Posts mit dem Label Naturalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Naturalismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 23. August 2011

"Intelligenznaturalismus" - - - und das Schaffen neuer Mentalitäten

Schleich dich, Du Biologist, Du!

Aus Sachsen sandte uns ein Blogleser schon letztes Jahr einen Zeitungsartikel zu per gelber Post. Vielen Dank noch einmal nachträglich! Damals fühlten wir uns "overnewst" und brauchten Abstand zur Thematik. Heute fällt er uns wieder in die Hände. Und der Artikel ist so liebreich um eine bestimmte Art von Worten und Begriffen herum gruppiert, daß wir zunächst einmal nur diese Begriffe selbst für sich sprechen lassen wollen. Sie, lieber Leser, dürfen dann raten, in welchem thematischen Zusammenhang dieser Artikel geschrieben worden ist und zu welchen Schlußfolgerungen er kommt:
... Biologismus, biologistisch, biologistisch, Naturalisierung, genetischer Detrminismus, Intelligenzbiologismus, Biologismus und Naturalismus, Intelligenznaturalismus, Reich der Determination, Biologismus, Intelligenzdefizit, erbbiologische Erklärung, die Naturalisierung des Anderen, Fremden ...
Und hast Du Dich durch dieses Wortbombardement hindurchgefressen, bekommst Du im letzten Satz hingerhergeworfen die Begriffsgruppe:
... migrante wie autochthone Bevölkerungsgruppen.
Aaaaaalso ...: Liiiiieber "Autochthone"! Liiiiieber "Migrant"! Deine Aufgabe: Schreibe einen Aufsatz, in dem die genannten Begriffe und Formulierungen in der Reihenfolge verwendet werden, in der sie oben gebracht worden sind. Vergleiche Deinen Aufsatz dann mit dem Text, dem wir sie entnommen haben.

Bitte nicht vorher gucken, --> hier jedenfalls ist der Text. Aus einer großen deutschen Tageszeitung von einem Professor an einer großen deutschen Universität, falls Dir diese Hilfestellung noch etwas nützt. Denn daß der Autor "nur" Soziologe ist, wird Dir beim Lesen auch überraschend erscheinen angesichts der auffälligen unvergorenen naturwissenschaftlichen "Informiertheit", die er aufzuweisen bemüht ist. Kennt er doch nicht nur Richard Lewontin und Stephen Jay Gould, sondern hat sogar schon einmal Begriffe wie "Epigenetik" und "neuronale Plastizität" gehört. Er kennt sogar, man höre und staune, einen solchen Buchtitel wie "Bell Curve".

Gut. Versuche gerne auch selbst, diese letztgenannten Namen und Begriffe in Deinen Aufsatz mit einzuflechten, falls Sie Dir etwas sagen. Gut. Und dann gib Dir am Ende selbst eine Note im neudeutschen Fach politisch-korrektes "Gut"-Sprech des "Neumenschen" oder korrektes politisches "Neusprech" des "Gutmenschen" ...

Es soll einmal auf Neue "organisiert" und "institutionalisiert" werden, um vorteilhafte Mentalitäten zu schaffen

Wenn Du Lust hast, denke dann noch über folgenden Satz nach und kreise die Begriffe ein, die Dir auffällig erscheinen: 
Es war stets die Mitgliedschaft in Organisationen, die die Mentalitäten erzeugt haben, die eine Gesellschaft braucht. Vielleicht müssen wir heute neue Institutionen erfinden oder die bestehenden verändern ...
Es soll also nach Meinung dieses Autochthonen oder dieses Migranten*) einmal aufs Neue "organisiert" werden. Es soll einmal aufs Neue  "institutionalisiert" werden. Als hätten wir noch nicht genügend - - - "Organisationen", - - - "Institutionen".Und stimmt denn der Satz überhaupt? Einfach einmal nur die lebendige Muttersprache einerseits und folgerichtiges wissenschaftliches Denken andererseits jeweils für sich selbst Mentalitäten prägen lassen, geht ja wohl scheinbar nicht ...

Und damit "Pfüat di!", Du ... Bestie .. der Intelligenz, Du, ähm, Du, .... Intelligenznaturalist, Du, ähm, ... Du, Du Intelligenzbiologist, Du, ähm, Du, Du ... Biologist, Du!!!!!

____________________
*) - wer weiß das heute schon? - Vorname: Armin, Nachname: Nassehi. 

Sonntag, 17. Juli 2011

Jack London - immunisiert gegen Okkultwahn und heilt ihn


Wir hatten immer schon einmal über Jack London schreiben wollen. Und nun ergab sich als Anlaß, daß sich "Jerry" "Stephen Boy" unerwarteterweise doch noch dazu hinreißen ließ, sich einmal einigermaßen sachlich in eine Sachdebatte einzulassen.*) Und siehe da, sie gefällt uns gleich so gut, daß wir zusätzlich zu dem, was wir schon im letzten Beitrag zitierten, hier noch die heutige Fortsetzung der Diskussion einstellen wollen (Amaz.).

Samstag, 13. November 2010

Ist "Political Incorrect" WIRKLICH "politisch unkorrekt"?

Wer heute nicht im Kern naturalistisch argumentiert, ist letztlich schon "Mainstream"

Wieder ist ein sehr lesenwerter Artikel von Andreas Müller, dem Germanistik-Studenten, erschienen. Also von einem jener heute noch so raren Germanistik-Studenten oder gar Germanisten, die auch anthropologisches Denken aus dem ff beherrschen:

Christentum als Kultur

derautor | 12. November 2010 at 19:07 | Kategorien: Religionskritik, Wissenschaft | URL: http://wp.me/puoS7-1EQ
The Christian Delusion ist ein neues Buch, in dem sich Wissenschaftler aus den Bereichen Anthropologie, Bibelforschung, Geschichte, Philosophie und Psychologie an das Projekt wagen, das Christentum sowohl zu widerlegen, als auch zu erklären. Es bietet faszinierende Einblicke und einige Beiträge sollen hier näher vorgestellt werden.
Im ersten Beitrag befasst sich der Anthropologe David Eller mit dem Christentum als Kultur.




Warum ist ein solches Beherrschen von anthropologischem Denken auch für Geisteswissenschaftler  und politisch Denkende und Handelnde heute so wichtig? Weil nur "das Ganze" "die Wahrheit" ist, wie schon der Philosoph Hegel sagte. Allerdings wissen das viele Leute auch schon ganz ohne und unabhängig von der Hegel'schen Philosophie, etwa Leute wie der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson ("Einheit des Wissens"). Einseitig geisteswissenschaftlich oder einseitig naturwissenschaftlich zu denken, bringt einen geistig, kulturell - und sogar politisch - auf schiefe Ebenen.

Jacob Grimm, der revolutionäre Begründer der Germanistik, der große deutsche Demokrat und Patriot, wäre mit dieser Erkenntnis heute seiner Zeit ebensoweit voraus wie er zu seiner Zeit der Zeit voraus war bei der Begründung des Faches Germanistik.

"Die Evolution scheint eines Ihrer Lieblingsthemen zu sein." - Grund zur Verwunderung?

Die Deutschen waren Jahrhunderte lang das "geisteswissenschaftlich" (metaphysisch) denkende Volk schlechthin. Das ist einer der Gründe, warum das naturwissenschaftliche Denken bei den deutschen Gebildeten so viele Schwierigkeiten hat oder warum Gebildete in Deutschland sich so wundern und einem schreiben:

"Die Evolution scheint eines Ihrer Lieblingsthemen zu sein."

Man kann es eher rätselhaft finden, wenn es einen gebildeten, noch dazu naturverbundenen Menschen heute in der Welt gibt, für den die Evolution nicht eines der Lieblingsthemen ist. Wenn Naturwissenschaft nicht so viel "abstrakter" wäre als etwa ein Gedicht von Josef von Eichendorf, würden die Deutschen das viel schneller kapieren. Aber abstraktes Denken - nunja! Da braucht man Motivationen, die viele Deutsche nicht haben. Weil es die Deutschen lieber "konkret" haben, "handgreiflich", wenn es ihnen niemand dichtet. Aber unsere Welt ist abstrakt. Die moderne Physik, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland formuliert wurde, zeigt auf, daß es Bereiche in unserer Welt gibt, in der die Wirklichkeit nicht mehr mit unserem "Alltagsverstand" voll nachvollzogen werden kann.

Aber auch sonst: Wo geschieht denn geistig heute sonst noch so viel Neues wie auf dem Gebiet der Evolutionsforschung (und der Kosmologie)? Überall sonst wird doch nur schon Durchgekautes ein vierhunderstes mal erneut durchgekaut. Was hätte Sarrazin für ein langweiliges, staubtrockenes Buch geschrieben, wenn er sich nicht von den Naturwissenschaften, insbesondere von Edward O. Wilson hätte geistig befruchten lassen? Alle hätten ihm dann zugestimmt und gesagt: "Das meinen wir ja letztlich auch ... Schön, daß es einer mal unumwunden sagt." Kirsten Heisig stimmen doch heute auch alle zu.

Aber "der Biologismus", der ist der große Gegner, um dessentwillen Leute heute Arbeitsplätze verlieren und aus Parteien ausgeschlossen werden sollen. Und Goethe sagt:

"Ich will mich nicht bereden lassen,
macht mir den Teufel nur nicht zu klein,
ein Kerl, den alle Leute hassen,
der muß was sein."

Also der Biologismus.

"Political Incorrect" ...
Gerade bekommen wir noch folgende Zuschrift:

Seht mal: das Sarrazin-Heft der Sezession wird bei PI direkt in einem Artikel beworben: http://www.pi-news.net/2010/11/sarrazin-die-zweite-welle/#more-163562

Daran schließen sich noch folgende Gedanken an: Wenn auf einer Seite wie "Political Incorrect" - mit 50.000 Besuchern täglich - Lobbyismus für das naturalistische Menschenbild gemacht würde, dann wäre das aufsehenerregend. Das ist aber hier nicht der Fall. Zum Beispiel Suchworte wie "Genetik" oder "Intelligenzforschung" bringen gar keine oder nur ein ziemlich mageres Ergebnis. Auch hier sind also wenn dann andere Lobbyisten am Werk als jene, denen ein naturalistisches Menschenbild zentral - oder wenigstens nur: wichtig - wäre. 

Die Stellung zum naturalistischen Menschenbild ist heute ein sehr guter Prüfstein für die gesamte Medienlandschaft geworden.

Und hier kann man sogar noch weitergehen: Eine Seite wie Seite von PI muß einem schon heute fast wie Mainstream vorkommen. Das gilt übrigens für jedes Publikationsorgan, das nicht dezidiert - wie Thilo Sarrazin - im Kern naturalistisch argumentiert. Die politischen (und religiösen!) Eliten in Deutschland betonen derzeit so sehr das christliche Menschenbild, weil sie sehen, von woher Gefahr droht: vom "Biologismus", vom naturalistischen Menschenbild.

Eine neue Facebook-Gruppe

Deshalb wurde gestern auch einmal einfach des Spaßes halber eine neue Facebook-Gruppe gegründet:

Jedenfalls kann man nur allen Lesern raten aufzupassen, daß sie nicht selbst "Mainstream" werden. Eine linke, fortschrittliche oder eine rechtskonservative Partei, ja sogar eine Familienpartei jenseits aller Links-Rechts-Schemata, die nicht im Kern naturalistisch argumentieren, sind dadurch daß Thilo Sarrazin nicht Mainstream ist, selbst zum Mainstream geworden. Egal wie populistisch oder im besten Sinne reformerisch sie sich auch sonst geben würden. Sie würden die notwendige Wende (sprich evolutionäre Anpassung) nicht bewirken, sondern günstigstenfalls bloß solche "geistig-moralischen Wenden" wie jene hohle 1982 verkündete, man erinnert sich: Helmut Kohl, verachteten Angedenkens.

Montag, 23. August 2010

Charlotte Knobloch fordert Auseinandersetzung mit Mathilde Ludendorff

Verschiebungen auf dem geschichtspolitischen Feld
"Denkmal der Geschichte" n. d. Weim. Verf.(Art.150)

Nach dem Ersten Weltkrieg und in den 1920er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es kein Land und kein Volk auf der Erde, in dem es eine solche Vielfalt an weltanschaulichen, kulturellen, politischen und religiösen Bestrebungen sowohl "rechts" von der sogenannten "demokratischen Mitte", wie auch ganz unabhängig von solchen politischen Schemata gegeben hat, als: Deutschland und das deutsche Volk.

Auch viele der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler jener Zeit haben in der einen oder anderen Weise in Berührung oder Beziehung gestanden zu diesen vielfältigen Bestrebungen. Man könnte hier Thomas Mann nennen. Oder Hermann Hesse. Oder etwa den bedeutendsten deutschen Bevölkerungswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, den Sozialreformer Gerhard Mackenroth.

Über die Vielfalt und Verflochtenheit dieser Bestrebungen kann man sich informieren in Büchern wie "Bevor Hitler kam" (1964, 1975) oder "Die Konservative Revolution - Ein Handbuch" (1950, 4. erw. Auflage 1994, posthum 1999, 2005). Das erstere stammt von Dietrich Bronder, dem der SPD nahestehenden, langjährigen Vorsitzenden der Freireligiösen Gemeinden in den Deutschland nach 1945. Das zweite stammt von Armin Mohler, dem zeitweisen Sekretär von Ernst Jünger. Natürlich gibt es noch eine Fülle weiterer Bücher zu diesem Thema, auch jeweils aktuellere Literatur.

Es handelte sich um Bestrebungen, die sich vor und nach 1933 jeweils in sehr spezifischer Weise zustimmend oder ablehnend gegenüber dem damals polarisierenden Nationalsozialismus verhielten. Deshalb wurden viele dieser Richtungen in jüngerer Zeit auch recht treffend "Hitlers rechte Gegner" genannt. Es gehörte zu ihnen etwa der militärische Widerstand gegen den Nationalsozialismus und dessen Leichtfertigkeit, sich auf einen Krieg einzulassen. Er wurde weltgeschichtlich erst deutlich verspätet sichtbar im Stauffenberg-Attentat von 1944.


Wandervogel, Jugendbewegung und Avantgarde

Dietrich Bronder war Freireligiöser, Armin Mohler "Neuheide". Inzwischen sind die Vordenker der sich selbst so bezeichnenden "Neuen Rechten" weltanschaulich bewußtere oder weniger bewußte Christen geworden, kennzeichnen sich selbst bewußter als "katholisch" oder sind sogar im Umfeld der Jesuiten anzusiedeln (siehe: a, b, c). Darin wird der Hauptgrund zu suchen sein für die Reaktionslahmheit, die die heutige sogenannte deutsche "Rechte" rechts von der CDU der naturalistischen und humangenetischen Wende im Menschenbild entgegenbringt. Man hütet sich hier allseits sehr, in Berührung mit bewußter naturalistisch und damit zumeist antichristlichen "völkischen" Denktraditionen zu geraten.

Wer mit Abstand oder von "außen" die genannte Vielfalt der 1920er Jahre auf sich wirken läßt, kommt vielleicht zu dem Ergebnis, daß diese Bestrebungen Sinn machen in jenem Volk, das vielfach als das metaphysisch und kulturell begabteste der abendländischen Geistes- und Kulturgeschichte angesehen worden ist. In jenem Volk, das solche kulturellen Blütezeiten erlebte wie die Reformation, den deutschen "Sturm und Drang", die deutsche Klassik, den philosophischen deutschen Idealismus und die deutsche Romantik. Bekanntlich standen gerade auch um die Jahrhundertwende, also um 1900 bis in die 1920er Jahre viele Zweige der deutschen Geistes- und Naturwissenschaften international an erster oder doch zumindest zweiter Stelle, man denke etwa an die Atomphysik oder die Evolutionswissenschaften (Ernst Haeckel, August Weismann). Man denke an die naturwissenschaftliche Psychologie (Emil Kraepelin). Man denke an die Soziologie (Max Weber), man denke an die Archäologie (Heinrich Schliemann). Oder man denke an die Geschichtswissenschaft (Wilhelm Dilthey und viele andere).

In Bezug nun auf die typisch deutschen weltanschaulichen, politischen und kulturellen Bestrebungen der 1920er Jahre, denen in Form der Jugendbewegung auch deutsche Nobelpreisträger nahestanden (siehe etwa Werner Heisenberg "Der Teil und das Ganze"), hat es in den letzten Jahren einen fast unbemerkten "geschichtspolitischen" Wechsel gegeben, auf den in dem vorliegenden Beitrag hingewiesen werden soll. Ein Wechsel, den offenbar Menschen im Umkreis des "Zentralrats der Juden" in Deutschland wahrgenommen haben, und auf den sie reagieren.

Hindenburg, Beck, Ludendorff - Neubewertungen

Es sind nämlich eine ganze Menge von bis heute fortbestehenden geschichtspolitischen Mythen und Legenden in ausgesprochene wissenschaftliche Autorität aufweisenden Werken zweier deutscher Zeithistoriker als eben das nachgewiesen worden - auf neuer Quellenlage -, was sie sind, nämlich: Mythen und Legenden. Hierzu gehört zum ersten die geschichtspolitische Deutung der Integrationsfigur der deutschen demokratischen und antidemokratischen Rechten in den 1920er Jahren in Deutschland, nämlich des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg (gest. 2.8.1934). (siehe: 1, 12)

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts rechnete man ihm, obwohl er am Ende seiner Reichspräsidentenschaft Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, an, daß er nach dem Sturz des deutschen Kaisers und der deutschen Monarchie im Jahr 1918 bis 1933 äußerlich loyal zur jungen deutschen parlamentarischen Demokratie gestanden hatte. Selbst die demokratische Mitte also hatte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gar kein Interesse daran, etwaige "Mythen" und "Legenden" rund um diesen Reichspräsidenten großartig zu "entzaubern". Genau dies aber ist mit einer neuen Biographie aus dem Jahr 2007 (1) geschehen,von Hans-Ulrich Wehler in der "Zeit" sehr positiv rezensiert (12).

Hindenburgs Untreue gegenüber Ludendorff (1918)

Diese Biographie zeigt auf, daß dieser äußerliche "Recke", dieses Sinnbild "deutscher Treue" an allen entscheidenden politischen Wendepunkten seines Lebens und damit des politischen Lebens von Deutschland praktisch niemandem die Treue gehalten hat außer vielleicht sich selbst. Insbesondere nicht seinen engsten und treuesten Mitarbeiter, seien diese nun monarchisch oder demokratisch gesinnt gewesen. Das scheint die einzige Konstante im Leben dieses vorgeblichen Sinnbildes "deutscher Treue" gewesen zu sein: Im Jahr 1918 verriet er seinen militärischen "Kameraden" im "Dioskurenpaar" Hindenburg-Ludendorff, nämlich Erich Ludendorff. Als Ludendorff dem Kaiser seinen Rücktritt anbot, der angenommen wurde, verzichtete Hindenburg auf ähnliches Vorgehen und blieb. Für Ludendorff unerwartet, da sie sich bis dahin in allem einig gewesen waren.

Hindenburgs Untreue gegenüber dem deutschen Kaiser (1918)

Als nächstes verriet Hindenburg dann seinen eigenen Kaiser, dem er ja auch äußerlich die Treue geschworen hatte. Als der Kaiser daran zweifelte, ob er nun selbst seinen Rücktritt erklären sollte, der von den Westmächten und den innerdeutschen Kräften links von der demokratischen Mitte gefordert worden war, ließ ihn die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Wilhelm Groener, dem Nachfolger Ludendorffs, wissen, daß man nicht sicher sein könne, ob sich der Kaiser noch auf sein im Feld stehendes Heer verlassen könne. Während das entscheidende Telefongespräch mit dem Kaiser stattfand, soll Hindenburg schnöde das Zimmer verlassen haben.

Hindenburgs Untreue gegenüber seinen Wählern (1929)

Schließlich unterzeichnete Hindenburg 1929 als von einer rechtsdemokratischen und rechtsnationalen Wählerschaft gewählter Reichspräsident den Young-Plan, was von der deutschen Rechten bis weit in die demokratische Mitte hinein als ein Verrat an der eigenen Wählerschaft angesehen wurde.

Hindenburgs Untreue gegenüber Brüning, Groener und Schleicher (1930 - 1934)

Aber selbst jene, auf die bauend Hindenburg "loyal" mit der demokratischen Mitte in Deutschland zusammenarbeitete, selbst seine engsten Mitarbeiter auf dem Weg in die "Präsidial-Diktatur" (nach 1930), so unter anderem der Reichskanzler Heinrich Brüning, der Reichswehrminister Wilhelm Groener und der kurzzeitige Reichskanzler Kurt von Schleicher, erfuhren die Untreue Hindenburgs, wie die neu ausgewerteten Quellen deutlicher als jemals zuvor zeigen. Sie wandten sich schwer enttäuscht von diesem Mann ab, auf dessen politische Zuverlässigkeit sie ihr eigenes politisches Schicksal aufgebaut hatten.

Als Schleicher und andere vormalig enge Mitarbeiter Hindenburgs dann 1934 während des sogenannten Röhm-Putsches ermordet wurden, scheint Hindenburg, der geistig auch in hohem Alter wesentlich wacher war, als ihm das die deutsche Öffentlichkeit - bis heute - hatte zutrauen wollen, nicht nur keinen Laut des Protestes von sich gegeben zu haben, sondern diese Ermordung möglicherweise sogar stillschweigend befürwortet zu haben.

Hindenburg hat in den Tagen, Wochen und Monaten nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler auch scharfe Protestschreiben und -telegramme, die er von seinem früheren "Kameraden" Ludendorff erhielt, unkommentiert an den Reichskanzler Hitler weitergeleitet. Geradezu so, als wolle er auch seinen zum scharfen politischen Gegner mutierten vormaligen Kameraden Ludendorff gerne den Nationalsozialisten ans Messer liefern bei der demnächst fälligen allgemeinen "Abrechnung" mit politischen Gegnern, die ja dann im Juni 1934 auch durchgeführt wurde, wobei Ludendorff aber verschont worden ist.

Die "Täuschungsmaschine" Hindenburg (1914 - 1934)

Aber der Gipfel und die Krone dieser riesigen "Täuschungsmaschinerie" Paul von Hindenburg liegt in dem Umstand begründet, den diese Biographie klarer als jede Veröffentlichung zuvor nachweist, daß Hindenburg seinen ganzen Ruhm als "Feldherr" und "treudeutscher Recke" - - - im "Schlaf" erworben hatte. Ohne jedes eigene Zutun. Während nämlich General Ludendorff die Schlacht von Tannenberg leitete, die seinen und Hindenburgs Ruhm und Ansehen in Deutschland und weltweit begründete, erfreute sich Hindenburg eines ruhigen und gesunden Schlafes, ging in Ostpreußen auf die Jagd, fuhr nur ab und an mit großen Handbewegungen über die Karte und überlies die eigentlichen militärischen Planungen und die Organisationsarbeit seinem Mitarbeiter Ludendorff. Hindenburg war an die Seite Ludendorffs vor allem deshalb gestellt worden, damit er Ludendorff in seiner Arbeit nicht störte und damit er alles unterschrieb, was Ludendorff ihm vorlegte.

Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler und wird von Ludendorff scharf kritisiert

Da Ludendorff hinwiederum weltanschaulich, politisch und kulturell nach 1918 einen so ganz anderen Weg einschlug als sein "Kamerad" Hindenburg, insbesondere von Ludendorff selbst so verstanden als "lebenslanges Lernen" aus den geschichtlichen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges (siehe seine dreibändigen Lebenserinnerungen), hatten die demokratische Mitte in Deutschland vor und nach dem Dritten Reich ebenso wie der nach 1925 von Ludendorff scharf bekämpfte Nationalsozialismus ein großes Interesse daran, daß der Mythos und die Legende von Hindenburgs weltgeschichtlichen militärischen Leistungen nicht, bzw. nicht "zu früh" entzaubert würden. (Übrigens eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit zwischen demokratischen und totalitären Kräften.)

Erich Ludendorff als ein führender Kopf des militärischen Widerstandes gegen Hitler (1935)

Denn diese militärischen Leistungen wären ja dann allein und ausschließlich Ludendorff zuzusprechen gewesen vor der deutschen und der Weltöffentlichkeit, was auch die politischen und weltanschaulichen Aktivitäten und Bestrebungen Erich Ludendorffs nach dem Ersten Weltkrieg nur allzu deutlich aufgewertet hätte.

Lügen jedoch haben kurze Beine, sagt ein deutsches Sprichwort. Und ob die genannten Kräfte auch im eigenen Interesse recht daran taten, mit derartigen Geschichtslegenden und -mythen ihre politischen Ziele durchzusetzen, zeigte sich ziemlich bald. Nämlich als der Kopf des deutschen militärischen Widerstandes gegen Hitler, der Kopf also von Kräften, die später unter dem Schlagwort der "konservativen Revolution" zusammengefaßt wurden (s.o.), als Generaloberst Ludwig Beck (1880 - 1944), im Jahr 1935 nach Hindenburgs Tod - im Einklang mit anderen führenden deutschen Militärs - versuchte, den eigentlichen militärisch genialen General des Ersten Weltkrieges Erich Ludendorff als ein Gegengewicht zum totalitär herrschenden "Führer und Reichskanzler Adolf Hitler" politisch in Stellung zu bringen.

Von diesem in seinem Umfang bislang weitgehend unbekannt gebliebenen Bemühen Becks gibt nun Kunde eine weitere 2007 erschienene, ebenfalls mit großer wissenschaftlicher Autorität veröffentlichten Biographie über eben diesen Ludwig Beck von seiten des Historikers Klaus-Jürgen Müller (2). Erich Ludendorff also als ein führender Kopf des militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und dessen Leichtfertigkeit, sich auf Kriege einzulassen.

Einfügung vom 7. 1. 2012: Mit großer Konsternierung stellt der Autor dieser Zeilen fest, daß die Historiker Manfred Nebelin und Rainer A. Blasius in ihrem Gedenkartikel zum 75. Todestag Erich Ludendorffs (13) an inhaltlich zentraler Stelle ein zeitgenössisches Zitat von Ludwig Beck bringen ("Alle Schuld auf Ludendorff"), das einer schon 1980 erschienenen geschichtlichen Studie über Ludwig Beck von Klaus-Jürgen Müller (1930-2011) (HSU-HH) entnommen ist (14), die das Verhältnis Ludendorff-Beck inhaltlich schon fast deckungsgleich darstellt zu der Darstellung in dem Buch desselben Autors im 2008.

Es handelt sich also hier um keine Neuerkenntnisse des Jahres 2008, sondern um solche des Jahres 1980! Ein Grund von mehreren dafür, daß offenbar kaum jemand auf die Brisanz der Studie des Jahres 1980 aufmerksam geworden ist seither, liegt daran, daß diese Brisanz in der Ludendorff-Biographie von Franz Uhle-Wettler aus dem Jahr 1995 überhaupt nicht herausgearbeitet wird. Obwohl doch gerade sie zu jener "Neubewertung" Veranlassung geben könnte, die im Untertitel dieser Biographie angekündigt wird. Stattdessen werden die Inhalte der Beck-Studie aus dem Jahr 1980 von Uhle-Wettler nur auf gut zwei Seiten behandelt (S. 415 - 417), und ganz ohne dabei eine Neubewertung der Rolle Ludendorffs im Dritten Reich herauszuarbeiten! 

Gerade auch das eben genannte zeitgenössische Zitat wirft inhaltlich eine solche Fülle von Fragen auf, daß es wirklich verwunderlich ist, daß diese Studie von 1980 dreißig Jahre lang zu keinerlei weiteren Eröterungen über die Rolle Erich Ludendorffs innerhalb des Dritten Reiches Anlaß gegeben hat, auch nicht in der Biographie Uhle-Wettlers. Auch auf dem Wikipedia-Artikel zu Erich Ludendorff ist diese für die Biographie Ludendorffs wichtige Studie von Klaus-Jürgen Müller aus dem Jahr 1980 bis heute nicht genannt.


Denkmalpflege in Tutzing am Starnberger See 2010

Denkmalschutz
Nicht zuletzt die Neuerkenntnisse und -bewertungen, die durch diese beiden Biographien veranlaßt werden, könnten mit dazu beigetragen haben, daß der bayerische Kulturpfleger Gerhard Schober (3) und der bayerische Denkmalpfleger Burkhard Körner (4) im Frühjahr dieses Jahres Pläne verwirklicht haben, die schon zehn Jahre zuvor angestoßen worden waren, nämlich das Wohnhaus Erich Ludendorffs in seinen letzten Lebensjahren in Tutzing am Starnberger See unter Denkmalschutz zu stellen (6-11).

Ein eher abseitiges Geschehen, eigentlich. Nicht so, offenbar, für die derzeitige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, für Charlotte Knobloch. Sie nahm sich Zeit, um sich zu diesem Vorgang auffallend differenziert zu äußern (7). Da der diesbezügliche Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" vom 16. Juni 2010 im Internet bislang nicht kostenfrei zugänglich ist (7), soll er hier weitgehend vollständig zitiert werden:

"Wahnhafte Ideologie“
Charlotte Knobloch kritisiert Bund für Gotterkenntnis, der in Tutzinger Ludendorff-Villa residiert

Tutzing – Für Charlotte Knobloch ist das Ganze „im schlimmsten Fall kontraproduktiv“, für Bürgermeister Stephan Wanner „außerordentlich unglücklich“: Das Landesamt für Denkmalpflege in München hat mit der Ludendorff-Villa in Tutzing ein Haus unter Denkmalschutz gestellt, das Sitz eines rechtsextremen Vereins ist, des Bundes für Gotterkenntnis Ludendorff e.V. Die Glaubensgemeinschaft will im Oktober eine sogenannte Hochschultagung in Oberbayern abhalten. Ob das Treffen wieder wie 2002 in dem Anwesen an der Mühlfeldstraße 2 stattfindet, ist unklar. Hausherr ist der Verein Ludendorff Gedenkstätte. Er erhält das Anwesen als eine Art privates Ludendorff-Museum.


Wie die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern auf Anfrage der SZ mitteilt, verstehe Tutzing den Schutz der Villa offenbar als Beitrag wider das Vergessen. „Das setzt aber voraus, dieses Bauwerk nicht unreflektiert unter Denkmalschutz zu stellen“, so Knobloch. Denn eine „wünschenswerte kritische Auseinandersetzung mit dem menschenverachtenden NS-Regime bedingt, sich inhaltlich mit Erich und Mathilde Ludendorff und deren geistigen Erben auseinanderzusetzen“.


Ludendorff (1865 bis 1937) war laut Edith Raim vom Institut für Zeitgeschichte in München „einer der Steigbügelhalter und Wegbereiter des frühen Hitler“. Als Erster Generalquartiermeister und Stellvertreter Paul von Hindenburgs stieg er im Ersten Weltkrieg zum eigentlichen Kopf der dritten Obersten Heeresleitung und zu einem der Machthaber im Reich auf. 1923 beteiligte er sich am Hitler-Putsch, distanzierte sich dann aber von dem Diktator. Später geriet Ludendorff unter den Einfluss seiner Frau Mathilde (1877 bis 1966).


Die überzeugte Antisemitin gründete die esoterisch-diffuse Bewegung der „Deutschen Gotterkenntnis“ und gab mit ihrem Mann sektiererische Schriften heraus. Ludendorff teilte die rassistischen Ansichten seiner Frau. Zu seinen „Kampfzielen“ schrieb er: „Im Inneren gilt der Kampf dem Judentum . . ., das auch das deutsche Volk in der autonomen Wirtschaftsprovinz ,Deutschland’ für sich arbeiten lassen will.“ Bürgermeister Wanner nennt ihn deshalb einen „glühenden Antisemiten“. Wie Knobloch meint, halte der Bund für Gotterkenntnis „die obskure, wahnhafte Ideologie des Ehepaars Ludendorff aufrecht und praktiziert sie weiter“. Die Villa Ludendorff diene der Gruppe „gewissermaßen als Schrein“. Für den Erhalt des Landhauses stünden künftig auf Basis des Denkmalschutzes Steuergelder zur Verfügung, „deren Verwendung genau zu prüfen ist“. (Seite 3) sum

Charlotte Knobloch

Auf diese Vorgänge hätte Charlotte Knobloch, zugleich Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, auch viel undifferenzierter reagieren können. Zum Beispiel in dem Tenor: "Empörend! Warum stellt man nicht gleich den Alterswohnsitz von Adolf Eichmann unter Denkmalschutz?" Dies geschieht aber keinesfalls. Sie sagt nur, daß der jetzt geschehene Vorgang sich "im schlimmsten Falle" (!) "kontraproduktiv" auswirken könne. Ansonsten meint sie, daß eine „wünschenswerte kritische Auseinandersetzung mit dem menschenverachtenden NS-Regime bedingt, sich inhaltlich mit Erich und Mathilde Ludendorff und deren geistigen Erben auseinanderzusetzen“.

Daß die Auseinandersetzung mit dem einen die Auseinandersetzung mit dem anderen "bedingen" soll, wird plausibel - und auch dann nur in ersten Ansätzen -, wenn man Neuerkenntnisse wie die der beiden genannten, im Jahr 2007 erschienenen Biographien in Rechnung stellt. Denn daß man das NS-Regime ausgerechnet dann verstehen würde - und inwiefern überhaupt? -, wenn man sich "inhaltlich mit Erich und Mathilde Ludendorff und deren geistigen Erben auseinandersetzen" würde, eine solche These wäre entweder unüberlegt geäußert oder aber einem so mehrschichtigen Räsonnement entsprungen, wie es dem Normalbürger wohl noch lange nicht zugänglich ist.

In jedem Falle könnte es sinnvoll sein, einmal das Verhältnis zwischen dem Nationalsozialismus und Erich und Mathilde Ludendorff gründlicher aufzuarbeiten. Hier gibt es noch viele Forschungslücken (s. etwa Wikip. und die dort genannte Forschungsliteratur).

Wissenschaft statt "Staatsschutz" ...

Oder ist es sogar richtig, in derartigen Äußerungen neue Nuancen in der jüdischen Argumentation gegenüber Deutschland herauszuhören? Eine jüdisch-orthodoxe "Rechte" und auch völkisch-rassistische "Rechte" gewinnt im heutigen Israel verstärkte politische Bedeutung, ist sogar schon in Ministerränge aufgerückt. Wobei sich beide rechten Richtungen gerne auch aufeinander beziehen, bzw. fließend ineinander übergehen oder bei den neokonservativen Vordenkern in den USA geistige (und natürlich ethnische) Verwandte finden. Warum sollten sich Juden in der Welt, die sich auch mit dem heutigen Israel in der einen oder anderen Weise identifizieren, dann nicht ebenfalls einer kritischen Auseinandersetzungen mit "Hitlers rechten Gegnern", mit den völkisch-naturalistischen Vordenkern der "Konservativen Revolution", mit dem, was "vor Hitler kam", etwa in Gestalt solcher geschichtlicher Erscheinungen wie Erich und Mathilde Ludendorff, in neuer Weise stellen?

Auch Fortschritte in der Wissenschaft (Kevin MacDonald, "Lewontin's Fallacy", jüngste Humanevolution, IQ- und Verhaltensgenetik) könnten hier Veranlassungen zu veränderten Haltungen geben.

Die Menschen im Umkreis des Zentralrates der Juden wissen ebenso wie jeder geschichtspolitisch gebildete Mensch sonst, welch eine Brisanz in einer solchen Neu-Nuancierung liegen könnte. Die Ludendorff-Bewegung wurde 1961 verboten, nachdem mit von der Stasi inszenierten Hakenkreuz-Schmiereien Stimmung gemacht worden war bezüglich der Gefahr eines neuen Antisemitismus in Deutschland. Das Verbot dieser Ludendorff-Bewegung wurde 1976 rückgängig gemacht. Das Problem hat man seither im Wesentlichen der Antifa, anstatt der "Rechtspflege" oder dem "Verfassungsschutz" überlassen. Wenn jetzt Charlotte Knobloch eine kritische Auseinandersetzung mit dem geistigen Erbe von Erich und Mathilde Ludendorff fordert im Rahmen der bundesdeutschen Denkmalpflege (oder darüber hinaus), dann sollte diese Anregung aufgegriffen werden.

Mathilde Ludendorff ist die einzige Vordenkerin der Autoren der "Konservativen Revolution", die ihr Weltbild in profunder Weise auf den modernen Naturerkenntnissen ihrer Zeit aufgebaut hat. Das unterscheidet sie von allen anderen Denkern dieser Zeit innerhalb dieses Spektrums, auch in vielen Aspekten von den Nationalsozialisten selbst. Und in diesem Umstand werden die Menschen im Umkreis des Zentralrats der Juden auch so manche Herausforderungen für die Zukunft sehen.


___________________________

  1. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler, München, 2007
  2. Müller, Klaus-Jürgen: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biographie. Schöningh, Paderborn 2008
  3. Schober, Gerhard: Frühe Villen und Landhäuser am Starnberger See. Zur Erinnerung an eine Kulturlandschaft. Oreos Verlag, Waakirchen 1998 (541 Seiten)
  4. Körner, Burkhard - Zuständigkeit: Führung der Denkmalliste Oberbayern, Stadt und Landkreis München, Landkreis Starnberg. Bayr. Landesamt f. Denkmalpflege. [3.8.2010] 
  5. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Villa Ludendorff, Mühlfeldstr. 2. (Auf: http://www.geodaten.bayern.de/tomcat_files/denkmal_start.html)
  6. Villa Ludendorff auf Denkmalschutzliste. In: Münchner Merkur, auf: Merkur-online.de, 17.3.2010
  7. Summer, Gerhard: "Wahnhafte Ideologie". Charlotte Knobloch kritisiert Bund für Gotterkenntnis, der in Tutzinger Ludendorff-Villa residiert. In: Süddt. Ztg., 18.6.2010, S. 41 (SZ-Archiv, Suchworte: "Ludendorff Knobloch")
  8. Summer, Gerhard: Ludendorff-Villa in Tutzing unter Denkmalschutz gestellt. ("Der Schrein des völkischen Generals") In: Süddt. Ztg., 18.6.2010, S. 43
  9. Wanner, Stephan (1. Bürgermeister von Tutzing): Die Villa Ludendorff – ein Stück lebendiger Erinnerungskultur. In: Tutzinger Nachrichten 6/2010 (29.6.2010), Themenheft "Frauen in Tutzing - Macht und Macherinnen", S. 12 (pdf.)
  10. Schmitz, Elke: Vorwort. In: Tutzinger Nachrichten 7/2010 (30.7.2010 ), Themenheft "Schönes bewahren - Denkmalschutz in Tutzing", S. 3, 4, 6, 8, 10. (pdf.)
  11. EK: Was darf, was muss, was kann in die Denkmalliste? In: Tutzinger Nachrichten 7/2010 (30.7.2010 ), Themenheft "Schönes bewahren - Denkmalschutz in Tutzing", S. 10. (pdf.)
  12. Wehler, Hans-Ulrich: Zwischen Bismarck und Hitler - Wolfram Pytas herausragende Biographie über Hindenburg, eine deutsche Unheilsfigur. In: Zeit, 46/2007, S. 16
  13. Nebelin, Manfred; Blasius, Rainer A.: Stratege in eigener Sache. In: FAZ, 20.12.2012
  14. Müller, Klaus-Jürgen: General Ludwig Beck. Studien und Dokumente zur politisch-militäri­schen Vorstellungswelt und Tätigkeit des Generalstabschefs des deutschen Heeres 1933- 1938, Boppard a. Rhein 1980 (= Schriften des Bundesarchivs Bd. 30) 

Freitag, 16. April 2010

Spätrömische Dekadenz im Bildungs- und Wissenschaftsbereich

Blamabel und empörend: Prof. Christoph Markschies

Der derzeitige Präsident der Humboldt-Universität Berlin, der evangelische Kirchenhistoriker und Pfarrer Christoph Markschies*), hat am 18. Dezember 2009 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt einen kostenlosen, öffentlichen Vortrag gehalten. Nun ist die --> Video-Aufzeichnung der Kurzfassung desselben erschienen. Das Thema:
"Survival of the fittest" - Läßt sich der Aufstieg des antiken Christentums als Evolution beschreiben?"
So die Themenstellung der Kurzfassung um 18.30 Uhr. Im ausführlicheren Nachmittagsvortrag um 14.45 Uhr lautete die Themenstellung dagegen schon wieder etwas "traditioneller":
In welchem Sinne haben sich Christentum und Islam in der Spätantike "entwickelt"?
(s.a. BBAW 1, 2) Daß sich Christentum und Islam bloß - kulturell - "entwickelt" hätten, wäre ja nun wirklich eine triviale Erkenntnis. Man fragte sich vor dem Vortrag: Ob Markschies wohl ein paar Angaben zur Religionsdemographie machen wird? Ergebnis: Nein, noch nicht einmal der leisteste Anflug eines Anhauchs von Erwähnen einer solchen Thematik scheint der Würde seines professoral-theologischen Gestus zu entsprechen. Dazu kommt dieser insgesamt vom Zeitgeist leicht beleidigt wirkende Pfarrer, Theologe und Universitätspräsident ja auch viel zu arrogant herüber.

Das Vortragsthema selbst jedenfalls schien schon ein gutes Gespür für aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen aufzuzeigen. Für Entwicklungen, für die etwa in Deutschland der Religionswissenschaftler Michael Blume steht, in Großbritannien Robin Dunbar und in den USA David Sloan Wilson oder Richard Sosis. Diese Entwicklungen waren schon oft Thema auf diesem Blog. Aber wie ernsthaft will man das eigentlich wirklich betreiben - am Ufer der Spree*)?

Nein, wie es scheint, läßt Markschies sich nicht wirklich beeinflussen von dem aktuellen Forschungsstand. Blamabel! Er hält die aktuelle Diskussion um "Evolution" der Religion für eine "Modeerscheinung". Das einzige, was für Herrn Markschies keine Modeerscheinung gewesen zu sein scheint und ist, das ist offenbar die Bibel, "seine" Bibel (?). Wenn er nicht so unglaublich arrogant und blamabel herüber käme, würde man sich ja sogar noch darüber auseinander setzen wollen ...

Christoph Markschies! Universitätspräsidenten stehen derzeit teils gewollt, teils ungewollt im Zentrum von brisanteren gesellschaftspolitischen Debatten. Zumindest in Berlin. Dies zeigte nicht nur der Berliner FU-Präsident Dieter Lenzen (siehe auch St. gen.) und die Diskussionen rund um seinen Wechsel nach Hamburg, sondern dies zeigt eben auch Christoph Markschies.

"Loose change" - Der populärste Film des Internets

So ist auf Wikipedia zu erfahren, daß Markschies 2006 verbot, den populärsten Film des Internets im Kino der Universität zu zeigen. Und welcher Film ist das, der den Studenten da so auf den Nägeln brennt? ... Wir erfahren, daß er heißt: "Loose Change". Ein Film über Zweifel an der offiziellen Täterversion zu 9/11. Auch die deutschsprachige Version dieses Filmes ist frei im Netz abrufbar. Aber warum verbietet Herr Markschies gerade die Aufführung dieses Filmes? Wo doch an Universitäten von Studenten oft viel größerer Schrott an Filmen vorgeführt wird, als gerade eine solche ernsthafte Dokumentation mit weitreichenden, gesellschaftspolitischen Implikationen? Etwa aus den gleichen Gründen, aus denen heraus er - sicherlich zum Aufatmen vieler Menschen - neuerdings eine Verlängerung seines Amtes nach 2010 nicht mehr anstrebt? Sieht so monotheistische Zensur aus? - Heute?

Jan Assmann war auch geladen

Ob ein Pfarrer und Universitätspräsident, der die Aufführung solcher Filme verbietet, noch gute Vorträge zum Thema "Evolution der Religion(en)" halten kann, war sowieso von Anfang an zweifelhaft. Nun ist es im Übermaß bewiesen, wie berechtigt diese Zweifel waren. Aber da auf der Vortragsveranstaltung unter diesem Titel am 18. Dezember auch Jan Assmann gesprochen hat über den Weg vom Polytheismus zum Monotheismus (Untertitel: "Evolution oder Revolution"?), wird man die Veranstaltung sicherlich als eine hochkarätig besetzte ansehen müssen. Sie wollte laut Ankündigung insbesondere Konzepte des amerikanischen Religionssoziologen Robert N. Bellah (geb. 1925) aufgreifen, der eine von vielen Stufentheorien zur Religionsgeschichte vorgelegt hat. Und sie fragte,
ob bestimmte Stufen der kognitiven Entwicklung (in der Menschheitsgeschichte) bestimmte Stufenbildungen in der Religionsgeschichte zu erklären vermögen.
Das wäre natürlich eine vielversprechende Fragestellung. Aber es waren nur Geisteswissenschaftler als Vortragende geladen. Hätte endlich einmal wenigstens einer von ihnen - ebenso wie Thilo Sarrazin, Helmut Schmidt, Dieter Lenzen oder der Hirnforscher Gerhard Roth - die Tatsache thematisiert, daß Intelligenz zu großen Teilen erblich ist und sich unterschiedlich auf die Völker und Epochen der Weltgeschichte verteilt? Wie soll man denn ohne Mitberücksichtigung dieser Tatsache vernünftigerweise, das heißt, auf dem wissenschaftlichen Stand von heute die "kognitive Entwicklung" in der Evolution und in der Weltgeschichte in Beziehung setzen zu Stufenbildungen in der Religionsgeschichte?

Auf den ersten Blick gewinnt man den Eindruck, daß die Vortragenden, sofern sie sich zuvor nicht ernsthaft auf dem Gebiet der Naturwissenschaft umgetan haben (wie zumindest ansatzweise die vier genannten Herren), bestenfalls neue "Modeworte" für schon ältere, religionsgeschichtliche Erkenntnisse gefunden haben. Darüber kann dann ein monotheistischer Herr Markschies natürlich nur müde spotten. ... Aber noch der Spott ist kindlich, naiv und blamabel. Man wird diese drei Adjektive auf einen Nenner bringen dürfen: Sein Spott ist - - - theologisch, isoliert geisteswissenschaftlich. Hochnäsig.

.... "Lippenbekenntnisse"?

Man hätte es der BBAW wünschen wollen, daß es bei derartigen Vortragsveranstaltungen nicht immer nur zu "Lippenbekenntnisse(n) zur evolutionären Bedingtheit des Menschen" kommen würde, wie wir das schon vor einem halben Jahr kritisch zu einer ihrer Veranstaltungen hatten anmerken müssen (St. gen. berichtete). Man sollte doch beachten, daß die "Preußische Akademie der Wissenschaften" noch heute von dem Ansehen zehrt, das ihr einst ihre Blütezeit unter Friedrich dem Großen verschafft hatte. Friedrich der Große ist als ein Regent in die Geschichte eingegangen, dem jede "Political", "Religious" oder "Philosophical" "Correctness" ein Greuel war, und der sie "tiefer hängen" ließ. Und letztlich wurzelt jede dieser "Korrektheiten" wohl letztlich in Monotheismen. Das sollte wohl künftig noch besser herausgearbeitet werden. "Korrektheiten" stimmen am ehesten mit monotheistischem Geist zusammen.

Es darf mit Fug und Recht erwartet werden, daß die Akademievorlesung von Peter Weingart am Vortag - Thema: "Zur Evolution sozialer Systeme" - schon Handfesteres und dem eigentlichen Ethos der Wissenschaft Nahestehenderes zu bieten gehabt hatte. Peter Weingart ist zwar auch von Hause aus Geisteswissenschaftler. Aber einer, der sich vorbildlich schon seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der naturwissenschaftlichen Theoriebildung im Bereich der Soziobiologie umgetan hat. Und der diese Theorien - wie sich das für einen akademisch gebildeten Menschen von heute eigentlich von selbst verstehen sollte - auch verstanden hat und selbständig weiterdenken kann.

Dekadentester Spott

Wer dies nicht tut, leistet spätrömischer Dekandenz auf dem Bildungs- und Wissenschaftssektor Vorschub. Um diesen eigentlich trivial-banalen Sachverhalt auch einmal so zu benennen, wie er zu benennen ist. Derartige Haltungen führen - letztlich - in die Wissenschaftsferne eines neuen Mittelalters, das - bekanntlich - auf die spätrömische Dekadenz insbesondere auch im Wissenschaftsleben folgte.

Daß es noch heute Universitätspräsidenten gibt, von denen man noch nicht einmal "Lippenbekenntnisse" zur evolutionären Bedingtheit des Menschen hört, sondern nur: Spott. Was hat das mit Wissenschaft zu tun? Und dieser Universitätsprädident stellt sich selbst in eine Reihe mit so vielen, großen, bedeutenden Vorgängern? Das ist hellauf empörend. Und zutiefst: dekadent.

Was der vielköpfige Drachen, genannt "Politische Korrektheit", in Deutschland und der Welt wohl noch so alles an Steilheiten und Verstiegenheiten hervorbringen wird? Wir dürfen gespannt sein. Es wird in jedem Fall sein: Krampf, Krampf, Krampf.
__________
*) Das Institut von Christoph Markschies, die Theologische Fakultät, liegt an prominenter Stelle direkt an der Spree gegenüber der Museumsinsel: oben rechts abgebildet mit ihrem "gläsernen Hörsaal" zur Straße hinaus.

Nachbemerkung:
Dieser Beitrag erschien ursprünglich
am 28.11.09. Er erscheint heute, am 16.4.10,
aufgrund der inzwischen veröffentlichten Video-Aufzeichnung
aktualisiert und ergänzt: um einige eindeutige Bewertungen.

Montag, 27. Juli 2009

"Die Freiheit hat einen Ort in der Evolution"

Erste Ansätze zu einer "Naturgeschichte der Freiheit" von Seiten des Philosophen Volker Gerhardt

Wenn man sich mit der Arbeit der "Arbeitsgruppe Humanprojekt" bei der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" (BBAW) beschäftigt, stößt man auf ein so spannendes wie grundlegendes Buch mit dem Titel "Naturgeschichte der Freiheit" (1)*). Der Buchtitel geht auf eine gleichbetitelte Vorlesungsreihe der BBAW aus dem Jahr 2007 zurück. 

Schon der Titel enthält so viele Implikationen! Wird hier etwa der Versuch gemacht - endlich der Versuch gemacht, eine konsequent naturalistische Erklärung menschlicher Willensfreiheit zu geben? Nachdem das naturwissenschaftsnahe ("naturalistische") Denken und Forschen heute so weit verbreitet unter Hirnforschern und darüber hinaus ist und so auffällig kurzsichtig gerade diese menschliche Willensfreiheit und damit letztlich die Existenz menschlicher Verantwortung überhaupt abstreitet?

Abb. 1: Volker Gerhardt (SPD), aufgenommen während eines Gespräches mit Olaf Scholz (SPD) (Welt, 02/2011)

Den Kern-Vortrag dieser Vorlesungsreihe, an der etwa auch Hirnforscher Gerhard Roth teilgenommen hat,  wurde von dem Vizepräsidenten der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" gehalten. Das ist der Philosoph Volker Gerhardt (Wiki) (Abb. 1). In der Buchvorstellung erfährt man über diesen Vortrag das folgende:

Gelingt es, die Eigenständigkeit lebendiger Systeme in ihrer spezifischen Gesetzmäßigkeit genauer zu fassen, wäre es möglich, die Selbstorganisation des Lebendigen mit der Selbstbestimmung gesellschaftlich handelnder Personen zu parallelisieren. Nach den im Humanprojekt bereits im Herbst 2005 vorgetragenen Überlegungen von Volker Gerhardt ist es auf diesem Wege möglich, eine Annäherung biologischer und sozialer Beschreibungsverfahren zu erzielen. Gelingt dies, so kann man hoffen, daß sich die (sich stets in sozialer Selbstbestimmung äußernde) menschliche Freiheit als eine komplexe Form lebendigen Verhaltens ausweisen läßt. Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens. Die Negation der Freiheit fiele dann mit der Negation des Lebendigen überhaupt zusammen, eine Konsequenz, die auch für Neurobiologen nicht ohne Folgen wäre.

"Damit hätte die Freiheit einen Ort in der Evolution des Lebens." - Also zielt der Vortrag offenbar auf eine rein naturwissenschaftliche Erklärung der Willensfreiheit hin. Von einem solchen Anliegen hat man in den letzten Jahren selten gehört. Der diesbezügliche Aufsatz findet sich frei zugänglich im Internet (1, Google Bücher).

Gleich zu Beginn stößt man auf recht kühn-gelassene Sätze über die Freiheit jener, die von ihrer eigenen Freiheit Gebrauch machen und die menschliche Willensfreiheit durch den Gebrauch ihrer eigenen Freiheit infrage stellen ... 

Humor ist also auch vorhanden. Das kann nur von Vorteil sein.

Ein Philosoph, der über Freiheitsgrade in der Evolution argumentiert - welch rarer Fall!

Gerhardt äußert den vordergründig zunächst paradoxen Satz, der einem aber zugleich viel Vertrauen in sein Räsonieren schenkt (1, S. 464):

Freiheit ist nur möglich, wo sich der Mensch auf die lückenlose Kausalität der Natur verlassen kann. (...) Der Mensch müßte an sich irre werden, wenn seine Kausalität aus Freiheit in Widerspruch zur Kausalität der physischen und physiologischen und - am Ende natürlich auch - der neurologischen Prozesse stünde.

Ein hinreißender Gedanke, den man aber erst einmal etwas auf sich wirken lassen muß.

Damit ist auch gesagt, daß man eben, wenn man nach einer naturwissenschaftsnahen ("naturalistischen") Erklärung menschlicher Willensfreiheit fragt, zunächst einmal nach den Freiheitsgraden in der Evolution überhaupt zu fragen hat. Wenn es dort "Freiheitsgrade" gibt, warum soll es solche dann nicht auch im menschlichen Gehirn geben? (Und zwar auch jenseits der viel zu häufig in diesem Zusammenhang angeführten Quantenphysik?)

Manfred Eigen nicht im Personenverzeichnis genannt

Es wird zunächst nicht ersichtlich, wie weit Gerhardt einen Autor wie Manfred Eigen und dessen Buch "Das Spiel - Naturgesetze bestimmen den Zufall" (2) rezipiert hat. Grundsätzlich argumentiert er jedoch durchaus in die Richtung von Manfred Eigen. Wenn auch nicht von so präzisen Ausgangspunkten in der empirischen Forschung und in mathematisch-statistischen Überlegungen herkommend und sich an ihnen entlang bewegend, wie das Manfred Eigen zusammen mit seinen Mitarbeitern getan hat. Dieses Buch müßte doch für Herrn Gerhardt einmal eine Lektüre wert sein. Auch Konrad Lorenz hat sich ja geistig sehr durch dieses Buch befruchten lassen, als er in Richtung der Unvorhersehbarkeit, Nichtdeterminiertheit des evolutionären Geschehens argumentierte und damit in Richtung der Verantwortlichkeit des Menschen für die weitere Entwicklung (3).

Ein fester Kristall behauptet starr seine individuelle Eigenform gegenüber einer Umwelt, deren Kräfte gegebenenfalls darauf ausgerichtet sind, ihn zu verformen und zu verändern, ihn der Umwelt anzugleichen. Deshalb neigen wir dazu, die Schönheit seiner je individuellen, einzigartigen "Eigenpersönlichkeit" zu bewundern. Ein flüssiger Kristall behauptet ebenfalls seine Eigenform, nun sogar in noch größerer Anpassungsfähigkeit gegenüber Kräften, die gegebenenfalls darauf ausgerichtet sind, diese Eigenform zu zerstören. Und eine lebende Biozelle bewegt sich "aus eigenem Antrieb", wie Gerhardt ausführt (- ohne auf die ebengenannten Vorformen von Individualität in der nichtbelebten Natur einzugehen).

Die lebende Biozelle jedenfalls behauptet ihre Eigenform und die Individualität ihrer Art durch noch größere Anpassungsfähigkeit gegenüber einer diese Eigenform bedrohenden Umwelt. Gerhardt spricht von der "eigenen Dynamik" der Lebewesen. Von der sponaten Verursachung ihrer Lebensvollzüge, von ihrer "Eigengesetzlichkeit" (1, S. 464f). - Warum dies nun aber schon für sich selbst ein Argument dafür sein soll, daß Lebewesen im menschlichen Sinne "frei" sind und "Freiheit" gegenüber Zwang (oder gar gegenüber Existenzvernichtung) behaupten, wird noch nicht ganz deutlich.

Die Eigendynamik des Lebens und seine Behauptung von Individualität

Hier wäre wenigstens noch herauszuarbeiten, daß etwaige Freiheitsgrade im Lebensvollzug der ihrer selbst unbewußten - oder schon von Instinkten und Lernprogrammen geleiteten - Natur von jeweils neuer Art sind, daß also die Freiheitsgrade im Lebensvollzug von bewußt entscheidenden Lebewesen wie dem Menschen wesentlich größere sind, als die aller anderen Lebewesen. Diesen stufenweisen Fortschritt hat Konrad Lorenz in "Die Rückseite des Spiegels" herausgearbeitet (4), wobei er darauf hingewiesen hat, daß es insbesondere die immer größere Fähigkeit zum Irrtum des individuell lernenden Individuums (schon im Tierreich) ist, die dann immer größere Grade von (Handlungs- und Entscheidungs-)Freiheit ermöglicht. Und diese Irrtumsanfälligkeit wird durch die "Lehrmeister" Lust und Unlust auf den Bahnen der Existenzerhaltung gehalten.

Es wäre herauszuarbeiten, daß eben hier - wie dies schon Hegel, ausgehend von den Gedanken seines philosophierenden Dichterfreundes Hölderlin getan hat - wohl von einem stufenweisen, evolutionären "Fortschritt im Bewußtsein" und im "Bewußtwerden von Freiheit" die Rede sein kann.

Es wäre also noch herauszuarbeiten, daß Freiheit in jenem vollen Umfang, wie wir sie heute als Menschen verstehen und bewußt erleben, ein Endprodukt der Evolution darstellt.**) Es könnte sinnvoll sein, sich auch die weiteren Ausführungen von Gerhardt noch genauer anzuschauen. Dennoch schade, daß nirgends auf Manred Eigen und sein Buch "Das Spiel" Bezug genommen wird. Ebenso schade, daß die schon so weitgehenden psychologischen Forschungen von Konrad Lorenz nicht zu Rate gezogen worden sind.

Friedrich Schiller: Ansätze naturalistischen Philosophierens

Wenn es um die Freiheit geht, ist natürlich der Dichter und Philosoph Friedrich Schiller immer ein gern gewählter Referenzpunkt. Auch Manfred Eigen zitiert Schillers Satz "Der Mensch ist immer nur dort ganz Mensch, wo er spielt". Friedrich Schiller hat in seiner Jugend Medizin studiert und anfangs sehr deutlich von medizinischer Fachkenntnis aus mit seinem philosophischen Denken begonnen (laut Erinnerungen an diesbezügliche Philosophie-Vorlesungen von Professor Rudolf Malter in Mainz).

Auch in seinem "Don Carlos" wird letztlich sein naturwissenschaftsnahes ("naturalistisches") Räsonnement deutlich, nämlich in der emphatischen Ansprache des gesellschaftlichen Reformers Marquis Posa an den bigott-katholischen, dikatorischen spanischen König:

Sehen Sie sich um ...
... in der herrlichen Natur,
auf Freiheit ist sie gegründet.
Und wie reich ist sie durch Freiheit.

Da ist es natürlich sehr passend, daß ein Denkmal dieses Friedrich Schiller in Berlin auf dem Gendarmenmarkt direkt auf - nein: in - das Gebäude der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" blickt. 


"Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!"


Jedenfalls: Wenn eine "Akademie der Wissenschaften" wie die "Berlin Brandenburgische" einen solchen Vizepräsidenten hat, dann, so möchte man meinen, - - - ... "wird noch alles gut". Dann besteht aller Anlaß, die humanistisch-naturalistische Giordano Bruno-Stiftung gut zu finden. Aber - so wird man sagen: Die "Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften" könnte noch um vieles besser, um vieles wichtiger sein. Denn sie vertritt - unter anderem - aus dem naturalistischen Denken heraus den Gedanken der Freiheit. Da bekommt erst all das Positive, das man bislang schon bei "Studium generale" von dieser "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" hatte erfahren können, einen abschließenderen Sinn. Wenn eine solche Organisation einen solchen Vizepräsidenten hat.


Auch ein Video-Vortrag, auf den man über den Wikipedia-Artikel zu Volker Gerhardt stößt, beginnt unkonventionell, wenn es dort gleich in den ersten Sätzen heißt:

"Früher war es für einen Wissenschaftler wichtig, nicht für einen Künstler gehalten zu werden ..."

"Früher" ... - Damit ist klar: Mit diesem Volker Gerhardt muß sich "Studium generale" noch gründlicher befassen. (Ergänzung 2011: Es gibt inzwischen noch mehr Videos mit ihm, etwa "Das Göttliche als Sinn des Daseins", in dem viel von Charles Darwin die Rede ist [Teil 1 und 2], in dem aber "das Göttliche" [in Teil 3] bloß postuliert wird, noch nicht einmal stingent philosophisch begründet wird, geschweige denn  in Bezug gesetzt wird zum naturwissenschaftlichen Kenntnisstand. Gerhardt schließt sogar das Argumentieren für eine personale Gottheit nicht als möglich aus. ...)

Daß das naturalistische Argument für die Willensfreiheit ist ein sehr grundlegendes auch für diesen Blog selbst und sein gesellschaftliches Freiheits- und Verantwortungsverständnis ist, daß sich also Freiheit und Verantwortung auch in der Natur - und damit auch im Menschen - verwirklicht, dafür haben wir auch schon an anderer Stelle Plausibilitätsargumente zusammengestellt (s. "Über Studium generale I".) Aus der Sicht etwa des wichtigen Buches "Das Spiel" von Manfred Eigen erscheint einem diese Einsicht geradezu selbstverständlich, ja, notwendig. Und man wundert sich nur, daß dieser Gedanke nicht schon längst möglichst wissenschaftsnah auch von anderen den Naturwissenschaften nahestehenden Menschen vertreten worden ist.


(überarbeitet und neu gegliedert: 9.9.11)

_____________________
*) Professor Joachim Bauer aus Freiburg machte uns freundlicherweise auf seinen Vortrag aufmerksam, den er vor einer Woche, am 17. Juli 2009, in Berlin gehalten hat: "Kreative Biosysteme - Einige Gedanken zur Koevolution von Natur und Kultur". Er wurde gehalten im Rahmen des 22. Arbeitstreffens der "Interdisziplinären Arbeitsgruppe Humanprojekt - Zur Stellung des Menschen in der Natur" der "Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften" (BBAW).
**) Exkurs: Ja, möglicherweise sogar ein "Ziel" derselben - was aber ein neuer, weitergehender Gedankengang wäre. Immerhin ließe sich ein solcher Gedankengang formulieren, schon, weil es keine schlüssigen, widerspruchsfreien Alternativen zu ihm gibt: Das Weltall entstand, um Freiheit im bewußten Lebensvollzug möglich zu machen. Der Urknall wäre dann der Phasenübergang von einer unbegrenzten Freiheit von Möglichkeiten gewesen hin zu einer stufenweise verwirklichten Möglichkeit von bewußt erlebter und diese Freiheit von Möglichkeiten und Wirklichkeiten nachvollziehender Freiheit.

_____________________
  1. Gerhardt, Volker: Leben ist das größere Problem. Philosophische Annäherungen an eine Naturgeschichte der Freiheit. In: Heilinger, Jan-Christoph (Hrsg.): Naturgeschichte der Freiheit. Humanprojekt: Interdiszinplaere Anthropologie. Gruyter 2007 (Google Bücher)
  2. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München 1975; neu aufgelegt Christian Rieck Verlag Eschborn 2010
  3. Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen. Piper, München 1983
  4. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte des menschlichen Erkennens. Piper, München 1973

Samstag, 18. Juli 2009

Ein Universitätspräsident und Erziehungswissenschaftler über Gott und IQ

Ob sich der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, der Präsident der Freien Universität Berlin, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dieter Lenzen insgesamt für das richtige Bildungssystem einsetzt und für die richtige Universitäts-Landschaft (Stichwort "frühkindliche Bildung", Stichwort "Elite-Universitäten"), das bleibe an dieser Stelle ziemlich deutlich dahingestellt. (Hier ein paar persönliche Eindrücke von ihm: Video, 3Sat, 3Sat)

Doch lassen zum anderen Worte aufhorchen, die Dieter Lenzen im April dieses Jahres innerhalb eines Argumentationsstranges "Pro Religion" als Schulfach in Berlin geäußert hat, und auf die mancher erst jetzt stößt (Tagesspiegel, 24.4.09), vielleicht auch angestoßen durch das Laborjournal:
...

Für moralisches Handeln, das den Ansprüchen einer Gesellschaft genügt, die auf Gemeinsamkeit angelegt ist, braucht der Mensch Motive und Gründe. Denn es ist allemal bequemer, nach dem Muster zu leben: „Alles ist gut, was für mich gut ist.“ Das ist übrigens die unterste Stufe der menschlichen Moralentwicklung, die in gewisser Weise auch Schimpansen und Flusspferde erreichen. Warum sollten unsere Kinder also auf die Annehmlichkeiten eines solchen Egoismus verzichten? Dazu müssen wir ihnen Gründe nennen. Das können zum Beispiel Vernunftgründe sein, wie sie in einem Fach Ethik vermittelt werden können. Es ist einfach vernünftig, Egozentrismus nicht zuzulassen und sein eigenes expansives Handeln an der Grenze enden zu lassen, die durch die Rechte des Nächsten definiert sind. Das kann man im Ethikunterricht vermitteln, und wer vernünftig ist, müsste dieser Maxime eigentlich folgen können. – Aber nur „eigentlich“, denn wir wissen, dass diese Regel leider oftmals nicht funktioniert. Man wird häufig mehr benötigen als vernünftige Gründe, um Menschen zu einem gemeinschaftsfähigen Handeln zu bringen.

Religion ist ein solches „Mehr“. Sich an ihr zu orientieren, geht über die nicht selten als beliebig erscheinende Erwägungskultur des hier und jetzt hinaus. Für Religion gibt es mehr als nur vernünftige Gründe, sein Verhalten sozial zu orientieren.
Pädagogisch geförderte Verantwortung gegenüber der "Wucht" von "wirkenden Prinzipien" in der Natur

Das ist alles objektiv sehr richtig gesagt. - Allerdings sei darauf hingewiesen, daß eine so renommierte Verhaltensforscherin wie Jane Goodall von ihren Schimpansen sagt, daß sie manche Schimpansen mehr mag als manche Menschen und daß sie manche Menschen mehr mag als manche Schimpansen. So tief "unter" dem Menschen können also Schimpansen in der Moralentwicklung doch nicht stehen ... . - Jedenfalls: Die gleichen Sätze könnten auch "Pro Ethik" gesagt werden, denn Ethik-Unterricht schließt ja die Erörterung einer solchen hier genannten Funktion von Religiosität mit ein. Diese Sätze sind gültig unabhängig von dem, was man für einer Weltanschauung anhängt. Aber dann bezieht Lenzen auch selbst einen weltanschaulichen Standpunkt:
Ich weiß nicht, ob es Gott gibt. Niemand weiß das. Aber ich weiß, dass die Welt um mich herum vom kleinsten Molekül bis zur Mechanik der Planeten eine intelligente Konstruktion ist, die für manchen die Frage aufwirft: Wer hat sich das ausgedacht, wem gehört es? Darauf kann Religion und Religionsunterricht keine sichere Antwort geben, aber ein Erklärungsangebot: Ein guter Religionsunterricht wird diesen Gott nicht als Person zeichnen, sondern vielleicht als eine Art wirkendes Prinzip. Kinder und Jugendlichen, die diesem Angebot begegnen, werden eines begreifen: Nicht ich habe all das gemacht, und schon gar nicht gehört es mir. Also kann ich damit nicht machen, was ich will. Auf diese Weise entsteht ein „Über-Ich“, ein Gewissen, eine mentale Steuerungsinstanz, die folgende Frage gegenwärtig hält: Kann ich, was ich jetzt tun will, vor der „Wucht“ dieses wirkenden Prinzips rechtfertigen? Darf ich morden, stehlen, lügen, betrügen? Darf ich dem wirkenden Prinzip, das ich nicht selbst bin, sondern das auf mich selbst wirkt, meinen Egoismus entgegensetzen?
Das kann man für geradezu begeisternde Sätze halten. So und nicht anders "muß" man es doch heute formulieren, wenn man überhaupt etwas religiös formulieren und begründen will. Wie denn wohl sonst? Übrigens sind all das, was Lenzen hier vorbringt, wiederum "vernünftige Gründe". Was denn sonst. Auch Lenzen glaubt nicht gerade deshalb an Gott, "weil es absurd ist", sondern weil er glaubt, daß er dafür vernünftige Gründe hat. Und wer möchte es denn noch auf andere Weise tun?

Übrigens ist der hier geäußerte Standpunkt auch gar kein christlicher mehr. Von einem Gott, der nicht Person ist, der nur "wirkendes Prinzip" ist, findet sich in der Bibel nichts. Mit einem solchen Gott hat Jesus auch nie geredet. Und von einem Gott, der nicht Person ist, muß es einem auch nicht erst noch explizit verboten werden, sich ein "Bild" zu machen. Das, was Lenzen hier sagt, ist also nicht christlich.*) Und man braucht deshalb auch gar keinen Religionsunterricht, um solche Dinge zu sagen. (Wenn man an Gott glaubt, ist es außerdem auch viel überzeugender, Kindern das vorzuleben, als ihnen ständig davon zu reden.)

Wie man aber Lenzen nun in einer hysterischen, aufgebrachten Debatte zum Anhänger von "Intelligent Design" erklären kann (so der AStA der FU Berlin, so auch jüngst das allmählich "berühmt-berüchtigte" "Laborjournal"), dazu gehört auch allerhand Veranlagung zu Hysterie und zum Reden und Schreiben, bevor man sich überhaupt gründlicher mit den Dingen beschäftigt hat. Daß Studenten zu etwas fähig sind und nur schon auf die Verwendung des Begriffes "intelligente Konstruktion" geradezu reflexartig hysterisch reagieren, ist ein Armutszeugnis und scheint eher die Reaktion von Geisteswissenschaftlern, denn von Naturwissenschaftlern zu sein.

Wäre Natur nicht intelligent konstruiert, könnten wir sie ja gar nicht erforschen. Erst wenn ein personaler "intelligenter Designer" mithinzugenommen wird in die Vorannahmen, hat man es ja mit der unwissenschaftlichen Richtung des "Intelligent Design" zu tun.

Die kognitiven Fähigkeiten von Migrantenkindern sind durchschnittlich geringer

Aber was findet man dann - aufmerksam geworden - auf Wikipedia noch weitergehend zu Dieter Lenzen?:
Öffentlicher Kritik ausgesetzt war Lenzen, nach seiner Interview-Äußerung, der Intelligenzquotient türkischer Migranten sei geringer als der der deutschen Bevölkerung.
Dabei hat er sich auf eine Studie der Universität Hannover berufen, wie wir weiterlesen (Welt, 23.7.05):
Mangelnde "kognitive Fähigkeiten" bei Kindern mit Migrationshintergrund werden dort genannt, und es wird auch festgestellt, daß "in Familien ohne Migrationsgeschichte die jeweils höchsten Leistungen erzielt werden" im Leseverständnis, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften.
Na so was. Und wer von der Banalität weiß, daß praktisch jeder Schultest zugleich auch ein Intelligenztest ist, weiß, daß es Haarspalterei ist, wenn man Lenzen vorwirft, in der Studie sei von "Intelligenzquotient" gar nicht die Rede gewesen. Interessant auch, wie alle Wissenschaftler die Köpfe einziehen, wenn sie nun explizit zu diesen Dingen gefragt werden. Sie wollen weder positiv bestätigen, noch negativ verneinen. Das sagt mehr als tausend Worte über das, was ihre eigene Überzeugung ist. Und vielleicht auch manches über ihr Verantwortungsbewußtsein in wissenschaftlichen Fragen und in Fragen, die von öffentlicher, gesellschaftlicher Bedeutung sind. Wir lesen weiter im "Welt"-Artikel:

Doch Lenzen hätte sich bei seiner umstrittenen Äußerung durchaus auf andere Studien berufen können, aus der angelsächsischen Wissenschaft wie auch aus der deutschen. Volkmar Weiss ist hierzulande der Wissenschaftler, der sich in dieser Frage wohl am weitesten hervorwagt. Der Intelligenzforscher und Leiter der - dem sächsischen Staat unterstellten - Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig weist seit der ersten Pisa-Studie darauf hin, daß der IQ von Zuwanderern aus der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion zwischen zehn und 15 Prozent niedriger liege.

Das Thema wird in der Forschung als heikel angesehen, deshalb wollen sich Universitätsprofessoren - wie etwa die Autoren der Hannoveraner Studie - zu Weiss' Arbeit weder positiv noch negativ äußern. Heikel auch deshalb, weil es mittlerweile unstrittig ist, daß Intelligenz sehr stark auch von Erbanlagen bestimmt wird - und deshalb einschlägige Aussagen über ethnische Gruppen allzuschnell mit dem Vorwurf des Rassismus beantwortet werden. Dabei gilt Weiss als seriös, wird gern zitiert von der Presse bis hin zur "Taz". ...

- Um aber auf Lenzen zurückzukommen: Er hat offenbar doch so den einen oder anderen "Fan", auch unter Studenten und Lehrenden. Vielleicht hat er in der Zukunft so bei dem einen oder anderen Thema auch den einen oder anderen Fan mehr. ... - Wenn man übrigens von einer deutlichen Erblichkeit von Intelligenz ausgeht, kann sich der Blick auf viele Fragen in der modernen Bildungspolitik, z.B. bezüglich frühkindlicher "Bildung" und auch bezüglich von "Elite" doch auch recht deutlich ändern. Offenbar ist Lenzen im eigenen Denken noch gar nicht so weit vorgedrungen.

Das "Credo" von "Studium generale"

Die erblich bedingte menschliche Intelligenz erforscht die "intelligenten Konstruktionen", die man in der Natur vorfindet - auch in der Natur des Menschen selbst - und leitet von ihnen "vernünftige Gründe" ab, die auf ein "wirkendes Prinzip" deuten, das man "Gott" nennen kann, demgegenüber man sich verantwortlich fühlen kann. All das ist auch das Credo von "Studium generale" und wird schlicht der allgemeine gesellschaftliche Konsens der Zukunft sein. Welche Sichtweise sollte es denn wohl sonst sein?

_______

*) Daß sich in der Bibel viele Aspekte finden, von denen gesagt werden könnte, hier würde Gott nur als Personifizierung von Naturkräften angesprochen, bleibt davon unberührt. Ausschließlich als Personifizierung von Naturkräften kann der Gott der Bibel nicht interpretiert werden, da überhaupt die Unterscheidung zwischen natürlichen und übernatürlichen Kräften eine neuzeitliche, im wesentlichen nach-kantianische ist. Eine Interpretation von Gott nur als ein wirkendes Prinzip kann man deshalb gerne als eine auch in christlicher Tradition stehende begreifen - Christentum selbst ist das nicht mehr.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Lippenbekenntnisse zur evolutionären Bedingtheit des Menschen

Es sollen einige Kommentare gegeben werden zu der Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die gestern abend in Berlin stattgefunden hat zum Thema "Die Evolution des menschlichen Sozialverhaltens" (s. St. gen., BBAW).

Es ist auffällig, daß man heute oft leicht dahin ausgesprochene Lippenbekenntnisse von Soziologen und Sozialwissenschaftlern zur Einbeziehung der biologischen und evolutionären Bedingtheit des Menschen in die eigenen Forschungen hört. So auch an diesem Abend von seiten Gerd Gigerenzer's und Hartmut Essers. Letzterer ist der Lehrstuhl-Nachfolger des Philosophen und Soziologen Hans Albert, der zum wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno-Stiftung gehört und als der "Stellvertreter von Sir Raimund Popper in Deutschland" gehandelt wird (wie man von Hartmut Esser an diesem Abend auch erfahren konnte). (Popper aber, so möchte man meinen, war zu allen Zeiten dichter an der Auseinandersetzung mit evolutionärem Denken dran, stärker in es involviert als diese seine beiden "Stellvertreter" in Deutschland.)

Gigerenzer und Esser kommen beide, soweit übersehbar, von der rational choice-Theorie in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften her, von der sie beide behaupten, sie hätten sie persönlich schon längst überwunden und wären schon längst zu differenzierteren, dem menschlichen Verhalten angemesseneren Betrachtungsweisen übergegangen.

Da es an diesem Abend aber nun um die "Evolution des menschlichen Sozialverhaltens" ging, wäre es die erste Aufgabe von Grigerenzer und Esser gewesen aufzuzeigen, inwieweit sich ihr inzwischen so viel stärker "differenziertes" Denken schlicht und einfach in das allgemeine, übrige evolutionäre Denken einordnet, zu dem sie sich beide mehr oder weniger ausgesprochen bekannten. Und sie hätten aufzeigen müssen, wie ihr eigenes Denken und Forschen dem allgemeinen evolutionären Nachdenken über den Menschen Anregung geben kann. Das taten beide im besten Falle - verhalten.

Wie geht man mit Lippenbekenntnissen um?

Aber die entscheidende Frage, die sich dem Autor dieser Zeilen stellt, ist nun: Wie geht man als Biologe (Peter Hammerstein) oder als tief und eindeutig im evolutionären Denken verwurzelter Soziologe (Peter Weingart) mit solchen Lippenbekenntnissen zum evolutionären Denken um? Es könnte einem nicht aggressiv genug gewesen sein, was Hammerstein und Weingart gestern abend vorzubringen hatten solchen Lippenbekenntnissen gegenüber.

Alles, was beide sagten, war vom Inhalt her brilliant. Peter Weingart (siehe Bild rechts), der Organisator des Forums, referierte die Evolutionstheorien unter anderem von Luigi Cavalli-Sforza und Marcus Feldman, sowie von Edward O. Wilson und Charles Lumsden (siehe ihr Buch "Das Feuer des Prometheus"). Gerade die letztere Theorie geht davon aus, worauf auch Peter Weingart aufmerksam machte, daß "nicht alle (menschlichen) kulturellen Entwicklungen" in jeder populationsgenetischen Häufigkeitsverteilung möglich sind, sondern daß Gene und Kultur einander bedingen. Was will man mehr? Das sind unglaublich fruchtbare Ansätze, um über das Wesen des Menschen und seiner kulturellen Vielfalt weltweit nachzudenken und zu forschen.

Peter Hammerstein referierte über den Verwandten-Altruismus von William D. Hamilton, verwies darauf, daß dieser im menschlichen Alltagsleben eine unübersehbare Rolle spielt und referierte darüber, daß es für den Gegenseitigkeits-Altruismus des Robert Trivers erstaunlich wenige Beispiele im Verhalten der Tiere gibt. (Er sprach vom "Schiffbruch" der Theorie vom reziproken Altruismus.) Hammerstein ging dann auf die Theorie von der Gruppenselektion ein, wobei er von einem Selektionsvorteil einer genetischen Basis für gruppenkonformes Verhalten beim Menschen ausging und die kulturelle Gruppenselektion nach Boyd und Richerson favorisierte. Daß es menschliche Kulturen gibt, die mehr auf Individualität - in Europa - und mehr auf gruppenkonformes Verhalten - in Asien - wert legen, und daß auch das - siehe Weingart - im Zusammenhang mit unterschiedlicher Genetik stehen könnte, darauf ging Hammerstein nicht ein. (Er erwähnte aber an anderer Stelle flüchtig die weltweit unterschiedlich verteilte Genetik der Erwachsenen-Milchverdauung.)

Mehr die Sensibilität des Themas herausarbeiten

Hier aber schon könnte man einen der Hauptkritikpunkte des Abends sehen. Wenn man zu fruchtbaren Streitgesprächen kommen will, und bloße Lippenbekenntnisse zu evolutionärem Denken klarer als solche durchschaut sehen möchte, dann muß man ein wenig mehr, als Hammerstein und Weingart das taten, die ambivalente, gefährliche Natur der evolutionären Bedingtheit menschlichen Verhaltens herausarbeiten. Man darf nicht nur die "Wohlfühl"-Aspekte eines solchen Denkens herausarbeiten. Und man muß auch aufzeigen, zu was für einer viel differenzierteren Betrachtungsweise man auch ganz allgemein gelangt, wenn man evolutionär denkt.

Hammerstein tat das dann ansatzweise, als er in der Diskussion auf lethale Gruppenauseinandersetzungen in der Evolution menschlichen Sozialverhaltens hinwies und auf diesbezügliche Beobachtungen schon bei Schimpansen. Er tat es vielleicht noch mehr, als er darauf hinwies, daß auch das Sprechen von "bedingt optimierten Entscheidungen" (das Hauptthema von Gigerenzer und Esser) aus evolutionärer Sicht immer noch keine sehr gültige Beschreibung menschlichen Sozialverhaltens ist. Hammerstein wies nämlich auf die genetische Angepaßtheit von Sozialverhalten hin - wie das Fluchtverhalten von Huftieren -, das unter veränderten Lebensbedingungen - etwa Zoo-Haltung - unangepaßt wird.

Und mit einem Schlag merkt man, welche riesige Bandbreite von Möglichkeiten im Denken die rational choice-Theoretiker bislang, sprich Jahrzehnte lang (!), übersehen haben, selbst dann noch, wenn sie weniger rationale "Bauchentscheidungen" nun endlich in ihre Theorien mit hineingenommen haben. Auch diese weniger rationalen Bauchentscheidungen können noch evolutionär unangepaßt sein. Ob sie darüber schon jemals ernsthafter nachgedacht haben? Ob ihre eigenen "Bauchentscheidungen" in der Wahl ihres wissenschaftlichen Themas bislang schon evolutionär angepaßt genug gewesen sind? - - -

Weingart und Hammerstein hätten ein bischen herausfordernder auf die Brisanz ihrer Themen aufmerksam machen müssen. Denn nur dann kommt doch fruchtbare Diskussion und Auseinandersetzung in der Sache zustande. Nur dann kann wohlgefälliges, Gegensätze verwischendes, gegenseitiges Köpfenicken vermieden werden. - So das Fazit dieses Abends.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share