Posts mit dem Label Gruppenselektion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gruppenselektion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 29. Juli 2009

Gruppenselektion? - Etrusker starben erst nach dem Mittelalter endgültig aus

Trotz viel bejammerten "Sommerloches" gelangte die folgende, vor einer Woche in "Nature" gebrachte, spannende Meldung nicht in die deutsche Wissenschaftspresse:

... The Etruscans' genes survived into the Middle Ages, say Guido Barbujani of the University of Ferrara, Italy, and his colleagues. But between then and now, the line of descent has become much more complicated.

The researchers compared mitochondrial DNA taken from Etruscan remains, from Tuscan bones dating from the tenth to fifteenth centuries, and from modern Tuscans. The same markers were detectable in the two older groups, but not in today's Tuscans, probably owing to migration.

Also die schon seit längerem umstrittene Frage, ob die Etrusker nach ihrer kulturellen Assimilation, nach ihrem kulturellen Aufgehen im römischen Weltreich genetisch fortexistiert haben, würde durch diese neuen Forschungsergebnisse eine vielleicht unerwartet differenzierte Antwort erhalten. Genetisch starben sie nicht sofort vollständig aus, sondern existierten in Linien bis in das Mittelalter, bis ins 10. und 15. Jahrhundert hinein, in der Toskana fort. Nachgewiesen an mittelalterlichen Skeletten.

Aber im weiteren Verlauf der Geschichte bis heute müssen diese genetischen Linien dann doch verloren gegangen sein, denn heute sind sie in der Toskana nicht mehr (in vergleichbarer Häufigkeit) feststellbar. Interessant wäre nun zu spekulieren, auf welchem Wege zunächst diese Jahrhunderte lange Fortexistenz und dann dieses endgültige Aussterben erklärt werden könnte. Sozialgeschichtliche "Auslese"-Prozesse? Aufbrechen von örtlichen "Isolaten"? Weiträumigere Wanderbewegungen der Menschen in der Frühen Neuzeit? Dazu wird man sich den Originalartikel noch einmal genauer darauf hin ansehen müssen, wie man dort über Erklärungsmöglichkeiten nachdenkt.

Verallgemeinerbar?

Und noch allgemeiner wäre zu fragen, inwiefern eine solche Antwort erweitert, verallgemeinert werden kann etwa auf das ebenfalls schon mit größerer Wahrscheinlichkeit von Mainzer Genetikern festgestellte genetische Aussterben der Bandkeramiker, jener Kultur, die den Ackerbau in Mitteleuropa von einer vergleichsweise kleinen Ausgangspopulation am Neusiedler See ausgehend wahrscheinlich in einer Art "Bevölkerungsexplosion" bis zur Ukraine, nach Schlesien, zu den Vogesen, zur Kanalküste und bis zum Nordrand der Mittelgebirge ausgebreitet hat (5.700 v. Ztr. - 4.800 v. Ztr.) - innerhalb weniger Jahrhunderte. Also ein riesiges Territorium mit sehr einheitlicher, kaum voneinander abweichender Kultur über tausende von Kilometern hinweg zu einer Zeit, als das Rad noch nicht erfunden und das Pferd (wahrsscheinlich) noch nicht domestiziert war.

Auch von diesen Bandkeramikern könnte man nun annehmen, daß sie nicht sofort und vollständig ausstarben, sondern daß sich ihre Gene in den vielen kulturellen Umbrüchen der nachfolgenden Jahrtausende dann eben doch nach und nach fast vollständig in Europa verloren haben.

Gruppenselektion?

Ein erstaunliches Geschehen, das ein weiterer Hinweis darauf sein würde, daß geographisch, kulturell und sprachlich sich voneinander absetzende Gruppen, Stämme und Völker in der Regel nicht nur aus kleineren Ausgangspopulationen (Gründerpopulationen) zu großen Völkern und Kulturen heranwachsen können, sondern daß - da eben andere Völker auf ähnliche Weise heranwachsen und sich ausbreiten können - große Völker auch genetisch wieder weitgehend vollständig aussterben können, aufgrund von Zuwanderungen, Assimilation, Überlagerung und unterschiedlichen Demographien, Aufbrechen von "Isolaten" und von Wanderbewegungen.

All das könnte nicht zuletzt mancherlei neuer Hinweis darauf sein, daß und wie sich "Gruppenselektion" in der Menschheitsgeschichte beschreiben lassen könnte oder müßte, wenn theoretische Modelle möglichst nah an die Empirie herangeführt werden sollen.

Evolution und Weltgeschichte kennen jedenfalls beides: Ethnogenese aus kleinen Ausgangspopulationen heraus und Völkertod (- "Genozid"?) von vergleichsweise einflußreichen, großen kulturellen Gruppierungen und Völkern. Aber sie kennen - das sollte nicht übersehen werden - auch die genetische Fortexistenz von Völkern und Kulturen über Jahrzehntausende hinweg. Dies darf etwa von vielen Ureinwohner-Völkern angenommen werden - oder etwa auch von der großartigen, Jahrtausende langen kulturellen (und damit auch genetischen?) Kontinuität der chinesischen Kultur. - Zumindest solange es keine dem widersprechenden Forschungsergebnisse dazu geben sollte.

Dienstag, 14. Juli 2009

Gruppenselektion: "Die Sachlage ist unbestreitbar kompliziert ..."

Die letzte Diskussion über Gruppenselektion im Bereich der Wissenschaftsblogs wurde, soweit übersehbar, bei Emmanuel Heitlinger ("Alles was lebt") geführt. Diese Diskussion bezog sich auf einen Artikel auf Studium generale, sowie auf frühere Diskussionen auf beiden Blogs und anderweitig. Offenbar ist noch keiner der Diskutierenden auf den Wissenschaftsblogs bislang auf eine Stellungnahme des Humansoziobiologen Eckart Voland auf Darwin-Jahr.de aufmerksam geworden. Auf diese soll in diesem Beitrag hingewiesen werden. Gefunden über den inzwischen - u.a. durch Michael Blume - deutlich verbesserten Wikipedia-Artikel zu Gruppenselektion.

Eckart Voland schreibt nun auf Darwin-Jahr.de - in einem kurzen Kommentar zu einem ins Deutsche übersetzten Artikel von David Sloan Wilson und Edward O. Wilson in "Spektrum der Wissenschaft" (offenbar frei herunterladbar):
... Deshalb ist in der soziobiologischen Literatur der Begriff der „Gruppenselektion“ keineswegs verschwunden. Leider herrscht diesbezüglich eine heillose konzeptionelle und begriffliche Unordnung (Johnson et al. 2008, West et al. 2007), die unter einer nicht immer sprachlich sauberen Unterscheidung von Gruppenkonkurrenz und Gruppenselektion leidet. Theoretisch wichtig ist dieser Unterschied, weil gruppendienliche Strategien „gen-egoistisch“ aufgefasst werden können und nicht etwa zwangsläufig als Produkt von Gruppenselektion gedeutet werden müssen. Gruppenkonkurrenz ist eben nicht gleich Gruppenselektion, denn Gruppen haben keine Gene, die sie vererben könnten. Dies tun bekanntlich nur Individuen, und diese Individuen können aus „gen-egoistischen Gründen“ kooperieren, um ihre Gruppe zu stärken.

Allerdings gibt es soziale Situationen, in denen die Konflikte zwischen sozialen Gruppen dermaßen stark ausgeprägt sind, dass sie zu außergewöhnlicher Kooperation innerhalb der Gruppen motivieren. Wenn die Fitness eines Individuums ganz entscheidend vom Abschneiden seiner Gruppe in der Zwischengruppenkonkurrenz abhängt, während demgegenüber Konkurrenz innerhalb einer Gruppe nur wenig zu Fitnessunterschieden beiträgt, ist es zugegebenermaßen verführerisch, von Gruppenselektion zu sprechen. Diese Situationen sind allerdings selten und nur unter außergewöhnlichen ökologischen Situationen zu beobachten. Wo sie auftreten, führen sie allerdings zu überaus interessanten sozialen Konsequenzen. Die Evolution der Staaten bildenden Insekten („Eusozialität“) könnte vielleicht auf derartige Szenerien höchster Zwischengruppenkonkurrenz zurückzuführen sein, was E. O. Wilson (2005) dazu bringt, mit Bezug auf Insektenkolonien das ganz wesentlich auch von ihm selbst kritisierte Konzept der Gruppenselektion zu reanimieren. Allerdings setzt der revidierte Gruppenselektionsbegriff von E. O. Wilson Verwandtenselektion voraus (Foster et al. 2006) und ist damit nach wie vor dem „gen-egoistischen“ Paradigma verpflichtet. Folglich gibt E.O. Wilson die Idee der Evolution als genzentriertes Prinzip auch keineswegs auf:

"Das Gen ist noch immer die Haupteinheit der Selektion, aber das Selektionsziel im ursprünglichen Kolonieverhalten ist das höhere der beiden benachbarten Ebenen biologischer Organisation – von Superorganismen über Organismen, wie es auch der Fall ist für Organismen über Zellen und Gewebe" (2005: 4)

Die Sachlage ist unbestreitbar kompliziert, und Missverständnisse sind vorherzusehen, wenn man sich nicht die Mühe macht, zu studieren, was „Gruppenselektion“ von „Gruppenkonkurrenz“ unterscheidet.

"Gruppen haben keine Gene, die sie vererben können"? Wir haben alles, was wir für einen "Superorganismus" beim Menschen brauchen: Wir haben Vereinheitlichung des Verhaltens von Menschen in Gruppen durch kulturelle und sprachliche Prägungen, auch durch die Neigung des Menschen zu gruppenkonformem Verhalten. Wir haben unterschiedliche Häufigkeitsverteilung von Verhaltens- und Wahrnehmungs-Genen in menschlichen Populationen, die zugleich sich kulturell voneinander abgrenzen. Gruppen hätten also keine ihnen spezifischen Gene, die sie an die nächste Generation vererben können?

Aber insgesamt ist das eine sehr differenzierte Stellungnahme, die zum Weiterdenken anregt. Ausgangspunkte der Diskussion sind die Rationalität des verwandtenaltruistischen Paradigmas der Soziobiologie, sowie die neueren Beobachtungen an fortgeschritten-arbeitsteilig lebenden Insektenstaaten, die sich nicht besonders einfach in das bisherige verwandtenaltruistische Paradigma der Soziobiologie einfügen.

Sonntag, 28. Juni 2009

Warum Wissenschaft?

Zu Daniel Goleman's Buch "Die emotionale Intelligenz" (1995)

Warum soll man sich mit Wissenschaft beschäftigen? Warum sollte man Wissenschaft betreiben? Und warum ist die Beschäftigung mit - und das Betreiben von - Naturwissenschaft noch um einiges bedeutungsvoller als Wissenschaft überhaupt? Denn Wissenschaft kann ja auch vorwiegend geisteswissenschaftlich verstanden werden. Sie wird sogar heute vielerorts noch fast ausschließlich geisteswissenschaftlich verstanden. (Noch immer ist das Feuilleton in Tageszeitungen meistens völlig getrennt von einem zum Teil spärlich behandelten [Natur-]Wissenschaftsteil. Und den Feullietonisten und Lesern wird gar nicht bewußt, wieviel sie sich durch diese scharfe Trennung entgehen lassen.)

Die Wissenschaft klärt den Geist des Menschen. Die Wissenschaft, einigermaßen ernsthaft betrieben, das heißt, mit Nachdruck auf ein Ziel hin verfolgt, fordert den einzelnen auf, sich zu strukturieren. Wer sich einem wissenschaftlich erforschten Gegenstand, einem wissenschaftlich erforschten Thema überhaupt nur annähert, ist mehr oder weniger ganz von selbst dazu aufgefordert, fühlt sich dazu aufgerufen, sich innerpsychisch umzustrukturieren, sich - in irgend einer Weise - an diesen Gegenstand selbst "anzupassen". Ihm "adäquat" zu werden.

Warum Naturwissenschaft?

Und das macht die Naturwissenschaft noch einmal um einiges bedeutungsvoller, vielleicht revolutionärer, als die Geisteswissenschaft für sich: Der naturwissenschaftlich erforschte Gegenstand, das naturwissenschaftlich angegange Thema ist - soweit das überhaupt übersehbar ist - dem menschlichen Denken und Fühlen nicht in irgend einer Weise von vornherein "angepaßt". Der naturwissenschaftlich erforschte Gegenstand "sträubt" sich in aller Regel gegen die menschlicherseits an ihn herangetragenen Vorerwartungen. Und dann insbesondere wird Wissenschaft so voller Bedeutung, so "bedeutungsschwanger", so "Weltbild-verändernd". Die Psychologin Heidi Keller empfand zum Beispiel den Übergang zur naturwissenschaftlichen, evolutionären Psychologie in ihrer eigenen Biographie als "gnadenlos", siehe --> Stud. gen.. Der Autor dieser Zeilen kann von einer ziemlich identischen Erfahrung sprechen. Und man ist verleitet, sich dieser Erfahrung des "Gnadenlosen" immer wieder auf's Neue auszusetzen, auch vielleicht aus Verantwortung für ein Größeres, Ganzes heraus.

Aber man denke - in einem vielleicht neutraleren Rahmen - auch nur schon an die Astronomie der letzten hundert Jahre und an all die Vorerwartungen, die von ihr nicht erfüllt worden waren. Und an all die Erkenntnisse, die man entgegen dieser Vorerwartungen gewonnen hat. Man denke an die Quantenphysik der letzten hundert Jahre, die voller Überraschungen gewesen ist, die alle gehegten Vorerwartungen über den Haufen geworfen hat. Und man denke schließlich an die Wissenschaft vom Menschen, an die naturwissenschaftliche, evolutionäre Anthropologie und natürlich auch an die Psychologie, die derzeit immer noch und immer wieder völlig unerwartete Ergebnisse hervorbringen, die alle etwaig gehegten Vorerwartungen über den Haufen werfen.

Vorerwartungen immer wieder nicht erfüllt

Es sind insbesondere diese unerwarteten Ergebnisse und die bewußtseinsmäßige Einstellung auf diese unerwarteten Ergebnisse in un- oder halbbewußter Vorwegnahme derselben während man sich an diese Ergebnisse annähert, die die Naturwissenschaft so bedeutungsvoll machen für den einzelnen, der sich mit ihnen beschäftigt. So bedeutungsvoll und zugleich - vielleicht - "gnadenlos". Warum eigentlich "gnadenlos"? Man entfernt sich dabei - vielleicht - von der emotionalen Gelagertheit seiner gegenwärtigen Mitwelt, von jener emotionalen Gelagertheit, in der sich die meisten heutigen Menschen emotional "geborgen" fühlen ... Aber man nähert sich dabei - vielleicht - auch an etwas viel Besseres, Grundlegendes an: An eine emotionale Gelagertheit von Menschen, wie sie für die Zukunft zumindest möglich wird.

Denn irgendwie hat man doch das Gefühl, daß man sich bei der gegenwärtigen Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft - und zumal wenn man sich dem "Gnadenlosen" in ihr immer wieder aussetzt - daß man sich dabei immer deutlicher auf umfassendere Wahrheiten zubewegt. Man nenne sie "Gott" oder man nenne sie einfach nur "die" umfassendere Wahrheit vom Menschen oder von der Welt. Eine Wahrheit, die eben nicht auf die emotionale "Geborgenheit" der gegenwärtig lebenden Menschen Rücksicht nimmt.

Umfassendere Wahrheiten

Wenn man zum Beispiel ein solches Buch wie das von Daniel Goleman "Emotionale Intelligenz" (1995) liest, dabei im Hinterkopf hat, was - etwa hier auf dem Blog - alles schon über den derzeitigen Kenntnisstand auf dem Gebiet der Erforschung von Intelligenz und sozialen Emotionen geschrieben worden ist, dann tun sich einem eine Fülle von Implikationen auf. Man merkt, daß das Buch ein wesentliches Thema zum Gegenstand hat. Aber man merkt zugleich auch, daß es diesem Gegenstand nur selten wirklich gerecht wird, daß es nur einen "herumsuchenden" Einstieg in ein ganz neues Erkenntnisfeld darstellt. Und zudem auch nur ein Einsteig neben vielen anderen, ein Einstieg wahrscheinlich, der nur eine "größere Presse" bekommen hat als andere. - Zugleich auch schleicht sich Mißtrauen ein. Der Leser blickt auf sich selbst zurück und darf sich fragen: Ja, würde ich denn dem Gegenstand besser gerecht werden können? Mit welchem Recht darf ich kritisieren?

Dennoch: Muß man erst die bisherige Intelligenz-Forschung abwerten, bevor man dazu übergehen kann, sich ernsthafter mit "sozialer" oder "emotionaler" oder "personaler" Intelligenz zu beschäftigen? Kann nicht beides parallel und ergänzend erforscht werden? Und kann man nicht auch nach Zusammenhängen zwischen beiden fragen? Und wenn nach Emotionen gefragt wird: Können nicht die Erkenntnisse eines Konrad Lorenz oder eines Robin Dunbar oder einer Jane Goodall oder der Soziobiologie insgesamt umfangreicher herangezogen werden? Oder neuerdings die eines Joachim Bauer oder eines Peter Sloterdijk (zur Frage der "thymotischen Energien" in der Menschenseele)? **) Konrad Lorenz sprach in "Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit" von dem "Wärmetod des Gefühls", von dem wir heute alle heimgesucht sind.

Wie kommt man zu kontrastreichen, starken Gefühlen?

Muß man dann nicht erst einmal danach fragen, wie man überhaupt wieder zu starken, kontrastreichen Gefühlen kommt? Zu Gefühlen, die über mehr oder weniger plumpe Lust- und Unlustgefühle hinausgehen, bevor man solche Gefühle dann auch erforschen kann? Und ist nicht genau das das Revolutionäre an solcher Wissenschaft: Daß man sich durch sie - mehr oder weniger "gnadenlos" - aufgefordert fühlen kann, nach den eigenen, kontrastreicheren Gefühlen überhaupt zu fragen? Daß man etwa aufgefordert sein kann, eigene Selbsttäuschungen über etwaige, vorgeblich "große" Gefühle als eben solche Selbsttäuschungen zu durchschauen? Oder gar solche Selbsttäuschungen gesellschaftsweiter Natur, gesellschaftsweiter Gelagertheit? (Sozusagen: Gruppenevolutionärer Beschaffenheit?)

Daniel Goleman erzählt zumeist, die jeweiligen Kapitel einführend, irgendwelche Geschichten, in denen Menschen ein starkes, prägnantes Unglück oder Glück wiederfahren ist oder - sehr oft - in denen sie verbrecherisch gehandelt haben oder behandelt wurden. Vielleicht auch nur, um der Sensationsgier des Lesers Nahrung zu geben. Aber andererseits scheint es doch in der Tat auch so zu sein, daß Gefühle überhaupt erst einmal einen stärkeren Grad von Ausprägung erfahren haben müssen, bevor sie so ausreichend sichtbar geworden sind, daß sie dann auch wissenschaftlich erforschbar und verstehbar werden.

Wissenschaft verändert Gesellschaften

Aber eines ist auf jeden Fall klar: Bevor man Daniel Goleman's "Emotionale Intelligenz" liest, sollte man die Grundgedanken des Buches von Richard Herrnstein und Charles Murray "The Bell Curve" (1994) gut verstanden haben. (Zuletzt in den Kommentaren hier kurz diskutiert.) Denn sonst weiß man gar nicht, worauf das Buch von Daniel Goleman eigentlich reagiert.*) Wenn man das tut, wird einem vielleicht erst die ganze Brisanz auch des Buches von Goleman erfahrbar.

- Warum also Wissenschaft? Weil sie mich als Menschen verändert. Dies kann durchaus auch im Persönlichsten sein. Weil ich durch sie auf mich selbst zurückverwiesen werde und zwar in einer Unabhängigkeit von sonstigen sozialen, emotionalen oder gesellschaftlichen Einflüssen, die in anderen Kulturbereichen heute selten oder gar nicht mehr besteht. Plump gesagt: Statt mich den emotionalen Beeinflussungen meiner menschlichen Umwelt auszusetzen, setze ich mich den Beeinflussungen der Natur selbst aus. Warum erfahren wir eine solche Ausgesetztheit heute eigentlich allzu oft nur noch als "gnadenlos"? Jedenfalls deutet sich durch eine solche Ausgesetztheit die zukünftige Verwirklichung gesellschaftlicher Möglichkeiten an, die - vielleicht, wahrscheinlich - besser ist, noch besser ist, als gegenwärtige, bestehende, "real existierende" Verwirklichungen gesellschaftlicher Möglichkeiten.

In diesem Sinne könnte Wissenschaft - und besonders Naturwissenschaft - als "Herzensbildung" verstanden werden. Denn mit was hat denn "Emotionale Intelligenz" vor allem zu tun, wenn denn nicht mit dem Herzen und mit der Seele?

________
Anmerkung:

*) In Reaktion auf dieses Buch kann Goleman auch so irrsinnige Sätze zu Papier bringen wie den folgenden (irrsinnig zumindest in der deutschen Übersetzung) (S. 54): "Die Ausnahmen von der Regel, daß der IQ den Berufserfolg vorhersagt, sind zahlreicher als die Fälle, die der Regel entsprechen." - Wenn das tatsächlich so wäre, wäre es ja irrsinnig, überhaupt von einer "Regel" zu sprechen. Man merkt also, wie oberflächlich Goleman hier offenbar recherchiert hat und überhaupt argumentiert. Er hätte ja sonst gleich sagen können, daß diese Regel widerlegt ist. Natürlich hütet sich Goleman vor solchen grundlegenden Aussagen. (Übrigens äußert sich auch Jens Asendorpf in seinem Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" mit deutlichen Vorbehalten gegenüber diesem Buch, vielleicht sogar mit zu deutlichen. Denn immerhin gibt einem dieses Buch doch viel Stoff zum Weiterdenken - nicht nur aber auch dadurch, daß es zum Widerspruch auffordert.)

**) Oder die Erkenntnisse zur Bedeutung der Gruppenselektion während der Humanevolution (Samuel Bowles und andere)? - Interessanterweise betont Bowles den Krieg zwischen Gruppen als treibende Kraft für die Evolution von menschlichem Altruismus und Empathie. Daß es seit hunderttausenden von Jahren auch viele andere, zum Teil auch wesentlich subtilere Strategien gegeben haben kann, aufgrund deren sich Gruppen ihre Territorien, ihre Evolutionsstabilität, ihren inneren Zusammenhalt erhielten, und damit ihre demographische Stabilität, ist bisher offenbar noch weniger in den Fokus der Forschung getreten, ist aber doch nur allzu naheliegend.
Bekanntlich reichen in der Natur ja oft schon die verschiedensten, evolutiv sparsameren Einschüchterungs-Strategien, um - etwa - gegenüber konkurrierenden Artgenossen und anderen Arten die eigenen Fortpflanzungsstrategien durchzusetzen, bzw. aufrecht zu erhalten, das eigene Territorium zu behaupten. So behaupten viele Vogelarten ihr Revier durch Singen. Warum sollten also derartige Mechanismen nicht auch außerordentlich wichtige Mechanismen in der Humanevolution von Gruppenpsychologie gewesen sein? (Auch an die vielen, nicht tödlich endenden
"Kommentkämpfe" im Tierreich könnte gedacht werden, die es ja beim Menschen ebenfalls gibt. Man siehe etwa die traditionellen Dorf-Ringkämpfe der Nuba im Südsudan.)
Es ist vielleicht überhaupt spannend zu verfolgen, daß Wissenschaftler oft nur in "Schwarz" oder "Weiß" denken können: Humanevolution von Gruppen entweder gewalttätig oder friedlich. Daß es die vielfältigsten Zwischenformen gegeben haben kann, die immer noch beobachtbar sind, scheint dabei recht oft noch aus dem Blickfeld zu geraten.
Das heißt allgemeiner: Es muß bei dem hier behandelten Thema natürlich berücksichtigt werden, wie stark unsere Emotionen auch davon mitgeprägt sind, wie sehr wir uns in unserer jeweiligen Gruppe (Gesellschaft) emotional geborgen oder nicht geborgen fühlen - und wie wir auf den jeweiligen Fall mit Psyche und Körper reagieren.

Dienstag, 4. November 2008

Blogpausen ...

... sind das Schönste, was es gibt. Denn in ihnen kann man sich neu orientieren, neu ausrichten. Und was wäre wichtiger, als ständig auf's Neue gelungene Neuorientierung und Neuausrichtung? Zumal in unserer Zeit, in der sich alles so schnell verändert. Aber natürlich gehen bei Blogpausen auch einige wichtigere Beiträge, die hätten geschrieben werden können, verloren. Es sollen hier grad, die Pause unterbrechend, zwei genannt werden, die hätten geschrieben werden können.

1. Das Volk des "Ötzi" hinterließ kaum Nachkommen in Europa

Nachdem sich präziseres Wissen darüber angesammelt hat, daß sowohl das erste Bauernvolk Europas (5.500 v. Ztr. - 4.900 v. Ztr.), die Bandkeramiker, wie auch das Volk der Etrusker (oder zumindest seine Elite), zu weiten Teilen keine genetischen Nachkommen in der heutigen europäischen Bevölkerung hinterlassen haben, ist dieser Umstand nun auch für die genetische Gruppenzugehörigkeit des "Ötzi" festgestellt worden. Es handelt sich um jenen Mann, der um 3.300 v. Ztr. in Tirol gelebt hat und vor einigen Jahren als Gletscherleiche gefunden worden ist. (Current Biology, FAZ, Morgenpost, Spektrumdirekt, bdw)

All diese Befunde deuten zusammen immer deutlicher darauf hin, daß die heutige Genetik menschlicher Gruppen und die menschliche Geschichte insgesamt sehr stark auch von dem Aussterben ganzer menschlicher Gruppen geprägt worden ist. Das heißt zugleich: durch genetische Flaschenhals-Ereignisse, in denen die Gene von kleinen Menschengruppen entscheidendere Auswirkungen auf spätere, zu großen Völkern herangewachsene menschliche Populationen haben. (Denn das Aussterben von Bevölkerungsgruppen schafft ja Platz für die Ausbreitung der Gene neuer menschlicher Gruppen wie aus einem "Flaschenhals" heraus.) In solchen Flaschenhälse finden übrigens genetische und kulturelle Neuanpassungen statt, also "Selektion" auf individueller und Gruppen-Ebene.

Es darf darum dann auch andererseits vermutet werden, daß die erste Bauernkultur an der Ostsee, die Trichterbecherkultur, bis heute sehr viele genetische Nachkommen in Europa und der Welt hinterlassen hat, und daß deren Nachkommen möglicherweise einen großen Anteil aller Blauäugigen in der Welt oder aller Erwachsenen-Rohmilch-Verdauer stellen. Auch diese Trichterbecher-Kultur könnte - nach den bisherigen archäologischen Daten - aus einer kleinen Ausgangspopulation hervorgegangen sein, die um 4.300 v. Ztr. in Ostholstein gelebt hat. - Und eine ähnliche kleine "Gründerpopulation" wird ja vermutet als Vorfahren der heute etwa zehn Millionen aschkenasischen Juden, die abstammen von einer kleinen Population, die um 600 n. Ztr. am Rhein gelebt hat.

Einschub (5.11.): Interessant übrigens, was laut FAZ "Paläogenetiker Michael Hofreiter vom Leipziger Max-Planck-Institut" zu dieser Studie sagt: "Ich halte es für unplausibel, dass eine ganze Sub-Haplogruppe in 5000 Jahren ausgestorben sein soll, während die menschliche Bevölkerung ständig gewachsen ist." Er kann sich also nicht vorstellen, daß ganze Menschengruppen, Völker in der Geschichte ausgestorben sind - statt nur ihre Kulturen.

Was aber, wenn er sich klar macht, daß - wenn man das nicht falsch in Erinnerung hat - dreiviertel der auf den Wandmalereien von Pompeji (79 n.Ztr.) dargestellten Menschen hellhaarig waren und wenn man den Anteil dieses Körpermerkmales vergleicht mit jenem unter den heutigen Neapolitanern? Sollte einem dann das Aussterben ganzer Bevölkerungsgruppen nicht doch auch plausibel erscheinen können? (Natürlich sprechen für solch eine Annahme auch noch zahlreiche andere geschichtliche, anthropologische und humangenetische Befunde außer den eingangs schon genannten.)

2. Supernaturalistischer Wunderglaube eine Folge von psychischer Verunsicherung, Verängstigung?

Sind psychische Verunsicherungen, Verängstigungen der Ursprung personaler, supernaturaler Gottvorstellungen? Eine neue Studie legt diesen Umstand nahe (bdw, Sciencedirekt). Das würde umgekehrt heißen, daß Menschen, die sich sicher fühlen, zugleich ruhiger und gelassener bleiben können, und nicht in "allem und jedem" das Wirken verborgener, willkürlich wirkender (an den sonst bekannten Gesetzmäßigkeiten vorbei wirkende) Kräfte vermuten müssen. - Ein weiterer Schritt, um die Entstehung der unterschiedlichen menschlichen Gottvorstellungen und Philosophien in Geschichte und Gegenwart zu verstehen?

Man könnte überhaupt zu der Ansicht gelangen (wie der Autor dieser Zeilen in letzter Zeit immer mehr), daß zumindest in heutiger Zeit der Glaube an supernaturale, "nichtexistierende Existenzen" (so werden sie ja heute sogar von den Gläubigen selbst definiert) nur eine andere Form der Gottlosigkeit, des Atheismus und der Gottesleugnung ist. Entweder Gott ist alles, wie Albert Einstein vermutete, oder es gibt überhaupt nichts Göttliches. Aber stellt es nicht schon einen hohen Grad von Gottlosigkeit dar, zu der uns bekannten Welt noch etwas "hinzuzudenken", um an etwas Göttliches glauben zu können? Macht uns unser Wissen von der Welt denn wirklich so gottlos, so zweifelnd an einem hohen, ehrfurchtgebietenden Wert allen Seins und allen Lebens, daß wir noch eine ansonsten intellektuell gar nicht zu rechtfertigende "Zusatzhypothese" glauben postulieren zu müssen?

Freitag, 5. September 2008

Durch Gesang sein Revier verteidigen (II)

(Aktualisierter Artikel, ursprünglich 13. 2. 2007, hier.)

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört.

Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


**********
Aktualisierung - 5.9.2008:

Neues zur Thematik:

"... Als die beiden Ornithologen ein besetztes Revier mit den Klängen eines fremden Pärchens beschallten, reagierten die eigentlichen Inhaber sehr heftig. Auf jeden Gesang der Konkurrenten folgten aufgeregte eigene Lieder: "Ihre Sangesrate schoss durch die Decke. Jede Einspielung wurde zornig beantwortet." Während die Zaunkönige in den 20 Minuten vor den Auftritten der vermeintlichen Invasoren nur durchschnittlich ein Duett anstimmten, schnellte deren Zahl in der gleichen Zeitspanne danach auf knapp sieben in die Höhe. ..."

So reagieren Menschen heute auf Zuwanderer in ihr eigenes Territorium (zumindest in Mitteleuropa) nicht mehr. Sie legen ihnen stattdessen - ganz prosaisch - - - Einbürgerungstests vor.

Nach:
[1] Mennill, D., Vehrencamp, S.: Context-Dependent Functions of Avian Duets Revealed by Microphone-Array Recordings and Multispeaker Playback. In: Current Biology 18, S. 1–6, 2008.
[2] Radford, A.: Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2008.0787, 2008.

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Follower

Social Bookmarking

Bookmark and Share