Samstag, 18. Juli 2009

Ein Universitätspräsident und Erziehungswissenschaftler über Gott und IQ

Ob sich der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, der Präsident der Freien Universität Berlin, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dieter Lenzen insgesamt für das richtige Bildungssystem einsetzt und für die richtige Universitäts-Landschaft (Stichwort "frühkindliche Bildung", Stichwort "Elite-Universitäten"), das bleibe an dieser Stelle ziemlich deutlich dahingestellt. (Hier ein paar persönliche Eindrücke von ihm: Video, 3Sat, 3Sat)

Doch lassen zum anderen Worte aufhorchen, die Dieter Lenzen im April dieses Jahres innerhalb eines Argumentationsstranges "Pro Religion" als Schulfach in Berlin geäußert hat, und auf die mancher erst jetzt stößt (Tagesspiegel, 24.4.09), vielleicht auch angestoßen durch das Laborjournal:
...

Für moralisches Handeln, das den Ansprüchen einer Gesellschaft genügt, die auf Gemeinsamkeit angelegt ist, braucht der Mensch Motive und Gründe. Denn es ist allemal bequemer, nach dem Muster zu leben: „Alles ist gut, was für mich gut ist.“ Das ist übrigens die unterste Stufe der menschlichen Moralentwicklung, die in gewisser Weise auch Schimpansen und Flusspferde erreichen. Warum sollten unsere Kinder also auf die Annehmlichkeiten eines solchen Egoismus verzichten? Dazu müssen wir ihnen Gründe nennen. Das können zum Beispiel Vernunftgründe sein, wie sie in einem Fach Ethik vermittelt werden können. Es ist einfach vernünftig, Egozentrismus nicht zuzulassen und sein eigenes expansives Handeln an der Grenze enden zu lassen, die durch die Rechte des Nächsten definiert sind. Das kann man im Ethikunterricht vermitteln, und wer vernünftig ist, müsste dieser Maxime eigentlich folgen können. – Aber nur „eigentlich“, denn wir wissen, dass diese Regel leider oftmals nicht funktioniert. Man wird häufig mehr benötigen als vernünftige Gründe, um Menschen zu einem gemeinschaftsfähigen Handeln zu bringen.

Religion ist ein solches „Mehr“. Sich an ihr zu orientieren, geht über die nicht selten als beliebig erscheinende Erwägungskultur des hier und jetzt hinaus. Für Religion gibt es mehr als nur vernünftige Gründe, sein Verhalten sozial zu orientieren.
Pädagogisch geförderte Verantwortung gegenüber der "Wucht" von "wirkenden Prinzipien" in der Natur

Das ist alles objektiv sehr richtig gesagt. - Allerdings sei darauf hingewiesen, daß eine so renommierte Verhaltensforscherin wie Jane Goodall von ihren Schimpansen sagt, daß sie manche Schimpansen mehr mag als manche Menschen und daß sie manche Menschen mehr mag als manche Schimpansen. So tief "unter" dem Menschen können also Schimpansen in der Moralentwicklung doch nicht stehen ... . - Jedenfalls: Die gleichen Sätze könnten auch "Pro Ethik" gesagt werden, denn Ethik-Unterricht schließt ja die Erörterung einer solchen hier genannten Funktion von Religiosität mit ein. Diese Sätze sind gültig unabhängig von dem, was man für einer Weltanschauung anhängt. Aber dann bezieht Lenzen auch selbst einen weltanschaulichen Standpunkt:
Ich weiß nicht, ob es Gott gibt. Niemand weiß das. Aber ich weiß, dass die Welt um mich herum vom kleinsten Molekül bis zur Mechanik der Planeten eine intelligente Konstruktion ist, die für manchen die Frage aufwirft: Wer hat sich das ausgedacht, wem gehört es? Darauf kann Religion und Religionsunterricht keine sichere Antwort geben, aber ein Erklärungsangebot: Ein guter Religionsunterricht wird diesen Gott nicht als Person zeichnen, sondern vielleicht als eine Art wirkendes Prinzip. Kinder und Jugendlichen, die diesem Angebot begegnen, werden eines begreifen: Nicht ich habe all das gemacht, und schon gar nicht gehört es mir. Also kann ich damit nicht machen, was ich will. Auf diese Weise entsteht ein „Über-Ich“, ein Gewissen, eine mentale Steuerungsinstanz, die folgende Frage gegenwärtig hält: Kann ich, was ich jetzt tun will, vor der „Wucht“ dieses wirkenden Prinzips rechtfertigen? Darf ich morden, stehlen, lügen, betrügen? Darf ich dem wirkenden Prinzip, das ich nicht selbst bin, sondern das auf mich selbst wirkt, meinen Egoismus entgegensetzen?
Das kann man für geradezu begeisternde Sätze halten. So und nicht anders "muß" man es doch heute formulieren, wenn man überhaupt etwas religiös formulieren und begründen will. Wie denn wohl sonst? Übrigens sind all das, was Lenzen hier vorbringt, wiederum "vernünftige Gründe". Was denn sonst. Auch Lenzen glaubt nicht gerade deshalb an Gott, "weil es absurd ist", sondern weil er glaubt, daß er dafür vernünftige Gründe hat. Und wer möchte es denn noch auf andere Weise tun?

Übrigens ist der hier geäußerte Standpunkt auch gar kein christlicher mehr. Von einem Gott, der nicht Person ist, der nur "wirkendes Prinzip" ist, findet sich in der Bibel nichts. Mit einem solchen Gott hat Jesus auch nie geredet. Und von einem Gott, der nicht Person ist, muß es einem auch nicht erst noch explizit verboten werden, sich ein "Bild" zu machen. Das, was Lenzen hier sagt, ist also nicht christlich.*) Und man braucht deshalb auch gar keinen Religionsunterricht, um solche Dinge zu sagen. (Wenn man an Gott glaubt, ist es außerdem auch viel überzeugender, Kindern das vorzuleben, als ihnen ständig davon zu reden.)

Wie man aber Lenzen nun in einer hysterischen, aufgebrachten Debatte zum Anhänger von "Intelligent Design" erklären kann (so der AStA der FU Berlin, so auch jüngst das allmählich "berühmt-berüchtigte" "Laborjournal"), dazu gehört auch allerhand Veranlagung zu Hysterie und zum Reden und Schreiben, bevor man sich überhaupt gründlicher mit den Dingen beschäftigt hat. Daß Studenten zu etwas fähig sind und nur schon auf die Verwendung des Begriffes "intelligente Konstruktion" geradezu reflexartig hysterisch reagieren, ist ein Armutszeugnis und scheint eher die Reaktion von Geisteswissenschaftlern, denn von Naturwissenschaftlern zu sein.

Wäre Natur nicht intelligent konstruiert, könnten wir sie ja gar nicht erforschen. Erst wenn ein personaler "intelligenter Designer" mithinzugenommen wird in die Vorannahmen, hat man es ja mit der unwissenschaftlichen Richtung des "Intelligent Design" zu tun.

Die kognitiven Fähigkeiten von Migrantenkindern sind durchschnittlich geringer

Aber was findet man dann - aufmerksam geworden - auf Wikipedia noch weitergehend zu Dieter Lenzen?:
Öffentlicher Kritik ausgesetzt war Lenzen, nach seiner Interview-Äußerung, der Intelligenzquotient türkischer Migranten sei geringer als der der deutschen Bevölkerung.
Dabei hat er sich auf eine Studie der Universität Hannover berufen, wie wir weiterlesen (Welt, 23.7.05):
Mangelnde "kognitive Fähigkeiten" bei Kindern mit Migrationshintergrund werden dort genannt, und es wird auch festgestellt, daß "in Familien ohne Migrationsgeschichte die jeweils höchsten Leistungen erzielt werden" im Leseverständnis, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften.
Na so was. Und wer von der Banalität weiß, daß praktisch jeder Schultest zugleich auch ein Intelligenztest ist, weiß, daß es Haarspalterei ist, wenn man Lenzen vorwirft, in der Studie sei von "Intelligenzquotient" gar nicht die Rede gewesen. Interessant auch, wie alle Wissenschaftler die Köpfe einziehen, wenn sie nun explizit zu diesen Dingen gefragt werden. Sie wollen weder positiv bestätigen, noch negativ verneinen. Das sagt mehr als tausend Worte über das, was ihre eigene Überzeugung ist. Und vielleicht auch manches über ihr Verantwortungsbewußtsein in wissenschaftlichen Fragen und in Fragen, die von öffentlicher, gesellschaftlicher Bedeutung sind. Wir lesen weiter im "Welt"-Artikel:

Doch Lenzen hätte sich bei seiner umstrittenen Äußerung durchaus auf andere Studien berufen können, aus der angelsächsischen Wissenschaft wie auch aus der deutschen. Volkmar Weiss ist hierzulande der Wissenschaftler, der sich in dieser Frage wohl am weitesten hervorwagt. Der Intelligenzforscher und Leiter der - dem sächsischen Staat unterstellten - Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig weist seit der ersten Pisa-Studie darauf hin, daß der IQ von Zuwanderern aus der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion zwischen zehn und 15 Prozent niedriger liege.

Das Thema wird in der Forschung als heikel angesehen, deshalb wollen sich Universitätsprofessoren - wie etwa die Autoren der Hannoveraner Studie - zu Weiss' Arbeit weder positiv noch negativ äußern. Heikel auch deshalb, weil es mittlerweile unstrittig ist, daß Intelligenz sehr stark auch von Erbanlagen bestimmt wird - und deshalb einschlägige Aussagen über ethnische Gruppen allzuschnell mit dem Vorwurf des Rassismus beantwortet werden. Dabei gilt Weiss als seriös, wird gern zitiert von der Presse bis hin zur "Taz". ...

- Um aber auf Lenzen zurückzukommen: Er hat offenbar doch so den einen oder anderen "Fan", auch unter Studenten und Lehrenden. Vielleicht hat er in der Zukunft so bei dem einen oder anderen Thema auch den einen oder anderen Fan mehr. ... - Wenn man übrigens von einer deutlichen Erblichkeit von Intelligenz ausgeht, kann sich der Blick auf viele Fragen in der modernen Bildungspolitik, z.B. bezüglich frühkindlicher "Bildung" und auch bezüglich von "Elite" doch auch recht deutlich ändern. Offenbar ist Lenzen im eigenen Denken noch gar nicht so weit vorgedrungen.

Das "Credo" von "Studium generale"

Die erblich bedingte menschliche Intelligenz erforscht die "intelligenten Konstruktionen", die man in der Natur vorfindet - auch in der Natur des Menschen selbst - und leitet von ihnen "vernünftige Gründe" ab, die auf ein "wirkendes Prinzip" deuten, das man "Gott" nennen kann, demgegenüber man sich verantwortlich fühlen kann. All das ist auch das Credo von "Studium generale" und wird schlicht der allgemeine gesellschaftliche Konsens der Zukunft sein. Welche Sichtweise sollte es denn wohl sonst sein?

_______

*) Daß sich in der Bibel viele Aspekte finden, von denen gesagt werden könnte, hier würde Gott nur als Personifizierung von Naturkräften angesprochen, bleibt davon unberührt. Ausschließlich als Personifizierung von Naturkräften kann der Gott der Bibel nicht interpretiert werden, da überhaupt die Unterscheidung zwischen natürlichen und übernatürlichen Kräften eine neuzeitliche, im wesentlichen nach-kantianische ist. Eine Interpretation von Gott nur als ein wirkendes Prinzip kann man deshalb gerne als eine auch in christlicher Tradition stehende begreifen - Christentum selbst ist das nicht mehr.

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