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Sonntag, 21. Februar 2010

Weisheit geschöpft am heiligen Brunnen

Die Archäologen waren und sind hell begeistert. Sie haben eine völlig neue Fundgruppe zur archäologischen Kultur der Bandkeramik entdeckt. Als ein Beispiel aus dieser Fundgruppe zum ersten mal Ende der 1990er Jahre im Kolloquium am Institut für Vor- und Frühgeschichte in Frankfurt am Main unter der Ägide von Jens Lüning (Bild links) vorgestellt wurde, lag unverhohlene Feierlichkeit im Raum. Im dicht besuchten Seminarraum wurde die Präsentation geradezu zelebriert. Man wohnte einem wissenschaftsgeschichtlichen Ereignis bei, daran ließ niemand einen Zweifel. Kenner der Materie testen den Geschmack dieser neuen Fundgruppe wie den Geschmack eines ihnen bis dahin unbekannten, edlen, alten Weines. - Worum ging es?

Um die Entdeckung eines Brunnen. Eines siebentausend Jahre alten Brunnens. Ende der 1990er Jahre kündigte Jens Lüning dieses wissenschaftshistorische Ereignis noch an unter der Überschrift "Der Brunnen".

"Der Brunnen"

Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich auf diesem Gebiet aber so viel getan, daß sich Harald Stäuble veranlaßt sah, darüber gerade einen neuen zusammenfassenden Artikel in "Spektrum der Wissenschaft" zu veröffentlichen (1). Und auch Harald Stäuble kann seine Begeisterung nur schwer verhehlen. Eine Fülle vormals unbekannter, organischer Materialien hat sich in den ergrabenen Brunnenschächten erhalten, wie sie sonst nirgends erhalten sind. Aufgrund dieser Umstände faßt Harald Stäuble die neuen Erkenntnisse unter der Überschrift "Steinzeit jenseits der Steine" zusammen und schreibt (1, S. 69):
Die Epochenbezeichnung Steinzeit vermittelt ebenso wie die Deklarierung als bandkeramische Kultur ein viel zu einseitiges Bild. Die noch heute durch ihre Ästhetik be­eindruckenden Gefäße führen uns vor Augen, dass unsere Vorfahren einen ausgeprägten Sinn für Schönes hatten und ihre Welt alles andere als trist war.
Es handelt sich nämlich heute, zehn Jahre später nicht mehr nur um den Einzelfund eines Brunnens. Nein, innerhalb von gut zehn Jahren sind sage und schreibe 18 bandkeramische Brunnen entdeckt worden. Und zwar fast alle in Sachsen. Und der sächsische Archäologe Harald Stäuble sagt auch, woher diese Brunnenfülle gerade in Sachsen kommt:
Die Bedingungen, die Siedler in der Dresdner Elb­talweitung, dem Lössgefilde westlich von Mei­ßen sowie in der Region um Leipzig vorfan­den, unterschieden sich nicht von denen in anderen Regionen. Die vergleichsweise große Häufgkeit an Brunnenfunden beruht wohl vor allem auch auf der Arbeitsweise der archäolo­gischen Denkmalpflege in unserem Bundes­land. Seit einer Gesetzesänderung 1993 werden hier insbesondere Großbaustellen intensiv be­treut und das Gelände im Vorfeld untersucht. Seitdem hat nicht nur die Zahl der Fundstellen um 500 Prozent zugenommen; die entdeckten Siedlungen werden auch so vollständig und so gründlich wie möglich untersucht – und un­scheinbare Gruben in der Peripherie der Dör­fer entpuppten sich als Brunnen.
Da kann man eigentlich nur hoffen, daß sich die anderen Bundesländer und europäischen Länder daran ein Beispiel nehmen, und daß dann auch andernorts die Zahl der Fundstellen um 500 Prozent zunimmt. Genug Langzeitarbeitslose sollte es heute geben, die man auch motivieren können müßte, um die Forschungen hier mit ausreichend Personalausstattung weiter voranzutreiben. Harald Stäuble jedenfalls weiter aufgrund der erkannten Holzverarbeitungstechniken beim Brunnenbau:
Unsere Vorfahren lebten nicht in Verschlägen aus grob bearbeiteten Brettern, nicht in zugigen Räumen. Ihre Zim­merleute verfügten bereits über eine ausgefeilte Technik, wussten mit ihrem Werkstoff so geschickt umzugehen, dass sie heutigen Handwerkern nur wenig nachstanden.
Heilige Brunnen

Außerdem drängt sich den Forschern die Vermutung auf, daß die Brunnen bei den Bandkeramikern heilige, religiöse Bedeutung hatten. Bekanntlich hatten ja die drei Brunnen unter der Weltenesche Yggdrasil noch im germanischen Mythos heilige Bedeutung. Der Brunnen der Urd, der Skuld und der Verdanda.

Die Archäologen nun finden zwei sich aufrecht gegenübergesetzte Ferkel(-Skelette) in einem der Brunnen, die ganz offensichtlich nicht zufällig in dieser Anordnung niedergelegt wurden. Daß die Bandkeramiker eine ungeheuer liebevolle Beziehung zu Schweinen gehabt haben, geht aus vielen keramischen, kleinplastischen Scheine-Darstellungen hervor, die man auch andernorts (etwa in Hessen) gefunden hat.

Am heiligen Brunnen unter der Weltenesche Yggrdasil

Die Archäologen finden die Deponierung, also höchstwahrscheinlich Opferung aufwendig gearbeiteter und mit Birkenpech, Holz und Bastschnüren reparierter und modisch modernisierter Keramikgefäße in den Brunnen. Der Schönheitssinn, der sich bei der Gestaltung dieser Gefäße Ausdruck verschaffte, war Anlaß für die oben zitierten Worte Stäubles. Auch faßten die vorgefundenen Schöpfgefäße, Schöpftaschen (aus Rindenbast) nur einen halben bis einen Liter. Diesen Umstand deuten die Archäologen ebenfalls dahingehend, daß hier "heiliges" Wasser geschöpft wurde, nicht Gebrauchswasser. Zumal manche Brunnen gar nicht so weit von fließenden Gewässern entfernt angelegt worden sind.

Hobby-Archäologen und -Forscher begeistern die Wissenschaftler vom Amt

Die sächsischen Erfolge auf dem Gebiet der Archäologie lenken einmal auf's Neue den Blick auf den Einsatz ehrenamtlicher Kräfte: Im Deutschlandradio gibt es gegenwärtig eine sehr schöne, dreiteilige Sendung über Hobby-Forscher. (Dradio, 27.12.09, 31.1.10, 28.2.10; s.a. Stud. gen., 5.5.08) In der ersten Folge geht es vor allem um Biologen, etwa um Käfer- oder Schneckenforscher:
Die Liste an Projekten für Freizeitforscher ist lang, und gerade das Internet birgt ungeahnte Möglichkeiten. Nie war es so einfach für Wissenschaftler, Daten zu sammeln und zu verwalten. Und nie war es so einfach für Hobbyforscher, ihre Daten den Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen.
Und:
Matthias Freude leitet das Landesumweltamt Brandenburg. Zu seinem Amt gehören 120 ehrenamtliche Säugetierspezialisten, die Fledermäuse, Fischotter oder Biber zählen. 200 Freiwillige kartieren Pflanzen. Und mehr als 500 Vogelkundler erfassen den Status von Spatz, Schwalbe und Feldlerche.

"Und da kommt man zum Teil zu ganz dramatischen Ergebnissen, wie schlecht es zum Beispiel der Feldlerche geht in weiten Teilen, mittlerweile in beiden Teilen Deutschlands, das ist dank ehrenamtlicher Forschungsergebnisse so zu erkennen gewesen. Und da kann man was dagegen tun."
In der zweiten Folge geht es um Archäologen und um Paläontologen und um das Abenteuer der Schatzsuche, wobei es zum Teil auch um sehr viel Geld gehen kann.

Die Archäologen Thomas Kersting und Felix Biermann vom Landesamt für Denkmalpflege in Brandenburg (Sitz in Zossen) bilden gegenwärtig in einem dreieinhalb Jahre dauernden Kurs ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger aus. Letzterer sagt:
"Ich muss sagen, dass die ehrenamtlichen interessierten Laien, dass die häufig außerordentlich engagiert sind und außerordentlich geschickt, und dass man damit eigentlich nur gute Erfahrungen macht und das kann ich hier auch bestätigen, außerordentlich fleißig und rasch und machen hier ganz tolle Arbeit."
Teil 3 der Sendung folgt am 28. Februar um 16.30 Uhr. Unsere Vorfahren schöpften Erkenntnis an heiligen Brunnen unter heiligen Bäumen. Wir gewinnen heute - zusätzlich - nicht nur durch unmittelbare Naturverbundenheit, sondern auch durch wisssenschaftliche Forschung Erkenntnis auf vielen Ebenen und in den diversesten Bereichen. Und auch an der letzteren Form der Erkenntnisgewinnung kann jeder Mensch Anteil nehmen, so wie sicherlich früher jeder willkommen war am heiligen Quell unter der Weltenesche Yggdrasil.


1. Stäuble, Harald: Steinzeit jenseits der Steine. In: Spektrum der Wissenschaft, März 2010, S. 62 - 69, --> frei abrufbar)

Samstag, 26. September 2009

Die streitbaren angelsächsischen Könige um 600 n. Ztr.

Ein Schwertknauf (England, frühes 7. Jhdt., neu entdeckt)

Der neu entdeckte Schatz von Staffordshire, Mittelengland

Im Jahr 597 n. Ztr. begann die Christianisierung Englands durch Missionare aus Frankreich, Irland und Italien. Noch um 900 n. Ztr. (siehe Stud. gen.) scheinen die Angelsachsen in Südengland auf Bergeshöhen die von ihnen getöteten Feinde "den Göttern" zum Opfer dargebracht zu haben. Da die Angelsachsen damals schon mehrere Jahrhunderte - ähnlich etwa wie die Alemannen in Süddeutschland - christlich waren, würde das einmal erneut darauf hinweisen, daß christliche und heidnische religiöse und Moralvorstellungen in England noch viele Jahrhunderte lang miteinander vermischt fortbestanden haben. Vielleicht sogar in England noch länger als in Deutschland. (- Zumindest was das damalige Deutschland westlich der Elbe betrifft. Die "Nieder-"Sachsen wurden um 800 n. Ztr. christianisiert.)


Nun geht durch die Presse ein neuer sensationeller, angelsächsischer Schatzfund, offenbar vom Anfang des 7. Jahrhunderts (Ausschnitt siehe Foto) mit insgesamt 5 Kilogramm Gold, 1,3 Kilogramm Silber, verteilt in mehr als 1.300 Einzelstücken. (Time, Yahoo, Oe24.at, Spiegel) Vor allem goldene Schwert- und Helmteile, Kreuze. In der nächstbedeutenden, berühmten angelsächsischen Ausgrabungsstätte, dem Schiffsgrab von Sutton Hoo (in Suffolk an der Südostküste Englands*)) etwa gleicher Zeitstellung (auch Anfang des 7. Jahrhunderts) sind 1939 "nur" 1,5 Kilogramm Gold gefunden worden. Das zeigt schon die Bedeutung dieses neuen Schatzfundes für unser Wissen um das englische und europäische Frühmittelalter auf.

So war die Fundsituation: "... unter den Graswurzeln"!

Experten vermuten, daß es sich um Kriegsbeute handelt, die hier im vormaligen "Königreich Mercia" niedergelegt worden ist:
Mercia war eines von sieben angelsächsischen Königreichen Englands. Deren Herrscher lieferten sich ständig Kämpfe um die Vorherrschaft, dem König von Mercia gelang es im 8. Jahrhundert London zu erobern und so für einige Jahrzehnte Macht über die anderen Reiche zu erlangen. (Epoc)
Auch diese Kriegsbeute scheint auf den ersten Blick wieder als Opfer "den Göttern" dargebracht worden zu sein. Man könnte sich wiederum vorstellen "Gott, Sohn Kriste und dem Heiligen Geist". Denn es scheint ja tatsächlich schon der neue christliche Gott zu sein. Zumindest die besiegten angelsächsischen Könige, denen man diesen Schatz abgenommen hat (nach Expertenmeinung kann er zuvor nur im Besitz von Königen gewesen sein), müssen schon mit dem Christentum in Berührung gekommen sein.

Darauf deutet einerseits das kleine, verbogene Kreuz (- siehe Foto: eine Rekonstruktion - rechts unten der originale, verbogene Zustand). Und darauf deutet auch ein kleiner, schmaler, verbogener Goldstreifen (Teil eines Gürtels?, Armreif?) (siehe nächstes Foto), auf dem sich eine Inschrift in Latein findet, und zwar ein Vers aus dem Alten Testament, 4. Buch Mose, Kapitel 10, Vers 35:
"Steh auf, mein Gott, mögen Deine Feinde verstreut werden und die, die Dich hassen, mögen hinweggejagt werden von Deinem Angesicht."
Solche martialischen Sprüche des Alten Testamentes wurden also offenbar sehr passend empfunden in der damaligen Zeit, die auch von Missionskriegen geprägt gewesen ist.

Überhaupt besteht der Schatz so weit übersehbar vor allem aus Kleinteilen. Und es drängt sich die Vermutung auf, daß diese zur Opferung absichtlich so zerstört (zerhackt?) und verbogen worden sind. Es findet sich darin keinerlei Frauenschmuck. Es handelt sich ausschließlich um Waffenteile und Ausrüstungsgegenstände männlicher Krieger.**) Natürlich erinnert der Schatzfund auch an das berühmte Grab des fränkischen Königs Childerich I. (gest. 482), das schon 1653 entdeckt worden ist.
Der Fundort des neuen Schatzes von Staffordshire, damaliges Königreich Mercia

Das 1939 entdeckte spektakuläre Schiffsgrab von Sutton Hoo, das offenbar mit Hilfe von Schriftquellen auf den Anfang des 7. Jahrhunderts datiert werden kann, zeigt "einheimische, irische, skandinavische, merowingische und ostmediterrane Einflüsse", wie man auf Wikipedia lesen kann (siehe auch Wikip. engl.). Und so verhält es sich dann sicherlich auch mit diesem neuen Schatz. Von dem ostenglischen Oberkönig Radewald, der höchstwahrscheinlich in Sutton Hoo begraben lag, wird ein Jahrhundert später berichtet, er habe sich zwar der Taufe unterzogen und die Gottesdienste besucht aber zugleich weiterhin seinen alten Göttern gedient. (Wikip.)

Es ist die Zeit, in der der fränkische Bischof Gregor von Tours (538 - 594) seine berühmten "Zehn Bücher fränkischer Geschichte" geschrieben hat, in der von fast nichts anderem die Rede ist als von Mord und Totschlag unter den Verwandten des fränkischen Königshauses. Dabei spielen viele fränkische Königinnen eine ähnlich militante, oft aus Eifersucht mordende Rolle wie ihre männlichen Standesgenossen.

Ein englischer Archäologe wird zu dem neuen Schatzfund mit den Worten zitiert: "Ich mußte weinen, als ich das erste mal den Schatz sah. Das Dunkle Zeitalter (/Mittelalter) hat in Staffordshire niemals zuvor so schön und glanzvoll ausgesehen." ***) Rechts im Bild der Entdecker Terry Herbert, ein Arbeitsloser, mit dem Teil eines Kriegerhelmes.

___________
*) Rechts eine Karte Englands mit der Örtlichkeit des Königsgrabes von Sutton Hoo, Suffolk, Ostengland (East Anglia).

**) There's a male dominance to the hoard as Kevin Leahy, an expert on Anglo-Saxon metal, explains. "There is absolutely nothing feminine. There are no dress fittings, brooches or pendants. The vast majority of items in the hoard are martial — war gear, especially sword fittings." (lt. "Time")
***) Deb Klemperer, an expert on Saxon Staffordshire pottery said, "My first view of the hoard brought tears to my eyes — the Dark Ages in Staffordshire have never looked so bright nor so beautiful." (lt. "Time")

Freitag, 31. Juli 2009

Das Geheimnis von Venedig

Venedig. Eine Stadt, von der sich Maler wie Tizian, Dichter und Denker wie Friedrich Schiller, Friedrich Nietzsche oder Conrad Ferdinand Meyer haben beeindrucken lassen. Wie alle, die überhaupt Küstenstädten am Mittelmeer Faszination abgewinnen konnten.

Nun machen Archäologen auf neue Aspekte zur (Vor-)Geschichte dieser Stadt aufmerksam. (Science, bdw, Spektrumdirekt): 

Als es die Stadt Venedig noch gar nicht gab, gab es eine Stadt so groß wie Pompeji bis zum 7. Jahrhundert sieben Kilometer nördlich vom heutigen Venedig. Und diese bildete dort, ebenfalls mit Kanälen ausgestattet, über viele Jahrhunderte hinweg das örtliche Handelszentrum. Schon Strabo, ein römischer Historiker des ersten Jahrhunderts, erwähnte die Bedeutung dieser Vorgängerstadt Venedigs, die zu seiner Zeit "Altinum" hieß. Ihre Bedeutung gewann sie durch ihre Lage sowohl an einer vielbefahrenen Seeroute, als auch an Handelsstraßen, die zum Nordrand des Römischen Reiches führten.

Die Wurzeln von Altinum als regionales Zentrum reichen aber offenbar zurück bis in die etruskische Zeit und sogar bis in die Bronzezeit. Das Ende der Stadt Altinum fällt zusammen mit der Gründung der heutigen Lagunenstadt Venedig. Anlaß waren sowohl sich ändernde Meereswasserstände als auch 452 der Eroberungszug des Hunnen-Königs Attila, in dessen Gefolge auch viele germanische Völker in den Adria-Raum kamen.

Die Hunnen, jenes Reitervolk, das in zeitgleichen Umbruchszeiten schon nördlich von China und entlang der Seidenstraße bis Persien zu einer Art "Totengräber" von vielen blühenden, in Instabilität geratenen Hochkulturen geworden war. So etwa der blühenden Handelsstädte der Tocharer in der Taklamakan (heutiges Uigurien) oder der blühenden, vormals so außerordentlich reichen Handelsstädte der Sogder. Allen voran Samarkand (heutiges Taschkent). Allzu viele heute von ihnen vom Sand der Wüsten überhaucht ...

Vom Verfall, vom Untergang angehaucht ....

Endgültig aufgegeben ist Altinum erst mit der Invasion der germanischen Langobarden im siebten Jahrhundert. Somit wurde Altinum

die einzige große römische Stadt Norditaliens und eine der wenigen in ganz Europa, die nicht unter mittelalterlichen oder modernen Städten begraben wurden. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels versanken die Mauern der Stadt in der Lagune und sind heute von Feldern bedeckt. Daher waren die Struktur und der Aufbau von Altinum bislang unbekannt.

Nun war auch dieser

Vorgänger von Venedig umgeben von Flüssen und Kanälen, darunter ein großer Kanal, der mitten durch die Stadt führte und sie mit der Lagune verband. (...) Die Veneter scheinen die harsche und sumpfige Lagunenlandschaft also schon genutzt zu zu haben, lange bevor sie in der Mitte der Lagune Venedig aufbauten.

So das Resüme aktueller Forschungen. 

Wie so häufig in der menschlichen Kulturgeschichte finden damit auf den ersten Blick recht ungewöhnliche Siedlungs- und Lebensweisen auch hier wieder ihre Erklärung durch Vorgänger-Kulturen, durch die sich eine Bevölkerung "schrittweise" auf eine solche außergewöhnliche Lebenssituation "vorbereitete" und an sie anpaßte. In diesem Fall an die wechselnden Höchstwasserstände der Adria. Nichts ist von Anfang an "vollkommen" und voll ausgereift da. Das "missing link" Altinum macht die heutige Situation Venedigs, sein "Geheimnis", somit besser nachvollziehbar.

"Eine kurze Strecke leidenschaftlich ..."

Eine Stadt, durch die schon so früh, wie es die Dichter des "fin de siècle" empfanden, ein Hauch von Untergang, von Tod, Verfall und Verwesung zog, nur blitzartig erleuchtet und überstrahlt von intensivem, irrem Leben ...

Auf dem Canal grande

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kleine, kurze Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

Conrad Ferdinand Meyer

Montag, 8. Juni 2009

Um 2.000 Jahre vordatiert

Vor 30 Jahren wurde der Beginn des europäischen Neolithikums umdatiert

Ende der 1970er Jahre gab es einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Wissenschaftsgeschichte der Vor- und Frühgeschichte, der auch von der wissenschaftsinteressierten Öffentlichkeit bis heute selten als derartig grundlegend und bedeutend wahrgenommen worden ist, als der er eigentlich wahrgenommen werden müßte: Der Beginn der Jungsteinzeit, des Neolithikums in Mitteleuropa, also der ersten seßhaften, ackerbau-treibenden Kulturen wurde um grob 2.000 Jahre vordatiert, also etwa - nach heutigem Wissensstand - auf die Zeit von 5.700 v. Ztr.. (Wiki) Zuvor hatte man sich unscharf vorgestellt, daß sich der Übergang von der Eiszeit zur Bronzezeit (etwa 3.200 v. Ztr.) in Europa sehr schnell vollzogen hätte.

- In den gleichen 1970er Jahren wurde übrigens der Beginn des Neolithikums im Vorderen Orient ebenfalls um viele Jahrtausende vordatiert. Es wurden dort die vielen Jahrtausende des "vorkeramischen Neolithikums" ("prepottery neolithic") entdeckt. Heute wissen wir: Erst als man im Vorderen Orient um 6.500 v. Ztr. herum zum keramischen Neolithikum überging, breitete sich dieses auch rund um das Mittelmeer und wenig später entlang der Atlantikküste und über das Donau- und Rheintal nach Mittel- und Nordeuropa aus, diesmal aber zumeist schon als "vollkeramisches" Neolithikum. (Ein typisches Beispiel für die Gefäßkultur der mitteleuropäischen "Bandkeramik" siehe Bild oben links.) Eine ausgeprägte, vergleichbar ausdifferenzierte Kulturstufe eines vorkeramischen Neolithikums wie im Vorderen Orient zwischen 9.500 und 6.500 v. Ztr. gibt es deshalb in Mitteleuropa gar nicht. Zu dieser Zeit gab es im urwaldartig bewachsenen Mitteleuropa die Kulturstufe des sogenannten "Mesolithikums" (Wiki), die nur durch vergleichsweise spärliche Funde belegt ist, die eine vergleichsweise niedrige Siedlungsdichte wiederspiegeln.

Mit all diesen Neudatierungen in den 1970er Jahren tauchten also immense Jahrtausende der menschliche Kulturgeschichte in unser Bewußtsein ein, von denen man zuvor trotz Jahrzehnte langer wissenschaftlicher Forschung auch nicht das mindeste ahnen konnte. Grob gesagt: Seßhafte, ackerbautreibende Kulturen gab es doppelt so lang als man es sich bis dahin vorgestellt hatte. Dieser wissenschaftsgeschichtliche Durchbruch ist bis heute nicht wirklich in unser kulturelles Bewußtsein eingegangen und deshalb auch nicht in das Bewußtsein vieler Forscher. Und deshalb führen die frühesten mitteleuropäischen neolithischen Kulturen oft immer noch ein Schattendasein im kulturellen Bewußtsein und in der wissenschaftlichen Forschung (vor allem auch in der theoriegeleiteten Forschung).

Ernst Pernicka und Richard Pittoni Ende der 1970er Jahre

Im neuesten Heft von "Spektrum der Wissenschaft" erzählt der Wiener Archäometallurge Ernst Pernicka (geb. 1950), der jüngst zum Ausgrabungsleiter von Troja ernannt wurde, - ebenfalls eher nur so am Rande und im Vorbeigehen - von diesem bedeutenden wissenschaftsgeschichtlichen Durchbruch in den 1970er Jahren. Um noch einmal einen Vergleich zu bringen: Dieser Durchbruch ist für die Veränderung unseres Bildes von der Stellung des Menschen in der Menschheitsgeschichte ungefähr so bedeutend wie die etwa zeitgleiche astrophysikalische Entdeckung des Urknalls und der Milliarden Jahre langen Entwicklung des Weltalls insgesamt für unser Bild von der Stellung des Menschen im Kosmos überhaupt (Spektr. d. Wiss, Mai 2009, S. 61f, freies pdf.):

...
Pernicka: Nein. Es gab ein viel spannenderes Thema. Mit der damals noch jungen Radiokarbondatierung war der Beginn des europäischen Neolithikums neu bestimmt worden, und zwar um bis zu 2000 Jahre früher, als es die Archäologen bis dahin annahmen. Ich sollte mit einer neuen, unabhängigen Methode sozusagen als Schiedsrichter fungieren.

Spektrum: Tatsächlich eine gravierender Unterschied. Woher sollte eine so große Abweichung rühren?

Pernicka: Die Frühgeschichtler vertrauten auf das Netzwerk der so genannten Kulturkontaktdatierung – auch heute noch die gängigste Methode, das Alter einer schriftlosen Kultur abzuschätzen. Sie basiert vor allem auf Stilvergleichen. Grabe ich in Kreta eine ägyptische Keramik aus, kann ich diese anhand ihrer Merkmale einer ägyptischen Epoche zuweisen. Am Nil aber gab es schon sehr früh eine Schrift und einen Kalender, so dass diese Phasen datiert werden können. Und durch solche Querbeziehungen hangelten sich die Prähistoriker schrittweise von Kreta in den Ägäisraum und weiter nach Troja, von dort bis nach Südost-und Mitteleuropa.

Spektrum: Und Sie waren nun als Entscheidungsinstanz gefragt?

Pernicka: (Der Wiener Ur- und Frühgeschichtler Richard) Pittioni (siehe Bild, 1906-1985) erwartete natürlich, dass ich diese Neudatierung als Unsinn entlarvte. Schließlich passten die etablierten Datierungen zu theoretischen Modellen der Kulturentwicklung. Ich richtete das Labor ein, reiste von einer Grabung zur anderen, um frisches Probenmaterial zu besorgen, und nahm die Messungen vor. Und dann stand ich, damals Ende zwanzig, vor einem der angesehensten Prähistoriker seiner Zeit, holte tief Luft und erklärte ihm, der Weg der Menschheit von der letzten Eiszeit bis zum Aufkommen der Bronzetechnologie sei tatsächlich anders verlaufen als bislang gedacht. Pittioni sah mich an und meinte: Pernicka, wenn Sie mir sagen, hier stehe ich und kann nicht anders, dann glaube ich Ihnen. Das hat mir ungemein imponiert. Wir haben anschließend die europäische Chronologie im Licht der physikalischen Datierung mit der ja unstrittigen Abfolge der Kulturphasen abgeglichen. Diese revidierte Chronologie finden Sie heute in Lehr- und Schulbüchern.
Wie gesagt: Diese Umwälzung in unserem Bild von der Vorgeschichte ist nie wirklich in unserem allgemeinen kulturellen Bewußtsein angekommen. Das hat auch Auswirkungen auf so manche pseudowissenschaftlichen und esoterischen Hirngespinste, die sich in manchen Köpfen immer noch halten. - Im weiteren Interview spielen dann die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra und die Ausgrabungen von Troja eine Rolle. Hier sagt Pernicka unter anderem:
Troia VI beispielsweise, der Kandidat für den sagenumwobenen Krieg, zeigt Merkmale der mykenischen wie der hethitischen Kultur, ging aber offenbar einen ganz eigenen Weg.

Deshalb möchte er umfassender an dieser Ausgrabungsstätte weiterforschen, als das bislang vorgesehen war. - Ist es nicht erstaunlich: Auf der einen Seite so viele gesellschaftliche Fehlentwicklungen in unserer Zeit und in den vielen Jahrzehnten, die ihr vorangingen. Und auf der anderen Seite ein derart umfassender, geradezu begeisternder Zuwachs an Wissen über unsere Welt und über unsere geschichtliche, evolutionäre, kosmologische Stellung in dieser. Sollte sich nicht das eine durch das andere früher oder später einmal befruchten lassen? Statt ständig immer nur die negative Seite der "Dialektik der Aufklärung" in den Vordergrund zu stellen? Dialektisches Denken erfordert, daß man beide Seiten des dialektischen Prozesses zugleich und in vollem Umfang in Rechnung stellt und ihnen bei der Formung des eigenen Weltbildes gerecht wird.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Von der Geschlechtlichkeit des Menschen überwältigt

Natürlich ist der Fund heute überall in der Presse: die neue Mammutzahn-Figurine aus der Höhle am Hohen Fels in der Schwäbischen Alp. (BdW, Spektrum, Google News) Aber dennoch sei er auch auch hier noch einmal dokumentiert. (Nature Video, Nature 1, 2)

Unsere Vorfahren. An Fleisch und Beute waren sie interessiert - auch in ihrer Kunst. Siehe die Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien. Und bei Menschen waren sie auch - oder sogar vor allem - an den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen interessiert, also offenbar von der Geschlechtlichkeit des Menschen "überwältigt". Das ist auch noch in den ersten Ackerbauern-Gesellschaften im Vorderen Orient und in Europa und in deren Kunst sichtbar.

Aber Körperschmuck ist nach allem, was wir bisher wissen, noch älter. Schon vor einigen Wochen wurde der Fund dieser neu entdeckten Teile einer Kette veröffentlicht, die jüngst in Nordafrika gefunden worden sind und 110.000 Jahre alt sein sollen.

Auch dieser Fund ist der Forschung schon länger bekannt und stammt aus Frankreich.

Hier nun die neue "Venus" vom Hohen Fels in der Schwäbischen Alp.

Samstag, 18. April 2009

Und was sagt Thusnelda? - Zu Macht und Einfluß germanischer Frauen

Eine Vortragsreihe an der Freien Universität Berlin

Hochkarätig besetzt ist eine Vortragsreihe aus Anlaß der 2.000. Wiederkehr des Jahres der "Schlacht im Teutoburger Wald" (am Nordrand des heutigen Wiehengebirges bei Kalkriese) im Jahre 9 n. Ztr. an der Freien Universität Berlin (--> Varus.topoi.org).

Am 20.4.2009 wird der Osnabrücker Archäologe Reinhard Wolters sprechen, eine Woche später auch die die Ausgrabungen leitende Archäologin Susanne Wilbers-Rost. Beide Vorträge werden sehr spannend sein. Eine Woche später spricht Uwe Puschner, Spezialist für die Geschichte der völkischen Bewegung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts, über den Arminius-Mythos im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Woche später kommt dann der Althistoriker Alexander Demandt dran, auf den wir hier auf dem Blog schon an anderer Stelle hinwiesen.

Abb.: Thusnelda im Triumphzug des Germanicus (Karl von Piloty, 1873)

Bemerkenswerterweise wird in dieser Vortragsreihe auch der Ehefrau des Arminius gedacht. Zwei Wochen später lautet das Thema nämlich:

"Und was sagt Thusnelda? Zu Macht und Einfluß germanischer Frauen"

Dieser Vortrag von Dagmar Beate Baltrusch könnte besonders spannend sein, da die Stellung der Frauen in der heidnisch-germanischen Gesellschaft eine ganz andere war als seither in der christlichen Gesellschaft. Man sprach den Frauen besondere religiöse Bedeutung zu (in vollem Gegensatz zum Christentum und Judentum). Sie spielten bei der Vermittlung von Friedensverträgen eine große Rolle - z.B. die Seherin Weleda, bzw. Veleda (ADB, Wiki, engl) in ihrem Turm - und viel anderes dergleichen mehr.

Als Arminius seinen Bruder, der auch nach der Schlacht im Teutoburger Wald noch als Reiteroffizier in römischen Diensten stand, in einer Unterredung an der Weser auf seine Seite herüberziehen wollte, sprach er laut Tacitus ...

... von der heiligen Pflicht gegenüber dem Vaterland, von der von den Vätern ererbten Freiheit, von den heimischen Göttern Germaniens, von der Mutter, die sich seinen Bitten anschließe. Er solle nicht zum abtrünnigen Verräter an seinen ferneren und näheren Verwandten, ja an seinem eigenen Volke, vielmehr dessen Heerführer werden.

Also auch hier steht die Mutter auf einer Ebene mit dem Vaterland, der ererbten Freiheit und den heimischen Göttern. Deshalb ist es um so unverständlicher, daß als "offizielle" deutsche Nationalhymne nur die dritte Strophe des von Heinrich Hoffmann von Fallersleben gedichteten Deutschlandliedes gelten gelassen wird. Als könneman auf die zweite Strophe so leicht verzichtet werden, die da doch lautet (Wiki):

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

(Siehe auch: "Thusnelda".) - Am 6.7. wird außerdem über das neu entdeckte Schlachtfeld am Harzhorn um 230 n. Ztr. berichtet.

Das Grab des Arminius (Caspar David Friedrich, 1813/14)

Mittwoch, 5. November 2008

Eine Schamanin aus dem Norden Israels (10.000 v. Ztr.)

Daß schon vor Beginn der Seßhaftigkeit auf dem Bergheiligtum von Göbekli Tepe in der Südtürkei Tier-Gottheiten verehrt worden sind, ist vor einigen Jahren bekannt geworden. Nun ist ein weiteres, nicht unbedeutendes Mosaiksteinchen zur Kenntnis dieser wichtigen Kulturstufe der Menschheit, nämlich des sogenannten "Natufium" (in der Südlevante: 15.000 - 9.500 v. Ztr.), bekannt geworden.

Es handelt sich um das Grab einer 45-jährigen Schamanin. (PNAS, ORF, Morgenpost, Stern):

... Außergewöhnlich seien auch die Grabbeigaben wie 50 Schildkrötenpanzer, Skelett-Teile eines Wildschweins, eines Adlers, einer Kuh, das Becken eines Leoparden sowie ein menschlicher Fuß. Das Grab wurde in der Nähe der Stadt Carmiel im Norden Israels entdeckt. (...)

Ungewöhnlich war auch die Art der Bestattung. (Es) lagen zehn große Steine auf Kopf und Armen. Aus Sicht der Archäologen kann dies verschiedene Ursachen haben: Zum einen könnte es ein Schutz davor gewesen sein, dass wilde Tiere die sterblichen Überreste auffressen. Nach einer anderen Theorie könnten die Hinterbliebenen versucht haben, so den Geist der Schamanin im Grab gefangen zu halten.
Die Natufier waren halbseßhafte sogenannte Erntevölker, das heißt, sie ernteten wildes Getreide, bauten es aber nicht an. Außerdem spielte die Jagd auf wilde Tiere noch über viele weitere Jahrtausende (mindestens bis 6.500 v. Ztr., als man begann Schafe, Ziegen und Rinder zu halten) hinweg eine wesentliche Rolle im Wirtschaftsleben. (Paßt zufälligerweise zu einem Beitrag hier auf dem Blog vor einigen Wochen ---> hier.)

Mittwoch, 8. Oktober 2008

1.200 v. Ztr. - Die Schlacht von Altentreptow

Was? Sie kennen die Mecklenburgische Seenplatte noch nicht? Ist das möglich? Ja? - Nun gut, dem Verfasser dieser Zeilen geht es genauso. Doch lassen Sie sich ein wenig entführen in diese abgelegene, wenig bekannte Gegend Deutschlands. Am Ende werden wir etwas Spannendes dort entdecken. Wir wollen auch gar nicht in das Zentrum der Mecklenburgischen Seenplatte. Das ist uns zu überlaufen, sondern wir fahren an ihre nordöstliche Ecke, an den Tollensee bei Neubrandenburg:

Und hier setzen wir uns ins Kanu, bzw. Paddelboot und paddeln ...

... auf dem ruhig nach Norden dahinfließenden kleinen, nicht motorisierten Flüßchen Tollense ...

... vorbei an Kuhweiden und Ufergebüsch ebenfalls mit der Strömung langsam Richtung Norden.

Nach etwa 15 Kilometer kommen wir in die Nähe des malerischen, mittelalterlichen Städtchens Altentreptow (siehe Foto links).

In der Nähe dieses Städtchens sollte man sich in der Flußniederung ein wenig genauer umschauen. Denn nach neuesten archäologischen Entdeckungen soll hier um sage und schreibe 1300 v. Ztr. eine Schlacht stattgefunden haben. Es würde sich dabei um die Entdeckung eines ersten europäischen spätbronzezeitlichen Schlachtfeldes handeln (Uni Greifswald, Welt):
In den letzten Jahren kamen in einem Flusstal in der Nähe von Altentreptow wiederholt menschliche Skelettreste zutage. Seit 1996 wurden auch menschliche Überreste mit Verletzungsspuren sowie Waffenreste entdeckt. Naturwissenschaftliche Datierungsverfahren bestätigen jetzt, dass die menschlichen Überreste ca. 3300 Jahre alt sind und in die Bronzezeit datieren. Die Gesamtsituation legt den Schluss nahe, dass hier erstmals ein Schlachtfeld aus dieser Epoche entdeckt wurde.
Übermorgen wird auf einer Pressekonferenz
eine von Jürgen Piek und Thomas Terberger herausgegebene Veröffentlichung präsentiert, in der auch erstmals über erste Ergebnisse zu diesem Fundplatz berichtet wird. Körperreste aus der Bronzezeit seien äußerst selten, da die Toten in der Erde bestattet wurden, sagte Archäologe Detlef Jantzen. Die besonderen Lagerungsbedingungen in dem Flusstal seien ein „Glücksfall“ für die Archäologie. Die Knochen hätten unter Luftabschluss die Jahrtausende überdauern können.
Wo liegt das noch mal genau? Schauen wir nach bei Google Earth:

Daß es in der Spätbronzezeit Handels- und Kulturkontakte zwischen dem Nord- und Ostseeraum und dem Mittelmeer-Raum gegeben hat, ist auf "Studium generale" schon häufiger erwähnt und behandelt worden (siehe etwa Schlagwort "Bronzezeit"). Doch das ist nun eine Nachricht von einer völlig neuen Kategorie

Fortsetzung folgt ---> hier.

Dienstag, 16. September 2008

Handels- und Diplomaten-Schiff, 1330 v. Ztr.

Auf einer Rundreise im östlichen Mittelmeer - mit Hausmaus an Bord

Im Mai war "Studium generale" kurzzeitig mit der Chronologie der Ausbreitung der Hausmaus von Süd- nach Nordeuropa befaßt. (Stud. gen. 1, 2) Diesbezüglich gibt es noch keine letztendlich sicheren Erkenntnisse. Es konnte also noch keine endgültige Klärung der Frage erreicht werden, ob schon die Trichterbecherkultur an der Ostsee (3.000 v. Ztr.) die Hausmaus kannte oder ob sich die Hausmaus erst in der Eisenzeit mit den Kelten und Römern nach Mittel- und Nordeuropa ausbreitete. In einem spätbronzezeitlichen Schiffswrack (um 1330 v. Ztr.), gefunden 1982 an der heutigen südtürkischen Küste, fanden sich, wie jüngst veröffentlicht wurde (Tagesanzeiger.ch, Originalartikel), auch Knochen der syrischen Hausmaus. Da aus diesem Zeitraum wenige sichere Hausmausfunde bekannt sind, könnten aus dieser Tatsache vielleicht noch mancherlei Implikationen abgeleitet werden. (Dazu vielleicht später noch einmal.)

Aber dieses "Schiff von Uluburun" (Wikipedia), von dem noch nicht jeder Leser schon einmal etwas gehört haben wird (so auch nicht der Verfasser dieser Zeilen), ist offenbar auch sonst ein unglaublich spannendes Thema. Es ist reich beladen gewesen und gewährt einen vielfältigen, lebendigen Eindruck von dem Wohlstand und den dichten Handelsverbindungen der spätbronzeitlichen Stadt- und Adels-Gesellschaften im Mittelmeerraum.

Diese Gesellschaften waren das hethitische Reich mit seinen ahlreichen Stadtstaaten, besonders an der (heutigen türkischen) Küste (- etwa Troja). Dazu gehörte natürlich das ägyptische Reich, dessen politischer Einfluß sich bis zu den zahlreichen Stadtstaaten an der levantinischen Küste erstreckte ("Phönizien"). Dazu gehörte das assyrische Reich, die mykenischen Stadtstaaten in Griechenland, die minoischen Stadtstaaten auf Kulturen auf Zypern und Kreta. - Man mache sich auch bewußt, daß dies eine Zeit ist, lange bevor in Jerusalem etwa im 5. Jhdt. v. Ztr. - vielleicht während einer Belagerung durch die Assyrer - die heutige jüdische, biblische Religion entstanden ist.

Spätbronzezeitliche Kultur im Mittelmeerraum

Dieses Schiff ist aber nur wenige Jahrhunderte vor jenen Ereignissen gesunken, die dazu führten, daß die Mykener (Griechen) Troja am Rande des hethitischen Reiches belagerten. Raub der Helena - man erinnert sich vielleicht. Sie könnte auch mit eben einem solchen Schiff geraubt worden sein. - Neben Waffen aus dem gesamten genannten östlichen Mittelmeerraum fanden sich in diesem Schiffswrack auch bisher archäologisch nicht belegte, in der "Ilias" aber erwähnte, aufklappbare Holztafeln ("Bücher"). Auf Wikipedia heißt es allgemein zu diesem Schiffswrack:
Das Schiff von Uluburun war offenbar ein Handelsschiff auf einer Rundroute im östlichen Mittelmeer und gilt somit als Nachweis einer regen Handelstätigkeit im Gebiet. Die Route selbst ist nicht restlos geklärt, da das Schiff Waren aus allen bekannten Gegenden der Zeit beherbergte. Es wird allerdings vermutet, dass es aus dem östlichen Mittelmeerbereich Levante, via Zypern unterwegs in die Ägäis war. Die Öllampen des Schiffes waren eindeutig levantinisch und deuten somit auf die phönikischen Städte hin. Die Waffenfunde auf dem Schiff deuten auf die Mitreise zweier mykenischer Personen höheren Ranges, möglicherweise Abgesandte oder Diplomaten eines mykenischen Palastes zur Begleitung und Bewachung der Ladung.
Zur Bedeutung des Schiffsfundes allgemein heißt es:
Die gefundene Vielfalt an Objekten der unterschiedlichsten Herkunft ist für diese Zeit einmalig. Bisher war die Wissenschaft auf schriftliche und bildliche Überlieferungen angewiesen, um das damalige Wirtschaftssystem und den Handel der späten Bronzezeit zu rekonstruieren. Nun ist bewiesen, dass alle damaligen Staatsgebilde des östlichen Mittelmeerraums (und auch einige darüber hinaus) an diesem Handel teilnahmen. Es existierte ein weit gespanntes Handelsnetz, das sogar so entfernte Regionen wie die Ostsee mit einbezog. Funde aus dem östlichen Mittelmeerraum, wie z. B. die Ochsenhautbarren, fanden sich andererseits auch in Süddeutschland und Südfrankreich.
(Hervorhebungen nicht im Original.) Falls die Atlantikroute schon damals befahren worden sein sollte, wäre es merkwürdig, wenn auf dieser nicht spätestens damals schon die Hausmaus nach Nordeuropa gelangt wäre. Aber vielleicht konnte sie damals in Nordeuropa sich infolge zu weniger großer, zusammenhängender, städtischer Siedlungen noch nicht dauerhaft halten und ausbreiten.

Auf die spätbronzezeitlichen Handels- und Kulturkontakte zwischen dem Mittelmeer, sowie dem mittel- und nordeuropäischen Raum wurde auf "Studium generale" schon an früherer Stelle verwiesen. (Stud. gen.) Dieses Schiffswrack ist offenbar ein neuerlicher, recht guter Beleg dafür.

In Bochum gab es übrigens 2006 zu diesem Schiffsfund eine Ausstellung, siehe Uluburun.de - mit vielen Bildern.

Donnerstag, 11. September 2008

Geschichtsfälschung in der Bibel?

Die derzeitige Berliner Babylon-Ausstellung unterscheidet "Wahrheit und Mythos" in Bezug auf das Geschichtsbild über das babylonische Reich. Wer hätte gedacht, daß sich an einer solchen Unterscheidung noch heute aus monotheistisch-theologischer Sicht die Geister scheiden könnten? Aber offenbar empfinden es Theologen noch heute geradezu als "Verunglimpfung" der Bibel, wenn festgestellt wird, daß die Bibel über Jahrtausende hin ein außerordentlich tendenzielles, wenn nicht gar ganz und gar falsches und verzerrtes Bild von Babylon gegeben hatte. So jedenfalls im Vorabdruck aus dem Novemberheft des "Materialdienstes" der "Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen". (Materialdienst)

Wenn man dort liest, könnte einem erst bewußt werden, was für tatsächlich doch recht aufregende Fragestellungen mit dieser Ausstellung verbunden sind. Die Ausstellung stellt Geschichtsbild-Verzerrungen richtig, die durch die Bibel Jahrtausende lang propagiert worden waren. Sollte man vielleicht doch einmal hin gehen zu dieser Ausstellung? - Ist das jetzt ein neuer "Bibel-Babel"-Streit, der um ähnliche Themen kreist wie Anfang des 20. Jahrhunderts ein gleichnamiger sehr berühmter Streit (Wikipedia)?

Damals wurde erstmals einer breiteren Öffentlichkeit die geschichtliche Bedingtheit eines großen Teiles der Texte des Alten Testamentes bewußt. Es ging damals aber wohl noch nicht um die propagandistische Wirkung, die die Bibel hervorrief in Bezug auf das Bild von untergegangen Reichen. Bei der EZW jedenfalls heißt es jetzt (Hervorhebung nicht im Original):
Biblischen Geschichten begegnen Menschen nicht nur in Kirche und Schule, sondern z. B. auch im Museum. Mehrere hunderttausend Interessierte haben sich von der am 15. Juni im Pergamonmuseum in Berlin eröffneten Ausstellung über Babylon "Wahrheit und Mythos" faszinieren lassen. Was für Botschaften nehmen Berlintouristen, Schülerinnen und Schüler hinsichtlich der biblischen Geschichten aus dem Pergamonmuseum mit?

Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen. Der erste zeigt unter dem Titel "Wahrheit", wie es wirklich war im antiken Zweistromland und was "hinter den Legenden von Babel steckt" (Ausstellungsflyer). Fundstücke aus drei Jahrtausenden vermitteln in thematischen Räumen über Götterwelt und Königsideologie Babyloniens. Sie zeigen eine staunenswerte Gesellschafts- und Rechtsordnung mit beachtlicher Wirtschafts- und Wissenschaftsleistung. Die Gegenstände aus Berliner Beständen, dem Louvre und dem Britischen Museum sind hervorragend didaktisch erschlossen. Die Audio-Führung ist im Eintrittspreis enthalten. Die Ausstellung will die Wurzeln unserer Kultur im Zweistromland zeigen: Kalender, Zahlen, Sternzeichen, Schrift - all dies stammt aus Babylon.

Der andere Teil verfolgt unter dem Begriff "Mythos" mit sieben thematischen Schwerpunkten die andere Wirkungsgeschichte Babylons bis in unsere Gegenwart, die Wirkungsgeschichte einer Legende. Babel wird, die historische Wahrheit verfälschend, in der Geschichte unserer Kultur aufgrund biblischer Texte immer wieder tendenziös erinnert und grell inszeniert - so zeigen es die Ausstellungsmacher: Es wird zur Hure, zum Unterdrückungssystem, der Turmbau wird zum Aufstand gegen Gott. Die Ausstellung suggeriert, wie "die Mythe log" (Gottfried Benn). Das historische Babylon war ganz anders als Babel. Nebukadnezar war kein Gewaltherrscher, sondern ein gerechter, weiser König. Die Ballade von Heine, die Bilder von Rembrandt - alles trügerischer Mythos? (...) Die Bibel hat also nicht Recht, sie ist der Ursprung einer die historische Wahrheit verfälschenden Mythisierung. Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass es den deportierten Juden in der babylonischen Gefangenschaft nicht schlecht ging. Der König Jojakin bekam genug zu essen. Niemand will das bestreiten.

Diese Hermeneutik wirft mindestens drei Fragen auf:

1. Darf man die andere Rezeption, die das babylonische Exil bei Zeitgenossen und bei den kommenden Generationen fand, so einfach als "Mythos" bezeichnen? Missbrauchen die Klagen des Propheten Jeremia, Erinnerungen an Tränen an den Strömen von Babylon und die Unterdrückung von Verschleppten das historische Babylon?

2. Der schlichte Gestus "Ich sag euch, wie es wirklich war" kann nerven. Zeigt die Ausstellung in schlichter Entdeckerfreude zu wenig hermeneutische Sensibilität dafür, dass es "die" eine historische Wahrheit nicht gibt? Das Bild Babylons im Wahrheitsteil ist doch auch ein Konstrukt, bei dem Gegenstände aus mehreren Jahrtausenden unter thematischen Gesichtspunkten ein bestimmtes Bild einer fortschrittlichen, effektiven, auf Nachhaltigkeit bedachten Kultur ergeben.

3. Die sieben Themen Nebukadnezar, Babylon-System, Semiramis, Turm, Apokalypse und Sprachverwirrung erzählen, so heißt es im Flyer, "nicht die historische Wahrheit über Babylon, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babel braucht, um sich selbst zu verstehen". In diesem Text wird zwischen Wahrheit und Mythos ein anderes Verhältnis aufgezeigt als in manchen Tafeln und in der schrillen Vermarktung der Ausstellung. Mythos und Wahrheit sind keine diametralen Gegensätze. Gälte es diese Botschaft nicht zu vertiefen? Die Berliner Ausstellung hat zu wenig Sensibilität für diese Lektion. Sie setzt zu sehr auf "simplify the history" und bietet deswegen schlechten Religionsunterricht.

Dr. Michael Nüchtern (Theologisches Mitglied im Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden)
Da stellt sich als erste Frage: Diese Ausstellung ist doch wohl nicht konzipiert worden, um den Menschen - - - "Religionsunterricht" zu erteilen?!!! Im übrigen aber: Wenn sich ein Bibelgläubiger um solcher Aussagen einer Ausstellung willen noch aufregen kann, dann, so will es scheinen, muß sie doch einen "Nerv" getroffen. - Das wird bisher nicht jeder mitbekommen haben.

Dienstag, 26. August 2008

Diese "Barbaren" - an der Mosel, am Rhein und an der Weser

Als die Germanen vor 2.000 Jahren im Jahre 9 n. Ztr. in der "Schlacht im Teutoburger Wald", dem heutigen Wiehengebirge bei Kalkriese, die Römer vernichtend schlugen, nagelten sie Köpfe der gefangen genommenen Tribunen an die Eichenbäume, rissen ihnen zuvor die Zunge herraus und anderes mehr. - Diese "Barbararen". "Du Natter hast nun aufgehört zu zischen!," riefen sie dabei. Einige gefangene Römer konnten ja später freigekauft werden und berichten.

Immerhin, es wirkte. Wir sprechen heute Deutsch und nicht so eine "verwelschte" Sprache wie die Franzosen, Italiener oder Briten. (!)

Die Vorfahren der Franzosen taten das mit dem Annageln der Köpfe ihrer Feinde auch, wie aus obigem Bild ersichtlich. (FR-Online.de) Aber damals waren die Römer vielleicht noch nicht "verweichlicht" genug. Der Cäsar machte ihnen jedenfalls dennoch den Garaus (bis auf ein abseitiges Dorf in Gallien natürlich ...).

Römische Geschichtsschreiber waren ehrliche Leute

Viele "germanophile" Leute sagen ja, die römischen Geschichtsschreiber hätten die Germanen nicht richtig beschrieben, sondern als viel zu primitiv, barbarisch. Wenn die Kelten in ihren Viereckschanzen Menschenopfer dargebracht haben, wofür es in zwischen unzählige archäologische Belege gibt - der obige ist wohl nur noch der letzte, ultimative -, dann ist es doch keineswegs unplausibel, daß das auch unsere Vorfahren schon seit vielen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden damals gemacht hatten. Vielleicht sind auch wir schon viel zu "verweichlicht", um das zumindest "verstehen" zu können.

Wir müssen ja nicht alles nachmachen, was "unsere Ahnen" einst taten. (Siehe auch weitere Beiträge über "Menschenopfer" und Kanibalismus auf Stud. gen..)
Einen menschlichen Schädel mit einem durchgeschlagenen, eisernen Nagel haben Archäologen bei Ausgrabungen nahe Kobern-Gondorf an der Mosel entdeckt. Wahrscheinlich handele es sich um den Schädel eines römischen Legionärs, den Kelten etwa 50 vor Christus nach einem Kampf als Trophäe aufbewahrten, teilte die Generaldirektion Kulturelles Erbe am Montag in Koblenz (Rheinland- Pfalz) mit.

Nach Angaben des Archäologen Axel von Berg ist es die erste Kopftrophäe, die so gut erhalten in Deutschland gefunden wurde. Europaweit seien den Experten nur wenige Vergleichsfunde dieser Art bekannt.

Von Berg hält es für denkbar, dass der Schädel zu einem Legionär der Truppen von Julius Cäsar gehörte. Bei ihren Feldzügen gegen Gallien seien die Römer 55 und 53 vor Christus im Neuwieder Becken unterwegs gewesen, um den Rhein zu überqueren.

Die Kelten sammelten nach Erkenntnissen der Experten üblicherweise die Köpfe der im Kampf erschlagenen Legionäre. Diese präsentierten sie dann in ihren Siedlungen, indem sie sie an den Portalen ihrer Häuser annagelten. Der Brunnen, in dem der Schädel entdeckt wurde, gehörte zu einem spätkeltischen Gehöft.
Frühere Beiträge auf "Studium generale" zu Themen wie Schlachtfeld-Archäologie, "furor teutonicus", "thymotischen Energien", gnadenlose Freund/Feind-Unterscheidung und dem Kampf selbst als eine Art von Religion werden - unter anderem - unter dem Schlagwort "Kalkriese" zusammengefaßt --> hier (ältere) und hier (neuere).

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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