Donnerstag, 4. August 2011

Schlacht mit Holzknüppeln in der Ostsee-Region, 1200 v. Ztr.

Vorbemerkung: Dieser von uns vor drei Jahren erstellte Blogbeitrag erhält neue Aktualität durch neue Veröffentlichungen (siehe 1, 2). Insbesondere liegen jetzt offenbar eindeutigere zeitliche Datierungen vor, die auf 1200 v. Ztr. (nicht 1300 v. Ztr.) hinweisen.

Die vielen gefunden Bronzen geben heute schon ein weniger "primitives" Bild als noch vor drei Jahren (Presse, 25.5.11)
 

 




Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet von den germanischen Stämmen seiner Zeit (1. Jhdt. n. Ztr.), daß bei diesen nur die Wohlhabenden über Metallwaffen verfügt hätten, und daß die einfachen Krieger Holzknüppel benutzt hätten. Lange Zeit war der keulenschwingende "Bühnengermane" der Wagner-Opern als eine schwülstige Übertreibung angesehen worden. Ihm waren die "edlen Germanen" gegenüber gestellt worden, die natürlich "niemals" mit Holzkeulen gekämpft hatten. Nun, heute bekommen wir jenes differenzierte Bild, das der Wahrheit am nächsten zu kommen scheint. Sie haben schlicht mit beidem gekämpft: Mit Holzkeulen ebenso wie mit Bronzewaffen!

Schon vor allerhand Jahren hat man auf einem langen eisenzeitlichen Bohlenweg über das "Große Moor" in der Nähe des Schlachtfeldes von Kalkriese (9 n. Ztr.) hölzerne Geräte gefunden, die als Holzkeulen und damit als Bestätigung der Berichte des Tacitus interpretiert worden waren.

Nun scheinen nördlich der mecklenburgischen Stadt Altentreptow (Stud. gen.) weitere Bestätigungen für die Angaben des Tacitus gefunden worden zu sein, nämlich ebenfalls Holzwaffen, die offenbar in einer Schlacht benutzt worden waren (siehe drittes Foto am rechten Rand), allerdings - über 1.200 Jahre vorher und vor allem, wie im Jahr 2011 immer klarer wird: Zusammen mit Bronzewaffen. Zunächst sei aus Presseberichten von 2008 zitiert, die heute nicht mehr zugänglich sind (a, b, c):
Die ersten Knochenfunde stammen nach den Worten des Archäologen Thomas Terberger aus den 1980er Jahren. 1996 merkten die Wissenschaftler auf, als ein menschlicher Oberarmknochen mit einer eingeschossenen Pfeilspitze aus der Bronzezeit und in der Nähe ein hölzerner Schlagstock auftauchten. Ein Jahr später wurden wieder Knochen und eine Holzkeule gefunden. 2008 endlich begann die systematische Untersuchung, unter anderem mit Tauchern. „Die Ergebnisse haben uns überwältigt“, sagt Terberger. 30 neue Fundstellen wurden entdeckt.

Diese Konzentration bronzezeitlicher Fundstellen sei äußerst ungewöhnlich. Messungen der verstreuten Knochenfunde bestätigten eine Datierung um 1300 bis 1200 vor Christus. Auch Pferdeknochen wurden entdeckt, so dass möglicherweise schon Reiter an dem Kampf beteiligt waren. Noch stehen die Forschungen am Anfang. Derzeit werde ein Forschungsteam aufgebaut, sagte Jantzen, um die Fundregion und das Umfeld interdisziplinär zu untersuchen. Im kommenden Jahr sollen Grabungen die Fundregion eingrenzen. Zudem sollen die bisherigen Ergebnisse und Interpretationen in der Fachwelt zur Diskussion gestellt werden.

„Der Fundplatz ist in Mitteleuropa ohne Parallelen“, sagt der Ur- und Frühgeschichtler Thomas Terberger von der Universität Greifswald. Der Ort werde „vielleicht mal in jedem Geschichtsbuch stehen“.
Und weiter heißt es:
... das Forscherteam, das seit dem Frühjahr systematisch die über einen Kilometer verteilten Fundorte entlang des Tollense-Flusses untersucht.

Sieben Schädel, mehrere Knochen, Bronzegegenstände und zwei Holzkeulen präsentiert das Forscherteam im Landesamt für Denkmalpflege heute in Schwerin. Die Fundstücke überdauerten die Zeit im Moor eingebettet. Ein Schädel weist ein Loch von der Größe einer Zwei-Euro-Münze auf. Der Neurochirurg Jürgen Piek, der die Skelettreste untersuchte, geht von einem brutalen Schlag mit einem Holzknüppel aus, der einem heutigen Baseballschläger erstaunlich ähnelt.

Unter den menschlichen Überresten sind vorwiegend die von Männern im kampffähigen Alter, aber auch von Frauen und Kindern. Sie lassen etwas daran zweifeln, dass es sich bei dem Fundplatz tatsächlich nur um einen Kampfort handelt. Jantzen zufolge könnte es auch Schlachtfeld und Opferplatz zugleich gewesen sein. Möglicherweise ist auch eine Siedlung überfallen worden.
Und:
Zu den Überresten gehören Schädel mit massiven lochartigen Verletzungen, gebrochene Oberschenkel und sogar ein Oberarm, in dem noch immer eine vollständig erhalten gebliebene Pfeilspitze steckt. Im morastigen Flusssumpf überdauerten sogar Reste damaliger Nahkampfwaffen, wie sie bislang nicht bekannt waren. Zu den überraschenden Entdeckungen zählen ein einfacher Holzknüppel, der an heutige Baseballschläger erinnert, sowie eine sorgfältig bearbeitete hammerartige Holzkeule.
Da Frauen und Kinder dabei waren, könnte man auch an ein Volk denken, das sich auf Wanderschaft befand. Der Seevölker-Sturm um 1200 v. Ztr. im Mittelmeerraum und die mit ihm einhergehenden Urnenfelder- und "Dorische Wanderung" sind schon oft in Zusammenhang gebracht worden mit einem sagenhaften "Atlantis" des griechischen Philosophen Platon im Nordseeraum, z.B. durch Jürgen Spanuth.

Eine solche Schlacht im 13. Jahrhundert vor Ztr., in der Frauen und Kinder involviert gewesen sind, deutet auf Völkerwanderungen auch in diesem Raum hin, obwohl die Thesen Jürgen Spanuth's in vielem als unbegründet zurückgewiesen worden sind. Da Hans Peter Duerr wärend seiner Suche nach der untergegangenen Stadt Rungholt in der Nordsee auf Zeugnisse der Anwesenheit minoischer Handelsschiffe gestoßen ist und aufgrund vieler anderer Zeugnisse für Kulturkontakte, kann man von einer Kenntnis des Mittelmeerraumes durch die Völker der nordischen Bronzezeit ausgehen.

Und da auch Völker der Urnenfelderkultur und Norditaliens in jenen Zeiten in Bewegung gerieten, ist die Entdeckung dieses Schlachtfeldes ein deutliches Zeugnis dafür, daß auch die Völker der nordischen Bronzezeit just zu ähnlicher Zeit in Bewegung geraten sein können. Es sind das deutliche Anzeichen dafür, daß es sich um eine ähnlich umfassende damalige europäische Völkerwanderung gehandelt haben könnte, wie jene "klassische" nach 375 n. Ztr..

Vielfältige Kontakte zu den stadtähnlichen Kulturen Mitteleuropas und den Stadtkulturen des Mittelmeerraumes

(21.4.2011) Zwischenzeitlich haben wir die bahnbrechenden neuen Erkenntnisse zu einer bronzezeitlichen Stadtgeschichte in Mitteleuropa bis zur Nordgrenze der Mittelgebirge aufgearbeitet, die von komplexen, stadtähnlichen, arbeitsteiligen Gesellschaften in Mitteleuropa seit etwa 2.000 v. Ztr. Kunde geben (2.000 - 1300 v. Ztr. - Zur Religions- und Stadtgeschichte des bronzezeitlichen Mitteleuropa (Stud. gen.)). Mit diesen und den Mittelmeer-Stadtkulturen standen die Völker des Nord- und Ostseeraumes ebenso wie die Südenglands in der Region von Stonehenge ("Wessex") nach derzeitigem Stand der Bronzezeit-Archäologie in vielfältigem Kulturaustausch.

Ein Bogenschützen-Fürst, der bei Stonehenge begraben worden ist, stammte aus Süddeutschland. Es ist also mehr als naheliegend, auch Völkerwanderungen in der vorgeblich "abgelegenen" Region Mecklenburg mit großen Geschichtsereignissen im mitteleuropäischen und - damit - im Mittelmeerraum in Verbindung zu stellen. Allein die Ausdehnung des Schlachtfeldes im Tollensetal deutet auf eine große Schlacht hin und damit nicht nur auf ein Ereignis von regionaler Bedeutung. Sonst würde man heute nicht mehr so viele Funde machen.

(erstellt 13.10.2008; Ergänzungen/Aktualisierungen: 14.10.2008 / 17.1.2010 /21.4.2011 /4.8.2011)


1. Holzhaider, Hans: Mit Holzkeulen gegen Bronzepfeile. Archäologie auf dem Schlachtfeld. In: Süddeutsche Zeitung, 22.07.2011
2. Detlef Jantzen / Thomas Terberger: Gewaltsamer Tod im Tollensetal vor 3200 Jahren. Überreste eines bronzezeitlichen Schlachtfeldes? Archäologie in Deutschland 4/2011
3. Seidler, Christoph: Massaker an der Tollense. Bronzezeit-Gemetzel macht Archäologen ratlos. Spiegel, 23.9.2009  

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