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Mittwoch, 19. August 2020

Jesus - Ein grundgütiger jüdischer Missionar

Michael Blume, der Religionswissenschaftler - Er vertritt immer betonter religiös-jüdische Positionen

Mit dem früheren Religionswissenschaftler und heutigen Antisemitismus-Beauftragten von Baden-Württemberg Michael Blume standen wir vor zehn Jahren in freundschaftlichem, wissenschaftlichen Austausch zu vielen spannenden Fragen der Evolutionären Religionswissenschaften. Damals ist uns nicht in der Deutlichkeit bewußt geworden, was inzwischen in seinen öffentlichen Äußerungen immer ausgeprägter hervortritt, nämlich daß er unverhüllt und unverbrämt religiös-jüdische - und damit zugleich jüdisch-missionarische Positionen vertritt (Scilogs).

Auch nur ansatzweise kritische Stellungnahmen oder auch nur Zwischentöne zum Prinzip Monotheismus und zu all dem, was aus diesem Prinzip folgt, wird man bei ihm zu allen Zeiten vergebens finden (oder irren wir uns?). Ist das eines ausgewogen urteilenden Religionswissenschaftlers würdig?

Andererseits wird ein Höchstmaß an Geisteskraft aufgewandt, um das Prinzip Monotheismus in allen denkbaren Argumentationssträngen nach außen hin abzusichern und als unangreifbar, unkritisierbar darzustellen. Am liebsten natürlich mit der Antisemitismus-Keule. Was hätte man auch sonst noch?

Man bedenke: das Prinzip Monotheismus, das heute von allen Seiten im Grunde längst als das lächerlichste religiöse Prinzip erkannt ist, das denkbar ist und das die religiös und ethnozentrisch am leichtesten durchschaubaren Motive enthält, nämlich ethnozentrisch-jüdische, sprich völkisch-jüdische Motive. Für diese Motive steht Michael Blume aber immer dezidierter auch ganz persönlich ein. Ein wenig merkwürdig kommt uns das vor. Geradezu wie eine "Wandlung". Aber vielleicht wird einfach nur immer deutlicher, unverhüllter, wie Michael Blume immer schon eingestellt war. Vielleicht hebt er diese Einstellung nun nur unverschleierter hervor. 

Albrecht Dürer - "Jesus unter den Schriftgelehrten"

Sehr gut kann das aufgezeigt werden an seinem neuesten Blogartikel (Scilogs). Für das Gemälde von Albrecht Dürer "Jesus unter den Schriftgelehrten" (Abb. 1) ...

Abb. 1: Albrecht Dürer - Jesus unter den Schriftgelehrten

.... findet er die folgende, unseres Erachtens völlig unausgewogene, völlig einseitige und damit völlig falsche Charakterisierung (Scilogs) (Hervorhebung nicht im Original):

... Entsprechend dominierte in den christlichen Gemälden zum kindlichen Jesus im Tempel der Kontrast: Hier der weiße, erleuchtete Christus, dort die dunklen, verstockten, jüdischen Schriftgelehrten. Die semitische Alphabetschrift-Bildung ist hier zum Vorwurf der vermeintlich angeborenen Schlauheit und Verschlagenheit geworden. Ein bedrückendes Beispiel dazu fertigte Albrecht Dürer (1471-1528) um 1506: Bei ihm sind einige jüdische Schriftgelehrten nicht nur häßlich und nah am Tod, sondern geradezu teuflisch geraten. Jesus hat sich von ihnen bereits ab- und nach innen gewandt. Die ur-semitische Szene war antisemitisch umgedeutet worden. Daß der kleine Jesus drei Tage inmitten dieses Hasses im Tempel geblieben und überlebt haben soll, paßt in keiner Weise zur Feindseligkeit, die hier gemalt wurde.

Hier schimmert bei Michael Blume sogar eine emotionale Ablehnung christlicher Positionen hindurch, soweit und solange sie auch nur ansatzweise als "antisemitisch" begriffen werden können. Auch nur in den leichtesten Anflügen, und sei es auch nur, indem er etwas sieht, was gar nicht vorhanden ist. Wir halten - mit Verlaub - die Charakterisierung dieses Gemäldes für völlig überzogen. Die Schriftgelehrten sind alle - wie zumeist bei Dürer - als achtenswerte, ältere Männer dargestellt, sogar mit innerer Schönheit (was Michael Blume gar nicht wahrzunehmen scheint - aber das muß er ja auch nicht ...). Nur auf das einzelne Gesicht rechts vom Jesusknaben könnten die Worte von Michael Blume - bei der schlechtestmöglichen Deutung - zutreffen. Sieht man auf diesem Gemälde Haß? Ich, der Autor dieser Zeilen, sehe diesen auf diesem Gemälde schlichtweg nicht. Hier sieht Michael Blume etwas hinein, was gar nicht da ist. Und das mag einem sehr ungut erscheinen. Da mag über Michael Blume jeder denken, was er will. Ein deutscher Antisemitismus-Beauftragter, der schon in solchen Gemälden Antisemitismus sieht? Gott, Jehova, hilf! Oder Thor. Oder Odin. Oder sonstwer.

Ohne alle kritischen Einwände oder Vorbehalte bringt Michael Blume dann ein Beispiel für eine jüdische Jesus-Rezeption, die er - offenbar - für vorbildlich, für einen "Höhepunkt", und zwar nicht für einen "bedrückenden" hält (Scilogs):

Einen späteren Höhepunkt erlebte die jüdische Jesus-Rezeption mit dem norddeutschen Rabbiner Jacob Emden (1697-1776), der im 18. Jahrhundert schrieb, daß – Zitat -: „Jesus der Welt eine doppelte Güte zuteil werden ließ. Einerseits stärkte er die Torah von Moses in majestätische Art … und keiner unserer Weisen sprach jemals nachdrücklicher über die Unveränderlichkeit der Torah."

Nebenbei: Was für Worte. Es geht um nichts geringeres als um das Alte Testament, das durchtränkt ist von Völkermord, Völkerhaß und Rassismus. Und weiter:

"... Andererseits beseitigte er die Götzen der Völker und verpflichtete die Völker auf die sieben Noachidischen Gebote, so daß sie sich nicht wie wilde Tiere des Feldes aufführten, und brachte ihnen grundlegende moralische Eigenschaften bei … Christen sind Gemeinden, die zum himmlischen Wohl wirken und zu Dauerhaftigkeit bestimmt sind. Ihre Bestimmung ist zum himmlischen Wohl und die Belohnung wird ihnen nicht versagt bleiben.“

Jesus also als grundgütiger jüdischer Missionar. Der zudem die "Unveränderlichkeit" des Alten Tesaments "in majestätischer Art" stärkte. Was möchte man eigentlich mehr? Dies ist in der Tat ein sehr interessantes Zitat. Aber vorbildlich? Das ist einfach nur eine ethnozentrische, religiös-jüdische, missionarische Position. Die nichtjüdischen Völker verehren "Götzen", also Teufel, solange sie nicht an den jüdischen Gott glauben und sie führen sich wie wilde Tiere des Feldes auf, ihnen waren noch grundlegende moralische Eigenschaften beizubringen.

Keinerlei Vorbehalte, keinerlei Distanzierung von Michael Blume gegenüber diesem Zitat, das von vorne bis hinten alttestamentarischen Geist atmet wie er ethnozentrisch-jüdischer und religiös-missionarischer und implizit rassistischer (andere Völker und Kulturen, sowie ihre Wertigkeit abwertend) nicht sein könnte.

Nebenbei sei bemerkt, daß es völlig lächerlich ist, die jüdische Religion als die erste Schriftreligion zu bezeichnen (wie das Michael Blume in dem angeführten Artikel tut). Das ist eine merkwürdige Verliebtheit in diese Religion. Die bürgerlichen Schichten der antiken Welt waren alle sowohl religiös wie gebildet wie "schriftgelehrt". Es ist schon einigermaßen merkwürdig, was auf den Scilogs an unwissenschaftlichen Einseitigkeiten und Verliebtheiten alles veröffentlicht werden kann.

Die Grundaussage seines Artikels ist übrigens mit weiteren religions- und geistesgeschichtlichen Lächerlichkeiten befaßt. Aus antisemitischen Motiven habe man Ende des 19. Jahrhunderts Jesus nicht als Juden sehen wollen - was er natürlich immer war und immer sein wird.

Im Kommentarbereich seines Blogs findet eine sachliche, kritische, inhaltliche Auseinandersetzung wie vorstehend in diesem unseren Blogartikel unternommen, gar nicht mehr statt. Auch wir bitten diesen Blogartikel nur als nebensächliche Randbemerkungen aufzufassen. Er handelt von geistes- und religionsgeschichtlichen Fragen, mit Verliebtheiten, die lange - lange - verstanden sind. Und die doch von der Geistesgeschichte längst ad acta gelegt sind.

/ Nachbemerkung: Als Staatsbeamter dürfte Michael Blume inzwischen den einen oder anderen Mitarbeiter und damit auch den einen oder anderen Ghostwriter haben. Vielleicht ist es insofern auch gar nicht ganz richtig, solche Texte als Ausdruck gar zu persönlicher Überzeugungen und "Erkenntnisse" anzusehen. / 

Die beiden Michaels - Ballweg und Blume

Nachtrag 13.10.2020: Mit einem Interview für die TAZ (1) hat Michael Blume bei der Querdenken-Bewegung für heftigen Unmut gesorgt. Seine darin enthaltenen Theorien über antipreußische Ressentiments in Sachsen und Baden-Württemberg gegenüber "Berlin" seien hier einmal übergangen. Da scheint er doch "Verschwörungsmythen/Verschwörungstheorien" zu unterstellen, an deren Überprüfung, bzw. Überprüfbarkeit einem nicht zwangsläufig besonders viel liegen muß. (Hach, bin ich wieder böse in den Formuierungen, - - - Schulterklopf!) Ein wenig interessanter darf man vielleicht finden, daß hier - soweit ich sehe zum ersten mal in der gegenwärtigen Öffentlichkeit - die Anthroposophie in diesen Zusammenhängen zum Thema macht. Er macht das freilich nicht besonders konkret und detailliert. Zum Beispiel weist er nicht darauf hin, daß jener Ken Jebsen, den er ja wenig später ausdrücklich anspricht, auch aus dem Umfeld der Anthroposophen stammt. Blume geht also seiner These nicht sehr detailliert nach in diesem Interview. Immerhin, auf die Frage, warum ein Schwerpunkt der Querdenken-Bewegung im Südwesten Deutschlands zu finden ist, sagt er unter anderem (1):

Das liegt zum einen an der evangelischen Strömung des Pietismus, der sagt, man muß die Wahrheit selbst überprüfen. Die meisten heute schauen dafür dann aber nicht mehr in die Bibel, sondern ins Internet. Und wir haben die Anthroposophie, die sagt, wir haben ein überzeitliches Wissen. Da soll man sich von den Wissenschaften nicht unbedingt reinreden lassen.

Das finde ich immerhin eine wichtige, womöglich auch notwendige Aussage. Inwiefern sich Lebenseinstellungen, wie sie in größerer Häufigkeit in einem anthroposophischen Lebensumfeld vorzufinden sind, auf die Wirklichkeitswahrnehmung heutiger Menschen weit über dieses Lebensumfeld hinaus auswirken, ist - soweit ich das überblicke - noch wenig erforscht. Aber Michael Blume gibt hier einen sehr brauchbaren Hinweis, wie ich finde, wenn er von "überzeitlichem Wissen" spricht, was man hier glaubt zu besitzen, das sich dem jeweils aktuellen Stand des Wissens - scheinbar - nicht mehr wirklich der Überprüfung stellen muß, da seine "Überzeitlichkeit" ja von vornherein gesichert ist. Es würde dann also so etwas ähnliches vorliegen wie die - zuvor angesprochene - Bibel, von denen ja auch viele behaupten, sie würde "überzeitliches Wissen" beinhalten, das nicht zwangsläufig und durchgängig in konsequenten Abgleich gebracht werden müßte mit dem heutigen Kenntnis- und Bewußtseinsstand. (Und wenn, dann auf ziemlich "komplizierte", umständliche, sprich überhaupt nicht überzeugende Weise.)

Komisch ist, daß Michael Blume vor allem, bzw. nur auf den Pietismus Bezug nimmt, wenn er von der Anforderung spricht, man müsse die Wahrheit selbst überprüfen. Schließlich ist das schlichtweg die Aufforderung der Aufklärung. Aber - geschenkt! Worauf dieser Nachtrag aber eigentlich hinaus will, ist der Umstand, daß es einem doch mehr als berechtigt erscheint, wenn sich Michael Ballweg gegen die Aussagen, Verunglimpfungen wehrt, die in diesem Interview von Michael Blume formuliert werden, wenn er auf die Frage "Sind denn die selbsternannten Querdenker automatisch Antisemiten?" sagt (1):

Der Antisemitismus bildet beim Verschwörungsglauben immer die Spitze, weil alles darauf hinausläuft, daß Juden die Weltverschwörer sind. Bei Querdenkern war das von Anfang an sehr stark. Michael Ballweg hat zu seiner ersten großen Demonstration den Antisemiten Ken Jebsen eingeladen. Sein Pressesprecher ist in der Reichsbürgerszene aktiv. Dazu kommt das Bekenntnis zur QAnon-Bewegung, die die Erzählung verbreitet, eine Elite, zu der natürlich auch Juden gehören, halte sich durch die Körperzellen von Kindern jung. Das ist nur die etwas modernisierte Fassung von antisemitischen Mythen aus dem Mittelalter.

Das finde ich ein außerordentlich krasses Zitat von Seiten eines Staatsbeamten. Sehr kraß. Und zutiefst unredlich. Ken Jebsen einfach nur "cum grano salis" als "Antisemiten" zu bezeichnen - ist das wirklich redlich? Ist das redlich? Ich meine nicht. Diese ausufernde Antisemitismus-Riecherei bei Michael Blume - ich stehe ihr - wie ich ja oben schon beim Thema Dürer zum Ausdruck gebracht habe - mit der allergrößten Skepsis gegenüber. Mit der allergrößten Skepsis.

Und soll das nun heißen, daß jeder, der mit Ken Jebsen zusammen arbeitet, ebenfalls zurecht des Antisemitismus verdächtigt wird? Wieviele hunderte und tausende von Denkern, die sich am Rande oder abseits des Mainstream bewegen, würden davon dann mitbetroffen sein? Wie obskur ist das denn? Das geht einfach zu weit. Viel zu weit.

Zu dem Pressesprecher will ich jetzt nicht recherchieren. Für mich wäre auch die Frage: Ist man als "Reichsbürger" zwangsläufig antisemitisch? Das ist mir alles zu holzschnittartig gezeichnet, entschieden zu holzschnittartig. Dasselbe gilt für QAnon. Wenn ich Blume (ich meine: "Michael", wir waren ja mal per Du) recht verstehe, ist QAnon deshalb antisemitisch, weil sie einer Elite böse Dinge unterstellt (ich verkürze). Und einer Elite würden ja auch Juden angehören. Und Juden hat man ja schon immer böse Ding unterstellt. So kann man jede Eliten-Kritik als antisemitisch umdeuten. Jede.

Michael, Michael, Du gehst einen sonderbaren Gang. Diese krasse Art zu verunglimpfen, geht in weiteren Teilen des Interviews übrigens weiter:

Antisemitismus bildet da eine Querfront für eine Bewegung, die nur durch ein gemeinsames Feindbild verbunden sind, nicht durch eine positive Vision.

Das ist mir einfach bei weitem nicht sauber genug durchdekliniert und differenziert genug formuliert so wie sich das für einen ordentlichen Wissenschaftler gehört und so wie ich das - auch - bei Michael Blume eigentlich immer als selbstverständlich unterstellt hatte. Michael Blume höhnt dann auch noch auf Twitter, daß Michael Ballweg sich gegen diese undifferenzierten Vorwürfe wehrt (2).

Nachtrag, 13.9.2023: Michael Blume berichtet, daß sein Familienname Blume jüdischer Herkunft ist und im 18. Jahrhundert von Juden angenommen worden ist, daß die Träger dieses Namens aber schon früh zum Christentum übergetreten seien und dann nichtjüdische Ehepartner geheiratet hätten (Scilogs12.9.2023):

"Früh zum Christentum konvertierte Blumes wie meine Vorfahren vermischten sich dagegen - laut Genauswertungen meiner Familie kamen vor allem skandinavische und dann norddeutsche Einflüsse hinzu. Eine Großmutter heiratete aus der Schweiz ein."

Uns drängt sich insgesamt der Eindruck auf, als ob sich bei Michael Blume vergleichsweise früh im Leben eine besondere Identifikation mit dem Judentum angebahnt hat (oder auch von außen bei ihm angebahnt wurde), obwohl er offenbar vornehmlich nichtjüdische Vorfahren hatte. Diese besondere Identifikation konnte dann bei seinem offenbar geringen Anteil jüdischer Vorfahren in der männlichen Linie anknüpfen.


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  1. Benno Stieber: Antisemitismusbeauftragter Michael Blume über Corona-Leugner, 2.10.20, https://taz.de/Antisemitismusbeauftragter-ueber-Corona-Leugner/!5712778/ 
  2. https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1312798966535393280

Montag, 14. September 2015

Mit welchen Aufträgen waren Friedrich Hielscher und Ernst Jünger nach 1933 unterwegs?

Rechtselitäre Schwarz-, Quer- und Geheimfröntler - Bereit gehalten für einen etwaigen Militärputsch?

Hier auf dem Blog sind schon zwei Beiträge veröffentlicht worden zu dem Vordenker der heutigen christlichen Rechtskonservativen, bzw. der "Neuen Rechten" mit Namen Friedrich Hielscher (1902-1990), und zwar:
K. Lehner, 2015
Ein dritter Blogbeitrag zu diesem Vordenker aus dem Mai 2012 ist bislang nie veröffentlicht worden. Er soll hiermit veröffentlicht werden. Inzwischen ist auch eine neue Biographie über Friedrich Hielscher erschienen:
  • Lehner, Kurt M.: Friedrich Hielscher. Nationalrevolutionär, Widerständler, Heidenpriester. Schöningh Verlag, Paderborn 2015 (233 S.),
die vor knapp zwei Wochen auch in der rechtschristlichen Wochenzeitung "Junge Freiheit" besprochen worden ist:
  • Weißmann, Karlheinz: Eigentümlich eigenwillig. Der Nationalrevolutionär und Religionsphilosoph Friedrich Hielscher im biographischen Fokus. In: Junge Freiheit, 28. August 2015, S. 21
(Mit Dank an einen Hamburger Blogleser für die Zusendung dieser Buchbesprechung!) Karlheinz Weißmann lässt in dieser Buchbesprechung womöglich eine größere innere Distanzierung von diesem "Vordenker" erkennbar werden, als man das bislang von Autoren seines Schlages zu hören bekommen haben mag. (Aber das kann auch - nach beiderlei Richtungen hin - ein Irrtum sein. Man hält sich ja immer gerne alle Türen offen ...) Seine Rezension enthält jedenfalls mehrere Absätze, die als willkommene inhaltliche Ergänzung und Bestätigung der beiden genannten, hier schon erschienenen Blogbeiträge dienen können. Deshalb sollen diese Absätze angeführt werden. 1932, so schreibt Weißmann, habe Hielscher erkannt, 
dass das entscheidende Feld überhaupt nicht der Staat, sondern die Religion sei. In der Folge konzentrierte er sich auf die Schaffung eines Bundes, der in vielen Zügen Ähnlichkeit mit dem des verhassten Konkurrenten Stefan George hatte, aber in seinem Anspruch weit darüber hinaus ging.
1932 - das ist kurz nachdem die Männerbund-kritischen Erich und Mathilde Ludendorff ihre weltanschauliche, religiöse Vereinigung "Deutschvolk e.V." gegründet hatten. Für die von ihm gegründete Glaubensgemeinschaft erarbeitete Hielscher nun eine "Liturgie". Weißmann (Hervorheb. nicht im Original):
So hat Hielscher zwar gegenüber Außenstehenden ein großes Geheimnis um seine Konzeption gemacht, konnte aber nicht verhindern, dass durch enttäuschte Anhänger bekannt wurde, in welchem Ausmaß er seine Verkündigung abänderte, von den germanischen Göttern zu den keltischen überging und schließlich bei einem Monotheismus landete, der sich auf irritierende Weise jüdischer Formeln bediente.
... Grins .... ;) "Irritierend" kann das natürlich für Leser dieses Blogs keineswegs sein. Haben wir doch schon im oben genannten zweiten unserer Blogartikel anhand genauer Lektüre des Buches "Das Reich" dargelegt - was auch immer wieder in der Zeitschrift "Sezession" hindurchklingt (etwa in einem dort vor Jahren gebrachten Aufsatz des katholischen Philosophen Spaemann) -, dass der Bezug zum Judentum sowohl bei der Zeitschrift Sezession allgemein wie bei Friedrich Hielscher im Besonderen ein sehr "besonderer" immer schon war und gar nicht erst werden musste. Woraus sich fast zwanglos die Schlussfolgerung ergibt, dass dieser sehr besondere Bezug zum Judentum nur zuvor bei der Verehrung germanischer oder keltischer Götter verbrämt werden musste, um überhaupt in jenen religiös interessierten Kreisen, die sich vom (jüdischen) Christentum abgewandt hatten, Anklang finden zu können. Lauschen wir dem gewiss nicht besonders "irritierten" Karlheinz Weißmann weiter:
Dazu kam noch der dramatische Wechsel in Bezug auf die Lehre vom unfreien hin zum freien Willen, das Ganze weiter kombiniert mit einer Art rationalistischer Esoterik und schließlich noch bereichert um Vorstellungen der Freimaurerei.
Ach ja, und wenn man nun sagen würde, da wäre gar nichts durch Vorstellungen der Freimaurerei "bereichert" worden, sondern diese Vorstellungen bildeten immer schon den Kern jener Religiosität, auf die der gute Friedrich Hielscher hinaus wollte, der ja nach 1945 dann auch ganz offen Freimaurer geworden ist, so würde man sicherlich ganz und gar falsch liegen!! "Völkische" Freimaurerei jedenfalls, Orakelgesellschaften wie Thule-Orden, Bund der Guoten, Ariosophen und Vril-Gesellschaft. Die alle gar nichts anderes waren als Freimaurerei. Oder sagen wir besser, die Freimaurerei waren für - - - "Freimaurergegner". ;) (In der Geschichte des menschlichen Irrwahnes gibt es alles. - Alles.) Der, wie gesagt, keineswegs besonders irritierte Karlheinz Weißmann (der sich ja übrigens auch von einem Herrn Lucke in den letzten Monaten viel zu lange viel zu wenig "irritieren" ließ in der sicher klugen "Strategie", sich immer alle Türen offen zu lassen) schreibt weiter:
Niemand außer Hielscher wusste, welchen zahlenmäßigen Umfang die Gemeinschaft eigentlich hatte, und ein hierarchisches System von "Enkeln", "Söhnen", "Vätern" und "Großvätern" führte dazu, dass die jungen Frontoffiziere in Bezug auf die Bewertung des Kriegsverlaufs kein Wort mitzusprechen hatten, sondern sich stattdessen die Weisung ihres ungedienten Meisters und und Älteren ohne militärische Erfahrung demütig anhören mussten.
Weißmann meint, hier hätte Hielschers "Arkandisziplin absurde Formen" angenommen. Dreimal laut gelacht. Weißmann sollte kein Vorstellungsvermögen darüber besitzen, dass in Geheimgesellschaften eigentlich immer die Absurdität vorherrscht, dass "Ungediente" es besser wissen als das doofe Fußvolk, die "Frontschweine"? Wie lächerlich! Was man der Leserschaft der "Jungen Freiheit" alles so zu bieten wagt. Und wieder einmal besonders auffallend, wenn dann ein Jürgen Elsässer mit solchen Augenwischern sich so herrlich versteht ... Aber all das nur nebenbei.

Jedenfalls: Wie kommt uns das alles doch so bekannt - und keineswegs "absurd" - vor. Das allseits beliebte "Wissensgefälle" von Geheimdiensten und Geheimgesellschaften. Jeder soll nur das wissen, was er zur Erfüllung speziell seiner Aufgabe benötigt ... Und Herr Weißmann sollte sich in seinem Leben noch nie in Lebensbereichen bewegt haben, in denen Wissensgefälle vorherrscht? Wer's glaubt, wählt Lucke, möchte man mal hier ein wenig burschikos sagen. Am Ende von solchem Wissensgefälle haben wir jedenfalls dann immer solche Dinge wie: NSU und RAF, Terrorismus hier und Terrorismus dort, Regierungsumsturz hier und Regierungsumsturz dort, Krieg hier und Krieg dort, Flüchtlingswellen hier und Flüchtlingswellen dort, Gutmenschentum hier und Gutmenschentum dort, Dunkelmenschentum hier und Dunkelmenschentum dort. Und keiner war's gewesen. Keiner.

Das ist ja der springende Punkt. Sondern Bönhard, Tschäpe und Mundlos waren es. Oder Lee Harvey Oswald. Oder Siegfried Nonne. Oder das deutsche Volk. Oder Adolf Eichmann. Schuldige müssen natürlich - mitunter - genannt werden. Sonst wird die Unruhe zu groß. Sonst kämen ja auch noch Leute wie Werner Best - also Freunde Ernst Jüngers - vor Gericht. Na, das wollen wir ja dann doch verhindern!

Nachdem wir jedenfalls diese Absätze aus der Weißmann-Besprechung zitiert haben, können wir den Anlass nutzen, den genannten, bislang unveröffentlichten Blogbeitrag aus dem Jahr 2012 hier folgen zu lassen. Er beinhaltet eine Art Zusammenfassung von vielen disparaten, verteilten Bloginhalten aus früheren Jahren, sowie ihre gedankliche Weiterführung, indem auf das Wirken des elitären Salons Salinger ab dem Jahr 1927 hingewiesen wird.

Hielscher - Jünger -Schmitt - Die intellektuelle "Reservearmee" der Wallstreet, des Vatikans und asiatischer Geheimorden für den Fall eines erfolgreichen deutschen Militärputsches gegen Hitler und seinen Krieg?

Was die reale und faktische politische Bedeutung von Friedrich Hielscher und seines Kreises betrifft, muss man beachten, dass weite Kreise innerhalb Deutschlands und in den Führungsetagen der anderen Großmächte für das Jahr 1932 ziemlich sicher einen neuen Weltkrieg erwarteten. Bei kaum jemanden werden diese geradezu religiösen Erwartungen eines neuen Krieges, ja, sein Herbeisehnen so deutlich wie bei Friedrich Hielscher und der Bibel seines Freundeskreises, seiner "Kirche", nämlich in seinem Buch "Das Reich" aus dem Jahr 1931. 

Die Kreise, die mit dem Ausbruch dieses Krieges an die Macht zu kommen hofften und glaubten, waren eben jene "nationalrevolutionären" Kreise der "Neuen Nationalisten", die spätestens mit der Reichskanzlerschaft des Kurt von Schleicher und mit seinen Querfront-Konzepten ihre politischen Ideale hatten verwirklichen wollen.

Von der "Schwarzen Front" (1930) über die "Harzburger Front" (1931) und die "Querfront" (1932) zur "Geheimen Front" (1933/34)

Es waren dies - neben anderen - die Kreise rund um den "Deutschen Herrenklub" (dem unter anderem Franz von Papen angehörte) und mehr wohl noch rund um den "Tatkreis", der von Hans Zehrer geleitet wurde. Werner Best hinwiederum hat damals wohl eher dem Herrenklub nahe gestanden. Seine Freunde Friedrich Hielscher, Ernst Jünger und andere standen dem Tatkreis nahe. Man verteilte sich, um überall einsatzbereit zu sein, um überall die "Eisen im Feuer" zu haben. Es wird hier auch viele Überschneidungen gegeben haben. In beiden Kreisen glaubte man - wie Hitler und die Nationalsozialisten - mit einer neuen "Herrenschicht" "Das Reich" oder "Das Dritte Reich" oder "Das Dritte Reich und die Kommenden" (nämlich die östlichen Buddhisten) schaffen zu können.

Insbesondere glaubten die mehr intellektuellen Kreise um Salinger, Zehrer, Hielscher, Best (Alexander Rüstow, Carl Schmitt ...) die mehr als proletenhaft empfundene NSDAP am langen Arm von der Macht entfernt halten zu können, bzw. zugleich doch auch ihre Machtstellung ausnutzen zu können und sie nach und nach "einbinden" zu können für die eigenen elitären, totalitären, priesterdiktatorischen ("theokratischen"), ordensartigen Zwecke. (Die Organisation des Staates selbst "als Orden", als totalitäre "[Einheits-]Kirche" und Priesterhierarchie ist der hier vorherrschende faschistische Grundgedanke. Und dies ist auch der faschistische Grundgedanke des zeitgleichen Julius Evola in Italien.)

Als dann all diese Pläne für so viele so plötzlich und überraschend Ende Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler "zunächst" einmal fehlgeschlagen waren, machten sich viele weiterhin Hoffnungen auf eine "Geheime Front" (so der "Jungdeutsche Orden", der "Bund der Guten" unter Kurt Paehlke, die Strasser-Brüder und andere) (vgl. Franz Wegener / Weishaar und der Bund der Guten). Auch zu diesem Zweck schon war es gut, sich in Positionen im neuen Staat hinein zu schieben oder diese Positionen zu behalten und auszubauen.

Einige blieben auf der Strecke ...

Die länger vorbereiteten Morde des "Röhm-Putsches" vom 30. Juni 1934 scheinen genau gegen diese "Geheime Front" und damit zum Teil auch gegen die vormalige Schleicher-Strasser(-Röhm[?])'sche "Querfront"-Politik gerichtet gewesen zu sein, die die NSDAP also offenbar immer noch fürchtete und brutalst einzuschüchtern bestrebt gewesen ist. Auch die Querfront-Intellektuellen selbst wären im Falle ihrer Machtübernahme vor ähnlichen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt (siehe die Hielscher-Bibel "Das Reich"). Weshalb diese Morde von dieser Seite auch nur "kalt" registriert, bzw. "kalt"-enthusiastisch gerechtfertigt wurden (Carl Schmitt), quasi als eines der vielen "notwendigen" "Stahlgewitter" des weitergehenden "Dreißigjährigen Krieges". Nur dass "Proleten" "Edle" mordeten, war für die nationalrevolutionären Herrenschicht-Kreise womöglich ein Problem. Nicht jedoch, dass sie überhaupt mordeten.

Nach dieser endgültigen Entmachtung der rechtselitären Nationalrevolutionäre und "Neuen Nationalisten" durch den "Röhm-Putsch" setzten Friedrich Hielscher, Ernst Jünger, Friedrich Wilhelm Heinz, Carl Schmitt und andere dann endgültig in der Weiterverfolgung ihrer Ziele auf die Unterwanderung von Partei und SS durch die eigenen Leute. Dabei waren sie nicht zimperlich. - Aber was wollten sie dabei? Was hatten sie mit der "Querfront"-Regierung unter von Schleicher denn gewollt?

Für Carl Schmitt endete die "Unterwanderung" schon im Oktober 1936. Werner Best wurde 1940 in Nebenpositionen abgedrängt, behielt aber nicht geringe Macht in Frankreich und Dänemark bis 1945. Friedrich Hielscher und zahlreiche Freunde hielten sich im Umfeld des "Ahnenerbes" und konnten sogar einen Schüddekkopf - und wohl zahlreiche andere - ins Reichssicherheitshauptamt schieben.

Aber eigentlich haben sie alle außen- und kriegspolitisch nichts anderes gewollt als die NSDAP, nur dass eben jetzt die "proletarischere" NSDAP - und nicht sie selbst (also die vorgeblich "Intelektuelleren", "Überlegeneren", "Abgehobeneren", "Konspirativeren"), am Ruder waren. Wenn sie also in der Folge das Dritte Reich unterwanderten und gerne auch - im Zusammenwirken mit den Geheimdiensten unter Canaris und Best - die Kriegsbemühungen zunächst (bis 1940) anfeuerten und dann (ab 1940) dosiert sabotierten, so nicht etwa deshalb, weil sie die Verwirklichung der als bürgerlich-spießerhaft empfundenen demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien im Dritten Reich vermissten, beziehungsweise weil sie etwa - Spaß beiseite!: "bürgerlich-spießerhaft" - seine Mordmoral verurteilen würden. 

Nein, nein, keineswegs. Sondern schlicht weil sie insgesamt selbst nicht jene Macht in Besitz hatten, von der sie zumindest bis Ende 1932 fast sicher geglaubt hatten, dass diese ihnen zufallen würde und deshalb auch zukommen müsse. Schlicht deshalb, weil der oberste religiöse Führer Adolf Hitler hieß - und nicht Friedrich Hielscher (oder Kurt Paehlke). Dieses ganze Intrigenspiel wurde bis 1945 weitergespielt und nach 1945 dann als "Widerstand" verkauft. Einige blieben auf der Strecke (Gerhard von Tevenar 1943, Kurt Paehlke 1945, Albrecht Haushofer 1945, Wolfram von Sievers 1946 ...). Andere hievten sich nach 1945 in neue Machtpositionen: Friedrich Wilhelm Heinz als erster Geheimdienstchef Adenauers. Andere sollten noch lange nach 1945 von ihren Auftraggebern ans Messer geliefert werden (vermutlich): Rudolf Diehl etwa.

Umstürzlerische Tendenzen im "Salon Salinger" seit 1927?

Schon im "Salon Salinger", der etwa seit 1927 bestand, hatte die politische Polizei der Weimarer Republik gefährliche Umsturz-Tendenzen vermutet (a):
Der jüdischstämmige Hans Dieter Salinger, Beamter im Reichswirtschaftsministerium und Redakteur der „Industrie- und Handelszeitung“, versammelte hier einen bunt zusammengewürfelten Kreis um sich. Neben Hielscher sind hier Ernst von Salomon, Hans Zehrer, Albrecht Haushofer, Ernst Samhaber oder Franz Josef Furtwängler, die rechte Hand des Gewerkschaftsführers Leipart, zu nennen.
Der Bombenleger Ernst von Salomon wurde im Dezember 1927 nach nur "symbolischer" Haft aus dem Zuchthaus entlassen (1, S. 889):
Am Tage seiner Entlassung lernt er Friedrich Hielscher kennen, der ihn mit dem Wirtschaftsexperten Hans Dieter Salinger in Kontakt bringt. (...) Außerdem trifft er Hans Zehrer, Dr. Erwin Topf, Albrecht Haushofer, Ernst Samhaber und Franz Joseph Furtwängler. Alle zusammen bilden den "Salon Salinger".
Und darüber heißt es weiter (1, S. 893):
Es waren meistens Journalisten (Salinger, Zehrer, Topf) junge Wissenschaftler (Haushofer, Samhaber), Privatgelehrte vom Schlage Friedrich Hielschers und Gewerkschaftler wie Furtwängler. Die Tätigkeit dieses "Salons" war nichts anderes, als jeden Freitag bei Salinger zusammen zu kommen, um über die unterschiedlichsten Dinge zu debattieren. (...) Es war dieser "Salon" eben nicht ein Verschwörernest, wie die "politische" Polizei der Republik annahm, wo konkreter umstürzlerische Pläne geschmiedet wurden und mit Dynamit konkretisiert wurden.
Aber eben doch ...:
 ... Alles zusammengenommen eine politisch hochbrisante Gruppierung, die zu allem imstande schien.
Verneinende Bejahung nennt man das. Oder wie? Jedenfalls: Auch der Schriftsteller Alfred Bronnen, der trotz all seiner Bemühungen die proletarierhaften Nationalsozialisten nicht von seiner "arischen" Herkunft überzeugen konnte, tummelte sich in diesem Kreis (2, S. 423):
Das Phänomen Bronnen indes hatte eine große Anzahl von Freunden in Bogumils (= F. Hielschers) Wohnung gelockt. Hans Dieter Salinger, der mittlerweile auch den wirtschaftspolitischen Teil des "Vormarsch" betreute, saß seiner Gewohnheit gemäß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa, Hans Zehrer (...), Otto Strasser war in Begleitung von Herbert Blank (...) erschienen, (...) Samhaber war da, Friedrich Georg Jünger, der Bruder von Ernst, und natürlich eine Anzahl von Jünger-Jüngern, die zu Füßen des Meisters kauerten.
Man kann auch sagen, diese Kreise blieben auch nach 1934 "in Bereitstellung" für den Fall, dass - z.B. - ein eher unerwarteter aber dennoch nicht unmöglicher Militärputsch "nationalkonservative Intellektuelle" gebrauchen sollte. So weit kann man sicherlich gehen, wenn man ihre "Widerstands"-Tätigkeit definieren wollte. Ob ein Militärputsch gegen Hitler etwa im Jahr 1938 oder später - der ja immer vor allem der Kriegsvermeidung oder Kriegsbeendigung hätte dienen sollen (also der schlimmstmögliche Fall für das Weltbild eines Friedrich Hielscher und damit sicherlich auch eines Jünger) - mit solchen "nationalrevolutionären Intellektuellen" nicht auf geradestem Wege von "dem Regen in die Traufe" geführt worden wäre, steht deshalb noch lange dahin.

Bereitstellung für einen - unerwarteteren - Militärputsch

Vielleicht wurden diese Kreise auch nur deshalb als "Widerstand" in "kritischer Distanz" zum Regime gehalten, um im Falle eines Militärputsches unter anderem Gewand völlig identisch auf der Linie weitermachen zu können, auf der man bis dahin jeweils schon mit Hitler und Konsorten marschiert war. Oberstes Leitziel musste ja bleiben, dass der Dreißigjährige Krieg Hielschers und Churchills den "Untergang des Abendlandes" zu vollenden hätte. - "So oder so".

Nach 1945 konnten sich Jünger, Schmitt und Hielscher in der beruhigenden Sonne wärmen, dass es ja "zum Glück" insgesamt doch noch ohne ihr direktes Eingreifen so weit gekommen war, wie es sowieso hätte kommen sollen und müssen. Zumindest gemäß den ideologischen, gesellschaftlichen Selbstmordprogrammen, die sie in ihren Köpfen herumwälzten.

So konnten die Hielscher, Jünger, Best, Schmitt und Konsorten ihren Lebensabend verbringen, sei es beleidigt (Schmitt), "großsegnieurhaft" (Jünger), die SS-Vergangenheitsbewältigung dirigierend (Best), kleinkariert an "Kirche" bastelnd (Hielscher). Auf jeden Fall waren es langwieirig sich hinziehende Lebensabende, die noch heute ganze Heere von Schreiberlingen in der Aufarbeitung dieser Lebensabende auf Trab hält. Von der großen Bühne des Weltgeschehens waren sie abgetreten, sie wurden kaum noch gebraucht und gaben zu diesem dementsprechend mehr oder weniger nur noch ihre griesgrämlichen, nichtssagenden und verhüllenden Kommentare ab.
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  1. Am Zehnhoff, H.W.: Der Fall Ernst von Salomon. Aktionen und Standortbestimmung eines preussischen Anarchisten in der Weimarer Republik. In: Revue belge de philologie et d'histoire, Année 1977, Volume 55, Numéro, 55-3, pp. 871-896
  2. Aspetsberger, Friedbert: Arnolt Bronnen. Biographie. Böhlau, Wien u. a. 1995 (Google Bücher)

Mittwoch, 5. August 2015

Konrad Lorenz und die "katholische Diktatur"

Mittelalterfreunde sollten sich nicht auf Konrad Lorenz berufen ....

In meinen Eröterungen mit Mittelalter-Freunden hatte ich gerade geäußert:
Österreich hat seinen großen Sohn Konrad Lorenz zu Lebzeiten meistenteils sehr stiefmütterlich behandelt. Er musste für Jahrzehnte nach Deutschland ausweichen, weil er dort mehr Unterstützung für seine Anliegen erhielt als in Österreich.
Und darauf bekam ich gerade die verharmlosende Antwort, dass Konrad Lorenz keine direkt politischen Hintergründe gehabt hätte, dass er eher zu ehrlich und gut gewesen wäre, um sich vorausplanend in dem in Österreich und speziell Wien typischen Daurintrigantenstadl durchzusetzen. Lorenz wäre im Gegenteil in Österreich immer extrem beliebt gewesen und sein Name hätte heute dort immer noch einen guten Klang. Abneigungen hätte es eher aus dem Bereich der unkreativen Apparatschiks im Wissenschaftsbetrieb gegeben, wobei Neid das (traditionell in Österreich) vorherrschende Motiv gewesen sei.

- - - Nun gut, wenn man die Situation von Konrad Lorenz in Österreich so verharmlost, dann will ich doch einmal mit einem auf den Tag genau seit zwei Jahren unveröffentlichten Blogartikel hier ein wenig Nachhilfe-Unterricht betreiben. Natürlich hat die gerade genannte Antwort vor allem den Konrad Lorenz nach 1945 im Blick. Aber auch das wäre ein außerordentlich verkürzter Blick. Im folgenden jedenfalls der genaue Wortlaut meines schon vor zwei Jahren verfassten Blogartikels mit nur ganz sparsamen Einfügungen:

Von den Jesuiten in die Arme des Nationalsozialismus getrieben: Konrad Lorenz

Das "verdammte Jesuitengesindel", die "schwarzen Schweinehunde", die "katholische Diktatur", das "schwarze Regime",

die "Partei-Schweine"

Es war vor allem der schwarze Klerikalismus in Österreich, der Konrad Lorenz dazu veranlasste, den Nationalsozialismus im strahlendsten Licht zu sehen. Und so ging es vielen Menschen. Dies haben die Biographen Taschwer und Föger (1, 2) klar herausgearbeitet und dieser Umstand soll im folgenden Beitrag noch einmal anhand ihrer Biographie dokumentiert werden.

Abb.: Konrad Lorenz
Im März 1936 habilitierte sich Konrad Lorenz an der Universität Wien für die Fächer "Vergleichende Verhaltensforschung und Tierpsychologie". Allerdings wurde die Bestätigung der Habilitation vom österreichischen Unterrichtsministerium ein dreiviertel Jahr hinausgezögert bis Anfang 1937. Der Titel der Lehrbefugnis wurde schließlich abgeändert in "Zoologie mit besonderer Berücksichtigung der vergleichenden Anatomie und Tierpsychologie" (2, S. 60f),
um die weltanschauliche Ablehnung des damaligen Unterrichtsministeriums gegen das Forschungsgebiet des Gesuchstellers zu umgehen,
wie Konrad Lorenz später äußerte. Taschwer und Föger schreiben dazu (2, S. 63):
Unter dem Austrofaschismus mit seinen starken klerikalen Einflüssen war an eine Förderung biologischer Forschungen und zumal vergleichend stammesgeschichtlicher Untersuchungen des Verhaltens, wie sie Lorenz betrieb, nicht zu denken. Waren 1925 noch zwei Biologieordinariate und fünf beamtete Extraordinariate vorhanden, so war davon 1939 nur mehr ein besetztes Ordinariat übriggeblieben. (...) Angesichts des antiwissenschaftlichen und insbesondere: antidarwinischen Klimas in Österreich blickte Lorenz neidvoll nach Deutschland, wo seine Kollegen unter der Regierung der Nationalsozialisten mehr Aufmerksamkeit und Geld bekamen als je zuvor. So stieg das Födervolumen für biologische Forschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in den Jahren 1932 bis 1939 auf das Zehnfache an. (...) Während also in Österreich die Biologie vom katholisch-faschistischen Ständestaat allenfalls geduldet war, erfuhr sie durch die Nationalsozialisten eine enorme Aufwertung.
Nun, diese Sätze müssen wohl nicht weiter kommentiert werden. Es mögen keine direkt politischen Gründe gewesen sein, die dazu führten, dass Lorenz in Österreich nicht gefördert wurde - weltanschauliche, religiöse - sprich: mittelalterliche - Gründe waren es auf jeden Fall.

1937 - Das antiwissenschaftliche und antidarwinische Klima in Österreich

Im Frühjahr 1937 besuchte Niko Tinbergen mit Familie Konrad Lorenz in Wien. Der Besuch dauerte bis zum Juli. In einem Brief an seinen Vater berichtet er unter anderem (2, S. 74f):
"Interessant sind nicht nur die wissenschaftlichen Gespräche mit Lorenz, sondern auch die politischen. Die Freiheitsbeschränkung hier in Österreich durch die katholische Diktatur ist unglaublich. Wer nicht Katholik ist, ist nichts. Die Lorenzens selbst, von freisinniger Auffassung, sind wegen seines Postens 'katholischer' geworden, aber trotzdem benachteiligt in ihren Möglichkeiten. "

Tinbergen berichtet außerdem nach Hause, dass es nach Lorenz' Meinung im nationalsozialistischen Deutschland mittlerweile wieder große Verbesserungen für die vorurteilsfreie und objektive Wissenschaft geben würde. Während man die Forschung vor einem Jahr noch sehr unter Druck gesetzt hätte, der nationalsozialistischen Ideologie zu folgen, sei dies nun umgekehrt, so Tinbergen an seinen Vater:

"All die hastig entlassenen großen Männer in Deutschland, die nat.-soz. nicht zuverlässig waren, sitzen plötzlich wieder fest im Sattel, die 'Partei-Schweine' sind rausgeworfen worden, und für allerlei Sachen steht Geld zur Verfügung, auch für Arbeit, der der Nationalsozialismus kühl gegenübersteht."

In Österreich hingegen würde die Unterdrückung zunehmen: Lorenz selbst dürfe offiziell keine Tierpsychologie lehren und würde es heimlich unter einem anderen Titel tun. 
Konrad Lorenz ist sich also durchaus bewusst, dass es in Deutschland Druck auf die Wissenschaft gibt, "der nationalsozialistischen Ideologie zu folgen". Und er steht diesem Druck - wie ja hier klar zum Ausdruck gebracht wird - nicht positiv gegenüber. Nein, er spricht von "Partei-Schweinen", die diesen Druck ausüben. Und er spricht von - offenbar ihm wertvoller - "Arbeit, der der Nationalsozialismus kühl gegenübersteht". Es wäre noch einmal herauszuarbeiten, um welche es sich dabei gehandelt hat aus Sicht von Lorenz.

Schon dies zeigt jedenfalls, dass Konrad Lorenz dem Nationalsozialismus und der Partei-Bonzokratie niemals unkritisch gegenüber gestanden hat. Er hat sich schlicht durch alle Regime hindurchgemogelt und sich auf seine Wissenschaft konzentriert und sie weiter entwickelt. Wie ja auch schon aus dem Satz hervorgeht, dass die Familie Lorenz "katholischer" geworden sei. So wurde sie eben 1938 "nationalsozialistischer" und 1945 "demokratischer" als es Lorenz von seinem rein wissenschaftlichen Standpunkt her für sich getan hätte, wenn es nur auf diesen angekommen wäre.

So wie sich Lorenz in die Graugans hineinversetzen konnte, so konnte er sich auch in den typischen katholischen, NS- oder Demokratie-Bonzen hineinversetzen und ihm nach dem Munde reden. Wer hätte daran Zweifel?

Als die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin Gutachten von Wiener Wissenschaftlern über Konrad Lorenz wünschte, wurden die fünf von diesen erstellten Gutachten unter anderem zusammen gefasst mit den Worten (2, S. 76):
Gerade auch die nationalsozialistischen Kreise würden für Lorenz eintreten, "während er auf der anderen Seite schon durch seine tierpsychologischen Forschungen von der gegenwärtigen Regierung in Österreich nicht gefördert wird".
Auch dies bedarf keines Kommentars.

1938 - Erleichterung über den Anschluss, weil man das "verdammte Jesuitengesindel", die "schwarzen Schweinehunde" los ist

Zwei Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich jedenfalls schreibt Konrad Lorenz an seinen Freund und Förderer Oskar Heinroth in Berlin - und dass die Worte wie oben schon "emotional" herüberkommen, dafür kann der Blogautor "leider" nichts (1, S. 65; 2, S. 78; Hervorhebung nicht im Original):
Wir sind alle noch leicht besoffen von den Ereignissen der letzten 14 Tage, es ist absolut unvorstellbar, dass es nur so wenige Tage sind! Sie können sich keine blasse Vorstellung davon machen, welche Begeisterung hier herrschte und selbst jetzt noch herrscht, in welcher Ausnahms- und Feststimmung selbst so unpolitische Menschen wie wir sind! Wie ich in Berlin oft sagte: Man muss 5 Jahre lang unter der Regierung der schwarzen Schweinehunde gestanden haben, um ein "Deutschland Erwache" in seinem Inneren mit der vollen Intensität zu erleben. Ich glaube, wir Österreicher sind die aufrichtigsten und überzeugtesten Nationalsozialisten überhaupt! Man muss im Grunde genommen den Herren Schuschnigg und Konsorten dankbar sein, denn ohne ihre unbeabsichtigte Hilfe wären die faulen und ihrem Nationalcharakter nach besonders meckerbereiten Österreicher lange nicht so schnell, gründlich und nachhaltig zu Hitler bekehrt worden. Und das sind sie jetzt wirklich und zweifellos!
Müssen diese Worte noch kommentiert werden? Nicht Hitler hat Konrad Lorenz von Hitler überzeugt, sondern: Schuschnigg und Konsorten!! Dass man von dem Regen in die noch viel schlimmere Traufe kam, wurde natürlich angesichts solcher Alternativen völlig vergessen. Konrad Lorenz schrieb (1, S. 82; 2, S. 80):
Für Wissenschaftler ist es eine Erlösung, nun zu dem großen Deutschland zu gehören statt zu dem verdammten Jesuitengesindel! (...) Man muss offenbar so richtig unter der schwarzen Sache gelitten haben, um den Wert Hitlers voll zu begreifen. Die bereits vollzogenen Umwälzungen auf der Universität sind dermaßen eindeutig zum Guten, dass man geradezu auf eine neue Glanzperiode unserer verstümmelten Fakultäten hoffen kann!!
In seinem Gesuch zur Aufnahme als Mitglied der NSDAP schreibt er unter anderem (1, S. 79; 2, S. 84):
Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist und aus weltanschaulichen Gründen erbitterter Feind des schwarzen Regimes (nie gespendet oder geflaggt) und hatte wegen dieser auch aus meinen Arbeiten hervorgehenden Einstellung Schwierigkeiten mit der Erlangung der Dozentur.
An anderer Stelle sagte er (1, S. 117; 2, S. 96):
Die paar Jahre katholischen Regimes waren uns allen sehr gesund! Man muss in der damaligen Zeit die typischen Argumente der Gegner gehört haben, um die grundsätzliche und ursächliche Verflochtenheit von Nationalsozialismus und Entwicklungsgedanken voll zu erfassen.
Also es ist ganz und gar unbezweifelbar, das "katholische Regime" trieb Konrad Lorenz und viele Menschen, die so "freisinnig" dachten wie er, geradezu mit Gewalt in die Arme des Nationalsozialismus. Damit soll Konrad Lorenz keineswegs entschuldigt werden. Aber der Blick auf ihn wird doch ein wenig differenzierter, wenn man diesen Umstand mit berücksichtigt.

Dieser Blogartikel war bisher noch nicht veröffentlicht worden, weil die Biographien mit ihm noch keineswegs vollständig ausgewertet worden sind. Aber als Stoff zum Nachdenken und Weiterdenken wird das Bisherige wohl schon reichen.
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  1. Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001 (Google Bücher)
  2. Taschwer, Klaus; Föger, Benedikt: Konrad Lorenz. Biographie. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2003 (Google Bücher

Samstag, 23. Februar 2013

Neuerscheinung vom Blogautor


Eineinhalb Jahre ist es her, daß wir hier auf dem Blog angekündigt hatten:
In Vorbereitung ... Ein Dokumentationsband wenig bekannter zeitgenössischer Stellungnahmen zu Satanismus und Geheimpolitik der 1930er Jahre.
Und zwar in dem Blogartikel: "Zwei bedeutende Satanismus- und Okkultismus-Kritiker der 1930er Jahre". Damit waren angesprochen die völkischen Hintergrundpolitik-Kritiker Erich und Mathilde Ludendorff, sowie ihre Mitarbeiter.

Abb.1: Erscheinungsdatum: 23. Februar 2013
Damals, im Juli 2011, bestand noch die Erwartung, daß bei dieser Arbeit nur ein Band herauskommen würde. Doch es sind viel mehr geworden. Fast 900 Seiten. Drei Bände. Amen! Und bei genügender Ausdauer könnten noch zwei oder drei Bände hinzugefügt werden. Denn für diese ist ebenfalls schon viel Material zusammengestellt worden. (Etwa zu der Thematik: "Wie wurde Erich Ludendorff Geheimpolitik-Kritiker?" - Wobei zum Beispiel - neben anderem - seine Erfahrungen als Reichstagsabgeordneter zu behandeln sind.)

Außerdem haben ja auch diverse mehrteilige Blogartikel und Themenreihen hier auf dem Blog einen solchen Umfang erreicht, daß daraus leicht neue Bücher zusammengestellt werden könnten (wenn Zeit dafür vorhanden wäre). 

Vor allem der Blogartikel "Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler" würde eine solche Buchform verdienen. Aber auch vieles andere. Und dabei wird wieder einmal deutlich, daß die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Autoren und Verlegern eine sinnvolle gewesen ist. Auch noch trotz der vielen Erleichterungen durch die Books on Demand- und die womöglich noch tolleren Blog-to-Print-Techniken. Korrekturlesen ist ja dennoch notwendig. Und was für eine Heidenarbeit ist allein das. Ich kann diese Dinge deshalb nicht alle selbst verlegen und bin froh, sie zunächst einmal nur schon öffentlich zugänglich gemacht zu haben auf meinen Blogs.

Studienreihe begründet

Jedenfalls sind das einige der Gründe, weshalb schon einmal vorsorglich gleich eine ganze Studienreihe begründet worden ist. Mit dem bewußt und gewollt hochtrabenden Titel:

"Quellen und Forschungen
zur Geschichte des naturalistischen Denkens 
und der Hintergrundpolitik-Kritik 
im 20. Jahrhundert"

Was für ein saftiges Thema! Wohin man tritt, betritt man Neuland. Wohin man kommt, wird es brisant, aktuell und zukunftsweisend. 

Von dieser Studienreihe jedenfalls ist - am heutigen 23. Februar des Jahres 2013 - das Erscheinen der ersten drei Bände bekannt zu geben. Hosianna sei gesungen - - - Amen, Amen, Amen! Letztlich liegt es daran, daß man einfach irgendwann genug hat, noch weiter herumzukorrigieren. Also es sind erschienen die Bände 1.1 bis 1.3 der genannten Studienreihe. Auch der Titel ist zwischenzeitlich noch einmal geändert worden. Er lautet nun:

Erich Ludendorff, Mathilde Ludendorff und Mitarbeiter

Satanistische Okkultlogen in der Weltpolitik

Völkische Hintergrundpolitik-Kritik der Jahre 1927 bis 1972

Zusammengestellt und erläutert von Ingo Bading

Fast 900 Seiten können derzeit für sagenhaft günstige 27 Euro bestellt werden (zuzüglich Portokosten). Ist das kein Angebot? Das ist fast der Selbstkostenpreis bei wohl einem der günstigsten Books-on-Deman-Hersteller, nämlich bei Lulu in Großbritannien. (Ich wechsle sofort zu einem deutschen Anbieter, wenn sein Angebot ähnlich günstig sein sollte.)

Bei größerer Nachfrage - ähm - wird der Preis natürlich erhöht. :-)

- Nun, alles weitere ist jedenfalls hier zu erfahren:


Wie immer gilt, daß ernsthafte Rückmeldungen jeder Art - korrigierend, ergänzend, kritisierend, hell begeistert oder zu Tode betrübt - jederzeit willkommen sind. Zum Beispiel in den Kommentaren zu diesem Blogartikel oder in privaten Zuschriften.

Mittwoch, 15. Februar 2012

"Leben gegen Schatten" - aber gegen welche? - Der Jesuitenpater Martin Bormann

Einen vielleicht etwas spezielleren, vielleicht aber wieder doch gar nicht so speziellen Fall von "Elitenkontinuität im 20. Jahrhundert" scheint der Fall "Martin Bormann junior" darzustellen.

Der älteste Sohn des Kirchenhassers Martin Bormann, Martin Adolf Bormann, geboren 1930, ist nach dem Zweiten Weltkrieg von einer Tiroler Bauernfamilie aufgenommen worden und später in den Jesuitenorden eingetreten. War nun der Schritt von seiner faschistischen familiären Vergangenheit und Jugend hin zum Jesuitenorden ein echter "Neuanfang"?

Nein. Auch er - - - auch er hat 12-jährigen Klosterschülern Anfang der 1960er Jahre in Salzburg schwere bis schwerste physische Gewalt angetan, darunter auch sexuelle (ORF 2010). Seine Autobiographie hat er "Leben gegen Schatten" genannt, womit die Leserschaft an den Schatten seines Vaters denken sollte. Die übelsten Schatten in seinem eigenen Leben und aus eigener Verantwortung hat er darin mit keinem Wort sonst angedeutet ...

Abb. 1: Martin Bormann junior, S.J. - in der Messe - 1950er Jahre
Würde man nicht die vielen parallelen Fälle von Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der Psychosekte Jesuitenorden kennen (siehe frühere Beiträge hier auf dem Blog), würde man die Berichte gerade über diesen Jesuitenpater Martin Bormann insbesondere als "Sensationsmache" empfinden und abtun. Das scheint aber doch nicht zu gehen, da das ganze "pädagogische Klima", in dem sich Bormann, auch Bormann in Salzburg als Lehrer bewegte, mit Gewalt getränkt war. Im folgenden nur Auszüge aus Erinnerungen Überlebender dieser Gewalt (Profil 2011):
Der heute 63-jährige Victor M.* war Anfang der sechziger Jahre in einem Elitegymnasium der Herz-Jesu-Missionare in Salzburg Zögling und Bormann sein Erzieher.  (...) Seine ehemaligen Mitschülern zeichnen das Bild eines Nachkriegsregimes hinter Klostermauern, in dem Buben neben ständiger religiöser Disziplinierung körperlicher Gewalt und militärischem Drill ausgeliefert waren. „Es tut immer noch sehr weh. Sie sehen, daß mir beim Erzählen ­Tränen kommen, obwohl ich eine Psychotherapie gemacht habe“, sagt ein heute 62-jähriger Ex-Zögling. Bormann, damals 30, war sportlich-gestählt, geheimnisumwittert, eitel, von jähzorniger Härte und brutal. Drei ehemalige Schüler berichteten profil, er habe Buben blutig geschlagen, einer blieb bewußtlos liegen.
Abb. 2: Bewußtlos geschlagen: M. Bormann jr. S.J.
Und:
Ihn selbst hatte Pater Bormann einmal beim ­Reden ertappt – im Schlafsaal herrschte Schweigegebot – und ihm von hinten seine Faust auf den Kopf gedonnert. Der Bub verlor das Bewußtsein und wurde von Bormann – „das Zamperl (Bayrisch für Schwächling, Anm.) werden wir wieder zum Leben bringen“ – mit kaltem Wasser übergossen. Ein anderes Kind habe Bormann mit solcher Wucht gegen eine Wand geknallt, daß sein Gesicht blutüberströmt war. Ein einziger Ort im Internat, das in einem ehemaligen erzbischöflichen Jagdschloß untergebracht ist, habe Zuflucht geboten. Es war das Krankenzimmer.
Und:
„Komisch“ erschien ihnen schon damals an Bormann einiges. Daß er mit ausgewählten Burschen eine mehrwöchige Sommerwanderung unternahm, über die es nachher hieß, im Zelt sei es zu Annäherungen des Paters an Schüler gekommen. Und schließlich sein besonderes Verhältnis zu seinem Lieblingsschüler, einem blonden, hochgewachsenen Münchner. Als ein Bub den Bormann-Liebling einmal beleidigte, forderte ihn der Erzieher zum Boxkampf heraus. Alle anderen mußten mitansehen, wie der Bub dem athletischen Ordensmann ängstlich auswich. „Bormann hat ihn dann vor uns niedergeschlagen. Das war für uns alle furchtbar“, sagt einer.
Was weder den heutigen Zeitungsberichten noch Wikipedia explizit zu entnehmen ist, was aber zu dem Wort "geheimnisumwittert" in den Berichten der Überlebenden paßt, ist einem alten Zeitungsbericht aus dem Jahr 1959 zu entnehmen (1):
Jetzt berichtet die französische Wochenschrift "Aux Ecoutes" (...), der Jesuitenpater Bormann sei ein wichtiger Mittelsmann zwischen Bonn und Pankow. Er besitze einen Sonderausweis mit ständiger Einreiseerlaubnis in die DDR.
Abb. 3: "Blutüberströmtes Gesicht": Martin Bormann Junior als Jesuit, 1960
Der Zeitungsbericht stammt aus eben jener Zeit, an der sich die ehemaligen Klosterschüler an Bormann als ihren Lehrer erinnern. Was an dem Zeitungsbericht dran ist, muß an dieser Stelle offen bleiben.

Auf Wikipedia ist noch über den weiteren Lebensweg Bormanns zu erfahren:
1969 hatte er einen schweren Autounfall und wurde von einer Mitschwester gepflegt. Anschließend ließen sich beide von ihren Gelübden entbinden und heirateten 1971.
Von Küssen zwischen Priestern und Nonnen wußten auch die Schüler auf dem Salzburger "Elite"-Gymnasium schon zu berichten. Diese Rosemarie Bormann berät heute ihren Ehemann bezüglich des Umgangs mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen.

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1. T.K.: Jesuit Bormann - ein politischer Agent? In: Volkswarte, 18.9.1959, S. 2

Montag, 6. Februar 2012

"Durchaus sympathisch" - Lenin und Stalin

Der Salonbolschewist, Kriegshetzer und Freimaurer Friedrich Hielscher

Gleich nach der Wende des Jahres 1989 nahm die Geschichtswissenschaft neue Bewertungen auch des historischen Wirkens des Freimaurers Eduard Benesch (1884-1948) (Wiki) vor, 1918 bis 1935 Außenminister, 1935 bis 1938 Staatspräsident der Tschechoslowakei, von 1938 bis 1945 einflußreicher Exilpolitiker in London, von 1945 bis 1948 nochmals Staatspräsident der Tschechoslowakei (1-4).

Abb. 1: Lagerzaun in Workuta (rer)

Schon in der Krise des Jahres 1938 hatte er auch für sein eigenes Land keine Sorgen gegenüber einer "Sowjetisierung Osteuropas", ja, er hat die Sowjets schon im Februar 1936 indirekt zur Sowjetisierung Mitteleuropas aufgefordert (2, S. 551). Und schon am 31. Januar 1939 sagte Benesch in London in diesem Sinne zum Beispiel die einprägsamen Worte (zit. n. 2, S. 579):

„Rußland wird in Mitteleuropa das Wort haben ... Geographisches Gesetz ... Hitler verhilft uns zur Nachbarschaft mit Rußland. Nach den künftigen Katastrophen muß das Ziel sein, daß Rußland in Uzhorod stehen wird, Presov in Rußland liegen wird ... Die Grenze mit Rußland so lang wie möglich auch mit Hinsicht auf Polen ...“

Dieses Zitat ist auch deshalb so auffällig, weil ein solches Denken des Freimaurers Eduard Bensch (spätestens ab 1936) und das Denken des Freimaurers Friedrich Hielscher (spätestens seit 1927; offiziell Freimaurer wurde er erst 1951) in vielerlei Hinsicht gegenseitig erläuterendes Licht aufeinander werfen - und damit wohl auf die Freimaurerei insgesamt. Dieses Zitat scheint nur das noch offener auszusprechen, was Friedrich Hielscher sich schon in seinen Veröffentlichungen seit 1927 gewünscht hatte (siehe gleich). Der Historiker Ivan Pfaff führte aus (2, S. 579): Benesch

„war schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fest davon überzeugt, daß die UdSSR früher oder später in den Krieg mit Deutschland eingreifen und schließlich nach Mitteleuropa vordringen werde.“

Und im Dezember 1939 führte Benesch aus (2, S. 580):

„Rußland wartet ab und sobald es auf Grund der deutschen Kriegsführung für sich allseits die möglichst stärkste Position gewonnen hat (die Baltischen Staaten, Polen, Finnland, Bessarabien, offenbar Bulgarien und Nordtürkei und -persien), wird es alles Erdenkliche zum Sturz des heutigen Deutschland tun und dort wie auch überhaupt in Mitteleuropa eine Revolution mit Sowjetregimes hervorrufen.“ 
In ähnlichen Gedankengängen formulierte Benesch am 12. Juli 1941 (zit. n. 4, S. 555):
„Wenn der Krieg in Europa vorüber ist, werden nur Deutschland und Rußland übrig sein. Deutschland wird zerstückelt sein und im Osten und - wie ich hoffe, in Zentraleuropa ebenso - wird Rußland die entscheidende Rolle spielen.“

Die gleiche Sorglosigkeit, ja, Sympathie gegenüber der Sowjetunion, wie sie Benesch an den Tag legte, legte auch ein Vordenker des sogenannten "Neuen Nationalismus" und der sogenannten "Konservativen Revolution" in Deutschland rund um Ernst Jünger schon ab 1927 an den Tag.

"Rußland wird in Mitteleuropa das Wort haben ... Geographisches Gesetz ..."

Ein Vordenker, der Zeit seines Lebens den "Männerbund" glorifizierte, schon 1925 die Jesuitenexerzitien praktizierte und 1951 auch offiziell Freimaurer wurde. Während in den Kreisen der "Konservativen Revolution" noch heute ein Eduard Benesch oder ein Walter von Seydlitz (Nationalkommitee Freies Deutschland) äußerlich auf das heftigste abgelehnt werden, vielfacher deutscher militärischer Geheimnisverrat an die Sowjetunion schwer verurteilt wird (Martin Bormann, Rote Kapelle, Wilhelm Canaris ...) (5-7), bringt man einem Friedrich Hielscher noch heute in diesen Kreisen mitunter viel Sympathie entgegen.

Wenn in Kreisen des "Neuen Nationalismus" und damit später auch des (z.T. sogenannten) deutschen Widerstandes schon seit 1927 so gedacht werden konnte, wie Friedrich Hielscher dachte, wird man Anlaß haben, viele Landesverrats-Handlungen des (z.T. sogenannten) deutschen Widerstandes noch aus ganz neuer Perspektive zu sehen. (Denn wie kann man einen "Widerstand", der anstelle des nationalsozialistischen Totalitarismus lediglich den kommunistischen Totalitarismus setzen wollte, noch aufrichtig "Widerstand" nennen anstatt Erfüllungsgehilfe von Totalitarismus?)

Nach Aufsätzen von Friedrich Hielscher wie "Der Draht nach Osten" von 1927 (S. 6), "Japan, Rußland und der Westen" von 1928 (S. 54) und "Die letzten Wochen. Moskau" von 1930 (S. 49f) vervollständigt die Soziologin Ina Schmidt in ihrer Dissertation über Hielscher unsere bisherigen Kenntnisse über seine volksverhetzenden Ansichten (8, 9) zusammenfassend folgendermaßen (10, S. 100):

Seit der Herrschaft Zar Peters I. sei auch das russische Seelentum der westlichen Überfremdung preisgegeben worden.
Abb. 2: Ukraine 1932

Zar Peter I. der Große (1672 - 1725), der Petersburg als westliche Stadt gründete und Rußland der westlichen Kultur und vor allem auch vielen deutschen Einflüssen öffnete, wird also von Hielscher negativ bewertet. Denn westliche Überfremdung ist ja im Weltbild des Friedrich Hielscher die Ursünde überhaupt. Derartiges hört man bezüglich "östlicher Überfremdung" bei ihm nie, im Gegenteil. Denn demgegenüber ("im Gegensatz dazu") zieht er keine geringeren als - - - Lenin und Stalin Peter I. folgendermaßen vor:

Lenin und Stalin seien nicht wirklich marxistisch eingestellt, da sie im Gegensatz zum Zarentum konform mit dem ursprünglich russischen Seelentum handelten, was Hielscher durchaus sympathisch findet. Erkennbar sei dies daran, daß sie die russischen Menschen ihrer Machtpolitik und der russischen Nation opferten.

(Vgl. Abb. 1 - 3.) Leider gibt Schmidt hier kein Originalzitat. Aber schon diese Paraphrase ist wohl eindeutig genug. Ob wohl Ina Schmidt selbst gemerkt hat, was für ein ekelhaftes Denken sie da referiert? Sie fährt noch krasser fort:

Stalin verhalte sich so, wie sich ein echter Nationalist verhalten solle, da er nur an die Stärke und den Erfolg der Nation denke. Der Bolschewismus sei nur Maske. Dies zeige sich darin, daß er Ordnung schaffe, regimefeindliche Akademiker ermorde und Zehntausende von Kulakenfamilien nach Sibirien schicke und dort sterben lasse.
All das findet Hielscher also toll! Er wünscht es sich offensichtlich auch für Deutschland. Das liegt ganz auf der Linie unserer bisherigen Beiträge zu Hielscher (8, 9).
Durch diese Opferung von Menschenleben habe er die Rüstung der Nation gestärkt.

Man möchte den Hielscher auf der Stelle selbst sofort in den Archipel Gulag schicken und verrecken lassen, wenn er so reden kann. Wie kann Papier so geduldig sein und wie konnten die damaligen Leser von Hielscher so geduldig sein? Die ganzen nationalpatriotischen deutschen Kreise lebten damals aus dem antikommunistischen Affekt heraus. Und Hielscher verherrlicht den Kommunismus und niemand hat ihm jemals gehörig die Meinung gesagt? An dieser Stelle erfolgt dann Verweis auf die oben genannten Origianl-Aufsätze. Und weiter:

Stalin sei kein Marxist, wie er immer noch denke, denn "Karl Marx hatte das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl gewollt, einen nicht sehr erhebenden, etwas muffigen, aber immerhin erträglichen Frieden auf Erden; und diese Erschießungen bedeuten Krieg, Willen zur Macht, Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben, Entschlossenheit zum Siege" 

wie Schmidt aus dem letztgenannten Aufsatz Hielschers von 1930 zitiert. Noch einmal: Eine solche Bejahung des stalinistischen Völkermordes findet man höchstens noch bei Winston Churchill. Sind von Adolf Hitler solche Äußerungen bekannt? Dann hätte wohl Ernst Nolte leichtes Spiel mit seiner These, der Nationalsozialismus sei im Wesentlichen eine Reaktion auf den Bolschewismus. Nolte sollte Friedrich Hielscher genauer studieren, dann wüßte er, "wer" "wie" auf den Bolschewismus reagiert hat.

"Durch diese Opferung von Menschenleben habe er die Rüstung der Nation gestärkt"

Die "Neuen Nationalisten", die "Konservativen Revolutionäre" haben gegen Hitler 1944 möglicherweise nicht gerade deshalb geputscht, weil sie "humaner" gesinnt waren, als er, sondern weil ihre dem deutschen Volk, dem russischen Volk und der westlichen Welt noch heute völlig unverständliche landesverräterische Kooperation mit der Sowjetunion, weil die gleichzeitige von ihnen ermöglichte Invasion in der Normandie und der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte in Rußland möglicherweise schon damals aufgeflogen worden wären, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit nicht durch einen Putsch und durch ein Attentat auf Adolf Hitler abgelenkt worden wäre. (So könnte zumindest eine Hypothese lauten, die genauer verfolgt werden müßte. Denn um so mehr man von den landesverräterischen Umtrieben des deutschen "Widerstandes" erfährt, insbesondere auch gegenüber der Ostfront, um so mehr fragt man sich, welche Rationalität dann eigentlich noch hinter dem Stauffenberg-Attentat von 1944 stehen sollte.) - Doch bringen wir das Zitat von Ina Schmidt zum Abschluß (10, S. 100f):

Das typisch russische Seelentum kennzeichne ebenso wie das römische der große Abstand zwischen den als unwissend und niedrig betrachteten Beherrschten und der als wissend und gottgewollt empfundenen Führung. Diese werde von den Menschen Rußlands als notwendiges Übel zwecks Verteidigung nach außen hin akzeptiert.

An diesen Ausführungen ist ja insbesondere noch bemerkenswert, daß Hielscher in den Jahren von 1927 bis 1930 viel präziser als viele andere deutsche und westliche Beobachter in der Öffentlichkeit die damaligen inneren Vorgänge in der Sowjetunion in ihren tatsächlich vorliegenden Kausalzusammenhängen benennt. Im Grunde ist dies noch nicht einmal von Robert Conquest ("Ernte des Todes", 1986) so scharf und deutlich herausgearbeitet werden, sondern erst von Bogdan Musial ("Kampfplatz Deutschland", 2010), nämlich daß der ukrainische Hungerholocaust 1930 bis 1933 durchgeführt wurde, um ein gigantisches Rüstungsprogramm mit Getreideexporten finanzieren zu können. Genau das weiß auch Hielscher. Aber wer wußte das damals eigentlich in Deutschland noch ebenso präzise wie er?

Adolf Hitler zumindest nicht. Sonst hätte er das gigantische Rüstungsprogramm Stalins nicht so stark unterschätzt, wie er es 1942 gegenüber dem finnischen General Mannerheim eingestand. Sprich: Die deutsche "Abwehr", der deutsche militärische Geheimdienst unter Wilhelm Canaris, Reinhard Gehlen, Alexis von Roenne, zusammen mit Leuten wie Hans von Dohnanyi, Justus Delbrück und Karl Ludwig Freiherr von Guttenberg (7, S. 67) hatten diese Dinge ebensowenig weitergegeben, wie offenbar das Außenministerium z.B. seine Konsulatsberichte aus Kiew aus dem Jahr 1932 an die Öffentlichkeit weitergab. (Der eben genannte Guttenberg ist übrigens der Großonkel des 2011 zurückgetretenen korrupten Verteidigungsministers, der ebensogerne wie sein Großneffe "Guttenberg'sche Lügenteppiche" webte und sich in ihnen "verhedderte", wie seine Tochter in ihrer Biographie schreibt. Offenbar also eine familiär weiterverbte Eigenschaft der Lügenbarone von Guttenberg.)

Ina Schmidt scheint die Ungeheuerlichkeit der Gedankengänge des Friedrich Hielscher nicht vollumfänglich bewußt zu werden, unter anderen offenbar auch deshalb, weil sie sich der freundschaftlichen Verbindungen der "Neuen Nationalisten" zu jenen nicht bewußt ist, die genau die politische Moral eines Friedrich Hielscher von 1933 bis 1945 gelebt und umgesetzt haben. Beim gegenwärtigen Kenntnisstand am besten personifiziert im "dritten Mann hinter Himmler und Heydrich", in Werner Best, den ebenso wie Hielscher in Deutschland bis 1989 niemals verurteilten, lebenslangen Freund von Ernst Jünger und Friedrich Hielscher. Einer der vielen aus dem Hielscher-Kreis, der um 1933 herum zum Männerorden SS wechselte.

Da paßt es auch durchaus, wenn der Sekretär Ernst Jüngers, Armin Mohler, Berater von Franz Josef Strauß war, der möglicherweise als einer der Auftraggeber des Staatsterrorismus der RAF und damit des Mordes an Siegfried Buback gelten muß (siehe früherer Beitrag). Der Mordmoral einer RAF mußte ein Hielscher, wenn er konsequent war, völlig positiv gegenüber stehen. Ebenso wie dies bis heute Horst Mahler tut, wenn er sie als Verlängerung der "Heldentaten" der Werner Best- und Hielscher-SS anspricht. Alle diese Personen scheinen aus der gleichen "asiatisch-brutalen" geheimpolitischen und geheimideologischen Ecke eines Hielscher zu kommen.

Hielscher kannte die Hintergründe des Hungerholocausts in der Ukraine 1932

Abb. 3: Ukraine 1932
Nachdem Hielscher in seinen Aufsätzen und Büchern bis 1933 viele "Herren"-Gedanken geäußert hatte, wie sie unter den elitären völkisch-freimaurerischen Okkultlogen und Herrenklubs seiner Zeit Gang und Gäbe waren, nachdem sein Gesinnungsgenosse Werner Best schon lange vor 1933 Mitglied des Skaldenordens geworden war, nachdem sein Gesinnungsgenosse Ernst Jünger in seinen Büchern viel über die "Herren der Probleme" raunte, "mit denen sich die Zeitgenossen beschäftigen", und die sich offensichtlich in Logen und Geheimdiensten bewegen (siehe früherer Beitrag), zögerte Hielscher im Jahr 1951 nicht, sich den Degen auf die nackte Brust setzen zu lassen, ohne Schuh durch den "dunklen Gang" der Freimaurer zu stolpern und ähnliche Mätzchen mit sich machen zu lassen, um Mitglied der Freimaurerloge "Brudertreue am Main" zu werden, der er dann über vier Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod angehören sollte (10, S. 136). Da war dann quasi endlich auch offiziell "zusammengewachsen", was schon lange "zusammen gehört" hatte ... Und als er 1954 Martin Buber seine soeben erschienene Autobiographie sandte (10, S. 137),

in der er betonte, daß Buber ihm "den Weg von der Gerechtigkeit zur Güte" gezeigt und die Augen für "Israel" geöffnet habe,
- diese Worte muß man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: "von der Gerechtigkeit zur Gute" - und diese Worte aus dem Munde eines Kriegshetzers vom Schlage Friedrich Hielscher - konnte dieser Herr Buber lächerlicherweise in seiner Antwort befriedigt feststellen, daß in diesem "lebendigen" Buch viele weltanschauliche Veränderungen dokumentiert waren und eine Selbstkritik an seinen vergangenen nationalistischen Positionen:
"Auch bekommt man jeweils ein Stück eines sehenswerten Wegs zu sehen, der aus dem 'Reich' in die Welt führt. Ihnen und Ihrer Frau alles Gute!"

Martin Buber kann ja wohl "Das Reich" nicht zitieren, ohne es gelesen zu haben! Unglaublich, daß er da noch von einem "sehenswerten Weg" fabulieren kann. Entweder man sagt sich "Elitäre unter sich" oder man sagt sich: Jetzt weiß ich endlich, wie ich die merkwürdig fremdartige Stimmung in "Gog und Magok" aufzufassen habe, nämlich dahingehend, daß man aus dieser heraus in dem Buch "Das Reich" nichts mehr "merkwürdig" und "fremdartig" empfindet, sondern vielmehr: "sehenswert".

Im übrigen: Der "innere Mohr" des Friedrich Hielscher, dieser brutal-totalitaristische, diktatur- und kriegsverherrlichende, menschenverachtende, völkermordbegrüßende hatte ja eh seine Schuldigkeit getan. Jetzt konnte Hielscher, nachdem sich das von ihm vorausgesehene "eiserne Schicksal" vollzogen hatte, zu seinem inneren Mohr - offenbar sagen: Der Mohr kann gehen. Und alle waren's zufrieden.

Und seit dem darf jeder Hielscher-Verehrer sich seinen eigenen Hielscher zurechtstoppeln. Je nach Laune mehr Dosierung von dem "Hielscher vor 1933" oder dem "Hielscher vor 1945" oder dem dosiert "selbstkritischen Hielscher nach 1945". Wobei natürlich reineweg klar ist, daß Hielscher "Widerstand" im Dritten Reich geleistet hat. Hielscher! Lächerlich!

Heutige Odin-Anhänger finden Hielscher Klasse

Auf dem Blog eines Julian Jurek (möglicherweise Pseudonym), offensichtlich einem Odin-Anhänger (21gh) (11), der so gut in die "arische Internationale" eines Friedrich Hielscher paßt, wird das nicht-naturalistische Weltbild des Friedrich Hielscher noch einmal sehr hübsch deutlich herausgearbeitet:

Seine Einstellung zu Volk und Nation wird in seinem ideologischen Grundlagewerk „Das Reich“ deutlich, daß 1931 im Fundsberg-Verlag erschien. Dort postulierte er, daß ein Volk  aus der Gemeinschaft von Schicksal und Bekenntnis entstehe. Das Blut erhält seinen Rang durch eine Entscheidung und nicht durch die Biologie. Deutschtum/Deutschheit leiten sich nicht durch Abstammung und staatliche Definition ab, sondern aus Gesinnung und Glauben. Der Reichsbegriff wird vom politischen zum religiös-metaphysischen, in der Geschichte wirkenden Prinzip einer föderativen Ordnung Europas – unter Führung des preußischen Geistes. Die Nationalstaaten sollten sich in Stämme und Landschaften auflösen, und aus diesen verkleinerten Einheiten war etwas Größeres zu schaffen, das über die Nationalstaaten hinausging.
Also wie noch an anderer Stelle aufgezeigt werden wird, wunderbar kompatibel zu der traditionellen freimaurerischen - und übrigens auch christlichen und buddhistischen - Weltsicht. Über die Tätigkeit Hielschers als Religionsgründer heißt es:
Von größerer spiritueller Bedeutung war die 1933 nach dem Umzug nach Potsdam erfolgte Gründung der Unabhängigen Freikirche UFK als heidnisch-pantheistischer Glaubensbewegung auf indogermanischer Grundlage: „Ich glaube an Gott den Alleinwirklichen. Ich glaube an die ewigen Götter. Ich glaube an das Reich.“ Heidnische Elemente aus der deutschen Klassik und Romantik wurden mit dem ketzerischen Pantheismus eines Johannes Scotus Eriugenas, Nietzsche und dem überlieferten keltisch-germanischen Volksglauben zu einer für Außenstehende äußerst schwer zu erfassenden theologischen Einheit verknüpft. Die Theologie der UFK war kein statisches Gebilde, sondern wie „Das Reich“ eine dynamisch weiterzuentwickelnde Aufgabe.  
Interessant auch, wo und wie man den Aktualitätssbezug von Friedrich Hielscher heute sieht:
Dabei ist gerade für uns Polytheisten interessant, daß die UFK gut und gerne als Vorreiter der modernen Neuheidentum-Bewegung gelten kann. Obwohl ihre Wurzeln in einem konservativ-reaktionären Milieu lagen, stand sie doch im starken Kontrast zu den ariosophischen Orden und Zirkeln der Vorkriegs-Zeit. Auch mit dem Rassismus und Antisemitismus der theosophisch-beeinflussten SS Himmlers hatte sie nichts gemein. Wie bereits erwähnt, war Hielscher der Überzeugung, daß das Deutschtum eine Sache der Geisteshaltung, und weniger der Abstammung sei. Deutschtum und polytheistische „Frömmigkeit“ waren für ihn untrennbar, allerdings ohne dabei chauvinistische Dünkel zu hegen.

Nur eines scheint dieser "Odin-Anhänger" da übersehen zu haben. Nämlich, daß die Mordmoral eines Hielscher völlig mit der Mordmoral der Werner Best-SS in Einklang stand. Daß das totalitaristische Menschen- und Gesellschaftsbild eines Hielscher in vielem wohl sogar noch das sehr der allgemein in der SS und in der NSDAP verbreitete übertraf. - Da haben also heutige "Odin-Anhänger" offenbar den ihnen genehmen Vordenker gefunden. Auf der Wewelsburg, im Völkerschlachtdenkmal von Leipzig und anderswo: Über Schlachtfelder zu Gott und zur okkulten, grausamen Priesterdiktatur im Sinne eines Friedrich Hielscher und seines Freundes Werner Best, des "Bluthundes von Boxheim".

... Damit sind wir mit dem Herrn Hielscher aber noch längst nicht am Ende und es wird noch mindestens ein Beitrag über ihn kommen, der schon in Arbeit ist. Das Buch von Ina Schmidt hat über 300 Seiten und enthält vieles, was zum Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart nicht ganz unwichtig sein dürfte.


/ Erster Entwurf: 30.12.2011 /
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  1. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit, Universität Mainz 1993 (pdf.)
  2. Pfaff, Ivan: Stalins Strategie der Sowjetisierung Mitteleuropas 1935 - 1938. Das Beispiel Tschechoslowakei, In: VfZG 4/1990, S. 543 – 587
  3. Hübner, Eckehard: Neues Licht auf die sowjetische Außenpolitik vor dem Zweiten Weltkrieg? Zum Aufsatz von Ivan Pfaff, In: VfZG 1/1992, S. 79 – 94
  4. Mastny, Vojtech: The Czechoslowak Government-in-Exile During World War II. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 27 (1979), S. 548 – 563
  5. Beer, Hugo Manfred: Moskaus As im Kampf der Geheimdienste. Die Rolle Martin Bormanns in der deutschen Führungsspitze. Hohe Warte (3., erw. Aufl.), Pähl 1984
  6. Georg Friedrich: Verrat in der Normandie. Eisenhowers deutsche Helfer. Grabert Verlag, Tübingen (2. Aufl.) 2007, (4. Aufl.) 2011 
  7. Georg, Friedrich: Verrat an der Ostfront. Der verlorene Sieg 1941 - 42. Grabert Verlag, Tübingen 2012
  8. Bading, Ingo: "Diese Zuversicht, welche die kommende Vernichtung bejaht ..." Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 3.6.2011 (GA-j!2011)
  9. Bading, Ingo: Okkulte Priesterdiktatur für den "deutschen Raum" und Ausrottung des "verhurten Gesindels"  - Zu Friedrich Hielschers Buch "Das Reich" aus dem Jahr 1931. GA-j!, 5.8.2011
  10. Schmidt, Ina: Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und Widerstand gegen den Nationalsozialismus. (Diss. Hamburg 2002) SH-Verlag, Köln 2004
  11. Jurek, Julian: Friedrich Hielscher – Heidnischer Vordenker oder NS-Wegbereiter? Teil I, 9.5.2010; Teil II, 16.5.2010; Teil III, 26.5.2010.

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