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Donnerstag, 13. Juni 2013

Säkularer Humanismus - kleinkariert und altbacken

Journalist Malte Jessl äußert sich denunzierend über "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!"

Abb. 1: Kirchenfreie Gesprächrunde neulich in Deutschland (oder so ...)
Eigentlich sollte sich ein Blog wie der unsere sagen: "Jede Publicity ist besser als gar keine". Aber die jüngste "Publicity" unseres Blogs in den Verbandszeitschriften der Kirchenfreien Deutschlands läßt einen doch ein wenig an diesem Grundsatz zweifeln. Ist denn das nicht alles nur noch peinlich? Und sind wir etwa schuld, zu diesen Peinlichkeiten Steilvorlagen geliefert zu haben (1 - 12)?

Kritikerin Adah Gleich

Im Nachgang zu den Diskussionen rund um die Facebook-Gruppe "Generation Giordano" (3 - 6) (die nach einer Art feindlicher Übernahme von den ursprünglichen Gründern neu gegründet wurde unter dem Namen "Initiative Humanismus") meinte eine Adah Gleich, uns in der Vierteljahres-Zeitschrift "Diesseits - Das Magazin für weltlichen Humanismus", herausgegeben vom "Humanistischen Verband Deutschlands", erwähnen zu müssen mit dem Satz (9):
An anderer Stelle appellierte Ingo Bading, Gründungsmitglied der "Initiative Humanismus", im Namen der "intellektuellen Freiheit" gar für die Aufhebung der Strafe für Holocaust-Leugnung.
Aber hallo. Wie kann er nur. Diese Erwähnung unserer Wenigkeit erfolgte unter dem Titel "Rechtspopulismus in der säkularen Szene" (9). Im gleichen Aufsatz, bzw. im gleichen Heft sind übrigens neben mir gleich drei meiner altbekannten Bloggerkollegen und Freunde erwähnt, bzw. werden sie interviewt. Nämlich Michael ("Natur des Glaubens"), Edgar ("Libertarian") und Frank ("Wissen bloggt"). Man rate einmal, wer von uns vieren des "Rechtspopulismus" verdächtigt wird und wer interviewt wird. Der einzige Christ von uns vieren, nämlich Michael, erhält zu seinem Standardthema ("Religiöse haben mehr Kinder als Atheisten") ein ganzes Interview. Die drei Nichtchristen und Christentumskritiker unter diesen vieren - nämlich Edgar, Frank und ich - werden des Rechtspopulismus verdächtigt. Toll, nicht wahr? Habt ihr da beim "Humanistischen Verband Deutschlands" eigentlich nichts Besseres zu tun? Ist das nicht alles nur noch peinlich?

Der Artikel von Adah Gleich wurde zwar in der konkurrierenden, vierteljährlich erscheinenden Verbandszeitschrift des 1976 gegründeten "Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten e. V. (IBKA)" (nämlich des "MIZ - Materialien und Informationen zur Zeit - Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistINNen") von Chefredakteur Gunnar Schedel eher in die Rubrik "Denunziation" als in die Rubrik "Aufklärung" eingeordnet (10). (So jedenfalls die beiden Begriffe des Titels seines Artikels [10]). Aber auch damit sollte noch nicht das letzte Wort in dieser peinlichen Erörterung gesprochen worden sein. Der Artikel von Gunnar Schedel rief in der gleichen Zeitschrift "MIZ" dann wieder einen Artikel eines Diplom-Biologen und Wissenschaftsjournalisten aus Mainz, bzw. Wiesbaden auf den Plan. Nämlich eines Malte Jessl (geb. 1979) (11).

Kritiker Malte Jessl

Jessl findet nun sowohl die Artikel von Adah Gleich wie von Gunnar Schedel oberflächlich. Und glaubt nun selbst natürlich wesentlich gründlicher und grundlegender zu argumentieren. Nein, sagt er, die säkulare Szene wird nicht "rechtspopulistisch unterwandert". Ja, meint er, die säkulare Szene und ihr "Aushängeschild", die Giordano Bruno-Stiftung - unternehmen aber dennoch eine "Gratwanderung" hart entlang des Abgrundes genannt "Biologismus". So so.

Und im Mittelpunkt seines Artikels steht nun niemand geringerer als der Blog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!". Weil wir uns - zugegeben! - den Anliegen der Giordano Bruno-Stiftung sehr verbunden fühlen. Und das nicht erst seit kurzem. Sondern schon spätestens seit der Zeit als ich feststellte, daß auch mein früherer Doktorvater, der Humansoziobiologe Eckart Voland, dort mitmacht.

Egal. Malte Jessl's Artikel ist nun jedenfalls nicht viel weniger peinlich und oberflächlich als der von Adah Gleich. Aber ihn deshalb hier auf dem Blog ganz unbehandelt lassen geht auch nicht. Der Artikel von Malte Jessl hat zwar inzwischen eine verdiente Abfuhr durch Harald Stücker erfahren, auf den erst vor drei Tagen dann auch der "Humanistische Pressedienst" von Carsten Frerk von der Giordano Bruno-Stiftung hingewiesen hat (12). Damit kann man sich schon viele grundlegendere Einwände gegen Malte Jessl an dieser Stelle sparen. Allerdings geht Stücker auf viele Einzelheiten nicht ein. Dafür hat er wohl auch keinen Anlaß. (Obwohl auch Stücker, den wir ebenfalls bislang noch nicht kannten, von Adah Gleich unter die "Rechtspopulisten" eingeordnet worden war. Denn das geht heutzutage ziemlich schnell ... Und wir haben hier noch längst nicht alle genannt, die von Adah Gleich unter diese Rubrik eingeordnet worden waren. Ist wohl auch nicht besonders wichtig. Sondern eher peinlich.)

Der Artikel von Malte Jessl - er kann vollständig im Netz nachgelesen werden (11) - bewegt sich entlang der "exemplarischen" "ideologischen" Einordnung von drei Personen:
Lauter Leute, die der Naturwissenschaft zumindest sehr nahestehen. Kritisierenswert findet Malte Jessl aber auch manche Äußerungen  
Na toll! Die schon tausendmal zwischen zwei Menschenkiefern zerkaute Grundthese von Malte Jessl lautet so langweilig, ja, peinlich wie eh und je: die Giordano Bruno-Stiftung unternimmt mit solchen, soeben aufgezählten "Freunden" eine "Gratwanderung" entlang des Abgrundes "Biologismus". Eine Gratwanderung, die "nicht immer gelingt". So Malte Jessl mit besorgtem, erhobenem Zeigefinger.

"Biologismus" ist ein bloßes, nichtssagendes Schlagwort, worauf schon Harald Stücker hinwies. Wenn nicht "Totschlagwort". Mit ihm ist in der Sache gar nichts gesagt. Malte Jessel konkretsiert deshalb sogar. Unter "Biologismus" versteht er den "Biologismus der 'Warum-Frauen-immer-Schuhe-kaufen-Schublade'." Ach je! Uff. Wer hat denn Lust, dazu noch etwas zu sagen. Wie Harald Stücker schon sagte, sind das Diskussionen, Entschuldigung!, der 1970er Jahre. Wir leben heute im Jahr 2013. Mann oh Mann, mit welchen altbackenen Uralt-Humanisten bekommt man es denn hier zu tun? Gibt es einen solchen altbackenen Humanismus noch in angloamerikanischen Ländern? Etwa rund um Richard Dawkins? Man kann es sich fast kaum noch vorstellen. Aber möglich ist alles.

Thomas Junker, Sabine Paul und Ulrich Kutschera sind im übrigen in säkularen, humanistischen Kreisen genügend bekannt und anerkannt, als daß sie sich selbst oder als daß andere sie in dieser Sache gegen einen Malte Jessl noch groß verteidigen oder in Schutz nehmen müßten.

Kritisiert: Armin Geus

Die Namen Armin Geus und Remigius Geiser werden jedoch nicht jedem so geläufig sein. Dem Autor dieser Zeilen jedenfalls waren sie ganz neu. Toll, wen da der Malte Jessl alles aufstöbert unter den Mitgliedern des Förderkreises der Giordano Bruno-Stiftung. Wie er das wohl wieder rausgekriegt hat? Nun, man lernt ja immer gern dazu. Mit diesen beiden werde also ich, Ingo Bading, von Malte Jessl in eine Reihe gestellt. Also sollte ich sie mir wohl einmal genauer anschauen.

(Das geht aber nicht von heute auf morgen. Im folgenden erst einmal nur ein Zwischenstand.) Das Schlimme an Armin Geus soll nach Malte Jessl sein, daß er 2008 einen Sammelband zur Islamkritik herausgebracht hat, in dem er neben Texten von Ralph Giordano, Thomas Junker, Hubertus Mynarek, Klaus Rainer Röhl auch Texte, so so, des Journalisten Dr. Günter Zehm (geb. 1933) und des Sozialphilosophen Professor Günter Rohrmoser (1927 - 2008) aufgenommen hat. - Ja, du liebe Güte! Wenn der gute Malte Jessl weiter keine Probleme hat. Das ist mir einfach zu billig, als darüber überhaupt irgend ein Wort zu verschwenden.

Höchstens wäre hier der Wunsch zum Ausdruck zu bringen, daß Armin Geus nun zusammen mit Günter Rohrmoser dann gleich auch noch einen Sammelband zur Christentumskritik oder zur Kritik von "Gotteswahn" überhaupt herausgebracht hätte (*freundlich lächel oder grins*). Hätte mich interessiert, ob der gute Rohrmoser und Horst Mahler-Freund da ebenso fröhlich mitgemacht hätte. (Ich vermute mal eher: nicht.) Rohrmoser steckt(e) tief drin in der christ-katholischen Lobby. Für die nichts so kennzeichnend ist wie seine Freundschaft mit dem RAF-Terroristen und Stasi-Mitarbeiter Horst Mahler. Wenn sich Armin Geus von solchen Leuten die "Schwesterreligion" des Christentums "kritisieren" lassen will, soll er das doch tun. Aber ich gehe zunächst einmal davon aus, daß Armin Geus noch andere Verdienste hat, als solcherlei, Verzeihung: ... Merkwürdigkeiten. Über die ich kein Wort verlieren würde. Nun, Malte Jessl hat halt so seine eigenen Sorgen, wenn er an die Giordano-Bruno-Stiftung denkt, benannt nach einem der größten Freigeister der Geschichte der Menschheit. (Ach je, wie kleingeistig erscheint einem das alles, wenn man sich nur einmal an diesen Geistesriesen und Feuergeist aus Italien erinnert ...)

Ja, man kann - "besorgt"! - einzelne Worte oder Taten einzelner Personen kritisieren. Aber diese Pauschalverurteilungen und -verdächtigungen, weil "mal der mit dem" usw.. Das sollte eigentlich einer freigeistigen Aufbruchbewegung unwürdig sein. Wer das nicht unwürdig findet, den kann ich gar nicht als jemanden empfinden, der sich einen gesellschaftlichen Aufbruch wirklich wünscht. Wollen wir eine derartige Gesellschaft "des Verdachts"? Hat da noch jemand Vertrauen in das Gute im Menschen? Oder herrscht das Ressentiment vor?

Kritisiert: Remigius Geiser

Und daß Remigius Geiser von Malte Jessl unredlich zitiert wird, kann jeder überprüfen, der den von Malte Jessl zitierten Text selbst liest (1) und sich nur ein wenig mit soziobiologischer Literatur auskennt. Geiser macht darin in der Tat eine eugenisch klingende Äußerung. Jessl zitiert aber nicht, daß Geiser dann weiter schreibt:
Man muß diese Vorhaltungen wissenschaftlich ernstnehmen, aber es gibt auch Gegenargumente.
Und weiter heißt es unter anderem:
Und drittens besteht neuerdings die Aussicht, daß die ganze Frage insgesamt irrelevant wird.
Nun, das klingt doch dann schon wesentlich differenzierter, als Jessl es darstellt. Wie Jessl auch überhaupt nicht herausstellt, daß - wie an dieser Stelle - auch sonst der Text von Remigius Geiser ein nur deskriptiver (wissenschaftliche Theorien und Fakten referierender) Text ist. Ein Text, der unter der Berücksichtigung seiner letzten Sätze gelesen werden muß:
Es stimmt, die Soziobiologie ist die ultimative Herausforderung der menschlichen Sozialphilosophie. Sie ist eine völlig neue Weltanschauung, ein neues System der Welterklärung. Die "darwinische Revolution" (Richard Dawkins) ist eine ideologische Revolution von fundamentaler gesellschaftspolitischer Relevanz. Die bisher dominierenden Weltanschauungen (= Memplexe) werden nicht nur herausgefordert, sondern vielleicht sogar tödlich getroffen. Klar, dass sie sich zur Wehr setzen.
- Warum denkt man bei einem solchen Satz jetzt an Malte Jessl? Weiß ich eigentlich auch nicht (*freundlich grins*). Geiser jedenfalls weiter:
Die Menschheitsgeschichte bietet immer wieder interessante Überraschungen, unvorhergesehene Wendungen, unberechenbare Entwicklungen und eine ungewisse Zukunft. Wir stehen jetzt an einem Punkt, wo der Mensch sich der egoistischen Basis seines gesellschaftlichen Handelns voll bewusst wird. Mal sehen, was er daraus macht ...
Abb. 2: Richard Dawkins - er ist dort, wo es nötig ist
Wie wahr. Und sehr richtig: "Mal sehen, was er daraus macht." So lautet der letzte Satz von Geiser in einem 36-seitigen Manuskript. Geiser behauptet also nicht von sich, auf die von ihm bloß referierte "ultimative Herausforderung der menschlichen Sozialphilosophie" in Form der Soziobiologie eine befriedigende Antwort zu wissen. Welcher Schluß also vom Sein zum Sollen gezogen werden soll, läßt er in den meisten Fällen ganz offen. Oder er gibt von sich aus nur vage Lösungsvorschläge.

Was ja zunächst einmal auch gut ist, um überhaupt unsere Erkenntnisse über das Sein ergebnisoffen zur Kenntnis nehmen zu können. Und tatsächlich ist das ja die Frage, die so viele von uns umtreibt: "Mal sehen, was er daraus macht". Dieser Mensch von heute, dessen Denken und Instinkte vom Geist des Alten Testamentes noch immer tief durchtränkt sind. Da bestehen durchaus Gefahren, in der Tat. Und um diesen zu begegnen, nennen wir uns Humanisten und identifizieren wir uns mit Humanismus. Ich denke, das gilt auch für Remigius Geiser. Jedenfalls konnte mich Malte Jessl mit seinen kurzen Zitaten keineswegs vom Gegenteil überzeugen. Remigius Geiser ist kein "falscher Freund" des Humanismus. Wer das nachweisen will, muß anders argumentieren, als Malte Jessl.

Zwischenbemerkung: Altruismus wird durch die Soziobiologie erklärt, nicht "entzaubert"

Wobei langjährige Leser dieses Blogs wissen, daß wir schon den Grundansatz des Redens von "egoistischen Genen" - also auch den Grundansatz des Textes von Remigius Geiser - für verfehlt halten. Diese Begrifflichkeit stammt von Richard Dawkins, der bei all seinen Verdiensten keinen Unfehlbarkeitsanspruch aufgestellt hat. Dieser wird ihm auch von niemandem zugesprochen. Dawkins ist auch nicht der Begründer der Soziobiologie. Sondern nur ihr bekanntester Popularisierer (neben Edward O. Wilson).

Das Verhalten, das durch die Grundtheoreme der Soziobiologie erklärt werden soll, ist vielmehr altruistisches. Daß dieser (phänotypische) Altruismus durch eine naturwissenschaftliche Erklärung auf der Ebene der Gene "entzaubert" werden könnte, ist eine weit verbreitete Einschätzung, die in unserer atheistischen Gesellschaft auch besonders gut ankommt. Sie ist aber eine interpretatorische Vorwegnahme, die uns die Natur selbst und auch die Grundtheoreme der Soziobiologie wie sie in mathematischer Form vorliegen, nicht aufdrängen. Natürlich muß alles, was in der Natur existiert, genetisch überleben. Sonst würde es ja in der Natur nicht vorkommen. Und deshalb dürfen die Lebensprinzipien der Natur nicht mit dieser Rationalität im Widerspruch stehen. Darauf gründet das Denken der Soziobiologie.

Abb. 3: Simon Conway Morris
Daß das genetische Überleben aber das einzige Lebensprinzip in der Natur sein soll, ist ein Mythos, den auch der Begründer der Soziobiologie, William D. Hamilton, nie vertreten hat. Im Gegenteil. Er hat ähnlich wie etwa Isaac Newton immer betont, daß er glaubt, daß die Welt so wunderbar ist, daß sie sich nicht durch wenige mathematische Formeln entzaubern läßt (13). Es handelt sich jedoch um einen von Richard Dawkins formulierten Mythos, den auch Remigius Geiser ein wenig gar zu drastisch und übertrieben darstellt.

Wobei Richard Dawkins selbst schon längst viel weiter ist. Andere Lebensprinzipien der Evolution werden heute etwa mit dem allseitig vorkommenden Tatbestand von "konvergenter Evolution" erforscht. Simon Conway Morris schließt aus dem allseitigen Vorkommen derselben auf eine Zielgerichtetheit der Evolution (gegen Stephen Jay Gould's "Zufall Mensch"). Und Richard Dawkins schrieb schon 2004 im abschließenden Kapitel seines schönen Buches "Ancestors Tale", daß er grundsätzlich Conway Morris darin folgen könne. Dawkins denkt also viel ergebnisoffener als viele seiner stiernackigen Anhänger.

Kritisiert: Ingo Bading

Nun aber weiter im Text von Malte Jessl. Vorweg sei noch bemerkt, daß wir nach den Diskussionen rund um "Generation Giordano" (4 - 6) eine Zeit lang einmal versucht haben, den diffamierend gegen die Giordano Bruno-Stiftung angewandten Begriff "völkischer Humanismus" positiv zur Beschreibung unseres Blogs zu verwenden (7). Nachdem im April 2013 schon Facebook-Freundin und Blogleserin Nina Hagen die Verwendung dieses Begriffes kritisiert hat, haben wir ihn jetzt - ja, nach der Lektüre des Artikels von Malte Jessl! - wieder aus der Selbstbeschreibung des Blogs entfernt. Denn offensichtlich verleiten wir Kritiker unseres Blogs mit der Verwendung dieses Begriffes zu zu oberflächlichem Denken und Wahrnehmen. Während wir das genaue Gegenteil mit der Verwendung dieses Begriffes hatten erzielen wollen (7). Deshalb also jetzt nicht mehr in der Selbstbeschreibung. - Ob wohl der ganze Artikel von Malte Jessl geschrieben worden wäre - hätte geschrieben werden können -, wenn wir auf die Verwendung dieses Begriffes von vornherein verzichtet hätten? Jedenfalls setzt er seinen Artikel folgendermaßen fort:
Von der Evolution zum „Volk“
Zugestanden werden muss Geiser allerdings, dass er sich zumindest recht deutlich gegenüber Nationalismus und Rassismus abgrenzt.
Eine solche Abgrenzung ist nicht die Sache von Ingo Bading, auf den Adah Gleich auch kurz in ihrem Artikel eingeht. Bading ist Gründungsmitglied der Initiative Humanismus und Mitverfasser des „Manifests“ der Gruppe. Gleich wirft Bading – und hier zeigt sich wieder die Oberflächlichkeit ihrer Kritik – lediglich vor, dass er die Strafbarkeit der Holocaustleugnung ablehnt ...
In einer Anmerkung schreibt Jessl dazu: "Diese Position teilt Bading mit so unterschiedlichen Autoren wie Henryk M. Broder und Noam Chomsky, entsprechend wenig sagt sie also über seinen ideologischen Hintergrund aus." Eine sehr informierte Anmerkung, aus der sogar wir noch etwas lernen. Warum ist Diplom-Biologe Malte Jessl sonst nicht so gut informiert? Er fährt dann nämlich fort:  
... und bemerkt dabei gar nicht die wirklich bedenklichen Aspekte seiner Ideologie. Auf Badings „Weltnetzseite“ [sic!] Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt ist folgende Selbstdarstellung zu lesen:
„Dieser Blog vertritt einen völkischen Humanismus, weil er mit den Erkenntnissen der Evolutionären Anthropologie und Humangenetik weiß, dass die Humanevolution bisher immer in Völkern stattgefunden hat und – ganz offensichtlich – auch künftig stattfinden wird. Und für diese Erkenntnis muss es einen Namen geben. Völkischer Humanismus scheint uns der geeignete dafür zu sein.
Die öffentliche Debatte rund um das Buch von Thilo Sarrazin ‘Deutschland schafft sich ab’ bewegte sich sowohl in ihrem rationalen wie in ihrem emotionalen Kern rund um diese sowohl natur- wie kulturwissenschaftliche Erkenntnis.
Es muss einfach verstanden werden, dass konsequent vertretener Evolutionärer Humanismus (EH) per se politisch unkorrekt ist, unter anderem deshalb, weil die Natur, Evolution und Humanevolution selbst sich nicht an politische Korrektheit gehalten haben und weil politische Korrektheit direkt in ‘Controlled Demolition’ ganzer fortschrittlicher Gesellschaften führt. Unter anderem weil EH deshalb zwangsläufig nicht nur Religions-, sondern auch Ideologiekritik mit einschließt und einschließen muß. Und unter anderem weil EH deshalb spätestens seit K.-H. Deschner und Colin Goldner, Robert Trivers, Richard Dawkins, Noam Chomsky, Kevin MacDonald, James Watson und vielen anderen auch immer Hintergrundpolitik- und Lobbymächte-Kritik mit einschließen muss.
Die Humanevolution fand 200.000 Jahre lang in Stämmen und Völkern statt. Es besteht viel Anlass dafür zu vermuten, dass die Weltall-Entstehung und die Evolution zielgerichtet erfolgt sind, was auch Richard Dawkins für möglich hält. Wenige andere Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft werden heute von allen globalisierenden Priestern und Ideologen mehr gefürchtet, als diese, denn mit ihnen ist ihnen ihre ‘Sinngebungs’-Funktion vollständig entzogen.
[...]
Multikulturelle Gesellschaften sind jene Gesellschaften, die weltweit am schlechtesten funktionieren (Robert Putnam) und die außerdem der Humanevolution nicht ausreichend Material geben, denn Humanevolution findet auf mehreren Ebenen statt, nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf Gruppenebene, wie die Humangenetik allerseits derzeit besser erkennt.
Dies ist deshalb ein Blog wider das von Lobbymächten aufrecht erhaltene ‘Wissensgefälle’ zwischen Eliten und Volk. Ein Blog wider die zahlreichen gesellschaftlichen Selbstmordprogramme der intellektuellen Eliten.“ (Rechtschreibfehler korrigiert)
Es bleibt jedem selbst überlassen, wo genau zwischen den Eckpunkten „völkische Ideologie“, „Verschwörungstheorie“ und „geistige Verwirrung“ Bading einzuordnen ist. Dass seine Positionen indiskutabel sind und rein gar nichts mit Aufklärung und emanzipatorischer Religionskritik zu tun haben, sollte aber schon nach Lektüre dieser wenigen Zeilen klar sein – zahllose weitere Belege dafür lassen sich auf seinem Blog finden.
Was eigentlich an dieser Selbstdarstellung nun rein sachlich, inhaltlich "bedenklich" ist, was "indiskutabel" ist, was "geistige Verwirrung" darstellt, was "rein gar nichts mit Aufklärung und empanzipatorischer Religionskritik zu tun hat", sagt Malte Jessl nicht. Ihm ist es "schon nach Lektüre dieser wenigen Zeilen klar".

"Zahllose weitere Belege dafür lassen sich auf seinem Blog finden," unkt er noch weiter. Nun, wenn er es nicht begründet, sehen wir auch keinen Anlaß, ihm zu begründen, warum wir das natürlich nicht so sehen.

Warum ist eigentliche eine Abgrenzung von Nationalismus und Rassismus "keine Sache von Ingo Bading"? Hat Malte Jessl zahllose Artikel dieses Blogs nicht gelesen? Wir grenzen uns sogar nicht nur von Nationalismus und Rassismus ab. Wir fragen auch: Wo kommen sie her? Und zwar in ihrer fürchterlichsten geschichtlichen Ausprägung. Und wir haben hier die Moral und Ideologie des Alten Testamentes identifiziert, auf der sich alle drei großen Weltreligionen gründen. Und wir haben die Moral und Ideologie völkischer, freimaurernaher Okkultlogen während des 20. Jahrhunderts dafür ausgemacht. All das braucht ja Malte Jessl nicht zu erwähnen, wenn er uns mangelnde Abgrenzung von Nationalismus und Rassismus vorwirft.

Gruppenselektion - Dieser Blog steht für Wissenschaft, nicht Ideologie

Aber um es auch noch einmal einem Malte Jessl klar zu sagen: Wir weisen es überhaupt entschieden zurück, daß wir eine "Ideologie" vertreten würden. Daß Evolution und Humanevolution Gruppenevolution sind, ist nicht "Ideologie", sondern eine in der derzeitigen Wissenschaft heiß erörterte Frage. Malte Jessl sollte schon davon gehört haben. Wenn nicht, sollte er schweigen. Denn schon an der Dauer der innerwissenschaftliche Diskussion rund um diese Fragen wird deutlich, daß diese Frage keine wissenschaftliche "Eintagsfliege" ist. Sie wurde von Charles Darwin höchstselbst in den Ring geworfen. Wie man schon am Untertitel seines Hauptwerkes ablesen kann.

Sie erfuhr dann von eben jenem eigentlichen Begründer der Soziobiologie William D. Hamilton erstmals in der Wissenschaftsgeschichte eine Zurückweisung (1964). Durch diese Zurückweisung wurde die Soziobiologie einstmals begründet. Im Jahr 1964. Und sie wurde von demselben innovativen Denker (!) nur wenige Jahre später (um und nach 1967), zusammen mit George R. Price wieder aufs Tapet zurück gebracht. Einfach durch mathematische Herleitung. Nicht durch irgend ein "Wunschdenken" (vgl. die wunderbaren autobiographischen Texte in "Narrow Roads of Gene Land" dazu [13]). Price war sicher der letzte, der mit einem solchen Ergebnis seiner Price-Gleichung gerechnet hatte. Und das alles geschah zu einer Zeit, als alle Welt noch Mühe hatte, die ursprüngliche Hamilton'sche Zurückweisung der Gruppenselektion nachzuvollziehen. So "gegenläufig" kann Wissenschaftsgeschichte sein.

Aber die Neuformulierung der Gruppenevolution durch William D. Hamilton und George Price hat seither mit Soziobiologen wie David Sloan Wilson und zahllosen anderen, schließlich sogar mit Edward O. Wilson, ständig mehr Anhänger hinzugewonnen. Sie steht heute in der Mitte der soziobiologischen Forschung. Nur wird sie heute oft auch unter Begriffen wie "Superorganismus" erörtert. (Ein Ameisenstaat, ein Bienenvolk und natürlich auch eine menschliche Gesellschaft sind "Superorganismen".) Oder unter dem Begriff "multi-level-selction" (Mehr-Ebenen-Selektion). Von einem Diplom-Biologen wie Malte Jessl erwarte ich, daß er sich zuvor informiert, bevor er, was diese Themen betrifft, von "Ideologie" spricht. Auf unserem Wissenschaftsblog "Studium generale" behandeln wir diese Fragen schon in der Kurzbeschreibung. Warum ist eigentlich nicht diese Kurzbeschreibung von Malte Jessl zitiert worden?

Mag ja sein, daß für Malte Jessl die ganze Soziobiologie "Ideologie" ist. So ein bischen klingt das bei ihm durch. Aber dann sollte er das auch so sagen. Oder liegt die "geistige Verwirrung" womöglich auch sonst auf seiner Seite? Nämlich in der Form, daß er von den eben genannten Entwicklungen noch nicht besonders viel sollte mitbekommen haben? Daß er nichts gehört hat von "Lewontins Fehlschluß", von der "Naturgeschichte der aschkenasisch-jüdischen Intelligenz", von der Aussage von Stephen Pinker im Jahr 2006, daß die "gefährlichste Idee der nächsten zehn Jahre" die Idee von den angeborenen Begabungsunterschieden zwischen den Völkern wäre?

Und warum soll es - womöglich - ein Zeichen für "geistige Verwirrung" darstellen, wenn man sich auf Robert Putnam beruft, den Autor von "Bowling Alone"? Den Erforscher multikultureller Gesellschaften? Wer ist hier geistig verwirrt oder überfordert? - Das Reden von "geistiger Verwirrung" ist im übrigen beleidigend.

Nachtrag (18.6.2013)

Wie wir erst nachträglich - und gewiß auch zu unserer Beruhigung feststellen - scheinen Adah Gleich und Malte Jessl innerhalb der GBS selbst nicht unumstritten zu sein. Rechtfertigte doch Malte Jessl vor einem Monat in einem "Diskussionsbeitrag" auf der Seite des von der GBS gegründeten "Humanistischen Pressedienstes" (14) - offenbar insbesondere gegenüber Michael Schmidt-Salomon persönlich - einmal erneut seine sehr pauschalen "Biologismus"-Vorwürfe im Grunde gegen einen großen Teil der Evolutionären Psychologie überhaupt.

Es steht nicht zu vermuten, daß er mit diesen neuerlichen Äußerungen sich gegenüber der Mehrheit der Leser überzeugender äußern würde, als mit seinen bisherigen. Und nicht die Glaubwürdigkeit der säkularen Szene steht auf dem Spiel, wie Malte Jessl darin unkt, sondern viel mehr seine eigene. Wie man ihm nur sehr ernsthaft raten kann. - Zum Beispiel: Hypothesen sind in der Wissenschaft dazu da, überprüft und danach angenommen oder verworfen zu werden. Jessl führt aber in seinem Artikel einige Hypothesen nur ganz kurz an, die er schon ohne empirische Überprüfung als "absurd" und damit offenbar gar nicht erst der Überprüfung für wert empfindet. (So wie er das ja oben auch gegenüber unserer Blogbeschreibung tat.) Eine dieser Hypothesen stammt noch dazu von dem verdienten Evolutionären Psychologen Edward O. Wilson persönlich.

So arbeitet aber die Wissenschaft nun einmal nicht. Und schon gar nicht die Soziobiologie. Richard Dawkins schreibt in seiner Neuauflage von "Das egoistische Gen", daß er inzwischen davon überzeugt worden wäre, daß einige Theorien, die er zuvor für zu "verrückt", zu "verstiegen" gehalten hatte, um wahr zu sein, nun doch für wahr halten würde. Und zwar im Zusammenhang mit seiner Behandlung des von Amoz Zahavi in die Wissenschaft eingeführten "Handicap-Prinzips". Konrad Lorenz hinwiederum übte sich daran, jeden Morgen eine seiner "Lieblingshypothesen" zu verwerfen. Das würde geistig frisch halten.

Vielleicht sollte sich Malte Jessl einfach einmal für ein halbes Jahr einmal monatlich in das Doktoranten-Seminar des von ihm schon interviewten (15) Eckart Voland in Gießen setzen. Vielleicht bekommt er dabei dann ein besseres Gefühl dafür, wie man heutzutage sinnvoll in und mit - oder gerne auch gegen - die Soziobiologie oder soziobiologisches Forschen argumentieren kann. Und wie nicht. Auch Abstract-Bände von jährlichen Tagungen der US-amerikanischen "Human Behavior and Evolution Society" (HBES) oder ihres deutschen Ablegers, der "MVE-Liste" (auch einen europäischen Ableger gibt es) könnten hierfür dienlich sein. Welch eine Fülle von zum Teil schrillen und verstiegenen Thesen findet man da jährlich behandelt! Das ist geistig durch und durch erfrischend. Das ist doch das Schöne an dieser Wissenschaft, daß sie noch jung ist und dem Ideenreichtum vielfältigsten Spielraum läßt.

Im Grunde verwundert der Eifer von Malte Jessl. Schließlich hat er als Journalist und Wissenschaftsjournalist doch ansonsten schon manches durchaus Beachtliche veröffentlicht, wie eine Netzsuche ergibt (16 - 21). Wir selbst, so erfahren wir dabei auch, zitierten ihn schon im Jahr 2008 im Zusammenhang mit einer uns sehr wichtigen Thematik (Monogamie und Evolution von Altruismus).
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Literatur 
  1. Geiser, Remigius: Alles nur schnöder Egoismus - die biologischen Grundlagen des menschlichen Soziallebens. In: In Familie und Gesellschaft. (= Bräuche im Salzburger Land. Zeitgeist/Lebenskonzepte/Rituale/Trends/Alternativen. CD-ROM 3) Hrsg. Lucia Luidold und Ulrike Kammerhofer-Aggermann Redaktion: Melanie Lanterdinger. (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde 15) Salzburg 2005; auch auf: http://remigius.org/
  2. Jessl, Malte: Das Gehirn im Doppelpack. Rezension von Hans G. Gassen "Das Gehirn". In: Spektrum der Wissenschaft, 2. 8. 2008 (weitere Artikel und Rezensionen in "Spektrum d.W." und in "Gehirn & Geist", 2008)
  3. Bading, Ingo: Mit Facebook-Demokratie wider die Macht von Lobbygruppen! GA-j!, 15. Oktober 2011
  4. Bading, Ingo: "Generation Giordano" - inmitten einer Wolke aufgewirbelten Staubes. "In erster Linie bin ich Humanist und Menschenfreund. Für mich gibt es keine Völker, sondern nur Menschen." (David Farago) GA-j!, 18. Oktober 2011
  5. Bading, Ingo: "Die Anerkennung biologisch-kultureller Evolution mit allen ihren beobachtbaren Unterschieden gehört zum Wesen des Humanismus." Lichten sich die Staubwolken rund um "Generation Giordano"? GA-j!, 21. Oktober 2011
  6. Gleich, Adah; Navissi, Frank: Wirbel um die Generation Giordano. In: MIZ 4/2011 (Materialien und Informationen zur Zeit) 
  7. Bading, Ingo: Ist Evolutionärer Humanismus "völkischer Humanismus"? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 18.11.2012
  8. Stücker, Harald: Angst vor der Ungleichheit. Auf: Evidenz-basierte Ansichten, 21.1.2012
  9. Gleich, Adah: Woher der Wind weht - Rechtspopulismus in der säkularen Szene. In: diesseits – Das Magazin für weltlichen Humanismus, September 2012 (Editorial) (s.a. Wissenbloggt) [vollständiger Text kann auf Anfrage vom Blogautor zugesandt werden]
  10. Schedel, Gunnar: Aufklärung und Denunziation. In: MIZ 3/2012
  11. Jessl, Malte: Falsche Freunde. Rechte in der säkularen Szene sind selten, aber ein deutliches Zeichen für eine falsche Außenwirkung. In: MIZ 4/2012
  12. Stücker, Harald: Politisch korrekt und moralisch orientierungslos. Auf: Evidenz-basierte Ansichten, 13. 2. 2013; auch auf Freidenker.at, 13.2.2013; auch auf: Humanistischer Pressedienst, 10.6.2013  
  13. Hamilton, William D.: Narrow Roads of Gene Land. Vol. 1. Oxford University Press, Oxford 1996
  14. Jessl, Malte: Das Kreuz mit der Biologie. Diskussion. Humanistischer Pressedienst, Nr. 15885, 10.05.2013
  15. Jessl, Malte: Irrtum Sozialdarwinismus. Charles Darwin zum 200. Geburtstag (5). HR 2 Wissenswert, Freitag, 13.02.2009 (Audio) (pdf
  16. Jessl, Malte: "Im Namen des Islam werden im Iran Frauen hingerichtet" - Shahnaz M., vor 20 Jahren aus dem Iran geflüchtet, kritisiert die Religion aufs Schärfste. In: Frankfurter Rundschau, 4.4.2007
  17. Jessl, Malte: Ernst Haeckel - Darwins Prophet. Charles Darwin zum 200. Geburtstag. HR 2 Wissenswert, 16.02.2009 (Audio)
  18. Jessl, Malte: Der Mann, der uns zum Affen machte. Zum 175. Geburtstag von Ernst Haeckel. In: Spektrum der Wissenschaft, 13.2.2009, Die Welt, 16.2.2009 
  19. Jessl, Malte: Warum die Sprache der Musik universell ist - Ein Stamm in Afrika hörte jetzt erstmals Elvis und die Beatles. In: Die Welt, 23.3.2009, Berliner Morgenpost, 23.03.2009 
  20. Jessl, Malte: Debatte über den Ursprung der Menschenrechte. Veranstaltungsbericht. Humanistischer Pressedienst, Nr. 8193, 11.11.2009
  21. Jessl, Malte: Eine angeknabberte Plastiktüte. 3-Sat, 16.7.2012  

Mittwoch, 24. Februar 2010

Jürgen Elsässer warnt vor "Katholikenhatz"

Man möchte geradezu schmunzeln über den Geheimdienst-kritischen, "linken" Herrn Jürgen Elsässer. Er hat doch wohl nicht seinen verquasteten Herrn Jürgen Habermas etwas gar zu gründlich gelesen? Ist Herr Elsässer etwa genauso angetan vom "lieben", etwas arg totalitär angehauchten Herrn Ratzinger wie unser guter lieber alter Habermas, der allzu oft auch allzu "päpstlich" daherkam, auch wenn er nicht mit Herrn Ratzinger diskutierte?

Stoppt die Katholikenhatz!

schreibt Jürgen Elsässer auf seinem Blog. Da scheint jemand Sorgen zu haben. Irgendwie typisch: Tritt jemand aus einem totalitären System "kritisch" heraus - Schwups! - sucht er schon Anlehnung beim nächsten ... Geht's ohne Totalitarismus nicht? Herr Elsässer? Warum nicht einfach mal mit allen totalitären Systemen und Tendenzen Schluß machen? Einfach mit allen -? Übrigens befindet er sich da offenbar mit dem "linken" Gregor Gysi in guter Gesellschaft (St. gen., 6.10.07).

Montag, 9. November 2009

"... das glücklichste Volk der Welt"

Abb.: Glückliche Menschen
Abb.: Glückliche Menschen

Abb.: Glückliche Menschen
Das waren die Deutschen - vor 20 Jahren. Die damaligen Ereignisse vor, während und nach dem Fall der Mauer werden von einem deutschen Fernsehsender an die erste Stelle von 25 weiteren "emotionalsten Deutschland-Momenten" gestellt (RTL). Zu den emotionalen Momenten vor 20 Jahren gehört unter anderem die Montagsdemonstration in Leipzig am 4. September 1989 (--> ARD).

Zu ihnen gehört der Jubel, in dem die letzten Worte eines früheren, westdeutschen Außenministers untergehen, der den Flüchtlingen in der Prager Botschaft am 30. September 1989 mitteilt, "daß heute ihre Ausreise" ... (unverständliches, --> von allen verstandenes Satzende) (--> ZDF). (Siehe auch die ersten vier Fotos dieses Beitrages.)

Zu ihnen gehört die Montagsdemonstration in Leipzig am 10. Oktober 1989 (--> ZDF). Es gehören dazu viele emotional bewegende Momente auf der riesigen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 (--> Phoenix, in 14 Teilen).

Abb.: Glückliche Menschen
Es gehört dazu, dass die Menschen am 23. Oktober 1989 auf der Montagsdemonstration in Leipzig zum ersten mal nicht nur rufen "Wir sind das Volk!", sondern "Wir sind ein Volk!". (Stud. gen.)

Es gehört dann dazu - nach der "beiläufigen" Verkündung, dass Reisefreiheit herrsche - das erste verzagte, ungläubige Überschreiten der Grenzübergangsstellen. Und der spontane Empfang durch die Westdeutschen. Es gehört dazu der Jubel, der dem Westberliner Regierenden Bürgermeister entgegen schlägt, wo immer er spricht, was immer er den Leuten auf der Straße sagt.

So unter anderem sein berühmtes Wort: "Wir Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt." (--> ARD)
Abb.: Weinen vor Glück
Tage des Glückes, wie sie Gesellschaften selten erleben. Vielleicht zu selten. Aber aus Glück und daraus gewonnenem Selbstvertrauen erwächst die seelische Kraft, mit den allzu oft entmutigenden, bedrückenden Problemen des Alltags und von Krisenzeiten besser fertig werden. Es gibt also viel Grund, dem emotional Wesentlichen dieser Tage auf den Grund zu gehen. Auf diesen kommen von abgedroschene, phrasenhafe Politikerreden am wenigsten.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Holocaust-Leugnung und der "Appell von Blois"

"Protest und noch einmal Protest"

Was gerade noch an anderer Stelle kommentiert wurde (hier und hier), soll auch auf den eigenen Blog gestellt werden. Es ist nämlich sehr auffällig, daß in der ganzen öffentlichen Diskussion um Holocaust-Leugnung und päpstliches Unfehlbarkeits-Denken auf Seiten von Leuten, die päpstlicher als der Papst sein wollen, kein einziges mal an den "Appell von Blois" vom letzten Sommer erinnert wurde, auf den verdienstvollerweise neuerlich durch Adelinde aufmerksam gemacht wird. Er ist ja auch von Seiten des auch sonst sehr schätzenswerten Historiker-Ehepaares Jan und Aleida Assmann, von so prominenten deutschen Historikern wie Heinrich August Winkler oder Gerd Lüdemann unterzeichnet worden. Und er verdiente sicherlich noch eine breitere öffentliche und wissenschaftliche Diskussion, als er sie bisher gefunden hat.

Deshalb hier noch einmal sein Wortlaut (Welt):
Die Geschichte darf kein Sklave der Aktualität sein noch unter dem Diktat konkurrierender Erinnerung geschrieben werden. In einem freien Staat steht es keiner politischen Autorität zu, die historische Wahrheit zu definieren und die Freiheit der Historiker unter der Androhung von Strafen einzuschränken.

Wir rufen alle Historiker auf, ihre Kräfte in ihren jeweiligen Ländern zu sammeln und unseren Strukturen vergleichbar aufzubauen. Jeder soll unverzüglich diesen Appell unterzeichnen, um die Pläne für Gesetze zum historischen Erinnern aufzuhalten.

Die verantwortlichen Politiker - die für den Erhalt der kollektiven Erinnerung eintreten - rufen wir dazu auf, sich bewusst zu machen, nicht durch das Gesetz und für die Vergangenheit staatliche Wahrheiten aufzustellen, deren juristische Anwendung schwerwiegende Folgen für die Historiker und die intellektuelle Freiheit im Allgemeinen haben.

In einer Demokratie ist die Freiheit der Geschichte die Freiheit aller.
Wenn man zu diesem Appell im Netz recherchiert, stößt man sehr bald auf den Kommentar des pensionierten Vorsitzenden Richters Günter Bertram, der schreibt:
Der Appell von Blois ist 100 mal berechtigt!

Unser deutscher § 130 Strafgesetzbuch (Volksverhetzung) besaß Sinn und Legitimation, bis er 1994 mit der Pönalisierung der „Holocaustleugnung“ geschichtspädagogisch instrumentalisiert wurde. Das war zur Bekämpfung wirklicher antijüdischer Hetze unnötig, wie ich in einer Zuschrift an die FAZ vom 19. 08. 08 („Triftige Gründe“) skizziert hatte.

Die nochmalige Ausweitung des Tatbestands durch Novelle vom Frühjahr 2005 raubt der Strafbestimmung jegliche Kontur (von mir dargelegt in der Neuen Juristischen Wochenschrift 2005, 1483: „Der Rechtsstaat und seine Volksverhetzungsnovelle“).

Also müßte das deutsche Strafrecht (insoweit) dringlich zurückgeschnitten werden. Wenn nun aber – ganz im Gegenteil! – ein Rahmenbeschluß (dem m.E. jegliche europarechtliche Ermächtigungsgrundlage fehlt: wo wäre die denn??!) die verfehlte deutsche Bestimmung noch einmal ausweiten und europaweit oktroyieren will, ist Protest und noch einmal Protest das Gebot der Stunde."

Protest und noch einmal Protest ist das Gebot der Stunde.

Dienstag, 4. November 2008

Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!

Für die Einheit von Wissenschaft, Gotterleben und Selbstbehauptung
- Dafür setzten sich Menschen schon vor 4000 Jahren in Mitteleuropa ein

Abb. 1: Wissenschaft, das Erleben des Sternenhimmels und
Verteidigungsbereitschaft - Lebensinhalt seit 4000 Jahren
Im Jahr 2006 wählte der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger in "Gehirn & Geist" (7-8/2006) als Ausgangspunkt eines sehr umfassenden und verantwortungsvollen Raisonnements: "Nehmen wir einmal an, dass die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist ..." - An dieses Raisonnement von Thomas Metzinger, das auch in vielen anderen Teilen sehr wertvoll erscheint, soll im folgenden angeknüpft werden. Welchen sinnvollen anderen Ausgangspunkt sollte es ansonsten auch noch geben können? Doch nicht etwa das inzwischen völlig leblos gewordene Christentum, wie es derzeit noch von vielen hilflosen Machtinteressen gar zu künstlich und durchschaubar propagiert wird? Angesichts also der Alternativlosigkeit des naturalistischen, sprich naturwissenschaftsnahen Weltbildes von heute kommt es vor allem darauf an, den Implikationen dieser naturalistischen Wende in ihrer ganzen Breite nachzugehen und sie nach allen Richtungen hin folgerichtig zu Ende zu denken und dementsprechende Schlussfolgerungen für das gesellschaftliche und politische Handeln zu ziehen.

Oft wird gefürchtet, dass dabei die emanzipatorischen Aspekte und Potentiale des modernen Welt- und Menschenbildes auf der Strecke bleiben könnten. Deshalb könnte es von Bedeutung sein, sich gerade mit diesen Aspekten und Potentialen besonders zu beschäftigen. Denn weltgeschichtlich alte - monotheistische - Machtinteressen fördern gerne das Bramarbasieren auf diesem Gebiet, um der Sachlichkeit und Stringenz der Schlussfolgerungen aus der naturalistischen Wende ausweichen zu können.

Es wird künftig sicherlich darauf ankommen zu lernen, mit jenen Aspekten eines naturalistischen Welt- und Menschenbildes human umzugehen, die von Demagogen und Populisten auch anders interpretiert werden könnten. (Diese Sätze wurden schon geschrieben, bevor Thilo Sarrazin in den Medien Thema wurde.) Es ist dies insbesondere die Aufgabe eines sich gegenwärtig formierenden und weiter entwickelnden naturalistischen Humanismus. - Entlang welcher Argumentationskette werden sich die angedeuteten Problemlagen lösen lassen? Es soll zu dieser Frage im folgenden ein Vorschlag gemacht werden, der natürlich nur andeuten kann und Umrisse zeichnen kann. Natürlich ist dabei sehr grundlegend anzusetzen.

1. Der "Hyperraum" der Möglichkeiten, ein Universum oder biologische Strukturen in diesem zu gestalten, ist nach menschlichen Dimensionen unbegrenzt. Es gibt auf den ersten Blick geradezu unbegrenzte Freiheitsgrade. Und doch ist nach allem, was wir inzwischen gelernt haben, der Hyperraum der Möglichkeiten, durch die in einem Universum bewusstes, menschliches, gesellschaftliches Leben ermöglicht wird, in vielerlei Hinsicht eingeschränkt. Und das gilt auf vielen Ebenen von Komplexität. Es müssen Milliarden "anderer" Universen angenommen werden, um den "Zufallstreffer" unseres Universums erklären zu können. Es müssen Millionen weiterer Planetensysteme vorausgesetzt werden, die dem unserem gleichen, um den "Zufallstreffer" unserer lebensfreundlichen Erde erklären zu können. - Oder hat das alles letztlich doch nicht nur mit Zufall zu tun? Wäre Leben genauso selbstverständlich wie Nichtleben in unserem Weltall, würden wir es sicherlich nicht als so besonders und wertvoll empfinden, als wie lebensbejahende Menschen das schon seit Jahrtausenden empfinden. Auch der Wesenszug des "Prekären", der alles eigentlich Wertvolle im menschlichen Leben umgibt, der Wesenszug des Bedrohten könnte ein Hinweis darauf sein, dass bewusstes Leben einen Grenzfall in diesem Weltall darstellt. Ebenso wie die Existenz des Weltalls überhaupt einen außerordentlichen "Grenzfall" darstellen könnte. Vielleicht kommt dieser Umstand der Natur des Metaphysischen in dieser Welt am nächsten.

2. Bewusstes Leben hat Bedeutung im Gesamtzusammenhang der Dinge. Die Datenlage könnte also nahelegen, dass bewusstes menschliches Leben nicht gerade geringe Bedeutung hat in diesem Universum. Diese Schlussfolgerung scheint durch die Datenlage eher nahegelegt zu werden, als das Gegenteil. Zwar bewegen wir uns hier nicht mehr im Bereich 100-prozentig naturwissenschaftlicher Aussagen, aber im Bereich philosophischer Aussagen, die am wenigsten von allen möglichen der naturwissenschaftlichen Datenlage zu widersprechen scheinen. Es handelt sich jedenfalls um hundert Prozent naturalistische Aussagen.

3. Und überraschenderweise haben nun Menschen, die ihrem Leben übergeordnete Bedeutung, Sinn zusprechen, also religiöse Menschen - zumindest in arbeitsteilig komplexen Gesellschaften - tatsächlich weltweit mehr Kinder, also größeren Fortpflanzungserfolg als Atheisten. Sie leben also implizit eine größere genetisch-demographische Selbstbejahung. Religiöse menschliche Gruppierungen sind langfristig auch stabiler als nichtreligiöse. Und menschliche Religiosität, bzw. kulturell-religiös-philosophische Grundhaltungen sind zudem nachweisbar tief verflochten mit der Verhaltens- und Intelligenz-Genetik des Menschen (man vgl. etwa die Häufung des Serotonin-Transporter-Gens oder eines ADHS-Gens in Ostasien und die dortige damit korrelierende Gestaltung von Kunst, Kultur, Religion und Philosophie). Im schlichten evolutionären Zusammenhang - und das ist eine 100 % naturwissenschaftliche, also naturalistische Aussage - bedeutet (innovationsfähige) menschliches Gotterleben (Religiosität) etwas Grundlegendes, einzigartigen menschlichen Kulturen Evolutionsstabilität Gewährleistendes.

4. Es gibt also Übereinstimmungen, Schnittmengen zwischen einer naturalistischen, metaphischen Ontologie, wie sie sich aus der heutigen Physik unserer Welt ergeben könnte, sowie der naturalistischen "Evolutionären Erkenntnistheorie" und Philosophie, die nach der evolutionären Herkunft und stammesgeschichtlichen Entstehung unseres Erkenntnisvermögens fragen. Übereinstimmungen zwischen dem Sein des Weltalls und des Lebens selbst (so wie wir sie heute erkennen können) und den Überlebensvorteilen im evolutiven Werden des Menschen und dabei dem evolutiven Werden seiner Erkenntnis- und Erlebnis-"Werkzeuge". Wir sind ja selbst aus diesem "Sein" des Weltalls und dabei sowohl seinen Gesetzmäßigkeiten wie seinen in ihm liegenden Freiheitsgraden hervorgegangen.

Die menschliche Natur und "Natur überhaupt" stehen in einem bis in tiefere Details hinein immer tiefer auslotbaren und erforschbaren Zusammenhang. Diese Erkenntnis drängt sich uns zwanglos aus unserem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild her auf. Und sie hat grundlegende Auswirkungen auf die Gestaltung unserer gesellschaftlich-sozialen Wirklichkeit.

Denn der Mensch verhält sich so, wie er sich seine Welt denkt. Denkt er sich seine Welt als ein bloßes Ergebnis von Zufallserscheinungen und deterministischen Abläufen, hält er sich selbst für bedeutungslos und als irrelevant im Gesamtzusammenhang der Dinge. Daraus können große Verantwortungslosigkeit und Resignation folgen.

5. In der Natur spielen, wie die moderne Physik weiß, die Freiheit, der Zufall, die Akausalität eine große Rolle (siehe vor allem Manfred Eigen: "Das Spiel"). Deshalb ist davon auszugehen, dass auch im menschlichen Leben Freiheit, Akausalität eine unhintergehbare Rolle spielen. Die Aussage eines Friedrich Schiller ist mit einem naturalistischen Weltbild zu vereinbaren, der sagte:
"Sehen Sie sich um / In der herrlichen Natur! Auf Freiheit / Ist sie gegründet ..."
(Don Carlos)
Ein Naturwissenschaftler oder naturalistischer Philosoph kann die menschliche Willensfreiheit gar nicht in Zweifel ziehen, wenn er von dem hohen Anteil des Zufalls und der Akausalität in allem Naturgeschehen Kenntnis nimmt, und wenn er davon weiß, daß Naturgesetze den Zufall nur steuern, nicht eliminieren können. Manfred Eigen ist zuszustimmen: "Das Leben ist ein Spiel, in dem nichts festliegt, außer den Regeln." Diese Regeln determinieren unsere Willensfreiheit einmal stärker und einmal schwächer - aber sie können sie nicht eliminieren. Denn dann wäre unser eigentlichstes Menschsein infrage gestellt:

Der Mensch ist das Wesen, welches will. Eben deswegen ist des Menschen nichts so unwürdig, als Gewalt zu erleiden, denn Gewalt hebt ihn auf. Wer sie uns antut, macht uns nichts Geringeres als die Menschheit streitig; wer sie feigerweise erleidet, wirft seine Menschheit hinweg.
So Friedrich Schiller. Und an anderer Stelle: "Wer wird hier leben wollen - ohne Freiheit?" Der Mensch ist also, um mit Schiller zu sprechen, "frei" - - - "und würd' er in Ketten geboren". Diesen Tatbestand gilt es im Rahmen eines naturalistischen, philosophischen Denkens und Handelns noch weitaus expliziter, ja, emphatischer herauszuarbeiten als dass bisher von Seiten oft recht langweilig daherkommender naturalistisch denkender Philosophen und Philosophien herausgearbeitet worden ist.

Schließlich ist es ja auch erst diese Freiheit, die dem Menschen zugleich jene Verantwortung zuspricht, die ihm zugeschrieben werden muss aus der Sicht eines humanen, naturalistischen Welt- und Menschenbildes, wenn die genau aus diesem Menschen- und Weltbild heraus entstehenden gesellschaftlichen Gefahren, Verantwortungslosigkeiten und Dummheiten gebannt werden sollen. Wer lehnt sich gegen Mißbrauch, Dummheit und Gefahren auf, wenn er "sowieso" "alles" von "der" Genetik und von "der" Umwelt determiniert ansieht, wenn sowieso alles nur Produkt des Zufalls ist, wenn es sowieso nicht "Gut" und "Böse" gibt und wenn man sich "schicksalsergeben" in das dreinfügen kann, was einem das Leben vorsetzt?

6. Der Zusammenhang ist ja kaum noch übersehbar: Um der menschlichen Freiheit zu Gut und Böse willen gibt es eben auch zu unendlich ähnlichen - und sehr prekären - Anteilen Gutes und Böses in der Welt. Die ominöse Frage der "Theodizee" läßt sich damit leicht beantworten: das Wesen des metaphysischen Bereiches, des religiösen Bereiches ist die Freiheit. Und Kosmologie, Evolution und Weltgeschichte sind schlicht "nur" Fortschritte im Bewußtsein und im Bewußtwerden von Freiheit - - - also Fortschritte im Bewußtwerden des Wesens des dem Menschen zugänglichen metaphyischen Bereiches, jener Wesenszüge des Wahren, Guten und Schönen, die dem menschlichen Vernunfterkennen nicht zugänglich sind. Die Nähe dieser Gedanken zu philosophischen Ansätzen von Friedrich Hölderlin, G.F.W. Hegel und F. J. Schelling soll gar nicht erst in Abrede gestellt werden. Sie kannten alle Friedrich Schillers "Worte des Glaubens" und "Worte des Wahns", in denen der Freiheitsgedanke als ein metaphysischer erachtet wird und das Ringen des Guten mit dem Bösen als das Grundcharakteristikum des Menschseins selbst bewertet wird, von dem es nach Schiller "Wahn" und geistige Bequemlichkeit wäre zu glauben, dieses außerordentlich prekäre Ringen wäre im menschlichen Leben jemals zu Ende:
...

So lang er glaubt an die Goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen,
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.
Abb. 2: Modernes Weltbild und Gotterleben -
Ist unser Platz im Universum der best geeignete,
um dieses auch zu erforschen?
Daraus folgt mehr oder weniger zwangsläufig: Im weltgeschichtlichen Fortschritt des Menschen im "Bewusstsein der Freiheit" ersetzt der Mensch jeweils geradezu mit Gesetzmäßigkeit älteren, primitiveren "Wahn", Dummheit und Irrtum bloß mit "modernerem" Wahn, mit Dummheit, Ignoranz und Irrtum: Erst dadurch wird ja weltgeschichtlicher Fortschritt möglich bei Wahrung der menschlichen Freiheit zu Dummheit und Unsinn auf jeder neuen Stufe. Falls diese Fähigkeit zu Dummheit und Unsinn auf jeder neuen Stufe verloren gehen würde, würde möglicherweise das Humanum selbst verloren gehen, dessen tiefer Wesenszug unter anderem das "Prekäre", die Gefährdetheit sein könnte. ("Der Mensch, das riskierte Wesen", nannte das einmal I. Eibl-Eibesfeldt.)

7. In dieser Art von Argumentationsrahmen wird die so merkwürdige weltgeschichtliche "Umwertung aller Werte" rückgängig gemacht, die durch den Monotheismus hervorgerufen worden ist, indem in den metapyhsischen Bereich eine tyrannische, befehlende und bestrafende, despotische, männliche "Gott"-Gestalt gesetzt worden ist, um mit dieser monströsen Gestalt groteske Formen von Unfreiheit zu verwirklichen. (Soziobiologisch ausgedrück: Gott als der "dritte Bestrafer" im gesellschaftlichen "Third-party-punishment"-Spiel.) Wie kann so etwas Prekäres wie - - - Liebe befohlen werden? "Du sollst lieben" - ? - Wahrheitssucher wurden aufgrund dieser despotischen, die Freiheit in Frage stellenden Moral zu ihrem vorgeblich eigenen "Besseren" auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Und noch heute glauben sich die Völker der Welt nur vor die Alternative gestellt: tyrannische, Liebe befehlende Gottgestalt ODER Atheismus. - - - "Oder"?

Unglaublich. Hat jemand noch echte Liebe, dem die Liebe - despotisch - befohlen werden muß, und dem zugleich das Geschlechtliche, in dem sie mit der all diesem Phänomen innewohnenden Macht wurzelt, zur verwerflichsten, verdammenswertesten Sünde erklärt wird? Dabei haben viele Völker in allen Teilen der Welt und in allen Phasen der Menschheitsgeschichte immer auch ganz andere religiöse und ethische Gehalte gelebt. "Wer hat die Welt erschaffen?", fragte ein "Papalagi" (ein Europäer) einst eine junge, schöne Samoanerin: "Tangaloa war es", "das Große Sehnen war es" - - - es "erschuf sich selbst".

Dies nicht nur in Worten zu preisen, sondern in Taten zu leben, könnte ein anspruchsvolles Ziel für Einzelmenschen und Gesellschaften sein: das Große Sehnen.

---> Fortsetzung (Teil 2 von "Über diesen Blog")

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

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