deutlich, dass es da zu fast jedem gefundenen Genotyp noch viel zu erforschen und weiter zu fragen gibt. Auch wird deutlich, dass es sich beim folgenden nur um einen ersten Ausschnitt handelt, und dass man Tag für Tag neue Entdeckungen macht.

Ein Wikipedia für humangenetische Beratung: "SNPedia"

SNPedia, so kann kurz gefasst gesagt werden, ist das Wikipedia für humangenetische Beratung. Da man mit ihm arbeiten muss, sollte man sich zuvor klar machen, wie SNPedia seine Auskünfte aufschlüsselt (nach SNPedia-Hilfe). Jedes SNP, also jeder "Einzelnukleotid-Polymorphismus" (Wiki), wird von SNPedia folgendermaßen charakterisiert, bzw. eingeordnet:

- Unter "Repute" (Ansehen) wird eine Aussage gemacht darüber, ob es generell als ein positives genetisches Merkmal eingeschätzt wird oder als ein negatives (good oder bad, gut oder schlecht). Entsprechend erfolgt auch eine farbliche Charakterisierung.

- Unter "Magnitude" (Bedeutsamkeit) wird eine Einschätzung gegeben, wie spannend das jeweilige SNP sein könnte, zum Beispiel aufgrund seiner Seltenheit oder seiner bedeutsamen Auswirkung willen. (Diese Einschätzung kann sich im Laufe der Zeit ändern, etwa durch neue Nutzer-Bewertungen oder durch neue Forschungsergebnisse.)

- Unter "References" (Referenzen) wird die Zahl der wissenschaftlichen Studien genannt, die bislang zu diesem SNP Erkenntnisse liefern (es können aber inzwischen auch schon mehr sein als angegeben).

- Unter "Frequency" (Häufigkeit) wird eine Angabe gemacht über die Häufigkeit des SNPs in jener Population, der man von SNPedia (bzw. 23andMe) - vorläufig - zugeordnet worden ist. Es handelt sich auffälliger Weise schlussendlich wieder einmal um Ethnien. Weil wenig anderes "Sinn" macht. Und warum macht es wenig Sinn? Nun, weil der Mensch, wie wir seit bald zehn Jahren unaufhörlich auf unseren Blogs und auch auf den Scilogs*) betonen und herausarbeiten, bislang immer in Völkern, in Ethnien evoluiert ist. Und weil es viel Sinn macht, wenn die Menschen sich darauf ausrichten, dass das auch künftig so sein wird. Weshalb auch Frauke Petry so viel recht gehabt haben wird, als sie einen Tag vor dem letzten AfD-Parteitag in Stuttgart, nämlich am 28. April 2016, in einem Fernseh-Interview - und im Anschluss daran auf ihrem Facebook-Profil - dazu angeregt hat (Facebook),
mit dem Begriff ,Volk' oder ,völkisch' entspannter umgehen, denn sich für das eigene Volk einzusetzen, ist die Aufgabe eines jeden Politikers und ich spreche über die Zukunft unserer Partei.
Aber das hier nur am Rande. Populationen jedenfalls werden auf SNPedia zunächst nur von jenen gebildet, die auch am häufigsten bei SNPedia mitarbeiten. Ich bin bislang dort eingeordnet in die Population der Europäer nord- und westeuropäischer Abstammung ("Caucasians from Northern and Western Europe"). Aber es gibt dort inzwischen auch schon die Populationen der Mexikaner, der Hanchinesen, der Toscana-Italiener, der Japaner, der (Yoruba-)Afrikaner, der Massai und der Inder. Und es ist mitunter außerordentlich spannend, die Häufigkeit der eigenen Gene (genauer: SNP's) in der eigenen Bevölkerung mit der Häufigkeit der eigenen Gene (genauer: SNP's) in den anderen Populationen zu vergleichen. Was mit einem Mausklick möglich ist. Das ist fantastisch. Bei der Koffeinverstoffwechslung beispielsweise oder bei der Hautfarbe habe ich da gleich sehr spannende Dinge gefunden (siehe unten!).

- Unter den "Topics" kann man dann auch noch zusätzlich nach typischen ethnischen Genmerkmalen suchen, etwa für "aschkenasische Juden" (bislang 23 SNP's), Afrikaner (bislang 4 SNP's), amerikanische Ureinwohner (bislang 2 SNP's), Neandertaler (bislang 36 SNP's). Man kann hier aber auch suchen nach SNP's, die verantwortlich gemacht werden für die Lebensdauer (aging), für Sommersprossen, Haarfarbe, Augenfarbe, Intelligenz, Persönlichkeitstyp, psychische Anfälligkeiten ("mental health"), musikalische Begabung, Schmerzverarbeitung und so weiter und so fort.

Nach all diesen Sortierungs-Möglichkeiten kann ich meine eigenen SNP's sortieren und einordnen, vergleichen, bzw. werden mir die "spannendsten" zunächst vorgeschlagen. Ich muss zugeben, dass ich trotz all dieser Sortierungsmöglichkeiten vieles nicht gleich finde, was ich gerne schneller finden würde. Aber hier lernt man ja Tag für Tag dazu durch Ausprobieren. Und dieser Blogbeitrag kann und will eigentlich nur jeden Leser dazu anregen, dieses Ausprobieren selbst durchzuführen. Es handelt sich dabei um humangenetische Volksbildung vom Allerfeinsten. Sozusagen um ein "Selbstlernprogramm". Obwohl natürlich - zum Beispiel - die Volkshochschulen ruhig auch einmal Kurse anbieten könnten, wie man solche Dinge für sich recherchiert. 

Erhöhtes Risiko für Schilddürsenkrebs

Also. Ich habe (gegenüber der Durchschnittsbevölkerung)

- ein 1,6 fach größeres Risiko, Prostatakrebs zu bekommen ("rs6983267(G;G) 1.6x increased risk for prostate cancer; also other cancers 1.4 times as likely to develop colorectal cancer"),

- ein siebenfach größeres Risiko, eine Glatze zu bekommen ("gs122").

Ich habe ein erhöhtes Risiko gastrointestinale Blutungen zu bekommen, wenn ich Ibuprofen nehme ("problem metabolizing NSAIDs impaired NSAID drug metabolism, which is a risk factor for gastrointestinal bleeding when taking any of these medications: aceclofenac, celecoxib, diclofenac, ibuprofen, indomethazine, lornoxicam, meloxicam, naproxen, piroxicam, tenoxicam and valdecoxib").

Ich habe eine genetische Anlage für hellgrüne, braune oder haselnussbraune Augenfarbe ("gs241"). Mein Phänotyp ist aber graublau! :)

Ich habe ein 9,2-fach erhöhtes Risiko, Schilddrüsen-Krebs zu bekommen, weil mein damit in Verbindung stehendes SNP homozygot ist ("rs2145418(G;G)"). Und sofort stellt sich mir die Frage, ob dieses SNP auch etwas mit jener Schilddrüsenhormonmangel-Erkrankung zu tun haben kann, die nicht bei mir, aber bei Verwandten erstes Grades vorkommt. Da ist also gleich ein erster konkreter Ansatzpunkt da, in der nächsten Zeit weiter zu recherchieren.

Ich habe - aufgrund einer Genvariante ("rs16969968(A;A)") - ein höheres Risiko, von Nikotin abhängig zu werden, die zugleich ein geringeres Risiko mit sich bringt, von Kokain abhängig zu werden. Nun scheint diese Genvariante aber durch andere (bekannte oder unbekannte) Genvarianten wieder modifiziert zu werden. Sowie durch günstige Kindheits- und Sozialisierungs-Bedingungen. Beide Eigenschaften sind jedenfalls seit fünfzig Jahren phänotypisch Null Komma nichts zu beobachten gewesen bei mir.

Ich habe ein erhöhtes Risiko, an Zöliakie zu erkranken ("rs3184504(T;T)"). Und in der Tat: Zöliakie-Erkrankung gibt es zwar nicht unter den Verwandten ersten, wohl aber unter genetischen Verwandten zweiten Grades.

Ich habe ein 3,6-fach erhöhtes Risiko, sexuelle Dysfunktion zu bekommen, wenn ich SSRI-Antidepressiva nehme ("rs6311(C;C)"). Zum Glück habe ich noch keine genommen. Aber Citalopram ist mir vor knapp zwei Jahren schon einmal - angesichts von Dauerstress - von Bekannten empfohlen worden. Ich hab es ungebraucht in der Schublade liegen lassen, inzwischen ist das Verfallsdatum überschritten. Eine innere Stimme muss mich gewarnt haben. - Weiter heißt es:
"rs6311 together with rs6314 have a modest effect on depression severity. (...) Three (rs643627-rs594242-rs6311: A-C-T), two (rs594242-rs6311: C-T) and a single functional (rs6311: T) marker were protective against suicidal behavior. The complementary markers (rs594242-rs6311: G-C and rs6311: C) were associated with increased risk for non-violent and impulsive suicidal behavior. Furthermore, CC-homozygotes for the functional SNP rs6311 reported more anger- and aggression-related behavior."
Also dieses SNP scheint schon für sich ein Schutz gegen Selbstmord-Verhalten zu sein, scheint aber überdurchschnittlich mit Zorn- und Aggressions-Verhalten verbunden zu sein. Vielleicht ist ja letzteres der Schutz gegen Selbstmord-Verhalten, weil man Frust nicht in sich hinein frisst. Ja, so würde ich mich schon mitunter charakterisieren. (Schon in der Schule plädierte ich im Unterricht für den Grundsatz: "Macht kaputt was euch kaputt macht!")

Erhöhtes Risiko für Zöliakie

Ich bin heterozygot, was eine genetische Anlage für Hemochromatose betrifft, die eine häufige nord- und mitteleuropäische Erbkrankheit ist, und die (wohl) auftritt, wenn man homozygot ist. ("You are unlikely to be affected unless also a carrier of rs1800562(A) C282Y, but others in your family may be. This is a treatable condition.") ("rs1799945(C;G)") Ich habe noch nicht gehört, dass das in meiner Familie irgendwo aufgetreten ist.

Tja, was nicht alles in Deinen Genen steht, kleiner Mann
(Aufnahme von 1966)

Ich habe noch eine weitere Anlage, die ein zweifaches Risiko mit sich bringt, eine Glatze zu bekommen ("rs2180439(T;T)"). Die Gene haben sich gegen mich verschworen.

Ich habe ein 1,3-fach erhöhtes Risiko, Brustkrebs zu bekommen (das sollen auch Männer kriegen können, wir mir gerade gesagt) ("rs2981582(C;T)".

Ich habe ein 1,5-fach größeres Risiko, eine koronare Herzerkankung zu bekommen ("rs1333049(C;G)").

Wow, und das folgende ist ja auch spannend: Ich kann leichter Irrtümer vermeiden dank einer Dopamin-Rezeptor-Variante ("rs1800497(C;C)"), die zugleich mein Risiko, ADHS, Alkohol-, Nikotin- und Essen-abhängig zu werden (sprich übergewichtig zu werden), sowie zu postoperativer Übelkeit, herabsenkt. Es gibt da etwa den schönen Satz: "Lower obesity due to increased pleasure response to food." Also: Ich habe eine geringeres Risiko, übergewichtig zu werden, weil ich eine intensivere Lust-Reaktion, Befriedigung habe über Essen, das ich zu mir genommen habe. Aha, aha. .... 

Wem soll ich noch etwas von dieser tollen Variante abgeben? :) Dopamin gilt ja als Glückshormon. Und es dürfte sehr spannend sein, nun allerhand Forschungsstudien zu dieser Genvariante zu lesen ... (Die findet man, das kann ich ja gleich mal sagen, schön versammelt auf der OMIM-Datenbank, die "Online Mendelian Inheritance of Man"-Datenbank.) Hier kommen wir dick hinein in den Bereich der Verhaltensgenetik, der ja noch viel spannender ist als die Genetik bloß körperlicher Merkmale. Das ist übrigens fast schon ein philosophischer Satz: Indem mir mein Körper eine intensivere Lust-Empfindung beim Essen gibt, esse ich nicht mehr (!), sondern weniger. Hätte man nicht ohne diese Erkenntnis geglaubt, dass größere Lustreaktion dazu führt, dass man noch mehr essen möchte?

"Increased pleasure response to food"

Ich habe auch eine Variante, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ich das Empfinden habe, dass Koriander wie Soße schmeckt. So so.

Ich habe ein 1,3-fach erhöhtes Risiko, an Typ 2-Diabetes zu erkranken. Das damit in Zusammenhang stehende SNP (Einzelnukleotid-Polymorphismus) liegt auf Chromosom 6 und kommt, häufiger bei aschkenasischen Juden vor und haben - soweit ich sehe - im nördlichen und westlichen Europa ("Caucasians from Northern and Western Europe") 10 % der Bevölkerung ("rs7754840(C;C)".

Soweit ein erster kleiner Einblick. Übrigens gibt es in den USA eine neue Berufsrichtung, den "genetic counselor" (Wiki). Also den "genetischen Ratgeber". Jemanden, der einem hilft, die Rohdaten der Sequenzierung seines persönlichen Genoms besser zu verstehen und daraus konkrete Handlungsrichtlinien abzuleiten. Ein toller Beruf, in Deutschland läuft das unter "humangenetische Beratung" (Wiki).

Ein Blick in die Verwandtschaft bestätigt vieles

Ergänzung: Noch am gleichen Tag der Veröffentlichung dieses Beitrages (da war er nur halb so lang wie jetzt) habe ich die Zuschrift einer weiblichen Verwandten mütterlicherseits bekommen:
Hier einige Familien-Krankheiten: Eine Deiner Tanten hat Typ II Diabetes. Deine Großmutter hatte Dickdarmkrebs (und auch schwarzen Hautkrebs), Brustkrebs können auch Männer kriegen (Brustkrebs hatten eine Deiner Großtanten und eine ihrer Töchter), zwei oder drei Deiner Onkel haben/hatten Prostatakrebs, Glatze hatte Dein Großvater, seine Söhne haben noch keine. Nikotinsüchtig waren Dein Großvater und zwei seiner Söhne, einer davon ist es noch immer.
Das bestätigt ja sehr schnell sehr deutlich vieles von dem oben Gesagten. Durch weitere Gespräche erfahre ich: Mein Großvater mütterlicherseits kam schon mit schütterem Haar aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause. Weil er so viel den Helm tragen musste, heißt es. Mein Opa väterlicherseits war ebenfalls ein starker Raucher ("Overstolz ohne"). Und eine Tante väterlicherseits hatte Brustkrebs.

Da wären also in unserer Familie baldmöglichst Vorsorge-Untersuchungen anzuraten. Das war mir so noch nicht klar. Und das dürfte schon ein erster sehr konkreter Nutzen sein, wenn man seine Gene sequenzieren lässt. Nämlich zu wissen, dass und welche Vorsorgeuntersuchungen für einen von Bedeutung sein könnten.

Meine Leber verstoffwechselt Koffein sehr schnell

Fortsetzung am Folgetag, den 15.5.: Aha, indem ich aus der Rubrik "Topics" einige spannende auswähle, erhalte ich schnell weitere spannende Ergebnisse. Nämlich:

Meine Leber verstoffwechselt Koffein schnell ("rs762551(A;A)"). Dieses SNP haben 53 % aller Nordmitteleuropäer, 58 % aller Mexikaner, 44 % aller Hanchinesen, 40 % der Toscana-Italiener, 35 % der Japaner, 32 % der (Yoruba-)Afrikaner, 28 % der Massai, 25 % der Inder:
"caffeine is broken down faster in your liver, so it has less effect on you. (...) In terms of genotypes, only rs762551(A;A) individuals are considered fast metabolizers. Individuals who are rs762551(A;C) heterozygotes or rs762551(C;C) homozygotes are both considered slow metabolizers."
- - - Ich bin allerdings der Meinung, dass Koffein eine sehr große Wirkung auf mich hat. Deshalb ist für mich genaue Dosierung sehr wichtig. Zum Frühstück zwei Tassen Kaffee (nicht zu stark und nicht zu schwach) und um 15 Uhr noch einmal eine Tasse Kaffee ist für mich gleichbedeutend mit der Möglichkeit geistiger Höchstleistungen. Trinke ich den Nachmittagskaffee (oder grünen oder schwarzen Tee) nach 17 Uhr, schlafe ich in der Regel schlecht ein oder schlafe überhaupt schlechter, bzw. unruhiger. Tja, da gibt es also allerhand Diskussions- und Vergleichsbedarf.

Wann gibt es für so etwas endlich ein deutschsprachiges Forum? Das - wie mir scheint - sehr stark moderierte Nutzer-Forum auf 23andMe (auch nur für angemeldete Nutzer) ist vornehmlich mit Herkunfts-Haplotypen befasst, die man - im Vergleich mit den hier behandelten kodierenden SNP's - inzwischen doch längst als ziemlich langweilig empfinden kann. Außerdem ist es auch noch thematisch wenig übersichtlich gegliedert. Ich kann den Eindruck nicht loswerden, als hätte das Methode. Mag sich aber jeder denken dazu, was er will. Jedenfalls ist mir noch nicht ganz klar geworden, warum der Konstanzer Biologe Axel Meyer die Internetseite von 23andMe als so empfehlenswert ansieht, wie er das Anfang des Jahres auf Facebook getan hat. Es wäre gut, wenn dieser Bereich der "consumer genetics" bald wieder weniger monopolisiert würde als dies derzeit der Fall ist mit 23andMe und als Folge der Einstellung des Dienstes der Isländischen Firma DeCodeMe, die lange Zeit so gute wissenschaftliche Arbeit geleistet hat, und die auch weiterhin viel Schwung in diese Entwicklung hätte bringen können (Wiki).

Wie spannend die ganze Thematik ist, wird auch gleich sehr deutlich an dem folgenden, sehr tollen Ergebnis: "rs1426654(A;A)" auf Chromosom 18 ist (mit-)verantwortlich für die Hautfarbe und bedeutet laut SNPedia, dass ich "wahrscheinlich hellhäutig und europäischer Abstammung" bin:
estimates that the rs1426654(A) allele (light skin pigmentation) spread through the European population around 6,000 - 12,000 years ago. Prior to that, 'European ancestors' were most likely relatively brown-skinned.
Dieses SNP hat sich also erst seit und mit der Einführung des Ackerbaus in Europa ausgebreitet. Die ausgestorbenen Jäger und Sammler, die zuvor in Mitteleuropa lebten, waren (nach der Untersuchung der erhaltenen DNA in ihren Skeletten dunkelhäutiger. Aufgrund dieser evolutionären Geschichte hat dieses SNP heute bei Nordwesteuropäern eine Häufigkeit von 100 %, bei Toscana-Italienern eine solche von 99 %, bei Indern von 89 %, bei Mexikanern von - - - 33 %, bei Massai von - - - 10 % (- immerhin! auffällig! spannend! - woher kommen überhaupt die 10 %?!) und bei Hanchinesen, Japanern, Afrikanern eine Häufigkeit von sage und schreibe - - - 0 %! Es liegt hier also konvergente Evolution von heller Hautfarbe vor, sprich parallele Evolution in Nordeuropa und in Nordasien. Das ist ja schon seit einigen Jahren bekannt und ich schrieb darüber auch schon auf meinem Wissenschaftsblog. Schön, das jetzt in den eigenen Genen wieder zu sehen.

Ich bin voller Vertrauen und Einfühlsamkeit gegenüber meinen Mitmenschen - und gegenüber Kindern ;)

Weiter: SNP "rs53576(G;G)" auf Chromosom 3 ergibt eine Variante im Oxytocin-Rezeptor-Gen und lässt mich - womöglich - Stress besser verarbeiten und mich leichter die Emotionen anderer erkennen und mich weniger schreckhaft sein. Es scheint so zu wirken, als ob ich eines zusätzlichen Sprühstosses Oxytocin in die Nase nicht bedürfte, um all diese positiven Eigenschaften Wirklichkeit werden zu lassen. Es lässt mich also allgemein mehr Vertrauen in meine Umwelt haben und mich ein verträglicher, umgänglicher Mensch sein! Wer möchte diese Variante auch haben? ;)

Sie scheint aber nur zu 0,4 % in der Bevölkerung verbreitet zu sein (- ?). Wirklich? Vielleicht lese ich das auch grade falsch. Studien haben jedenfalls ergeben, dass Menschen mit dem G-Allel einfühlsamer sind, sich weniger allein fühlen, auch als Eltern einfühlsamer sind und niedrigere Häufigkeit von Autismus aufweisen. SNPedia führt zahlreiche neuere Studien an für das eben Gesagte. Das ist ja praktisch ein Supergen! Super, Ingo! (Oh, weia, wenn ich das meinen nächsten Angehörigen erzähle, die verstehen die Welt nicht mehr ... Die werden sagen: Ingo, was bloß hast Du mit dieser Begabung gemacht. Wie ist sie auf den Hund gekommen!)

Der einsichtsvolle Humangenetiker sagt an dieser Stelle vielleicht: Da wird es noch Antagonisten geben, also Genvarianten, die gegenteiliges Verhalten wahrscheinlich machen! :) Tja, wir können eben nichts Positives ohne das Gegenteil denken!

Aber noch ein anderer Gedanke: Hat jemand, der so verträglich und vertrauensvoll ist, mehr Mut, sich von Menschen zu isolieren, als jemand, der das nicht ist? Sprich, mehr Mut, abweichende Meinungen zu vertreten? Könnte ja sein ... Dann wäre der Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" der "rs53576(G;G)"-Blog! :)

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*) Aus diesem Anlass sehe ich heute, am 15. Mai 2016 gerade, dass mein Scilogs-Beitrag aus dem Jahr 2011 im Rahmen des dortigen "Bloggewitters" "Deutungshoheit der Biowissenschaften" (siehe auch hier) nicht mehr im Netz zugänglich ist! (siehe auch GA-j! 2011) Deshalb wurde er gerade hier auf dem Blog (erneut) öffentlich zugänglich gemacht.

Mittwoch, 27. April 2016

Mein Genom: Es wurde sequenziert

Ein großer Tag
Your reports are ready!
heißt es vielleicht etwas unspektakulär in der Betreffzeile. Und doch ist es ein großer Tag heute. Soeben habe ich die Ergebnisse der Genom-Sequenzierung, die ich im Januar bei 23andMe für 150 Euro in Auftrag gegeben hatte, erhalten (GA-j! 01/2016, 02/2016). Lange genug hat es ja gedauert.

Ich protokolliere gleich das Lesen der Ergebnisse mit. Die Zusammensetzung meiner Vorfahren ("Ancestry Composition") ist laut der Ergebnisse zu 100 % europäisch.

Davon 30 % "französisch und deutsch" und 40 % "allgemein nordwesteuropäisch", weitere 11 % "britisch und irisch", 7 % "osteuropäisch". Das deckt sich womöglich alles recht gut mit meinem mir durch Ahnen- und Kirchenbücher-Forschung recht gut bekannten Stammbaum. In diesem Stammbaum gibt es nämlich in der Tat auch eine Urur...großmutter aus Leeds in England (Familienname Moore) und eine eben solche aus Ungarn. (Das werde ich in den nächsten Tagen noch genauer nachtragen welchen rechnerischen Anteil diese beiden Vorfahren-Linien in meinem Stammbaum haben.)

Mein Genom ist sequenziert - Die Ergebnisse sind da!

Weiterhin wird genannt: 2 % skandinavisch, 1,7 % allgemein südeuropäisch, 1,4 % Balkan. Das könnte sich decken mit der Tatsache, dass es auch eine Ururur...großmutter aus einer venezianischen Adelsfamilie gibt (der Familie Nobile Cicogna). Interessanterweise gibt es unter meinen Vorvätern und -müttern auch zu 0,5 % aschkenasisch-jüdische Vorfahren. Das muss in meine Vorfahrenlinien gekommen sein vor dem 17. Jahrhundert, denn soweit ich meinen durch Kirchenbücher bekannten Stammbaum überblicke, hat es dort niemanden mosaischer Religion gegeben.*)

Deine Gene sind da, kleiner Mann (Aufnahme von 1966)

Die Zusammensetzung meiner Vorfahren-Linien ist auch nach Chromosomen gegliedert. Auffälligkeiten: Die jüdische Vorfahren-Gruppe hat sich allein auf Chromosom 11 gehalten als Haplotyp. Das habe ich - vermute ich jetzt mal - wohl eher von meiner Mutter als von meinem Vater, meine Mutter ist eine europäische Mischung, während mein Vater nur Vorfahren aus dem westlichen Havelland hat. Ich glaube, ich sollte meiner Mutter zum Geburtstag mal ein Starterkit schenken, um diesbezüglich ein wenig weiter zu kommen! 

Mein X-Chromosom wird hier als einheitlich "osteuropäisch" angegeben. Osteuropäisch soll auch ein Strang des Chromosoms 9 sein. - Welches von den übrigen 22 Chromosomen ist aber nun eigentlich das Y-Chromosom, frage ich mich gerade.

Und wie passt das damit zusammen, dass mein mitochondriales Genom, das doch in ähnlicher Weise vererbt wird wie das X-Chromosom (.... oder nicht?) "I5a" ist? Haplogruppe I hat heute seine größte Häufigkeit weltweit in Norwegen (laut 23andMe). Weiter. Mein Y-Chromosom und damit das meines Vaters, Großvaters väterlicherseits und so weiter weist - laut 23andMe - Haplogruppe I2b1* auf:
Today the I2b1 branch of I2 is common in the Netherlands and Germany,
sagt "23andMe". Und das passt nun auch in der Tat hervorragend zu der Tatsache, dass der Familienname Bading (wohl) von dem Dorf Bading bei Stendal in der Altmark herstammt, höchstwahrscheinlich germanischen Ursprungs ist ("Bad-" für Bote oder Gebieter, "-ing" für jung), und dass die Mark Brandenburg und das Havelland bis zum Fläming im Hochmittelalter - bekanntlich - vor allem durch Siedler aus Holland und Flandern besiedelt worden ist. Das war schon seit längerem Wissen, bzw. Vermutung in unserer Familie, dass wir von diesen Siedlern aus Holland und Flandern abstammen - wie wohl auch sonst ein großer Teil der traditionellen größeren Bauern in den Straßendörfern der Mark Brandenburg (die 1953 und später zu großen Teilen nach Westdeutschland gegangen sind). (Unser Hof hatte 44 ha.)

- Das sind erst mal nur die ersten groben Ergebnisse ohne weitere eigene Recherche in der Forschungsliteratur oder auf Internetblogs und -foren, wo man sich über all das noch weiter austauschen kann.

Hallo Verwandte!

Nun klicke ich weiter zu "DNA Relatives - View 23andMe-members who share DNA with you". Und was entdecke ich dort? Einen männlichen Cousin ersten Grades in den USA. Nanu? Hat einer meiner beiden dortigen Cousins auch schon seine Gene sequenzieren lassen? Hätte ich ja gar nicht gedacht! 10,9 % des Genoms teilen wir laut Angaben von 23andMe, wobei ich mich grade frage, ob das reicht, uns Cousins ersten Grades zu nennen. Sollten echte Cousins aufgrund von familiärer Abstammung nich - zumindest rein rechnerisch - ein Achtel ihrer Gene teilen (laut Voland/Soziobiologie 2000, S. 6)? Das wären dann 0,125, also 12,5 %. Kann das ein echter Cousin sein, wenn er nur 10,9 % gemeinsame Gene mit mir hat? Aber wie könnte sonst noch eine solche Gemeinsamkeit zustande kommen? - ??? (Es wurde von 23andMe angeboten, dass ich eine Email-Anfrage an meinen namentlich unbekannten Cousin senden kann, das habe ich auch gerade getan, bin gespannt auf die Antwort.)

Eine Kanadierin (sogar mit Name!) wird mir genannt als Cousine 3. bis 5. Grades. Hallo, Cousine! Sie ist aber "nur" englischer, schottischer und irischer Abstammung. Spannend. Oder verrückt. Wir teilen 0,68 % unserer Gene. Cousins und Cousinen 3. bis 6. Grades nennt mir 23andMe noch allerhand mehr! :) Vor einigen Jahren hat ja eine für mich aufsehenerregende Studie herausbekommen, dass auf Island am häufigsten Heiraten geschlossen werden zwischen Cousins und Cousinen, glaube, 2. (oder 3.?) Grades. Und zwar ganz ohne dass diese Menschen um dieses Verwandtschaftsverhältnis wüssten. Also eher unbewusst. Das fand ich schon damals sehr spannend. Deshalb - vielleicht - schade, dass mir hier vorerst Verwandten 2. oder 3. Grades so sicher nicht genannt werden können.

Kein Gesundheitsbericht von 23andMe in Deutschland - Mist!

Ein Cousin 5. Grades allerdings wohnt in Deutschland, auch mit Name genannt! Sieben weitere Cousinen und Cousins, zumeist 5. Grades ebenfalls. In Polen sogar 9, in New York 26, Philadelphia 12 und so weiter. Sogar einer in Japan (?!?), fünf in Russland.

Ups, nach Nachnamen-Übersicht tragen die meisten meiner entfernten Verwandten (ab 5. Grades) jüdische Familiennamen: Friedman, Levy, Schwartz, Goldberg, Cohen. Hallo, Verwandte! (Womöglich spiegelt sich in dieser Angabe auch nur wieder, dass aschkenasische Juden bei 23andMe schon zu überproportional hohen Anteilen Kunden sind, was passen würde zu dem hohen Interesse, das es in dieser ethnischen Gruppe überhaupt gibt an Abstammungs- und genetischen Fragen.)

Im Gegensatz zum durchschnittlichen Europäer mit 2,6 % Neandertaler-Genabschnitten habe ich nur 2,5 % derselben. ... Ääähm, und nun bin ich gerade auch etwas verwirrt. Mit Cousins 3. Grades teile 0,68 % der Gene, aber mit Neandertalern 2,5 %? - ??? Als was für Verwandte soll ich denn dann die Neandertaler bezeichnen? - - - Aha, beim genaueren Überlegen dämmert's womöglich: Bei dieser Prozentangabe sind ja die individuellen Unterschiede zwischen Neandertalern gar nicht mitgerechnet, berücksichtigt, bei den Angaben zu meinen jetztmenschlichen Cousins und Cousinen aber schon ...

Das ist zunächst die letzte Angabe, die ich auf's erste finde. Wo aber finde ich nun Angaben zu Genen, die meine Gesundheit, Körpermerkmale, psychischen Merkmale bestimmen? Ich werde wohl noch weiter suchen müssen. Dies erst mal als ein erster Eindruck. - Aktualisierung, 29.4.16. Tja, erst mal große Enttäuschung. Das, was mir fehlt, ist sehr umfangreich und nennt sich "Health Report". Und erst indem ich auf dem Forum von 23andMe herumfrage, erfahre ich:
Germany is one of the countries that doesn't receive health reports (but where customers also pay a lower price excluding shipping). Unknown if they'll eventually be provided.
- Aktualisierung, 4.5.16: Gestern (3.5.) erhielt ich das auch von 23andMe selbst bestätigt:
Hello Ingo, Thank you for contacting the 23andMe Team. 23andMe does not provide health reports to customers in Germany. Customers in your region currently receive uninterpreted raw genetic data, as well as ancestry information. We apologize if the current product offering was not clear to you at your time of purchase. Note, however, that 23andMe has taken several measures to inform potential customers of the service they are purchasing. Customers must read through and agree to health report disclaimer on the order page prior to proceeding. A similar disclaimer is provided during the barcode registration process. You can review this disclaimer on the order page here: https://store.23andme.com/en-int/cart/ It is possible that additional reports or products may be available in the future. However, regulatory bodies in your region may have requirements that prohibit the sale of or require changes to specific reports or products. Additional charges for new products may apply. Please let us know if you have any additional questions. Best Regards, The 23andMe Team
Also erlaubt das die Gesetzgebung in Deutschland nicht? (???) Übrigens muss das unter dem Kleingedruckten geschrieben worden sein. Naja, das Geld ist nicht zum Fenster hinaus geworfen. Man hat die Rohdaten und jetzt gilt es, andere Orte zu suchen, wo man einen Gesundheitsbericht mit ihnen erhalten kann.

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*) Ergänzung 27.5.17. Wo dieser aschkenasisch-jüdische Vorfahre auftauchen muss, lässt sich ja ausrechnen. Von Generation zu Generation zurück gerechnet verdoppelt sich jeweils der Anteil jener, die zu meinem Genom beigetragen haben und halbiert halbiert sich jeweils der Anteil der Gene jedes einzelnen, die er zu meinem Genom beigetragen hat: In der ersten  Generation tragen zwei Eltern zu je 50 % bei. In der zweiten Generation vier Großeltern zu je 25 % .... In der sechsten Generation tragen 64 Vorfahren zu je 1,5625 % zu meinen Genen bei. In der siebten Generation tragen 128 Vorfahren zu je 0,78125 % zu meinen Genen bei. In der achten Generation 256 Vorfahren zu je 0,39 %. Das heißt: 0,5 % ist also zunächst einmal rein rechnerisch gar nicht möglich. Jedenfalls bedeutet das, dass etwa innerhalb der siebten Generation einer von 128 Vorfahren aschkenasisch-jüdischer Herkunft war. Wählt man einen durchschnittlichen Generationenabstand von 30 Jahren, sollte der- oder dieselbe vor grob 200 Jahren gelebt haben, sagen wir also grob zwischen 1750 und 1800 (eher früher). Es muss immerhin nicht ganz unmöglich sein, diesen Vorfahren im Stammbaum zu finden.

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