Donnerstag, 18. August 2011

Lebendig sein - das revolutionäre Konzept der Zukunft

Inmitten eines Reiches von schattenhaft-glatten Menschen lebendig bleiben ...

Unser Blog fordert seit Mai 2008 "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" Er fordert also Lebendigkeit im gesellschaftlichen Leben. Die Lobbykräfte, Hintergrundmächte und Geheimdienste können Lebendigkeit nicht schaffen. Sie könnten sie höchstens - zulassen. Und die so auffallende - mitunter außerordentlich beklemmende - Tatsache, daß selbst dieses "Zulassen" heute fast nirgendwo im öffentlichen Leben mehr geschieht, läßt einen auf viele Gedanken kommen, von denen einige im folgenden wiedergegeben werden sollen.

Was diese Kräfte schaffen können, das ist ja beispielsweise das, was Hollywood und Northcliffe, Hugenberg, Springer, Kirch, Murdoch, Mohn (Bertelsmann)*) immer schon getan und "geschaffen" haben: Einförmigkeit, "Plakatives", Stromlinienförmiges, Glattes, "Schemenhaftes". Eines der letzten allgemeiner bekannt gewordenen Beispiele hierfür war und ist ein gewisser - ähem - Freiherr von und zu Guttenberg. Die Art und Weise, wie er gefördert wurde (Stichwort "Julius B. Kerner") und wie zäh das Establishment an ihm hing (und hängt?) und wie es sich der Einsicht verweigert(e), daß er nicht mehr zu halten sein könne - trotz aller Chuzpe **), mit der solche Leute normalerweise gehalten werden -, und zwar schlicht weil das Internet eine Art unabhängige Weltmacht geworden sein könnte, die ihre "Kreise" mitunter doch noch stören könnte - alles dies kann belehren über die Art und Weise, wie diese Kräfte allein wirken und was sie allein "erschaffen" können: Lebendiges jedenfalls nicht.

Der neueste "Spiegel"

aus: Der Spiegel, 08.08.2011
Im neuesten "Spiegel" (1) wird dargelegt, wie die einst von dem Religionsdemographen und CDU-Politikberater Michael Blume und vielen anderen so hoch gelobte und gepriesene Familienpolitik der Ursula von der Leyen schlichtweg nichts von dem zuwege gebracht hat, was sie hatte zuwege bringen sollen und wie es so "zuversichtlich" von einem Michael Blume und so vielen unzähligen anderen vorausgesagt worden ist. (Damals - 2008 - bot Michael unserem Blog dieserhalben sogar noch ganz zuversichtlich eine Wette an) (s.a. GA-j!). Trotz umfangreicher Mehrausgaben ist die deutsche Geburtenrate gleich geblieben oder sogar gesunken (siehe Grafik rechts). Und keine Empörung regt sich mehr in Deutschland. Der "Spiegel", dieses moralisch seit Jahrzehnten durch und durch versumpfte Blatt, kann es der deutschen Öffentlichkeit sogar bieten, seitenlang inhaltslos darüber zu diskutieren, was wohl - oho, oho! - die Gründe sein könnten für die Erfolglosigkeit der vormaligen Krippen-Ministerin und ihrer vormals so auffällig übertrieben in den Himmel gelobten Politik.

Hey, diese Erfolglosigkeit in Sachen Familien- und Rentenpolitik hat in der bigotten, christ-katholischen CDU Jahrzehnte lange Tradition. Der folgenschwerste Irrtum der Regierung Adenauer auf dem Gebiet der Sozialpolitik: "Kinder kriegen die Leute von alleine". Der folgenschwerste Irrtum der Regierung Kohl auf dem Gebiet der Sozialpolitik: "Die Rente ist sicher". Der folgenschwerste Irrtum der Regierung Merkel auf dem Gebiet der Sozialpolitik: Elterngeld und Krippenpolitik wird die Geburtenrate heben.

Was fehlt, ist Lebendigkeit

- Was fehlt in der familienpolitischen Debatte - und auch sonst -, ist schlicht Lebendigkeit. Wo ist sie geblieben? Noch vor wenigen Jahren - 2008 - gab es sie in der familienpolitischen Debatte. Das ist jedem Beitrag unseres Blogs aus der damaligen Zeit zu entnehmen. Es kann genau datiert werden, wann diese Lebendigkeit einen ganz und gar lächerlichen Tod gestorben ist: In der berühmt-berüchtigten Julius B. Kerner-"Autobahn darf man nicht sagen"-Fernsehdiskussion mit Eva Herman. Seither ist die familienpolitische Debatte so steril, wie es der "Spiegel" heute wagen kann, sie der deutschen Öffentlichkeit anzubieten.

Und das drängt einem einen neuen Gedanken auf: Warum müssen Lobbymächte eigentlich Lebendigkeit so fürchten, daß sie noch nicht einmal einer Eva Herman einen anerkannten und respektierten Platz im öffentlichen Diskurs gewähren konnten? Daß sie noch nicht einmal einer Margot Käßmann einen solchen herausgehobenen Platz gewähren durften? Daß sich auch ein Oskar Lafontaine zurückziehen mußte? (Von seiner Frau Christa Müller ganz zu schweigen.)

(Ein Thilo Sarrazin übrigens hat niemals besonders intelligente Vorschläge auf dem Gebiet der Familienpolitik gemacht. Er hat hier nur sehr öffentlichkeitswirksam - und bis heute folgenlos - auf einen demographischen Ist-Zustand hingewiesen und diesen in Bezug gesetzt zu modernen humangenetischen Erkenntnissen. Aber auch er ist - vielleicht zu seinem eigenen "Glück" und zum "Glück" der Lobbymächte - im politischen Diskurs derzeit kaum noch präsent.)

"Fundis" nicht geeignet für "Realpolitik" im Sinne der Lobbymächte 

Die Antwort auf unsere Frage wird sein, daß jede Form der Lebendigkeit, mag sie sich auch noch so "partiell" äußern (vergangenheitspolitisch wie Margot Käßmann, familienpolitisch wie Eva Herman, sozialpolitisch wie Oskar Lafontaine), sehr schnell allzu viele Grundsatzfragen aufwirft bezüglich der Gestaltung der Lebensverhältnisse in unserer Gesellschaft insgesamt. Es hängt einfach alles mit allem viel zu sehr miteinander zusammen, als daß das "wohltemperiert" geschaffene und derzeit gehaltene, quasi-totalitäre, auf der stumpfen Passivität der Bürger beruhende, wohlaustarierte System der Lobbymächte und des damit verbundenen gesellschaftlichen Klimas nicht infrage gestellt wären, würde auch nur an einer bestimmten, grundlegenderen Stelle in diesem System "Lebendigkeit", "Widerborstigkeit", "Gegen-den-Strich-Bürsten" zugelassen, anstatt abgewürgt werden.

Die Grünen konnten - wie übrigens einst die Nazis - erst Regierungspartei werden, als in ihrer Partei alle widerborstigen "Fundamentalisten" zugunsten der stromlinienförmigen "Realpolitiker" an den Rand gedrängt worden waren. Von dieser Partei ist an keiner Stelle mehr irgendeine Lebendigkeit zu befürchten.

Aber um es noch einmal deutlicher zu sagen: Wenn man eine Eva Herman in der Öffentlichkeit lächerlich machen muß, damit das System nicht aus dem Gleichgewicht gerät, dann ist dieses System bei weitem nicht so stabil, wie das vielen entmutigten Menschen oftmals erscheinen mag oder wie es auch dem Establishment oft erscheinen mag.

Sand im Getriebe

Es könnte also die Hauptaufgabe all jener sein, die an einer grundlegenden Reform unserer Gesellschaft wirklich und mit tieferem Ernst interessiert sind, einer Reform, die zwangsläufig in eine (hoffentlich friedliche) Revolution münden müßte, sich einfach nur Lebendigkeit zu bewahren. Bleibst Du nämlich ein lebendiger Mensch, bleibst Du ein Sandkorn im Getriebe eines Systems, das vielleicht in näherer oder fernerer Zukunft nur wegen Deiner so absolut merkwürdigen Existenz plötzlich stillstehen muß, nicht mehr so leblos weiter "rattern" kann. Will heißen: Auf Dich allein kann es - letztlich - doch ankommen.

Und natürlich darauf, daß Du "viele" wirst. Möglicherweise wird es künftig auf diese wenigen, ganz, ganz wenig gewordenen "Lebendigen" ankommen. Und sie werden plötzlich merken, daß dieser Satz von ihnen tatsächlich gilt: Alle Räder - alle psychologischen Tricks und Finten des Establishments - stehen still, wenn es dein starker Arm will. Dazu mußt Du nicht "Partei" sein. Dazu mußt du nur eines sein: lebendig.

Das jedoch - nämlich: lebendig sein - ist nicht einfach. Es könnte erforderlich sein, daß man sein ganzes Herzblut daran hängen muß, um nur dies eine zu werden und/oder zu bleiben: lebendig.

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1. Dill, Benita; Elger, Katrin; Fuhrin, Katharina; Hickmann, Christoph; Schwennicke, Christoph: Kinderland ist abgebrannt. Der Spiegel, 08.08.2011
2. Lisa Erdmann: Warum Deutschland keine Lust auf Kinder hat. Der Spiegel, 28.07.2011
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*) Stichwort "Medienmogule" oder harmloser: "Medienunternehmer", "Politikberater".
**) vgl. auch den jiddischen Witz am Ende --> dieses Artikels.

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